Und Tanz den Mussolini

DAF, die Deutsch Amerikanische Freundschaft, war für mich wie gemacht. Als ich an jenem Samstagmorgen 1996 im kleinen Sendestudio von KUSF San Francisco on-air ging, war das mein Ansatz. „Der Mussolini“ lief, die Deutsch Amerikanische Freundschaft forderte San Francisco zum Tanzen auf. Die Platte war eine der paar wenigen deutschen Platten im Vinyl Archiv des Collegesenders. Daneben gab es noch Kraftwerk, Can, Faust, die Einstürzenden Neubauten. Und diese Liste allein drückt schon aus, welchen Stellenwert DAF gerade in den USA haben. Sie stehen für die Weiterentwicklung des geliebten Krautrock Sounds. Es kratzte etwas, aber egal, hier ging es um die Message. Der DAF-Beat setzte den Ton für das, was da für mich kommen sollte.

Nach 21 Jahren produziere ich noch immer Radio Goethe und das Duo Gabi Delgado-Lopez und Robert Görl ist nach wie vor mit dabei. Ihre Musik wird für mich nicht alt, ganz im Gegenteil, DAF sind zeitlos gut, diese ersten Scheiben werden für mich immer besser und wichtiger. Ihr minimalistischer Sound, ihr provokanter Beat, ihr Sprechgesang, ihre scheinbar banalen Texte sind einzigartig. Nun bringt Grönland Records die vier ersten DAF-Alben in einer Box heraus. Schlicht und einfach sieht sie aus: DAS IST DAF. Kein Gefrille, kein Extrakram, kein Gehudel. Hier wirkt nur die Musik, direkt und auf die 12.

Was DAF auf diesen vier Alben zwischen 1980 und 1982 aufgenommen haben war bahnbrechend. In Deutschland wurden sie durch die Neue Deutsche Welle bekannt, aber sie passten genausowenig zur Party- und Mitsingmucke einer Nena, Markus, Hubert Kah und Frl. Menke, wie die Einstürzenden Neubauten. Aber der NDW Hype ermöglichte DAF, dass sie auch außerhalb eines kleinen Fankreises wahrgenommen wurden. Heute, im Rückblick, finde ich immer wieder neue und leider lange Zeit übersehene und überhörte Perlen aus dieser Zeit. Und auch DAF lerne ich mit jedem mal ganz neu kennen und lieben. Diese vier Platten stehen für die Zeit, in der sie entstanden. Wild und doch so deutsch. Minimal und dennoch komplex. Scheinbar banal, aber eigentlich voller Tiefe. Ausbruch und Aufbruch im Geradeaus.

Die Deutsch Amerikanische Freundschaft war Provokation. Ihr Militär-Fetisch Auftreten, ihr Hit „Der Mussolini“, in dem neben dem Duce, auch Jesus Christus und Adolf Hitler getanzt wurden, waren kaum annehmbar in einer Zeit, in der Helmut Kohl seine Kanzlerschaft begann. Man wußte nie so genau, was man an diesem Duo hatte, wie man Görl und Delgado einordnen sollte. Aber das war gewollt. Undurchschaubar hämmerten sie sich durch diese deutschen Wechseljahre. Die Grönland Box ist eine Hommage an eine der bedeutendsten und wichtigsten deutschen Gruppen überhaupt. Ihr Einfluß weltweit wird beim Durchhören dieser vier Platten ganz deutlich. Anders gesagt – und das wird nun so manchen deutschen Kulturpolitiker und -experten zur Weißglut treiben – die Deutsch Amerikanische Freundschaft wurde mit ihrem besonderen Sound zu wichtigen Kulturbotschaftern Deutschlands. Das ist Völkerverständigung. Das ist DAF!

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Der Muskelmann erklärt die Welt

In den über 20 Jahren Radio Goethe habe ich viel Musik aus deutschen Landen gehört. Das reicht von Krautrock bis Techno, von Rock bis Pop, von Mittelalter bis Gothic und noch so einiges mehr. Vieles hat mich begeistert, anderes läuft so nebenher, etliches war dann doch nichts für mich. Aber Geschmack ist ja was sehr persönliches.

Und irgendwann lag da diese CD auf meinem Schreibtisch, die aus Europa, über den Großen Teich, quer über Nordamerika hinweg nach Oakland geschickt wurde. Darauf ein muskelbepackter, Oberkörper freier, Pfeifen rauchender Kerl, mit einer komischen Gummihornmütze: Rummelsnuff. Ich glaube, das Album wurde mir von Ray van Zeschau zugeschickt, der vor vielen Jahren gemeinsam mit Roger Baptist, so der bürgerliche Name vom Rummelkäpt’n, in der Dresdner Indie-Kultband „Freunde der italienischen Oper“ musizierte.

Rummelsnuff erinnert, bewußt oder unbewußt, an Popeye. Seine Lieder behandeln oftmals Arbeiterthemen, sind mal ganz einfach gestrickt, minimal, wie jene Hymnen des Dadada Trios, und werden so auf ihre Weise zu genialem Liedgut. Und es wird dennoch immer mal wieder eine unglaubliche musikalische und auch sprachliche Tiefe erreicht. Der Gesang ist so schräg-schön, dass er mitreißt. Seit dieser ersten Promo-CD verfolge ich die Karriere des singenden Kraftpakets und beschalle mit seinen Liedern gerne die durchaus gewillte Radio Goethe Gemeinde in aller Welt.

Doch über die Musik soll es hier nicht gehen, vielmehr über das nun in der Eulenspiegel Verlagsgruppe erschienene „Rummelsnuff – Das Buch“. Darin erzählt Roger (Ostdeutsch ausgesprochen) Baptist seinen Werdegang. Mal näher und offen, mal nur andeutend und ausweichend. Ein Buch mit vielen Bildern bereichert, das sich um Musik, Kraftsport, Freundschaften, um Jobs aller Art und einen unendlichen Glauben an die eigene Schaffenskraft und Kreativität dreht. Rummelsnuff schreibt über sich in der dritten Person. So, als ob er auf sein Leben blickt und sich als Teilnehmer eines großen und unvollendeten Filmes wahrnimmt.

Den Mann und Musiker, der oftmals von Kritikern und Alltagsmenschen belächelt wird, bei dessen Anblick viele fragen, ob das alles nur Show ist, stellt sich hier in einer etwas anderen, unkonventionellen und dennoch lesenswerten Art vor. Unter den dicken Muskelbergen steckt ein sensibler Mann, der manchmal etwas umständlich die Dinge beschreibt, doch gerade das macht ihn aus. In seinen Liedtexten über Pumper, Harzer Käse, Seemänner, in seinen Interviews, in diesem Buch. Der Rummelkäpt’n ist schon seit Jahren für mich eine Bereicherung für die deutsche Musikszene und nun auch für das Regal: Musikerbiographien der etwas anderen Art.

Die Aushöhlung des Rundfunks

Schon seit Jahren ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den USA unter Beschuß. Bereits 1995 fragte der damalige Sprecher des Kongresses, Newt Gingrich: „Soweit ich das sehe, ist dabei nichts öffentlich. Es ist vielmehr ein elitäres Unternehmen. Rush Limbaugh ist öffentlicher Rundfunk“. Gingrich und andere Rechtsaußenpolitiker der Republikaner versuchten immer mal wieder öffentliche Gelder für die „Corporation for Public Broadcasting“ (CPB) zu kürzen, mit dem Ziel dem Fernsehnetwork PBS (Public Broadcasting Service) und NPR (National Public Radio) den finanziellen Hahn zuzudrehen. Beide, PBS und NPR, seien zu links, hieß es.

Nun, mit der neuen Adminstration im Weißen Haus, scheinen die Republikaner all ihre alten Listen vorzukramen, was sie denn tun könnten, um die USA tatsächlich mehr nach rechts rutschen zu lassen. Kritischer Rundfunk und Fernsehen, das nicht ihren Meinungen entspricht, soll da gestrichen werden. Die Sesamstrasse ist christlichen Fundamentalisten schon lange ein Dorn im Auge. Deren Verbreitung von Akzeptanz, Inklusion, dem Feiern des Andersseins passt nicht in das elitäre Bild eines weißen bibeltreuen Südstaatlers, der lautstark die San Francisco und New York Werte ablehnt. Und NPR ist für sie nicht viel besser, kritische – und in meinen Ohren – durchaus ausgewogene Berichterstattung, wird als sozialistische und Demokraten-Propaganda wahrgenommen.

In Trumps Haushhaltsplan sollen nun also 445 Millionen Dollar gestrichen werden. Damit, so hofft es der Autor des Vorschlags, der republikanische Abgeordnete Doug Lamborn aus Colorado, werde endlich der linksliberale Ätherdschungel bereinigt. Doch was Lamborn übersieht ist, dass nur ein geringer Teil dieses Betrages direkt an NPR und PBS geht. Das Radio Network bekommt aus diesem Topf weniger als ein Prozent. Die Kollegen vom Fernsehen weniger als sieben Prozent. 99,3 Prozent dieser 445 Millionen Dollar wird über Fördermaßnahmen an lokale Sender in den 50 Bundesstaaten weitergegeben. Damit werden dann lokale Programme finanziert, aber auch der Einkauf von Mantelprogrammen aus dem Angebot von PBS und NPR. Lamborn und mit ihm Trump vernichten also in ihrem Feldzug gegen die öffentlich-rechtlichen Networks den lokalen Rundfunk und das lokale Fernsehen. Im Gespräch ist nun auch, das ein Gesetz verhindern soll, dass lokale Sender öffentliche Gelder für die Programme von PBS und NPR ausgeben dürfen. Eine heikle Forderung, die sicherlich nicht einfach so mal durchgewunken werden wird.

Der öffentliche Rundfunk in den USA ist nicht vergleichbar mit dem in Deutschland. Auf der Frequenzskala sind die Sender vor allem links zu finden. Es sind Lokalsender, die teilweise, wie KQED in San Francisco, durch Hinzukauf von kleineren Relaystationen zu Regionalsendern geworden sind. Und diese Stationen produzieren eigene Programme und kaufen Mantelprogramme wie die „Newshour“ von PBS oder „Morning Edition“ von NPR hinzu. Neben diesen beiden Networks gibt es noch weitere Produktionsplattformen wie „American Public Radio“ oder auch „Public Radio Exchange“, die ebenfalls Programme an Lokalsender liefern.

Neben den bei PBS und NPR organisierten Stationen, senden auch unzählige von unanbhängigen Sendern wie KWMR in West-Marin oder KKUP in Cupertino. Diese produzieren nur eigene Programme und finanzieren sich aus Spendengeldern der Hörer. Hinzu kommt das „Pacifica Network“, ein Verbund mehrerer Radiosender, der aus der Pazifisten Bewegung im Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Und auch die Collegesender im ganzen Land können als öffentlicher Rundfunk betrachtet werden, denn sie sind oftmals Community Stationen, die fest in ihren Kommunen verankert sind. Ganz zum Schluß gibt es auch die Piratensender, eine Senderbewegung, die den Grundsatz verfolgt, die Frequenzen gehören allen. Zum Senden brauche man keine Lizenz. Radiomachen sei „Freedom of Speech“.

Dieser neue Versuch, PBS und NPR in ihrer Verbreitung zu beschränken oder gar zu zerstören, zeigt ganz deutlich, welchen politischen Weg die USA unter Donald Trump eingeschlagen haben. Nun wird alles daran gesetzt, in möglichst kurzer Zeit eine Verschiebung des gesellschaftlichen Rahmens zu erreichen, auch wenn der Großteil der Amerikaner den Wertewandel längst vollzogen hat. Doch das scheint bei einigen alten, weißen Männern in Washington noch nicht angekommen zu sein.

 

 

Radio mittendrin und zwischen den Welten

In diesen Tagen der kritischen Medienbeschauung tut es gut, wenn man mal in einem Sendestudio sitzt, das so ganz anders ist. KKUP 91.5 fm in Cupertino ist eine Community Station, die seit fast 45 Jahren ohne Werbung und ohne Sponsoren auskommt. Nur die Hörer unterstützen diesen einzigartigen Sender im Herzen des Silicon Valleys. Und das spricht für die Qualität und die vielen Sendungen auf dieser Station. Nicht umsonst nennt sich KKUP auch „People’s Radio“.

Don hatte mich in seine Sendung „No Pigeonholes“ eingeladen („The longest running program of home tapes and small studio productions in the world. Send us your home recordings for airplay!“). Don ist vor allem auf KOWS Radio in Sonoma County aktiv, doch noch immer sendet er auf seiner alten Station. Dafür fährt er alle zwei Wochen zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück, quer durch den Alptraumverkehr der Bay Area. Auf KOWS wird auch allwöchentlich Radio Goethe ausgestrahlt.

Diese Art Community Radio ist eines der wichtigen Elemene der amerikanischen Medienlandschaft. Hier hört man Stimmen, Musik und Sichtweisen, die es sonst nirgends im streng formatierten Rundfunk (mehr) gibt. Es ist Handarbeit. Don kam mit einer Kiste CDs und Platten und Kassetten. Er spielt wahrlich Musik, die es sonst nirgends zu hören gibt. Musik aus Heimstudios, keine Coversachen, sondern eigene Songs. Und heute durfte ich das, mit einigen Sachen von mir anreichern, das reichte von Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten, über Faust und meine „Lieblinge“ Infamis bis hin zu Studio Shap Shap aus dem Niger. Wir ergänzten uns ganz gut und sowieso macht Live-Radio viel mehr Spaß, als eine vorproduzierte Sendung. Vor allem Live-Radio, bei dem man Zeit zum Atmen hat und die Musik selbst bestimmen kann, Geschichten dazu erzählt, Musik nicht nur als Gedudel im Hintergrund laufen läßt. Wetter, Verkehr und Pollenflug interessieren weder im Studio noch die Hörer vor dem Radio. KKUP hat eine starke Frenquenz in der South-Bay und kann auch übers Internet gehört. Einschalten lohnt sich garantiert!

Fake News Nation

Donald Trumps Lieblingsbeschäftigung scheinen Schimpftiraden auf die Medien und ihre Vertreter zu sein. „Unehrlich“, „Lügner“, „Fake News“, das sind noch die harmlosesten Worte, die er findet. Seine Anhänger und Hofberichterstatter jubeln begeistert. Was für Trump „Fake News“ sind, das bestimmt er selbst. Kritische Berichte, Nachfragen von Journalisten, umfangreiche Recherchen im Umfeld von King Donald werden als „Lügen“ und „Falschnachrichten“ abgetan. Die Medien, so Trump, seien die Gegner des amerikanischen Volkes. Damit unterminiert er wohl ganz bewußt die amerikanische Demokratie.

Trump selbst ist der König der „Fake News“, wie ich in einem älteren Blogbeitrag schon dargelegt habe. Er nimmt es nie so genau mit der Wahrheit, verdreht Zahlen und Tatsachen, baute seinen Wahlkampf auf Angst auf und so regiert er auch im Weißen Haus. Und doch, Trump ist nicht der Begründer der „Fake News“, auch wenn er es wahrscheinlich gerne wäre, „the greatest Fake News“ Verbreiter.

Hier wurden schon viele Verschwörungstheorien geboren – die geheime Militärbasis Area 51 in Nevada. Foto: Reuters.

Amerika ist vielmehr eine Nation, die auf Falschmeldungen und fragwürdigen Nachrichten aufgebaut ist. Big Foot, Aliens, UFOs, Geisterjäger, dieses Land ist voller Falschmeldungen. Eine der erfolgreichsten und seit 1984 ausgestrahlten allabendlichen Radiosendungen in den USA ist „Coast to Coast AM“, eine Spätnachttalksendung, in der es nur über diese Art der Nachrichten und Ereignisse geht. Verschwörungstheorien und UFO-Sichtungen werden genauso ausführlichst diskutiert, wie die jüngsten Meldungen von der anderen Seite des Jordan. Pro Woche erreicht „Coast to Coast AM“ auf über 600 Stationen fast drei Millionen Hörer.

Ich selbst war vor ein paar Jahren auf einem UFO Kongress. Dort führte ich Interviews mit UFO-Wissenschaftlern, -Historikern, -Experten und selbsternannten investigativen Reportern. Eine Frau beschrieb mir mit ernster Stimme, wie sie schon viermal von Außerirdischen nachts abgeholt worden war, um sich auf dem Mars Untersuchungen unterziehen zu lassen. Sie war allerdings rechtzeitig zum Aufstehen wieder in ihrem Bett. Für das gleiche Feature reiste ich auch nach Rachel, Nevada, der Ansiedlung, die am nähesten zur Area 51 liegt. Auch dort traf ich Menschen (oder Außerirdische), die mir die harten Fakten erzählten und jeglichen Zweifel an dem, was sie gesehen, gehört und erlebt haben als „Fake News“ abtaten.

Doch das sind die offensichtlichen „Fake News“, die es in diesem Land zuhauf gibt. Anders ist es da schon, wenn man durch die USA fährt, das Radio anschaltet und Talk Radio hört. Was ist da noch richtig und wahr, was halbwahr und offensichtlich falsch? Kurz hinter Reno kann man meist nur noch Mittelwellensender empfangen. Weiter auf dem Highway ins Heartland ändert sich auch das Programm. UKW ist ein einziges Rauschen, AM Radio ist die einzige Möglichkeit. Drei Stunden „Farm-Talk“ gefolgt von drei Stunden „Gun-Talk“ und dann drei Stunden Rush Limbaugh, der König des Talk-Radios. Er und andere, wie Michael Savage, Sean Hannity, Mark Levin verdrehen da schon mal die Tatsachen, sehen Ereignisse aus ihrer amerikanisch-patriotisch-nationalistischen Sicht der Dinge. Es wird ein Schwarz-Weiß Bild von diesem Land gezeichnet, hier die Guten Amerikaner, dort die sozialistisch-kommunistisch-irregeleiteten Demokraten. So was bringt Hörer, Einschaltquoten, Werbeeinnahmen. „Fake News“ ist daher keine Neuerscheinung in den USA, sie sind heute nur weit verbreiteter und werden von ganz oben, vom „Fake News Commander in Chief“ verbreitet.

Ich schalt‘ mein Radio an

Heute am 13. Februar ist der Welttag des Radios. Und der sollte beachtet werden, denn Radio ist nicht nur 30 Jahre Lokalfunk in Nürnberg, ist nicht nur die abstrakte Diskussion über Digitalisierung und trimediale Berichterstattung. Radio lebt und ist wichtiger denn je.

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Afrika ist der Kontinent des Radios. Das hat viele Gründe, einer der wohl wichtigsten ist, dass die Kosten in der Technologie und Produktion, aber auch die Kosten des Empfangs deutlich unter denen des Fernsehens und der Printmedien liegen. Hinzu kommt, dass die Verbreitung von Radiosendungen um ein vielfaches einfacher ist, als die Fernsehübertragung. Radiogeräte und seit ein paar Jahren “smart phones” mit der Möglichkeit Radioprogramme zu empfangen sind weit verbreitet. Was darüberhinaus in afrikanischen Ländern ausschlaggebend für die Beliebtheit des Radios ist, ein großer Teil der Bevölkerungen in zahlreichen Staaten kann weder lesen noch schreiben. Sie beziehen ihre Informationen und Nachrichten vor allem über den Hörfunk.

Während in Nordamerika und Europa seit Jahren vom Ende des Hörfunks gesprochen wird, boomt der Radiomarkt in Afrika. Seit den 90er Jahren kamen neben den Staatsrundfunkanstalten immer mehr Privatsender und auch Community Stationen hinzu. Darüberhinaus strahlen nach wie vor internationale Anbieter, wie die BBC, die Deutsche Welle oder auch Radio France International ihre Rundfunkprogramme in verschiedenen Sprachen aus. Radio ist zu einem “vertrauten und weit verbreiteten Medium in den Industrienationen geworden und zur gleichen Zeit hat es die entlegensten Regionen in den ärmsten Ländern der Welt erreicht.” (DFID – Department for International Development, UK)

Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, auf dem “Human Development Index” der Vereinten Nationen nimmt das Land regelmäßig den letzten Platz ein, die Fertilitätsrate von 6,89 (2014) ist die höchste weltweit, 74 % der Männer und 90 % der Frauen sind Analphabeten, die Kinderarbeit ist weit verbreitet. Die Probleme im Land bedingt durch den Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Desertifikation und die Terrorgefahr von außen wachsen stetig an.

Eierkartons an der Wand helfen gegen den Hall im Sendestudio.

Auf meiner jüngsten Reise in den Niger konnte ich auch wieder einen Sender im südlichen Teil des Landes besuchen. Community Stationen, offene Kanäle, Bürgerfunk und College Sender liegen mir seit jeher sehr am Herzen. Meine eigene Radiosendung “Radio Goethe” wird seit über 20 Jahren auf Dutzenden solcher Sender in sechs Ländern ausgestrahlt. Mein beruflicher Werdegang als Hörfunkjournalist begann beim nichtkommerziellen Sender “Radio Z” in Nürnberg.

NIYYA FM in Tchadoua ist eine Community Station, wie es sie viele im Niger gibt. Doch hier werden neben Musik, Nachrichten und Unterhaltungssendungen auch Gesundheitsprogramme ausgestrahlt. Das sind mal “Public Service Announcements” (PSA), kurze 1-2 minütige Spots zu verschiedensten Gesundheitsthemen, das sind Talk-Sendungen mit Fachleuten und Höreranrufen, das sind Beiträge und „Soap Operas“, in denen wichtige Themen aufgegriffen werden. Und die reichen von der Familienplanung über hygienische Standards im Haushalt bis hin zu Ernährungstipps und Behandlungsmethoden bei Erkrankungen. Der interessante Aspekt war und ist dabei, dass nicht eine NGO auf die Idee für diese Programminhalte gekommen ist, sondern vielmehr die Frauen im Sendegebiet an die Station herangetreten sind und darum gebeten haben.

Den Frauen ging es darum, wichtige Informationen für ihr alltägliches Leben zu erhalten, um diese umsetzen zu können. Unterstützt werden die Sender und die Programme von mehreren internationalen NGOs, wie CARE, in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfsorganisationen. Im Niger gibt es zahlreiche Community Stationen, die ähnliche Programme wie NIYYA ausstrahlen und die belegen, wie wichtig nach wie vor Radio ist. An diese Sender sollte man heute am Welttag des Radios denken. An jene Stationen, die mit wenig Mitteln sehr viel erreichen. Radio ist ein einfacher und direkter Weg Nachrichten und Informationen zu verbreiten.

Auch Goethe würde Radio hören

      Radio Goethe Station ID

rg_karteVor 20 Jahren fing das mit Radio Goethe an. Am 23. November 1996, einem Samstagmorgen, ging ich zum ersten Mal auf KUSF 90.3 fm „on air“. Das war nur ein paar Monate nach meinem Umzug von Nürnberg nach San Francisco. KUSF war damals der Collegesender der Stadt. Er gehörte der jesuitischen „University of San Francisco“. Doch das Uniradio war mehr als nur Unifunk. KUSF war ein wichtiger Communitysender in der Stadt, der offen war für viele Minderheiten, ethnische Gruppen und die etwas anderen Programme. Da gab es eine finnische Show, eine türkische, Radiotheater und Sendungen von Behinderten, die Show eines schwulen Pastors. Radio Goethe wurde zwischen die armenische und die persische Sendung gepackt. Hier auf der 90.3 fm hörte man die Welt. Und mein Freund Ramon Montana lieferte mir die Verpackungselemente und Station IDs, die auf KUSF sofort auffielen. Der Sender war eine der wichtigsten Collegestationen in den USA und hatte viele bekannte Musiker und Bands gefördert, darunter Metallica, Nirvana, Tom Waits, PJ Harvey uva.

      Radio Goethe Station ID

Anfangs sendete ich auf Deutsch, später dann zweisprachig und schließlich ganz auf Englisch. Radio Goethe heißt übrigens Radio Goethe, weil ich keinen besseren Namen wußte. Damals ging ich zum Goethe-Institut und fragte, ob sie die 40 Dollar Sendekosten pro Sendung übernehmen würden. Der damalige Direktor willigte ein, fragte mich, ob ich schon einen Namen für die Sendung hätte. Als ich verneinte, schlug er Radio Goethe vor. Dabei blieb es, auch wenn kaum ein Amerikaner Goethe kennt und erst recht nicht aussprechen kann. Station IDs von Sammy Hagar oder anderen Rockgrößen klangen dann mehr nach Gothic Radio oder Radio Gute.

      Sammy Hagar Station ID

rgm_button2Egal, ich sendete jeden Samstagmorgen live. Um halb elf gab es dann noch einen Nachrichtenblock, selbst gelesen oder wenn ich Praktikantinnen bei meinem Job mit der Neuen Presse hatte, übernahmen die die Rolle der Nachrichtensprecherin. Die News fielen dann irgendwann ganz weg, ich sendete fortan am Donnerstagabend. KUSF war einer der ersten Sender, die auch im Internet ausstrahlten. Und auf einmal bekam ich Rückmeldungen von Hörern außerhalb des eigentlichen Sendegebietes. Die Vorstellung begeisterte mich, dass diese Idee des Lokalfunks total aufgehoben wurde. Mit einer Projektidee wandte ich mich an das deutsche Generalkonsulat San Francisco. Ich wollte Radio Goethe ausbauen, anderen College- und Communitystationen in den USA und Kanada anbieten. Das GK stimmte nach Absprache mit der deutschen Botschaft in Washington zu und so begann die Ausbreitung von Radio Goethe mit einer extra produzierten Sendung. Das ist etwas, was wohl so nur in den USA möglich war. Collegesender, die die musikalische Welt in ihre Städte und Gemeinden holen wollten.

      T.C.Boyle Station ID

Heute, 20 Jahre später, ist die Sendung auf rund 40 Stationen zu hören. Sender kamen, Sender gingen. Über die Jahre war und ist Radio Goethe terrestrisch in den USA, Kanada, Neuseeland, Namibia, Irland, Polen, Tschechien, Slowenien, Dänemark, Österreich, Schweiz und Deutschland zu hören (gewesen). Hinzu kommen allwöchentlich Hörerinnen und Hörer, die sich online zuschalten, das Podcast abonniert haben. Die Live-Sendung gibt es nicht mehr. Die Jesuiten der „University of San Francisco“ haben vor ein paar  Jahren die Frequenz 90.3 fm für viel Geld verkauft und damit die wichtige Community Station KUSF zerschlagen.

      Oliver Stone Station ID

rgm_button1Radio Goethe war und ist eine „One Man Show“. Eine Einstundensendung, die Woche für Woche an die Stationen überspielt wird. Ich brauche meine Playlist mit niemandem abzustimmen, ich brauche keine Werbung schalten, ich verdiene keinen Cent mit der Show. Radio Goethe ist mein Ding, und ich weiß, mein Geschmack ist nicht der von vielen. Es ist Minderheitenradio, Radio für Musikinteressierte und -begeisterte, für all jene, die offen sind, mir einfach mal zuzuhören. Es macht Spaß, noch immer, deshalb mache ich weiter. Ich spiele, was mir gefällt. Natürlich habe ich musikalische Vorlieben, natürlich hat sich mein Geschmack über die Jahre verändert. Heute kann ich aus den vollen Regalen greifen, es hat sich viel angehäuft. Damals, an diesem ersten Samstag im November 1996, hatte ich nur ein paar CDs bei mir. Viel hatte ich damals nicht in meinen zwei Koffern mit in die USA bringen können. Aber es war ein Anfang, das Archiv von KUSF bot mir noch weitere deutsche Acts, darunter DAF, die Einstürzenden Neubauten, Faust, Kraftwerk und viele der eher abgefahreneren Bands der 70er und 80er Jahre.

      Herbert Grönemeyer Station ID

rgembassyIm Rückblick gibt es viele Highlights, von denen ich berichten kann. Viele schöne Interviews mit Musikern, Musikerinnen und Bands, Schauspielerinnen und Schauspieler, Politikerinnen und Politiker, einen Radiopreis für das auf Radio Goethe ausgestrahlte Feature über das Lied der Moorsoldaten, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für meine kulturelle Arbeit im Ausland, „Radio Goethe Magazine“ eine Zusammenarbeit mit deutschen Uniradios, Live-Präsentationen an Unis, High Schools, in der deutschen Botschaft in Washington und sogar im ruandischen Butare, die Vermittlung von Infamis an Wim Wenders…

      Extrabreit Station ID

rg_buttonDoch was für mich vor allem wichtig war und ist, sind die vielen Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Freundschaften mit Musikerinnen und Musikern, Promotion- und Labelvertretern…ihr wisst, wer ihr seid. Und dann auch mit Hörerinnen und Hörern, die im ganzen Land zu finden sind. Als ich noch die Live-Sendung auf KUSF hatte, diskutierte Woche für Woche am Donnerstagabend eine Gruppe von ihnen online über das, was ich da sendete. Oder beim Kraftwerk Konzert in Oakland. Ich hatte meine vom Höchstadt gedruckte Radio Goethe Jacke an (Danke Atze), stand da und wartete auf den Beginn des Konzerts. Auf einmal sprach mich jemand an und fragte, woher ich die Jacke habe, er höre regelmäßig Radio Goethe. Ich sagte „I am Radio Goethe“. Aus diesem Treffen wurde eine Freundschaft.

      Nena Station ID

Ich weiß, ich kann es nie allen recht machen. In einer Stunde kann man nur soviel Musik spielen, und ja, ich habe meine Lieblingsbands, die da immer wieder auftauchen. Bands, die mir gefallen, am Herzen liegen, die mir sehr viel bedeuten. Meine Verbindung zu Nürnberg und Franken kommt auch immer wieder durch. Zuletzt mit der Straßenkreuzer CD (Danke Martin) oder auch mit Fiddler’s Green, mit denen mich seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet (Danke Stefan).

20 Jahre Radio Goethe, ich hätte nie gedacht, dass das mal so lange läuft. Aber es ist für mich zu einem Selbstläufer geworden, Woche für Woche Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu präsentieren. Zum Schluß dieser Zeilen ein herzliches Dankeschön an alle, die „den da drüben in Kalifornien mit seinem Radio“ unterstützt haben. Mit Musik, mit dem Zuhören, mit den Rückmeldungen. Ohne Euch wäre schon längst die letzte Sendung gelaufen.

      Stendal Blast Station ID

On-Air in Tchadoua

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Ein Hörer am Telefon, ein Moderator lacht, der andere antwortet. Eine lockere Unterhaltung, frisch, witzig und mitreißend. Und ich verstehe nichts. Geredet wird in Hausa. Radio NIYYA-FM sendet aus der Kleinstadt Tchadoua im Süden des Niger in einem Sendegebiet, das nach eigenen Angaben etwa eine Million Menschen umfasst und sogar bis nach Nigeria reicht.

Vor 15 Monaten fing alles mit diesem „Community“-Sender an. Die von CARE unterstützten Frauen- und Kleinspargruppen hatten die Idee für eine eigene Radiostation, um mehr Informationen an die Bevölkerung zu bringen. Der Bürgermeister war schnell überzeugt und so wandte man sich an die Regierung. Und auch die fand die Idee einer Radiostation in diesem Teil des Nigers gut. Die Sendeanlagen und die notwendige Technik wurden besorgt und schon ging man mit mehreren Ehrenamtlichen „on-air“. Und CARE war auch hier dabei. Mit inhaltlichen Sendungen, Interviews und „Public Service Announcements“, also inhaltlichen Mitteilungen zu Themen wie Gesundheit, Hygiene und Ernährung unterstützte man die Radiomacher von NIYYA FM.

Mal was anderes: Im Niger auf Sendung

Mal was anderes: Im Niger auf Sendung

Ein kleiner Master Control Room, dahinter das Sendestudio. Eierkartons an den Wänden, drei Mikrofone, ein Tisch, drei Stühle. Beide Räume sind etwas dunkel, die Deckenbeleuchtung ist dieses typische Sparlicht, das man in Afrika oft vorfindet. Aber egal ob duster oder nicht, hier wird mit Herz und aus dem Bauch heraus gesendet. Das Programm der zwei Moderatoren dreht sich um die Feuergefahr in der Trockenzeit, es wird angerufen und live on-air diskutiert. Als die Sendung vorbei ist, kommen die zwei Moderatoren aus dem Sendestudio und ich meine im Scherz, ob ich nun dran sei….und dann sitze ich vor dem Mikro, Kopfhörer auf, der Regler wird nach oben geschoben und mir wird angezeigt, dass ich was sagen soll. Ich glaube, niemand hat mich da draußen im weiten NIYYA-Land verstanden, aber ich kann nun sagen, ich war auch schon im Niger auf Sendung. Der Programmdirektor trat dann ans andere Mikrofon und erklärte den Hörern auf Hausa, zumindest dachte ich mir das, was da gerade im Sendestudio vor sich ging. Dann gab er mir wieder ein Zeichen und ich quatschte weiter, wie schön ich das Land und wie nett ich die Leute im Niger fände. Der Programmdirektor und ich lachten noch gemeinsam on-air, weil wir uns sprachlich so gar nicht verstanden. Das ist dann wohl ein globales Community-Radio.

Aber dieser Nachmittag hat mir erneut gezeigt, wie wichtig das Radio in Afrika nach wie vor ist. Der Niger ist ein Flächenland, ein paar abgelegene Dörfer habe ich selbst besuchen können. Und dort werden die Programme gehört, zum Teil auch über Mobiltelefone. CARE unterstützt die Inhalte Sendungen mit ihren Inhalten und erreicht so eine breitere Öffentlichkeit. Zum Schluß fragte mich noch der Bürgermeister von Tchadoua, ob ich denn auch für die Deutsche Welle arbeite. Ich bejahte und sagte ihm, als freier Korrespondent produzierte ich hin und wieder einen Beitrag für den deutschen Auslandssender. „Wir sind sehr an dem Hausa Programm der Deutschen Welle für NIYYA-FM interessiert“, meinte er. Am Ende des Besuches wurden noch viele, viele Fotos gemacht, Gruppen- und Einzelbilder. Die nigrischen Kollegen blickten dabei ernst in die Kamera, aber das ist dann wieder normal im Niger.

      Radio NIYYA-FM on air

„This one goes to eleven“

Es gibt diese Filme, die man sich immer und immer wieder anschauen kann und auch beim zehnten Mal noch lachen muß. Die Dokumentation „This is Spinal Tap“ von Regisseur Rob Reiner, 1984 erschienen, ist so ein Film. Die fiktive „Rockumentary, if you will“ der nicht-existierenden englischen Hard Rock Band. Spinal Tap sind Nigel Tufnel, David St. Hubbins und Derek Smalls oder wie sie eigentlich heißen Christopher Guest, Michael McKean und Harry Shearer.

Einer der bekanntesten Verstärker der Musikgeschichte.

Einer der bekanntesten Verstärker der Musikgeschichte.

Harry Shearer ist auch als Synchronsprecher bekannt, vor allem für seine langjährige Arbeit für die erfolgreichste Cartoonserie „The Simpsons“ als Mr. Burns, Waylon Smithers, Ned Flanders, Rev. Lovejoy, Dr. Hibbert, Rektor Skinner, Lenny, Kent Brockman, Rainier Wolfcastle, Scratchy, Kang, Dr. Marvin Monroe, Gott und Jebediah Springfield. Shearer hat auch eine Radiosendung auf „National Public Radio“, die „Le Show“ heißt, eine satirische News-Sendung.

Und nun zieht Harry Shearer vor Gericht. Er verklagt im Namen seiner Bandkollegen den französischen Medienriesen Vivendi, der die Rechte an „This is Spinal Tap“ hat, für schlappe 125 Millionen Dollar. Denn, wie es in der Klage heißt, hat Vivendi in den Jahren 1984 bis 2006 gerade mal 81 (!) Dollar (kein Witz) für Merchandise Einnahmen an die Band überwiesen. Darüberhinaus erhielt das Trio sage und schreibe 98 (!) Dollar (auch kein Witz) für Einnahmen aus den Musikrechten. Und das ist verwunderlich, denn der Streifen ist ein Kultklassiker, Spinal Tap haben Alben, Videos und DVDs veröffentlicht, wurden im Radio gespielt und waren sogar als britische Rockband auf Tour. Ihre Songs „Bitch School“ und „Big Bottom“ wurden zu Inspirationen für viele Bands aus dem „wirklichen“ Rockolymp. Die Sprüche der Musiker sind legendär, vom Verstärker Tufnels der bis „Eleven“ geht, den „tight trousers“ und „Armadillos“ bis hin zu „How much more black could this be?“ und den explodierenden Schlagzeugern der Band.

Wer Spinal Tap nicht kennt, hier eine kleine Auswahl:

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Nach 33 Jahren das erste Konzert

      Nena im Interview

Irgendwie ist man das von deutschen Bands gewohnt. Kraftwerk brauchten zwischen ihren Studioalben „Computer Welt“ und „Tour de France Soundtracks“ schlappe 22 Jahre. Nena übertrifft das noch deutlich. Sie brauchte 33 Jahre, nachdem ihr Hit „99 Luftballons“ auf Platz 2 der amerikanischen Billboard Charts landete, um ihr erstes Konzert, überhaupt ihren ersten Live-Auftritt in den USA zu geben.

„99 Red Balloons“ wird noch immer im US-Radio gespielt. Hier in der San Francisco Bay Area ist es KOSF 103.7 fm, auf dem man die englische Version des Hits hören kann („Ich mag die englische Version nicht“, so Nena). Daneben tauchen auch noch Peter Schilling mit „Major Tom“, Trio mit „Da Da Da“ und Falco mit „Der Kommissar“ im Radio auf.

Nena etwas verwackelt in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Nena etwas verwackelt beim ersten US Konzert in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Aber Nena gilt als das „One-Hit-Wonder“, als das deutsche Fräulein der 80er Jahre in den USA. Nach 33 Jahren stehen nun drei Konzerte an, San Francisco war der Startpunkt. Es war ein Familienausflug für die 56jährige Hamburgerin. Zwei ihrer Kinder standen mit auf der Bühne, Freundinnen und Nachbarn begleiten die berühmte Tochter Hagens auf ihrer ersten Mini US-Tournee. Schon Tage vorher reiste die Gruppe an, radelte durch die Stadt und über die Golden Gate Bridge, tauchte unerkannt ein in die nordkalifornische Metropole.

Als „Germany’s Queen of Rock“ wurde sie angekündigt und die Fans kamen. Mehr als 60 Prozent im gut gefüllten Regency Ballroom waren Deutsche oder mit deutschem Hintergrund. Das hörte man, als Nena ihre Klassiker wie „Nur geträumt“, „Leuchtturm“, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, „Wunder gescheh’n“ und natürlich die deutsche Version von „99 Luftballongs“ präsentierte. Es wurde lautstark mitgesungen, mitgefeiert, mitgetanzt, so nah war man dem deutschen Superstar noch nie.

Nena ist eine Frohnatur, das kommt nicht nur im Interview rüber, das zeigte sie auch auf der Bühne. Sie war begeistert vom Empfang in San Francisco, lachte, tanzte, suchte das Gespräch mit den Fans und am Ende schien sie überwältigt zu sein, was da gerade in diesem altehrwürdigen Ballsaal an der Van Ness Avenue passiert war. 33 Jahre liegen zwischen ihrem Riesenhit und dem ersten US-Konzert. Vielleicht dachte sie da am Schluß, als sie sich mit ihren Musikern auf der Bühne verneigte: „ich hätte doch mal früher kommen sollen“. Wobei, vielleicht kann sie gerade erst jetzt, im gesetzten Alter, mit all den Erfolgen, Erfahrungen und Erkenntnissen, entspannt und auch mit dem für sie etwas ungewöhnlichen Lampenfieber dieses neue Kapitel in ihrer langen Karriere genießen. „Irgendwo, irgendwie, irgendwann“ kommt alles dann doch mal zusammen.