Die Hoffnung ist da

Es war eine schnelle Reise einmal halb um die Welt. Von Kalifornien in den Sudan. Nun bin ich wieder zurück in Oakland. Der Sudan ist ein Land im Auf- und Umbruch. In der Hauptstadt Khartum wurde viel von der Revolution gesprochen, der friedlichen Revolution, die Vorbild für andere afrikanische Staaten sein könnte.

Der Blick aus dem Fenster von meiner Unterkunft in Kassala.

Ich sprach in den vergangenen Tagen mit Journalisten und Radiomachern, mit jungen, engagierten Frauen, mit Musikern, Kulturschaffenden. Man hat Hoffnung in diesem Land nach der jahrzehntelangen Dikatur. Das ist zu sehen, das ist zu spüren. Selbst in einem Pizzaladen ist es entspannter geworden. Junge Frauen sitzen zusammen, lachen, machen „Selfies“ ohne Kopftuch, genießen den Tag. So etwas sei vorher nicht möglich gewesen, wurde mir gesagt. Im einzigen englischsprachigem Radiosender in Khartum, Capital 91.6 FM, blickt man optimistisch in die Zukunft. „The heart beat of Sudan“ ist der Slogan dieser Station und der dringt klar und deutlich nach draußen. Die schwierigen Zeiten während des Umbruchs sind vorbei. Deutliche Worte durfte man in der Übergangszeit on-air nicht finden, doch man bezog durch die Musikauswahl Stellung. Ein Lied, wie Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout a Revolution„, wurde da zu einer kraftvollen Aussage, bestätigt mir die Moderatorin Maya Gadir.

Im Impact Hub von Khartum sitzen vor allem junge Leute mit Ideen zusammen. Sie repräsentieren das neue Sudan, sind stolz auf ihre Revolution, die ein Land nach 30 Jahren brutaler Regierung durch Omar Bashir, auf einen neuen Kurs gebracht hat. Seitdem sind nur wenige Monate vergangen, vieles ist noch unklar und unsicher, doch die Hoffnung ist groß, dass der Übergang zu einer demokratischen Reform funktioniert, dass der Sudan, das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas, zu seiner Stärke findet, die er eigentlich auf dem Kontinent haben müsste. Hier treffe ich auch Emad Zakria, den Mitbegründer von Share Zone, einem Start-up aus Darfur. Auch das gibt es in dieser von Krieg und Gewalt geprägten Region Sudans. Emad will dabei mithelfen, dass die Jungen bleiben und nicht das Land verlassen. Es ist beeindruckend, zu erleben, zu hören, zu sehen, was gerade im Sudan passiert, Ein Land im Umbruch, im Aufbruch.

Als die Tür während des Interviews mit dem Dorfführer immer wieder aufging, zückte dieser kurzerhand sein Messer und verriegelte die Tür damit.

Und doch, da sind auch die bekannten Bilder. Ich bin mit CARE Deutschland in dieses Land am Nil gereist, die hier unter dem Namen „Care International Switzerland“ arbeiten. Der Grund für diese Reise waren nicht die Revolution, die Start-ups, die Aufbruchstimmung, es war das, was wir in Kassala, im Osten des Sudan, nahe der Grenze zu Eritrea sahen. Vergessene Dörfer, Unterernährung, Wasserknappheit, benachteiligte Mädchen und Frauen, Armut und auch Elend. CARE hat hier in dieser konservativen Region neue Projekte begonnen, gemeinsam mit einer lokalen NGO versucht man zu  helfen. Es ist nicht ganz leicht, denn alte Traditionen, religiöse Überzeugungen, die harten Lebensbedingungen und die Abgeschiedenheit mancher Dörfer lassen eine schnelle Hilfe nicht zu. Es braucht Zeit, Geld und Ausdauer hier Fortschritte zu erzielen. Khartum ist weit weg. Kassala ist eine Gegend, in der viele Flüchtlinge aus Somalia, Somaliland, Eritrea und Äthiopien durchziehen. Es liegt im Zentrum der Schmuggler. Hier ticken die Uhren anders.

Es war für mich die erste Reise in den Sudan und es war beeindruckend, tief bewegend. Die Landschaft, die Kultur, doch vor allem die Menschen, die ich treffen konnte, die mit mir sprachen, die Antworten auf meine vielen Fragen gaben. Die junge Feministin von Amna, der ältere Dorfanführer in Omraika, die ältere vollverschleierte Frau in Kifeteria, die eloquente Programmleiterin von CARE Sudan und viele mehr. Sie alle nahmen sich Zeit, meine Fragen zu beantworten, erklärten mir Umstände, Sachverhalte, kulturelle Gegebenheiten. Nach so einer Reise komme ich zurück, geerdet, dankbar, bereichert. Und ich weiß, ich habe einen wunderbaren Job, der mich in andere Länder, andere Kulturen führt, der mich Orte sehen lässt, die ich wohl nie besuchen würde. Der mich jedoch vor allem mit Menschen in Kontakt bringt, die ich nie getroffen und mit denen ich wohl nie gesprochen hätte. Nun geht es daran, das alles auszuwerten, was ich aufgenommen, gesehen und erlebt habe. Eine besondere Verpflichtung gegenüber all jenen, die ich getroffen habe.

Vergrabene Tonbänder überlebten die Zerstörung

Siad Barre war ein Diktator, der sogar die Musik im damals vereinten Somalia kontrollierte. Kritische Töne ließ er nicht zu, so etwas durfte weder aufgenommen, noch ausgestrahlt werden. Doch die Lieder entstanden dennoch und verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in Somaliland. Der beliebte Sender Radio Hargeisa wurde in den 80er Jahren zu einer Relaisstation von Radio Mogadischu herabgestuft, das Programm streng kontrolliert und, wie mir heute mit einem Lachen erklärt wurde, nur im Gefängnis von Hargeisa gehört. Damit wollte Barre auch verhindern, dass die somaliländische Unabhängigkeitsbewegung, Somali National Movement (SNM), Zugang zu einer Radiostation haben konnte.

Doch all das langte dem Diktator nicht, 1988 wies er seine eigene Luftwaffe an, Hargeisa und andere Städte in der einstigen britischen Kolonie zu bombardieren. Die SNM sollte ausgelöscht werden. Sogar vom Airport Hargeisa stiegen Kampfjets auf, um nur ein paar Kilometer weiter ihre Bomben abzuwerfen.

Aus diesem rostigen LKW, einem chinesischen Übertragungswagen, wurde nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands gesendet.

Hargeisa wurde damals dem Erdboden gleich gemacht. Zehntausende von Menschen flohen in die Nachbarländer und wenn sie konnten weiter nach Europa, Kanada und die USA. Siad Barre wurde im Januar 1991 aus Mogadischu vertrieben. Noch am gleichen Tag ging Radio Hargeisa wieder auf Sendung. Gespielt wurden genau diese Lieder, die der Diktator verboten hatte. Als Zeichen der neuen Zeit, als Zeichen der Hoffnung, als „in your face, dictator“.

Gesendet wurde aus einem alten chinesischen Übertragungswagen, den schon Mao genutzt hatte, wie mir bei meinem Besuch erzählt wurde. Der war einst von Peking an Siad Barre gespendet worden, der mit seinem „wissenschaftlichen Sozialismus“ durchaus auch das Interesse der Kommunisten in Peking geweckt hatte. Und die ausgestrahlten Musiktonbänder hatten genauso die Bombardierungen überlebt, wie der rustikale Rundfunklaster. Die Bänder waren zum Teil von den Radiomachern selbst vergraben oder von Bürgerinnen und Bürgern Hargeisas vor der Vernichtung versteckt und somit gerettet worden.

Und diese Aufnahmen mit Musik, Poetry und Interviews sind heute eines der wenigen Zeugnisse des alten Hargeisas, des lebendigen, somalischen Kulturlebens der 70er und 80er Jahre. Ein unschätzbarer Wert auf verstaubten und brüchigen Tonbändern und Kassetten.

Ein kultureller Schatz – Geschichte zum Hören.

Eine lange Anreise war das. Von San Francisco ging es über Frankfurt nach Addis Abeba und dann weiter nach Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Vor genau einem Jahr war ich das letzte Mal hier. Viel hat sich nicht verändert, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Straßen sind weiterhin eine Katastrophe, Schlagloch folgt auf Schlagloch, es wird nach wie vor viel gehupt, am Straßenrand schlafen Straßenhunde, Ziegen fressen Gräser oder kauen auf Plastikmüll herum, es ist wie immer heiß in der Stadt, ein starker Wind bläst dazu und auch schon die obligatorische Kamelherde überquerte vor mir die Straße.

Geschichte zum Hören.

Mein erstes Interview für diese Geschichte über die Bedeutung und die Kraft der Musik in schwierigen Zeiten ist geführt. Mit dem Leiter des „Hargeisa Cultural Centers„, Jama Musse Jama, habe ich über Musik in Somalia und Somaliland gesprochen. Er hat hier eine umfassende Sammlung somalischer Musik angehäuft, die auf beeindruckende Weise genau das widergibt, nach dem ich suche. Alles ist auf Kassetten festgehalten, nur ein Teil davon bislang digitalisiert. 14.000 Kassetten sind es insgesamt, ein kultureller Schatz der, wenn er nicht bald festgehalten wird, verschwindet. Es ist ein langsamer und kostspieliger Prozess. Und doch, hier ist etwas aufbewahrt, was viel über dieses Land und seine Kultur erzählt. Wie haben Musikerinnen und Musiker wichtige Themen in der Gesellschaft aufgenommen, verarbeitet und weitergegeben?

Man denke nur an Lieder wie „We shall overcome“ oder auch an die „Moorsoldaten“, Lieder, die herausstechen, die Hoffnung gaben und geben, die verbinden, die eine unglaubliche Kraft ausdrücken. Solche Lieder gibt es auch in Somalia, gibt es wohl in jeder Gesellschaft, in jedem Kulturraum. Songs, die nach der Bombardierung Hargeisas durch die Truppen des somalischen Präsidenten und Diktators Siad Barre Ende der 80er Jahre entstanden. Damals führte der eigene Präsident Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Somaliland. 90 Prozent von Hargeisa wurden total zerstört, in der nächstgrößeren Stadt Burao waren es 70 Prozent. Die Welt blickte damals mal wieder weg.

Es entstanden Lieder in den Flüchtlingslagern im Osten Äthiopiens von denen, die der Gewalt entkommen konnten. Später dann entstanden Songs nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands, der Entwaffnung, der politischen und militärischen Spannungen am Horn von Afrika, der Zerstörung Mogadischus, dem Konflikt mit der Terrororganisation al-Shabaab. Die somalische Musik ist dabei oftmals ein Zusammenspiel zwischen einem Dichter und einem Musiker. Musik als Ausdruck des Gegenwärtigen, als Verarbeitung des Geschehenen, als Zeichen der Hoffnung.

Und dabei kratze ich hier nur an der Oberfläche eines so tiefen und komplexen Themas. Allein schon die Sprachbarrieren sind immens und kaum zu überwinden. Die Auswertung all dieser Tapes, die hier zu finden sind, wäre ein umfassendes Recherche, die vor allem viel Zeit benötigt. Der Anfang im HCC ist jedoch gemacht und es wird weitergehen, vielleicht auch mit internationaler Unterstützung. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung eines Teilstücks der somalischen Kulturgeschichte, die hier auf diesen teils billigen Kassetten zu finden und zu hören ist.

Es geht wieder los

Mit etwas Stress hinter mir geht es heute Abend wieder auf große Reise. Von San Francisco über Frankfurt und Addis Abeba nach Hargeisa und von dort nach ein paar Tagen über Addis Abeba nach Niamey. Diesmal dreht sich alles um die Musik. Die Bedeutung und die Kraft von Musik in Konflikt- und Krisenregionen. Für dieses Thema habe ich ein Reisestipendium über das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin erhalten.

Aufnahmegeräte, Mikrofone, Kabel, alles liegt bereit.

Auf all meinen Reisen versuche ich immer lokale und regionale Musik zu hören, aufzunehmen und mitzubringen. Musik ist, so banal das auch klingen mag, eine internationale Sprache, die voller Bedeutung ist und sein kann. Ich habe schon oft mit Musikern zusammen gesessen, deren Sprache ich nicht sprach, doch ihre Musik schuf eine Verbindung, einen Augenblick des Zusammenseins. Und diesen Ansatz will ich auf dieser Recherchereise verfolgen. Ich weiss, dass die radikalen Islamisten der Taliban in Afghanistan und der al-Shabaab in Somalia während ihrer Terrorherrschaft Musik verboten hatten. Das Spielen und Aufführen von Lieder war unter Strafe nicht mehr erlaubt. Und doch wurde gesungen, getanzt, gespielt. Die Musik überlebte.

Wie haben Musiker und Dichter den Konflikt, die Krise, die Notlage erlebt und verarbeitet? Wie wichtig waren diese Stimmen für die Bevölkerung? Ich bin gespannt, ob ich Antworten finden kann, wie sich diese „Geschichte“ zu einem radiophonen Feature entwickeln wird. Die Anreise nach Hargeisa, der Flug zurück von Niamey und der Weg zwischen beiden Städten ist lang. Reisen in Afrika ist alles andere als ein direkter Weg. Aber dieses Thema ist mehr als reizvoll für mich, es ein ganz anderer Blickwinkel auf die Menschen und die reichen Kulturen.

Die Einstürzenden Neubauten im Deutschlandjahr

Der Name ist kein Sinnbild für die deutsch-amerikanischen Beziehungen – Einstürzende Neubauten. Deutschland und die USA verbindet vielmehr sehr viel. Historisch, kulturell, politisch. Da kann kein Präsident etwas daran ändern. Und doch, manchmal ist es notwendig, auf die engen Beziehungen, die Verbindungen, die Partnerschaft hinzuweisen.

Genau das passiert zur Zeit in den USA. Davon bekommen die meisten Deutschen gar nichts mit. Das Auswärtige Amt hat das sogenannte „Deutschlandjahr“ in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ werden Projekte realisiert, die die Nähe und die tiefe Verbundenheit beider Länder darstellen sollen.

Als jemand, der sich seit 23 Jahren – vielleicht etwas eigenwillig – mit der kulturellen Arbeit im Ausland beschäftigt, beteilige ich mich natürlich auch und sehr gerne an diesem Jahr. Klar, bei mir geht es um Musik. Musikthemen, die Deutschland und die USA verbinden. Von Jahrhundertliedern wie „Lili Marleen“ und die „Moorsoldaten“, über Rammstein, Bear Family Records und AFN Radio bis hin zur Geschichte der Einstürzenden Neubauten, der neuesten Ausgabe in dieser Serie. Dafür habe ich ausführlich mit Alexander Hacke und Danielle de Picciotto gesprochen. Zwei weitere Sendungen kommen auf alle Fälle noch hinzu, Kraftwerk und die Musik der Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern und ihr Einfluss auf die amerikanische Musik.

Die Einstürzenden Neubauten haben die Musikgrenzen verschoben. Ihr Ansatz, Musik ganz neu zu definieren, machte sie schon früh in ihrer Karriere in den USA zu ganz besonderen Live-Gästen. Blixa Bargeld erzählte mir einmal, dass sie ihre Tourneen meist in San Francisco anfingen. Am Flughafen teilte sich die Band auf. Ein Teil übernahm die Koffer und das Einchecken im Hotel. Der andere Teil machte sich gleich auf den Weg, um auf einem Schrottplatz die passenden Schlagwerkzeuge für die schrill-schräg-schönen Konzerte der Band zu finden. Die Neubauten sind seit 40 Jahren unterwegs und mittlerweile in den Hochkulturtempeln, wie der neuen Philharmonie in Hamburg angekommen. Oftmals haben sie die Hörgewohnheiten ihres Publikums getestet, doch, wer sich auf die Band und ihre Soundideen einlässt, der wird, so finde ich, reich belohnt. Auch den musikalischen Weg versuche ich in dieser „Wunderbar Together“ Ausgabe über die Einstürzenden Neubauten nachzuzeichnen. Von den Anfangsjahren bis hin zur aktuellen Soundwelt. Einfach mal reinhören!

Musik grenzenlos

Ich bin an meiner Serie zum Deutschlandjahr in den USA dran. Radiosendungen mit Musikthemen, die Deutschland und Amerika verbinden. Eine davon ist die Geschichte des Labels Bear Family Records aus dem kleinen Dorf Holste-Oldendorf. Im Frühjahr bin ich dorthin gefahren, um Detlev Hoegen zu treffen und mit ihm über den weltweiten Erfolg des ganz besonderen und einzigartigen Independent-Labels zu sprechen. Denn Bear Family hat mit seiner Archivarbeit und seinen umfangreichen Dokumentationen viel dazu beigetragen, dass zahlreiche Künstler gerade aus dem Folk, Country und Americana Bereich nicht vergessen wurden. Und als begeisterter Sammler von historischen Aufnahmen kommt man an diesem Label einfach nicht vorbei. Eine wahrlich deutsch-amerikanische Musikerfolgsgeschichte:

Wer oder was ist Bear Family Records?

Detlev Hoegen: Bear Family ist eine in Deutschland gegründete Firma, wir sind nach wie vor hier und nur hier aktiv. Aber was die Materialien, die Geschichte, die wir aufarbeiten angeht sind wir schon sehr, sehr stark mit den USA verbunden.

Was genau veröffentlicht Ihr auf Bear Family?

Detlev Hoegen: Grundsätzlich geht es in unserer Firmenpolitik darum Aufnahmen, die vor langer, langer Zeit mal veröffentlicht worden sind, von Künstlern, zum Teil, die heute völlig unbekannt sind, wieder zugänglich zu machen und zu archivieren und somit ein Stück Zeitgeschichte zu bewahren. Das hat mit unserem Firmengründer 1975 begonnen, wo er gemerkt hat, dass vieles von dem, was man mal in den 60er an Platten kaufen konnte, mittlerweile längst gestrichen war und, dass die große Industrie überhaupt kein Interesse daran hat, diese Sachen im Katalog zu behalten. Er hatte damals einen Versandhandel gegründet für Country Music, Rock’n Roll und Rockabilly also typisch, amerikanische Musikarten und hat dann gemerkt, dass das, was er zur Verfügung gestellt bekommen hat von den Händlern, viel zu klein war. Und ist dann hergegangen, hat sich erkundigt und schlau gemacht und damit begonnen, in Kooperation mit der Industrie, mit den großen Firmen, die die Kataloge verwalteten, Schallplatten neu zu veröffentlichen. Dann hat er gemerkt, dass das sehr spannend ist und, dass es unveröffentlichte Aufnahmen gibt und ist dann immer häufiger in die USA geflogen, hat in Archiven wirklich gewühlt, gut Zugang bekommen, viele Leute kennengelernt und hat so auch Schätze heben können, die bis dahin vollkommen unbekannt waren. Aber sein Ziel, und auch das Ziel von uns heute, nach über 40 Jahren Bear Family Geschichte, ist es immer noch, das zu bewahren, was irgendwann für die Entwicklung der Musik mal ganz, ganz wichtig war.

Wie entsteht denn bei Euch ein Thema, eine musikalische Projektidee?

Detlev Hoegen: Es gibt verschiedene Wege, die zu Bear Family führen. Das eine und im Grunde der häufigste Weg ist, dass uns Projekte angetragen werden. Es gibt Historiker, Ethonologen, Musikwissenschaftler, Sammler da draußen in der Welt, die ein Faible entwickelt haben für ein ganz bestimmtes Thema, jahrelang Materialien zusammen getragen haben, das archiviert haben und nun sichten und denken, ja, das ist doch so wichtig und so ein tolles Thema, das sollte man doch mal veröffentlichen. Und dann stellt sich ganz schnell die Frage, wer soll das denn veröffentlichen. Viele fragen dann bei der Industrie, also den großen Firmen an, die es noch gibt. Bei einigen kleinen, aber die meisten winken ab und sagen, das können wir gar nicht realisieren, davon kann man nicht genug verkaufen, das ist zu aufwendig, viel zu kompliziert und interessiert auch nur eine Minorität, das ist nichts für uns. Und viele von denen, die sich für ganz spezielle Randthemen interessieren, landen mehr oder weniger schnell bei Bear Family. Das ist ja heute nicht mehr so kompliziert, das heißt, wenn man irgendetwas sucht und man sucht vielleicht Gleichgesinnte im großen Netz, dann stösst man schon auf Bear Family. Viele Themen, die an uns heran getragen werden sind wirklich spannend, manche davon haben es schon selber realisiert zuvor oder in anderer Form veröffentlicht. Aber es gibt immer wieder größere Themen, die für uns auch Neuland bedeuten. Und wenn es sich dann um bestimmte Themen handelt, Ecken handelt in der Musikwelt, die wir überhaupt noch nicht abgedeckt haben, dann sind wir gerne bereit da auch mal genauer drauf zu schauen und daraus sind schon viele spannende Projekte entstanden.

Wie reagieren eigentlich die Künstler, denen Ihr eine umfangreiche Retrospektive widmet?

Detlev Hoegen: Da muss man natürlich etwas kucken, wer von den Country Musikern aus den 40er, 50er Jahren, also aus der ursprünglichen Zeit dieser Musik erlebt denn noch eine Bear Family Box, wenn die auf den Markt kommt. Es gibt sehr, sehr viele positive Reaktionen, nehmen wir mal ein populäres Beispiel, Johnny Cash z.b. hat seine Plattenfirma, ich glaube, es war Columbia, gefragt: sagt mal, warum macht ihr mit meinem Material nicht auch so tolle Boxen, wie Bear Family das kann? Das war für uns natürlich ein ganz großes Lob. Ich denke, bei den Musikern selbst kommt so eine Retrospektive, wie wir sie machen, in der Regel sehr gut an. Es gibt auch kritische Stimmen, das sollte man auch durchaus sagen, die Frage, ob man nun jede jemals aufgenommene Version von einem Song, dann nochmal später veröffentlichen sollte oder nicht, das ist schon eine Frage, die bei manchen Musikern eher zu Unmut geführt hat. Aber in der Regel ist die Resonanz auf das, was Bear Family tut auch bei den Musikern, die es noch erleben, sehr, sehr gut.

Kann ich mir Eure Arbeit so vorstellen, dass Ihr wirklich durch Archive forstet, auf der Suche nach dem verlorenen Tape?

Detlev Hoegen: So kann man sich das vorstellen, ich bin selber mit Richard in den frühen 80er Jahren in die USA geflogen und habe dann den ganzen Tag in einem fensterlosen Raum im 27. Stock, irgendwo an der 5th Avenue gestanden, wo CBS damals ein Headoffice hatte und habe Unterlagen von Aufnahmen kopiert. Stundenlang, bis mir von dem Kopierergeruch irgendwann schlecht wurde. Und diese Aufnahmen sind letztzlich dann auch der Pfad zu den Mastertapes. Man muss sich das so vorstellen, dass die amerikanische Industrie ganz, ganz viele Aufnahmen in den 50er und 60er Jahren gemacht hat, die nicht veröffentlicht worden sind, die archiviert worden sind, manchmal korrekt, oftmals aber auch falsch beschriftet und in irgendwelchen Archivräumen, Lagerräumen dann ein Dasein fristen. Es gab damals zumindest Verwalter in diesen Archiven, ähnlich wie bei Rundfunkarchiven auch in Deutschland, die dann auf Wunsch von Richard oder auch von anderen, die Originalbänder gesucht haben. Manchmal gefunden haben, manchmal auch nicht. Richard Weize konnte und kann sehr hartnäckig sein und irgendwann hat er dann bei den meisten offene Türen eingerannt und hat sich dann selber in den Archiven auf die Suche begeben können und wirklich auch einiges Unveröffentlichtes und Spannendes gefunden. Das natürlich ganz legal war und ist im Eigentum der Firma geblieben, aber zumindest gab es dann die Möglichkeit, das auf Bear Family zu veröffentlichen.

Eine Bear Family Box ist ja wie ein Ritterschlag für einen Musiker. Woran liegt das?

Detlev Hoegen: Das sind viele verschiedene Faktoren. Ich glaube es ist bei uns zum einen die Akribie und die Leidenschaft möglichst perfekt zu arbeiten. Das fängt damit an, dass wir die Themen sehr sorgfältig aussuchen. Und es geht dann in jedem weiteren folgenden Schritt seinen Weg. Die besten möglichen Quellen für die Aufnahmen müssen gesucht werden, oftmals sind die Originalbänder verschwunden, sind bei einem Feuer verbrannt oder gestohlen worden. Dann muss man sich auf gut erhaltene Kopien stützen, da gibt es Quellen, zum Beispiel in Studios oder bei ehemaligen Mitarbeitern. Also, man muss immer versuchen, die bestmögliche Quelle aufzutreiben, von der dann für die neue Veröffentlichung gemastert werden kann. Das setzt sich dann fort in einem ähnlichen Bereich, es geht auch immer darum, dass man die Illustration und die Texte möglichst optimal zusammenstellen kann. Das heißt, man muss sich auf die Suche machen nach Bildern, die zuvor noch nie jemand gesehen hat, vielleicht aus Privatarchiven, von Freunden, von ehemaligen Produzenten. Und dann geht es darum, dass man dieses ganze Konzept von einem Autor in Text kleiden lassen muss, der die Geschichte des Musikers oder des Labels oder einer Ära oder irgendeiner anderen Dokumentation nachvollzieht. Und da haben wir immer das Glück gehabt, dass wir mit sehr, sehr engagierten und versierten Autoren zusammen arbeiten konnten. Das war immer ein Teil des großen Bear Family Konzeptes.

Wie lange dauert es eigentlich, bis es zur Veröffentlichung so eines Projektes kommt?

Detlev Hoegen: Jahre, viele Jahre manchmal. Es gibt sicherlich Projekte, gerade wenn es um die Bear Family Boxen geht, das sind eigentlich die Projekte, für die unsere Firma am meisten bekannt ist. Wenn es darum geht, wirklich umfassend eine Musikerbiographie oder die Geschichte eines Labels zu dokumentieren, dann kann das schon Jahre, manchmal sogar mehr als zehn Jahre dauern, bis das dann von der eigentlichen Konzeption zur Veröffentlichung gereift ist.

Ihr seid ein einzigartiges Indie-Label, weltweit beachtet, das Erfolg hat. Gibt es für Dich Veröffentlichungen, die ganz besonders sind?

Detlev Hoegen: Das ist auch einzigartig. In der Zeit, in der Bear Family angefangen hat, Boxen zu veröffentlichen, Anfang der 80er Jahre, war das ein vollkommen neues Format. Die Industrie hat sich damit eigentlich nie beschäftigt, weil für die Industrie natürlich das Thema heute produziert, morgen auf den Markt und nach einem Jahr vergessen eigentlich die Prämisse war. Für uns ging es gerade ums Gegenteil. Die Sorgfalt, die hinter diesen Veröffentlichungen steckte, erforderte einfach immer sehr viel Zeit. Das war das eine. Das andere, was ich denke, was Bear Family international nochmal ins Rampenlicht geführt hat, war eine Box, die eigentlich mit dem amerikanischen Thema so gut wie nichts zu tun hatte. Das war eine Veröffentlichung, die nannte sich “Beyond Recall” über Musik des jüdischen Kulturbundes in Berlin unter der Zeit der Nazi-Herrschaft, also Aufnahmen von 1933 bis Ende der 30er Jahre. Eine Zeit, die glaube ich selbst in der jüdischen Biographie oftmals vergessen wurde und wo vielen gar nicht bewusst war, dass eben unter der Herrschaft der Nazis, der jüdische Kulturbund zum Teil noch produzieren und anfangs noch veröffentlichen konnte. Das war ein grosses Projekt mit einem ganz umfangreichen Begleitbuch, was u.a. in Frankreich für viel Furore gesorgt hat. Ich kann mich noch erinnern, dass damals in der Libération eine Doppelseite über dieses Projekt geschrieben wurde. Und sich Bear Family damit erstmals von dem amerikanischen Thema wegentwickelt hat und ein ganz großartiges und wichtiges, internationales Kulturthema aufgegriffen hat. Wichtige Veröffentlichungen darüberhinaus fand ich, und finde ich im Nachhinein immer noch, unsere Box rund um den Vietnamkrieg, wo es darum geht, die populäre Musik der damaligen Zeit zusammenzutragen. Das was damals im Radio gespielt wurde, was wir hier in Europa, was Studenten und junge Leute in Amerika gehörte haben, aber eben auch die Soldaten in Vietnam. Und das in Verbindung mit kritischen Songs über den Krieg in Vietnam, aber auch auf der anderen Seite die Befürworter, die sind genauso zu hören, werden natürlich kritisch begleitet im Begleitbuch. Und als Ausblick für das, was ein Krieg so mit sich bringt Aufnahmen von Vietnam Veteranen, die versucht haben, mit Musik, mit eigenen Songs, die Traumata des Krieges zu verarbeiten. Das fand ich eine sehr spannende Dokumentation. Wir haben jetzt vor kurzem noch eine Box herausgebracht über die Musik des Spanischen Bürgerkriegs. Und aktuell im letzten Jahr, Musik aus dem sogenannten “Forgotten War”, den Krieg in Korea. Das klingt vielleicht ein bißchen makaber, dass es um Kriegsthemen geht, aber ich denke, in Verbindung mit Krieg spielt Musik eine besondere Rolle. Und viele von denen, die in irgendeiner Form in Krieg involviert waren, natürlich die Soldaten selber in erster Linie, haben versucht dann auch über eigene Musik dieses Thema eigens zu verarbeiten. Und, der Höhepunkt, auch der Höhepunkt, was die Massivität angeht, war eine Veröffentlichung vor ein paar Jahren mit dem Titel “Black Europe”, wo es um schwarze Musik in Europa geht. Ich glaube, die älteste Aufnahme war von 1896 und die jüngste von 1926. Insgesamt über 1200 Aufnahmen, die die schwarze Musikgeschichte in Europa dokumentiert. Also, die Musik von afrikanischen Musikern, die damals z.B. in Paris, einer der Hochburgen der Musikproduktion, Aufnahmen gemacht haben, aber auch von afro-amerikanischen Musikern, die in Europa auf Tournee gegangen waren und ebenfalls vor allem in Frankreich Aufnahmen gemacht haben. Da haben sich einige Sammler jahrzehntelang mit beschäftigt und ersteinmal versucht überhaupt diese Aufnahmen, die ja mittlerweile fast 100 Jahre alt sind, zusammen zu tragen und Materialien zu sammeln, Informationen über die Musiker beizutragen, Fotos zu finden. Und das war ein einzigartiges Projekt mit insgesamt 24 CDs und zwei dicken, schweren Büchern. Und für dieses Projekt sind wir damals auch für einen Grammy nominiert worden. Das sind einige der Projekte, die,wie ich finde, aus der großen Menge von guten Veröffentlichungen herausragen.

Du hast schon einige der großen Veröffentlichungen genannt, aber was führt letztendlich zu einem Projekt?

Detlev Hoegen: Das ist eine Gratwanderung. Es gibt nicht die eine Entscheidung, die man bei einem Projekt gefunden hat und dann vielleicht auf das nächste überträgt. Sondern jedes Projekt muss wieder neu betrachtet werden. Natürlich müssen wir darauf achten, dass sich solche Projekte auch finanziell tragen. Das ist heute schwieriger als noch vor 10, 20 Jahren, aber die Antriebsfeder besteht eher in der Frage, ist das spannend, interessiert das jemanden, ist das dokumentationswürdig und passt das auf unser Label? Sind wir sozusagen die richtigen Partner, die so etwas veröffentlichen können. Nehmen wir mal ein Gegenbeispiel. Wenn mir jemand ein großes Projekt über die Geschichte des Jazz in den USA antragen würde, würde ich höchstwahrscheinlich ablehnen, weil wir im Jazz nun überhaupt nicht zu Hause sind. Das hat nichts mit einer Abneigung zu tun, sondern es hat einfach damit zu tun, dass die Geschichte von Bear Family eine andere ist. Und das diejenigen, die hier arbeiten und die Verantwortung tragen für Veröffentlichungen sich auf ganz bestimmte Themen konzentriert haben. Das hat also nichts mit Qualität zu tun, sondern da muss ich sagen, wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen. Wir können nicht die vergessene Arbeit von Generationen leisten. Wir müssen uns auch schon auf bestimmte Dinge konzentrieren. Und ansonsten spielt, denke ich mal, einfach die Spannung eine ganz, ganz große Rolle. Das Thema muss wirklich spannend sein. Bleiben wir noch einmal bei dem Thema “Black Europe”, das war ein Thema, das ich nur ansatzweise kannte. Josephine Baker kannte ich auch, aber die meisten Künstler, die auf diesen Aufnahmen vertreten sind, habe ich noch nie gehört im Leben. Werde ich wahrscheinlich darüberhinaus niemals woanders erleben. Und so etwas zu veröffentlichen, auch wenn es nur in einer kleinen Auflage ist, das war schon eine extreme Herausforderung und da bin ich Richard Weize dankbar, dass er das wirklich damals aufgegriffen hatte. Das hatte ich ja auch schon kurz erwähnt. Ich glaube, aus rein finanziellen, betriebswirtschaftlichen Gründen hätte ich meine Finger davon gelassen. Aber, es ist wunderbar, dass ich mich da nicht durchsetzen konnte und, dass das Projekt wirklich veröffentlicht wurde.

Gibt es eigentlich auch Musiker, die nicht mit Euch zusammenarbeiten möchten?

Detlev Hoegen: Das gibt es auch, klar. Aber man muss sich ein bisschen in der Entwicklung der Musikindustrie auskennen, um zu beurteilen, was ist möglich und was nicht. Wir profitieren natürlich davon, dass in den 50er und 60er Jahren Musikerverträge geschlossen wurden, wo der Musiker selbst relativ wenig Einfluss auf das hat, was mit seinem aufgenommenen Material passiert. Gerade in den USA sind damals Verträge geschlossen worden, die dem Musiker quasi alle Rechte absprachen und alles wurde auf die Industrie übertragen. Davon profitiert die Industrie und wir natürlich gleichermaßen. Es gibt aber auch Themen von Musikern, wo es dann einfach schwierig wird, weil es komplizierteste Herangehensweisen über Rechtsanwalts-Konsortien erfordert und da müssen wir dann die Finger von lassen. Das wird immer komplizierter je neuer die Aufnahmen sind. Und das hat auch was damit zu tun, dass die Industrie selber sich verändert hat. Unser Hauptaugenmerk liegt einfach in der Phase der ursprünglichen Entwicklung von amerikanischer, populärer Musik, also 40er, 50er, 60er Jahre. Und was danach kommt, also alles was eigentlich in der Geschichte der Rockmusik passiert ist, so ab Mitte der 60er Jahre, das ist gar nicht mehr unser Aufgabengebiet.

Welche Projekte würdest Du noch gerne verwirklichen?

Detlev Hoegen: Ich habe da schon ein paar Projekte im Kopf. Ich arbeite jetzt mit einem Autor aus San Francisco zusammen, an einem Projekt, das nennt sich “The history of Folk Rock”. Das ist schon ein Thema, das so ein bißchen für uns in die Neuzeit reinragt, auch, weil es so ein bißchen in die 70er Jahre reingeht. Das finde ich ein spannendes Thema, hat mich auch selber in den 60er und 70er Jahren beeinflusst. Dann wird im nächsten Jahr eine 20 CD Box kommen zum Thema Blues aus Memphis und da geht es einfach darum, die gesamte Musikgeschichte von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die späten 60er hinein zu dokumentieren mit allen Aufnahmen, die in Memphis entstanden sind, bzw. von Memphis Musikern außerhalb von Memphis, abgesehen von dem Sun Katalog, den wir schon viel, viel tiefer ausgeschlachtet haben. Das sind dann auch schon wieder 550, 560 verschiedene Aufnahmen und da arbeiten wir jetzt dran zusammen mit einem Autor, einem Experten, einem Historiker aus England, der schon fleißig dabei ist, die einzelnen Musikerbiographien zu schreiben und die Songs zu bewerten. Das ist ein Projekt, was jetzt auch schon seit gut einem Jahr in der Mache ist. Also, da gibt es schon einige Projekte, ich würde gerne eine Gesamtretrospektive über den Musiker Steve Young machen. Ich finde, er ist einer der wundebarsten Sänger der amerikanischen Country Geschichte, toller Typ. Ist schwierig, weil es da eben auch rechtliche Hürden gibt. Andere Projekte, die mir noch vorschweben wäre vielleicht mal etwas über Dough Sahm zu machen, bekannt hier vor allem über das “Sir Douglas Quintet” und den alten Pophit “Mendocino”. Man kann so viele Themen aufgreifen und so viele Themen werden auch einfach in den USA ignoriert, dass ich denke, daran mangelt es nicht.

Ihr habt neben Country auch zahlreiche Schlager Boxen gemacht, dazu auch solche Sachen wie eine umfangreiche Martin Böttcher Box. Wie kam es dazu?

Detlev Hoegen: Ich glaube, diese älteren Projekte, die Du jetzt ansprichst, die wurden in der Regel in den 90er Jahren veröffentlich, die haben natürlich was mit Richards persönlichen Vorlieben zu tun. Und neben Country Musik war für Richard in der Zeit der 60er Jahre Schlager eben sehr prägend und es gab ja auch immer eine Verbindung zwischen Schlagermusik in Deutschland und Country Musik in den USA. Diese Verbindung hat er aufgezeigt und hat ja auch ganz, ganz viele Sachen dazu dokumentiert. Zwar weniger in aufwendigen Boxen, aber in vielen Einzel-Cds, als die deutsche Industrie eben auch daran überhaupt kein Interesse hatte. Ich denke mal, dass die Bandbreite ein wichtiger Faktor ist für die Überlebensgeschichte von Bear Family. Und Soundtracks ist ein ganz anderer Markt, als der Markt für Country Musik und die Geschichte von Bonanza und die Geschichte der Martin Böttcher Soundtracks und viele andere deutsche Filmkomponisten, ist durchaus ein Thema auch heute noch. Ich denke, dass das durchaus ins Bear Family Repertoire reinpasst.

In Zeiten, in denen immer weniger CDs verkauft werden, hat Bear Family noch eine Zukunft?

Detlev Hoegen: Ich denke schon, dass wir eine Zukunft haben. Vielleicht nicht für alle Ewigkeiten, keine Ahnung, ich bin kein Prophet. Aber wenn ich mir die Entwicklung der letzten 20 Jahre anschaue, seit es im digitalen Bereich extreme Veränderungen gegeben hat, da muss ich sagen, dass wir eigentlich besser dastehen, als vor 10 Jahren erwartet. Das hat sicherlich damit zu tun, dass der Markt, den wir bedienen, ein komplett anderer ist als der, der sich über Streaming und Downloads im digitalen Bereich bedient. Wir veröffentlichen eben keine aktuellen Aufnahmen. Wir sind nicht im Pop Bereich tätig. Sondern wir sind Archivare, wir sind Bewahrer in einer gewissen Weise. Und für uns und unsere Veröffentlichungen gilt, dass es stets um das Gesamtprojekt geht. Also auch das Gesamtprodukt in dem Fall. Ich denke, viele von den Aufnahmen, die wir heute veröffentlichen kann man, wenn man sich bemüht, auch im Netz finden. Entweder legal oder illegal, aber die Art und Weise, wie wir sie zusammen fassen mit Text und Bild und CDs mit 60seitigem Booklets veröffentlichen und Boxen mit mehreren hundertseitig dicken Büchern, das ist schon ein ganz anderes Thema, als das, was im Alltagsgeschäft digital heute läuft.

Wer sind eigentlich Eure Kunden, habt Ihr da Informationen?

Detlev Hoegen: Wir wissen schon was, das hat viel damit zu tun, dass wir ja an eine ganze Reihe von Kunden direkt verkaufen. Also Bear Family hat ja ein zweites Standbein, das ist der Mailorder, der seit einigen Jahren dann mehr oder weniger zum Online Shop weiterentwickelt wurde. Wo wir dank meines Partners, Michael Ohloff, sehr gut aufgestellt sind. Das ist eine Riesenaufgabe da mit unseren Veröffentlichungen und auch mit den anderen Produkten, die wir vertreiben, im google ranking, was ja heute ganz, ganz wichtig ist, möglichst weit oben zu stehen. Das ist eine der Strategien, die uns das Überleben erleichtert. Und das andere ist, dass wir einfach versuchen über das, was es noch an Handel gibt, überall präsent zu sein. Wir nutzen natürlich die Market Places von bestimmten großen Plattformen weltweit, wir haben auch noch ein Vertriebssystem in den USA. Wir vertreiben unsere Produkte in Deutschland jetzt wieder selbst. Wir sind über Exporteure auch in Läden in Skandinavien oder in England, eigentlich weltweit zu finden. Insgesamt gesehen wird der Markt natürlich kleiner werden. Und das Publikum, das wir bedienen wird immer älter. Das denke ich mal ist einfach der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu schulden, also der gesellschaftlichen und der technologischen Entwicklung. Und jemandem, der heute 20 ist, davon zu überzeugen, dass er ein physisches Produkt kaufen soll, wo eine CD drin liegt, das ist glaube ich nahezu unmöglich. Da können wir natürlich noch ein bißchen was reißen, in dem wir spannende Sachen auch auf Vinyl veröffentlichen, aber die CD Boxen, das spricht schon ein Publikum an, das in einem Altersbereich zwischen 50 und 80 liegt. Die meisten unserer Kunden sind wahrscheinlich zwischen 55 und 70 Jahre alt.

Bear Family Records

Die Christliche Rechte steht zu Trump

Im Wahlkampf 2008 reiste ich in den „Bible Belt“, um dort christlich-konservative Radiosender zu besuchen. Ich wollte wissen, wie sie sich damals im Wahlkampf positionierten. Nach acht Jahren George W. Bush war der Kandidat Mitt Romney auf der republikanischen Seite nicht unumstritten und relativ spät setzte sich Barack Obama gegen Hillary Clinton durch. Und Clinton war das rote Tuch für die Christliche Rechte im Land. Seitdem verfolge ich, was Organisationen, wie „American Family Radio“ und die dazugehörige Association verbreiten. 2016 im Wahlkampf griff ich das Thema erneut auf, denn was mich verwunderte, war, dass die Christliche Rechte sich für Donald Trump einsetzte. Jenen Kandidaten, der mehrfach geschieden war, der eigentlich so gar nicht in das Bild eines „christlichen“ Kandidaten passte:

Fundamentalismus in den USA     

Donald Trump wurde Präsident auch und vor allem durch die Unterstützung der Fundamentalisten in den USA. Und die stehen nach wie vor zu ihm, verteidigen jeden seiner Schritte und auch jeden seiner Fehltritte. Wie auch heute wieder. Täglich wird mir der Rundbrief vom „OneNewsNow News Desk“ der „American Family Association“ zugeschickt. Und in aktuellen Ausgabe geht der Autor Michael Brown auf Trumps Tweets ein, dass doch die vier Abgeordneten der Demokraten, Ayanna Pressley (Mass.), Rashida Tlaib (Mich.), Alexandria Ocasio-Cortez (N.Y.) und Ilhan Omar (Minn.), in die Länder zurückgehen sollten, aus denen sie gekommen sind. Die vier Frauen sind alle „women of color“, drei von ihnen wurden in den USA geboren, eine, Ilhan Omar, kam als Kind mit ihrer Familie aus dem Bürgerkriegsgebiet in Somalia und wurde als Teenager eingebürgert.

Die Tweets und die Kommentare dazu von Donald Trump sind durchaus rassistisch einzustufen. Die Mehrheit der Kommentatoren sieht das so, die Demokraten sehen das so. Bei den Republikanern sieht das schon anders aus. Senator Lindsay Graham sagte zwar auf „Fox and Friends“, der Morgensendung auf FoxNews, dass Trump sowas nicht sagen sollte, aber die Angesprochenen seien ja eh „Kommunisten“ und hassten Israel und die Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch die Christliche Rechte verteidigt den Präsidenten. Zwar seien die Tweets „inkorrekt“ gewesen, so Michael Brown im „OneNewsNow“ Rundbrief, da ja drei der Abgeordneten von Geburt an Amerikanerinnen seien. Auch seien sie „unangebracht“, da ja Trump der Präsident aller Amerikaner sei. Doch, so Brown, habe Trump ja nicht einfach gesagt, die vier sollten sich vom Acker machen und dort bleiben „wo sie herkamen“. Nein, Brown betont, der Präsident habe ja geschrieben, wenn sie diese Länder auf Vordermann gebracht haben, könnten sie ja wieder zurück kommen und zeigen, wie sie das gemacht haben. Und so etwas würde kein Rassist sagen, so der Kolumnist Michael Brown. („…a racist would not say, „Then come back here once you help fix these other countries.“) Wenn man das nun weiterspinnt, dann vertritt Brown hier tatsächlich die These, dass Donald Trump nur vorgeschlagen habe, dass die vier Abgeordneten der Demokraten quasi eine Lehrzeit in Somalia, Palästina, Puerto Rico, USA – die Herkunftsländer ihrer Familien (!) – absolvieren und mit ihren Erfahrungen dann die US Regierung beraten sollten.

Das nenne ich dann schon eine leichte Verdrehung der eigentlichen Aussage von Präsident Donald Trump. Aber, die Christliche Rechte muss ja den man weiterhin unterstützen, den sie in Amt und Würden gehoben hat, den sie als Retter von „God’s Country“ ansieht. Ich bin nun mal so richtig gespannt auf weitere Verzwirbelungsargumente im kommenden Wahlkampf, denn egal was Trump auch sagt, wen er auch beleidigt, was er auch verdreht, die fundamentalistischen Christen in den USA finden eine Erklärung.

Wunderbar Together

Während im Weißen Haus jemand sitzt, der einen mehr als kontroversen „America First“ Kurs fährt und damit nicht nur im eigenen Land viele Amerika Freunde vor den Kopf stößt, versucht man im Ausland zu verstehen, wie man am besten auf diese neuen Zeiten reagiert. Deutschland versucht da mit einer Projektreihe gegenzusteuern. „Wunderbar Together“ ist der Versuch, vielen in Amerika deutlich zu machen oder sie vielmehr daran zu erinnern, wie eng die Freundschaft, Verbundenheit, Partnerschaft zwischen den USA und Deutschland ist.

Das Auswärtige Amt hat dafür ein Deutschlandjahr in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Überall im Land wird daran erinnert, was uns verbindet. Viel Geld wird in diesen 12 Monaten ausgegeben und die Projekte reichen von gemeinsamen Festen über Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen bis hin zu Radiosendungen mit Musikthemen, wie ich sie derzeit produziere.

Den Anfang macht eine Sendung über „American Forces Network“, AFN. Der Sender der amerikanischen Streitkräfte war für viele in Deutschland sehr prägend. Die Musik, die gespielt wurde, war anders als das, was wir auf den öffentlich-rechtlichen Frequenzen zu hören bekamen. Rock, Blues, Jazz, Country, Funk und R&B, AFN überzeugte durch eine ganz andere Musikauswahl. Auch die DJs moderierten anders, lockerer, als ihre deutschen Kollegen auf den damals noch steifen ARD-Kanälen. Und über die zahlreichen lokalen AFN-Stationen in Deutschland konnte man auch sein Englisch etwas aufpolieren. Ich hörte damals in den 80ern viel AFN-Nuremberg, der aus dem „Bavarian American Hotel“ gegenüber vom Hauptbahnhof sendete. In meinen Jahren bei Radio Gong Nürnberg konnte ich erst über den Umzug von Nürnberg nach Fürth berichten und später dann, beim Abzug der US Army aus dem Großraum Nürnberg, die Verlegung von AFN nach Vilseck. Dort wurde AFN-Nuremberg schließlich zu AFN-Bavaria. Ein wichtiges Kapitel in der mittelfränkischen Radiogeschichte wurde damit beendet.

AFN war (und ist) ein Sender für das US Militär. Doch „American Forces Network“ hatte eine riesige „Shadow Audience“ – Germans. Und darum geht es in dieser Sendung, den Einfluss dieser Radiostation und ihrer vielen Shows und DJs auf eine dankbare deutsche Hörgemeinschaft.

Und hier kann man die Sendung hören:

„Wunderbar Together – AFN and it’s huge impact on Germany“

Einem Heiligen zuhören

Jahrzehntelang war die John Coltrane Church Teil des Fillmore Distrikts von San Francisco, einem einstigen afroamerikanischen Zentrum in der “City by the Bay”, in dem der Jazz und der Blues gefeiert wurde. Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Auch die Kirche selbst verlor vor ein paar Jahren das Dach über dem Kopf. Die Gentrifizierung verändert alles in der Stadt. Die John Coltrane Church hat mittlerweile neue Räume gefunden, teilt sich nun ein Kirchengebäude mit der St. Cyprian’s Episcopal Church auf Turk Street.

In der Western Addition ist nun das neue Zuhause der John Coltrane Church, zwar nur einige Blocks von dem früheren Standort entfernt, aber hier kommen nicht zufällig Spaziergänger vorbei, neugierig, was die Jazz Klänge zu bedeuten haben. Aber aufgeben stand nie zur Debatte. Das spürt man gleich, wenn man Pastorin Wanika Stephens und den Aktiven in der Gemeinde begegnet. Vor nunmehr 50 Jahren entstand diese einzigartige kleine Kirchengemeinde, die es nur in San Francisco gibt. Für Pastorin Wanika Stephens gehört die Kirche und San Francisco einfach zusammen. Hier war der Summer of Love, hier in der Bay Area wurde die Black Panther Partei gegründet. John Coltrane, Billy Holiday, Miles Davis, Thelonious Monk, Duke Ellington kamen hierher. Es macht also Sinn, dass die Coltrane Church genau von hier kommt.“

An einem Sonntagmittag mit etwas Verspätung beginnt um 12:45 Uhr der Gottesdienst in der John Coltrane Church. Etwa 50 Menschen sind gekommen. Alt und jung, weiß, schwarz, farbig, einige sind zum erste Mal hier, andere kommen seit Jahren. Es ist eine äußerst entspannte Atmosphäre, jeder lächelt hier jeden an. Was sie alle verbindet ist die Musik von John Coltrane, der schon von CD eingespielt wird, als man vorne in der Kirche noch Bilder des Musikers aufhängt, einen kleinen Altar schmückt. Es fällt der Begriff “Baptized in sound” in Anlehnung an die Taufe mit geweihtem Wasser, wird man hier mit dem Klangbild John Coltranes in die Glaubensfamilie aufgenommen. Es war durch diese “Klang Taufe”, die unsere Gründer Bischof King und Mutter Marina 1965 in einem Jazz Workshop in San Francisco erlebten. Sie sahen damals einen Auftritt von John Coltrane und waren total gebannt von der Musik und dem, was sie in dieser Nacht erlebten.“

In einem Jazzclub hätten die beiden den Heiligen Geist durch die Musik erfahren, heisst es auf der Webseite der Gemeinde. Nachdem John Coltrane im Juli 1967 im Alter von gerade mal 40 Jahren verstarb, kam man zu regelmäßigen Hörtreffen mit Freunden zusammen. Und hier spürte man erneut die Kraft von Coltranes Musik und Wort und gründete den Yardbird Tempel. Man orientierte sich an Coltrane, war aktiv mit der Black Panther Party verbunden, organisierte auf den Straßen den Kampf für soziale Gleichheit mit. Mitte der 80er Jahre sprach die “African Orthodox Church” John Coltrane heilig. Der Tempel wurde in “Saint John Will-I-Am Coltrane African Orthodox Church” umbenannt.

Die Gläubigen werden zum Mitspielen eingeladen.

An diesem Sonntag findet zuerst eine Meditation statt. “A love Supreme”, Coltranes Meisterwerk wird gespielt. Ich bin wohl der einzige, der nicht die Augen schließt und die Musik wirken lässt. Für mich ist die Musik von John Coltrane wie beten“, meint Wanika Stephens. „Ich spüre, wie die Musik zu mir spricht, sie erlaubt mir, mich zu öffnen, empfangbar für das zu sein, was der Geist Gottes mir sagen will. Denn genau das ist, was Beten bedeutet. Es ist eine Öffnung des Herzens.“

Nach “A love supreme” stehen viele der Anwesenden auf, teilen mit den anderen, was die Musik für sie bedeutet, in ihnen ausgelöst hat. Danach werden all jene eingeladen nach vorne zu kommen, die ein Instrument mitgebracht haben. Gemeinsam wird die Kirche zum Jazzraum. Für Wanika Stephens ist die „Message“ eine einfache. Wer hierher kommt, soll erfüllter nach Hause gehen können. Ich möchte, dass sie hierher kommen, suchend und findend und glücklich von hier weggehen. Dass sie ein Stück weit dem näher kommen, das Gefühl haben eine Antwort bekommen zu haben.“

Die John Coltrane Church wurde einmal von der New York Times, als hippste Kirche überhaupt bezeichnet. Nach dreieinhalb Stunden Gottesdienst der etwas anderen Art und viel Jazz kann man dem durchaus nur zustimmen. Die Türen der kleinen Gemeinde stehen sonntags für jeden offen. Auch für Besucher aus Deutschland. Und wer schon einmal vorhören möchte. Jeden Dienstag von 12-4pm PST sendet die John Coltrane Church auf KPOO in San Francisco und weltweit im Internet.

Der Beginn von „American Forces Network“

Schon im September 1942 war der Führung im US Militär klar, dass etwas getan werden muss. Die eigenen Soldaten waren unmotiviert, „low GI morale“ hieß es, nachdem eine Befragung ausgewertet worden war. Die Camps der Soldaten waren überfüllt, es gab kaum Freizeit und der Krieg ging gerade erst so richtig los.

AFN Headquarters in Riverside.

Die USO versuchte zwar die Soldaten mit Auftritten abzulenken, auch strahlte die BBC am Wochenende 30 Minuten amerikanische Musik und fünf Minuten Sportnachrichten aus der Heimat für die GIs in England aus, aber all das langte nicht. General Eisenhower wies deshalb seine Leute an, etwas zu finden, was den Soldaten ein Stück weit Heimat im Einsatz liefern könnte. Die Idee für „American Forces Network“ war geboren.

Um 5:45 Uhr morgens am Independence Day, dem 4. Juli 1943,  wurde zuallererst die Nationalhymne auf AFN ausgestrahlt. Lokal produzierte Sendungen mit den bezeichneden Namen „The Duffel Bag Show“, „Combined Operation“ und „Your Town“ gingen on-air. AFN wurde über Nacht zum Hit für die amerikanischen Soldaten.

Mit dem Gewinn des Krieges kamen die Radiomacher in Uniform auch nach Deutschland. Sie übernahmen zum Teil die Reichssender, nutzten die vorhandende Technik für ihr Unterhaltungsprogramm, berichteten aber auch, was im besetzten Deutschland passierte. Hier zwei Fundstücke aus den frühen Jahren der amerikanischen Besatzung, AFN-Berichte von den Kriegsverbrecherprozessen und den Hinrichtungen in Nürnberg:

Prozess     
Hinrichtung     

Im Januar 1950 ging der  lokale AFN Sender „Tower of Power“ im Nürnberger Grand Hotel („Bavarian American Hotel“) auf Sendung. Hörer gab es mit den vielen Kasernen in und um Nürnberg herum genügend. Nachdem die amerikanischen Truppen mit dem Ende des Golfkriegs aus Nürnberg abzogen, wurde AFN Nuremberg zuerst vom Bahnhof in die Fürther Darby Kaserne verlegt, bevor der Sender dann im September 1995 ganz der Nürnberger Region „Auf Wiedersehen“ sagte und fortan aus Vilseck als AFN Bavaria weiter sendete.

AFN prägte über Jahrzehnte die Hörgewohnheiten der Franken, denn es gab ja mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch keine große Alternative. Jeder, der wohl in den 60er, 70er und 80er Jahren in Franken aufwuchs, schaltete ein. Jazz, Blues, Country, Funk and Soul, Rock’n Roll, die Amerikaner hatten einfach den Sound, den man im damals Monopol BR nicht hören konnte. Sie prägten auch viele der lokalen Radiomacher, die in den späten 80ern bei den Privatsendern ihre ersten Gehversuche machten. AFN sendete eigentlich nur für die Soldaten, doch hatte eine riesige „Shadow Audience“ in der deutschen Bevölkerung. Erst spät merkte man beim Soldatensender, dass AFN eigentlich auch Kulturbotschafter Amerikas war. Und das sehr erfolgreich. Heute ist das kaum noch vorstellbar, was „American Forces Network“ mit seinem Programm erreicht hat. AFN prägte das durchaus positive Bild Amerikas in Deutschland maßgeblich mit.