7 Lieder zur Beharrlichkeit

      Danielle de Picciotto & Alexander Hacke
Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit "Perseverantia" zurück.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit „Perseverantia“ zurück.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltbekannt. Ihre eigenwillige, offene und grenzenverschiebende Auslegung was Musik ist, kann und sein sollte, hat sie zu bedeutenden Kulturbotschaftern Deutschlands gemacht. Hier in den USA können nur wenige den Bandnamen aussprechen, DJs kündigen sie manchmal als die „Crashing New Buildings“ an. Einer der Neubautenmitglieder ist Alexander Hacke, ein ruheloser, umtriebiger Klangbastler. Und der ist seit einigen Jahren fest mit der in Berlin lebenden Amerikanerin Danielle de Picciotto liiert, selbst eine kreative und vielseitige Multimediakünstlerin, die schreibt, malt, filmt, zeichnet und eben auch Musik macht.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind vielbeschäftigt, mal hier, mal dort, mal in Übersee. Eigene Projekte und Auftragsarbeiten wechseln sich ab. Nun haben sich die beiden wieder für ein gemeinsames Album zusammen getan. „Perseverantia“ heißt es und untermalt tönend die Beharrlichkeit dieses Künstlerduos, das sich auf dieser Veröffentlichung wahrlich gefunden und ergänzt hat. Es ist kein Hitalbum, ganz im Gegenteil. „Perseverantia“ ist wie ein vielschichtiger Soundtrack voller Klangebenen, auf die man sich als Hörer einlassen muß. Man wird gefordert, nicht berieselt. Man braucht Zeit, um dieses Werk zu erfassen, zu erhören.

Im Interview (Audioplayer oben) mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sprechen die beiden über das neue Album, die Kunst, ihr Leben. Die Fragen schickte ich von hier nach dort, die Antworten kamen aus Berlin zurück nach Oakland.

Goldene Zeiten für Eisbrecher

      Eisbrecher im Interview
Alex Wesselsky im Interview.

Alex Wesselsky im Interview.

Es kommt ja nicht oft vor, dass man eine Band vom Demoband bis zur goldenen Schallplatte begleitet. Doch genau das ist mit Eisbrecher passiert. Ich weiß noch, als Alex Wesselsky überraschend bei Megaherz ausstieg, um mit Noel Pixx Eisbrecher zu gründen. Er drückte mir eine sechs Songs umfassende CD in die Hand und meinte nur: „Hör mal rein“. Darauf die erste Version von „Schwarze Witwe“ und auch eine Coverversion des NDW-Klassikers „Zauberstab“ von Zsa-Zsa.

Eisbrecher spielten sich kontinuierlich nach vorne, vor allem spielten sie sich aus dem Schatten von Megaherz ins Rampenlicht. Und das durchaus auch Dank ihres Frontmanns Alex, der wie für die Bühne geschaffen wurde. Für mich ist er einer der mitreißendsten und charismatischsten Sänger im deutschen Musikgeschäft. Es ging stetig voran, bergauf für die Band, von einer Platte zur nächsten machten Eisbrecher mehr auf sich aufmerksam. Und ich nervte mit jeder neuen Veröffentlichung, bei jedem neuen Interview mit der Frage, wann spielen Eisbrecher endlich live in den USA.

Dazu kam es bislang noch immer nicht, doch Eisbrecher sind seit ein paar Jahren in den USA auf Metropolis Records veröffentlicht. Die Verkaufszahlen sind durchaus ok, wie mir auch Label-Besitzer Dave Heckman vor einiger Zeit erklärte. Eisbrecher, so Heckman, haben ihre treue Fanbase in den USA und Kanada. Auf den Streamingdiensten Spotify und Pandora donnert der Eisbrecher vielbeachtet im Fahrtwind von Rammstein durch die Weiten des musikalischen Klangraums.

Die doppelte Goldauszeichnung für Eisbrecher.

Die doppelte Goldauszeichnung für Eisbrecher.

Und nun saßen wir am letzten Wochenende mal wieder zusammen. Diesmal im Zenith in München, um über die Band, Amerika und das Musikgeschäft zu sprechen (siehe/höre oben). Alex Wesselsky ist ein „outspoken“ Musiker, der das sagt, was er denkt und auch dazu steht. Hinter und auch auf der Bühne. Das macht jedes Interview mit ihm interessant, spannend und auch lebendig. Als er abends im Konzert die Europafahne entfaltete, hörte man einige Buh-Rufe. Doch genau darauf hatte er es abgesehen, Alex ist ein überzeugter Europäer und steht auch in der derzeitigen Krise dazu. Der Zweimetermann redet niemandem nach dem Maul – Bravo!

Nach dem kraftvollen, energiegeladenen Konzert kam dann noch die kleine Feier zur doppelten Goldplattenauszeichnung für die beiden Studioalben „Schock“ (2015) und „Die Hölle muss warten“ (2012). Ich durfte dabei sein, dachte an dieses erste Demoband vor zig Jahren und freute mich einfach für die Band, die hart und unermüdlich für diesen Moment gerockt hatte. Mit gleich zwei goldenen Schallplatten hat sich Eisbrecher endgültig in der Bundesliga der deutschsprachigen Rockbands etabliert. Gratulation zu diesem beeindruckenden Erfolg.

Da dreht sich Donna Summer im Grab herum

Mit den Toten kann man es ja machen. Der deutsche Auslandssender, die Deutsche Welle, setzt seit ein paar Jahren auf eine neue Zielgruppe. Die Jugendlichen in aller Welt sollen angesprochen werden. Dafür begeistert man sich nun auch für Rammstein, deren CDs man in den 90er Jahren noch nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen, geschweige denn über die weltweiten Frequenzen spielen wollte. Nun gut, man denkt um. Bravo dw!

Donna Summer - the German Superstar.

Donna Summer – the German Superstar.

Gestern Abend klickte ich mal wieder durch die Sender und blieb bei Kanal 32 hängen. KMTP-TV ist ein offener Kanal in der San Francisco Bay Area, die Deutsche Welle hat sich hier Sendezeit gekauft. Und es lief PopXport, das Musikmagazin „Made in Germany“. Diesmal ging es um „The ten most successful German acts of the 70s“. Na, das ist doch ein Thema, bei dem ich gerne zuschaue und dranbleibe. Aber dann kam es. Auf Platz 10 die Scorpions, auf Platz 9 Tangerine Dream, auf Platz 8 Eruption, auf Platz 7 Les Humphries Singers, auf Platz 6 Baccara, auf Platz 5 Kraftwerk, auf Platz 4 Silver Convention, auf Platz 3 James Last, auf Platz 2 Boney M und auf dem Spitzenplatz – tata – die Nummer 1 der deutschen Acts in den 70ern setzte die Deutsche Welle Donna Summer.

So…was stimmt mit dieser Liste nicht? Wenn ich die Logik der deutschen Auslandsradiospezialisten weiter verfolge, dann müssten da eigentlich auch David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Brian Eno, Mike Batt und viele andere stehen, denn die haben auch in Deutschland in den 70ern gelebt, gearbeitet, Platten aufgenommen. David Bowie veröffentlichte sogar Songs, die „Neuköln“ und „V-2 Schneider“ hießen und man denke nur daran, dass er von den „Helden für einen Tag“ sang. Also, Kollegen, deutscher geht es ja wohl nicht mehr!

Dass Deutschland in den 70er Jahren durchaus eine Rolle auf der internationalen Musikbühne spielte, ist unbestritten. Mit Frank Farian werkelte da einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit. Mit den Musicland Studios in München und den Hansa Studios in Berlin gab es weltweit geschätzte Aufnahmemöglichkeiten. Und dann gab es da auch noch eine ganze Reihe von wichtigen Bands, die international ihre Spuren hinterließen. Klar, Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Faust uva. Gerade deshalb braucht man die Amerikanerin Donna Summers nicht posthum und noch ein paar weitere Gruppen zu  „German acts“ umschreiben.

Liebe Deutsche Welle, das kommt einfach etwas komisch bei mir und anderen hier drüben in den USA an. Das wäre ungefähr so, als ob ich Fiddler’s Green zu einer Los Angeles Band machen würde, weil sie ihre Platte „Spin Around“ in den Sound Image Studios in LA aufgenommen haben. Ich glaube, wenn ich das damals nach meinem Studiobesuch geschrieben hätte, hätten sich wohl einige zurecht an den Kopf gefasst.

Hong Kong, Taiwan, China Expansion?

Seit nunmehr 19 Jahren halte ich hier an der amerikanischen Westküste die fränkische Flagge hoch. Zumindest musikalisch. Denn seit Beginn von Radio Goethe im November 1996 auf dem Collegesender der University of San Francisco, KUSF, sind Bands aus der „alten Heimat“ fester Bestandteil meiner Playlist. Von den guten Freunden von Fiddler’s Green über eine meiner Lieblingsalben, mc creatrix der Shiny Gnomes, bis hin zu Dutzenden anderen Bands, wie The Robocop Kraus, JBO, Fade, Blue Manner Haze, Wrongkong, Smokestack Lightnin‘, Be My Island uva. Ach ja, auch Atze Bauer war hier schon live on-air. Und kürzlich brachte mein Freund Martin Schano die jüngste Straßenkreuzer CD mit. Die fränkische Musikszene ist gut vertreten im Sendernetzwerk von Radio Goethe, derzeit sind das rund 40 Stationen in acht Ländern.

Radio Goethe goes China?

Radio Goethe goes China?

Online sehe ich, dass viele Hörer sich aus China, aus Hong Kong und Taiwan zuschalten. Freut mich natürlich, dass die deutsche Musikszene auch dort ankommt, auch wenn ich kein Wort chinesisch spreche. Nun bekam ich eine Mail, dass jemand in China einige Radio Goethe Webadressen registrieren will: radiogoethe.asia, radiogoethe.cn, radiogoethe.co.in, radiogoethe.com.cn, radiogoethe.com.hk, radiogoethe.com.tw, radiogoethe.hk, radiogoethe.in, radiogoethe.net.cn, radiogoethe.org.cn,
radiogoethe.tw und ob ich das angewiesen, erlaubt, dem zugestimmt hätte.

Nö, habe ich nicht. Keine Ahnung, was das nun soll, ob da jemand im fernen Osten „unerlaubterweise“ einen Radio Goethe Ableger gründen will, mir quasi die Millionen von chinesischen Hörerinnen und Hörer strittig machen, einen Radiokrieg lostreten, ein „battle of the DJs“ beginnen möchte. Ich weiß es nicht, aber dann soll er mal machen. Ich glaub‘ ja eher, dass da jemand wirklich meint, man könne mit einem kulturellen Programm zur Musikszene aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Geld machen. Kann man nicht, warum auch? Aber viel Glück, ich bin gespannt.

Die Musik des anderen Amerika

Amerika ist das Land der Einwanderer. Und doch wurde lange Zeit bewusst und unbewusst übersehen, dass die Immigranten ihre eigene Kultur und Sprache mit in die Neue Welt brachten und diese auch pflegten. Seit einiger Zeit beginnt man in die USA auf den kulturellen und ethnischen Reichtum zu blicken, der durch die Einwanderer ins Land kam. Jüngst wurde eine umfassende CD Box mit dem Titel “Folksongs of another America” veröffentlicht, die sich auf die Region des Mittleren Westens konzentriert.

Sidney Robertson war eine von drei Musikethnologen, die in den späten 30er und Anfang der 40er Jahre versuchten, die reichhaltigen Musikwurzeln der Upper Midwest Region in den USA zu dokumentieren. Neben ihr reisten noch Alan Lomax („The man who recorded the world“) und Helene Stratman-Thomas durch Wisconsin, Minnesota und die UP, die Upper Peninsula, of Michigan.

Es sind Feldaufnahmen, die eine Region Amerikas präsentieren, wie sie so noch nie zu hören war. Zusammengefasst sind sie nun als “Folksongs of Another America” bei Dust to Digital Records erschienen. Professor James Leary von der University of Wisconin in Madison steckt hinter dieser Veröffentlichung, an dem er fast zehn Jahre lang arbeitete: „Das Projekt, an dem Alan Lomax, Stratman-Thomas und Sidney Robertson involviert waren, war, den Wert der Kulturvielfalt und des Pluralismus zu zeigen. Ich denke, sie haben auch erkannt, dass nach ein paar Generationen die Kinder und Enkel nicht mehr die Sprache sprechen. Es gibt also noch diesen kritischen Moment, wenn man in der Lage ist, dieses Material zu sammeln.“

Wer von der amerikanischen Folk Music spricht, denkt vor allem an die englischsprachigen Lieder. Doch Amerika, das zeigt vor allem die Upper Midwest Region, hat viel mehr zu bieten. James Leary weiß, dass lange Zeit die fremdsprachigen Lieder der Einwanderer nicht beachtet wurden, auch wenn sie von den drei Musiksammlern für die Library of Congress schon früh aufgezeichnet wurden. Von Seiten der Regierung wurde jedoch ein “English only” ausgegeben, die Songs verschwanden im Archiv. 75 Jahre später wollte Leary jedoch zeigen, dass Amerika ein Land der kulturellen Sprachenvielfalt ist: „Für mich sind American Indians Amerikaner. Viele der frühen Siedler in den Vereinigten Staaten, bevor das Land überhaupt eine Nation wurde, sprachen eine andere Sprache als Englisch. Deutsch, Holländisch, Schwedisch, diese Sprachen sind genauso legitim. Und auch in meiner Heimatregion hörte man viele verschiedene Sprachen. Ich denke also, es ist sehr wichtig, diese Lieder als amerikanische Lieder zu präsentieren und sie denen vorzuhalten, die glauben, jeder sprach hier sofort Englisch und, dass nur das Englische das richtige ist.

Alan Lomax, Sidney Robertson und Helene Stratman-Thomas haben in mehreren Reisen in einem Zeitraum von acht Jahren mehr als 2000 Aufnahmen zusammen getragen. Leary hat auf “Folksongs of another America” 186 Lieder ausgewählt, die repräsentativ für die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Gegend sind. Das reicht von finnischen bis serbischen Songs, von französichen bis litauischen, dänischen, walisischen, polnischen, luxemburgischen, schweizer und deutschen Liedern, wie eine Aufnahme von Herman Meyers, „Was war an diesem Baum?“, vom September 1938, aufgezeichnet von Alan Lomax.

James Leary arbeitete jahrelang an dieser Veröffentlichung. Er bereinigte digital die alten Aufnahmen und trug viele Informationen zusammen, die in den Original Notizen der drei Ethnologen nicht vorhanden waren. Er suchte nach Fotos für das Begleitbuch, kontaktierte Nachfahren der Musiker und übersetzte alle fremdsprachigen Lieder mit Hilfe von Kollegen anderer Fremdsprachenabteilungen der University of Wisconsin. Eine Ausnahmeleistung, die jedoch erst den ganzen Wert des Kulturmischmaschs des oberen Mittleren Westens für den Hörer zugänglich macht. Und obwohl man hier nur alte Aufnahmen hört, ist die eigentliche Botschaft dieser visionären Arbeit aus den 30er und 40er Jahren für James Leary klar: „Heute sorgt man sich in Amerika über die Einwanderung, was die Immigranten mitbringen und ob sie überhaupt ins Land gelassen werden sollen. Und genauso ist es ja auch in Europa. Ich finde, diese Lieder zeigen, dass Neuankömmlinge in einem Land, auch wenn sie Teile ihrer Sprache, ihrer Kultur und Tradition behalten, zur gleichen Zeit offen sind und etwas im positiven Sinne beisteuern. Wenn man sich das ansieht, wie es damals war, kann das eine gute Lektion für heute und morgen sein.“

Die 5CD und eine DVD umfassende Sammlung “Folksongs of another America” ist bei Dust to Digital Records und University of Wisconsin Press erschienen.

 

Tohuvabohu über San Francisco

Seit über 30 Jahren machen KMFDM ihr Ding. Eigentlich ist das vor allem der Hamburger Sascha Konietzko, der lange Jahre in den USA lebte und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten als das Kernland für den Erfolg von KMFDM betrachtet. Vor ein paar Jahren zog es ihn zurück in die Hansestadt, wo er heute mit Frau, Sängerin Lucia, und Tochter lebt.

Das Altenteil war die Luftveränderung allerings nicht. Nach wie vor wird getourt. Lautstark, brachial und immer mit einer Prise gesunder Aggression unterlegt. Am Mittwoch war mal wieder San Francisco dran, als Teil der aktuellen USA/Kanada Tournee. Keine andere „deutsche“ Band hat es bislang geschafft, so erfolgreich und so oft quer durchs Land zu touren. KMFDM stehen für eine Breitseite, die nach wie vor alte und auch viele neue Fans anzieht und begeistert. Es ist eine Mischung aus Heavy Guitar Riffs und Industrial Klängen. Dazu englische und deutsche Lyrics. Gerade solche, bei denen Amerikaner mitsingen können. Der Saal tobte beim Song „Hauruck“.

Was KMFDM auch ausmachen, ist ihre Art Stellung zu beziehen. Als George W. Bush die Truppen und das Land für den zweiten Kriegseinsatz im Irak mobilisierte, lebte Sascha Konietzko noch in Seattle. 2003 erschien dann WWIII, ein hartes, kompromissloses Album. Darauf auch „Stars & Stripes, eine Abrechnung mit dem blinden Patriotismus, der zu der Zeit alles in den USA beherrschte. Es war ein einsamer Ruf in einer fast gleichgeschalteten und kleinlauten Musikszene.

KMFDM haben auch nach über 30 Jahren im Geschäft noch diese ungebändigte Energie und Kraft. Ihre Konzerte ziehen nach wie vor. Der Großteil der anstehenden Tour liegt noch vor der Band. Man sollte sie sehen, wenn man gerade in der Stadt ist…irgendwo in „God’s Country“. KMFDM sind noch immer eine erfrischende Abwechslung im musikalischen, amerikanischen Einheitsbrei.

„Stars & Stripes“

A tyrant is a man who allows his people no freedom
Who is puffed-up by pride
Driven by the lust of power
Impelled by greed
Provoked by thirst for fame

Divided and conquered
Gripped by fear
Wishful thinking that it can’t happen hear
It’s well underways but nobody knows
A repeat of history
That’s how it goes

Tell the people that they’re under attack
By man-eating foes from mars or iraq
Mobilize outrage
Muzzle dissent
Send in the troops
Strike the pre-empt

Stars & stripes
Learn how to fight
We come together by the dawn of the light
Oh so proudly we hail as the rockets red glare
Stars & stripes

Control the airwaves
Fuel the reaction
Use every weapon of mass-distraction
Turn active people into passive consumers
Feed ‚em bogus polls and harebrained rumours

Cut back civil rights
Make no mistake
Tell ‚em homeland security is now at stake
Whip up a frenzy keep ‚em suspended
Don’t let ‚em know that their liberty’s ended

Everything goes in the desperate states
The veneer of democracy rapidly fades
Wreak total havoc on all opposition
In any event fulfill your mission

Totalitarian media sensation
You will give ‚em domination
Never mind they call you a liar and thief
By now you’re undisputed commander-in-chief

„Any Day Now“

Am Dienstagmorgen um 2:41 Uhr bebte die Erde in der San Francisco Bay Area. Genau an der Stadtgrenze von Fremont und Union City in der East-Bay, in einer Tiefe von vier Meilen war das Epicenter des Bebens. Auf der Richterskala wurde eine Stärke von 4,0 gemessen. Die Wissenschaftler des „US Geological Survey“ (USGS) gehen nun davon aus, dass die Hayward Spalte reif für ein „Major Quake“ sei. „Any Day Now“ könnte es passieren, hieß es am Dienstag.

Foto: USGS

Foto: USGS

Die Hayward Spalte zieht sich von der San Pablo Bay im Norden bis runter nach Fremont, u.a. durch Berkeley und Oakland. Von meinem Haus ist es Luftlinie vielleicht gerade mal eineinhalb Kilometer bis dahin. „Any Day Now“ ist eine deutliche Warnung an alle, die in der Nähe und in der Region leben. Man soll vorbereitet sein, heißt es. Was das bedeutet ist sei dem Hurricane Katrina jedem klar, denn erst einmal wird man auf sich selbst gestellt sein. Falls das große Beben kommt, sollte man in der Lage sein, sich drei Tage lang selbst versorgen zu können. Das heißt sich und seine Familie, Haustiere und eventuell hilfsbedürftigen Nachbarn. Nahrung, Wasser, Decken, Kleidung zum Wechseln, Planen oder Zelte, falls das Haus nach dem Beben und den Nachbeben unbewohnbar ist. Dazu Bargeld, denn Kreditkarten und Bankautomaten werden nicht funktionieren, Taschenlampen, Batterie betriebene Rundfunkgeräte. Alles sollte an einem sicheren Ort gelagert und griffbereit sein. Eigentlich sieht die Liste so aus, als ob man zum Burning Man Festival in die Wüste fährt.

„Any Day Now“ heißt nicht morgen, heißt nicht übermorgen, heißt nicht nächste Woche. Es bedeutet vielmehr, dass man jederzeit damit rechnen und sich eben vorbereiten sollte. Dass man mit Nachbarn und Freunden spricht, wer sich um Kinder im Kindergarten und in der Schule kümmert, wer die Haustiere versorgt, falls man selbst nicht zu Hause ist. „Any Day Now“ ist keine Panikmache der Erdbebenforscher des USGS, sondern nur ein Hinweis darauf, dass die Hayward Spalte überfällig ist. Eigentlich rappelt es gewaltig alle 140 Jahre. Das letzte Mal war es 1868, vor 147 Jahren. Bis zum Beben 1906 in San Francisco galt dieses Hayward Erdbeben als das “Great San Francisco Earthquake.” Die Uhr läuft also ab für uns.

Er schwebte so dahin

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Ich habe Dieter Moebius nie persönlich getroffen, doch gegenwärtig war er in den letzten fast 20 Jahren schon. Zu seinen Platten und seiner Musik fand ich erst, als ich schon in den USA war. In Deutschland spielte eigentlich niemand Dieter Moebius oder seine Bands Cluster und Harmonia. Zumindest nicht im Nürnberger Sendegebiet. Weder der Bayerische Rundfunk, AFN noch die Nürnberger Privatsender, die ich hörte, hatten Cluster oder Harmonia in ihren Playlisten. Klar, in ein paar Sendungen irgendwo in Deutschland, moderiert von weitsichtigen oder exzentrischen Musikjournalisten, lief auch das.

Dieter Moebius kreuzte immer mal wieder meinen Weg, seitdem ich Radio Goethe produziere. In Interviews tauchte sein Name auf, in Artikeln und Büchern wurde er erwähnt, als Gastmusiker war er beliebt. Und ja, auch in den guten, alten Tagen bei KUSF in San Francisco schätzte man diesen Ausnahmemusiker, diesen Visionär, diesen Pionier des deutschen 70er Jahre Sounds.

Er sah sich nicht als Krautrocker und doch repräsentierte Moebius diese bedeutende Ära in der deutschen Musikgeschichte. Gerade laufen die beiden im Januar auf bureau-b Records veröffentlichten Cluster Platten „Japan Live“ und „USA Live“. Empfehlenswert auch die beiden Solo Scheiben von Dieter Moebius „Ding“ und „Kram, die bei Klangbad erschienen sind. Es sind keine Hitscheiben, kein eingängiges Material. Mancher Top Ten geformte Hörer würde es vielleicht sogar als Katzenmusik bezeichnen. Cluster fanden gerade im Ausland ihre begeisterten Fans. In den USA, in Japan, in Großbritannien. In Deutschland waren sie und auch die vielen anderen experimentierfreudigen Gruppen ihrer Zeit Fremde im Land. Moebius und sein langjähriger musikalischer Partner Hans-Joachim Roedelius ließen Klänge zusammen fließen zu einem Strom, der bei genauem Hinhören elektrisierte. Fantastische Soundlandschaften, mit denen man sich beschäftigen mußte. Es war fast nie eingängig, als Hörer mußte man nach der Hintertür suchen, um überhaupt den Zugang zu diesen Klangkörpern zu finden.

Dieter Moebius ist nun im Alter von 71 Jahren verstorben. Sein reiches Musikarchiv wird noch Generationen von Musikbegeisterten faszinieren.

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I give a Fuck

Till Lindemann, der Autor von „On Quiet Nights“. Lindemann, der Sänger und Texter des gleichnamigen Projektes. Diesmal auf Englisch, seine Gedichte und seine Lyrics. Till Lindemann ist der Sänger von Rammstein. Und die haben weltweit Kultstatus. Seit Mitte der 90er Jahre provozieren die eigensinnigen und markanten Berliner Heavy Rocker mit ihren Songs, ihren Texten, ihren Live-Shows. Auf ihrer ersten USA Tournee im Vorprogramm von KMFDM interviewte ich Gitarrist Paul Landers. Ein nettes Gespräch und Landers meinte, die Band sei selber überrascht, dass das, was sie machen, so gut ankommt. Und wie geht es weiter, fragte ich. Keine Ahnung, meinte Paul Landers, sie machen einfach weiter, so lange es jemand hören will.

Album 1 kam, da dachte man, was ist das denn. Album 2 kam, da waren sie schon ein Begriff in den USA. Mit Album 3 war klar, Rammstein bleiben. 21 Jahre nach der Gründung der Band sind sie weltweit zu den erfolgreichsten Botschaftern der deutschen Sprache geworden. Auch wenn dieser eine Satz den Kulturprofis in Deutschland Bauchschmerzen bereitet. Die Berufsbeamten in den Zentralen von Goethe-Institut und Auswärtigem Amt haben lange Zeit versucht, mit Ignorieren, Weghören und Belächeln Rammstein auszusitzen. Das hat nicht geklappt.

Rammstein wurden zu einem internationalen Phänomen. Allein die DVD „Völkerball“ zeigt, welchen kulturellen und sprachlichen Beitrag die Band geleistet hat. Da singen Fans in England, Russland, Frankreich, Japan die deutschen Texte, feiern diese Band aus Germany, die Interesse weckt an Deutschland, der deutschen Kultur, der deutschen Sprache. Und wer das nicht glaubt, den verweise ich immer wieder gerne auf einen Radiobeitrag, den ich vor ein paar Jahren für DeutschlandRadio Kultur produzierte. Damals postete ich auf dem Rammstein Forum herzeleid.com die Frage, warum und weshalb Amerikaner Rammstein hören? Ich erhielt nahezu 400 Rückmeldungen, vom High School Schüler bis zum Deutschprofessor. Rammstein waren geliebte Superstars, die einfach anders waren und die ein ganz neues, ein weltoffenes, ein interessantes, ein aufgeladenes, ja, ein durchaus positives Deutschlandbild vermittelten. Fans kamen über Rammstein zu anderen deutschsprachigen Bands, diskutierten online über Texte, deutsche Kultur, Sprache, Filme und Politik. Klar, kann man das belächeln und ignorieren, das ist jedem selbst überlassen. Ich allerdings betrachte das Phänomen Rammstein als jemand, der die Berliner als erster im amerikanischen Radio spielte, aus einer anderen Perspektive.

Doch zurück zu Till Lindemann, der sein musikalisches Soloprojekt und seine Gedichte nun auf Englisch veröffentlicht hat. Da hämmert sich einer auf der CD durch die Boxen, ein Fuck folgt dem anderen. Das erste Video, ganz typisch in Rammstein Manier, provoziert, eskaliert. Lindemann will nicht im Radio gespielt werden, warum auch? Eigentlich kann so gut wie kein Song auf der CD im US Rundfunk laufen. „Clean Versions“, bereinigte Songs, wie das amerikanische Musiker und Bands liefern, um im Radio und Fernsehen zu laufen, gibt es bei Lindemann nicht. Er macht ganz deutlich, er ist Künstler. „Fuck it“ ist die Aussage. Hör hin oder laß es sein. Die internationale Fangemeinde ist groß genug, um auch dieses Album, englischsprachig, zum Hit zu machen.

Und da sind die Gedichte des ehemaligen DDR Wettkampfschwimmers. „On Quiet Nights“. Verquastet, verschroben, verfremdet durch die englische Sprache. Doch das Englisch macht sie nicht einfacher, nicht schwieriger zum Verstehen. Till Lindemann hat seinen Ton gefunden, den er in typischer, sonorer Tonlage dem Leser, dem Hörer entgegen schleudert. Er will sich gar nicht erklären, er redet da nicht um den heißen Brei herum. Es sind dunkle Zeilen, bei denen man sich – ich mich – als Leser ertappt, man versteht manchmal einfach nicht, um was es eigentlich geht. Was will der Künstler mir da sagen? Und doch, die Worte haben ihren Reiz, ihren Klang, ihre Schönheit.

Till Lindemann ist jemand, der mit den Worten onaniert. In seinen Songtexten und seinen Gedichten gleichermaßen. Es ist dieses diabolische Vergnügen des Sängers, Dichters, Wortfetischisten, das man beim Lesen und Hören der Zeilen verspürt. Er schert sich einen Dreck darum, was Kritiker und Journalisten und Schreiberlinge über ihn denken und zu Papier bringen. „I give a fuck“ steht über allem. Und das ist ganz und gar nicht negativ gemeint. Ganz im Gegenteil, es verschafft Till Lindemann die künstlerische Freiheit, die er braucht und die seine Fans an ihm schätzen. Für Rammstein, für Lindemann, für seine poetischen Ergüsse.

On Quiet Nights / Lindemann

Samstagnachmittagspaziergang

Vom Hotel zum Weißen Haus ist es nicht weit. Alle möglichen Polizisten sichern den Sitz des Präsidenten ab. Kameras nehmen jede Bewegung der zahlreichen Touristen aus aller Welt auf. Absperrgitter wurden nach den jüngsten Vorfällen noch vor dem eigentlichen Zaun aufgebaut. Ein paar vereinzelte Protestierende sitzen hinter ihren Schildern und warten auf Gespräche. Für was sie demonstrieren interessiert keinen. Die Passanten laufen vorbei, auf der Suche nach einem guten Blick aufs Weiße Haus.

Donald Trump kommt 2016 nach Washington DC.

Donald Trump kommt 2016 nach Washington DC.

Es ist heiß an diesem Samstagnachmittag. Ich gehe weiter Richtung „National Gallery of Art“ und da ein riesiges Plakat vor einem gewaltigen Gebäude. Ganz klar ist nun, Donald Trump wird kandidieren, steht ja da: „TRUMP – Coming 2016“. Und der Donald baut sich gleich dazu eine Unterkunft nur einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt. Das „White House“ scheint ihm wohl nicht gut genug zu sein.

Die Nationalgalerie ist beeindruckend. Und zum ersten Mal in den USA freue ich mich darüber, wie meine Steuern ausgegeben werden. Das Museum hat, wie alle staatlichen Museen in der Hauptstadt, freien Eintritt.

Der Denker regt zum Nachdenken an.

Der Denker regt zum Nachdenken an.

Man sieht ganz verschiedene Menschen vor den Bildern, den Möbeln und auch dem Denker von Rodin stehen. In der Fotoausstellung fallen mir vor allem die vielen deutschen Namen der Fotografen auf. Durch einen futuristischen unterirdischen Gang geht es in das beeindruckende Ostgebäude, wo mehr die moderneren Skulpturen zu finden sind.

Von dort spazierte ich weiter Richtung Mall und dann auf das Kapitolsgebäude zu. Dahinter liegen die Jefferson und Madison Buildings, wo die größte Bücherei der Welt, die „Library of Congress“, untergebracht ist. Auf der Suche nach alten deutschsprachigen Radiosendungen aus den 20er und 30er Jahren kam ich nicht weiter. Einen Versuch war es wert, aber die ethnischen und fremdsprachigen Radioprogramme in den USA wurden über all die Jahrzehnte kaum archiviert.

Der "Sonntags-Gast" wurde 1871 in San Francisco veröffentlicht.

Der „Sonntags-Gast“ wurde 1871 in San Francisco veröffentlicht.

Aber dann schlenderte ich zum Zeitungsarchiv am anderen Ende des Madison Gebäudes auf der Suche nach deutschsprachigen Zeitungen, die in der San Francisco Bay Area veröffentlicht wurden. Viel war nicht in diesem Gewaltarchiv zu finden, doch dann wurde der Archivar in seinem Karteikasten fündig. Ein Jahrgang des „Sonntags-Gast“, erschienen 1871, war auf Mikrofilm verfügbar. Die Zeitung war ein belletristisches Wochenblatt. Interessant darin vor allem die vielen Anzeigen von Handwerkern, Bierhallen, deutschen Geschäften. San Francisco war voller Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern.

Washington ist eine beeindruckende Stadt, die man zu Fuß durchschlendern sollte. So viele Eindrücke, so wenig Zeit.