Die Kathedrale steht noch

Vor fast zwei Jahren hatte ich Besuch von guten Freunden aus Berlin. Ich wollte ihnen etwas zeigen, was hier vor der Tür zu finden ist, etwas ganz besonderes hier in diesem riesigen Ballungsraum. Redwoods, diese gewaltigen Bäume, die sich schnurgerade nach oben recken und alles unter ihnen klein erscheinen lassen. Es war ein mehr als anstrengender Spaziergang, vor allem bergauf am Ende. Aber ich glaube, der Augenblick am Fuße dieser Bäume hat alles entschädigt, zumindest sagten sie mir das. Am Abend spielten die beiden ein Konzert und ich schwöre, sie wirkten ganz und gar nicht ausgelaugt von dem beschwerlichen Ab- und Aufstieg.

Seitdem ich 1999 von San Francisco nach Oakland zog, bin ich eigentlich jeden Tag mit einem Hund im East Bay Regional Park unterwegs gewesen. Es gibt so viele wunderschöne Ort dort zu entdecken, viele mit einem unglaublichen Ausblick, doch mich zieht es immer wieder zurück an diesen Ort, der für mich wie eine Kathedrale wirkt. Oftmals bin ich dort alleine mit „man’s best friend“, wie auch heute, kein Mensch weit und breit zu sehen. Die schlechte, doch langsam bessere werdende Luft, hielt viele Spaziergänger in den letzten Tagen und Wochen fern. Am schönsten ist es dort, wenn der dicke Nebel sich über den Wald legt und alle Geräusche schluckt. Der Boden feucht und weich, die frische Luft. Die unglaubliche Ruhe in all dem Tumult, vergleichbar für mich mit der St. Klara Kirche in Nürnberg, die ich bei jedem Besuch in meiner Heimatstadt aufsuche.

Heute war ich mal wieder seit langem dort unten. Die Luftqualität war deutlich besser. Meine Käthe hat durchgeatmet und hat sich nicht bremsen lassen. Und diese Redwoods stehen noch immer da, unbeeindruckt von all dem, was um uns herum passiert, was uns aufregt, was uns wütend, verärgert, traurig macht. Das gibt in dem Augenblick eine ganz andere Perspektive. Sie zieht es weiter nach oben, dem Licht entgegen. Und diese Ruhe ist unglaublich erholsam. Entschleunigend. Die Redwoods in den Oakland Hills sind noch nicht so alt, zwischen 100 und 150 Jahren. Früher standen auch hier diese gewaltigen Bäume, die 500 und mehr Jahre auf den Wurzeln hatten. Es heißt, sie waren so hochgewachsen, dass sie Seefahrern auf dem Meer eine Hilfe waren, das Golden Gate nicht zu verpassen. Doch all diese Redwoods wurden seinerzeit abgeholzt für den Aufbau und dann den Wiederaufbau von San Francisco nach dem Erdbeben von 1906. Nur noch einer der ganz alten ist in den East Bay Hills übrig geblieben, an einem schwer zugänglichen Ort. Er wurde damals und wird heute wohl noch immer übersehen.

Atmen ist gesundheitsgefährdend

Kalifornien kommt nicht zur Ruhe. Nach wie vor brennt es an Dutzenden Orten, zum Teil sind es gewaltige Feuer, die noch wochenlang ausbrennen werden. Die Feuerwehreinsatzkräfte machen nur geringe Fortschritte. Auch in Oregon und Washington State brennt es und die Feuersaison im Westen der USA hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die Luft in Oakland war heute „gesundheitsgefährdend“.

Täglich werden Dutzende von Pressekonferenzen der verschiedenen Feuerwehrleitstellen im ganzen Bundesstaat übertragen. 2018 war das bislang verheerendste Feuerjahr in der aufgezeichnten Geschichte von Kalifornien. Vor zwei Jahren verbrannte im Golden State eine Fläche rund dreimal so groß wie Luxemburg. Doch diese Marke wurde in diesem Jahr bereits am „Labor Day“, dem ersten Montag im September deutlich überschritten. Schon viermal brannte hier 2020 die Grundfläche von Luxemburg ab. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom spricht denn auch von einer historischen Marke: “Historisch ist ein Begriff, den wir hier in Kalifornien anscheinend sehr oft benutzen, aber diese Zahlen bestätigen genau das, es ist historisch, das ist die größte Feuer Saison bezüglich der betroffenen Fläche, die je registriert wurde.”

Die Statistiken zeigen auch auf, dass die Brandgefahr in Kalifornien immer weiter steigt. Die Top Five der gewaltigsten Feuerjahre seit Anfang des 20. Jahrhunderts liegen in den letzten 13 Jahren: 2007, 2008, 2017, 2018 und nun 2020. An 29 Stellen in Bundesstaat brennt es noch immer. Mehr als 20 Tausend Feuerwehrleute sind im Einsatz. Was ihnen derzeit hilft, ist das Wetter, es wird kühler, die starken Winde lassen etwas nach, gerade im Küstenbereich zieht Nebel auf. Doch genau das ist das Problem in Ballungsräumen wie der San Francisco Bay Area, die bekannt für ihre Nebeldecke gerade im Sommer ist. Die Bilder gingen am Mittwoch um die Welt: Der Tag an dem die Sonne nicht aufging. Dicker Rauch von den umliegenden Feuern und sogar von Waldbränden aus Oregon sammelte sich unter der Nebeldecke und konnte nicht abziehen. Ein orangenes Dauerdämmerlicht war den ganzen Tag zu sehen, als ob man sich auf dem Mars aufhält. Die Autos waren mit einer Ascheschicht bedeckt. Experten warnten vor der schlechten Luftqualität und riefen dazu auf, sich möglichst nicht draußen aufzuhalten. Fast jeder, den man sprach, beschrieb die Situation als “apokalyptisch”, “verrückt”, “surreal”, wie in einem schlechten Traum, aus dem man nicht aufwacht.

Auch am Donnerstag wurde es nicht besser. Einige der Brände, gerade die in der näheren Umgebung der San Francisco Bay wurden fast vollständig unter Kontrolle gebracht, doch dafür sank die Luftqualität weiter. Als “gesundheitlich gefährdend” wurde sie eingestuft, wer länger draußen sein mußte, merkte schnell ein Kratzen im Hals, brennende Augen, Probleme beim tiefen Einatmen.

Ein Ende der Feuergefahr ist noch lange nicht in Sicht, denn die eigentliche “Fire Season”, die Feuersaison in Kalifornien steht im Frühherbst noch bevor. Dann ziehen vom Landesinneren die „Santa Ana Winds“, starke, sich ständig drehende und warme Winde über den Bundesstaat, schon der kleinste Funke kann dann zu einer Katastrophe führen…einer weiteren im Golden State. Unterdessen breiten sich riesige Waldbrände in Oregon und Washington aus. Im nördlichen Nachbarstaat von Kalifornien mussten 500.000 evakuiert werden. Oregon hat nur 4,2 Millionen Einwohner.

Die Sonne so rot

Es will einfach nicht hell werden.

Es ist elf Uhr morgens und draußen ist es dämmerig. Ich sitze in meinem Büro und muß das Licht anmachen, um überhaupt etwas sehen zu können. Es ist im Freien nicht richtig dunkel, eher ein orangenes, apokalyptisches Licht. Endzeitstimmung. Die Außenbeleuchtungen an den Häusern in der Nachbarschaft, die über Sensoren angehen, brennen noch. Die Technik wird getäuscht, genauso wie die Natur, die Grillen zirpen sich einen, so als der Abend angebrochen ist. Es wirkt alles noch düster. Auf mein Auto hat sich ein Aschefilm gelegt.

In Kalifornien brennt es weiter, im Norden, in Napa, im Central Valley, in der Nähe von Santa Cruz und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Eigentlich geht es um diese Zeit erst so richtig los. Die Santa Ana Winde stehen an, starke, warme Winde, die im Landesinneren entstehen und wie ein Fön wirken. Eine späte Hitzewelle ist noch für Ende September, Anfang Oktober zu erwarten. Ich erinnere mich noch daran, dass ich nur im Herbst am Ocean Beach von San Francisco im Meer baden ging, da es dann unerträglich heiß wurde, die kühle, von Alaska kommende Strömung war da eine wunderbare Abkühlung. Da kommt noch was auf uns zu. Vor 25 Jahren gab es diese „Fire Season“ im Herbst, mittlerweile ist dauerhauft Feuer-Saison.

Es regnet Asche.

Corona, Wahlkampf, Hitze, Feuer. Nun noch diese gewaltige Rauchglocke, die das Draußensein ungesund werden läßt. Aber sagen sie das mal einem Schäferhund-Huskie, der einfach immer raus will. Gestern ging ich mit Käthe in den nahegelegenen Wald, ich war einer der wenigen Bekloppten, die in der Hitze und in dem Qualm unterwegs waren. Am Ende eines gut einstündigen Spaziergangs waren wir beide fix und fertig. Sie hechelte nach Wasser, mir kratzte es im Hals. Und heute morgen ist es noch schlimmer. Dieses organgene Licht verschwindet nicht, dicke Schichten Rauch lassen die Sonnenstrahlen nicht durch. Es wird einfach nicht hell. Der Ascheregen nimmt kein Ende. Ich hoffe nur, das ist kein Sinnbild für das, was noch auf die USA zukommen wird…Doomsday!

 

Verrückte Zeiten

Ausgerechnet Donald Trump wirft Joe Biden und Kamala Harris vor, gegen die Wissenschaft zu sein. Das muß man sich mal geben, nur weil Kamala Harris in einem Interview erklärte, sie werde sicherlich nicht Donald Trump trauen, wenn dieser sage, ein Impfstoff gegen Covid-19 sei sicher. Sie, das betonte sie, halte sich an die „Public Health“ Experten und Wissenschaftler, bevor sie sich impfen lassen würde. Soviel dazu und ich stimme ihr zu. Trump politisiert die Suche nach einem Impfstoff und will genau damit im Wahlkampf punkten.

Es sind schon verrückte Zeiten. Wenn man den Fernseher anschaltet und auf die Nachrichtenkanäle geht, die mehr und mehr werden, dann dreht sich alles um den Wahlkampf. Und es ist interessant, aber auch ermüdend, wie die verschiedenen Sender die Fakten drehen und verdrehen, analysieren und auslegen. Da stehen noch ein paar hitzige und heftige Wochen bis zum Wahltag bevor. Gespannt bin ich auf die Fernsehduelle von Trump/Biden und Pence/Harris.

Während ich das hier schreibe schwitze ich. Ich sitze nur da, kurze Hose, ein Shirt, ein Glas Wasser neben mir und schreibe und schwitze. Wer mich kennt, weiß, der Arndt schwitzt viel. Aber das hier ist nicht mehr normal. Es sind 40 Grad vor der Tür. Ein kleines Lüftchen weht, aber das hilft nichts, denn die Fenster müssen aufgrund der dicken Rauchglocke geschlossen bleiben, die riesigen Waldbrände in Nordkalifornien machen das Atmen schwer.

Man ist den ganzen Tag geschlaucht, dazu Kopfschmerzen und Augenbrennen, weil ich ja doch mal mit dem Hund vor die Tür muß. Und dann letzte Nacht diese Vollpfosten, die in der Gegend rumballerten. Keine Ahnung, was das war, aber es hallte durch den Canyon, irgendwelche Schwachmaten drückten um 2 Uhr morgens auf den Abzug. Gleich mehrmals. Bang, Bang, Bang. Als ich kurz darauf wieder eingeschlafen war, begannen die Kojoten zu heulen. Ein ganzes Rudel hatte wohl einen nächtlichen Festschmaus. Sie hörten gar nicht mehr mit der Heulerei auf, was wiederum einige Hunde in der Nachbarschaft auf den Plan rief, lautstark zurück zu bellen. Man will doch einfach nur schlafen…

Die Musik macht es

Denk ich an die USA in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. So in etwa könnte man die derzeitige Stimmung in diesem Land auf den Punkt bringen. Die Corona Krise, der systemische Rassismus, ein brutaler Wahlkampf und dazu noch ein selbstverliebter Präsident der Tag für Tag ganz bewußt mit dem Feuer spielt und die Probleme im Land durch Worte und Taten nur noch größer werden läßt.

Und da ich nicht schlafen kann, sitze ich hier zu dieser späten Nachtstunde in einem Sendestudio in San Jose, das ist die größte Stadt in der San Francisco Bay Area, eine gute halbe Stunde von Oakland entfernt. Einmal im Monat, jeden ersten Freitag, lege ich hier von Mitternacht mit 3 Uhr morgens einen etwas anderen Musikmix auf, viel elektronische und experimentelle Musik, Musik, die man sonst nie so im Radio hört. Doch KKUP ist ein Community Sender, der mit einer starken UKW-Frequenz die weitere Region gut abdeckt und Programmmachern wie mir die Möglichkeit bietet, ganz anderes zu spielen. Das ist gewollt. Denn nicht jeder hört die Charts rauf und runter.

Aber ich merke gerade, während ich hier sitze und die Anna von Hausswolff von ihrer jüngsten Veröffentlichung auf Kassette (!) läuft, dass das hier ein richtig schönes Stück Freiheit ist. Fernab von all dem täglichen Wahnsinn, den ich so seit einiger Zeit als Korrespondent behandele. Musik hat wirklich eine heilende Wirkung. Auch heute morgen fiel mir das wieder auf, als ich mit David Harrington vom Kronos Quartett sprach. Sie bringen eine Platte mit Pete Seeger Songs heraus, ganz starke, ganz wichtige Songs für diese Zeit. Und Harrington schwärmte von den Liedern des großen Folk Sängers.

Doch zurück zu meiner Sendung hier. Musik, die so ganz anders ist, in einem Radio-Freiraum, der in der amerikanischen Hörfunklandschaft keine Ausnahme ist. Solche Stationen gibt es überall, noch, doch sie sind gefährdet. Und das wäre ein riesiger Verlust für die Medien in den USA, denn auf solchen Stationen kann man nicht nur ausgefallene Musik aus aller Herren Länder und aller Genres hören. Diese Sender bringen vielmehr die vielen Gesichter, Sprachen, Kulturen, Menschen einer „Community“ zusammen. Auch andere Meinungen. Das eben on-air, die Welt ganz nah zum Hören. Und mit der Möglichkeit des online Streamings wird Lokalfunk grenzenlos. Da sitze ich hier in San Jose in einem Sendestudio, schlage mir die Nacht um die Ohren und bekomme Rückmeldungen von Hörern die entweder nicht schlafen können oder ihren Freitagmorgen neugierig auf das sind, was ich hier so spiele. Danke. Genau das, brauche ich zur Zeit.

„I can’t stress enough the importance of being prepared to leave“

Keine guten Aussichten, eine dicke Rauchglocke hängt über allem.

Wenn man solche Worte von der Einsatzleiterin Shana Jones von CAL Fire hört, dann wird es ernst. „If that tingling on the back of your neck says ‚I need to leave,‘ then please do so. Do not wait to be ordered to do so.“ Wenn man das Kribbeln im Nacken spürt, man sollte lieber los, dann solle man das tun. Nicht erst warten, bis offiziell zur Evakuierung aufgerufen wird. Wenn die Einsatzkräfte zum Verlassen des Hauses von Tür zu Tür gehen oder über Lautsprecher dazu auffordern, dann muß alles schnell gehen. Fünf, maximal zehn Minuten bleiben dann. Diese Brände sind schnell, die Flammen fressen sich innerhalb einer Sekunde ein Fußballfeld voran.

Kein Zugang zu den Parks aufgrund der hohen Feuergefahr.

Freunde von mir meinten, sie packen gleich mal ein paar Koffer, damit sie bereit sind, falls es dazu kommt. Als ich das hörte, schaute ich mich hier um. Was muß mit, Unterlagen, Dokumente, Fotos….problematisch könnte es mit der Platten- und CD Sammlung werden. Was ist mit meinen Büchern? Ich glaube, ich werde gleich mal einiges zusammensuchen, rauslegen, den Wagen checken, gestern habe ich noch vollgetankt. Ich lebe in den Oakland Hills, fast direkt am East Bay Regional Park, dem größsten regionalen Parkverbund in den USA. Hier bin ich eigentlich jeden Tag mit meiner Käthe unterwegs. Seit Dienstag nicht mehr, der Park ist aufgrund der Feuergefahr gesperrt.

Im Laufe des Tages werden heftige Winde erwartet, die „dry lightning“ mit sich bringen sollen. Also, trockene Gewitter, die natürlich auf dem ausgedorrten Waldboden zu weiteren Bränden führen können. An über 600 Stellen brennt es bereits in Kalifornien, die Kapazitäten der Einsatzkräfte sind ausgelastet. Am Wochenende kamen nun „Fire Crews“ aus den Bundesstaaten Oregon und Washington im Golden State an. Gouverneur Gavin Newsom bat sogar bei Feuerbrigaden in Kanada und Australien um Unterstützung. Und das inmitten einer Pandemie. Evakuierte meiden derzeit die Sammelunterkünfte, viele von ihnen schlafen lieber in ihren Autos. Ich weiß, all das hätte verhindert werden können, wenn wir hier in Kalifornien nur mehr auf den „very stable genius“ gehört und endlich die Wälder besser geharkt hätten. Gleich morgen schultere ich mir Schaufel und Harke…passend zum republikanischen Wahlkonvent!

„Now let’s go win this thing“

Barack Obama freute sich über die Wahl von Kamala Harris. Sein ehemaliger Vize habe die beste Entscheidung getroffen, so Obama. Er kenne die kalifornische Senatorin schon lange, sie sei genau richtig für den Kampf ums Weiße Haus. „Now let’s go win this thing“, tweetete er kurz nach Bekanntwerden der Nominierung. Auch aus dem Bernie Sanders Lager kamen wohlwollende Kommentare. Und die anderen Frauen im Rennen um den Vize-Präsidentschaftsposten der Demokraten feierten Kamala Harris als „herausragende Wahl“.

Aus dem Trump Lager kamen natürlich ganz andere Stimmen. Harris sei eine Vertreterin des linksradikalen Flügels der Partei. Donald Trump selbst führte an, dass Kamala Harris sehr „nasty“ gegenüber Brett Kavanaugh gewesen sei, als dieser seine Senatsanhörung zum Verfassungsrichter hatte. Kein Wort davon, dass Donald Trump und auch Tochter Ivanka Trump noch bis 2014 Kamala Harris‘ Wahlkämpfe finanziell unterstützt hatten. Damals sah die Welt von Trump noch anders aus.

Zwei Oakländerinnen feiern – Kamala Harris und Libby Schaaf. Foto: L. Schaaf/Twitter.

Kamala Harris stammt aus Oakland und in Oakland wurde die Entscheidung von Joe Biden gefeiert. Bürgermeisterin Libby Schaaf, eine langjährige Freundin und Wegbegleiterin von Harris, die die Senatorin im Januar 2019 auch als Präsidentschaftskandidatin ankündigte, war begeistert. Sie sei „hella proud“, unfassbar stolz und fügte hinzu: „Now let’s fight like hell for a #BidenHarris win in Nov.“

Vieles sprach schon im Vorfeld für die Senatorin. Ein wichtiger Punkt, der vielleicht auch noch ausschlaggebend war, sie kommt aus dem für die Demokraten sicheren Kalifornien. Im Falle eines Wahlsieges von Joe Biden würde sie ihren Senatsposten aufgeben, der demokratische Gouverneur, Gavin Newsom, würde dann sicherlich erneut eine Demokratin nach Washington schicken. Das Kräfteverhältnis im Senat würde so nicht beeinflusst werden.

Kamala Harris hatte ich schon seit 2003 auf dem Schirm, als sie Generalstaatsanwältin für San Francisco wurde. Damals fiel sie mir auf, weil sie eine vehemente Gegnerin der Todesstrafe war und auch zu diesen Prinzipien stand, als in der „City by the Bay“ ein Polizist ermordet wurde, der Ruf nach der Todesstrafe für den Täter mehr als laut war. Sie weigerte sich und wurde von den Beamten, der Polizei Gewerkschaft und selbst namhaften Demokraten, wie Dianne Feinstein, angefeindet. Das rechntete ich ihr hoch an. Und auch als sie danach kalifornische Justizministerin wurde, blieb sie bei ihrer Grundeinstellung gegen die Todesstrafe.

Kamala Harris ist eine Kämpferin, die mitreißen kann. Mit ihrer Präsidentschaftskandidatur der Demokraten ließ sie Anfang 2019 aufhorchen. Vor dem Rathaus in Oakland kamen rund 20.000 Menschen zusammen, um das zu feiern. Harris war über Nacht Frontrunner. Doch dann wurde sie schlichtweg im 25köpfigen Kandidatenfeld der Demokraten aufgerieben. Harris zog die Reißleine, aber fiel danach umso mehr auf, weil sie auf Frontalkurs mit Donald Trump ging. Das blieb nicht unbemerkt. Joe Biden führte genau diese Haltung in seiner Begründung für Kamala Harris an.

Biden hat mit Harris eine Partnerin an seiner Seite, die alles andere als ein weiblicher Mike Pence ist. Harris wird nicht hinter Biden stehen, ihn untertänigst und bewundernd anhimmeln und ihm ständig erklären, wie dankbar sie doch sei, in seinem Kabinett mitarbeiten zu dürfen. Vielmehr wird Kamala Harris vom Tag eins der Biden-Adminstration bereit sein für den Tag X, wenn sie den Amtseid selbst ablegen muß. Und der kann schneller kommen, als man denkt. Ich bin davon überzeugt, dass Joe Biden nur ein Übergangskandidat ist, der jetzt die demokratischen Reihen schließen kann, der aber nach zwei Jahren im Amt zurücktreten und die Amtsgeschäfte an seine Vize-Präsidentin, Kamala Harris, übergeben wird. Amerika wird weiblich, die Weichenstellung dafür fand heute statt.

Coming home…

Der Münchner Airport war im internationalen Bereich fast leer. Keine Läden waren geöffnet, die LH-Lounges geschlossen, irgendwie schien alles viel dunkler, man spart in diesen kümmerlichen Reisetagen wohl auch am Licht. Im Flieger von MUC nach SFO war vielleicht gerade mal jeder vierte oder fünfte Sitz besetzt. Der Abstand konnte eingehalten werden, Mund-Nasen-Schutz war während der gesamten Reise vorgeschrieben. „Zum Essen und Trinken können sie die Maske abnehmen“, meinte der nette Mann bei seiner Durchsage.

Damit man es nicht vergisst.

Auf dem Flug bekamen die Passagiere ein Formular des „Center for Disease Control“ (CDC), auf dem man Name, Adresse in den USA und Symptome angeben mußte. Nur einzeln durfte man in San Francisco das Flugzeug verlassen, noch vor dem Terminal warteten Mitarbeiter des CDC im Gate-Tunnel, um weitere Fragen zu stellen und die Formulare einzusammeln. „Haben Sie Fieber?“, fragte mich die nette Frau und ich dachte sie fragt das, weil ich etwas in Schwitzen gekommen war. „Nein, mir ist nur warm“, antwortete ich. Damit war sie zufrieden. Sowieso komme ich mir in diesen Tagen blöd vor, wenn ich schwitze. Auch im Flieger schafften die es wieder nicht, in diesem sündhaft teuren Flugobjekt die Klimanlage so einzustellen, dass man nicht schweißgebadet aufwacht. Ich hoffte nur, dass da niemand an meinem Platz vorbeikam, mich sah und sich dachte, ich fiebere vor mich hin. Von der CDC-Dame erhielt ich dann noch einen „Flyer“ falls Unklarheiten bestehen sollten. Das war es dann.

Gähnende Leere auch hier im internationalen Terminal des Airports. Keine Schlange an der Passkontrolle, das Gepäck kam schnell, es waren ja kaum Passagiere an Bord. Sowieso fehlten andere ankommende Flieger. Normalerweise landen um diese Zeit gleich mehrere Maschinen aus aller Welt. SFO ist in normalen Zeiten eine der wichtigen Drehscheiben an der amerikanischen Westküste. Und auch draußen das selbe Bild, kaum Wartende, keine langsam fahrenden Autos, keine Polizisten, die mit lauten Pfiffen zum Weiterfahren aufforderten.

Nun sitze ich wieder daheim in Oakland. Die letzten zwei Wochen gingen wie im Flug vorbei. Wann die nächste Reise klappen könnte, kann ich noch gar nicht sagen, noch nicht absehen, hier und da fließt bis dahin noch viel Wasser durchs Golden Gate und die Pegnitz runter. Wie heißt es so schön: schaun mer mal!

 

Der neue Ton des Donald Trump

Man sollte sich nicht täuschen lassen. Die “Einsicht” von Donald Trump, die Corona Krise nun endlich als nationale Krise einzustufen ist sicherlich richtig, kommt aber viel zu spät und ist garantiert nicht ein Anzeichen dafür, dass der Präsident nun endlich umdenkt.

Vielmehr eskaliert Trump den Wahlkampf mit seinen Horrorbildern des brutalen Straßenkampfes in den amerikanischen Großstädten, mit der Entsendung von Spezialeinheiten der Bundespolizei nach Portland, Chicago, Albuquerque und anderen US Städten, von seinen Drohgebärden unter einem Präsident Biden würden die USA im Chaos enden, von seiner geschichtstauben Auffassung, die weißen Vorstädte müssten gerettet werden.

Einige im Umfeld von Donald Trump haben wohl erkannt, dass der Hauptfeind im Wahlkampf nicht die Demokraten sind, sondern das Corona Virus. Joe Biden muß eigentlich gar nichts machen und steigt trotzdem in den Umfragen. Nicht nur in den nationalen, sondern eben auch in jenen in den sogenannten Swing States, die die Wahl am 3. November entscheiden werden. Sogar im republikanischen Texas gibt es ein Kopf an Kopf Rennen zwischen Trump und Biden, der “Lone Star State” wird nun sogar als “Swing State” gehandelt, etwas, was vor ein paar Jahren noch undenkbar erschien.

Maskentragen sei nun „patriotisch“, erklärt „Lone Ranger“ Trump. Foto: AFP.

Corona ist nun also der Hauptgegner, Trump will sich fortan als Kriegspräsident gegen das “China Virus” darstellen, fordert nun die Amerikaner zum Maskentragen auf, das sei patriotisch, erklärt er. Kein Wort darüber, dass er monatelang all jene verunglimpfte und belächelte, die einen Mund-Nasen-Schutz trugen. Nun erklärt er, er selbst sehe richtig gut aus mit Maske, wie eben der “Lone Ranger”. Seine Anhänger feiern ihn nun als “bad ass president”. Trump ging nun sogar so weit, den großen Wahlkonvent der Republikaner zu canceln, aus “Vorsicht”. Die Städte und Bundesstaaten sollten fortan selbst entscheiden können, wie sie vorgehen wollen und erhielten dafür auch noch finanzielle Unterstützung aus Washington. Ganz neue Töne. Vor ein paar Wochen und Tagen klang das noch anders, doch anscheinend müssen selbst ein Trump und sein Team erkennen, dass sich die Zeiten dramatisch geändert haben. Der US Präsident kann sich nicht mehr hinter der unsinnigen Aussage verstecken, man habe in den USA nur deshalb so viele positive Corona Fälle, weil man viel mehr als anderen Nationen teste.

Fakt ist, Amerika hat ein Problem. Um eine Pandemie dieses Ausmaßes unter Kontrolle zu bekommen, müsste noch viel mehr getestet werden und vor allem schnell. Derzeit dauert es etwa acht Tage in den USA um einen Befund nach einem Covid-19 Test zu erhalten, viel zu lange, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Fraglich ist auch, ob Trumps Anhänger den neuen Kurs des Maskentragens, des “Social Distancing”, des Rücksichtnehmens mittragen. Zu lange hat genau dieser Präsident das Gegenteil gepredigt, die nationale und internationale Krise verharmlost, davon gesprochen, dass das Virus einfach verschwinden wird, die Corona Krise als von Demokraten und Medien gehypte Anti-Trump-Kampagne abgetan.

Die Frage ist daher, ob diese offensichtliche Kehrtwende ohne Eingeständnis Fehler gemacht zu haben bei den Wählerinnen und Wählern ankommen wird. Eigentlich ist zu offensichtlich, was Trump da vorhat. Hier sich nun als fürsorglichen Landesvater darzustellen, dort den harten “Law & Order” Führer zu spielen. Es ist ein Bild, das hinten und vorne nicht passt. Trump eskaliert und unterminiert weiter, schafft Fakten, die noch lange nach ihm das Leben und das Miteinander in den USA bestimmen werden. Amerika heute ist nicht mehr das Land, in das ich vor 24 Jahren immigriert bin.

Test #2

Morgen geht mein Flieger nach Deutschland, am Mittwoch lande ich dann in München. Als Vorgabe gilt, ich muß bei meiner Einreise einen Covid-19 Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Deshalb ließ ich mir heute nocheinmal einen Abstrich nehmen, der war aber deutlich unangenehmer als der erste in der vergangenen Woche.

Einmal schnell einen Abstrich in der Garage.

Diesmal hatte ich bei meiner Versicherung und meinem Provider „Kaiser“ einen Testtermin in Oakland ausgemacht. In einer der Parkgaragen am Broadway fand es diesmal statt. Der „Security Guard“ an der Einfahrt kommunizierte per Schild, Ausweis und Versicherungskarte sollten sichtbar vor die Windschutzscheibe gelegt werden, das Fenster geschlossen bleiben. Vor mir etwa acht Autos. Eine Mitarbeiterin von Kaiser lief dann zu meinem Wagen und hakte meinen Namen auf einer Liste ab, danach kam sie, befestigte „mein“ Testkit am Scheibenwischer.

Nach etwa zehn Minuten war ich dran, erneut wurde mein Name auf der Versicherungskarte mit meinem Ausweis durch die Scheibe abgeglichen, dann durfte ich das Fahrerfenster öffnen. Eine Ärztin begrüßte mich und erklärte, was sie machen wird. Erst einen Abstrich aus meinem Rachen, dann jeweils einen Abstrich aus meinen Nasenlöchern. Und dann meinte sie noch: „Please don’t touch me, if it’s too much, just take a break“.

Der Wattestab wurde mir tief in den Mund geschoben, der Rachenabstrich war grenzwertig, ich begann zu würgen. Danach schob sie mir das Stäbchen tief ins linke Nasenloch, zehn Sekunden später ins rechte. „Thank you and goodbye“. Das wars, unangenehm, aber eben notwendig. Kaiser war professionell und effizient, alles genau geplant. Nun hoffe ich darauf, dass auch dieser Test negativ ist und ich keine böse Überraschung nach dem Landen in München erlebe. Wenn morgen dann noch der Flieger wie geplant abhebt, dann ist klar, Nürnberg ich komme.