Zum letzten Mal…

Am 20. Februar 2008 schrieb ich den ersten Beitrag in diesem Blog „If‘ you’re going to San Francisco – Arndt Peltner berichtet aus den USA“. Die Überschrift lautete „Obama Osama“ und es ging um den Wahlkampf 2008: „Ach wie peinlich…und schon wieder musste sich der Fernsehsender MSNBC öffentlich entschuldigen. In der Sendung „Hardball“ mit Moderator Chris Matthews wurde ein Bild von Osama bin Laden eingespielt, als Matthews über Barack Obama sprach.“ Das war damals ein Skandal!

Das liegt nun zwölfeinhalb Jahre und 3039 Beiträge zurück. Dieser hier ist der 3040te und wohl der letzte Blogbeitrag an dieser Stelle. Es ist Schicht im Schacht. Die redaktionellen Umstrukturierungen und Einsparungen im Pressehaus Nürnberg haben auch zu der Entscheidung geführt, dass die Blogs eingestellt werden. Was nun kommt ist noch nicht klar, aber ich soll wohl auf der nordbayern.de Webseite eine Möglichkeit für Berichte aus den USA erhalten. Genaueres weiß ich auch noch nicht.

Dieser Blog ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen. Ich habe nicht nur von der Politik, der Kultur, den Eigenheiten aus den USA berichtet, wo ich seit 1996 lebe, sondern auch von meinen Reisen nach Mexiko, Afghanistan und Ruanda, aus dem Kongo, Uganda, Burundi, Tschad, Niger, Somaliland, Puntland und Sudan. Es wurde ein Reiseblog der etwas anderen Art, in dem ich von Situationen, Begebenheiten, Menschen und Erfahrungen „on the road“ berichtete. Mal versuchte ich die Sprachlosigkeit auszudrücken, als ich an Orten des Massenmordes in Ruanda stand. Mal berichtete ich vom Leben in der gefährlichsten Stadt der Welt, Ciuadad Juarez. Mal vom Besuch bei einem Rebellenpräsidenten im Osten des Kongos, als vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer standen und wir im Haus vor dem Interview ersteinmal beteten und zu Mittag aßen. Ich hatte die Möglichkeit in diesem Blog über meine Reisen mit der Hilfsorganisation CARE zu schreiben, die ich in Länder begleiten durfte, in die ich sonst nie gekommen wäre. Im Süden des Tschads sass ich in einer kleinen Hütte einer Frau gegenüber, die auf der Flucht aus der Zentralafrikanischen Republik alles verloren hatte, auch ihre Kinder. Die von Gewalt und Vergewaltigung sprach, auf der Flucht und im Lager. Im südlichen Niger wurde mir ein Haus in einem kleinen Dorf angeboten. In Somaliland hatte ein lokaler Journalist wohl mein NZ Blog falsch übersetzt, fortan sollte ich aus Gründen der Sicherheit zeitversetzt bloggen. Interessanterweise hatte der Reporter kein Bild von mir im Internet gefunden und setzte stattdessen eines einer „Anne Peltner“ in seinen Artikel. Auch das sind unvergessene Erlebnisse.

Dann war da diese Geschichte über die weibliche Genitalverstümmelung in Somaliland. Dabei kam ich an meine journalistischen und auch persönlichen Grenzen, denn nichts, aber auch rein gar nichts rechtfertigt diese grundlose Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Ich sass da einer älteren Frau gegenüber, die erzählte, wie sie die Klitoris und die Schamlippen von kleinen Mädchen abschneidet und die Wunde anschließend mit Dornen schließt, während ihre Mutter und ihre Großmutter sie festhalten. Sprachlosigkeit!

Krieg, Hunger, Dürre, Elend, Armut, Gewalt, Tod, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit. All das habe ich zu Genüge auf diesen Reisen erlebt und auch an dieser Stelle hier darüber berichtet. Aber ich fand auch immer wieder faszinierende Geschichten vor Ort. Fussball in Puntland, Hip Hop in Ruanda, mutige Frauen im Sudan, Rückkehrer in Somaliland, die an ihr Land glauben und sich engagieren, wunderbare Musik im Niger.

In einem Flüchtlingslager im somalischen Puntland. Auch darüber schrieb ich im Blog.

Und immer waren da Menschen, mit denen man lachen konnte, die einen aufnahmen, mit denen man Geschichten teilte, die neugierig fragten, die bereitwillig antworteten, mit denen man sich hinsetzte und Tee trank. Das klingt banal, aber für mich wichtig, denn es ging mir nie nur darum, über ein Thema zu berichten. Und da hatte ich hier in diesem Blog die Möglichkeit den erweiterten Blick schweifen zu lassen, denn oftmals waren diese „anderen“ Geschichten in Redaktionen nicht gefragt. Ich erinnere mich noch an die Antwort eines Chefredakteurs eines Radiosenders, der mir nach meiner Rückkehr aus dem Tschad sagte, ja, die Flüchltingskrise im Süden des Landes sei sicherlich ein Thema, aber derzeit sei bei ihnen Afrika nur Ebola. Mehr Platz habe man nicht. Da kamen für mich immer diese Seiten zum Zuge, die mir ermöglichten das niederzuschreiben, was ich erlebt, gesehen, erfahren und auch gespürt habe.

Diese Reiseberichte waren für mich auch eine Abwechslung von meiner Arbeit hier in den USA. Gerade in den letzten Jahren mit Präsident Donald Trump war die US Berichterstattung eine große Herausforderung. Themen, die gab es genug, auch das Interesse daran. Doch selbst ich, der hier schon lange lebt, vergleichen und einordnen kann, der auch Amerikaner geworden ist, selbst für mich wurde es immer schwerer das zu erklären, was hier derzeit passiert.

Ich habe die Leserinnen und Leser dieser Zeilen mit ins Staatsgefängnis von San Quentin genommen, sie begleiteten mich auf meinen Fahrten quer durchs Land, ich habe ausgefallene Musik vorgestellt, versuchte stets den Alltag in einem Land zu beschreiben, das ähnlich, doch auch wieder ganz anders ist. Und das eben aus meiner Perspektive, von einem, der aus Nürnberg in die San Francisco Bay Area zog, drei Jahre bleiben wollte, dann länger blieb, sesshaft wurde und schließlich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Die Sichtweise eines Journalisten, der irgendwie dazwischen hängt, nicht richtig weg und auch nicht richtig angekommen ist. An dieser Stelle Danke an alle, die über die Jahre mitgelesen haben, mir schrieben, mir Rückmeldungen gaben, mir das Gefühl vermittelten, dass das, was ich hier in diesem Blog mache, irgendeine Bedeutung hat. Danke! Von daher, auf bald an anderer Stelle.

Trump, der Goebbels unserer Tage

„He’s sort of like Goebbels. You say the lie long enough, keep repeating it, repeating it, repeating it — it becomes common knowledge.“ So beschrieb Joe Biden in einem Interview mit MSNBC Amtsinhaber Donald Trump. Der versucht ständig Biden als Sozialisten zu brandmarken. Bislang hielt sich der Demokrat zurück, doch nun, nur wenige Tage vor der ersten Fernsehdebatte, holt er aus. „I think people see very clearly the difference between me and Donald Trump. Trump is clearing protests in front of the White House that are peaceful, you know, with the military. This guy is more Castro than Churchill.“

Es gibt kein Halten mehr. Foto: AFP.

Diese Antworten lassen schon erahnen, was am Dienstagabend auf die Fernsehnation zukommen wird. Ein Duell gigantischen Ausmaßes. Hier ein Präsident, der nachweislich in seiner Amtszeit weit über 20,000 Mal gelogen und die Wahrheit verbogen hat. Ein Mann, der keine Kritik verträgt, der andere beschimpft, erniedrigt, verbal fertig macht. Und da ein gealterter Staatsmann, der versuchen wird, einen klaren Kopf zu behalten, sich in der direkten Auseinandersetzung mit Trump nicht auf dessen unsägliches Niveau zu begeben. Biden ist bekannt dafür, dass er leicht in Rage gerät, wenn jemand seine Integrität und seine Familie angreift. Das weiß Donald Trump, darauf wird er setzen, um den einstigen Vize-Präsidenten aus seiner Deckung zu locken.

Joe Biden liegt in den Umfragen vorne. Die Fernsehdebatten sind daher um so wichtiger für Donald Trump, der schon seit Monaten den Demokraten nur als „Sleepy Joe“, als „Sozialisten“, als „fremdgesteuert“ darstellt. Trump liebt den Auftritt vor den Kameras, das Rampenlicht, die Energie im Raum. Das wird am Dienstag anders sein, denn ein Publikum wird es nicht geben. Eine der Fragen, die mit Sicherheit kommen wird, ist die, ob Trump im Falle einer Niederlage diese eingestehen und anschließend eine friedliche Übergabe der Regierungsgeschäfte an den Wahlsieger mittragen würde. Bislang weigert er sich dem zuzustimmen.

Erst am Freitag noch betonte er erneut auf einer Wahlkampfveranstaltung in Virginia, dass er nur verlieren könne, wenn die Demokraten die Wahl manipulieren würden. Und er werde nicht einer „transition“ zustimmen, wenn geschummelt wurde. Also ist klar, Trump wird den Wahlausgang nicht akzeptieren, wenn er denn am 3. November verlieren sollte. Offen ist die Frage, was dann passiert. Ob er schmollend die Gerichte anruft oder ob er seine Basis zum Widerstand auffordert. Auf jeden Fall werden die Vereinigten Staaten von Amerika bei einem Wahlsieg von Joe Biden in eine tiefe Krise gestürzt werden. Am 3. November, das steht fest, ist auch beim günstigsten Wahlausgang das Kapitel Donald Trump noch lange nicht zu Ende geschrieben.

 

Ein seltsames Gefühl… Normalität!

Da schaue ich mir am Montagabend den Wahlkonvent der Demokraten an und auf einmal trifft es mich, das sind normale politische Reden. Vieles davon patriotisch und teils kitschig, aber so sind sie nun mal diese Wahlveranstaltungen. Diesmal findet alles online statt, keine Menschenmassen, kein Getröte und Gejubel, keine fallenden Luftballons. Und dennoch, das ist Amerika, wie ich es kenne.

Im Vergleich dazu, der Lügenbaron, seines Zeichens Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, auf einer Wahlkampftour durch mehrere Swingstates. Er erklärt, dass die Corona Situation in den USA nicht so schlimm sei, man müsse nur nach Neuseeland (!) blicken, dort gebe es einen riesigen Zuwachs an Covid-19 Fällen. Am Montag meinte Trump in Minnesota: „Big surge in New Zealand. It’s terrible. We don’t want that.“ Tatsache ist, nach 102 Corona freien Tagen vermeldete Neuseeland neun neue Fälle.

Bernie Sanders mit seiner wichtigen Rede für Joe Biden.

Da tat es richtig gut am Abend die Reden und Videos der Demokraten zu sehen. Wohlfühlfernsehen in einer verrückten Zeit, in einem ver-rückten Land. Die wichtigsten Reden kamen wohl von Michelle Obama und vor allem von Bernie Sanders. Hatte der sich noch 2016 bei der Unterstützung von Hillary Clinton deutlich zurück gehalten, machte er nun klar, dass es trotz inhaltlicher Differenzen zwischen ihm und Joe Biden nur ein Ziel geben dürfe, die Abwahl von Donald Trump. Sanders erklärte, Trump sei nicht nur eine Gefahr für die amerikanische Demokratie, für die Umwelt, sondern auch für den gesamten Planeten. Vier weitere Trump-Jahre hätten fatale Folgen. Von daher rufe er alle seine Unterstützer auf, das Team Biden/Harris zu wählen.

Bernie Sanders, das betonte er auch, hat in den letzten fünf Jahren die amerikanische Gesellschaft verändert. Die Bewegung, die er angestoßen hat, wurde anfangs als radikal verunglimpft. Doch mittlerweile sind viele dieser Positionen im „Mainstream America“ angekommen. Das sieht man auch an der politischen Plattform von Joe Biden. Bernie Sanders, so sagte er, kann das unterschreiben, was da steht. Der Auftritt von Bernie war mehr als wichtig, denn wie es aussieht, kann eigentlich nur die Linke der Partei den Wahlsieg von Joe Biden noch stoppen. Wenn jetzt im Vorfeld des Wahltages mit unsinnigen und inhaltlichen Debatten und Forderungen begonnen wird, hilft das nur Donald Trump.

Die Mehrheit der Amerikaner ist nicht auf Trump-Kurs. Das war 2016 schon so, das ist auch 2020 noch immer so. Einziges Ziel kann derzeit nur sein, vier weitere Trump Jahre zu verhindern, denn eine zweite Amtszeit hätte weitreichende Folgen für die Demokratie, die amerikanische Gesellschaft, die Medien, die Umwelt, die internationalen Beziehungen, die Rechtssprechung, den bürokratischen Apparat und vieles mehr. Man braucht am 3. November nicht für Joe Biden zu stimmen, wenn man ihn und seine Politik nicht mag. Das kann man laut und deutlich erklären, wenn man sein Kreuzchen hinter Biden/Harris setzt. Aber man muß am 3. November gegen Donald Trump votieren.

Seit nunmehr 34 Jahren darf ich wählen, in Deutschland, seit ein paar Jahren auch in den USA. Noch nie war eine Wahl in dieser Zeit so wichtig. So sehe ich das, denn das, was vier weitere Jahre mit Donald Trump als Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika bringen würden, für die USA und für die internationale Gemeinschaft, kann man nicht einfach mit einem Schulterzucken abtun. Trump würde weiter das Fundament der amerikanischen Gesellschaft und Demokratie unterhöhlen, mit weitreichenden und noch gar nicht abzusehenden Folgen. Nichtwählen ist hier keine Option und keine Alternative. Es geht um zu viel am 3. November.

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Es geht nicht um Qualität

Richard Grenell wurde Botschafter in Berlin, nicht weil er ein guter Diplomat, ein Kenner Deutschlands oder Europas, ein Verteidiger der transatlantischen Partnerschaft war, sondern weil er ein 150prozentiger Unterstützer von Donald Trump ist. Blind, gehorsam, kritiklos, einfach abnickend und lauthals verteidigend, was der Boss im Oval Office vorgibt. Und genauso macht man Karriere in der Trumpschen Welt. Um Vorwissen, Einfühlungsvermögen oder gar eine Ausbildung geht es nicht.

Die Trumpistin Merritt Corrigan arbeitet nicht länger für USAID. Foto: AFP.

Merritt Corrigan ist ein anderes Beispiel. Sie wurde im Frühjahr von Trump bei der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation USAID als Verbindungsperson zum Weißen Haus eingesetzt. Kein Spur davon, dass sie eine Ahnung von Entwicklungs- oder Außenpolitik hat. Corrigan arbeitete zuvor für die republikanische Partei und auch in der amerikanischen Botschaft in Budapest. Da fiel sie auf, dass sie den ungarischen Präsidenten Victor Orban „the shining champion of Western civilization“ nannte. Schon zuvor wetterte sie gegen Feminismus, Flüchtlinge und liberale Werte. Corrigian selbst sieht sich als christliche Kämpferin, die diese Grundhaltung auch an ihren Arbeitsplatz bei USAID mitbrachte. Mit Unterstützung der fundamentalistischen Evangelikalen in den USA trat sie ihren Job an, denn die hatten mit Mike Pence eine „christian warrior“ im Weißen Haus, der fortan die Entwicklungshilfe der USA auf ihren Kurs brachte – gegen Abtreibung, gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften, für christliche Familienwerte.

Doch bei USAID flog Merritt Corrigan nun nach nur wenigen Monaten raus. Immer wieder kämpfte sie gegen Projekte der Behörde an, wie sie es auch in einem Tweet darlegte: „Gay marriage isn’t marriage Men aren’t women US-funded Tunisian LGBT soap operas aren’t America First“. Und weiter „The United States is losing ground in the battle to garner influence through humanitarian aid because we now refuse to help countries who don’t celebrate sexual deviancy. Meanwhile, Russia and China are happy to step in and eat our lunch.“

Ihre Anti-LGBTQ Haltung wurde ihr nun zum Verhängnis. Seit Montag 15 Uhr ist sie nicht länger bei USAID angestellt, verkündete die Entwicklungshilfeorganisation. Doch Corrigan will sich damit nicht abfinden. Sie kündigte für Donnerstag eine Pressekonferenz an, um, wie sie sagt, die anti-christliche Politik und Vorgehensweise von USAID offenzulegen. Sie beschuldigt die Medien und Politiker der Demokraten einer Schmierenkampagne gegen sie. Sie werde sich nicht „radikalen, anti-christlichen Linken“ unterwerfen. Noch hat Donald Trump nicht auf den Rauswurf seiner Frau in der Behörde reagiert, aber das ist nur eine Frage der Zeit, denn verschiedene evangelikale Gruppen im Land fordern Konsequenzen nach dem Rauswurf ihrer Frau bei USAID.

 

Er hat ja immer Recht

Das vielbeachtete Interview von Fox News‘ Chris Wallace mit Donald Trump war mehr als sehenswert. Nicht nur, dass der Journalist Wallace dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika direkt seine Lügen und Falschaussagen vorhielt und dies auch belegen konnte, Wallace war hervorragend vorbereitet. Sondern dieses Interview hatte es auch in sich, um Donald Trump besser verstehen zu können.

Donald Trump wird von Chris Wallace interviewt. Foto: AFP.

Ganz zentral in diesem Gespräch war Donald Trumps einer Satz, als er erneut erklärte, das Virus werde einfach so verschwinden. Warum? „Because I’ve been right probably more than anybody else.“ Dieser eine Satz beschreibt die Trumpsche Präsidentschaft, von Beginn bis zum hoffentlich baldigen Ende, denn er beschreibt damit ganz klar, dass Trump in seiner eigenen, seiner alternativen Realität lebt. Er ist tatsächlich davon überzeugt, dass, was er glaubt, den Tatsachen entspricht. Dass er alles besser weiß, auch das, was Experten ganz anders sehen, wie man in der Corona Krise täglich erkennen muß.

Chris Wallace hat Donald Trump vorgeführt, der merkte zu spät, was da passiert, der Schaden war angerichtet. Denn Trump, der gerne auf seine Fernsehinterviews per Twitter verweist, hat dieses Fox News Interview nicht mit seinen „Followern“ geteilt. Warum ist klar, Trump hatte dieses Gespräch nicht unter Kontrolle, ihm wurden auf der Stelle seine Lügen nachgewiesen. Doch das zählt für ihn nicht, wie man auch an der Aussage erkennen konnte, dass Joe Biden die Polizei in den USA nicht weiter finanzieren wolle. Trump meinte, das sei eine Abmachung zwischen Biden und Bernie Sanders. Wallace erklärte daraufhin, das stimme nicht und konnte das belegen. Trump allerdings tweetete nach dem Interview, dass Biden doch vorhabe „to defund the police“.

Es ist schon unglaublich, dass Trump es schafft in seiner selbst gezimmerten Realität zu leben und dafür auch noch Unterstützer findet, die ihn darin bestätigen, dass diese „Fake World“ existiert, zumindest für ihn. Er glaubt an das, was er sagt. Er ist unfehlbar, hat immer Recht, weiß alles besser: „Because I’ve been right probably more than anybody else.“ Dieser Satz steht wie kein anderer für Donald Trump. Für seinen Erfolg und sein Ende.

Praise the Lord, Halleluja!

Wer gerade nachts in den USA fern sieht und über die Kanäle surft, der wird auf alle Fälle irgendwann auf einen Fernsehprediger oder -predigerin stoßen. Einige Networks sind sogar ganz für das “Wort Gottes” bestimmt. Doch beim genaueren Hinhören wird schnell klar, dass diese “Televangelists”, wie sie in den USA genannt werden, wenig mit den Übertragungen der Gottesdienste am Sonntagmorgen in Deutschland zu tun haben.

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Dr. Gene Scott, legendärer Televangelist in den USA. Er sendete Nacht für Nacht zwischen den 70er und späten 90er Jahren seine religiösen Sendungen. Bekannt wurde er durch seinen exzentrischen Stil, er beschrieb Wandtafeln mit Originaltexten, setzte sich aber auch schon mal stillschweigend und Zigarre rauchend vor die Kamera, bis seine Fernsehgemeinde 1000 weitere Dollar gespendet hatte.

LeAnn Flesher ist Vize-Präsidentin des “American Baptist Seminary of the West”, einem Priesterseminar in Berkeley. Für sie muß man eines in dieser Diskussion um Fernsehprediger beachten: „Ich würde nicht sagen, dass jeder Gottesdienst online den Fernsehpredigern gleichzusetzen ist. Diese “Televangelists” sind etwas eigenes. Viele, die meisten sogar, haben keine Gemeinde, keine Kirche an einem Ort. Sie machen nur Fernsehen.“

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Derzeit wird im amerikanischen Fernsehen öfters das Wunderwasser von Peter Popoff beworben. Popoff wurde 1946 in Ost-Berlin geboren und war schon in den 80er Jahren durch seine Wunderheilungen im Fernsehen berühmt-berüchtigt. Er flog auf wegen Betrugs, doch das stoppte ihn nicht. Popoff ist zurück auf der Mattscheibe und sammelt erneut Spenden ein. Pete Evans arbeitet für die christlichen Organisation Trinity Foundation mit Sitz in Dallas, Texas. Seit vielen Jahren sammelt die Organisation Informationen über das unregulierte Treiben der Televangelists. Die Ergebnisse ihrer Ermittlungen geben sie an den US Kongress genauso weiter, wie an die Medien. Doch selbst, wenn es mehr als offensichtlich ist, dass diese Fernsehpriester nur die Gutgläubigkeit von notleidenden, kranken und nach einem Sinn suchenden Menschen ausnützen, bislang konnte ihnen kein Riegel vorgeschoben werden. Viele von ihnen fliegen weiter in von Gläubigen finanzierten Jets durch die Weltgeschichte:

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Genaue Zahlen gibt es nicht, doch Pete Evans von der Trinity Foundation schätzt, dass die Fernsehprediger zwischen 6 und 9 Milliarden Dollar im Jahr umsetzen. Es sei wie Darwinismus unter den Predigern, der größte Gauner setze sich am Ende durch: „Grundsätzlich müssen alle Televangelists für ihre Sendezeit auf christlichen Sendern bezahlen. In der Prime Time liegt das bei ungefähr $20,000 für jede Stunde. Die Fernsehprediger, die also überleben und erfolgreich sind, sind die, die das meiste Geld aus den Leuten herausbekommen, denn damit wird auch die Sendezeit bezahlt, neben den Jets und den Bentleys, den Aston Martins, den Luxuswagen und so weiter.“ Und LeAnn Flesher ergänzt: „Sie sind nicht dazu da Seelen zu retten, sie verstehen das “Seelenretten” vielmehr ganz anders. Einige eben so: “Bete das Gebet, schick mir Geld”.

Doch es geht nicht nur um Geld, es geht auch um Macht und da sieht Pete Evans einen gefährlichen Schulterschluß: „Es ist eine Ehe, die in der Hölle geschlossen wurde, zwischen der christlichen Rechte und der rechtsaußen Politik, genauer gesagt, der republikanischen Partei. Viele dieser Televangelists unterstützen die Theorie oder besser die These, dass Präsident Trump von Gott gesandt wurde.“ Eine, die sich ganz deutlich zu Donald Trump bekennt, ist Paula White, die von Präsident Donald Trump zur offiziellen Beraterin in Glaubensfragen berufen wurde, ihn schon mehrfach im Weißen Haus besuchte, vor dessen Präsidentschaft mit Geldern ihrer Gläubigen ein Luxusapartment im Trump Tower in New York gekauft hatte und auch auf Trump Veranstaltungen, wie hier im Video zu sehen, auftritt.

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In den Auftritten der Televangelists, der Fernsehprediger, geht es um Wunder, um eine Stütze im Alltag, um die Auslegung von Gottes Wort, dem Allmächtigen, der gerade in der Krise gesucht wird. Im Fall des 83jährigen Kenneth Copeland, der geschätzt ein Vermögen von rund einer halben Milliarde Dollar erpredigt haben soll, geht diese Interpretation dann doch mal ganz seltsame Wege, wie selbst Pete Evans erstaunt erzählt: „Kenneth Copeland stand im April vor der Kamera. Er sprach stundenlang zu den Zuschauern und meinte, Gott werde das Virus verschwinden lassen, ganz schnell. Gott werde eine Hitzewelle schicken, die das Virus verbrennen lassen wird. Einfach weg, und dann zeigt er, wie Gott die Hitzewelle und das Virus einfach fortbläst.“

Sehen kann man das in dem folgenden Video bei Minute 27:08. Klar ist, die Televangelist sind ein fester Bestandteil der amerikanischen Fernsehlandschaft, “big business”, unterhaltsam, aber eben auch unkontrolliert und für manchen labilen und suchenden Zuschauer durchaus gefährlich.

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Wird sich Amerika wirklich ändern?

Manchmal bin ich froh, dass ich kein festangestellter USA Korrespondent bin. Ich kriege ja mit, über was meine Kolleginnen und Kollegen berichten. In diesen Tagen ist das ausschließlich Trump, Trump und nochmal Trump. Und ich kenne das, irgendwann weiß man gar nicht mehr, was man noch schreiben soll. Aber manchmal muß es sein.

„Donald Trump is the first president in my lifetime who does not try to unite the American people—does not even pretend to try. Instead he tries to divide us.“ (James Mattis). Foto: AFP.

Als Donald Trump im November 2016 gewählt wurde, lag ein unglaublicher Wahlkampf hinter uns. Keiner hatte mit so etwas gerechnet, schon gar nicht dem Ausgang der Wahl. Als Trump da im Trump Tower die Rolltreppe runterglitt dachte jeder, auch in der republikanischen Partei, das ist der berühmte gespielte Witz, wie einst bei „Nonstop Nonsens“. Dieter Hallervorden hätte es nicht besser machen können. Trump war unterhaltsam, weil eben so anders im Wahlkampf. Die republikanischen Debatten wurden zu einem witzigen Abendprogramm, man wußte nie, was dieser Kandidat da als nächstes verkünden würde. „Low energy“ Jeb Bush, „Little“ Marco, „Lyin'“ Ted, „Truly weird“ Rand Paul…bis auf Jeb Bush wurden all diese einstigen Gegner zu bereitwilligen, ja, enthusiastischen Unterstützern von Donald Trump.

Dann kam der Wahlabend und überall hieß es, Trump werde sich nun ändern, „präsidial“ werden, das tief gespaltene Land einen. Doch Fehlanzeige, der Präsident hörte nie mit seinem Wahlkampf auf. Er beschimpfte auch weiterhin politische Gegner und Kritiker. Trump wurde nie der Präsident der Vereinigten Staaten, er wurde vielmehr der Kaiser für Trumpistan. Für seine Untergebenenen, seine Jünger, seine Gefolgschaft regierte er fortan. Kritik, meist begründet, manchmal auch unbegründet, nahm er zum Anlass für einen Rundumschlag. Trump machte die Gegner rund.

Daran hat sich bis wenige Monate vor dem erneuten Wahltag nichts geändert. Wer hoffte, dieser Mann würde im höchsten politischen Amt der USA zum Würdenträger werden, der wurde eines besseren belehrt, und das ganz schnell. Einstige Wegbegleiter wendeten sich schließlich ab, sie alle erkannten, dass Trump Politik als Bauchnabelschau betreibt. Nicht mehr und nicht weniger. In seinem Umfeld sind nur noch jene geblieben, die ihm huldigen, so, als ob er der wahrhaftig Auserwählte sei.

Donald Trump ist ein Phänomen, geschaffen in Amerika, gehypt in den Medien und durch ein undemokratisches Wahlsystem bis ins Weiße Haus gekommen. Trump ist auf dem ultimativen Ego-Trip. Ein Immobilienmakler, der trotz etlicher Pleiten und Bankrotterklärungen als Geschäftsmann gefeiert wurde. Er sonnte sich gerne im Rampenlicht, erst in der Schickeria von New York City, dann im Abendprogramm seiner „Reality TV“ Sendung und schließlich als Kandidat für das Präsidentenamt. Man muß sich mal vor Augen führen, dass dieser Mann, der auch als „Slum Landlord“ in New York bekannt war, der „undocumented immigrants“ in seinen Golf-Ressorts arbeiten ließ, der Arbeitnehmer in seinen mehrfachen Bankrotterklärungen ausnutzte und einfach fallen ließ, der eine rassistische Hetze gegen junge Afro-Amerikaner entzündete und die Todesstrafe für sie forderte, für eine Straftat, die sie nicht begangen hatten, der dem ersten gewählten afro-amerikanischen Präsidenten der USA vorwarf, nicht in Amerika geboren zu sein und seine Geburtsurkunde gefälscht zu haben, dass dieser Mann es schaffte durch weitere Lügen bis ins Oval Office zu gelangen.

Das ist Amerika. Das war kein Einzelfall, denn es wird wieder passieren, dass ein Blender, der für eine kleine Wählerschicht das ausspricht, was sie hören wollen, wieder gewählt wird. Das amerikanische Wahlsystem ist überholt, veraltet, versagt vollkommen. Das zeigt sich bei den Kongresswahlen genauso wie bei den Präsidentschaftsswahlen. Gewählte Volksvertreter, die nicht die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben und auch nicht in Wahlen die meisten Stimmen auf sich vereinen konnten, das hat nichts mit einer funktionierenden Demokratie zu tun.

Derzeit wird in den USA viel über eine gesellschaftliche Reform, eine Neuausrichtung Amerikas gesprochen. Das ist wichtig und mehr als notwendig. Doch eine grundlegende Veränderung des Alltags in den USA muß auch über eine Wahlrechtsreform erreicht werden. Die Trump Ära hat gezeigt, dass dieses Land, sich immer weiter von einer funktionierenden Demokratie entfernt. Was dann kommt kann ganz einfach mit dem Wort Gefahr umschrieben werden.

Hallo? Ein Staatsstreich?

Und was ist das nun? „Donald Trumps Strategien für den Staatsstreich“ ist die Kolumne von Sascha Lobo auf Spiegel Online überschrieben. Ich lebe zwar seit 25 Jahren in einem Land, das mir manchmal mehr als fremd erscheint, in dem ich mir oft die Frage nach dem Sinn und der Logik stelle, aber Donald Trump bereitet sicherlich keinen Staatsstreich vor, auch wenn Lobo schreibt, „Die Hinweise liegen offen da, man muss nur wenige, indiziengestützte Vermutungen zusammenfügen.“

Foto: Reuters.

Ich lebe in den USA, nicht in „Trump-Country“. Das wird auch nach dem Wahltag am 3. November so sein und bleiben. Ich denke schon auch, und da stimme ich mit Sascha Lobo überein, dass Donald Trump seine mögliche Niederlage an der Wahlurne nicht eingestehen wird. Er wird das Land weiter spalten und vor den Gerichten lahmlegen. Sein Nachfolger wird kein leichtes Spiel haben. Das ist das Ziel von Donald Trump.

Lobo führt einige „Indizien“ an, die dafür sprechen, dass es diesen großen Plan gibt, wie das „Gerrymandering“, bei dem Wahldistrikte auf feste Mehrheiten zugeschnitten werden. Allerdings unterstellt Lobo da, dass das nur die Republikaner tun würden. Nein, Herr Kolumnist, das geschieht auch von Seiten der Demokraten. Das amerikanische Wahlsystem ist undemokratisch, das habe ich hier an dieser Stelle schon mehrmals dargelegt. Und ja, jede der beiden Großparteien versucht die Macht zu halten, zu stabilisieren, zu betonieren. Die Mehrheit in den USA ist eigentlich liberal eingestellt, das ist auch das Problem der Republikaner, die ihre Felle davon schwimmen sehen. Mit einigen Tricks versuchen sie ihre Macht, gerade in den Swing States zu halten, aber die Frage ist, für wie lange noch. Trump und seine Basis sprechen gerade mal für 25-30 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner. Dabei sind sie laut, mit Nachdruck, bestimmen die Debatte. Und am Ende gehen sie zur Wahl. Geschlossen, wie das auch der evangelikale Wahlblock demonstriert, deshalb auch die Washingtoner Bibel-Aktion von Trump am Montag.

Was Sascha Lobo übersieht ist, dass Hillary Clinton eine Mehrheit 2016 hatte, und dass, obwohl sie die falsche Kandidatin der Demokraten war. Eigentlich hätte da schon Joe Biden kandidieren müssen und sollen, doch er verzichtete, weil er kurz zuvor seinen Sohn verloren hatte. Biden hätte Trump im Wahlkampf vernichtet. Trump spricht auch nicht für die republikanische Partei. Auch da sollte man den Blick auf den Wahlkampf 2016 richten. Damals kandidierten fast 20 Republikaner und sie nahmen sich gegenseitig die Stimmen weg. Trump erzielte in den einzelnen Vorwahlen nie mehr als 50 Prozent, sondern gewann jedesmal mit etwa 30 Prozent. Trump hatte und hat mit seiner Politik und seiner Art keine Mehrheit in der eigenen Partei. Das sage ich nicht einfach so, das kann ich nach vielen Gesprächen mit republikanischen Wählerinnen und Wählern durchau behaupten. Ja, Trump weiß das System zu nutzen, auszunutzen, Parteimitstreiter unter Druck zu setzen, aber er ist weder ein König noch von Gott gesandt, auch wenn er sich selbst so versteht.

Sascha Lobo geht hier einen gefährlichen Weg, in dem er halbgare Verschwörungstheorien verbreitet und sie über ein Medium, wie Spiegel Online auch noch befeuert. Er spricht von den bewaffneten Milizen als Einheitsfront, die nur darauf warten würden, für ihn in den Kampf zu ziehen. Diese Einheitsfront gab es nie und gibt es auch heute noch nicht. Er schreibt vom Ausscheiden eines „eher liberalen Richters unter merkwürdigen Umständen“, läßt allerdings außen vor, dass Anthony Kennedy mit 82 Jahren in den Ruhestand ging und er schon viel früher angekündigt hatte, dass er sich zurückziehen wolle. Und er übersieht, dass der Kongress nicht einfach einem Staatsstreich zusehen würde. Zu sehr wird die amerikanische Verfassung dort als wichtigste Schrift neben der Bibel hochgehalten. Da sind sich Demokraten und Republikaner, zumindest eine deutliche Mehrheit, einig. Was zu einem Staatsstreich fehlt ist, dass Donald Trump auch die Armee hinter sich haben müßte. Und das hat er nicht. Die Streitkräfte der USA schwören auf die Verfassung, nicht auf den Präsidenten.

Donald Trump wird sicherlich nicht einfach abtreten, falls er die Wahlen im November verlieren sollte. Das ist klar, das ist jedem in den USA bewußt, damit wird gerechnet. Er wird sicherlich von manipulierten Stimmabgaben sprechen, Verschwörungstheorien schüren. Die Gefahr ist jedoch kein Staatsstreich, sondern ein nationaler Terrorismus. Das ist die eigentliche Bedrohung, Terrorakte von verblendeten und schwer bewaffneten Einzeltätern oder Kleinstgruppen. Das wird Amerika erschüttern, aber nicht aus den Angeln heben.

Missing in Action, Mister President

Donald Trump hatte sich das Wochenende sicher anders vorgestellt. Mit Vize-Präsident Mike Pence flog er nach Cape Canaveral, Florida, um dort direkt den Start der NASA/SpaceX Weltraummission zu beobachten. Ein historischer Tag für Amerika sollte es werden, schöne Bilder mit Trump und der Rakete und dann wurde daraus so gut wie gar nichts. Denn die 24/7 Nachrichtenkanäle berichteten nur darüber, dass Amerika brennt. Im Lauftext am unteren Ende des Bildschirms wurde auf den geglückten Start verwiesen.

Und diesmal war es nicht nur in den Metropolen New York City, Los Angeles, Seattle und San Francisco, diesmal brannte es und brennt noch immer im ganzen Land. Nach dem Tod von George Floyd in Polizeigewahrsam in Minneapolis eskalierte überall die Lage. Und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist „Missing in Action“. Ein paar Tweets, ein paar Worte, aber damit gießt er nur noch mehr Öl auf den Flächenbrand.

Vier Tweets am Sonntag innerhalb einer Stunde machen das ganz deutlich. Trump hat keine Ahnung, keinen Plan, versteht nicht, was in den USA passiert. Er gratuliert der Nationalgarde für ihr hartes Durchgreifen in Minneapolis, er beschuldigt Demokraten die Lage eskalieren zu lassen, die Medien der falschen Berichterstattung und will fortan die Antifa als terroristische Organisation brandmarken. Damit zeigt er, dass er das grundlegende Problem in den USA nicht nachvollziehen kann.

Was derzeit in Amerika passiert, ist schon lange am Köcheln. George Floyd ist der nicht der erste Schwarze, der unbewaffnet und ohne eine Gefahr darzustellen durch Polizeigewalt stirbt. Die Liste der Namen ist lang. Statistisch betrachtet sterben in den USA zweimal mehr Afro-Amerikaner durch Polizeigewalt als Weiße. Das alleine zeigt schon das Problem auf. Donald Trump spricht von den „Bad Apples“, den Einzelfällen in den Polizeireihen, doch da ist mehr, was getan, verändert, verbessert werden müsste. Die Polizeigewalt gegen Schwarze dürfte eigentlich nur der Anfang für eine grundlegende Aufarbeitung des tief verwurzelten Rassismus in den USA sein.

Doch dazu braucht es Leute, die ihre Hand zum Dialog ausstrecken, die Führungsstärke beweisen, die einfach verstehen was in Amerika passiert. Ein gutes Beispiel ist der Polizeichef im kalifornischen Santa Cruz. Auch dort wurde protestiert, auch dort war die Polizei vor Ort, beobachtete, begleitete. Und dann kam diese Aktion, die der Footballspieler Colin Kaepernick ins Leben rief – „take a knee“, niederknien und an die Polizeigewalt im Land zu erinnern. Mit den Protestierenden kniete auch der Polizeichef nieder, er trug eine Maske in Zeiten der Pandemie, auch das ein Zeichen von Führungsstärke. Mit diesem Kniefall zeigte er, dass er das, was George Floyd in Minneapolis angetan wurde, aufs Schärfste verurteilt. Mit solchen symbolischen Gesten ist ein erster Schritt getan.

Kultur in Corona Zeiten

Alles nicht so einfach, wenn von jetzt auf gleich die Stop Taste gedrückt wird, das öffentliche Leben mit einem kräftigen Ruck angehalten wird. Keine Konzerte, kein Theater, kein Kino, keine Ausstellungen, keine geöffneten Museen. Die Aussichten sind nicht gut. Veranstaltungen, Festivals, Tourneen wurden abgesagt. Eigentlich sollte es ein gutes Jahr werden, ich freute mich hier in Kalifornien gleich auf mehrere Konzerte von Bands aus dem deutschsprachigen Raum: Das Ich, Kraftwerk, KMFDM, Rammstein, The Young Gods, Einstürzende Neubauten. Und wahrscheinlich wären noch ein paar mehr dazu gekommen. Ein Satz mit X, das war nix.

Claire M. Singer ist auf dem Touch „Isolation Exclusive“ Album vertreten.

Kreativität ist in diesen Zeiten von den Kreativen gefragt. Manche wollen abwarten, andere werden aktiv, reagieren gleich, schalten um. Schon kurz nach der Ankündigung, dass Corona alles verändere, kündigte das kleine Independent Label Touch an, eine Online Compilation über Bandcamp zu veröffentlichen: Touch – Isolation Exclusive. Zweimal die Woche wurden seitdem Songs von Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, die man sonst nirgends finden kann.

Und auch andere Musikerinnen und Musiker zogen nach, wie Danielle de Picciotto und Alexander Hacke, die Archivmaterial, Drucke und anderes anboten. Auch Bandcamp selbst hat in den vergangenen Wochen schon mehrmals auf ihren Anteil an Verkäufen verzichtet, um so den auf ihrem Portal vertreteten Künstlerinnen und Künstlern zu helfen.

Es geht um Ideen, wie man in der Krise weiterhin präsent sein und auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Künstlerinnen und Künstler müssen in diesen Tagen zeigen, dass sie nicht nur flexibel sind und auf die Anforderungen schnell reagieren können. Sie müssen vor allem als Geschäftsleute auftreten, neue Verkaufswege erkunden und verfolgen. Und Musikfans können helfen.

Interessant wird das kommende Wochenende. Nach etlichen Online Konzerten, wie das von Corvus Corax auf einem Bauernhof vor Berlin, finden nun Online Festivals statt. Bands wie Subway to Sally, Letzte Instanz und die Erlangener Fiddler’s Green treten beim „Online Musik Festival“ auf. Zeitgleich wird auch das „Dark Stream Festival“ ausgestrahlt, das an Stelle des abgesagten „Wave Gotik Treffens“ in Leipzig organisiert wird. Mit dabei Bands wie Coppelius, Umbra et Imago und Herbst in Peking. Die etwas anderen „Eintrittsgelder“, um mit dabei zu sein, erinnern an Spenden. Gezahlt wird, wieviel man sich leisten kann und will. Es sind keine einfachen Zeiten. Für niemand. Die Kulturschaffenden wurden leider anfangs etwas zu sehr vergessen. Doch sie zeigen, dass Kreativität genau das ist, was nun gefragt ist. Wer kann, sollte hinsehen, zusehen, hinhören und unterstützen.