Nach über 30 Jahren kommt die Tour

      Nena in ihrer Hamburger Küche
Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Platz 2 in den Billboard Charts und das mit einem deutschsprachigen Song. Das Lied verkaufte sich allein in den USA über eine Million Mal. „99 Luftballons“ machte das Hagener Mädchen Nena zum Weltstar. Na ja, nicht ganz, denn eigentlich gilt sie außerhalb des deutschsprachigen Raumes als „One-Hit-Wonder“. Gerade in den USA mag es daran liegen, dass Nena mit ihrer Band nie über den großen Teich kam, auch damals nicht, als der Anti-Kriegs-Song zur Hochzeit des Kalten Krieges die amerikanischen Hitparaden eroberte.

Es heißt, damals hätte ein DJ eines großen Senders in Los Angeles auf einer Reise nach Deutschland die Single gehört, gekauft und mitgebracht. Und damals in den 80ern durften DJs noch selbst ihre Playlisten bestimmen. Der weltoffene Mischpultmeister spielte also „99 Luftballons“ und die Hörer klingelten an, was das denn für ein neuer und ungewöhnlicher Sound sei. Und so kam das Lied aus Hagen in die Rotation des großen LA-Senders. Da andere Stationsmanager ihren Praktikanten auftrugen hinzuhören, was da bei der Konkurrenz im Programm läuft und immer wieder läuft, wurde Nena schnell auch bei anderen Sendern gespielt. Der Rest ist Geschichte. „99 Luftballons“ wurde 1983/84 zum Hit in den Vereinigten Staaten und wird noch heute, allerdings auf Englisch, auf zahlreichen Stationen gespielt, die Programme für die Menschen 40+ formatieren. Neben „99 Red Balloons“ haben auch die guten alten NDW-Klassiker „Der Kommissar“, „Major Tom“ und „Da Da Da“ auf Englisch im US-Radiogeschäft überlebt.

Nun, nach über 30 Jahren kommt Nena endlich in die USA. Die ersten Konzerte, drei an der Zahl, in San Francisco, Los Angeles und New York City. Eigentlich sollte sie in San Francisco im Bimbo’s spielen, doch der Raum war zu klein. Nun tritt Nena zum ersten Mal überhaupt in den USA am 30. September im „Regency Ballroom“ auf. Gestern wurde ich dafür zu einem telefonischen Pressegespräch mit Nena eingeladen. Das lief dann so ab, dass ich eine Nummer wählen musste, dann einen Code eingeben und drei weitere Journalisten warteten mit mir auf die Zuschaltung von Nena aus Hamburg. Die meldete sich aus ihrer Küche, lachend, wie man sie kennt. Jeder von uns durfte „nur“ zwei Fragen stellen und auf Englisch. Als letzter kam ich dran:

„Nena, „99 Red Balloons“ was a big hit in the US. Over here, people think you are a one-hit-wonder. Do you regret or do you think you missed a chance not to tour over here back than?“

      Nena zur verpassten Chance

„Your musical colleague, Hebert Grönemeyer, recently toured as well  for the first in the US. He also released an English language album. Are you also testing the waters, like he did, are there any plans for you to release an album over here?“

      Nena zu Plattenplänen

 

Das Ding mit der Musik

Ich höre viel Musik. Das liegt daran, dass ich nunmehr seit 20 Jahren Radio Goethe produziere, zehn Jahre lang noch eine Country/Folk und Americana Sendung zusammenstellte und sowieso seit über 35 Jahren Platten und Cds sammele. Da hat sich was angehäuft in all der Zeit.

Albumcover der Berliner Band Infamis.

Albumcover der Berliner Band Infamis.

Und nein, ich behaupte nicht, dass ich nun den besten Geschmack habe und alles über Musik weiß. Musik ist etwas sehr persönliches. Was man hört, wie man es hört und vor allem, was die Musik mit einem macht. Jeder kennt diese Songs, die einen mitreißen, die einen traurig machen, die einem diesen nötigen Schwung Kraft und Energie geben, die man in stillen Momenten hört, die einen emotional irgendwie ansprechen. Das ist gut, genau so soll es auch sein. Für mich gibt es da viele Lieder, die ganz unterschiedlich sind. Das reicht von Rainbow „Stargazer“ zu den Einstürzenden Neubauten „The Garden“, von Claire M. Singer „The Molendiar“ zu Woody Guthries „This land is your land“, von 16 Horsepower „American Wheeze“ zu Infamis „Hofgang“, von Mary Gauthier „Falling out of love“ zu KMFDM „Hau Ruck“. Und da ist dann auch noch Johnny Cashs Version von „Hurt“, ein Song, der mich jedesmal im Mark trifft. Und zwischen all diesen Eckpunkten gibt es einen Musikreichtum zu entdecken.

Ja, das ist mein Geschmack. Vieles was ich höre, finden andere katastrophal. Gerade die mehr experimentierfreudigen Töne, die abgefahren Soundlandschaften, die grenzenlosen Klangbäder. Aber egal, das ist eben ein Teil von mir. Was ich aber nicht verstehe ist, wie Musik seinen Wert verloren hat. Das reicht von Bands, Promofirmen und Labels, die ihre Lieder als minderwertige mp3 Files verbreiten und bewerben. Da sind „Musikfans“, die nur noch Streaming-Dienste wie Spotify und Pandora hören und damit den Musikschaffenden den Todesstoss verpassen. Und man muß ganz ehrlich sagen, dass es auch viel veröffentlichte Musik gibt, auf die man ohne weiteres hätte verzichten können. Schlecht produziert, idiotische Texte, Musiker, die ihr Handwerk nicht verstehen und dann zu allem Überfluss auch noch ein riesiges Ego haben und einem dann erzählen, man hätte keine Ahnung von Musik, weil ich eben nicht alles in meiner Sendung spiele. Da ist diese Band, die mir ihr „sagenhaftes“ neues Album ankündigt, es schickt, ich höre rein und es klingt wie eine Freizeitcombo in der Garage, die den Kassettenrekorder mitlaufen lässt. Sie wollen (m)eine ehrliche Einschätzung, die gebe ich ihnen und dann kommt die Antwort. „Das ist der Garage-Sound, den wir haben wollten. Du hast doch keine Ahnung mit Deiner Scheiss-Sendung“. Auch eine Antwort. Für solche CDs, habe ich eine Extrakiste in meinem Büro stehen.

Seit einiger Zeit kaufe ich wieder Vinyl, einfach des Klanges wegen. Viel zu viele Cds tönen platt, ganz zu Schweigen von der mp3 Schwemme, die hier jeden Tag ankommt. Da versuchen Promofirmen mit 128er, 160er und 192er mp3s ihre Künstler an den Radiomann zu bringen. Geht gar nicht! Ab irgendeinem Klangbrei sage ich einfach, es ist Schluß. Gerade auch, weil es so viele wunderbare Platten da draußen gibt, produziert von tollen, engagierten, kreativen Musikerinnen und Musikern. Ok, es ist Sonntagmorgen, ich höre „The White Birch“ und mußte einfach all das mal rauslassen. Musik ist wie ein Genußmittel. Man sollte es wie ein gutes Glas Rotwein genießen und sich nicht mit billigen Tequila Shots die Birne damit wegballern.

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Eine Folklegende sagt zum Abschied leise Servus

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough (rechts) mit den Limeliters.

Glenn Yarbrough ist tot. Der Name wird nicht vielen in Deutschland etwas sagen. Doch Yarbrough ist sehr eng mit der amerikansichen Folkmusik-Bewegung der 60er Jahre verbunden. 1959 war er Mitbegründer der „Limeliters“, einer Gruppe in der Tradition des „Kingston Trios“. Die Limeliters wurden schnell zu Superstars, traten in Fernsehsendungen auf und repräsentierten den neuen Sound einer jungen Generation.

Schon 1963 jedoch verließ Glenn Yarbrough die Band, um auf Solopfaden zu wandeln. Und das durchaus erfolgreich. Sein bekanntester Hit war „Baby the rain must fall“. Yarbrough setzte sich ein Leben lang für soziale Projekte ein, gründete mit seinen verdienten Millionen Dollar eine Schule für benachteiligte Kinder. Und es zog ihn immer wieder hinaus aufs Meer, Segeln wurde zu seiner Leidenschaft. Immer wieder wollte er den Bruch mit dem Musikbusiness, kehrte aber stets zurück.

2004 lernte ich den gealteten Glenn Yarbrough persönlich kennen. Bei einem privaten Überraschungskonzert im kalifornischen Ojai hatte ich die Gelegenheit mich lange mit ihm zu unterhalten, Fotos zu machen, das Konzert für gerade mal 15 Personen in voller Länge aufzuzeichnen. Er war ein beeindruckender Geschichtenerzähler und ein interessierter Zuhörer. Danach spielte ich seine Musik oftmals im Country und Folk Programm einer deutschen Airline, für die ich zehn Jahre lang das Inflight Radio produzierte und moderierte. Yarbrough hatte viele private und berufliche Rückschläge erlebt. Gleich mehrmals hatte er sein Geld in fragwürdige Projekte investiert, war von anderen ausgenutzt, von Plattenfirmen über den Tisch gezogen worden. Und dennoch, er gab nie auf. Die Musik begleitete ihn ein Leben lang. Als er da auf der Farm stand und seine Lieder sang, blitzte noch einmal die ganze Größe dieses Ausnahmesängers auf. Er hatte sie noch, die Stimme, die Millionen von Fans in den frühen 60ern faszinierte.

Ein paar Monate später traf ich ihn erneut bei einem Weihnachtskonzert. Sein weißer Rauschebart passte perfekt zur Weihnachtsgeschichte, die er vortrug und mit ein paar Liedern musikalisch umrahmte. Ein liebenswürdiger, lächelnder, vom Leben durchaus gezeichneter Mann. Glenn Yarbrough starb am 11. August im Alter von 86 Jahren in Nashville, Tennessee

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Ein Besuch bei den somaliländischen Kollegen

Das Rauchverbot hat sich auch hier durchgesetzt.

Das Rauchverbot hat sich auch in diesen Studios hier durchgesetzt.

Radio Hargeisa ist der öffentliche Rundfunk Somalilands. Seit 1991 ist er in der Hand der somaliländischen Regierung, mit der Ausrufung der Republik Somaliland wurde auch die Kontrolle über die Sendeanlagen übernommen. Die Radiostationen waren bei der Abspaltung von Somalia eines der ersten Ziele der neuen Führung. Mit dem Rundfunk kontrollierte man den Informationsfluss der Bevölkerung.

Viele Jahre lang wurde Radio Hargeisa nur als eine UKW-Station betrieben, die im Sendegebiet der Hauptstadt zu empfangen war. Die finanziellen Mittel fehlten schlichtweg, um das ganze Land abzudecken. Seit 2012 sind die Programme jedoch über einen 100 Kilowatt Transmitter im ganzen Land zu hören. Gesendet werden täglich zehn Stunden Programm (06.30-09.00, 13.00-16.00 und 18.00-22.30).

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Ein altes 1943 erbautes Gebäude der britischen Kolonialherren beherbegt heute noch immer den Sender. Die Decken sind hoch, die Wände zumeist kahl, viel gibt es hier nicht zu sehen. Die ersten 25 Jahre des Rundfunks in Britisch-Somaliland wurden in dem Buch „Gather Round the Speakers: A History of the First Quarter of Somali Broadcasting 1941-1966“ beschrieben, man kann diesen Bericht von Suleiman M. Adam noch online finden.

Im Archiv liegen auf den Regalen noch Hunderte von alten Tonbändern, daneben CDs. In einem Nebenraum stapeln sich alte „Reel-to-Reel“ Bänder in einer Ecke auf dem Boden. Vergessen, verstaubt, kaum beschriftet. Ein paar Bandmaschinen sind aufgeschraubt, derzeit versucht man das Equipment wieder auf Vordermann zu bringen, um die alten Tonaufnahmen digital speichern zu können. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Vieles hier wirkt wie eine Behelfsstation, doch dann wird einem auch wieder klar, dass man eigentlich nicht viel fürs Radiomachen braucht. Feinste digitale Studios sind keine Garantie für ein gutes, zielgerichtetes und erfolgreiches Programmmachen. Schon gar nicht in einem Land wie Somaliland. Hier zählt die Handarbeit, die Fähigkeit aus wenig möglichst viel zu machen. Radio ist nach wie vor das wichtigste Medium im Land, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Bevölkerung Nomaden sind und in ländlichen, teils sehr abgelegenen Gegenden ohne große Infrastruktur leben. Das Fernsehen kann nur in den wenigen Städten empfangen werden, Zeitungen und auch Onlineangebote sind aufgrund der hohen Analphabetenrate keine wirkliche Konkurrenz für das Radio. Und sowieso ist die somalische Kultur eine Kultur des erzählten Wortes. Die Programme, die Radio Hargeisa ausstrahlt, sind eine Mischung aus Musik, Information, Nachrichten und Religion.

Das eigentliche Sendestudio ist dann doch modernste Technik, zumindest für hier. Ein geräumiger Mastercontrol-Room, hinter einer Scheibe ein Aufnahmestudio, in dem bequem Diskussionsrunden, Musikaufzeichnungen und andere Performances aufgenommen und übertragen werden können. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Live-Stream von Radio Hargeisa. Wer kein Somalisch spricht, wird sprachlich sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Doch der Stream gibt nicht nur für begeisterte Radiofans einen Eindruck, wie in diesem Teil der Erde der Hörfunk klingt. Morgen werde ich bei einer Fortbildung weitere „Kollegen“ von Radio Hargeisa kennenlernen, ich bin gespannt auf den Austausch, auf ihre Erfahrungen und ihre Schilderungen ihres Arbeitsalltags.

Eine Stimme wie aus dem Jenseits

Es muß so Ende der 90er Jahre gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal Ralph Stanley. Das war damals beim Collegesender KUSF, ich half bei einer Spätabendsendung aus, kam ins Sendestudio und der DJ vor mir war schon gegangen, hatte aber eine CD zum Durchlaufen eingelegt. Und das war ein Album von Ralph Stanley. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viel im Bereich Country, Bluegrass, Gospel und Folk. KUSF war aber ein Sender, der offen für alle Genres war, der eine Playlist zusammenstellte, in der man diese Musik neben Indie-Rock, Noise, Industrial, Weltmusik und total abgefahrenen Sachen hören konnte. In vielerlei Hinsicht hat KUSF meinen musikalischen Horizont erweitert. Und mir eben auch den Zugang zu Ralph Stanley ermöglicht.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ralph Stanley ist im Alter von 89 Jahren verstorben. Foto: AFP.

Ich saß an diesem Abend im Studio, eigentlich hätte ich die CD ausfaden und meine Musikauswahl spielen können, die da zwischen Einstürzende Neubauten und Rammstein lag. Doch ich ließ das Album von Ralph Stanley weiterlaufen. Was mich gleich beeindruckte war sein Banjo-Spiel, seine Stimme, die von der anderen Seite des Jordan zu kommen schien. Die Schwere seiner Lieder, das Tragische in seinem Gesang. An manchen Stellen, diese unglaubliche Tiefe und Traurigkeit in den Songs, die mich berührte. Und dann diese Hoffnung, diese Helligkeit, dieser tiefe Glaube. Ralph Stanley war ein Meister des emotionalen Spiels.

Aus dieser ersten, sehr ungewöhnlichen Hörefahrung wurde eine große Verehrung für den Musiker aus Virginia. Immer mal wieder baute ich Lieder von Ralph Stanley in meine Country & Folk Sendung auf einer großen deutschen Airline ein. Und einige Rückmeldungen bestätigten mich in meiner Auswahl. Am Donnerstag nun ist Ralph Stanley, einer der größten Bluegrassmusiker aller Zeiten im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt einen reichen Schatz an Musik, Lieder, die zum kulturellen Erbe der USA geworden sind.

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7 Lieder zur Beharrlichkeit

      Danielle de Picciotto & Alexander Hacke
Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit "Perseverantia" zurück.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit „Perseverantia“ zurück.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltbekannt. Ihre eigenwillige, offene und grenzenverschiebende Auslegung was Musik ist, kann und sein sollte, hat sie zu bedeutenden Kulturbotschaftern Deutschlands gemacht. Hier in den USA können nur wenige den Bandnamen aussprechen, DJs kündigen sie manchmal als die „Crashing New Buildings“ an. Einer der Neubautenmitglieder ist Alexander Hacke, ein ruheloser, umtriebiger Klangbastler. Und der ist seit einigen Jahren fest mit der in Berlin lebenden Amerikanerin Danielle de Picciotto liiert, selbst eine kreative und vielseitige Multimediakünstlerin, die schreibt, malt, filmt, zeichnet und eben auch Musik macht.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind vielbeschäftigt, mal hier, mal dort, mal in Übersee. Eigene Projekte und Auftragsarbeiten wechseln sich ab. Nun haben sich die beiden wieder für ein gemeinsames Album zusammen getan. „Perseverantia“ heißt es und untermalt tönend die Beharrlichkeit dieses Künstlerduos, das sich auf dieser Veröffentlichung wahrlich gefunden und ergänzt hat. Es ist kein Hitalbum, ganz im Gegenteil. „Perseverantia“ ist wie ein vielschichtiger Soundtrack voller Klangebenen, auf die man sich als Hörer einlassen muß. Man wird gefordert, nicht berieselt. Man braucht Zeit, um dieses Werk zu erfassen, zu erhören.

Im Interview (Audioplayer oben) mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sprechen die beiden über das neue Album, die Kunst, ihr Leben. Die Fragen schickte ich von hier nach dort, die Antworten kamen aus Berlin zurück nach Oakland.

Goldene Zeiten für Eisbrecher

      Eisbrecher im Interview
Alex Wesselsky im Interview.

Alex Wesselsky im Interview.

Es kommt ja nicht oft vor, dass man eine Band vom Demoband bis zur goldenen Schallplatte begleitet. Doch genau das ist mit Eisbrecher passiert. Ich weiß noch, als Alex Wesselsky überraschend bei Megaherz ausstieg, um mit Noel Pixx Eisbrecher zu gründen. Er drückte mir eine sechs Songs umfassende CD in die Hand und meinte nur: „Hör mal rein“. Darauf die erste Version von „Schwarze Witwe“ und auch eine Coverversion des NDW-Klassikers „Zauberstab“ von Zsa-Zsa.

Eisbrecher spielten sich kontinuierlich nach vorne, vor allem spielten sie sich aus dem Schatten von Megaherz ins Rampenlicht. Und das durchaus auch Dank ihres Frontmanns Alex, der wie für die Bühne geschaffen wurde. Für mich ist er einer der mitreißendsten und charismatischsten Sänger im deutschen Musikgeschäft. Es ging stetig voran, bergauf für die Band, von einer Platte zur nächsten machten Eisbrecher mehr auf sich aufmerksam. Und ich nervte mit jeder neuen Veröffentlichung, bei jedem neuen Interview mit der Frage, wann spielen Eisbrecher endlich live in den USA.

Dazu kam es bislang noch immer nicht, doch Eisbrecher sind seit ein paar Jahren in den USA auf Metropolis Records veröffentlicht. Die Verkaufszahlen sind durchaus ok, wie mir auch Label-Besitzer Dave Heckman vor einiger Zeit erklärte. Eisbrecher, so Heckman, haben ihre treue Fanbase in den USA und Kanada. Auf den Streamingdiensten Spotify und Pandora donnert der Eisbrecher vielbeachtet im Fahrtwind von Rammstein durch die Weiten des musikalischen Klangraums.

Die doppelte Goldauszeichnung für Eisbrecher.

Die doppelte Goldauszeichnung für Eisbrecher.

Und nun saßen wir am letzten Wochenende mal wieder zusammen. Diesmal im Zenith in München, um über die Band, Amerika und das Musikgeschäft zu sprechen (siehe/höre oben). Alex Wesselsky ist ein „outspoken“ Musiker, der das sagt, was er denkt und auch dazu steht. Hinter und auch auf der Bühne. Das macht jedes Interview mit ihm interessant, spannend und auch lebendig. Als er abends im Konzert die Europafahne entfaltete, hörte man einige Buh-Rufe. Doch genau darauf hatte er es abgesehen, Alex ist ein überzeugter Europäer und steht auch in der derzeitigen Krise dazu. Der Zweimetermann redet niemandem nach dem Maul – Bravo!

Nach dem kraftvollen, energiegeladenen Konzert kam dann noch die kleine Feier zur doppelten Goldplattenauszeichnung für die beiden Studioalben „Schock“ (2015) und „Die Hölle muss warten“ (2012). Ich durfte dabei sein, dachte an dieses erste Demoband vor zig Jahren und freute mich einfach für die Band, die hart und unermüdlich für diesen Moment gerockt hatte. Mit gleich zwei goldenen Schallplatten hat sich Eisbrecher endgültig in der Bundesliga der deutschsprachigen Rockbands etabliert. Gratulation zu diesem beeindruckenden Erfolg.

Da dreht sich Donna Summer im Grab herum

Mit den Toten kann man es ja machen. Der deutsche Auslandssender, die Deutsche Welle, setzt seit ein paar Jahren auf eine neue Zielgruppe. Die Jugendlichen in aller Welt sollen angesprochen werden. Dafür begeistert man sich nun auch für Rammstein, deren CDs man in den 90er Jahren noch nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen, geschweige denn über die weltweiten Frequenzen spielen wollte. Nun gut, man denkt um. Bravo dw!

Donna Summer - the German Superstar.

Donna Summer – the German Superstar.

Gestern Abend klickte ich mal wieder durch die Sender und blieb bei Kanal 32 hängen. KMTP-TV ist ein offener Kanal in der San Francisco Bay Area, die Deutsche Welle hat sich hier Sendezeit gekauft. Und es lief PopXport, das Musikmagazin „Made in Germany“. Diesmal ging es um „The ten most successful German acts of the 70s“. Na, das ist doch ein Thema, bei dem ich gerne zuschaue und dranbleibe. Aber dann kam es. Auf Platz 10 die Scorpions, auf Platz 9 Tangerine Dream, auf Platz 8 Eruption, auf Platz 7 Les Humphries Singers, auf Platz 6 Baccara, auf Platz 5 Kraftwerk, auf Platz 4 Silver Convention, auf Platz 3 James Last, auf Platz 2 Boney M und auf dem Spitzenplatz – tata – die Nummer 1 der deutschen Acts in den 70ern setzte die Deutsche Welle Donna Summer.

So…was stimmt mit dieser Liste nicht? Wenn ich die Logik der deutschen Auslandsradiospezialisten weiter verfolge, dann müssten da eigentlich auch David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Brian Eno, Mike Batt und viele andere stehen, denn die haben auch in Deutschland in den 70ern gelebt, gearbeitet, Platten aufgenommen. David Bowie veröffentlichte sogar Songs, die „Neuköln“ und „V-2 Schneider“ hießen und man denke nur daran, dass er von den „Helden für einen Tag“ sang. Also, Kollegen, deutscher geht es ja wohl nicht mehr!

Dass Deutschland in den 70er Jahren durchaus eine Rolle auf der internationalen Musikbühne spielte, ist unbestritten. Mit Frank Farian werkelte da einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit. Mit den Musicland Studios in München und den Hansa Studios in Berlin gab es weltweit geschätzte Aufnahmemöglichkeiten. Und dann gab es da auch noch eine ganze Reihe von wichtigen Bands, die international ihre Spuren hinterließen. Klar, Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Faust uva. Gerade deshalb braucht man die Amerikanerin Donna Summers nicht posthum und noch ein paar weitere Gruppen zu  „German acts“ umschreiben.

Liebe Deutsche Welle, das kommt einfach etwas komisch bei mir und anderen hier drüben in den USA an. Das wäre ungefähr so, als ob ich Fiddler’s Green zu einer Los Angeles Band machen würde, weil sie ihre Platte „Spin Around“ in den Sound Image Studios in LA aufgenommen haben. Ich glaube, wenn ich das damals nach meinem Studiobesuch geschrieben hätte, hätten sich wohl einige zurecht an den Kopf gefasst.

Hong Kong, Taiwan, China Expansion?

Seit nunmehr 19 Jahren halte ich hier an der amerikanischen Westküste die fränkische Flagge hoch. Zumindest musikalisch. Denn seit Beginn von Radio Goethe im November 1996 auf dem Collegesender der University of San Francisco, KUSF, sind Bands aus der „alten Heimat“ fester Bestandteil meiner Playlist. Von den guten Freunden von Fiddler’s Green über eine meiner Lieblingsalben, mc creatrix der Shiny Gnomes, bis hin zu Dutzenden anderen Bands, wie The Robocop Kraus, JBO, Fade, Blue Manner Haze, Wrongkong, Smokestack Lightnin‘, Be My Island uva. Ach ja, auch Atze Bauer war hier schon live on-air. Und kürzlich brachte mein Freund Martin Schano die jüngste Straßenkreuzer CD mit. Die fränkische Musikszene ist gut vertreten im Sendernetzwerk von Radio Goethe, derzeit sind das rund 40 Stationen in acht Ländern.

Radio Goethe goes China?

Radio Goethe goes China?

Online sehe ich, dass viele Hörer sich aus China, aus Hong Kong und Taiwan zuschalten. Freut mich natürlich, dass die deutsche Musikszene auch dort ankommt, auch wenn ich kein Wort chinesisch spreche. Nun bekam ich eine Mail, dass jemand in China einige Radio Goethe Webadressen registrieren will: radiogoethe.asia, radiogoethe.cn, radiogoethe.co.in, radiogoethe.com.cn, radiogoethe.com.hk, radiogoethe.com.tw, radiogoethe.hk, radiogoethe.in, radiogoethe.net.cn, radiogoethe.org.cn,
radiogoethe.tw und ob ich das angewiesen, erlaubt, dem zugestimmt hätte.

Nö, habe ich nicht. Keine Ahnung, was das nun soll, ob da jemand im fernen Osten „unerlaubterweise“ einen Radio Goethe Ableger gründen will, mir quasi die Millionen von chinesischen Hörerinnen und Hörer strittig machen, einen Radiokrieg lostreten, ein „battle of the DJs“ beginnen möchte. Ich weiß es nicht, aber dann soll er mal machen. Ich glaub‘ ja eher, dass da jemand wirklich meint, man könne mit einem kulturellen Programm zur Musikszene aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Geld machen. Kann man nicht, warum auch? Aber viel Glück, ich bin gespannt.

Die Musik des anderen Amerika

Amerika ist das Land der Einwanderer. Und doch wurde lange Zeit bewusst und unbewusst übersehen, dass die Immigranten ihre eigene Kultur und Sprache mit in die Neue Welt brachten und diese auch pflegten. Seit einiger Zeit beginnt man in die USA auf den kulturellen und ethnischen Reichtum zu blicken, der durch die Einwanderer ins Land kam. Jüngst wurde eine umfassende CD Box mit dem Titel “Folksongs of another America” veröffentlicht, die sich auf die Region des Mittleren Westens konzentriert.

Sidney Robertson war eine von drei Musikethnologen, die in den späten 30er und Anfang der 40er Jahre versuchten, die reichhaltigen Musikwurzeln der Upper Midwest Region in den USA zu dokumentieren. Neben ihr reisten noch Alan Lomax („The man who recorded the world“) und Helene Stratman-Thomas durch Wisconsin, Minnesota und die UP, die Upper Peninsula, of Michigan.

Es sind Feldaufnahmen, die eine Region Amerikas präsentieren, wie sie so noch nie zu hören war. Zusammengefasst sind sie nun als “Folksongs of Another America” bei Dust to Digital Records erschienen. Professor James Leary von der University of Wisconin in Madison steckt hinter dieser Veröffentlichung, an dem er fast zehn Jahre lang arbeitete: „Das Projekt, an dem Alan Lomax, Stratman-Thomas und Sidney Robertson involviert waren, war, den Wert der Kulturvielfalt und des Pluralismus zu zeigen. Ich denke, sie haben auch erkannt, dass nach ein paar Generationen die Kinder und Enkel nicht mehr die Sprache sprechen. Es gibt also noch diesen kritischen Moment, wenn man in der Lage ist, dieses Material zu sammeln.“

Wer von der amerikanischen Folk Music spricht, denkt vor allem an die englischsprachigen Lieder. Doch Amerika, das zeigt vor allem die Upper Midwest Region, hat viel mehr zu bieten. James Leary weiß, dass lange Zeit die fremdsprachigen Lieder der Einwanderer nicht beachtet wurden, auch wenn sie von den drei Musiksammlern für die Library of Congress schon früh aufgezeichnet wurden. Von Seiten der Regierung wurde jedoch ein “English only” ausgegeben, die Songs verschwanden im Archiv. 75 Jahre später wollte Leary jedoch zeigen, dass Amerika ein Land der kulturellen Sprachenvielfalt ist: „Für mich sind American Indians Amerikaner. Viele der frühen Siedler in den Vereinigten Staaten, bevor das Land überhaupt eine Nation wurde, sprachen eine andere Sprache als Englisch. Deutsch, Holländisch, Schwedisch, diese Sprachen sind genauso legitim. Und auch in meiner Heimatregion hörte man viele verschiedene Sprachen. Ich denke also, es ist sehr wichtig, diese Lieder als amerikanische Lieder zu präsentieren und sie denen vorzuhalten, die glauben, jeder sprach hier sofort Englisch und, dass nur das Englische das richtige ist.

Alan Lomax, Sidney Robertson und Helene Stratman-Thomas haben in mehreren Reisen in einem Zeitraum von acht Jahren mehr als 2000 Aufnahmen zusammen getragen. Leary hat auf “Folksongs of another America” 186 Lieder ausgewählt, die repräsentativ für die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Gegend sind. Das reicht von finnischen bis serbischen Songs, von französichen bis litauischen, dänischen, walisischen, polnischen, luxemburgischen, schweizer und deutschen Liedern, wie eine Aufnahme von Herman Meyers, „Was war an diesem Baum?“, vom September 1938, aufgezeichnet von Alan Lomax.

James Leary arbeitete jahrelang an dieser Veröffentlichung. Er bereinigte digital die alten Aufnahmen und trug viele Informationen zusammen, die in den Original Notizen der drei Ethnologen nicht vorhanden waren. Er suchte nach Fotos für das Begleitbuch, kontaktierte Nachfahren der Musiker und übersetzte alle fremdsprachigen Lieder mit Hilfe von Kollegen anderer Fremdsprachenabteilungen der University of Wisconsin. Eine Ausnahmeleistung, die jedoch erst den ganzen Wert des Kulturmischmaschs des oberen Mittleren Westens für den Hörer zugänglich macht. Und obwohl man hier nur alte Aufnahmen hört, ist die eigentliche Botschaft dieser visionären Arbeit aus den 30er und 40er Jahren für James Leary klar: „Heute sorgt man sich in Amerika über die Einwanderung, was die Immigranten mitbringen und ob sie überhaupt ins Land gelassen werden sollen. Und genauso ist es ja auch in Europa. Ich finde, diese Lieder zeigen, dass Neuankömmlinge in einem Land, auch wenn sie Teile ihrer Sprache, ihrer Kultur und Tradition behalten, zur gleichen Zeit offen sind und etwas im positiven Sinne beisteuern. Wenn man sich das ansieht, wie es damals war, kann das eine gute Lektion für heute und morgen sein.“

Die 5CD und eine DVD umfassende Sammlung “Folksongs of another America” ist bei Dust to Digital Records und University of Wisconsin Press erschienen.