Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

Kraft(Kunst)Werk

Kraftwerk sind Kult. So richtig habe ich die Düsseldorfer Band erst nach meinen Radio Goethe Anfängen auf KUSF in San Francisco kennen-, schätzen- und liebengelernt. Mit ein paar eigenen CDs hatte ich die Sendung begonnen und dann gezielt im umfangreichen Plattenarchiv des Senders nach weiteren deutschen Bands gesucht. Und da standen unter anderem auch die frühen Vinyl Scheiben von Kraftwerk. Klar, ich kannte Kraftwerk, aber so richtig hatte ich bis dahin nicht zugehört, doch das änderte sich schnell. Kraftwerk öffneten mir eine ganz neue Klangwelt, zeigten mir auf, welchen Einfluss das Kling Klang Sounduniversum auf andere Gruppen und Musikrichtungen hatte.

Konzerte, alle Platten, Bücher und Interviews mit Karl Bartos folgten. Der Sound von Kraftwerk, die Geschichte und die musikalischen und künstlerischen Visionen waren für mich und auch meine Sendung prägend. Und nun dieses Buch hier: „Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“, eine umfangreiche Studie zur Musik, der Vision, der Kunst der Düsseldorfer Formation, herausgegeben von Uwe Schütte. Jede Platte wird für sich analysiert, zerlegt, auf die kleinsten Teilchen und Tönchen hin begutachtet und durchgehört. Das Kraftwerk Imperium in seiner ganzen Macht und Schönheit.

Es ist beeindruckend, was die 15 Autorinnen und Autoren hier an Informationen, Genauigkeiten, Hintergründen, Geschichte und Geschichten zusammengetragen haben. Kraftwerk waren ihrer Zeit weit voraus, haben andere Musikerinnen und Musiker, Künstlerinnen und Künstler, ja, ganze Genres maßgeblich mit ihrem teils minimalistischen Kling Klang Sound beeinflusst. Sie experimentierten mit Tönen und Technik, kreierten so eine unvergleichliche und einzigartige Klanglandschaft, eine musikalische Vision, die immer wieder in irgendeiner Form mit der auftauchenden Mensch-Maschine zu tun hatte. Kraftwerk haben sich von den nicht verstandenen Soundtüftlern aus dem Düsseldorfer Hinterhof zu weltweit gefeierten Kulturschaffenden gewandelt, die heute wochenlang und problemlos die Hochkulturtempel dieser realen Welt füllen.

„Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“ ist nicht nur ein Buch für Kraftwerker, für Sammler, für Liebhaber des deutschen Sounds. Es ist auch ein Buch über eine Zeit, in der junge deutsche Musiker auszogen, um ihre eigene Identität zu finden, ohne dabei die deutsche Geschichte zu übersehen. Kraftwerk wurden so zu unglaublich wichtigen Kulturbotschaftern eines Landes, in dem man schlichtweg zu lange den eigenen musikalischen und künstlerischen Weg übersah, verhöhnte, klein redete. Von daher war es höchste Zeit für diese genaue Betrachtung des Gesamtkunstwerks Kraftwerk.

Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk, C.W. Leske Verlag, 24,90 Euro.

„Serving America’s Best“ – ein Besuch bei AFN

Heute ging es vor dem Abflug noch kurz nach Riverside. Dort am Rande eines Industriegebietes und gleich neben der „March Air Reserve Base“ liegen die Headquarters von AFN – American Forces Network. Und wer, wie ich, ein Kind der 70er und 80er Jahre war, der wuchs mit dem Sound der Amerikaner auf. „America’s Top 40“, Country Music, Rock. Begeistert hörte ich damals hin, was da aus dem Äther kam, so ganz anders, als das, was uns der damals allein auf weiter Flur sendende Bayerische Rundfunk vorsetzte.

Die Satelittenschüsseln von AFN sind schon von weitem zu sehen.

AFN aus dem Bavarian American Hotel sendete für die Soldaten in Nürnberg, Fürth, Erlangen, Schwabach, Ansbach, Würzburg. Das war anders, locker, vielseitiger, ganz und gar nicht steif. Und hier in Riverside traf ich „Gorgeous George“, der in den späten 70ern zum ersten Mal in Nürnberg die Morgensendung moderierte und später Anfang der 90er Jahre den Umzug vom Hauptbahnhof in Nürnberg in die Kaserne nach Fürth organisierte. Er erzählte mir seine Radiogeschichte, die vielleicht ganz typisch ist für einen AFN-Radiomann.

Der Radiovirus hat sie in Uniform gepackt und nie wieder losgelassen. In der Zentrale in Südkalifornien arbeiten viele ehemalige Militärangehörige, die heute Zivilangestellte sind. Mit einigen konnte ich heute sprechen, die in Südkorea, Thailand, Afghanistan und eben Deutschland sendeten. AFN ist und bleibt ein Truppensender. Das Fernseh- und das Radioprogramm sind auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Und doch, „American Forces Network“ hat überall im Einsatz kulturelle Brücken gebaut. Hörer zum Englisch geführt, amerikanische Kultur und Leichtigkeit vermittelt, ganz ungewollt Werbung für amerikanische Grundprinzipien gemacht. Viele von uns hatten durch die Programme und die DJs von AFN ein positives Bild Amerikas mitbekommen.

Mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte wurden an vielen Orten, wie auch im Großraum Nürnberg, die Sendemasten abgebaut. Ohne die eigentlichen Hörer gab es keine Sendeberechtigung mehr für AFN Nuremberg. Doch die Programme, die Stimmen, das ausgestrahlte Amerikabild fehlt heute mehr denn je.

 

Der Mann in der Wüste brennt bald wieder

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Das „Burning Man“ Festival hat wieder begonnen. Seit letzte Nacht sind die Tore geöffnet, Zehntausende zieht es in die Wüste von Nevada, nordöstlich von Reno. Und gleich am ersten Tag gab es einen „White Out“, einen Sandsturm, der über Stunden anhielt, den feinen Staub auf der Playa aufwirbelte und alles einstaubte. Die Folge war, dass nichts mehr ging auf dem Gelände, das Eingangstor geschlossen werden musste und sich eine Endlosschlange von Burnern bildete.

BMIR – Burning Man Information Radio

Wie in jedem Jahr gibt es eine Webcam (siehe oben), die rund um die Uhr Live-Bilder vom Festival übermittelt. Gerade nachts sehr beeindruckend, was da in dieser einen Woche im Wüstensand vor sich geht. Dazu gibt es Radiostationen nur für diese sieben Tage, die live von der Playa senden. Und das sind Piratensender, die sich nicht an Regeln und Gesetze der Aufsichtsbehörde FCC halten müssen. Sie senden und sprechen über und spielen was sie wollen…das was zu höre ist, ist meist sehr unterhaltsam. Hier ist beispielsweise Burning Man Information Radio, BMIR, das Programm gibt einen guten Eindruck, wie schräg, schrill, schön „Burning Man“ sein kann. Ein 24 Stunden Informations- und Unterhaltungsprogramm für Burner vor Ort und weltweit vom Rande der Playa.

 

Fernab der alten Heimat

Ich bin an einem neuen Thema dran, das ich schon lange mal angehen wollte. Eine große Sendung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und die Bay Area. Über die Jahre habe ich immer mal wieder verschiedene geschichtliche Themen aufgegriffen, das reichte von den deutschsprachigen Hörfunksendungen über die deutsche evangelische Gemeinde bis hin zum Arbeiterbildungsverein in San Francisco, dem einzigen in den USA.

Und nun wird aus all diesen Interviews, gesammelten Dokumenten und Informationen eine große Radiosendung. Dafür war ich gestern im deutschen Altenheim in Oakland, einer Einrichtung, die 1890 gegründet wurde. Unter den Gründungsvätern waren viele einflussreiche deutsche Einwanderer, wie Adolph Sutro, Mortimer Fleischacker, Fritz Rosenbaum.

Die Geschichte der Deutschen in der San Francisco Bay Area geht bis auf die Anfangstage zurück. Während der Goldgräberzeit kamen Einwanderer wie Levi Strauss, die hier eine neue Heimat und Reichtum fanden. Interessant für mich sind vor allem die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, als in San Francisco das deutsche Haus gebaut wurde, die vielen deutschen Vereine blühten, es Versuche gab politischen Einfluss zu erlangen und es mit dem Erstarken des Nationalsozialismus in Deutschland auch hier an der amerikanischen Westküste eine Spaltung der deutschen Gemeinde gab.

Eine solche Sendung ist wie ein Puzzle, die vielen Einzelteile setzen sich am Ende zu einem Gesamtbild zusammen, wenn möglich zu einem klangvollen Hörbild. Es ist eine Spurensuche, bei der man immer wieder überrascht wird. So auch gestern im Altenheim, dort fand ich alte Programmhefte aus den 1930er Jahren, darunter eines für eine Aufführung des „Pacific Sängerbundes“ vom 20. September 1936. Diese Hefte belegen die bedeutende Rolle der deutschen Immigranten am Golden Gate. Und diese Geschichte sollte erzählt werden.

Die Faszination des Klanges

Zwei Bücher liegen hier vor mir, die sicherlich keine Bestseller sind. Sie kommen mit Begleit-Cds, auf denen es rauscht und knistert, manches ist nur schwer verständlich und doch es sind historische Tondokumente. Beide Bücher drehen sich um Wachszylinder Aufnahmen. „Waxing the Gospel – Mass Evangelism & The Phonograph“ und „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm-Archiv“ sind außergewöhnliche Bücher, die über die frühen Jahre der Tonaufzeichnung berichten.

Es waren Stimmen, die festgehalten wurden. Doch vor allem Musik der verschiedensten Kulturen, hier der amerikanische Gospel, dort die ethnologischen Aufnahmen von weitreisenden Forschern, die in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika ihre Geräte aufstellten. Es war eine Entdeckerzeit, eine neue Technologie wurde eingeführt und getestet. Beeindruckend vor allem die Feldaufnahmen mit „mobilen“ Aufnahmegeräten. Und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand die Ethnologen betrieben, um vor Ort im tiefsten Afrika Musik von unbekannten Stämmen auf Wachszylinder aufzuzeichnen.

Erstaunlich ist, dass all diese Tondokumente über die lange Zeit erhalten blieben und heute per mp3 File und auf CD für jeden zugänglich sind, der denn wirklich Hinhören will. Beide Bücher erzählen die Geschichten hinter den Aufnahmen und den Aufnehmenden, den Plattenfirmen, die hier frühzeitig einen Markt entdeckten. Sowohl „Waxing the Gospel“ wie auch „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm Archiv“ sind reich bebildert, bieten einen unglaublichen Einblick in diese kulturellen Schätze, die sicherlich lange Zeit vor sich hin gammelten und verstaubten. Diese Bücher sind eine Wertschätzung sondergleichen. Mit diesen Veröffentlichungen hauchen Archeophone Records und das Ethnologische Museum in Berlin den uralten Aufnahmen neues Leben ein. Es sind keine wissenschaftlich gehaltenen Texte, vielmehr ein interessanter Streifzug durch die Anfangszeiten der „Recording Industry“. Zwei sehr empfehlenswerte und klangreiche Bücher.

Happy Birthday Folkways

Vor 70 Jahren, am 1. Mai 1948, gründete Moses Asch Folkways Records. Seine Vision war „people’s music, spoken word, instruction, and sounds from around the world“ zu dokumentieren. Über all die Jahre ist ein Katalog von über 70.000 Tracks zusammen gekommen. Ich schreibe bewußt Tracks, denn es sind nicht nur Lieder, die noch immer alle veröffentlicht sind. Es sind oftmals Sounds, Tiergeräusche, Field Recordings und eben der unermessliche Schatz an Musik aus aller Herren Länder.

Nach dem Tod von Moses Asch 1987 wurde Folkways Teil des Smithsonian Institution Centers for Folklife and Cultural Heritage in Washington D.C. Die Zusage, die die Erben von Asch verlangten, war, dass alle Aufnahmen auch in Zukunft verfügbar waren, nicht nur die Perlen von Woody Guthrie oder Pete Seeger. Smithsonian stimmte zu und deshalb kann man auch noch heute die seltsamsten Aufnahmen aus dem reichen Schatz des Folkways Archivs erwerben, als Mp3 File oder als CD on demand. Auch andere Labels gingen so in das neue Smithsonian Folkways Recordings Label auf, darunter auch Arhoolie Records, gegründet von Chris Strachwitz, der 1947 aus Schlesien in die USA kam.

Vinyl, CDs, Mp3 Files. Folkways ist ein unglaublich reicher Klangschatz, ein tönendes Vermächtnis der Kulturen, das jedem offen steht. Eine hörbare Weltreise und ein Roadtrip durch die USA. Musik aus allen Teilen dieses Landes und von allen Einwanderern, die hier ihr neues Glück suchten. Hier wird die ganze Größe der Vereinigten Staaten von Amerika deutlich. Man kann dieses Label gar nicht genug loben, für mich gehört Folkways zu einer unglaublichen Bereicherung meines Musikverständnisses und meines Alltags. Oft sitze ich hier und höre mich durch die vielen Aufnahmen auf der Webseite des Labels, klicke von einer alten Platte zur nächsten und stoße dabei immer wieder auf faszinierende neue-alte Musik und ihre Geschichte.

Und dann pflegt Folkways nicht nur den geschichtlichen Schatz, sondern blickt auch nach vorne, veröffentlicht ganz neue Musik, immer aber unter dem Aspekt des kulturellen Wertes. Bestes Beispiel die Alben von Rahim Alhaj, einem Einwanderer aus dem Irak. Vor einigen Jahren besuchte ich das Label, um ein Interview mit Atesh Sonneborn zu führen. Er führte mich anschließend durch die Räumlichkeiten und in das Archiv von Folkways. Es war wie der Zugang in eine Schatzkammer. Die daraus resultierende Sendung, können Sie am Ende dieses Beitrags hören.

Smithsonian Folkways ist nun 70 Jahre alt und versucht seinen Platz in einer Musikwelt zu finden, in der sich die Hörgewohnheiten dramatisch verändert haben. Für vieles, was man auf Folkways veröffentlicht finden kann, braucht man Zeit, Ruhe und den Willen sich mit Musik und den kulturellen Wurzeln zu beschäftigen. Musik, das wird mir immer wieder klar, ist eine Sprache, die verbindend ist, wenn man sie denn wirklich hören will. Dieser globale Gedanke ist das wahre Vermächtnis von Moses Asch und seinen Folkways Records. Happy Birthday Smithsonian Folkways Recordings!

      Smithsonian Folkways 1

      Smithsonian Folkways 2

„Battleground Korea“ – so klingt Krieg

„Thank you dear god for victory in Korea“ singt Jimmie Osborne. Ein Lied aus dem Jahr 1950, das heute wohl kaum noch jemand kennt. Es ist eines von über 100 Country-, Blues-, Pop- und Gospel-Titel, die Bear Family Records für die Box „Battleground Korea – Songs and Sounds of America’s forgotten war“ zusammen getragen hat. Darunter sind viele obskure Songs, patriotische Lieder, Aufrufe, sich zum Kampf im fernen Korea zu melden. Musiker wie The Louvin Brothers, Fats Domino, Jean Shephard, B.B. King, Gene Autry und Dutzende anderer Künstler werden präsentiert. Umrahmt wird dieser Koreakrieg-Soundtrack von historischen Audioaufnahmen, wie Reden, Radioreportagen, Interviews und „Public Service Announcements“.

Bear Family Records ist mit dieser Box erneut ein Glanzlicht auf dem Plattenmarkt geglückt. Die vier CDs kommen mit einem umfangreichen Buch, in dem nicht nur der dreijährige Kriegsverlauf erklärt wird, sondern auch auf die Musiker, die Songs, das damalige Leben in den USA, der Heimatfront, eingegangen wird. Wie immer hat man sich im Hause Bear Family viel Zeit für diese Veröffentlichung genommen, Berichte, Fakten und viele, viele Bilder zusammen zu getragen.

Auf „Battleground Korea – Songs and Sounds of America’s forgotten war“ wird Geschichte erneut hörbar gemacht. Vor ein paar Jahren veröffentlichte das Label seine große und vielumjubelte Vietnam Krieg Box „Next Stop is Vietnam“. Nun folgt der Fokus auf die militärische Auseinandersetzung, die in den USA ins Vergessen geraten ist, die von vielen kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges offen abgelehnt wurde. Hier in den USA sieht man nur noch wenige Kriegsveteranen mit einer Mütze, einer Jacke oder einem Aufkleber auf dem Auto „Korean War Veteran“. Die Zeitzeugen sterben aus. Und doch, wie die jüngsten politischen Entwicklungen zeigen, der Koreakrieg ist auch nach 65 Jahren Waffenstillstand aktueller denn je. Die Bear Family Box kommt also zur rechten Zeit.

Die Frage ist lediglich, wer damit erreicht werden kann, erreicht werden soll? In einem Zeitalter, in dem minderwertige mp3 Files, soziale Medien, Schlagzeilen und Kurznachrichten den Alltag bestimmen, kann man sich nur wundern, wer sich die Zeit nehmen wird, in diese historische Klangreise einzutauchen, das umfassende Buch zu lesen, die Lieder auf sich wirken zu lassen. Das geht nicht im Schnelldurchlauf, nicht über ein Smartphone, nicht im Vorbeigehen, nicht in einem Tweet. Geschichtsverständnis braucht Zeit, das belegt diese Sammlung.

Es ist der Verdienst dieses kleinen Indie-Labels aus Holste-Oldendorf, immer wieder mit solch umfangreichen, beeindruckenden, wichtigen und historischen Boxen zu überzeugen. Einige davon verkaufen sich sicherlich nicht gut, wie mir Bear Familien Oberhaupt Richard Weize nach der Veröffentlichung von „Beyond Recall“ erklärte,  und dennoch lässt sich das Label nicht von seinem Kurs abbringen. Warum auch, Bear Family Records ist eines der wichtigsten Labels im Veröffentlichen von historischen Boxsets und musikalischem Dokumentieren, gerade im Country und Folk Bereich.

Ich sitze hier an einem sonnigen Samstagmorgen in Oakland in meinem Sessel und höre zu. Reportagen und Lieder, blättere dabei in dem Buch, sehe die vielen Fotos. Es ist bewegend, macht nachdenklich, die Koreakrieg Box ist lebendige Geschichte, ein Hörgenuss sondergleichen und mehr als empfehlenswert. Es ist ein wichtiges Zeitdokument in unserer schnelllebigen und viel zu leicht vergessenden Welt.

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Er erklärte UFOs, die „Twilight Zone“ und Big Foot

Der legendäre Radiomoderator Art Bell. Foto: Reuters.

Art Bell ist tot. Schon am vergangenen Freitag verstarb einer der ganz großen amerikanischen Radiomacher im Alter von 72 Jahren. Art Bell war kein Schreihals, kein politischer Talk Show Moderator, kein „Shock-Jock“. Art Bell war vielmehr der König der Nacht. Mit seiner unverkennbaren sonoren Stimme unterhielt er Woche für Woche Millionen von Zuhörern zu später Nachtstunde. Zwischen 1989 und 2003 täglich, danach noch weiter an Wochenenden ließ Bell die Hörerinnen und Hörer zu Wort kommen. In der Hochzeit von „Coast to Coast“ wurde die Sendung auf rund 400 Stationen im ganzen Land ausgestrahlt.

Wer in den 1990er Jahren nachts durch die USA fuhr, kam an dieser einmaligen Radioshow nicht vorbei. Mitten aus dem Nirgendwo in Nevada sendete Art Bell, schaltete seine Hörer zu, lud „Fachleute“ ein, die über alles sprachen, was es da draussen gab und nicht erklärbar erschien. Bells Stimme beruhigte in der Nacht, ihm glaubte man, wenn es um Außerirdische, um UFOs, um Kontakte mit Geistern, um grenzwertige Erfahrungen ging. Er lachte nicht über seine Anrufer, auch wenn diese die seltsamsten Geschichten erzählten.

Art Bell fragte nach, gab Hinweise, Denkanstöße. Lange bevor der Begriff „Fake News“ geboren war, wurden Vermutungen, Halbwahrheiten, Erfundenes, ja, Hirngespinste als Tatsachen, als erlebte Erfahrungen dargestellt. Und als Hörer geriet man zumindest ins Zweifeln, ob da nicht doch etwas um uns herum passiert, was man so einfach nicht erklären kann. Das war das Meisterwerk von Art Bell, der unaufgeregt und überzeugend allem nachging. Mitten in der Nacht wurde er zum vertrauensvollen Begleiter für Schlaflose, Reisende durch Zeit und Raum, Zweifler, Überzeugte des paranormalen Lebens. Area 51, die geheime Militärbasis in der Wüste von Nevada, war ein immer wiederkehrendes Thema. Sichtungen von UFOs, Kontakte mit Außerirdischen, spirituelle Grenzerfahrungen, Art Bell konnte mit allem umgehen.

Etliche seiner Hörerinnen und Hörer, Gäste seiner Show konnte ich einmal auf einem UFO-Kongress in San Jose treffen. Eine Frau, die schon mehrmals auf dem Mars war. Ein Doktor, der erklärte kleine Sonden aus Menschen herausoperiert zu haben, die Außerirdische dort eingepflanzt hatten. Kornkreisexperten, Geisterjäger, UFOlogen. Bei meinen Interviews musste ich an Art Bell denken und wie er mit diesen teils unglaublichen Geschichten umging: ernsthaft, nachfragend, interessiert. Und so bekam ich die wohl einzigartigsten Interviews meiner langen Radiojournalistenkarriere. 2003 übergab Art Bell seine nächtliche „Coast to Coast“ Sendung an George Noory. Bell selbst sendete am Wochenende weiter. Bis zuletzt meldete er sich aus der Einsamkeit Nevadas mit seiner Botschaft: The truth is out there!

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So klingt Nürnberg! Das neue Album von Earth Flight

Irgendwo im dichtgedrängelten Prog-Rock Olymp wird gerade ein Plätzchen frei gemacht. Denn was die Götter des Bombastsounds da im Himmel über dem Frankenland hören verzückt nicht nur sie. “Earth Flight” ist eine 2004 in Nürnberg gegründete Band, die nun ihr drittes Album vorlegt.

„Riverdragons & Elephant Dreams“ heißt die neue Platte der Nürnberger Band „Earth Flight“, die am 20. April erscheint.

“Riverdragons & Elephant Dreams” ist schlichtweg brillant, irgendwo zwischen „Marillion“ und „Porcupine Tree“ anzusiedeln. Und das sagt schon viel über die Qualität und den Sound aus. “Earth Flight” klingen dabei nicht wie eine Lokalcombo, die mal eben ihren Heroen nacheifern will. Hier spielt vielmehr eine Band, die problemlos neben den großen Namen bestehen kann. Perfekt produziert, leicht verspielt, doch immer konzentriert auf den eigenen Sound.

Und dann sind da eben diese bewegenden, farbigen Soundflächen, die von “Earth Flight” gekonnt wie Klangkünstler gefüllt werden. Nicht überbordend und zugeschwallt, vielmehr mal zärtlich und schleichend, um dann in einem orgiastischen Kollaps zu enden. So muss Progressive Rock 2018 klingen. Nicht angestaubt und der Vergangenheit zugewandt, sondern selbstbewusst und offen durch die Jahrzehnte des musikalischen Erbes wandelnd. “Riverdragons & Elephant Dreams” ist für mich eine der besten Alben “so far” in diesem Jahr. Die Latte liegt nun ziemlich weit oben!

Radio Goethe Hörer in den USA, Kanada, Polen, Slowenien, Afghanistan, Schweiz, Österreich und Deutschland können sich in den kommenden Wochen auf den „neuen“ fränkischen Sound freuen. Probehören und bestellen kann man das Album auf der Bandcamp Seite der Band. Die Record Release Party findet am kommenden Donnerstag, den 19.4., im MUZ-Club statt.