Es tut sich was in Amerika

In Oakland wird weiter protestiert. Foto: Reuters.

Tausende marschieren in den USA. Tag für Tag. Die Gewerkschaft der „International Longshore and Warehouse“ Arbeiter machte alle Häfen an der Westküste dicht. Unternehmen solidarisieren sich, überdenken ihre eigene Firmengeschichte, ändern Namen von Produkten. Denkmäler von Generälen der Südstaaten, von ehemaligen Sklavenhaltern, von Christoph Columbus und anderen werden gestürzt. An Brücken, Straßenecken, auf vorbeifahrenden Autos, in Küchenfenstern, überall kann man „Black Lives Matter“ lesen. Amerika erlebt eine breite Front, die ein Umdenken und eine tiefe Reform des gesellschaftlichen Lebens fordert.

Während Donald Trump nach Tulsa, Oklahoma, reist, um dort erneut eine Massenveranstaltung abzuhalten, sichtlich sein Bad in der ihm mehr als wohlwollenden Menge genießen wird, sind die USA im Umbruch. Egal wen man in diesen Tagen spricht, keiner hat bislang solch eine breite Koalition gegen den tief verwurzelten Rassismus in den USA gesehen und erlebt.

Als ich vor ein paar Jahren an einem Feature über das „Redlining“ in den USA arbeitete, wußte kaum jemand, mit dem ich sprach, damit etwas anzufangen. „Redlining“, was ist das? Doch dieses „Redlining“ hat Amerika im 20. Jahrhundert geprägt, die weißen Vorstädte, wie die innerstädtischen afro-amerikanischen Problem- und Elendsviertel. „Redlining“ war eine imaginäre Stacheldraht­ziehung in den amerikanischen Städten und Gemeinden. Die Regierung in Washington hatte 1934 durch den sogenannten National Housing Act Nachbarschaften in vier Klassen unterteilt: A, B, C und D. Die höchste davon, A, wurde auf Karten grün eingefärbt und bezeichnete die „besten“ Gebiete: rein weisse Nachbarschaften, erstrebens­wert für die Mittel­klasse. Schon eine einzige nicht weisse Familie in der Gegend drückte den Grad auf B, die Farbe wechselte auf blau und die Bezeichnung auf „immer noch begehrens­wert“. C-Nachbarschaften, in gelber Farbe, wurden als „eindeutig im Niedergang“ bezeichnet. D, in Rot, als „gefährlich“.
Praktisch jede amerikanische Stadt hatte solche eine Klassifizierung. Ganz offiziell festgehalten wurde sie auf Karten, die von der Home Owners’ Loan Corporation erstellt wurden, einer im New Deal geschaffenen staatlichen Agentur zur finanziellen Unterstützung von Hauseigentümern.

Die Zoneneinteilung hatte drastische Folgen, die bis heute nachhallen. Nicht nur, dass eine A-Strasse „weiss“ sein sollte, also ausschliesslich von Weissen bewohnt – die Stadt­teile unterhalb von A wurden auch gezielt benachteiligt. Afro­amerikaner erhielten für den Häuser­kauf in A- oder B-Gegenden keine staatlich geförderten Hypotheken und konnten für Häuser keine Versicherungen abschliessen. Sie wurden somit in C- oder D-Stadt­teile gedrängt: Gebiete, mit gelber oder roter Linie umrahmt, in denen weniger städtebauliche Investitionen getätigt wurden und wo sich kaum Geschäfte ansiedelten.

Bis in die 1970er-Jahre blieb diese Form der geografischen Diskriminierung gängige Praxis. „Redlining“ beförderte über Jahr­zehnte die Ghettoisierung in den amerikanischen Gross­städten und traf vor allem die Afro­amerikanerinnen. Viele Weisse zogen nach dem Zweiten Weltkrieg und mithilfe der GI Bill, einer Förder­massnahme für rück­kehrende Soldaten, weg von den Zentren in die Vorstädte. Kein Wunder, dass die GI Bill auch nur für weisse Armeeangehörige galt. Damit wurde die Rassen­trennung noch einmal zementiert.

„Redlining“ ist heute kein Begriff mehr, mit dem kaum jemand was anfangen kann. Ganz offen wird deshalb auch in den afro-amerikanischen Communities im ganzen Land ein «New Black Deal» eingefordert. Auch eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, wie sie 1994 am Ende des Apartheid-Regimes in Süd Afrika eingerichtet wurde, wird verlangt, um die tiefen Spuren, Narben und Wunden in der amerikanischen Gesellschaft aufzuarbeiten. Nach dem Erkennen des strukturellen Rassismus müssen dann tiefe Veränderungen kommen. Und das alles kommt in einem Wahljahr, in dem der Präsident noch immer davon redet „Make America Great Again“. Auf Amerika warten noch schwierige und schmerzvolle Wochen.

Corona bremst den Kulturaustausch

Die San Francisco Bay Area ist so eine Region, in der man, wenn man denn sucht, viele deutsche Spuren finden kann. San Francisco und auch Oakland wurden von deutschen Einwanderern mitaufgebaut. In der Geschichte am Golden Gate hinterließen die „Germans“ einen tiefen Eindruck.

Ich erinnere mich noch gut an die Schilderungen eines alten Freundes, der bereits 1942 nach San Francisco kam. Er hatte eine aufregende Flucht hinter sich, war vom FBI nach dem japanischen Angriff auf die Militärbasis Pearl Harbor in Costa Rica aufgegriffen und wie viele Tausend weitere Deutsche und Japaner aus Mittel- und Südamerika in die USA gebracht worden. Hier sollte er in ein Internierungslager kommen, konnte aber nachweisen, dass er aus Nazi-Deutschland schon 1938 geflohen war…das ist eine Geschichte für sich, die hier in Oakland beginnt.

Doch zurück zu diesem alten Freund, mit dem ich oft durch San Francisco fuhr. Er deutete immer wieder auf Häuser und Straßenecken, da sei ein deutscher Metzger gewesen, dort ein Tischler, da ein Bäcker, dort ein Automechaniker. Mit Hans die Straßen von San Francisco zu befahren, war eine historische Rundfahrt der besonderen Art. Er erzählte von den vielen Festen, die gefeiert wurden, von den Empfängen in der „California Hall“ auf Polk Street.

Davon ist nicht viel übrig geblieben, das alte „deutsche“ San Francisco ist längst verblasst. Dennoch waren die Deutschen nie weg, neue Immigranten kamen und bauten hier das auf, was sie machen wollten, lebten ihren „American Dream“. Etliche deutsche Restaurants kann man finden, noch. Denn die „Suppenküche“ in Hayes Valley ist in Schwierigkeiten, deutsche Gemütlichkeit, Bierhallenatmosphäre und das lange Sitzen an Tischen ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Das „Walzwerk“, ein ostdeutsches Themenrestaurant, macht zum Ende der Woche ganz dicht. Schon zuvor fiel ihr „Schmidt’s“ den hohen Mietpreisen in der „City by the Bay“ zum Opfer.

Das „Walzwerk“ hat es schon auf seiner Webseite stehen: „We are closed“

Auch Feste der noch verbliebenen Kulturvereine werden derzeit ersatzlos gestrichen. Wie soll man auch ein Maifest im Herbst feiern. Und die Aussichten sind nicht gut, denn oftmals waren diese Feste auch „Fundraiser“ für die Clubs. Das Goethe-Institut, die offizielle deutsche Kulturaußenstelle in der Region, ist seit Monaten geschlossen. Die Ausfälle an Gebühren und Eintrittsgeldern werden deutlich bei allen zukünftigen Planungen zu spüren sein.

Den Deutschen geht es sicherlich nicht anders als anderen ethnischen Gruppen in San Francisco oder in den USA. Doch an diesen mehr als wichtigen Part in der amerikanischen Gesellschaft wird kaum gedacht. Das Land der Immigranten vergisst gerade in diesen harten Zeiten die oftmals gefeierte und geschätzte Vielseitigkeit des amerikanischen Lebens. Was nach dieser Pandemie von all dem Kulturleben der „Minderheiten“ noch übrig bleiben wird, ist nicht absehbar. Man kann nur hoffen, dass es nicht einen totalen Kahlschlag geben wird.

Ein Flächenbrand in den USA

Amerika ist im Auf- und vielleicht auch im Umbruch. Überall in den Vereinigten Staaten gehen die Menschen auf die Straße. Und diesmal nicht nur in Washington, New York, Chicago und San Francisco. Auch in Kleinstädten und Gemeinden kann man in diesen Tagen sehr laut den Ruf „Black Lives Matter“ hören.

Auf den Protesten wird auch an Oscar Grant erinnert. Dieses Wandbild findet man an der BART Station Fruitvale in Oakland, hier starb Grant durch den Schuss eines Polizeibeamten.

Ich habe in meinen 25 Jahren in den USA viele Proteste nach Polizeigewalt und getöteten, unbewaffneten Afro-Amerikanern durch Beamte erlebt. Auf den Straßen von Oakland kam es immer wieder zu brutalen und teils gefährlichen Straßenschlachten. Hier starb auch Oscar Grant durch einen tödlichen Schuss, der aus der Pistole eine BART-Polizisten kam, der Polizei des regionalen U-Bahn Betriebes. Grant lag schon auf dem Boden, als der Schuss fiel. Danach brannte die Stadt.

Auch nach dem Tod von George Floyd in Minneapolis gab es in den ersten Nächten gewaltsame Ausschreitungen in meiner Stadt. Die ebbten mittlerweile ab, die Proteste blieben allerdings. Erst gestern kam es wieder zu einem riesigen Marsch durch Downtown. Was diesmal aber anders ist, es gibt überall in der Stadt noch kleinere Demonstrationen. Gestern fuhr ich an drei hupend vorbei. Vor der Presbyterian Church in Oakland-Montclair standen Kirchenmitglieder auf beiden Seiten der Straße, trugen Nasen- und Mundschutz, hielten Schilder hoch, einige reckten die symbolische „Black Lives Matter“ Faust in die Höhe.

Etwa einen Kilometer weiter standen rund 30 Männer, Frauen, Kinder, dazu noch ein paar Hunde an einer wichtigen Kreuzung in meinem Stadtteil. Auch sie trugen Masken, hielten bemalte und beschriftete Schilder vor sich. Auch hier wurde gehupt, gewunken, Fäuste geballt. Und dann auf der Autobahn 580, eine Brücke, darauf ein gutes Dutzend Protestierende, die den Autofahren zuwinkten, ein paar Banner mit „Black Lives Matter“, „Say their names“, „Dump Trump“ waren am Gitter befestigt.

Und solche kleinen Spontandemos sieht man derzeit überall im Land. Viele Kirchen machen mobil, das liegt auch daran, dass der Präsident selbst mit seiner Foto Aktion in Washington DC heftige Kritik auslöste. Nun sei es an der Zeit, dass Christen sich positionieren, hieß es von verschiedenen Seiten. Und vor allem, sie wollen den konservativen Evangelikalen, die 2016 zu 86 Prozent für Donald Trump stimmten, nicht einfach so das Feld überlassen. Katholiken, Presbyterians, Quaker und viele mehr reihen sich ein in die breite Protestbewegung, die die USA derzeit überrollt. Und das sind durchaus positive Signale in einem Land, das derzeit im Krisenmodus feststeckt.

Mal wieder raus

Es ist in diesen Wochen nicht leicht, direkte Interviews zu führen. „Social Distancing“, Abstand halten, gilt auch für Journalisten. Eigentlich alle Gesprächspartner wollen lieber per Telefon, über What’s App Audio oder Skype reden. Das ist für mich eine große Umstellung, denn gerade das vor Ort sein, zu sehen, was passiert, das Umfeld des Interviewten kennenzulernen, an Orte zu kommen, die man sonst nie sehen würde, mit Menschen zu sprechen, die man sonst nie sprechen würde, das macht für mich meine Arbeit aus.

Doch diese Woche wurde ich seit langem mal wieder eingeladen, in eine Nachbarschaftsklinik nach East-Oakland zu kommen. Der „Roots Community Health Center“ ist eine private Initiative, die in einem der von Covid-19 stark betroffenen „black and brown“ Stadtvierteln zu finden ist. Das ganz bewußt, denn hier sind die Gesundheitsprobleme massiv, Corona hat hier besonders zugeschlagen. Die Ärztin Noha Aboelata hat 2008 diese Klinik gegründet, sie traf ich auf dem gesperrten Parkplatz, der in diesen Tagen für eine „Walk-In“ Corona Teststelle genutzt wird. Viele in diesem Stadtteil haben kein Auto, für sie kamen die von der Stadt Oakland eingerichteten „Drive-In test sites“ nicht in Frage.

Deshalb hat der Roots Center darauf gedrängt, am Internatinal Boulevard, im Herzen von East-Oakland, eine Teststelle aufzumachen, zu der man zu Fuß kommen kann. Etliche Zelte sind dort aufgereiht, die Mitarbeiter in Schutzkleidung, mit Maske und Brille checken die Testwilligen ein, erklären alles und helfen weiter. Dr. Noha Aboelata trägt zwei Nasenmundmasken, eine medizinische, eine aus Stoff darüber. Dazu eine Schutzbrille. Sie führt mich in den Innenhof des einstöckigen Gebäudes, wir gehen eine Treppe hoch, setzen uns mit Abstand auf eine Bank, es ist heiß an diesem Tag, ich beginne schnell unter meiner Maske zu schwitzen.

Dr. Noha Aboelata, die Gründerin der „Roots Clinic“ in Oakland.

Aboelata berichtet von den Herausforderungen, hier in einem jener Problemviertel der Stadt, das das Ergebnis des „Red Lining“ war, der systematischen Ausgrenzung von Schwarzen aus den Weißenvierteln. Diese Politik der Segregation wurde zwischen den 1920er und 1970er Jahren überall in den USA durchgeführt. Die Folgen sind noch heute zu spüren. Mangelnde Infrastruktur, eine schlechte Gesundheitsversorgung, fehlende Bildungseinrichtungen, eine Unterversorgung an gesunden Lebensmitteln. Das alles führte zu massiven Gesundheitsproblemen. Auch darüber wird derzeit in den USA gesprochen, wenn es um den systematischen und strukturellen Rassismus geht. Die Proteste im ganzen Land drehen sich auch darum. In Zahlen ausgedrückt, in dieser Covid-19 Krise, heißt das, Dr. Noha Aboelata hat in ihrer Klinik 1400 Tests durchgeführt, mehr als 12 Prozent waren positiv. Nur ein paar Kilometer weiter in den Oakland Hills, einer wohlhabenderen Gegend, liegt die Zahl der positiven Tests deutlich unter fünf Prozent.

Der Rassismus in den USA äußert sich nicht nur in der Polizeigewalt, er ist vielmehr tagtägliche Realität für Afro-Amerikaner und Latinos. Die Gesetze sprechen zwar davon, dass jeder in „Vereinigten Staaten von Amerika“ gleich ist, doch der Alltag sieht anders aus, wie man das auch hier in East-Oakland sehen kann. Was gefordert wird, ist nicht nur eine gewaltige Investition in diesen Stadtteilen, um die offensichtlichen, geschichtlichen Ungleichheiten auszumerzen. Was eingefordert wird ist auch eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ nach dem Vorbild in Südafrika. Nur so, glauben viele afro-amerikanische „Community Leaders“ kann die amerikanische Nation zu einer Einheit und zu einem inneren Frieden kommen.

Missing in Action, Mister President

Donald Trump hatte sich das Wochenende sicher anders vorgestellt. Mit Vize-Präsident Mike Pence flog er nach Cape Canaveral, Florida, um dort direkt den Start der NASA/SpaceX Weltraummission zu beobachten. Ein historischer Tag für Amerika sollte es werden, schöne Bilder mit Trump und der Rakete und dann wurde daraus so gut wie gar nichts. Denn die 24/7 Nachrichtenkanäle berichteten nur darüber, dass Amerika brennt. Im Lauftext am unteren Ende des Bildschirms wurde auf den geglückten Start verwiesen.

Und diesmal war es nicht nur in den Metropolen New York City, Los Angeles, Seattle und San Francisco, diesmal brannte es und brennt noch immer im ganzen Land. Nach dem Tod von George Floyd in Polizeigewahrsam in Minneapolis eskalierte überall die Lage. Und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist „Missing in Action“. Ein paar Tweets, ein paar Worte, aber damit gießt er nur noch mehr Öl auf den Flächenbrand.

Vier Tweets am Sonntag innerhalb einer Stunde machen das ganz deutlich. Trump hat keine Ahnung, keinen Plan, versteht nicht, was in den USA passiert. Er gratuliert der Nationalgarde für ihr hartes Durchgreifen in Minneapolis, er beschuldigt Demokraten die Lage eskalieren zu lassen, die Medien der falschen Berichterstattung und will fortan die Antifa als terroristische Organisation brandmarken. Damit zeigt er, dass er das grundlegende Problem in den USA nicht nachvollziehen kann.

Was derzeit in Amerika passiert, ist schon lange am Köcheln. George Floyd ist der nicht der erste Schwarze, der unbewaffnet und ohne eine Gefahr darzustellen durch Polizeigewalt stirbt. Die Liste der Namen ist lang. Statistisch betrachtet sterben in den USA zweimal mehr Afro-Amerikaner durch Polizeigewalt als Weiße. Das alleine zeigt schon das Problem auf. Donald Trump spricht von den „Bad Apples“, den Einzelfällen in den Polizeireihen, doch da ist mehr, was getan, verändert, verbessert werden müsste. Die Polizeigewalt gegen Schwarze dürfte eigentlich nur der Anfang für eine grundlegende Aufarbeitung des tief verwurzelten Rassismus in den USA sein.

Doch dazu braucht es Leute, die ihre Hand zum Dialog ausstrecken, die Führungsstärke beweisen, die einfach verstehen was in Amerika passiert. Ein gutes Beispiel ist der Polizeichef im kalifornischen Santa Cruz. Auch dort wurde protestiert, auch dort war die Polizei vor Ort, beobachtete, begleitete. Und dann kam diese Aktion, die der Footballspieler Colin Kaepernick ins Leben rief – „take a knee“, niederknien und an die Polizeigewalt im Land zu erinnern. Mit den Protestierenden kniete auch der Polizeichef nieder, er trug eine Maske in Zeiten der Pandemie, auch das ein Zeichen von Führungsstärke. Mit diesem Kniefall zeigte er, dass er das, was George Floyd in Minneapolis angetan wurde, aufs Schärfste verurteilt. Mit solchen symbolischen Gesten ist ein erster Schritt getan.

Amerika brennt…mal wieder

Eigentlich jeden Tag schaue ich mir um 18 Uhr die Newshour von PBS an. Eine Nachrichtensendung, die ausgewogen, informativ und fundiert ist, ohne Geschrei, Anfeindungen und großes „Ich-Gehabe“ auskommt. Jeden Freitag sind zwei Journalisten zu Gast, Mark Shields und David Brooks, die die Ereignisse der Woche analysieren. Und gestern meinte David Brooks „collectively we had one of the worst weeks in our lives“.

Und dann zählte er auf. Der rassistische Zwischenfall im Central Park von New York, Verschwörungstheorien verbreitet durch den Präsidenten, die Wirtschaft im „free fall“, der Mord an George Floyd in Minneapolis, die zahlreichen Proteste gegen Polizeigewalt, ach ja, und die Überschreitung der mehr als 100.000 amerikanischen Todesopfer in der Corona Krise. Dazu kommt noch die Eskalation auf der außenpolitischen Bühne mit China und der Rückzug der USA aus der WHO. Amerika steckt tief in der Krise und das mit einem Präsidenten im Weißen Haus, der keinerlei Führungsqualitäten hat und kein Mitgefühl zeigt.

Amerikanische Städte brannten in der Nacht zum Samstag. Foto: AFP.

In der Nacht zum Samstag dann Proteste im ganzen Land, die teilweise in sinnloser Gewalt ausarteten. In Los Angeles und San Jose wurden Freeways blockiert, in Washington mußte der Secret Service das Weiße Hau absichern, in Houston, Atlanta, Detroit, Minneapolis und etlichen anderen Städten kam es zu gewaltsamen Konfrontationen mit der Polizei und zu zahlreichen Verhaftungen. Und hier in Oakland marschierte im Schutz von Tausenden von Demonstranten ein schwarzer Block auf, bewaffnet mit Hammer und Stemmeisen, gezielt wurden Geschäfte in Downtown aufgebrochen, geplündert und verwüstet. Videos von Mitgliedern der „Black Lives Matter“ Bewegung zeigen vor allem junge Weiße, die gut organisiert auf Verwüstung aus waren.

Amerika brennt, die Probleme nehmen überhand und es ist Wahlkampf. Donald Trump ist mehr denn eine Fehlbesetzung in der Krisenzeit und auch der demokratische Herausforderer Joe Biden besticht nicht gerade damit, dass er sich als Präsident aufdrängt. Was für den 77jährigen spricht ist, dass Donald Trump einfach abgewählt werden muß. Biden ist sicherlich nicht der Wunschkandidat der meisten Amerikaner, aber er ist der Kandidat, auf den sich die Demokraten einigen können, der zumindest in solchen Krisen das gesamte Land im Blickwinkel behalten würde und nicht nur die eigene Wählerbasis.

Kultur in Corona Zeiten

Alles nicht so einfach, wenn von jetzt auf gleich die Stop Taste gedrückt wird, das öffentliche Leben mit einem kräftigen Ruck angehalten wird. Keine Konzerte, kein Theater, kein Kino, keine Ausstellungen, keine geöffneten Museen. Die Aussichten sind nicht gut. Veranstaltungen, Festivals, Tourneen wurden abgesagt. Eigentlich sollte es ein gutes Jahr werden, ich freute mich hier in Kalifornien gleich auf mehrere Konzerte von Bands aus dem deutschsprachigen Raum: Das Ich, Kraftwerk, KMFDM, Rammstein, The Young Gods, Einstürzende Neubauten. Und wahrscheinlich wären noch ein paar mehr dazu gekommen. Ein Satz mit X, das war nix.

Claire M. Singer ist auf dem Touch „Isolation Exclusive“ Album vertreten.

Kreativität ist in diesen Zeiten von den Kreativen gefragt. Manche wollen abwarten, andere werden aktiv, reagieren gleich, schalten um. Schon kurz nach der Ankündigung, dass Corona alles verändere, kündigte das kleine Independent Label Touch an, eine Online Compilation über Bandcamp zu veröffentlichen: Touch – Isolation Exclusive. Zweimal die Woche wurden seitdem Songs von Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, die man sonst nirgends finden kann.

Und auch andere Musikerinnen und Musiker zogen nach, wie Danielle de Picciotto und Alexander Hacke, die Archivmaterial, Drucke und anderes anboten. Auch Bandcamp selbst hat in den vergangenen Wochen schon mehrmals auf ihren Anteil an Verkäufen verzichtet, um so den auf ihrem Portal vertreteten Künstlerinnen und Künstlern zu helfen.

Es geht um Ideen, wie man in der Krise weiterhin präsent sein und auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Künstlerinnen und Künstler müssen in diesen Tagen zeigen, dass sie nicht nur flexibel sind und auf die Anforderungen schnell reagieren können. Sie müssen vor allem als Geschäftsleute auftreten, neue Verkaufswege erkunden und verfolgen. Und Musikfans können helfen.

Interessant wird das kommende Wochenende. Nach etlichen Online Konzerten, wie das von Corvus Corax auf einem Bauernhof vor Berlin, finden nun Online Festivals statt. Bands wie Subway to Sally, Letzte Instanz und die Erlangener Fiddler’s Green treten beim „Online Musik Festival“ auf. Zeitgleich wird auch das „Dark Stream Festival“ ausgestrahlt, das an Stelle des abgesagten „Wave Gotik Treffens“ in Leipzig organisiert wird. Mit dabei Bands wie Coppelius, Umbra et Imago und Herbst in Peking. Die etwas anderen „Eintrittsgelder“, um mit dabei zu sein, erinnern an Spenden. Gezahlt wird, wieviel man sich leisten kann und will. Es sind keine einfachen Zeiten. Für niemand. Die Kulturschaffenden wurden leider anfangs etwas zu sehr vergessen. Doch sie zeigen, dass Kreativität genau das ist, was nun gefragt ist. Wer kann, sollte hinsehen, zusehen, hinhören und unterstützen.

Journalistischer Corona Alltag

Ich weiß, ich kann mich in diesen Tagen und Wochen glücklich schätzen. „Home Office“ ist für mich seit fast 25 Jahren ganz alltäglich und normal. Für mich wäre es wohl eine große Umstellung, wenn ich nun jeden Morgen in ein Büro fahren müsste. Von Daheim zu arbeiten hat für mich den Vorteil, dass ich mir die Zeit selbst einteilen kann. Auch mal frühmorgens, abends oder am Wochenende arbeite, dafür dann sonnige Tage für lange Spaziergänge nutzen kann.

Auch sind die Restriktionen nicht so groß in Oakland, ich kann also noch jeden Tag mit meinem Hund die Wege und Pfade im East Bay Regional Park unsicher machen. Viel hat sich also für mich in diesen Corona Zeiten nicht geändert, zumindest vom täglichen Ablauf her.

Thematisch sieht das ganz anders aus. Einige Features wurden verschoben oder angefragt, ob ich die auf die aktuelle Situation umschreiben könnte. Das geht nicht so einfach, denn oftmals hängen damit ja auch Reisen zusammen. Sowieso muß derzeit alles irgendwie einen Corona-Dreher bekommen. Ein anderer Beitrag, über die Zusammenarbeit eines Tierheims in Marin County und dem Staatsgefängnis von San Quentin, ist derzeit überhaupt nicht zu realisieren, denn Töne vor Ort kann ich nicht aufnehmen. Das Gefängnis steht unter Lock-Down, keine Besucher sind erwünscht.

Milizen in den USA sind im Wahljahr 2020 ein aktuelles Thema. Foto: AFP.

Sowieso ist das derzeit mehr als schwierig. Rausgehen, Interviews vor Ort führen, Feldaufnahmen machen, sich einen eigenen Eindruck schaffen. Ich hatte Glück, dass ich vor der Krise und den Ausgangsbeschränkungen noch einiges hier auf dem Schreibtisch hatte, was ich abarbeiten konnte. Nun kam vor kurzem eine größere Anfrage vom Bundesamt für politische Bildung für ein Podcast zum Thema Milizen in den USA. Eigentlich war eine Veranstaltung über Freiräume rechter Gruppen geplant, doch die mußte abgesagt werden. Stattdessen wird nun alles in Podcasts aufgearbeitet. Da ich schon mal ein längeres Feature über die Milizen in den USA produziert habe, wurde ich angefragt. Ein paar aktuelle Interviews kann ich über What’s App Audio oder Skype führen, viele der Töne für solch eine Sendung habe ich bereits vorliegen.

Hinzu arbeite ich noch an Musikbeiträgen, gehe Stories nach, die ich eventuell aktualisieren könnte und überlege, wie ich trotz Corona an Töne, Aufnahmen, Interviews vor Ort komme, denn nur per Telefon, Skype und andere Audiodienste…das ist nicht so ganz das Wahre. Zumindest nicht für mich. Und ich spreche noch nicht einmal von meinen Reisen in Gegenden, von denen ich hier in diesem Blog immer wieder berichtet habe. Es sind seltsame Zeiten und die Aussicht auf das, was da kommt oder kommen mag, sind ungewiss. Auch, wie sich das alles noch auf meine Arbeit, auf den Journalismus allgemein auswirken wird.

A star is born

Seit dem Beginn der täglichen Pressekonferenzen versucht Donald Trump die Schuld an der Corona Krise im Land auf andere abzuschieben. Auf China, die WHO, die Demokraten, die Medien, die Europäer, Ausländer allgemein. Die Liste ist lang und wird fast täglich länger. Nun verbreitet er neben seinen medizinischen Quacksalbereien auch noch parteipolitischen Unsinn. Warum, so fragt Trump, sollte jenen Staaten und Städten finanziell geholfen werden, die ihren Haushalt nicht unter Kontrolle haben. Ganz nebenbei unterstellt er, dass das vor allem von Demokraten regierte Bundesstaaten und Kommunen seien.

Präsidial hat sich Trump in dieser Krise noch zu keinem Zeitpunkt gezeigt. Am Sonntag, der 50. Geburtstag seiner Frau Melania, holte er mal wieder kräftig aus und verbreitete einen Tweet-Storm sondergleichen. Reporter sollten ihre „Noble Prices“ zurückgeben, die sie für ihre Geschichten über die Trump-Russland Verbindungen erhalten hätten. Er könne dem „Noble Committee“ danach gerne eine Liste von Journalistennamen geben, die eine Auszeichnung verdient hätten. Das klingt so, als ob King-Donald gerne Hofberichterstattung belohnen möchte. Trump verwechselte ganz offensichtlich auch noch die Pulitzer Preise mit den Nobel Auszeichnungen, denn Nobel Awards für Journalisten gibt es nicht und auch tippte er mehrmals Nobel falsch in sein Handy ein. Einen Tag später versuchte er sich mit einer geistigen Verbalverrenkung zu retten und löschte die besagten Tweets auch, doch Trump war die Lachnummer des Tages. Nicht gerade präsidial.

Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom als Krisenmanager. Foto: AFP.

Ganz anders macht das der kalifornische Gouverneur, Gavin Newsom. Auch er hält jeden Tag seine Pressekonferenzen, berichtet über aktuelle Infektions- und Todeszahlen, beschreibt die Situation im Bundesstaat und erklärt die Pläne der Regierung in Zusammenarbeit mit den Kommunen. Und Newsom zeigt Größe, in dem er sich für das entschuldigt, was nicht richtig läuft oder erst mit Anfangsschwierigkeiten zum Laufen kam. So meinte er am Montag, man sei überrascht gewesen über das große Interesse an der Corona-Hotline. Er entschuldige sich dafür, dass viele Anrufer nicht durchkamen. Nun habe man das Angebot ausgeweitet, sieben Tage die Woche, jeweils 12 Stunden lang seien die Telefonzentralen erreichbar.

Gavin Newsom wächst in der Krise, findet den richtigen Ton. Und das nicht zum ersten Mal, schon als Bürgermeister von San Francisco und später dann auch als Gouverneur fand er in Notsituationen die passenden Worte, erklärte komplizierte Sachverhalte, vor allem auch, was ihn antrieb. Das war auch so, als er sich 2004 gegen die eigene Partei stellte und in San Francisco „Gay Marriages“ erlaubte. Lange Zeit wurde ihm vorgehalten damit die Wiederwahl von George W. Bush ermöglicht zu haben, denn die Republikaner zogen gegen die „San Francisco Values“ erfolgreich in den Wahlkampf. Doch Newsom sah dies als einen neuen Kampf um die „Civil Rights“, die Bürgerrechte in den USA. Er stand zu seiner Überzeugung und er sollte Recht behalten.

Gavin Newsom ist sicherlich jemand, den man auch auf nationaler Ebene beobachten sollte. Falls Donald Trump im November doch wiedergewählt wird, dann müsste man mit Newsom 2024 auf alle Fälle im demokratischen Lager rechnen. Auch die Bürgermeisterinnen von San Francisco und Oakland, London Breed und Libby Schaaf, zeigen in dieser Krise ihre Führungsqualitäten. Ruhig, bedacht, sich austauschend und engagiert gehen sie gemeinsam vor, informieren die Bevölkerung, haben eigene Ideen und setzen diese im Einklang mit den kalifornischen Vorgaben um, so z.B. gesperrte Straßen in Oakland, die für die Bürger zum Sport und zur Bewegung mit ausreichend „social distancing“ genutzt werden können. In dieser Covid-19 Krise kann man durchaus einiges erkennen – politische Totalausfälle und Hoffnungsträger für dieses Land. Oakland und Kalifornien machen es vor, wie man auf diese riesige Herausforderung reagieren sollte und auch muss. Als Oakländer und Kalifornier fühle ich mich am richtigen Ort.

Corona als Wahlkampfhilfe

Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien, hält täglich um 12 Uhr mittags eine Pressekonferenz, um über die aktuelle Lage in der Corona Krise zu berichten und Fragen zu beantworten. Auch in anderen Bundesstaaten, vor allem in den stark betroffenen, finden solche täglichen Auftritte der Gouverneure und Regierungsvertreter statt. Auf lokaler Ebene melden sich regelmäßig Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zu Wort, hier in Oakland ist Mayor Libby Schaaf sehr aktiv, um die Oakländer zu erreichen.

Donald Trump ist mit sich sehr zufrieden. Foto: AFP.

Und ja, auch das Weiße Haus, lädt Tag für Tag um 17 Uhr Ortszeit Medienvertreter in den „Rose Garden“. Die Trump-Show kann beginnen. Der Präsident nutzt diese live übertragene Pressekonferenz aber nicht nur dafür, um über die aktuelle Lage zu berichten, Trump führt vielmehr Wahlkampf in einem stillstehenden Land. Er greift die Presse an, wie eh und je, dass die falsch berichtete oder Journalisten zu kritische Fragen stellten. Er läßt sich applaudieren von seiner Gefolgschaft, sprich Ministern. Trump verdreht die Tatsachen, lügt ganz offen und vor allem übertreibt er. Nun ist die Rede von 200.000 bis 250.000 Toten in den USA durch die Corona-Krise. Experten weisen diese Modelle weit von sich, da würden Zahlen ganz falsch ausgelegt, heißt es.

Am Anfang sprach Trump noch davon, ein paar Tote und dann ist das überwunden. Er spielte alles herunter, alles kein Problem. Doch dann erkannte er in der Krise die Chance. Nun holt er den Vorschlaghammer raus und hämmert auf die Amerikaner ein. Trump selbst zeichnet ganz bewußt ein Horrorszenario, denn klar ist, zumindest für seine Anhänger, wenn es dann doch nicht so schlimm wird, hat er, der selbsternannte „Kriegspräsident“, alles richtig gemacht. Das ist sowieso der Unterton bei allem, was Trump sagt. Er machte und macht keine Fehler. Die Verantwortung liege bei den Bundesstaaten und den Kommunen, seine Adminstration sei vielmehr nur ein „Back up“ zur Unterstützung und sowieso sei der vorherige Regierung für die dramatische Lage verantwortlich zu machen.

Trumps Wahlkampfteam greift das nur zu gerne auf. Hinzu kommen die FoxNews Köpfe, wie Sean Hannity und Laura Ingraham, die sich täglich mit ihm kurzschalten, so, als ob direkt abgesprochen wird, was und wie für die „Trump Nation“ berichtet werden soll. In den sozialen Medien greifen seine Wahlkampfhelfer begeistert diese Nachrichten aus dem Weißen Haus auf. Trump wird als „großartig“, „weitsichtig“, die „Nation vereinend“ dargestellt. Er und nur er sei in dieser historischen und einzigartigen Situation der wahre und richtige Präsident, der Amerika durch diese größte Krise aller Zeiten führen werde.

„War time president“ Donald Trump nutzt die Lage aus. Der politische Gegner kann keinen Wahlkampf führen, aber er hat den Zugang zu den Medien. Tag für Tag im Rosengarten des Weißen Hauses. Und was er da sagt hat Gewicht, zumindest für seine Anhänger, die er seit Jahren darauf eingestimmt hat, dass nur sein Wort zählt, alles andere, vor allem das, was die „Fake News“, die Lügenpresse berichte, sei falsch. Es ist die ultimative Trump-Show, die hier zur Hochform aufläuft. Was gut ist, dafür ist er verantwortlich, was schlecht läuft, dafür sind die anderen zuständig. Es ist ein gefährliches schwarz-weiß Spiel in der Krise, doch Trump geht es nur um seine Wiederwahl. Um das zu erreichen, läßt er sich auch nicht von einem Virus aufhalten. Die Realität kann man durch eine „Alternative Realität“ ersetzen, das ist unter Trump nicht das erste Mal.