Auch Goethe würde Radio hören

      Radio Goethe Station ID

rg_karteVor 20 Jahren fing das mit Radio Goethe an. Am 23. November 1996, einem Samstagmorgen, ging ich zum ersten Mal auf KUSF 90.3 fm „on air“. Das war nur ein paar Monate nach meinem Umzug von Nürnberg nach San Francisco. KUSF war damals der Collegesender der Stadt. Er gehörte der jesuitischen „University of San Francisco“. Doch das Uniradio war mehr als nur Unifunk. KUSF war ein wichtiger Communitysender in der Stadt, der offen war für viele Minderheiten, ethnische Gruppen und die etwas anderen Programme. Da gab es eine finnische Show, eine türkische, Radiotheater und Sendungen von Behinderten, die Show eines schwulen Pastors. Radio Goethe wurde zwischen die armenische und die persische Sendung gepackt. Hier auf der 90.3 fm hörte man die Welt. Und mein Freund Ramon Montana lieferte mir die Verpackungselemente und Station IDs, die auf KUSF sofort auffielen. Der Sender war eine der wichtigsten Collegestationen in den USA und hatte viele bekannte Musiker und Bands gefördert, darunter Metallica, Nirvana, Tom Waits, PJ Harvey uva.

      Radio Goethe Station ID

Anfangs sendete ich auf Deutsch, später dann zweisprachig und schließlich ganz auf Englisch. Radio Goethe heißt übrigens Radio Goethe, weil ich keinen besseren Namen wußte. Damals ging ich zum Goethe-Institut und fragte, ob sie die 40 Dollar Sendekosten pro Sendung übernehmen würden. Der damalige Direktor willigte ein, fragte mich, ob ich schon einen Namen für die Sendung hätte. Als ich verneinte, schlug er Radio Goethe vor. Dabei blieb es, auch wenn kaum ein Amerikaner Goethe kennt und erst recht nicht aussprechen kann. Station IDs von Sammy Hagar oder anderen Rockgrößen klangen dann mehr nach Gothic Radio oder Radio Gute.

      Sammy Hagar Station ID

rgm_button2Egal, ich sendete jeden Samstagmorgen live. Um halb elf gab es dann noch einen Nachrichtenblock, selbst gelesen oder wenn ich Praktikantinnen bei meinem Job mit der Neuen Presse hatte, übernahmen die die Rolle der Nachrichtensprecherin. Die News fielen dann irgendwann ganz weg, ich sendete fortan am Donnerstagabend. KUSF war einer der ersten Sender, die auch im Internet ausstrahlten. Und auf einmal bekam ich Rückmeldungen von Hörern außerhalb des eigentlichen Sendegebietes. Die Vorstellung begeisterte mich, dass diese Idee des Lokalfunks total aufgehoben wurde. Mit einer Projektidee wandte ich mich an das deutsche Generalkonsulat San Francisco. Ich wollte Radio Goethe ausbauen, anderen College- und Communitystationen in den USA und Kanada anbieten. Das GK stimmte nach Absprache mit der deutschen Botschaft in Washington zu und so begann die Ausbreitung von Radio Goethe mit einer extra produzierten Sendung. Das ist etwas, was wohl so nur in den USA möglich war. Collegesender, die die musikalische Welt in ihre Städte und Gemeinden holen wollten.

      T.C.Boyle Station ID

Heute, 20 Jahre später, ist die Sendung auf rund 40 Stationen zu hören. Sender kamen, Sender gingen. Über die Jahre war und ist Radio Goethe terrestrisch in den USA, Kanada, Neuseeland, Namibia, Irland, Polen, Tschechien, Slowenien, Dänemark, Österreich, Schweiz und Deutschland zu hören (gewesen). Hinzu kommen allwöchentlich Hörerinnen und Hörer, die sich online zuschalten, das Podcast abonniert haben. Die Live-Sendung gibt es nicht mehr. Die Jesuiten der „University of San Francisco“ haben vor ein paar  Jahren die Frequenz 90.3 fm für viel Geld verkauft und damit die wichtige Community Station KUSF zerschlagen.

      Oliver Stone Station ID

rgm_button1Radio Goethe war und ist eine „One Man Show“. Eine Einstundensendung, die Woche für Woche an die Stationen überspielt wird. Ich brauche meine Playlist mit niemandem abzustimmen, ich brauche keine Werbung schalten, ich verdiene keinen Cent mit der Show. Radio Goethe ist mein Ding, und ich weiß, mein Geschmack ist nicht der von vielen. Es ist Minderheitenradio, Radio für Musikinteressierte und -begeisterte, für all jene, die offen sind, mir einfach mal zuzuhören. Es macht Spaß, noch immer, deshalb mache ich weiter. Ich spiele, was mir gefällt. Natürlich habe ich musikalische Vorlieben, natürlich hat sich mein Geschmack über die Jahre verändert. Heute kann ich aus den vollen Regalen greifen, es hat sich viel angehäuft. Damals, an diesem ersten Samstag im November 1996, hatte ich nur ein paar CDs bei mir. Viel hatte ich damals nicht in meinen zwei Koffern mit in die USA bringen können. Aber es war ein Anfang, das Archiv von KUSF bot mir noch weitere deutsche Acts, darunter DAF, die Einstürzenden Neubauten, Faust, Kraftwerk und viele der eher abgefahreneren Bands der 70er und 80er Jahre.

      Herbert Grönemeyer Station ID

rgembassyIm Rückblick gibt es viele Highlights, von denen ich berichten kann. Viele schöne Interviews mit Musikern, Musikerinnen und Bands, Schauspielerinnen und Schauspieler, Politikerinnen und Politiker, einen Radiopreis für das auf Radio Goethe ausgestrahlte Feature über das Lied der Moorsoldaten, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für meine kulturelle Arbeit im Ausland, „Radio Goethe Magazine“ eine Zusammenarbeit mit deutschen Uniradios, Live-Präsentationen an Unis, High Schools, in der deutschen Botschaft in Washington und sogar im ruandischen Butare, die Vermittlung von Infamis an Wim Wenders…

      Extrabreit Station ID

rg_buttonDoch was für mich vor allem wichtig war und ist, sind die vielen Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Freundschaften mit Musikerinnen und Musikern, Promotion- und Labelvertretern…ihr wisst, wer ihr seid. Und dann auch mit Hörerinnen und Hörern, die im ganzen Land zu finden sind. Als ich noch die Live-Sendung auf KUSF hatte, diskutierte Woche für Woche am Donnerstagabend eine Gruppe von ihnen online über das, was ich da sendete. Oder beim Kraftwerk Konzert in Oakland. Ich hatte meine vom Höchstadt gedruckte Radio Goethe Jacke an (Danke Atze), stand da und wartete auf den Beginn des Konzerts. Auf einmal sprach mich jemand an und fragte, woher ich die Jacke habe, er höre regelmäßig Radio Goethe. Ich sagte „I am Radio Goethe“. Aus diesem Treffen wurde eine Freundschaft.

      Nena Station ID

Ich weiß, ich kann es nie allen recht machen. In einer Stunde kann man nur soviel Musik spielen, und ja, ich habe meine Lieblingsbands, die da immer wieder auftauchen. Bands, die mir gefallen, am Herzen liegen, die mir sehr viel bedeuten. Meine Verbindung zu Nürnberg und Franken kommt auch immer wieder durch. Zuletzt mit der Straßenkreuzer CD (Danke Martin) oder auch mit Fiddler’s Green, mit denen mich seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet (Danke Stefan).

20 Jahre Radio Goethe, ich hätte nie gedacht, dass das mal so lange läuft. Aber es ist für mich zu einem Selbstläufer geworden, Woche für Woche Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu präsentieren. Zum Schluß dieser Zeilen ein herzliches Dankeschön an alle, die „den da drüben in Kalifornien mit seinem Radio“ unterstützt haben. Mit Musik, mit dem Zuhören, mit den Rückmeldungen. Ohne Euch wäre schon längst die letzte Sendung gelaufen.

      Stendal Blast Station ID

On-Air in Tchadoua

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Ein Hörer am Telefon, ein Moderator lacht, der andere antwortet. Eine lockere Unterhaltung, frisch, witzig und mitreißend. Und ich verstehe nichts. Geredet wird in Hausa. Radio NIYYA-FM sendet aus der Kleinstadt Tchadoua im Süden des Niger in einem Sendegebiet, das nach eigenen Angaben etwa eine Million Menschen umfasst und sogar bis nach Nigeria reicht.

Vor 15 Monaten fing alles mit diesem „Community“-Sender an. Die von CARE unterstützten Frauen- und Kleinspargruppen hatten die Idee für eine eigene Radiostation, um mehr Informationen an die Bevölkerung zu bringen. Der Bürgermeister war schnell überzeugt und so wandte man sich an die Regierung. Und auch die fand die Idee einer Radiostation in diesem Teil des Nigers gut. Die Sendeanlagen und die notwendige Technik wurden besorgt und schon ging man mit mehreren Ehrenamtlichen „on-air“. Und CARE war auch hier dabei. Mit inhaltlichen Sendungen, Interviews und „Public Service Announcements“, also inhaltlichen Mitteilungen zu Themen wie Gesundheit, Hygiene und Ernährung unterstützte man die Radiomacher von NIYYA FM.

Mal was anderes: Im Niger auf Sendung

Mal was anderes: Im Niger auf Sendung

Ein kleiner Master Control Room, dahinter das Sendestudio. Eierkartons an den Wänden, drei Mikrofone, ein Tisch, drei Stühle. Beide Räume sind etwas dunkel, die Deckenbeleuchtung ist dieses typische Sparlicht, das man in Afrika oft vorfindet. Aber egal ob duster oder nicht, hier wird mit Herz und aus dem Bauch heraus gesendet. Das Programm der zwei Moderatoren dreht sich um die Feuergefahr in der Trockenzeit, es wird angerufen und live on-air diskutiert. Als die Sendung vorbei ist, kommen die zwei Moderatoren aus dem Sendestudio und ich meine im Scherz, ob ich nun dran sei….und dann sitze ich vor dem Mikro, Kopfhörer auf, der Regler wird nach oben geschoben und mir wird angezeigt, dass ich was sagen soll. Ich glaube, niemand hat mich da draußen im weiten NIYYA-Land verstanden, aber ich kann nun sagen, ich war auch schon im Niger auf Sendung. Der Programmdirektor trat dann ans andere Mikrofon und erklärte den Hörern auf Hausa, zumindest dachte ich mir das, was da gerade im Sendestudio vor sich ging. Dann gab er mir wieder ein Zeichen und ich quatschte weiter, wie schön ich das Land und wie nett ich die Leute im Niger fände. Der Programmdirektor und ich lachten noch gemeinsam on-air, weil wir uns sprachlich so gar nicht verstanden. Das ist dann wohl ein globales Community-Radio.

Aber dieser Nachmittag hat mir erneut gezeigt, wie wichtig das Radio in Afrika nach wie vor ist. Der Niger ist ein Flächenland, ein paar abgelegene Dörfer habe ich selbst besuchen können. Und dort werden die Programme gehört, zum Teil auch über Mobiltelefone. CARE unterstützt die Inhalte Sendungen mit ihren Inhalten und erreicht so eine breitere Öffentlichkeit. Zum Schluß fragte mich noch der Bürgermeister von Tchadoua, ob ich denn auch für die Deutsche Welle arbeite. Ich bejahte und sagte ihm, als freier Korrespondent produzierte ich hin und wieder einen Beitrag für den deutschen Auslandssender. „Wir sind sehr an dem Hausa Programm der Deutschen Welle für NIYYA-FM interessiert“, meinte er. Am Ende des Besuches wurden noch viele, viele Fotos gemacht, Gruppen- und Einzelbilder. Die nigrischen Kollegen blickten dabei ernst in die Kamera, aber das ist dann wieder normal im Niger.

      Radio NIYYA-FM on air

„This one goes to eleven“

Es gibt diese Filme, die man sich immer und immer wieder anschauen kann und auch beim zehnten Mal noch lachen muß. Die Dokumentation „This is Spinal Tap“ von Regisseur Rob Reiner, 1984 erschienen, ist so ein Film. Die fiktive „Rockumentary, if you will“ der nicht-existierenden englischen Hard Rock Band. Spinal Tap sind Nigel Tufnel, David St. Hubbins und Derek Smalls oder wie sie eigentlich heißen Christopher Guest, Michael McKean und Harry Shearer.

Einer der bekanntesten Verstärker der Musikgeschichte.

Einer der bekanntesten Verstärker der Musikgeschichte.

Harry Shearer ist auch als Synchronsprecher bekannt, vor allem für seine langjährige Arbeit für die erfolgreichste Cartoonserie „The Simpsons“ als Mr. Burns, Waylon Smithers, Ned Flanders, Rev. Lovejoy, Dr. Hibbert, Rektor Skinner, Lenny, Kent Brockman, Rainier Wolfcastle, Scratchy, Kang, Dr. Marvin Monroe, Gott und Jebediah Springfield. Shearer hat auch eine Radiosendung auf „National Public Radio“, die „Le Show“ heißt, eine satirische News-Sendung.

Und nun zieht Harry Shearer vor Gericht. Er verklagt im Namen seiner Bandkollegen den französischen Medienriesen Vivendi, der die Rechte an „This is Spinal Tap“ hat, für schlappe 125 Millionen Dollar. Denn, wie es in der Klage heißt, hat Vivendi in den Jahren 1984 bis 2006 gerade mal 81 (!) Dollar (kein Witz) für Merchandise Einnahmen an die Band überwiesen. Darüberhinaus erhielt das Trio sage und schreibe 98 (!) Dollar (auch kein Witz) für Einnahmen aus den Musikrechten. Und das ist verwunderlich, denn der Streifen ist ein Kultklassiker, Spinal Tap haben Alben, Videos und DVDs veröffentlicht, wurden im Radio gespielt und waren sogar als britische Rockband auf Tour. Ihre Songs „Bitch School“ und „Big Bottom“ wurden zu Inspirationen für viele Bands aus dem „wirklichen“ Rockolymp. Die Sprüche der Musiker sind legendär, vom Verstärker Tufnels der bis „Eleven“ geht, den „tight trousers“ und „Armadillos“ bis hin zu „How much more black could this be?“ und den explodierenden Schlagzeugern der Band.

Wer Spinal Tap nicht kennt, hier eine kleine Auswahl:

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Nach 33 Jahren das erste Konzert

      Nena im Interview

Irgendwie ist man das von deutschen Bands gewohnt. Kraftwerk brauchten zwischen ihren Studioalben „Computer Welt“ und „Tour de France Soundtracks“ schlappe 22 Jahre. Nena übertrifft das noch deutlich. Sie brauchte 33 Jahre, nachdem ihr Hit „99 Luftballons“ auf Platz 2 der amerikanischen Billboard Charts landete, um ihr erstes Konzert, überhaupt ihren ersten Live-Auftritt in den USA zu geben.

„99 Red Balloons“ wird noch immer im US-Radio gespielt. Hier in der San Francisco Bay Area ist es KOSF 103.7 fm, auf dem man die englische Version des Hits hören kann („Ich mag die englische Version nicht“, so Nena). Daneben tauchen auch noch Peter Schilling mit „Major Tom“, Trio mit „Da Da Da“ und Falco mit „Der Kommissar“ im Radio auf.

Nena etwas verwackelt in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Nena etwas verwackelt beim ersten US Konzert in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Aber Nena gilt als das „One-Hit-Wonder“, als das deutsche Fräulein der 80er Jahre in den USA. Nach 33 Jahren stehen nun drei Konzerte an, San Francisco war der Startpunkt. Es war ein Familienausflug für die 56jährige Hamburgerin. Zwei ihrer Kinder standen mit auf der Bühne, Freundinnen und Nachbarn begleiten die berühmte Tochter Hagens auf ihrer ersten Mini US-Tournee. Schon Tage vorher reiste die Gruppe an, radelte durch die Stadt und über die Golden Gate Bridge, tauchte unerkannt ein in die nordkalifornische Metropole.

Als „Germany’s Queen of Rock“ wurde sie angekündigt und die Fans kamen. Mehr als 60 Prozent im gut gefüllten Regency Ballroom waren Deutsche oder mit deutschem Hintergrund. Das hörte man, als Nena ihre Klassiker wie „Nur geträumt“, „Leuchtturm“, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, „Wunder gescheh’n“ und natürlich die deutsche Version von „99 Luftballongs“ präsentierte. Es wurde lautstark mitgesungen, mitgefeiert, mitgetanzt, so nah war man dem deutschen Superstar noch nie.

Nena ist eine Frohnatur, das kommt nicht nur im Interview rüber, das zeigte sie auch auf der Bühne. Sie war begeistert vom Empfang in San Francisco, lachte, tanzte, suchte das Gespräch mit den Fans und am Ende schien sie überwältigt zu sein, was da gerade in diesem altehrwürdigen Ballsaal an der Van Ness Avenue passiert war. 33 Jahre liegen zwischen ihrem Riesenhit und dem ersten US-Konzert. Vielleicht dachte sie da am Schluß, als sie sich mit ihren Musikern auf der Bühne verneigte: „ich hätte doch mal früher kommen sollen“. Wobei, vielleicht kann sie gerade erst jetzt, im gesetzten Alter, mit all den Erfolgen, Erfahrungen und Erkenntnissen, entspannt und auch mit dem für sie etwas ungewöhnlichen Lampenfieber dieses neue Kapitel in ihrer langen Karriere genießen. „Irgendwo, irgendwie, irgendwann“ kommt alles dann doch mal zusammen.

Nach über 30 Jahren kommt die Tour

      Nena in ihrer Hamburger Küche
Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Platz 2 in den Billboard Charts und das mit einem deutschsprachigen Song. Das Lied verkaufte sich allein in den USA über eine Million Mal. „99 Luftballons“ machte das Hagener Mädchen Nena zum Weltstar. Na ja, nicht ganz, denn eigentlich gilt sie außerhalb des deutschsprachigen Raumes als „One-Hit-Wonder“. Gerade in den USA mag es daran liegen, dass Nena mit ihrer Band nie über den großen Teich kam, auch damals nicht, als der Anti-Kriegs-Song zur Hochzeit des Kalten Krieges die amerikanischen Hitparaden eroberte.

Es heißt, damals hätte ein DJ eines großen Senders in Los Angeles auf einer Reise nach Deutschland die Single gehört, gekauft und mitgebracht. Und damals in den 80ern durften DJs noch selbst ihre Playlisten bestimmen. Der weltoffene Mischpultmeister spielte also „99 Luftballons“ und die Hörer klingelten an, was das denn für ein neuer und ungewöhnlicher Sound sei. Und so kam das Lied aus Hagen in die Rotation des großen LA-Senders. Da andere Stationsmanager ihren Praktikanten auftrugen hinzuhören, was da bei der Konkurrenz im Programm läuft und immer wieder läuft, wurde Nena schnell auch bei anderen Sendern gespielt. Der Rest ist Geschichte. „99 Luftballons“ wurde 1983/84 zum Hit in den Vereinigten Staaten und wird noch heute, allerdings auf Englisch, auf zahlreichen Stationen gespielt, die Programme für die Menschen 40+ formatieren. Neben „99 Red Balloons“ haben auch die guten alten NDW-Klassiker „Der Kommissar“, „Major Tom“ und „Da Da Da“ auf Englisch im US-Radiogeschäft überlebt.

Nun, nach über 30 Jahren kommt Nena endlich in die USA. Die ersten Konzerte, drei an der Zahl, in San Francisco, Los Angeles und New York City. Eigentlich sollte sie in San Francisco im Bimbo’s spielen, doch der Raum war zu klein. Nun tritt Nena zum ersten Mal überhaupt in den USA am 30. September im „Regency Ballroom“ auf. Gestern wurde ich dafür zu einem telefonischen Pressegespräch mit Nena eingeladen. Das lief dann so ab, dass ich eine Nummer wählen musste, dann einen Code eingeben und drei weitere Journalisten warteten mit mir auf die Zuschaltung von Nena aus Hamburg. Die meldete sich aus ihrer Küche, lachend, wie man sie kennt. Jeder von uns durfte „nur“ zwei Fragen stellen und auf Englisch. Als letzter kam ich dran:

„Nena, „99 Red Balloons“ was a big hit in the US. Over here, people think you are a one-hit-wonder. Do you regret or do you think you missed a chance not to tour over here back than?“

      Nena zur verpassten Chance

„Your musical colleague, Hebert Grönemeyer, recently toured as well  for the first in the US. He also released an English language album. Are you also testing the waters, like he did, are there any plans for you to release an album over here?“

      Nena zu Plattenplänen

 

Das Ding mit der Musik

Ich höre viel Musik. Das liegt daran, dass ich nunmehr seit 20 Jahren Radio Goethe produziere, zehn Jahre lang noch eine Country/Folk und Americana Sendung zusammenstellte und sowieso seit über 35 Jahren Platten und Cds sammele. Da hat sich was angehäuft in all der Zeit.

Albumcover der Berliner Band Infamis.

Albumcover der Berliner Band Infamis.

Und nein, ich behaupte nicht, dass ich nun den besten Geschmack habe und alles über Musik weiß. Musik ist etwas sehr persönliches. Was man hört, wie man es hört und vor allem, was die Musik mit einem macht. Jeder kennt diese Songs, die einen mitreißen, die einen traurig machen, die einem diesen nötigen Schwung Kraft und Energie geben, die man in stillen Momenten hört, die einen emotional irgendwie ansprechen. Das ist gut, genau so soll es auch sein. Für mich gibt es da viele Lieder, die ganz unterschiedlich sind. Das reicht von Rainbow „Stargazer“ zu den Einstürzenden Neubauten „The Garden“, von Claire M. Singer „The Molendiar“ zu Woody Guthries „This land is your land“, von 16 Horsepower „American Wheeze“ zu Infamis „Hofgang“, von Mary Gauthier „Falling out of love“ zu KMFDM „Hau Ruck“. Und da ist dann auch noch Johnny Cashs Version von „Hurt“, ein Song, der mich jedesmal im Mark trifft. Und zwischen all diesen Eckpunkten gibt es einen Musikreichtum zu entdecken.

Ja, das ist mein Geschmack. Vieles was ich höre, finden andere katastrophal. Gerade die mehr experimentierfreudigen Töne, die abgefahren Soundlandschaften, die grenzenlosen Klangbäder. Aber egal, das ist eben ein Teil von mir. Was ich aber nicht verstehe ist, wie Musik seinen Wert verloren hat. Das reicht von Bands, Promofirmen und Labels, die ihre Lieder als minderwertige mp3 Files verbreiten und bewerben. Da sind „Musikfans“, die nur noch Streaming-Dienste wie Spotify und Pandora hören und damit den Musikschaffenden den Todesstoss verpassen. Und man muß ganz ehrlich sagen, dass es auch viel veröffentlichte Musik gibt, auf die man ohne weiteres hätte verzichten können. Schlecht produziert, idiotische Texte, Musiker, die ihr Handwerk nicht verstehen und dann zu allem Überfluss auch noch ein riesiges Ego haben und einem dann erzählen, man hätte keine Ahnung von Musik, weil ich eben nicht alles in meiner Sendung spiele. Da ist diese Band, die mir ihr „sagenhaftes“ neues Album ankündigt, es schickt, ich höre rein und es klingt wie eine Freizeitcombo in der Garage, die den Kassettenrekorder mitlaufen lässt. Sie wollen (m)eine ehrliche Einschätzung, die gebe ich ihnen und dann kommt die Antwort. „Das ist der Garage-Sound, den wir haben wollten. Du hast doch keine Ahnung mit Deiner Scheiss-Sendung“. Auch eine Antwort. Für solche CDs, habe ich eine Extrakiste in meinem Büro stehen.

Seit einiger Zeit kaufe ich wieder Vinyl, einfach des Klanges wegen. Viel zu viele Cds tönen platt, ganz zu Schweigen von der mp3 Schwemme, die hier jeden Tag ankommt. Da versuchen Promofirmen mit 128er, 160er und 192er mp3s ihre Künstler an den Radiomann zu bringen. Geht gar nicht! Ab irgendeinem Klangbrei sage ich einfach, es ist Schluß. Gerade auch, weil es so viele wunderbare Platten da draußen gibt, produziert von tollen, engagierten, kreativen Musikerinnen und Musikern. Ok, es ist Sonntagmorgen, ich höre „The White Birch“ und mußte einfach all das mal rauslassen. Musik ist wie ein Genußmittel. Man sollte es wie ein gutes Glas Rotwein genießen und sich nicht mit billigen Tequila Shots die Birne damit wegballern.

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Eine Folklegende sagt zum Abschied leise Servus

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough ist tot. Der Name wird nicht vielen in Deutschland etwas sagen. Doch Yarbrough ist sehr eng mit der amerikansichen Folkmusik-Bewegung der 60er Jahre verbunden. 1959 war er Mitbegründer der „Limeliters“, einer Gruppe in der Tradition des „Kingston Trios“. Die Limeliters wurden schnell zu Superstars, traten in Fernsehsendungen auf und repräsentierten den neuen Sound einer jungen Generation.

Schon 1963 jedoch verließ Glenn Yarbrough die Band, um auf Solopfaden zu wandeln. Und das durchaus erfolgreich. Sein bekanntester Hit war „Baby the rain must fall“. Yarbrough setzte sich ein Leben lang für soziale Projekte ein, gründete mit seinen verdienten Millionen Dollar eine Schule für benachteiligte Kinder. Und es zog ihn immer wieder hinaus aufs Meer, Segeln wurde zu seiner Leidenschaft. Immer wieder wollte er den Bruch mit dem Musikbusiness, kehrte aber stets zurück.

2004 lernte ich den gealteten Glenn Yarbrough persönlich kennen. Bei einem privaten Überraschungskonzert im kalifornischen Ojai hatte ich die Gelegenheit mich lange mit ihm zu unterhalten, Fotos zu machen, das Konzert für gerade mal 15 Personen in voller Länge aufzuzeichnen. Er war ein beeindruckender Geschichtenerzähler und ein interessierter Zuhörer. Danach spielte ich seine Musik oftmals im Country und Folk Programm einer deutschen Airline, für die ich zehn Jahre lang das Inflight Radio produzierte und moderierte. Yarbrough hatte viele private und berufliche Rückschläge erlebt. Gleich mehrmals hatte er sein Geld in fragwürdige Projekte investiert, war von anderen ausgenutzt, von Plattenfirmen über den Tisch gezogen worden. Und dennoch, er gab nie auf. Die Musik begleitete ihn ein Leben lang. Als er da auf der Farm stand und seine Lieder sang, blitzte noch einmal die ganze Größe dieses Ausnahmesängers auf. Er hatte sie noch, die Stimme, die Millionen von Fans in den frühen 60ern faszinierte.

Ein paar Monate später traf ich ihn erneut bei einem Weihnachtskonzert. Sein weißer Rauschebart passte perfekt zur Weihnachtsgeschichte, die er vortrug und mit ein paar Liedern musikalisch umrahmte. Ein liebenswürdiger, lächelnder, vom Leben durchaus gezeichneter Mann. Glenn Yarbrough starb am 11. August im Alter von 86 Jahren in Nashville, Tennessee

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Ein Besuch bei den somaliländischen Kollegen

Das Rauchverbot hat sich auch hier durchgesetzt.

Das Rauchverbot hat sich auch in diesen Studios hier durchgesetzt.

Radio Hargeisa ist der öffentliche Rundfunk Somalilands. Seit 1991 ist er in der Hand der somaliländischen Regierung, mit der Ausrufung der Republik Somaliland wurde auch die Kontrolle über die Sendeanlagen übernommen. Die Radiostationen waren bei der Abspaltung von Somalia eines der ersten Ziele der neuen Führung. Mit dem Rundfunk kontrollierte man den Informationsfluss der Bevölkerung.

Viele Jahre lang wurde Radio Hargeisa nur als eine UKW-Station betrieben, die im Sendegebiet der Hauptstadt zu empfangen war. Die finanziellen Mittel fehlten schlichtweg, um das ganze Land abzudecken. Seit 2012 sind die Programme jedoch über einen 100 Kilowatt Transmitter im ganzen Land zu hören. Gesendet werden täglich zehn Stunden Programm (06.30-09.00, 13.00-16.00 und 18.00-22.30).

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Ein altes 1943 erbautes Gebäude der britischen Kolonialherren beherbegt heute noch immer den Sender. Die Decken sind hoch, die Wände zumeist kahl, viel gibt es hier nicht zu sehen. Die ersten 25 Jahre des Rundfunks in Britisch-Somaliland wurden in dem Buch „Gather Round the Speakers: A History of the First Quarter of Somali Broadcasting 1941-1966“ beschrieben, man kann diesen Bericht von Suleiman M. Adam noch online finden.

Im Archiv liegen auf den Regalen noch Hunderte von alten Tonbändern, daneben CDs. In einem Nebenraum stapeln sich alte „Reel-to-Reel“ Bänder in einer Ecke auf dem Boden. Vergessen, verstaubt, kaum beschriftet. Ein paar Bandmaschinen sind aufgeschraubt, derzeit versucht man das Equipment wieder auf Vordermann zu bringen, um die alten Tonaufnahmen digital speichern zu können. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Vieles hier wirkt wie eine Behelfsstation, doch dann wird einem auch wieder klar, dass man eigentlich nicht viel fürs Radiomachen braucht. Feinste digitale Studios sind keine Garantie für ein gutes, zielgerichtetes und erfolgreiches Programmmachen. Schon gar nicht in einem Land wie Somaliland. Hier zählt die Handarbeit, die Fähigkeit aus wenig möglichst viel zu machen. Radio ist nach wie vor das wichtigste Medium im Land, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Bevölkerung Nomaden sind und in ländlichen, teils sehr abgelegenen Gegenden ohne große Infrastruktur leben. Das Fernsehen kann nur in den wenigen Städten empfangen werden, Zeitungen und auch Onlineangebote sind aufgrund der hohen Analphabetenrate keine wirkliche Konkurrenz für das Radio. Und sowieso ist die somalische Kultur eine Kultur des erzählten Wortes. Die Programme, die Radio Hargeisa ausstrahlt, sind eine Mischung aus Musik, Information, Nachrichten und Religion.

Das eigentliche Sendestudio ist dann doch modernste Technik, zumindest für hier. Ein geräumiger Mastercontrol-Room, hinter einer Scheibe ein Aufnahmestudio, in dem bequem Diskussionsrunden, Musikaufzeichnungen und andere Performances aufgenommen und übertragen werden können. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Live-Stream von Radio Hargeisa. Wer kein Somalisch spricht, wird sprachlich sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Doch der Stream gibt nicht nur für begeisterte Radiofans einen Eindruck, wie in diesem Teil der Erde der Hörfunk klingt. Morgen werde ich bei einer Fortbildung weitere „Kollegen“ von Radio Hargeisa kennenlernen, ich bin gespannt auf den Austausch, auf ihre Erfahrungen und ihre Schilderungen ihres Arbeitsalltags.

Eine Stimme wie aus dem Jenseits

Es muß so Ende der 90er Jahre gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal Ralph Stanley. Das war damals beim Collegesender KUSF, ich half bei einer Spätabendsendung aus, kam ins Sendestudio und der DJ vor mir war schon gegangen, hatte aber eine CD zum Durchlaufen eingelegt. Und das war ein Album von Ralph Stanley. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viel im Bereich Country, Bluegrass, Gospel und Folk. KUSF war aber ein Sender, der offen für alle Genres war, der eine Playlist zusammenstellte, in der man diese Musik neben Indie-Rock, Noise, Industrial, Weltmusik und total abgefahrenen Sachen hören konnte. In vielerlei Hinsicht hat KUSF meinen musikalischen Horizont erweitert. Und mir eben auch den Zugang zu Ralph Stanley ermöglicht.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ich saß an diesem Abend im Studio, eigentlich hätte ich die CD ausfaden und meine Musikauswahl spielen können, die da zwischen Einstürzende Neubauten und Rammstein lag. Doch ich ließ das Album von Ralph Stanley weiterlaufen. Was mich gleich beeindruckte war sein Banjo-Spiel, seine Stimme, die von der anderen Seite des Jordan zu kommen schien. Die Schwere seiner Lieder, das Tragische in seinem Gesang. An manchen Stellen, diese unglaubliche Tiefe und Traurigkeit in den Songs, die mich berührte. Und dann diese Hoffnung, diese Helligkeit, dieser tiefe Glaube. Ralph Stanley war ein Meister des emotionalen Spiels.

Aus dieser ersten, sehr ungewöhnlichen Hörefahrung wurde eine große Verehrung für den Musiker aus Virginia. Immer mal wieder baute ich Lieder von Ralph Stanley in meine Country & Folk Sendung auf einer großen deutschen Airline ein. Und einige Rückmeldungen bestätigten mich in meiner Auswahl. Am Donnerstag nun ist Ralph Stanley, einer der größten Bluegrassmusiker aller Zeiten im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen reichen Schatz an Musik, Lieder, die zum kulturellen Erbe der USA geworden sind.

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7 Lieder zur Beharrlichkeit

      Danielle de Picciotto & Alexander Hacke
Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit "Perseverantia" zurück.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit „Perseverantia“ zurück.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltbekannt. Ihre eigenwillige, offene und grenzenverschiebende Auslegung was Musik ist, kann und sein sollte, hat sie zu bedeutenden Kulturbotschaftern Deutschlands gemacht. Hier in den USA können nur wenige den Bandnamen aussprechen, DJs kündigen sie manchmal als die „Crashing New Buildings“ an. Einer der Neubautenmitglieder ist Alexander Hacke, ein ruheloser, umtriebiger Klangbastler. Und der ist seit einigen Jahren fest mit der in Berlin lebenden Amerikanerin Danielle de Picciotto liiert, selbst eine kreative und vielseitige Multimediakünstlerin, die schreibt, malt, filmt, zeichnet und eben auch Musik macht.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind vielbeschäftigt, mal hier, mal dort, mal in Übersee. Eigene Projekte und Auftragsarbeiten wechseln sich ab. Nun haben sich die beiden wieder für ein gemeinsames Album zusammen getan. „Perseverantia“ heißt es und untermalt tönend die Beharrlichkeit dieses Künstlerduos, das sich auf dieser Veröffentlichung wahrlich gefunden und ergänzt hat. Es ist kein Hitalbum, ganz im Gegenteil. „Perseverantia“ ist wie ein vielschichtiger Soundtrack voller Klangebenen, auf die man sich als Hörer einlassen muß. Man wird gefordert, nicht berieselt. Man braucht Zeit, um dieses Werk zu erfassen, zu erhören.

Im Interview (Audioplayer oben) mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sprechen die beiden über das neue Album, die Kunst, ihr Leben. Die Fragen schickte ich von hier nach dort, die Antworten kamen aus Berlin zurück nach Oakland.