“Fuck you und dann bring dich um”

“I was made for….” sicherlich nicht “loving you”. Gene Simmons, seines Zeichens KISS Bassist, ist von sich mehr als überzeugt. Seit Jahrzehnten hat er zwar mit seiner Band kein akzeptables Album mehr veröffentlicht, doch ein Großmaul ist er noch immer. Er gibt zu allem und jedem seinen Senf dazu, egal, ob ihn fragt oder nicht.

KISS Bassist Gene Simmons: "Spring doch"

KISS Bassist Gene Simmons: “Spring doch.”

Simmons erklärte, Alkoholiker und Drogensüchtige heulten nur rum, hätten keinen “Arsch in der Hose” und wollten keine Verantwortung übernehmen. Der 64jährige weiter: “Sie meinen, “die Welt ist so schlecht. Meine Mutter war in einem Nazi Konzentrationslager”. Ich will den ganzen Scheiss von der schlechten Welt nicht hören. Und für einen 20jährigen, der in Seattle lebt und sagt, er sei depressiv. Fuck you und dann bring dich um”. Er sei derjenige, der schreit “Spring”, wenn er einen Selbstmörder auf einer Brücke stehen sehe.

Deutliche Worte eines gealterten Rockstars, der außer großen Worten nicht mehr viel zu melden hat. Sein Kollege, Motley Crue’s Nikki Sixx, meinte in seiner Radiosendung, dass er Gene Simmons zwar möge, aber der einfach nicht begreife, dass er eine Vorbildfunktion habe. “Da draußen ist ein 20jähriger, der KISS Fan ist und das liest und sich denkt; “Ja, er hat recht, Ich sollte mich einfach umbringen”. Sixx hoffe, dass Simmons nicht erst selbst den Freitod eines Familienmitglieds erleben müsse, um die Dinge anders zu sehen.

 

Spanien im Herzen – España en el corazon

Spanien im Herzen - Lieder des Spanischen Bürgerkrieges.

Spanien im Herzen – Lieder des Spanischen Bürgerkrieges.

Musik ist eine universelle Sprache. Man muß nicht unbedingt die Texte, die Sprache der Komponisten und Sänger verstehen. Musik spricht Gefühle an, drückt Emotionen aus. Hoffnung, Trauer, Wut, Freude, Liebe, Enttäuschung läßt sich klanglich umsetzen. Die CD Box “Spanien im Herzen” beinhaltet all das und noch viel mehr. Hier hört man Lieder des Spanischen Bürgerkrieges zwischen 1936 und 1939. Die noch junge spanische Republik kämpfte gegen den Franco Faschismus. Auf beiden Seiten der Fronten waren Deutsche im Einsatz. Hier die Internationalen Brigaden, dort die Legion Condor.

Der spanische Bürgerkrieg wurde künstlerisch in vielerlei Hinsicht thematisiert und aufgearbeitet. Und noch immer, fast 80 Jahre nach Ausbruch dieser “ersten Schlacht des Zweiten Weltkrieges”, faszinieren Bilder, Skulpturen, Erzählungen, Lieder. Ja, ihre Bedeutung und ihre Tiefe werden immer wieder aufs neue entdeckt. Picassos Gemälde “Guernica” oder Ernest Hemingways Roman “Wem die Stunde schlägt”, dazu die Aufnahmen von Pete Seeger und Ernst Busch sind nur einige Beispiele.

35.000 bis 40.000 Freiwillige aus 53 Ländern zog es nach Spanien. Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschaftler, Linke, die gegen den Faschismus ins Feld ziehen wollten. Darunter zahlreiche Künstler und Kulturschaffende, die aktiv zur Waffe griffen oder sich als Berichterstatter einsetzten. Auf den blutigen Schlachtfeldern entstand Jahrhundertkunst, die auch heute noch lebendig ist. Der “Mythos Spanien” wurde erzeugt, “zu dem sich Linksdenkende in aller Welt bis heute bekennen – auch mit dem Wissen, dass es sich hier am Ende um Kunst einer Niederlage handelt”, schreibt Jürgen Schebera in seinem Vorwort zu dieser umfassenden CD Box “Spanien im Herzen – Lieder des Spanischen Bürgerkrieges”, die nun bei Bear Family Records erschienen ist.

Auf 7 CDs kann man die Kampflieder von damals hören, die teils noch auf Schellackplatten aufgenommen wurden. Manchens knistert und knastert, doch das verleiht dem Zuhörer nur noch mehr das Gefühl, diesen Zeitsprung zu gehen. Die Mitglieder der Internationalen Brigaden haben diese Songs in alle Welt verbreitet. Hier findet man 120 Spanienlieder, teils sind sie bekannt, wie das von mir geliebte “Moorsoldatenlied”. Aber vieles ist unbekannt, vor allem die Lieder der republikanischen Armee. Es ist eine einzigartige Klangreise in ein Geschichtskapitel, dass im Rückblick auf das 20. Jahrhundert in Europa zu oft nur am Rande beachtet wird. Begleitet wird die Liedersammlung von einem umfangreichen und dreisprachigen Buch, in dem jedes Lied beschrieben, Zusammenhänge und Hintergründe erklärt werden. Dazu gibt es reichlich Bildmaterial, Fotografien und Plakate. Die DVD mit der Dokumentation “300 Juden gegen Franco” vollendet diese einzigartige Box.

Bear Family Records hat hier erneut ein historisches Meisterstück veröffentlicht. Im schnelllebigen Musikgeschäft zwischen digitalem Download, One-Hit-Wonders und sogenannten Talentshows läßt einen diese CD Sammlung in ihrer Größe lächeln. Es geht also doch noch. Man hört zu, man hört hin, man beschäftigt sich mit der Musik, mit der Geschichte, mit den Umständen, die zu diesen Liedern geführt haben. Eine wunderbare CD-Box, höchst empfehlenswert für all jene, die mehr wollen, als nur von Musik beschallt und abgelenkt zu werden, für all jene, die Musik als universelle Sprache erkennen.

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Das amerikanische Jahrhundert zum Hören

Troubadours - Folk And The Roots Of American Music

Troubadours – Folk And The Roots Of American Music

Die amerikanische Folk Music wird seit rund einhundert Jahren aufgezeichnet. Gitarre, Banjo, Mundharmonika, Gesang. Ganz schlicht, ganz einfach, doch umso ausdrucksstärker. Da wird nicht geschnörkelt, da wird nicht viel Zeit mit Solos verloren, da wird gesungen, um eine Botschaft zu vermitteln. Folk Music war die Grundlage für vieles, was wir heute hören. Einige Namen stechen heraus, wie Woody Guthrie, Pete Seeger, Bob Dylan oder Joan Baez. Doch es gibt viel mehr Stimmen zu entdecken.

Bear Family Records liefert mit der vierteiligen CD Serie “Troubadours – Folk and the Roots of American Music” eine umfassende Sammlung. Viermal drei CDs. Folk Music zum Eintauchen. Geschichten aus dem amerikanischen Jahrhundert. Vom Gewerkschaftskampf, der Wirtschaftskrise, den Kriegen und der Bürgerrechtsbewegung. Folk Music hat sich eingemischt, war zum hochpolitisch, hat Standpunkte bezogen, hat einen Soundtrack für das Leben am Rande des “American Dream” geliefert.

Diese CD Reihe ist eine fantastische Liedersammlung aus teils bekannten und noch mehr unbekannten Songs und Künstlern. Es ist eine Dokumentation, die zum Einmischen, zum Hinsehen, zum Nachlesen auffordert. “Which side are you on” zum Beispiel, ein Lied aus dem Jahr 1941, gesungen von den Almanac Singers. Dahinter steckten  Millard Lampell, Lee Hays, Pete Seeger und Woody Guthrie. Nur zwei Jahre lang existierte diese Formation, doch sie war Teil einer durchaus bedeutenden Anti-Rassismus, Anti-Kriegs und Pro-Gewerkschafts Bewegung in den USA. Im Rückblick auf die 40er Jahre wird das leider allzuoft übersehen. Amerika war (und ist) nicht nur Kriegsmaschinerie.

Die vierteilige Serie “Troubadours – Folk and the Roots of American Music” auf insgesamt 12 CDs, begleitet von umfangreichen Booklets fordert den Hörer richtiggehend dazu auf, sich mit diesem Teil der amerikanischen Geschichte zu befassen. Und es lohnt sich in vielerlei Hinsicht. Es ist eine etwas andere Lehrstunde, es sind diese Geschichten, die mich persönlich anziehen, begeistern. Manches rauscht, manches knistert, das macht gar nichts aus, ganz im Gegenteil, es bringt einem der Musik nur näher. Hier hört man die Wurzeln, hier kann man verfolgen, welche Einflüsse die frühen Pioniere, wie die Carter Family, auf die nächste und die übernächste Generation hatten.

Amerika, Deine Musik. “Troubadours – Folk and the Roots of American Music” ist ein wunderbares Geschichtsalbum zum Hören.

This is Country Music

Mary Gauthier

Eine Musikerin, die man hören sollte: Mary Gauthier

Mehr durch Zufall stieß ich vor einigen Jahren auf Mary Gauthier (Go-Schee). In einem Plattenladen fand ich in einer Ramschkiste eine ihrer CDs und da ich jemanden kenne, der “Gauthier” hieß, dachte ich, ich nehme das Album mal mit. Gefunden habe ich eine Sängerin und Musikerin, die sehr persönliche Lieder schreibt, die ihr turbulentes Leben musikalisch verarbeitet, die auf der Suche nach Sinn, Inhalt, ja, Halt ist.

Als Mary Gauthiers Album “Mercy Now” erschien, war ich zutiefst beeindruckt. Eine Platte der Extraklasse. Der Titelsong und “Falling out of love” sind wunderschöne Lieder, die man einfach hören, genießen, wirken lassen muß.

Und nun legt Mary Gauthier ihr neuestes Album vor; “Trouble & Love”. Es ist erneut eine sehr persönliche Platte, ganz schlicht, leise, behutsam. Mary Gauthier singt mit ihrem Akzent des amerikanischen Südens. Sie öffnet ihr Herz, läßt den Hörer teilhaben an ihrem Lebensweg. Es ist Country, es ist Folk, es ist zärtliche Musik. Gauthier bekennt sich zu ihren musikalischen Wurzeln, gesteht immer wieder ein, dass Musik für sie ein Weg der Verarbeitung ist. Hier geht sie auf, es ist ein Akt der Offenbarung. Sie macht sich angreifbar, zeigt ihre Verletzlichkeiten, ihre Narben. Und dennoch hat man als Hörer das Gefühl, dass hier eine starke Frau singt. Ehrlich, kraftvoll, überzeugt.

Mary Gauthiers Album "Trouble & Love"

Mary Gauthiers Album “Trouble & Love”

“Trouble & Love” ist ein wunderschönes Country Album fernab der meist belanglos, langweiligen Charts. Country hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Man denkt da an fahenschwingende Patrioten in Pick up Cars, Wrangler Jeans und Cowboyhut. Doch Country drückt einen Teil der USA aus, wie es kein anderes Genre schafft. Es erzählt von den Weiten des Landes, den Hoffnungen, den Träumen. Doch auch von Verlusten, dem Scheitern, dem Abgesang auf den American Dream. Country Musik ist oftmals politisch und das nicht nur, wie fälschlicherweise gedacht wird, im pro-amerikanischen Sinne.

All das zeigt Mary Gauthier in ihrer Musik. Sie singt von ihren Problemen als Alkoholikerin, von ihrer langjährigen Suche als Findelkind nach Liebe und Nähe, von den Schmerzen persönlicher Erfahrungen und Verluste, sie fordert ein bißchen “Mercy Now” für Amerika.

Zehn Jahre lang habe ich viel Country und Folk Musik für das Inflight Radio Programm der Lufthansa durchgehört. Mary Gauthier ist eine dieser Musikerinnen, die mich irgendwie erwischt hat, die mir Country nahe gebracht, die mich zu einem Country Fan gemacht hat. Und nein, ich höre noch immer kein Truck Stop und auch keine Country Charts. Es ist vielmehr genau diese Musik, die Gauthier auf ihrer Platte “Trouble & Love” präsentiert. Musik, die handgemacht ist, die Lebensgeschichten erzählt, die sich zu den reichen Wurzeln des Country bekennt. Die eine verletzliche Musikerin zeigt, die genau dadurch auch mich als Hörer anspricht, zum Nachdenken bringt, mich emotional erreicht. “Trouble & Love” ist ein amerikanisches Album, eine Platte, die man 2014 unbedingt hören sollte, um Amerika in diesen stürmischen Zeiten auch mal anders zu erleben.

“Another Train” ist aus Mary Gauthiers neuem Album “Trouble & Love”:

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“Falling out of love” ist eines meiner Lieblingslieder, und das nicht nur von Mary Gauthier:

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GI’s in Germany

A GI's Germany, Platte für die US Streitkräfte in Deutschland.

“A GI’s Germany”, LP für die US Streitkräfte in Deutschland in den frühen 60er Jahren.

Schon seit langem wollte ich mal wieder im Plattenladen von Arhoolie Records vorbeischauen. Der “Down Home Music Store” liegt in El Cerrito, neben Berkeley, und ist im selben Gebäude, wie das von Chris Strachwitz gegründete Label, untergebracht. Gestern hatte ich Zeit und fuhr vorbei. Ein Plattenladen ganz nach meinem Geschmack. Weltmusik und Folk, Country und Jazz CDs. Und dann im Nebenzimmer Vinyl. Altes, sehr altes, obskures. Der Geruch im Raum ist einzigartig, schwer zu beschreiben für jemanden, der noch nie auf Plattenjagd war.

Und natürlich wird man hier fündig. Mich zog es zur Regalwand mit den internationalen Aufnahmen. Dort unter “Germany” fand ich gleich ein paar Platten. “A GI’s Germany” Vol.1 und Vol.2, zwei LPs, die Anfang der 60er Jahre von den amerikanischen Streitkräften herausgegeben wurden. Darauf Klänge aus Deutschland. Musik, Bierhallen, Kirchenglocken und auch militärische Sounds, wie vom Trainingsgelände in Grafenwöhr. Es ist eine Art Dokumentation für Neuankömmlinge, was auf sie in Deutschland wartet. Und dann auch ein klangreicher Rückblick für all jene Soldaten, die in der Bundesrepublik stationiert waren. Ein besonderer Hörgenuß, irgendwie vertraut und dann doch so schräg-seltsam-schön. Hier kann man beide Platten online hören.

100 Jahre deutsches Arbeiterlied

100 Jahre deutsches Arbeiterlied

Und dann fand ich auch noch eine 1973er Platte “100 Jahre Deutsches Arbeiterlied”, eine Dokumentation veröffentlicht auf dem DDR Label “Eterna”. Der Journalist und Sprecher Hans Jacobus erzählt, ganz im Stil und im Sinn der kommunistischen Führung in Ost-Berlin, die Geschichte des Arbeiterliedes. Viel Musik ist zu hören, Kampflieder, Anti-Faschismus Songs, Lieder des Proletariats, Solidaritätsgesänge. Diese Doppel-LP ist ein Zeitdokument in zweierlei Hinsicht. Das Thema Arbeiterlied und dann auch die kommentierte DDR Veröffentlichung.

Und all sowas findet man in den USA, in Kalifornien, in El Cerrito. Es ist immer wieder erstaunlich, was man hier in die Hände bekommt. Und an Buch- und Plattenläden kann ich einfach nicht vorbei gehen. Wie könnte ich auch, bei solchen Schätzen.

Jazz Tunes hinter dicken Mauern

Zur Zeit arbeite ich an einer “Langen Nacht” für den Deutschlandfunk. Thema ist das älteste kalifornische Gefängnis in San Quentin. Geschichte und Geschichten, und die gibt es zuhauf. 1852 wurde das Gefängnis an der San Francisco Bay, gleich  hinter Angel Island, eröffnet. Dort ist auch die kalifornische “Death Row” untergebracht, dort hat Johnny Cash wohl eines der bekanntesten Live-Konzerte überhaupt gespielt.

San Quentin BandDoch es gibt noch viel mehr über San Quentin zu berichten. Seit Monaten recherchiere ich und bin u.a. auf zahlreiche Musiker gestoßen, die dort inhaftiert waren. Henry Cowell war ein amerikanischer Komponist, der in den 30er Jahren ein paar Jahre in San Quentin einsass und dort Musik schrieb. Tief bewegende Kompositionen, die er in seiner kleinen Zelle zu Papier brachte.

Anfang der 40er Jahre formierte der damalige Gefängnisdirektor, Clinton Duffy, eine Big Band, die sogar eine wöchentliche Show auf einem Lokalsender in San Francisco hatte. Viele bedeutende West Coast Jazz Musiker, wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon und andere waren für ein paar Jahre in San Quentin, verurteilt zumeist für Drogenkonsum. Die Heroinabhängigkeit war in den 40er und 50er Jahren weit verbreitet in Musikerkreisen. Und diese bekannten Namen spielten in den 50er und 60er Jahren hinter Gittern zusammen.

Gestern interviewte ich Ed Reed, einen Jazz Sänger, mittlerweile 85 Jahre alt. Auch er war Teil der vielgelobten San Quentin Jazz Band, die regelmäßig innerhalb der Mauern für Gäste und Besucher auftrat. Nun bin ich auf der Suche nach alten Aufnahmen, Mitschnitten der KFRC Sendungen aus den frühen 40er Jahren und von den Auftritten der Jazz Band um Frank Morgan und Art Pepper. Bislang vergebens. Mal sehen, ob und was sich noch finden läßt.

Heute fahre ich für eine ganz offizielle Tour und ein paar Interviews rüber nach San Quentin. Es wird eine umfangreiche Sendung, eine wahrliche “Lange Nacht”, die viele Seiten des weltbekannten Gefängnisses ausleuchten wird. Geschichte und Geschichten…wo fange ich da nur an?

“That man, Hugh Tracey”

Trommeln, Flöten, Zupfinstrumente. Kalebassen, Bambus, verschiedene Holzarten. Und immer wieder ein Singsang, den man als westlicher Zuhörer nicht verstehen kann. Hugh Tracey hat in 50 Jahren Hunderte von Liedern und Rhythmen in Afrika zusammen getragen. Seit Anfang der 30er Jahre fuhr er mit einem umgebauten Kastenwagen durch das südliche und östliche Afrika, von Südafrika hoch bis in den Südsudan. Tausende von Kilometern legte er auf  Straßen, Sandpisten und Steppenboden zurück, um den musikalischen Schatz des Kontinents aufzuzeichnen.

Unterstützt wurde er immer mal wieder von Stiftungen, die seine kulturelle Arbeit wertschätzten. Hugh Tracey gründete in den 50er Jahren die “International Library of African Music” ILAM, die noch heute existiert und an der südafrikanischen Universität in Grahamstown angegliedert ist. Dort findet man all seine Acetat Platten und Tonbänder, die er auf seinen Reisen bespielt hat. Dort sind auch die Instrumente gelagert, die Hugh Tracey über die Jahre gesammelt  hat. Dort kann man auch seine Notizen einsehen, die er auf seinen Exkursionen über Musiker, Lieder, Inhalte und Instrumente gemacht hat.

Der Engländer, der schon in den 20er Jahren nach Süd-Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe, auswanderte, machte die afrikanische Musik zu seinem Lebenswerk. Ohne Zweifel hat er einen wahren und einmaligen Musikschatz bewahrt. Musik, die heute wohl längst vergessen wäre, wenn er sie nicht unter großen Mühen und Anstrengungen aufgezeichnet hätte, wie Aufnahmen vom Königshof in Ruanda. Doch die Frage muß erlaubt sein, war es das wert? Hugh Tracey veröffentlichte in den 50er Jahren eine eher wissenschaftliche 210 umfassende LP Reihe mit seinen Aufnahmen. Damit richtete er sich an Ethnologen, an Bibliotheken und Universitäten auf der ganzen Welt. Kurz darauf brachte Tracey eine weitere Plattenserie heraus, 20 LPs unter dem Titel “Music of Africa”. Die wissenschaftliche Reihe gab es in einer Kleinstauflage, die eher populär gedachte Serie verkaufte sich im einstelligen Tausenderbereich. Hugh Tracey wurde dadurch etwas bei Jazz Trommlern und Beatniks bekannt.

Doch das war in den 50er Jahren. Der Holländer Michael Baird, geboren in Sambia, hat vor einiger Zeit auf seinem Label SWP Records eine neue Reihe mit Hugh Traceys Aufnahmen veröffenlicht. Er hat die alten Bänder von ILAM ausgewertet und digitalisiert. 22 Cds sind das Ergebnis. Michael Baird ist ein Liebhaber der afrikanischen Musik, er wollte diesen Musikschatz einer neuen Hörerschaft eröffnen, erklärt er. Doch auch er muß zugeben, dass sich jede seiner Cds gerade mal 2000fach verkauft hat.

Hinzu kommt, dass es in Afrika so gut wie keine Archive, Bibliotheken, Sammlungen gibt, die Kultur bewahren. Die jungen Musiker greifen lieber zur Gitarre, spielen Hip Hop, Reggae oder christliche Gospel Musik. Der alte Kram interessiert sie nicht. Die Cds von SWP Records mit Aufnahmen ihrer Vorväter und –mütter kann man in Afrika nicht finden, schon gar nicht kaufen. Ist das bewahren von Musik nur eine westliche Erfindung? Ist Musik vielleicht nur ein vergängliches Kulturgut, dass nach einer bestimmten Zeit vergessen und durch neues ersetzt werden kann?

Ich hoffe es nicht. Musik hat eine besondere Bedeutung im zwischenmenschlichen Leben der Menschen. Egal ob in Afrika, Europa oder sonstwo. Musik ist wohl die einzige globale Sprache, die jeder verstehen kann, der mit offenen Ohren hinhört. Von daher sind Sammlungen, wie die von Hugh Tracey, von größter Bedeutung, denn sie dokumentieren einen Teil Afrikas, der die Menschen in ihrem Alltag zeigt. Es geht nicht um Krisen, Kriege, Korruption, es geht vielmehr in diesen Liedern um die Grundlagen der verschiedenen Kulturen. Um die Gegenwart zu verstehen, um die Zukunft zu meistern, muss man die Vergangenheit bewahren. Musik ist dabei ein kleiner, doch durchaus wichtiger Teil.

Sendung im Schweizer Rundfunk über Hugh Traceys einmalige Sammlung

“Hello, I’m German”

Deutsch ist weit verbreitet in den USA. Das ist nichts neues. Immer wieder treffe ich hier Menschen, die mich erst aufgrund meines Akzents fragen, woher ich komme, um mir dann zu sagen, sie seien auch Deutsche. Na ja, nicht direkt. Ur-Urgroßmutter kam von dort. Woher? Keine Ahnung “somewhere from the Rhine river”. Andere erklären ganz klar, dass sie ein Fünftel Deutsche seien. Was das nun bedeutet, habe ich bis heute noch nicht rausgefunden. Deutsch sein ist also weit verbreitet in den USA und steht für alte Werte.

Nun hat das Slate Magazin die Daten einer Umfrage ausgewertet, in der es auch um die Sprachen geht, die in amerikanischen Haushalten verbreitet sind. Die beiden Hauptantworten waren klar: Englisch, Spanisch. Doch an dritter Stelle wurde oftmals Deutsch genannt. Slate hat daraus die Drittsprachen auf die USA Landkarte übertragen. Nach wie vor ist Deutsch also in jenen Teilen Amerikas zu finden, in denen sich die Einwanderer jahrhundertelang sesshaft gemacht haben.

Die Aussage, man spricht Deutsch, sagt allerdings nichts darüber aus, ob man mehr sagen kann als “Prost” oder “Bratwurst” auf dem lokalen Oktoberfest. Ist ja auch Deutsch, von daher, ich kann ja auch Türkisch, zumindest bis 10 zählen, “Merhaba, “Güle Güle” und “Inschallah” sagen. Und doch, viele Amerikaner sehen nach wie vor ihre (Teil)Wurzeln im Deutschen. Die deutsche Sprache ist dennoch in den USA am Aussterben. Universitäten und High Schools im ganzen Land schaffen immer öfters ihre Deutschprogramme ab. Die Teilnehmerzahlen an Deutschkursen sinken, die Einrichtungen müssen sparen, mit einem Rotstift ist alles vorbei. Deutsche Radioprogramme und Zeitungen werden dicht gemacht, die Hörer- und Leserschaft stirbt aus. Man versucht zwar von Seiten der Botschaft, der Konsulate und der Goethe-Institue gegen zu steuern, doch wenn sogar der deutsche Auslandssender “Deutsche Welle” seine deutschsprachige Berichterstattung ganz einstellt und die mit Steuergeldern geförderte “Intitiative Musik” keine deutschsprachigen Bands in den USA präsentieren will, dann ist das eine klare Ansage. Deutsch ist nicht mehr zeitgemäß.

Inflight Radio wird geradliniger

Als freier Journalist baut man sich im Laufe der Jahre einen Bauchladen auf. Das war und ist bei mir nicht anders. Ich arbeite für verschiedene Radiosender und ein paar Zeitungen, allen voran die Nürnberger Zeitung. Und daneben gab es noch andere Projekte, mit denen ich meinen Unterhalt verdiente. Eines davon war seit Anfang 2005 die Country, Folk und Americana Sendung im Inflight Radio der Lufthansa. Eine Zweistundensendung, zweisprachig moderiert, die weltweit auf allen Langstreckenflügen der Kranich Airline zu hören war. Das Schöne daran war, dass ich die Freiheit hatte, die Playlisten selber zu bestimmen. Ein paar verständliche Auflagen gab es, wie keine “F-Bombe” zu spielen oder Songs zu bringen, in denen es um Katastrophen, Flugzeugabstürze oder Massenunfälle ging. Ansonsten hatte ich alle Freiheiten dieser Welt.

Das hieß für mich, dass ich neben vielen, vielen Independent Musikern und Bands aus den USA, Kanada, England, Schweden auch deutsche Gruppen und Musiker bringen konnte. Ich mußte nicht auf die Hitparaden und Billboard Charts blicken, ganz im Gegenteil, die Lufthansa wollte ein Country Klangbild fernab des Herkömmlichen haben. Ich konnte so immer vorab über das Nürnberger Bardentreffen berichten, lokale Bands mit ihren aktuellen Veröffentlichungen, wie Smokestack Lightnin’ und Ski’s Country Trash, und selbst “Lazing at Desert Inn” von den Shiny Gnomes spielen, persönliche Favoriten, wie Infamis, bringen und vor allem auf die vielseitige, interessante und spannende Country, Folk und Americana Szene in Deutschland verweisen. In jeder Sendung kamen etliche deutsche “Acts” zum Zuge.

Ich schreibe in der Vergangenheit, denn damit ist nun Schluß. Nach über neun Jahren hat sich das Lufthansa Management dazu entschlossen, eine neue Produktionsfirma zu beauftragen. Kosteneinsparungen werden angeführt, die allerdings im mimimalsten Promillebereich anzusiedeln sind. Und die neuen Macher erfinden das Rad neu. Die Sendungen werden wohl nicht mehr moderiert werden, einfacherweise sollen nur noch CDs abgespielt werden. Wahrscheinlich wird es so laufen, wie bei anderen Airlines auch, die großen Plattenfirmen werden sich ihre Sendeplätze erkaufen. Damit geht ein kleines, aber bedeutendes musikalisches Inselreich verloren. Rückmeldungen, die ich über die Jahre erhielt, kamen aus aller Welt. Es wird geradliniger, Ecken und Kanten sind im “Radio” nicht mehr gewollt. Fazit ist, über den Wolken war die Freiheit für einen Programmmacher mal grenzenlos.

 

Meine erste Schallplatte

Vor ein paar Jahren packte ich meinen Container mit den letzten Habseligkeiten und Besitztümer, die ich noch in Nürnberg gelagert hatte. Darunter auch etliche Boxen mit Schallplatten, die ich jahrelang vermisst hatte. Die stehen nun wieder hier im Regal, darunter teils obskure Sachen, wo ich mich beim Anblick frage, wie ich nur dazu gekommen bin. Meine erste Vinyl Single war der Eurovisions Hit von Dschinghis Khan “Dschinghis Khan”, gekauft hatte ich die damals in Dortmund-Mengede. Meine erste Langspielplatte war “The best of Abba”, erworben in der Plattenabteilung von Hertie. Mein Bruder meinte damals zu mir, “das wirst Du später bereuen”. Na ja, lange Zeit stand sie dann da ungehört rum, vor allem in der Zeit, als ich mehr auf Rockmusik zwischen AC/DC, Kiss, Saxon und Uriah Heep stand. Aber mittlerweile finde ich Abba gar nicht mal so schlecht.

Doch damit fing vor fast 35 Jahren alles an. Im Laufe der Zeit hat sich hier einiges angesammelt.  Noch immer kaufe ich Vinyl, noch obskurere Aufnahmen als damals. Hauptsächlich uralte deutsche Aufnahmen, die man hier gelegentlich in Plattenläden (!) findet, oder aber historische “Recordings”, alte Reden, Theateraufführungen, geschichtliche Ereignisse. Also, meine Schallplattensammlung wächst noch.

Warum ich das schreibe? Morgen ist “Record Store Day”. Viele Bands, die Vinyl lieben, veröffentlichen an diesem Tag spezielle 45er oder 33er. In den Plattenläden treten Musiker auf, man zelebriert die Schallplatte. Sammler tauschen sich aus, berichten von ihren besonderen Juwelen in den Regalfächern. Vor allem liebt man den Klang der Vinylplatte, der anders, der viel besser ist, als jede mp3 File.

Wenn ich über Schallplatten rede, dann erinnere ich mich an damals (ich bin ja so alt!). Wie ich in Nürnberg zwischen Radio Adler, WOM, Music Shop, Goofy, Francoise, Phonac, Karstadt rumgelaufen bin, um die eine oder andere Platte etwas billiger zu finden. Man kaufte eine LP nicht wie heute einen Download. Man zelebrierte das, man sparte auf den Kauf, schaute sich das Plattencover genauestens an, las die Songtexte durch, hörte sich das Album von vorne bis hinten an und tauschte sich dann mit anderen darüber aus. Plattensammeln gehörte für mich zu meiner Jugend, wie das Handballspielen.

Und nun wird eben genau das Jahr für Jahr beim “Record Store Day” gefeiert. Schon alleine der Geruch in einem “Used Record Store”…. Ein schönes Ereignis, ich hoffe, am Samstag sind auch in Nürnberg und woanders die Plattenläden gut besucht, denn Vinyl ist einzigartig.