Zum JahresausKLANG

Diese Jahresenden sind schon seltsam. Man friert oft, man mummelt sich ein, genießt die wenigen Sonnenstrahlen, die es gibt, beginnt über das nachzudenken, was im vergangenen Jahr war, passiert ist. Ein Gefühlsgemenge zwischen „high and low“. Manche freuen sich auf die kommenden Feiertage, für andere ist die stille Zeit nur ein Graus.

Und dann liegt da dieses Klangbuch vor mir. Touch Records, ein experimentelles Label mit Sitz in England und den USA, legt nun zum Jahresende „Touch Movements“ vor, ein Bilderbuch mit Soundtrack. Das klingt zu einfach. Es ist vielmehr ein audio-visuelles Erlebnis, das man in aller Ruhe und mit viel Zeit genießen sollte. Ein Eintauchen in Fotos, die ihre eigenen Geschichten erzählen und dazu einladen, weitergesponnen zu werden. Augenblicke, die das Leben um uns herum liefert. Blicke, die der Betrachter selbst kennt. Erinnerungen, die in einem wach werden.

Dazu „Musik“, die ganz anders ist. Die immer wieder die Frage aufwirft, was Musik eigentlich ist, sein kann, sein sollte. Ein Soundtrack des Alltags. Mal „Field Recordings“, mal Drone Music, mal Orgelmusik, mal Klanglandschaften, mal verspielte Sequencerfolgen. Mal direkt, mal ganz sanft, mal monumental, mal leicht vorbei gestrichen. Touch ist kein Label für die Popkultur. Das wird auf „Movements“ ganz deutlich. Es ist vielmehr ein Klangspiegel der Gesellschaft. Hier hört man hin, was man zu hören glaubt und daraus entsteht Musik. Der Alltag als Orchester, bearbeitet von Soundtüftlern, die hier künstlerisch vorgehen, dort unverfälscht die Welt erklingen lassen. Entstanden ist ein Soundtrack für dieses Fotobuch und viel mehr. Es ist nicht die „Music for the Masses“. Es ist vielmehr diese ganze persönliche Musikerfahrung. Voller Herausforderungen, voller Erinnerungen, voller Gedankengänge. Ein tief bewegendes Klangbild zwischen den Jahren.

Auf dem Geisterschiff durch die Nacht

Am 2. Dezember 2016 brach in einem Lagerhaus in Oakland ein Feuer aus. 36 Menschen starben in dem verheerenden „Ghost Ship Fire“. Das „Geisterschiff“ war nicht einfach nur eine leere Halle, es war ein Künstlerkollektiv, in dem gelebt, gearbeitet und gefeiert wurde. Wie an jenem Freitag, als der als sicher geglaubte Kunstfreiraum zur tödlichen Falle wurde. Die Katastrophe hatte ihre Folgen. Vielen in Oakland wurde auf einmal vor Augen geführt, welchen Balanceakt Künstler und Kulturschaffende in der Stadt und der gesamten Bay Area unternehmen müssen, um solche Freiräume zu finden und zu schaffen. Wenn es sie denn gibt, findet das, was eine Gesellschaft gerade ausmacht und auch auszeichnet – die Kreativität – oftmals in einem gefährlichen Raum statt. weiter lesen

Die Grammys kündigen sich an

84 Kategorien gibt es, um die „besten der Besten“ im Musikbusiness und die bedeutendsten Veröffentlichungen des Jahres auszuzeichnen. Wie immer tummeln sich da die gleichen Verdächtigen, das gehört sich einfach so bei den Grammys. Und klar, der Trumpsche Wahlspruch „America First“ gilt auch hier. Nur selten blicken die Juroren über den amerikanischen Tellerrand. Und keiner soll mir sagen, Amerikaner hören nur US-Mucke. Das ist kurzhörig, denn Amerika ist voller College- und Community Sender, die alle ein Ohr für das haben, was rund um den Globus klingt. Da das allerdings nicht von der Grammy-Jury beachtet wird, hake ich diese Bauchbepinselungsveranstaltung zur besten Sendezeit einfach mal ab.

Unter den Nominierten findet man aber doch ein paar Veröffentlichungen, die man durchaus beachten sollte. Doch die liegen auf der langen Listen auf den hinteren, fast nicht beachteten Bereichen, die in der Glanz- und Glitter-Grammy-Show ganz bestimmt nicht erwähnt werden. Dieses Jahr wurden in der Kategorie 66 „Best Boxed Or Special Limited Edition Package„: Bobo Yeye: Belle Epoque In Upper Volta und in der Kategorie 68 „Best Historical Album“ gleich zwei beeindrucke „Releases“: Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes From The Horn Of Africa und Washington Phillips And His Manzarene Dreams nominiert. Musik aus Obervolta (dem heutigen Burkina Faso), aus Somalia und aus dem tiefen amerikanischen Süden.

Musik, die begeistert und fasziniert, mit der man sich beschäftigen muss, die unglaublich reich an Geschichten ist. Umfassende Begleitbooklets laden in diesen kühleren Tagen richtiggehend zum Mitlesen und Mithören ein. Und es öffnet sich eine ganz neue und weite und endlose Klangwelt hinter dem eigenen Horizont – wenn man denn will. Obervolta gibt es nicht mehr und wurde 1984 in Burkina Faso umbenannt, das Somalia der 1970er Jahre mit seinem Kulturzentrum Mogadischu – vielbeachtet, energiegeladen und offen für viele Einflüsse –  ist zerbombt worden und der Gospelsänger Washington Phillips hat gerade mal 16 Songs für das Columbia Label zwischen 1928-29 aufgenommen. Diese wurden nun mit viel Liebe zum Detail von Dust to Digital neu aufbearbeitet und veröffentlicht. Alle drei Veröffentlichungen, so unterschiedlich sie musikalisch und auch inhaltlich sind, verdienen geehrt zu werden. Alle drei sind ein wahrer, tiefer, bewegender Hörgenuss!

A spin of the world

Während es in den USA, in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine immer stärkere und lautere, doch beengende nationalistische Bewegung gibt, öffnet sich mir eine ganz neue Welt. Gerade sitze ich da und höre das neue und atemberaubende Album der tunesischen Musikerin Emel Mathlouthi. Produziert wurde es von dem isländischen Komponisten und Musiker Valgeir Sigurdsson, dessen Label „Bedroom Community“ eine wahre Insel im rauenden Klangmeer ist.

Und während ich hier zuhöre, lese ich die Mail von SWP-Records, einem kleinen Indie-Label aus den Niederlanden. SWP feiert 30 jährigen Geburtstag und damit ein musikalisches Erbe sondergleichen. Neben vielen eigenen Produktionen hat Labelmacher Michael Baird auch die historischen Feldaufnahmen von Hugh Tracey in seinem Katalog. Baid schafft es mit seinen Veröffentlichungen, die Brücke zwischen diesem wegweisenden Soundpionier, der in Afrika nach den Ursprüngen der Musik suchte, und der Musik von heute zu schlagen. Er selbst spielt einen Mix aus afrikanischen Roots und Jazz. Und immer wieder veröffentlicht er eigene Feldaufnahmen von Reisen ins südliche Afrika.

Auch auf der jüngsten Strassenkreuzer CD des Nürnberger Sozialmagazins lassen sich kulturelle Perlen finden. „Oropa“ nennen Gottfried Rimmele und Musa Karaalioglus ihr Projekt, das offen für die Einflüsse beider Musiker ist. Allein dieses Lied auf der Strassenkreuzer „Dynasty“ zeigt, dass Nürnberg eine Stadt ist, die schon immer ihre Vielfalt und Offenheit feierte. Das geht nicht immer reibungslos, aber es war und ist eine Bereicherung für die Metropolregion, wenn Menschen verschiedenster Herkunft zueinander finden, und sei es nur musikalisch.

Musik verbindet, öffnet Grenzen, schafft ein ganz anderes, ein viel tieferes Bild eines unbekannten Landes und Kulturraums. Was die Kleingeister unserer Zeit, ob gewählt oder auf den Straßen hier in den USA und auch in Deutschland, mit ihrem Abgrenzen, Ausgrenzen und Grenzsicherungen anrichten, ist mehr als fatal. Die Welt hört eben nicht bei Tijuana oder Garmisch Partenkirchen auf. Musik ist eine Weltsprache, die so viel mehr sein kann, als Unterhaltung, Berieselung, Beiwerk. Für mich ist Musik zu einer farbenprächtigen Untermalung meines Alltags geworden, die mir oftmals fremde Länder wie Somalia, Jemen, den Kongo oder auch Mexiko näherbrachte, verständlich machte. Die Welt ist so ein reicher Schatz an Klängen, man muss nur hin- und zuhören.

Folkways rappt die Geschichte

Es ist ein gewaltiges Unterfangen, aber was anderes erwartet man auch nicht von Smithsonian Folkways. Auf 9 CDs und in einem 300 Seiten umfassenden Buch soll die Geschichte des Hip-Hop und Rap nacherzählt werden. Nach den umfangreichen Folk und Jazz Boxen, geht Folkways nun ganz neue Wege. Neben Woody Guthrie, Pete Seeger, Duke Ellington, Louis Armstrong, Weltmusik, Folklore, Bigband, Brass und Dixieland, nun also auch Grandmaster Flash, Queen Latifah, Hip Hop und Rap.

Für dieses Projekt hat eines der bedeutendsten Plattenlabels überhaupt eine Kickstarter Kampagne gestartet. Der Grund, die Kosten und damit der Endpreis sollen so niedrig wie möglich gehalten werden. 250.000 Dollar sind das Startkapital, um diese „Anthology“ zu verwirklichen. Man kann sich nur wundern und fragen, ob diese Vorauskasse der Musikfans nicht auch etwas mit den Kürzungsplänen der Trump Administration zu tun hat, denn der Milliarden Dollar schwere Präsident hatte ja angekündigt im Kulturhaushalt der USA den Rotstift tanzen zu lassen, und das wohl nicht während ein fetter Beat durchs Oval Office wummert. Folkways ist Teil des staatlichen Smithsonian Netzwerkes.

Die Philosophie dieses Plattenlabels drückt es ganz deutlich aus, etwas, was in diesen Tagen im Weißen Haus wohl nicht gerne gelesen wird, aber umso wichtiger für Musikliebhaber wie mich ist: „We are dedicated to supporting cultural diversity and increased understanding among peoples through the documentation, preservation, and dissemination of sound. We believe that musical and cultural diversity contributes to the vitality and quality of life throughout the world. Through the dissemination of audio recordings and educational materials we seek to strengthen people’s engagement with their own cultural heritage and to enhance their awareness and appreciation of the cultural heritage of others.“

Die nun angekündigte „Smithsonian Anthology of Hip-Hop and Rap“ ist ein mehr als unterstützenswertes Projekt. Am Ende werde ich etwas dazu lernen. Musik ist voller Geschichten und die höre ich mir gerne an, auch wenn Hip-Hop eigentlich so gar nicht mein Ding ist. Aber dieses Genre ist Teil der heutigen Kultur, ein wichtiger Soundtrack in den Städten Amerikas. Und Folkways Recordings ist das Label, dass Hip-Hop in den richtigen Rahmen fassen wird.

Es weihnachtet sehr

Es geht auf das Jahresende zu. Das merke ich daran, dass es bei Trader Joe’s wieder Schmidt Lebkuchen gibt und im Briefkasten die neueste Strassenkreuzer Compilation liegt, alljährlich ein Einklang auf die Weihnachtszeit. Nummer 16 ist das nun schon, erneut eine passende Hommage an die Musikszene aus dem Großraum Nürnberg. Es sind nicht die großen, bekannten Namen, die hier auftauchen. Vielmehr gehen die Strassenkreuzer Produzenten in die Breite. Und das ist gut so. Wieder wurde ein bekanntes Plattencover gecovert, diesmal das Rockdisco Album „Dynasty“ von Kiss. Sogar der größte Hit von dieser Platte „I was made for lovin‘ you“, eigenwillig eingespielt von der Thilo Wolf Big Band, ist auf „Strassenkreuzer – Dynasty“ zu finden.

Alljährlich stellt ein Team des Sozialmagazins Strassenkreuzer dieses Benefizalbum zusammen. Die Bands und Musiker darauf stiften ihre Songs für den guten Zweck. Vertrieben wird die CD ganz direkt von den Verkäufern des Strassenkreuzers auf der Straße und kostet etwas mehr als einen Kreuzer, aber das ist gut angelegtes Geld. Zum einen unterstützt man direkt die Verkäufer und das Projekt Strassenkreuzer. Zum anderen erhält man ein wunderbares Klangbild der vielseitigen und vielschichtigen Musikszene aus dem Großraum.

Und es lohnt sich wie immer. #16 hat wunderschöne Musikperlen zu bieten, das reicht von Peggy Reeder über Vincent von Flieger, bis hin zu Oropa und Lena Dobler. Diesmal fallen mir vor allem eher die ruhigeren Töne auf, vielleicht liegt es am Herbst Blues und der kommenden ruhigeren Jahreszeit. Diese Compilation liefert einen Genre übergreifenden Eindruck wie Nürnberg und das Umland klingt. Musik spielt sich nicht nur in den deutschen Weltmetropolen Berlin, Hamburg und München ab, ganz im Gegenteil. Die Strassenkreuzer CD belegt, dass Nürnberg und sein Einzugsbereich musikalisch viel zu bieten hat, es lohnt sich auf Entdeckungsreise zu gehen. Allein die Liste der Unterstützer dieses Songprojektes spricht für sich: Doppelpunkt, Radio Z, Curt Magazin, MUZ, Micropal Records. Nürnberg hat in Sachen Sound was zu bieten, das kann man wieder und wieder auf der Strassenkreuzer CD #16 hören.

 

Ein Kraftwerker packt aus

Eigentlich will Karl Bartos gar nicht mehr groß darüber reden. Immerhin ist er schon seit über 25 Jahren nicht mehr Teil einer der wohl bedeutendsten Gruppen überhaupt. Und doch, alles, was er heute musikalisch und visuell macht, wird mit dem „Output“ seiner einstigen Band verglichen. Kraftwerk wurde für Karl Bartos zum Segen und zum Fluch. Nach 25 Jahren Ausstieg aus der legendären Gruppe legt er nun seine Autobiografie vor, die eine umfangreiche Klangbiografie geworden ist. Eine wahrhafte Spurensuche in der Hörwelt. weiter lesen

Hauruck – Ruckzuck

„KMFDM are doing it again“…in San Francisco.

„KMFDM SUCKS“ schrien Hunderte von Fans am Ende des Konzertes am Sonntagabend in San Francisco. Doch sie waren alles andere als unzufrieden. Ganz im Gegenteil, si feierten eine der in den USA erfolgreichsten „deutschen“ Bands. KMFDM um den Hamburger Sascha Konietzko rockte und brachte den Regency Ballroom, einen klassischen Ballsaal, erbaut 1909, zum Beben. Mit dem rhythmischen Ruf „KMFDM SUCKS“ wurde nach Zugabe verlangt. Und die kam… weiter lesen

Musik für den Herbst

Hier in Oakland ist heute Herbstwetter. Gestern war es noch sonnig und warm, heute hängen dicke Nebelschwaden zwischen den Wipfeln der Eukalyptus und Redwoods. Leicht wiegen sich die Kronen im Wind, die Luft ist feucht. Am Morgen ist noch alles ruhig, die Nebeldecke schluckt den Lärm des Alltags. Beim Morgenkaffee höre ich die neueste Platte der in Freiburg lebenden Patty Moon. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber das spielt hier keine Rolle. weiter lesen

Die unendlichen Weiten von Brain

Es gibt diese visionären Plattenmacher und einzigartigen Labels, die einfach am Puls der Zeit sind. Auch wenn das erst viel später erkannt und wertgeschätzt wird. Günter Körber und Bruno Wendel waren solche Macher, Brain Records das Label dazu. Sie setzten Maßstäbe und veröffentlichten diesen weiten, offenen und international beachteten Sound, der als „Krautrock“ weltweit Erfolge feiern konnte. Was zwischen 1972 und 1979 auf Brain Records passierte, ist nun in einer umfassenden und beeindruckenden 8 CD Box zusammen gefasst worden: „Brain – Cerebral Sounds of Brain Records„. weiter lesen