Die Jugend wirkt aktiv

Olivia Seltzer hat mit 12 Jahren „The Cramm“ gegründet.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg macht es vor. Sie sah sich von der Politik der Älteren nicht mehr repräsentiert und wurde selbst aktiv. Ihr wöchentlicher Schulstreik jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm zog riesige Kreise. Ihr Bild, auf dem sie ihr Schild „Skolstrejk för klimatet“ in der Hand hält ging um die Welt. Anfangs noch alleine, nahm die Bewegung „Friday’s for Future“ schnell Fahrt auf, auch international ausgeweitet. Die Jungen fordern mehr Mitbestimmung, gerade dann, wenn es um ihre Zukunft geht.

Die Schwedin und Klimaaktivistin ist wohl die bekannteste Vertreterin der sogenannten Gen-Z, der Generation Z. Doch schon vor Greta wurde Olivia Seltzer aus Santa Barbara aktiv. Sie begann als 12jährige nach dem US Präsidentschaftswahlkampf 2016 eine Nachrichtenplattform für Gleichaltrige aufzubauen. Ich konnte mit ihr über ihr Projekt „The Cramm“ sprechen:

     

„On the air“ in Amerika

Seit über 23 Jahren bin ich nun „on the air“ in den USA. Angefangen hat alles auf KUSF 90.3 fm, dem einstigen College Radio mit UKW Frequenz der University of San Francisco. Doch die Jesuiten Uni-Leitung brauchte Geld und verkaufte 2011 für mehrere Millionen Dollar die 90.3 Frequenz an ein nicht-kommerzielles Klassikradio-Network aus Südkalifornien. Schon damals deutete sich an, dass KUSF nicht der einzige Collegesender in den USA bleiben würde, dessen Frequenz verhökert werden oder der ganz verschwinden würde. Weitere folgten, Collegeradio, einst ein wichtiger Part und Trendsetter in der amerikanischen Rundfunklandschaft, wurde immer mehr beschnitten.

Heute las ich von KMSM, dem Uniradio in Butte, Montana, auf dem auch mehrere Jahre meine Sendung „Radio Goethe“ ausgestrahlt wurde. Nach 45 Jahren „on the air“ wird der Sender abgewickelt. Studierende der Montana Tech Hochschule erklärten in einer Umfrage, dass sie kein großes Interesse an der Station hätten. Die Uni-Leitung nahm das zum Anlass den Stecker zu ziehen. Doch sie hat schlichtweg übersehen, dass dieser Collegesender eine wichtige Community Station ist, dessen Hörerschaft weit über den Campus hinausreicht. So war es auch bei KUSF in San Francisco. Der Sender war über die Jahrzehnte eine gewachsene College Station, die auf der einen Seite Bands wie Metallica, Nirvana, Faust unterstützten und förderten und auf der anderen Seite Stimmen in der San Francisco Bay Ara on air brachte, die woanders nicht zu hören waren. Es gab 16 fremdsprachige Programme, von den Armeniern bis zu den Finnen, dazu Kultursendungen, die einzigartig waren. All das verschwand aus der Medienlandschaft San Franciscos als die Jesuitenführung der USF einen schnellen „Buck“ machen wollte.

Collegeradio ist sicherlich nicht mehr das, was es einmal war. Die Streaming Dienste, das Online Hören, der Zugang zu Musik, ja, die Wertschätzung der Musik, all das hat über die letzten Jahre die Hörgewohnheiten dramatisch verändert. Und dennoch, es gibt sie noch diese Oasen im Hörfunk. Das konnte ich am Mittwochmorgen wieder feststellen, als ich meine erste Nachtsendung auf KKUP in San Jose moderierte. Die Musikwahl war…sagen wir eklektisch. Etliche der Musiker und Bands veröffentlichen nur auf Vinyl und das in einer Auflage von 50+. Doch auch, wenn das keine Massenware, keine hitverdächtigen Charterfolge sind, so gibt es doch unzählige von Hörerinnen und Hörern, die genau diese Art von Musik entdecken wollen. Selbst ein Klaus Schulze, einer der wohl wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik, der weltweit seine Fans und Bewunderer hat, ist im „normalen“ Radio kaum zu hören.

In Sendungen, wie dieser, die ich nun monatlich auf KKUP moderieren werde, wird genau für solche Musikerinnen, Musiker und Gruppen Platz zur Verfügung gestellt. Ich weiss, damit erreiche ich nur jene wenigen, die entweder in der Bay Area nachts nicht schlafen können oder die morgens in Deutschland online keinen Dudelfunk mit den ewig gleichen Songs hören wollen. Aber gerade deshalb gibt es Sender wie KKUP, die „non-commercial“ sind, die Musik und Stimmen „on air“ haben, die man woanders nicht hören kann. Musik, die anders ist, den klanglichen Horizont erweitert, die herausfordernd sein kann, die herkömmliche Hörgrenzen versetzt. Das ist für mich eine Bereicherung, zu wissen, dass es da noch immer solche Stationen gibt, die diese Art von Sendungen möglich machen. Ja, die mir ermöglichen Musik zu teilen, die mich bewegt.

Klar, es gibt solche Stationen nicht nur in den USA. Auch in Deutschland sind zahlreiche offene Kanäle, Uniradios und auch Sender, wie max neo oder auch Radio Z in Nürnberg zu finden. Sie bereichern die Radiolandschaft durch eine andere Musikauswahl, durch andere Sichtweisen und Blickwinkel. Auch wenn manche das als Minderheitenradio abfällig abtun, das, was man da hören kann ist dennoch ein Ausdruck der Vielfalt einer Gesellschaft. Von daher gilt es, diese Radiooasen zu schützen und auch zu unterstützen.

Es ist nicht alles Trump

2019 habe ich viel über Donald Trump geschrieben. Wahrscheinlich zu viel. Oft genug wurde ich gefragt, warum schreibst Du ständig über den? Man kommt als Korrespondent in den USA nicht um Trump herum. Das steht fest. Doch ich habe im vergangenen Jahr über viel mehr berichtet als nur über den „Tweeter in Chief“.

Vor genau einem Jahr lief meine Lange Nacht über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco. An der Dreistundensendung „Aufbruch in ein neues Leben“ habe ich lange gearbeitet und konnte Aufnahmen der letzten 20 Jahre neu verarbeiten. Im Januar folgten dann zwei Musikgeschichten, eine über die Musik App von Neil Young, die andere über die Digitalisierung von Schellack Platten. Musik begleitet mich immer und ich bin froh darüber, dass ich da manchmal wunderbare Musik finden und vorstellen kann.

Im Februar jährte sich dann zum 50. Mal das legendäre Konzert von Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin. Und San Quentin habe ich über die Jahre bei zahlreichen Besuchen mehr als gut kennengelernt. Mehrmals stand ich genau in jenem Speisesaal, wo Cash im Februar 1969 spielte. Und dort im ältesten Knast von Kalifornien sind auch Hexen im Einsatz. Es herrscht Religionsfreiheit, von daher bekommen Anhänger von Wicca regelmäßig Besuch von Hexen. Sowieso ist die San Francisco Bay Area ein Zentrum des Wicca Glaubens. Auch darüber berichtete ich in einem längerem Beitrag.

Eines meiner größeren Features in diesem Jahr war „Patriotismus made in USA“, der Kampf um den „American Dream“. Das war für mich auch ein persönliches Thema, denn seit 23 Jahren lebe ich in den USA, habe die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und hänge dennoch irgendwie zwischen den Kulturen und Sprachen. Auf der einen Seite wird man als Immigrant Willkommen geheißen, auf der anderen Seite hat sich das Klima gegenüber Fremden grundlegend verändert.

Mit CARE war ich im Sudan unterwegs. Ein Land voller Geschichten, die erzählt werden wollen.

Ich berichtete auch über den Roadtrip von Michel Foucault ins Death Valley, über die John Coltrane Church in San Francisco, die veränderte Museumslandschaft in den USA, ging der Frage nach, wie die Cola koscher wurde, besuchte den spirituellen Ort Ojai in Südkalifornien, sprach über die Rolle der Deutschen vor und während der Völkermorde an den Armeniern am Anfang und in Ruanda am Ende des 20. Jahrhunderts. In Kalifornien ließ der Gouverneur Gavin Newsom die Hinrichtungskammer abbauen und setzte alle Todesurteile aus, darüber redete ich mit dem Schauspieler und Anti-Death Penalty Aktivisten Mike Farrell.

Musik war auch in diesem Jahr immer ein wichtiger Part meiner Arbeit. Da ging es um die Wiederveröffentlichung einer Platte von „Gastarbeitern“. Grup Doğuş hatte in den 1970er Jahren einen mitreißenden Beat. Das Folkways Label brachte dann noch eine umfangreiche Box über die Musik aus Bulgarien heraus, auch die konnte ich besprechen. Und ich durfte mit einer Sendungsreihe Teil des Deutschlandjahres in den USA sein, das vom Auswärtigen Amt ausgerufen worden war. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ produzierte ich sechs musikalische Themensendungen die Deutschland und die USA verbinden.

Am intensivsten waren aber wohl meine Reisen nach Somaliland, in den Niger und in den Sudan, alles in einem Zeitraum von vier Wochen. Es ging um Musik, um Hoffnung, um den Blick nach vorne, ohne die eigene Geschichte zu vergessen. Gerade die Rolle der Frauen während und nach der Revolution im Sudan beeindruckte mich zutiefst. Ohne sie wäre der Regimewechsel wohl nicht möglich gewesen.

Eine lange doch unvollständige Liste von Themen, die ich in diesem Jahr bearbeiten konnte. Das alles war nur ein Teil der Arbeit eines freien Korrespondenten. Und doch, sie zeigt, wie vielseitig, spannend, interessant diese Arbeit sein kann. Ich lerne Leute kennen, darf Fragen stellen und bekomme meistens Antworten darauf. Sehe Orte, an die ich sonst nie kommen würde. Und wie gesagt, es ist nicht alles Trump in diesen Zeiten. Die Welt um mich herum birgt so viele wunderbare, faszinierende und erlebnsreiche Geschichten. Die sollten nicht übersehen und überhört werden. Auch und gerade im Trump-Zeitalter.

Bowling for democracy

Michael Moore meint, Donald Trump werde wiedergewählt. Zumindest wenn die Wahl jetzt oder am kommenden Dienstag wäre. Das ist keine Panikmache, Michael Moore kennt den Mittleren Westen ziemlich gut, man erinnere sich an seinen Film „Roger & Me“ über die Bankrotterklärung von General Motors in Flint, Michigan. Moore ist in diesem Teil der USA zu Hause und weiß, dass die Stimmung dort nach wie vor „Pro-Trump“ ist. Seine Basis ist in den vergangenen Jahren keinen Inch von ihm abgewichen. Mit Michigan und Wisconsin liegen da gleich zwei Bundesstaaten, die als „Swing States“ mehr als wichtig für den Wahlsieg eines Präsidentschaftsanwärters sind. Beides Staaten, die Trump 2016 gewonnen hat, weil Hillary Clinton sie als sicher in ihrer Westentasche vermutete.

Donald Trump könnte erneut gewinnen, sagt Michael Moore. Foto: AFP.

Der Filmemacher und Oscarpreisträger sagt aber auch, dass der oder die HerausforderIn von Trump höchstwahrscheinlich mehrere Millionen Wählerstimmen mehr als Trump erhalten werde und doch am Ende verlieren könnte. Das amerikanische Wahlsystem ist einfach nicht mehr zeitgemäß und somit undemokratisch. Denn hier gewinnt nicht derjenige, der die meisten Stimmen bekommt, sondern derjenige, der mit politischem Kalkül mehr Wahlmänner auf sich vereinen kann. Das war so bei Trump gegen Hillary und auch so bei Bush gegen Gore und es wird wieder passieren. In den wenigen Swing States werden heute die Wahlen entschieden, was bedeutet, dass die Bürgerinnen und Bürger in Wisconsin weit mehr zu sagen haben als die Wählerinnen und Wähler in Kalifornien. Demokratie „made in USA“.

Die Demokraten haben ein Problem. Zum einen müssen sie sich endlich auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin einigen, dann die Parteireihen hinter genau dieser Person schließen und gemeinsam in den Kampf gegen Donald Trump gehen. Der ist bekannt dafür, dass er gerne einfach mit Lügen und Falschaussagen, mit Halbwahrheiten und verdrehten Fakten seine Gegner aus dem Konzept bringen kann. Trump weiß, er muss in den Swing States punkten, denn Amerika ist eigentlich nicht Trump-Country. Hinter dem Präsidenten steckt weder das amerikanische Volk, wie er und seine FoxNews Schreihälse dennoch gerne betonen und auch keine Mehrheit, wie das gerne fälschlicherweise in der deutschen Berichterstattung genannt wird. Trump ist vielmehr ein geschickter Wahlkämpfer, der strategisch vorgeht, sich gerne auf Massenveranstaltungen feiern läßt und so das Bild verbreitet, dass ihm die Massen zujubeln. Doch der Donald ist eigentlich nur ein Blender, der für sich einen Weg in diesem veralteten Wahlsystem gefunden hat, am Ende als „Sieger“ dazustehen. Er ist und könnte wohl auch weiterhin ein Minderheitenpräsident mit großen Folgen für die USA und die Welt sein. Es sei denn, die Demokraten kriegen endlich die Kurve und konzentrieren sich auf das, was einzig und allein wichtig ist – die Abwahl von Donald Trump.

Aufruhr bei den Fundamentalisten

Ein Kommentar in einem christlichen Magazin schlägt derzeit hohe Wellen, wie ich an dieser Stelle schon vor ein paar Tagen berichtete. Auf den Autor des Beitrags, dem Chefredakteur von „Christianity Today“, Mark Galli, prügeln nun alle namhaften Führer der Christlichen Rechte in den USA ein und betonen, er spreche nicht für die evangelikale Bewegung in den USA. Galli hatte geschrieben, Trump dürfe für sein Fehlverhalten nicht länger von Christen unterstützt werden. Er beklagte den mangelnden moralischen Charakter von Trump und betonte, der Präsident solle des Amtes enthoben werden aufgrund der “Loyalität gegenüber dem Schöpfer und den zehn Geboten”. Sicherlich steht die Mehrheit der Fundamentalisten nach wie vor hinter Trump, klar wird jedoch auch, dass es einen deutlichen Bruch in den Reihen der Christlichen Rechte gibt.

James Dobson predigt seine Unterstützung für Präsident Trump von der Kanzel. Foto: AFP.

Nun mischt sich auch noch James Dobson in diese Debatte ein. Dobson gilt als einer der einflussreichsten Evangelikalen in den USA, der mit seiner „Family Talk“ Radiosendung Millionen von Hörerinnen und Hörer erreicht. Dobson erklärt: „Vielleicht will das Magazin ja einen Präsidenten, der vehement für Abtreibung ist, gegen die Familie, feindlich gegenüber dem Militär, unparteiisch gegenüber Israel, der eine sozialistische Regierung unterstützt, Zwangsbesteuerung möchte, der die freie Schulwahl ablehnt, Männer in Frauensportarten und Jungs in den Umkleideräumen von Mädchen möchte, der die gesamte LGBTQ Agenda unterstützt, der die Rechte von Eltern ablehnt und der Evangelikalen und jedem misstraut, der nicht politisch korrekt ist.“

Das sind die Worte von James Dobson, die klarmachen, was von einem Präsidenten erwartet wird, von ihrem Präsidenten Donald Trump. Der Leiter des christlichen Fernsehnetworks TBN, John B. Casoria, sieht das ähnlich: „Tatsache ist, dass eine absolute Mehrheit der evangelikalen Christen Trump unterstützt, ungeachtet seines vergangenen falschen moralischen Kompasses und seiner Lebensentscheidungen. Er hat aber unerschütterlich eine jüdisch-christliche Weltsicht unterstützt, die nicht nur für unsere Glaubensgemeinschaft lebenswichtig ist, sondern auch für „one nation under god“. Trumps Unterstützung geht weit über das Recht auf Leben, Religionsfreiheit, das Grundrecht auf Waffenbesitz, die Ernennung von Richtern, die sich an die Grundsicht der Verfassung halten hinaus. Er setzt sich auch für die Grundprinzipien ein, die Amerika groß gemacht haben – darunter den Kapitalismus des freien Marktes, niedrige Steuern und eine Regierung, die nicht von einer destruktiven sozialistischen Agenda belastet wird.“

Deutliche Worte, die jedoch genau beschreiben, für was Donald Trump und was bei der Wahl 2020 auf dem Spiel steht. Trump ist für die Evangelikalen von Gott gesandt, der Schulterschluss steht, doch der Bruch innerhalb der Bewegung ist zu erkennen. Auch so kann man die sehr deutlichen Worte und die heftige Reaktion der führenden Evangelikalen lesen.

Der lange Tag des Donald Trump

Wenn man sich die Bilder der amerikanischen Präsidenten im Verlauf ihrer Amtszeiten ansieht, dann kann man deutlich erkennen, wie sie altern, graue Haare bekommen, ausgemergelter erscheinen, wie ihnen der Job im Oval Office nahe geht. Das ist verständlich, denn der Tag ist gut durchorganisiert und fängt schon früh an und endet meist spät am Abend. Oftmals werden sie mitten in der Nacht geweckt, da irgendwo auf der Welt eine Krise entsteht, die irgendwie Amerika betrifft. Barack Obama war dazu ein Frühaufsteher, der schon in den Morgenstunden im Gym war, um fit zu bleiben.

Foto: AFP.

Anders ist da der Tag von Donald Trump. Er ist erklärter Gegner von sogenannten „Security Briefings“ seiner Geheim- und Informationsdienste. Er hört nicht so gerne zu, liest auch nicht unbedingt die Berichte und Unterlagen, die ihm vorgelegt werden. Donald Trump verbringt vielmehr seine Zeit damit fern zu sehen, er gilt als Stammzuschauer von „Fox & Friends“ am Morgen, viele der Berichte und Interviews, die dort ausgestrahlt werden, landen kurz danach im Twitter Feed des Präsidenten. Bekannt ist mittlerweile, wer ein Problem hat und damit bei Trump Gehör finden will, der muss Gast in dieser Morning Show werden. Dazu liest Trump noch seltsame Verschwörungstheorien, hört Leuten zu, die man eher in die Kategorie „Laberkopf“ stecken könnte und bildet sich daraus seine Meinung.

Das alles kann man gut daran absehen, was Trump alltäglich auf Twitter postet. Wenn er das wirklich alles sieht und liest, was er da teilt, dann verbringt der Präsident der Vereinigten Staaten einen Großteil seiner Zeit jeden Tag damit, Unsinniges zu konsumieren und es danach via Twitter zu verbreiten. Alleine gestern tweetete der „Tweeter in Chief“ 18mal, darunter Videos, Artikel und Lobpreisungen anderer. Vor allem seine Lieblingsmedien, FoxNews, OAN (One America News), Breitbart und dubiose Rechtsaußenmedien werden von ihm „geliked“ und geteilt. Sowieso ist auffällig, dass Trump in jüngster Zeit wieder mehr die Nähe, ja, den Schulterschluss mit seinem Politarchitekten Steve Bannon sucht. Das läßt nichts Gutes erwarten, denn Trump baut gerade sein Wahlkampfteam 2020 auf und wie es aussieht wird es eine breite Front an Verschwörungstheorien, falschen Fakten und Ungereimtheiten geben. Der deutlich radikalere Rechtsruck ist dabei nicht zu übersehen.

Da waren es nur noch 15

Da war die Stimmung im Kamala Harris Lager noch gut.

Nun also doch. Vor ein paar Wochen hatte ich schon geschrieben „Kamala Harris solte aufgeben“, anscheinend hat es mit der Übersetzung etwas gedauert. Nun hat die US Senatorin von Kalifornien aufgegeben. Sie ist die dritte PräsidentschaftskandidatIn, die in den letzten Tagen aus dem Rennen um die Kandidatur ihrer Partei ausgestiegen ist. Zuvor schon hatten Montanas Gouverneur Steve Bullock und der frühere Kongressabgeordnete Joe Sestak die Reissleinen gezogen.

Kamala Harris war mit viel Aufmerksamkeit gestartet. Vor 22.000 Anhängern verkündete sie im Januar in Oakland, dass sie Präsidentin werden will. Es war ein Auftakt nach Maß. Dutzende von Medienvertretern, Live-Fernsehberichte und eine mitreißende Kandidatin ließen hoffen. Doch in den Wochen darauf verkündeten mehr und mehr Kandidaten und Kandidatinnen ihre Absicht Donald Trump aus dem Weißen Haus zu werfen. Kamala Harris ging mit ihrer Message und ihrem Charisma im weiten Anwärterfeld schlichtweg unter. In all den Monaten konnte sie nicht zum Spitzentrio aufschließen, weder auf nationaler Ebene noch in einigen der frühen Vorwahlstaaten.

Nun ist sie draußen, in einer Erklärung hieß es, sie habe nicht genug Geld in ihrer Wahlkampfkasse, um weiter zu machen. Das ist mehr als schade, denn Harris, eine Vertraute von Barack Obama, hätte die Reihen der Demokraten einen können. Unter anderen Umständen wäre sie die richtige Kandidatin gewesen, aber die Demokraten schwächen sich gerade selbst mit einer Armee von Überegos, die alle glauben, Donald Trump besiegen und das Land wieder zusammenführen zu können. 15 Frauen und Männer der Demokraten sind es nun noch immer, die ins Oval Office wollen. Man kann nun gespannt darauf sein, was Harris mit ihrer neuen Rolle anfangen wird. Zumindest wird sie im US Senat wieder als lautstarke Kritikerin dieses Präsidenten in Erscheinung treten.

In welchen Zeiten leben wir eigentlich?

Er ist mehr als umstritten, doch nach wie vor von seinen Wählerinnen und Wählern geliebt – Donald Trump. Foto: Reuters.

Ich lebe hier in Oakland, in der San Francisco Bay Area auf einer politischen Insel. Republikaner muss man suchen, bei mir um die Ecke wohnt jemand, der hat einen NRA Aufkleber auf seinem SUV. Das fällt auf, sowas gibt es hier selten. Donald Trump hat bei seinem Wahlsieg 2016 nur ein paar Prozente in Oakland erhalten. In Berkeley lag er mit drei Prozent noch hinter der Kandidatin der Grünen, Jill Stein. Diese Gegend ist mehr als liberal, progressiv, äußerst Trump feindlich. Bei Wahlen kandidiert kaum einer auf dem republikanischen Ticket, bei US weiten Wahlen kommt kein Republikaner zu Großveranstaltungen hierher. Donald Trump selbst hat sich hier noch nie blicken lassen.

Immer wieder werde ich gefragt, wie das denn nun 2020 ausgehen wird? Wird Donald Trump wiedergewählt oder schaffen es die Demokraten? Die Antwort ist immer die gleiche, ich weiß es nicht. Bis November 2020 fließt noch viel Wasser den Mississippi runter. Da sind noch viele offene Fragen. Wen werden die Demokraten ins Rennen schicken, wird dieser Kandidat die eigene Partei einen können, wird der Präsident seines Amtes enthoben, haben die Republikaner endlich genug von ihm oder unterstützen sie diesen Präsidenten und seinen Ton auch weiterhin, wird es einen erneuten Krieg geben, welche Skandale werden noch offengelegt?

Für mich ist es nicht leicht einen Überblick über die Stimmung im gesamten Land zu erhalten. Donald Trump hat seine Basis, das zeigt er immer wieder auf seinen Massenveranstaltungen. Die große Frage dabei ist, ob seine Basis in den letzten drei Jahren gewachsen ist. Das ist jedoch zu bezweifeln, auch wenn Trump gerne auf eine hohe Unterstützung in den republikanischen Reihen verweist, auch darauf, dass die amerikanische Wirtschaft boomt und er eigentlich problemlos wiedergewählt werden müsste. Doch Trump ist und bleibt umstritten. Er ist so ganz anders, als alles, was Amerika bislang gesehen und erlebt hat. Trump hat eine alternative Realität erschaffen, die nur schwer zu durchschauen ist, gegen die man auch nur schwer vorgehen kann. Trump ist darin der Alleinherrscher, dessen Wort Gesetz ist. Und seine Anhänger glauben ihm jedes seiner Worte.

Ich versuche tagtäglich konservative und vor allem Trump freundliche Medien zu lesen, zu hören und zu sehen. Allen voran FoxNews und das ist manchmal nur schwer verdaulich, denn hier werden Fakten einfach so weit gedreht, dass etwas ganz anderes daraus entsteht. Trump der Täter wird da zum Opfer. Hannity, Ingraham, Carlson und Co finden da immer Gesprächspartner, die eine Welt der Verschwörungstheorien öffnen. Das sind keine Journalisten, es sind Meinungsmacher, die sich ganz deutlich positionieren und Trumps Basis auf Kurs halten.

Hat das Erfolg? Ja, hat es. Zumindest in den eigenen Wählerreihen. Die Trump Wähler von 2016 werden auch die Trump Wähler von 2020 sein. Die letzte Wahl wurde in einigen Bundesstaaten mit wenigen Stimmen mehr entschieden. Das deutet darauf hin, dass es wieder ein enger Zweikampf werden wird. Die Frage ist also, kann Trump das wiederholen? Er glaubt daran, dass er erneut seine Wähler und noch viele mehr zur Wahlurne bringen wird. Sein Über-Ego lässt da nichts anderes zu. Doch die Stimmung auf der anderen politischen Seite ist ebenfalls so, dass ein Ziel alle Demokraten vereinen könnte – die Abwahl von Donald Trump. Aber jetzt, ein gutes Jahr vor der Wahl, gibt es noch viele wenn und aber und könnte und offene Fragen. Das einzige was man jetzt schon mit Sicherheit sagen kann ist, dass es ein äußerst dreckiger, gemeiner, fieser, brutaler Wahlkampf unter der Gürtellinie und außerhalb jeglicher Fakten werden wird. Ausgang ungewiss.

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“

Das ist mal was Neues. Präsident Donald Trump macht einen Rückzieher und, wie man so schön sagt, zieht den Schwanz ein. Was ist passiert? Der Aufrschrei war dann doch etwas zu groß, gerade auch in den eigenen politischen Reihen. Nicht nur bei den Republikanern im Kongress, sondern eben auch in seiner hörigen Basis, kam es nicht so gut an, dass Trump das nächste G-7 Treffen in einem seine Golfclubs in Florida durchführen wollte.

Es gäbe keinen besseren Ort in den USA, um solch ein „Meeting“ durchzuführen, wurde von Seiten der Trump-Administration heruntergebetet. Einige der FoxNews Trumpisten bliesen ins gleiche Horn. Das ging den „America First“ Jüngern dann doch etwas zu weit, denn immerhin sind wir in der „greatest Nation on earth“, da kann es ja wohl nicht sein, dass man im ganzen Land nur einen Tagungsort hat, der dann auch noch den Namen Trump führt.

Also machte Trump das, was er immer in solchen Fällen macht, er erklärte sich zum Opfer und spinnt noch eine Verschwörungstheorie drum herum. Eigentlich wollte er dem Land nur etwas Gutes tun, ohne davon etwas zu haben, denn der Golfclub sei so ideal und besonders, wie keine andere Einrichtung im großen, weiten Amerika. Doch die bösen Demokraten und die noch böseren Helfershelfer der Demokraten in den Medien hätten mal wieder „verrückt“ gespielt. Nach dem Motto, wie könne ihm nur jemand unterstellen, einen Vorteil aus dem so hervorragenden und einzigartigen, ja, uneigennützigen Angebot zu ziehen.

Was Trump selbstredend nicht erwähnt ist, dass das G-7 Treffen im Juni stattfinden wird, in einem Monat, wo sein oller Golfclub gerade mal zu 30 Prozent ausgebucht ist. Sowieso leiden einige der Trump-Einrichtungen unter dem großen Mundwerk ihres Namensgebers. Da täte so eine internationale Aufmerksamkeit, für ihn eine kostenfreie, für den amerikanischen Steuerzahlen eine immense Werbekampagne mit schönen Bildern durchaus gut. Man denke nur an die folgenden Fotos der Staatsführer an den Wänden, die dort übernachtet hätten. Die „Merkel Suite“, die „Macron Weinbar“, die „Johnson Whiskey Bar“.  Trump will das alles nicht gesehen haben. Nun also der Rückzieher, der kam sicherlich nicht aufgrund einer Einsicht, sondern vielmehr deshalb, weil das Geraune im eigenen Fußvolk zu laut wurde. Es ist Wahlkampf, da kann man sowas schon gar nicht gebrauchen. Punkt. Die Reihen sind wieder geschlossen.

Bring me back to Sudan

Da sitze ich an einem Sonntagmorgen in meinem Büro in Oakland und lese mich durch die Nachrichten der vergangenen Tage. Klar, auch unterwegs warf ich immer mal wieder einen Blick auf verschiedene News Seiten und las auch, was Donald Trump da wieder per Twitter von sich gab. Doch das war irgendwie alles weit weg. Nun bin ich zurück, kein Weg führt mehr drum herum. Wir sind 13 Monate vom Wahltag entfernt und diese 13 Monate werden lang.

Was geht nur in diesem Kopf vor? Foto: Reuters.

Es ist schon faszinierend, wie ein selbstverliebter Präsident eigene Fehler umkehren und sich als Opfer einer Verschwörung darstellen kann. Kräfte im „Deep State“ versuchten ihn zu stoppen, so Trump. Seine Anfrage an den ukrainischen Präsidenten zur Aufnahme von Ermittlungen gegen die Biden Familie sei schließlich seine Pflicht im Kampf gegen Korruption. Das muss man können, Dinge so zu drehen, dass egal was, man immer als Opfer gesehen wird. Und Trump macht das nicht nur für sich, auch seine republikanischen Mitstreiter glauben dieses Tollhausmärchen. Das grenzt schon an eine Bananenrepublik.

Trump malt sich seine eigene Realität, die bekannte „Alternative Reality“, in der nur er recht hat, in der nur das zählt, was er sagt, in dem Fakten nur dann Fakten sind, wenn sie ein Trump-Siegel erhalten. Dass er bei der Wahl 2016 weniger Stimmen als seine Konkurrentin Hillary Clinton erhielt, wurmt ihn noch immer. Und auch, dass Mitt Romney bei der Wahl 2012 mehr Stimmen als er erhielt, kann er nicht abhaben. Beide geht er deshalb nach wie vor an. Und dann sind da eben auch noch diese unsäglichen Geistergeschichten von Verschwörungen, einem „Deep State“, einem langen Arm der Demokraten, einer korrupten Medienlandschaft, die ihm alle nur ans Fell wollen. Donald Trump das Opfer.

Er dreht die Dinge, wie sie gerade kommen und seine Anhänger und weite Teile seiner Partei folgen ihm kommentar- und kritiklos. Das macht die Sache nun gefährlich, denn falls Trump die Wahl verlieren sollte, werden viele in seinem Lager davon überzeugt sein, dass der Wahlausgang manipuliert wurde, dass der „erfolgreichste Präsident aller Zeiten“ (Trump über Trump) um seinen Wahlsieg gebracht wurde. In einem Land, das bis zu den Zähnen bewaffnet ist, sind das keine guten Aussichten, denn von Donald Trump wird man nicht erwarten können, dass er eine Niederlage eingesteht, still und leise aus dem Amt scheidet, Platz macht für seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger. 13 Monate werden sehr lang werden, am Ende wird in den USA nichts mehr so sein wie es einmal war. Über all diesen Irrsinn, die Halbwahrheiten, Vermutungen, Verschwörungen, Verleumdungen und Beleidigungen zu berichten, das steht nun an. Da wünsche ich mir eigentlich, wieder in den Sudan, nach Somaliland oder in den Niger zurückkehren zu können, um über wirkliche, reale Probleme berichten zu können. Goodnight, America!