Tohuvabohu über San Francisco

Seit über 30 Jahren machen KMFDM ihr Ding. Eigentlich ist das vor allem der Hamburger Sascha Konietzko, der lange Jahre in den USA lebte und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten als das Kernland für den Erfolg von KMFDM betrachtet. Vor ein paar Jahren zog es ihn zurück in die Hansestadt, wo er heute mit Frau, Sängerin Lucia, und Tochter lebt.

Das Altenteil war die Luftveränderung allerings nicht. Nach wie vor wird getourt. Lautstark, brachial und immer mit einer Prise gesunder Aggression unterlegt. Am Mittwoch war mal wieder San Francisco dran, als Teil der aktuellen USA/Kanada Tournee. Keine andere “deutsche” Band hat es bislang geschafft, so erfolgreich und so oft quer durchs Land zu touren. KMFDM stehen für eine Breitseite, die nach wie vor alte und auch viele neue Fans anzieht und begeistert. Es ist eine Mischung aus Heavy Guitar Riffs und Industrial Klängen. Dazu englische und deutsche Lyrics. Gerade solche, bei denen Amerikaner mitsingen können. Der Saal tobte beim Song “Hauruck”.

Was KMFDM auch ausmachen, ist ihre Art Stellung zu beziehen. Als George W. Bush die Truppen und das Land für den zweiten Kriegseinsatz im Irak mobilisierte, lebte Sascha Konietzko noch in Seattle. 2003 erschien dann WWIII, ein hartes, kompromissloses Album. Darauf auch “Stars & Stripes, eine Abrechnung mit dem blinden Patriotismus, der zu der Zeit alles in den USA beherrschte. Es war ein einsamer Ruf in einer fast gleichgeschalteten und kleinlauten Musikszene.

KMFDM haben auch nach über 30 Jahren im Geschäft noch diese ungebändigte Energie und Kraft. Ihre Konzerte ziehen nach wie vor. Der Großteil der anstehenden Tour liegt noch vor der Band. Man sollte sie sehen, wenn man gerade in der Stadt ist…irgendwo in “God’s Country”. KMFDM sind noch immer eine erfrischende Abwechslung im musikalischen, amerikanischen Einheitsbrei.

“Stars & Stripes”

A tyrant is a man who allows his people no freedom
Who is puffed-up by pride
Driven by the lust of power
Impelled by greed
Provoked by thirst for fame

Divided and conquered
Gripped by fear
Wishful thinking that it can’t happen hear
It’s well underways but nobody knows
A repeat of history
That’s how it goes

Tell the people that they’re under attack
By man-eating foes from mars or iraq
Mobilize outrage
Muzzle dissent
Send in the troops
Strike the pre-empt

Stars & stripes
Learn how to fight
We come together by the dawn of the light
Oh so proudly we hail as the rockets red glare
Stars & stripes

Control the airwaves
Fuel the reaction
Use every weapon of mass-distraction
Turn active people into passive consumers
Feed ’em bogus polls and harebrained rumours

Cut back civil rights
Make no mistake
Tell ’em homeland security is now at stake
Whip up a frenzy keep ’em suspended
Don’t let ’em know that their liberty’s ended

Everything goes in the desperate states
The veneer of democracy rapidly fades
Wreak total havoc on all opposition
In any event fulfill your mission

Totalitarian media sensation
You will give ’em domination
Never mind they call you a liar and thief
By now you’re undisputed commander-in-chief

“Any Day Now”

Am Dienstagmorgen um 2:41 Uhr bebte die Erde in der San Francisco Bay Area. Genau an der Stadtgrenze von Fremont und Union City in der East-Bay, in einer Tiefe von vier Meilen war das Epicenter des Bebens. Auf der Richterskala wurde eine Stärke von 4,0 gemessen. Die Wissenschaftler des “US Geological Survey” (USGS) gehen nun davon aus, dass die Hayward Spalte reif für ein “Major Quake” sei. “Any Day Now” könnte es passieren, hieß es am Dienstag.

Foto: USGS

Foto: USGS

Die Hayward Spalte zieht sich von der San Pablo Bay im Norden bis runter nach Fremont, u.a. durch Berkeley und Oakland. Von meinem Haus ist es Luftlinie vielleicht gerade mal eineinhalb Kilometer bis dahin. “Any Day Now” ist eine deutliche Warnung an alle, die in der Nähe und in der Region leben. Man soll vorbereitet sein, heißt es. Was das bedeutet ist sei dem Hurricane Katrina jedem klar, denn erst einmal wird man auf sich selbst gestellt sein. Falls das große Beben kommt, sollte man in der Lage sein, sich drei Tage lang selbst versorgen zu können. Das heißt sich und seine Familie, Haustiere und eventuell hilfsbedürftigen Nachbarn. Nahrung, Wasser, Decken, Kleidung zum Wechseln, Planen oder Zelte, falls das Haus nach dem Beben und den Nachbeben unbewohnbar ist. Dazu Bargeld, denn Kreditkarten und Bankautomaten werden nicht funktionieren, Taschenlampen, Batterie betriebene Rundfunkgeräte. Alles sollte an einem sicheren Ort gelagert und griffbereit sein. Eigentlich sieht die Liste so aus, als ob man zum Burning Man Festival in die Wüste fährt.

“Any Day Now” heißt nicht morgen, heißt nicht übermorgen, heißt nicht nächste Woche. Es bedeutet vielmehr, dass man jederzeit damit rechnen und sich eben vorbereiten sollte. Dass man mit Nachbarn und Freunden spricht, wer sich um Kinder im Kindergarten und in der Schule kümmert, wer die Haustiere versorgt, falls man selbst nicht zu Hause ist. “Any Day Now” ist keine Panikmache der Erdbebenforscher des USGS, sondern nur ein Hinweis darauf, dass die Hayward Spalte überfällig ist. Eigentlich rappelt es gewaltig alle 140 Jahre. Das letzte Mal war es 1868, vor 147 Jahren. Bis zum Beben 1906 in San Francisco galt dieses Hayward Erdbeben als das “Great San Francisco Earthquake.” Die Uhr läuft also ab für uns.

Er schwebte so dahin

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Dieter Moebius. Foto: Klangbad

Ich habe Dieter Moebius nie persönlich getroffen, doch gegenwärtig war er in den letzten fast 20 Jahren schon. Zu seinen Platten und seiner Musik fand ich erst, als ich schon in den USA war. In Deutschland spielte eigentlich niemand Dieter Moebius oder seine Bands Cluster und Harmonia. Zumindest nicht im Nürnberger Sendegebiet. Weder der Bayerische Rundfunk, AFN noch die Nürnberger Privatsender, die ich hörte, hatten Cluster oder Harmonia in ihren Playlisten. Klar, in ein paar Sendungen irgendwo in Deutschland, moderiert von weitsichtigen oder exzentrischen Musikjournalisten, lief auch das.

Dieter Moebius kreuzte immer mal wieder meinen Weg, seitdem ich Radio Goethe produziere. In Interviews tauchte sein Name auf, in Artikeln und Büchern wurde er erwähnt, als Gastmusiker war er beliebt. Und ja, auch in den guten, alten Tagen bei KUSF in San Francisco schätzte man diesen Ausnahmemusiker, diesen Visionär, diesen Pionier des deutschen 70er Jahre Sounds.

Er sah sich nicht als Krautrocker und doch repräsentierte Moebius diese bedeutende Ära in der deutschen Musikgeschichte. Gerade laufen die beiden im Januar auf bureau-b Records veröffentlichten Cluster Platten “Japan Live” und “USA Live”. Empfehlenswert auch die beiden Solo Scheiben von Dieter Moebius “Ding” und “Kram, die bei Klangbad erschienen sind. Es sind keine Hitscheiben, kein eingängiges Material. Mancher Top Ten geformte Hörer würde es vielleicht sogar als Katzenmusik bezeichnen. Cluster fanden gerade im Ausland ihre begeisterten Fans. In den USA, in Japan, in Großbritannien. In Deutschland waren sie und auch die vielen anderen experimentierfreudigen Gruppen ihrer Zeit Fremde im Land. Moebius und sein langjähriger musikalischer Partner Hans-Joachim Roedelius ließen Klänge zusammen fließen zu einem Strom, der bei genauem Hinhören elektrisierte. Fantastische Soundlandschaften, mit denen man sich beschäftigen mußte. Es war fast nie eingängig, als Hörer mußte man nach der Hintertür suchen, um überhaupt den Zugang zu diesen Klangkörpern zu finden.

Dieter Moebius ist nun im Alter von 71 Jahren verstorben. Sein reiches Musikarchiv wird noch Generationen von Musikbegeisterten faszinieren.

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I give a Fuck

Till Lindemann, der Autor von “On Quiet Nights”. Lindemann, der Sänger und Texter des gleichnamigen Projektes. Diesmal auf Englisch, seine Gedichte und seine Lyrics. Till Lindemann ist der Sänger von Rammstein. Und die haben weltweit Kultstatus. Seit Mitte der 90er Jahre provozieren die eigensinnigen und markanten Berliner Heavy Rocker mit ihren Songs, ihren Texten, ihren Live-Shows. Auf ihrer ersten USA Tournee im Vorprogramm von KMFDM interviewte ich Gitarrist Paul Landers. Ein nettes Gespräch und Landers meinte, die Band sei selber überrascht, dass das, was sie machen, so gut ankommt. Und wie geht es weiter, fragte ich. Keine Ahnung, meinte Paul Landers, sie machen einfach weiter, so lange es jemand hören will.

Album 1 kam, da dachte man, was ist das denn. Album 2 kam, da waren sie schon ein Begriff in den USA. Mit Album 3 war klar, Rammstein bleiben. 21 Jahre nach der Gründung der Band sind sie weltweit zu den erfolgreichsten Botschaftern der deutschen Sprache geworden. Auch wenn dieser eine Satz den Kulturprofis in Deutschland Bauchschmerzen bereitet. Die Berufsbeamten in den Zentralen von Goethe-Institut und Auswärtigem Amt haben lange Zeit versucht, mit Ignorieren, Weghören und Belächeln Rammstein auszusitzen. Das hat nicht geklappt.

Rammstein wurden zu einem internationalen Phänomen. Allein die DVD “Völkerball” zeigt, welchen kulturellen und sprachlichen Beitrag die Band geleistet hat. Da singen Fans in England, Russland, Frankreich, Japan die deutschen Texte, feiern diese Band aus Germany, die Interesse weckt an Deutschland, der deutschen Kultur, der deutschen Sprache. Und wer das nicht glaubt, den verweise ich immer wieder gerne auf einen Radiobeitrag, den ich vor ein paar Jahren für DeutschlandRadio Kultur produzierte. Damals postete ich auf dem Rammstein Forum herzeleid.com die Frage, warum und weshalb Amerikaner Rammstein hören? Ich erhielt nahezu 400 Rückmeldungen, vom High School Schüler bis zum Deutschprofessor. Rammstein waren geliebte Superstars, die einfach anders waren und die ein ganz neues, ein weltoffenes, ein interessantes, ein aufgeladenes, ja, ein durchaus positives Deutschlandbild vermittelten. Fans kamen über Rammstein zu anderen deutschsprachigen Bands, diskutierten online über Texte, deutsche Kultur, Sprache, Filme und Politik. Klar, kann man das belächeln und ignorieren, das ist jedem selbst überlassen. Ich allerdings betrachte das Phänomen Rammstein als jemand, der die Berliner als erster im amerikanischen Radio spielte, aus einer anderen Perspektive.

Doch zurück zu Till Lindemann, der sein musikalisches Soloprojekt und seine Gedichte nun auf Englisch veröffentlicht hat. Da hämmert sich einer auf der CD durch die Boxen, ein Fuck folgt dem anderen. Das erste Video, ganz typisch in Rammstein Manier, provoziert, eskaliert. Lindemann will nicht im Radio gespielt werden, warum auch? Eigentlich kann so gut wie kein Song auf der CD im US Rundfunk laufen. “Clean Versions”, bereinigte Songs, wie das amerikanische Musiker und Bands liefern, um im Radio und Fernsehen zu laufen, gibt es bei Lindemann nicht. Er macht ganz deutlich, er ist Künstler. “Fuck it” ist die Aussage. Hör hin oder laß es sein. Die internationale Fangemeinde ist groß genug, um auch dieses Album, englischsprachig, zum Hit zu machen.

Und da sind die Gedichte des ehemaligen DDR Wettkampfschwimmers. “On Quiet Nights”. Verquastet, verschroben, verfremdet durch die englische Sprache. Doch das Englisch macht sie nicht einfacher, nicht schwieriger zum Verstehen. Till Lindemann hat seinen Ton gefunden, den er in typischer, sonorer Tonlage dem Leser, dem Hörer entgegen schleudert. Er will sich gar nicht erklären, er redet da nicht um den heißen Brei herum. Es sind dunkle Zeilen, bei denen man sich – ich mich – als Leser ertappt, man versteht manchmal einfach nicht, um was es eigentlich geht. Was will der Künstler mir da sagen? Und doch, die Worte haben ihren Reiz, ihren Klang, ihre Schönheit.

Till Lindemann ist jemand, der mit den Worten onaniert. In seinen Songtexten und seinen Gedichten gleichermaßen. Es ist dieses diabolische Vergnügen des Sängers, Dichters, Wortfetischisten, das man beim Lesen und Hören der Zeilen verspürt. Er schert sich einen Dreck darum, was Kritiker und Journalisten und Schreiberlinge über ihn denken und zu Papier bringen. “I give a fuck” steht über allem. Und das ist ganz und gar nicht negativ gemeint. Ganz im Gegenteil, es verschafft Till Lindemann die künstlerische Freiheit, die er braucht und die seine Fans an ihm schätzen. Für Rammstein, für Lindemann, für seine poetischen Ergüsse.

On Quiet Nights / Lindemann

Samstagnachmittagspaziergang

Vom Hotel zum Weißen Haus ist es nicht weit. Alle möglichen Polizisten sichern den Sitz des Präsidenten ab. Kameras nehmen jede Bewegung der zahlreichen Touristen aus aller Welt auf. Absperrgitter wurden nach den jüngsten Vorfällen noch vor dem eigentlichen Zaun aufgebaut. Ein paar vereinzelte Protestierende sitzen hinter ihren Schildern und warten auf Gespräche. Für was sie demonstrieren interessiert keinen. Die Passanten laufen vorbei, auf der Suche nach einem guten Blick aufs Weiße Haus.

Donald Trump kommt 2016 nach Washington DC.

Donald Trump kommt 2016 nach Washington DC.

Es ist heiß an diesem Samstagnachmittag. Ich gehe weiter Richtung “National Gallery of Art” und da ein riesiges Plakat vor einem gewaltigen Gebäude. Ganz klar ist nun, Donald Trump wird kandidieren, steht ja da: “TRUMP – Coming 2016″. Und der Donald baut sich gleich dazu eine Unterkunft nur einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt. Das “White House” scheint ihm wohl nicht gut genug zu sein.

Die Nationalgalerie ist beeindruckend. Und zum ersten Mal in den USA freue ich mich darüber, wie meine Steuern ausgegeben werden. Das Museum hat, wie alle staatlichen Museen in der Hauptstadt, freien Eintritt.

Der Denker regt zum Nachdenken an.

Der Denker regt zum Nachdenken an.

Man sieht ganz verschiedene Menschen vor den Bildern, den Möbeln und auch dem Denker von Rodin stehen. In der Fotoausstellung fallen mir vor allem die vielen deutschen Namen der Fotografen auf. Durch einen futuristischen unterirdischen Gang geht es in das beeindruckende Ostgebäude, wo mehr die moderneren Skulpturen zu finden sind.

Von dort spazierte ich weiter Richtung Mall und dann auf das Kapitolsgebäude zu. Dahinter liegen die Jefferson und Madison Buildings, wo die größte Bücherei der Welt, die “Library of Congress”, untergebracht ist. Auf der Suche nach alten deutschsprachigen Radiosendungen aus den 20er und 30er Jahren kam ich nicht weiter. Einen Versuch war es wert, aber die ethnischen und fremdsprachigen Radioprogramme in den USA wurden über all die Jahrzehnte kaum archiviert.

Der "Sonntags-Gast" wurde 1871 in San Francisco veröffentlicht.

Der “Sonntags-Gast” wurde 1871 in San Francisco veröffentlicht.

Aber dann schlenderte ich zum Zeitungsarchiv am anderen Ende des Madison Gebäudes auf der Suche nach deutschsprachigen Zeitungen, die in der San Francisco Bay Area veröffentlicht wurden. Viel war nicht in diesem Gewaltarchiv zu finden, doch dann wurde der Archivar in seinem Karteikasten fündig. Ein Jahrgang des “Sonntags-Gast”, erschienen 1871, war auf Mikrofilm verfügbar. Die Zeitung war ein belletristisches Wochenblatt. Interessant darin vor allem die vielen Anzeigen von Handwerkern, Bierhallen, deutschen Geschäften. San Francisco war voller Einwanderer aus den deutschsprachigen Ländern.

Washington ist eine beeindruckende Stadt, die man zu Fuß durchschlendern sollte. So viele Eindrücke, so wenig Zeit.

Die Neue Deutsche Welle wird nicht alt

Wer bei NDW nur an Markus und Nena, Witzi-Spritzi-Heiterkeit und “Ich will Spass” denkt, der kann gleich weiterklicken. Denn das war die Neue Deutsche Welle ganz und gar nicht. Das, was alles unter dem Begriff NDW zwischen 1977 – 1985 zusammengefasst wurde, gleicht im Rückblick einem musikalischen Erdbeben, das international spürbar wurde. Und es legte das Fundament für die sehr selbstbewusste und deutschsprachige Musikszene ab Mitte der 90er Jahre.

Burghard Rausch von Radio Bremen verwirklicht in diesem Jahr ein Riesenprojekt auf Bear Familiy Records. Vier mal 2 CDs werden mit umfangreichen Informationen über Bands, Musiker und Macher veröffentlicht. Vor mir liegt Teil 1, auf der neben der Nina Hagen Band, der Spider Murphy Gang, Spliff und Nena auch der KFC, Interzone, Morgenrot, Malaria und viele andere teils für mich total unbekannte Bands zu finden sind.

Die Neue Deutsche Welle war ein Phänomen, das nicht nur in Deutschland gefeiert wurde. Auch in England, den USA und Japan schaute und hörte man genau hin, was sich da im Teutonenland so tat. Deshalb auch an dieser Stelle diese Besprechung der NDW Compilation. Als ich 1996 beim Collegesender KUSF mit meiner Sendung anfing, nahm ich mir Zeit durch das umfangreiche Vinylarchiv des Senders zu kramen. Und ich wurde immer wieder fündig. Viele der mehr schrägen, ausgefallenen und experimentierfreudigen Bands von damals konnte ich finden. Da waren Der Plan, Palais Schaumburg, Wirtschaftswunder und zahlreiche andere. In vielen Gesprächen mit KUSF DJs wurde mir deutlich gemacht, dass durch diese Musik sich auch das Bild Deutschlands verändert hatte. Denn die NDW entstand aus dem Punk, aus dem New Wave, aus dem Elektrogefrickel und dem Industrial der 70er Jahre. Die Tschörmans kopierten nicht einfach, was da wellenartig aus dem Ausland auf sie zu kam, sie schufen etwas eigenständiges. Noch heute drehen sich diese Alben auf den Plattentellern in Amerika. Und auch in Japan kriegt man davon nicht genug. Suezan Records veröffentlicht immer wieder Liebhaberboxen mit 45er Singles der damaligen Bands.

bcd17371c5526627e7def8_285x255Lange Zeit fand diese Szene in Deutschland im Abseits statt, kaum beachtet von den grossen Plattenfirmen, der Bravo und den wenigen Musiksendungen auf den drei Fernsehprogrammen. Doch auch das geht auf die NDW zurück, dass sich Musiker und Macher selbst organisierten, eigene Labels und Vertriebe aufbauten, Fanzines produzierten, Auftrittsmöglichkeiten schufen. Und irgendwann merkten die Majors dann auch, dass da Geld zu machen ist und überfluteten den Markt mit allerhand Spritzi-Pop und Gute-Laune-Musik.

Burghard Rausch schafft mit seinen Compilations den großen Blick auf diese paar Jahre der musikalischen Aufbruchstimmung in Deutschland. Er fängt nicht mit den ersten Charterfolgen an, konzentriert sich nicht auf die von Bravo gehypten Starschnitte. Ganz im Gegenteil, Rausch blickt auf die Clubs, die Kassettenszene, die Musiker, die mal hier, mal dort spielten. Und er verfolgt ihre Wege bis heute. Es macht Spass all die Hintergrundinfos zu lesen, musikalisch in die eigene Jugendzeit einzutauchen und immer mal wieder zu merken “Mensch, stimmt, das war ja auch noch da”.

NDW – Aus grauer Städte Mauern. Die Neue Deutsche Welle 1977 – 85” ist keine Partymischung, vielmehr ein umfangreiches Klangbild. Klar, da sind die Hits zum Mitsingen, doch da ist viel mehr zu entdecken. Diese Sammlung ist für all jene, die mehr wissen wollen, die Querverweise lieben, die sich gerne mit musikalischen Wurzeln beschäftigen. Und ja, ich singe hier gerade laut “Blaue Augen” von Ideal mit, all die Hits, ich kann sie noch immer.

“Woi geh und steh, tut ma’s Herz so weh”

Zu Hunderttausenden kamen am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts die Einwanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die USA. Die Deutschen und die Schweizer zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin, oder “Swissconsin” wie der “deutscheste aller Bundesstaaten” auch genannt wurde. In Chicago dagegen gab es die größte Ansammlung von im Ausland lebenden Österreichern. Sie kamen auf der Suche nach einer neuen Heimat und brachten ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Musik mit.

Eine Konzertankündigung für die "Scheidegger Seven" aus dem Jahr 1927. Quelle: Serge Schmidt

Eine Konzertankündigung für die “Scheidegger Seven” von 1927. Quelle: Serge Schmidt

Im August 1927 stehen im “Rice Lake Dance Pavilion” in Wisconsin die “Scheidegger Seven” in Berner Tracht und vor einem großen Bild der Alpen auf der Bühne. Die Gruppe war zwei Jahre zuvor aus Huttwil in die USA übergesiedelt. Vater Fritz Scheidegger und seine Töchter hatten schon in der Schweiz als “Flühjodler vom Emmental” Erfahrungen sammeln können. In den USA touren sie in zwei Jahren durch 38 Bundesstaaten und spielen in New York und Chicago mehrere Schellack Platten ein.

Die “Scheidegger Seven” sind nur ein Beispiel einer lebendigen deutschsprachigen Musikszene in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Neben zahlreichen Immigranten Musikern, tourten auch Künstler aus der alten Heimat in Übersee, wie die “Moser Brothers” aus der Schweiz, die mit ihren Herzschmerz und Heimweh Liedern zu Superstars in der Neuen Welt wurden. Und auch wenn die Konzerte meist nur in den deutschen und schweizer Clubs stattfanden, so war die deutschsprachige Musik doch ein wichtiger Teil des frühen amerikanischen Musikgeschäfts. Die Deutschen, so werden in den USA alle Deutschsprechenden genannt spielten ihre Musik auf Festen, Hochzeiten, Veranstaltungen. Es war bekannt, dass es auf ihren Feiern immer zünftig zu und her geht. Viel Bier, Tanz und Musik. Als die Aufnahmetechnik kommerziell nutzbar wurde, merkten die Plattenfirmen schnell, dass die Einwanderer durchaus eine große Zielgruppe waren und damit eine zahlkräftige Kundschaft. Die Columbia Phonograph Company reagierte bereits 1909 und schrieb ihren Handelsvertretern:

“Denken Sie daran, dass es in allen Großstädten und in den meisten größeren Städten Stadtteile gibt, wo Leute einer Nationalität zusammenleben. Die meisten von ihnen behalten ihre Gewohnheiten bei und bevorzugen es, sich in der Sprache ihres Heimatlandes zu verständigen. Auf diese Leuten üben Schallplatten in ihrer eigenen Sprache eine unwiderstehliche Attraktion aus und sie werden sie bereitwillig kaufen.”

Auch die Zahlen der veröffentlichten Schallplatten in den USA sprechen eine deutliche Sprache. Im Zeitraum von 1908 bis 1923 bringt Columbia rund 5000 Platten in der A-Serie heraus, A für Amerika,. In der E-Serie, E für Europa, veröffentlicht die Schallplattenfirma im gleichen Zeitraum 6000 Schellack Platten.

Eine umfassende CD Box über die Musik der Immigranten im oberen Mittleren Westen der USA.

Eine umfassende CD Box von James Leary über die Musik der Immigranten im oberen Mittleren Westen der USA.

Doch die “Deutschen” in den USA waren nicht nur Konsumenten, sie prägten mit ihren Jodlern und auch mit ihren Instrumenten gerade die “Roots” Musik Amerikas. Das Jodeln aus der Alpenregion hat seine Spuren in der amerikanischen Musikszene hinterlassen und beeinflusste gerade die frühe Hillbilly und Country Musik. Die Konzertina, eine kleine Ziehharmonika gebaut in Chemnitz, wurde zum Hit in Übersee und ist noch heute in der amerikanischen Polka Szene zu finden. Auch das deutsche Akkordeon der Firma Monarch hat sich in der US-amerikanischen Musik gehalten – besonders in der Cajun-Musik, die francophone Einwanderer in die USA gebracht haben. Und die Mundharmonika aus dem Hause Hohner wurde zu einem Exportschlager in die USA.

Die Spuren der deutschsprachigen Einwanderer in der amerikanischen Musik sind heute nicht mehr allzu offensichtlich. Im Melting Pot USA sind die zahlreichen musikalischen und instrumentalen Einflüsse von so vielen Kulturen einfach aufgegangen. Doch man kann sie finden, wenn man nur will.

Zu dem Thema “Die Musik der deutschsprachigen Immigranten in Amerika” habe ich ein längeres Feature für den Schweizer Rundfunk produziert, das man hier hören kann:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Weitere Informationen zum Thema der schweizer Musik in Übersee kann man auf der umfangreichen und mit viel Liebe gestalteten Webseite von Serge Schmidt finden.

Zu Fragen der deutschsprachigen Musik empfehle ich die Seite von Christoph Wagner, der schon einige CDs über die Musik der Immigranten für das Münchner Label Trikont veröffentlicht hat. Und dann ist da noch die einzigartige CD Box “Folksongs of another America“, zusammengestellt von Professor James Leary von der University of Wisconsin, die auf dem “Dust to Digital” Label erscheinen wird.

 

Und hier kommt der Nächste

Immer mal wieder versuchen es deutsche Musiker und Bands in den USA groß rauszukommen. Doch bislang haben es nur ganz wenige geschafft. Klar, da sind die Scorpions, da ist Kraftwerk, da ist Rammstein, die man hier drüben als Superstars feiert. Interessant bei Rammstein ist, dass sie es mit deutschen Texten geschafft haben. Sie haben sich nicht verbogen und verdreht, um es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu packen. Sie blieben sich und ihrer Musik treu.

Andere Bands und Musiker touren viel durch die USA, sind veröffentlicht und haben auch ihre Fangemeinde. Ich denke an Blind Guardian, an Accept, an Kreator, an die Einstürzenden Neubauten, an Faust und auch an KMFDM, an zahlreiche deutsche Krautrock und Elektro Acts. Viele deutsche Independent Bands sind ebenfalls veröffentlicht und auf Tour. Sie alle haben ihre Nische gefunden und sind damit zufrieden.

Doch es gibt Großangriffe, die nicht funktionieren (können). Tokio Hotel wurden von ihrer Plattenfirma gehypt. Namhafte Konzerthallen, wie das Fillmore in San Francisco, gebucht, Tickets billig verkauft, um die Hallen zu füllen, und jedem Konzertbesucher ein Poster überreicht, darauf, wie hier, “Tokio Hotel in San Francisco”. Der angepeilte Erfolg blieb aus. Im Konzert riefen viele junge Mädchen “sing German”, doch die netten Jungs von Tokio Hotel spulten ihr Programm vor allem auf Englisch runter.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo's Club in North Beach.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo’s Club in North Beach.

Ähnlich verlief es mit Herbert Grönemeyer. In Deutschland kann er tun und lassen, was er will. In den USA fiel er kaum auf. Seine englischsprachige Platte “I walk” wurde groß angekündigt, Interviews liefen sogar auf National Public Radio mit ihm, denn Grönemeyer brachte den Superstarnamen aus Deutschland mit, war bekannt durch den Klassiker “Das Boot” und sein Duett mit Bono auf der Debut Platte schadete seinem Ansehen auch nicht. Herbert Grönemeyer erklärte mir im Interview, dass er den Versuch in den USA gelassen sieht. Und tatsächlich, er verwirklichte sich wohl eher einen Traum. Auch in seinen Konzerten waren vor allem Deutsche, die ihn einmal in Clubatmosphäre und nicht im großen Stadion oder auf einer Anti-Pegida Demo sehen wollten. Auch sie riefen “Herbert, sing Deutsch”, doch auch Grönemeyer blieb fast nur beim Englischen.

Und jetzt kommt der Rapper Cro über den großen Teich. Seine Single “Traum” wird nun neu und englischsprachig veröffentlicht, ein US Magazin riet seinen Lesern auf eine Reihe internationaler Rap Musiker zu achten, dabei kam Cro sogar auf Platz zwei. Und er selbst zeigt sich durchaus angetan, erklärte er in einem Interview, dass er nun die Chance hat, im Geburtsland des Hip Hop mal einen abzurappen. Die Erfolgsaussichten sind allerdings auch bei Cro gering.

Deutsche Musiker und Bands haben meiner Meinung und Einschätzung nach nur dann in den USA eine wirkliche Chance, wenn sie etwas ganz anderes liefern, als der größte Musikmarkt schon selber hat. Jene Gruppen, die es hier irgendwie geschafft haben einen Fuß in die Tür zu bekommen, sind das beste Beispiel dafür. Die Liste ist lang und vielseitig. Doch Tokio Hotel, Herbert Grönemeyer und auch Cro sind bei dem, was sie machen gut, aber sie können in den USA auch nicht annähernd den gleichen Erfolg feiern, den sie daheim haben.

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Eine weitere Studie für die Tonne

Ich bin weder ein Fan von Spotify noch von Pandora. Diese Musikstreamingdienste haben mich bislang nicht überzeugen können, und werden es wohl auch in Zukunft nicht. Zum einen liegt das ganz offensichtlich an dem, was diese börsennotierten Unternehmen am Ende den Musikern und Bands zahlen; nämlich so gut wie nichts. Da verdienen Investoren eine goldene Nase mit der Musik.

Spotify mit der Erkenntnis des Lebens.

Spotify mit der Erkenntnis des Lebens.

Zum anderen liegt das aber auch an der mangelnden Wertschätzung der Musik als solcher. Irgendwie ist das alles nur noch ein dahinwallendes Etwas geworden. Vielleicht liegt es an meinem Alter, aber ich mag Platten und CDs, mag die Suche danach, den Geruch von Plattenläden, das Gefühl in den Händen, das Durchlesen der Credits, all so Zeugs, was man mit einem Streaming Service nicht bekommt.

Ja, man kann sicherlich auch neue Musik über Spotify und Pandora finden, aber es kommt bei den Bands nichts an, wenn man die nur streamt und eben nicht das eigentliche Produkt, die Musik, kauft. Aber anscheinend bin ich eh nicht mehr in der Zielgruppe dieser Firmen, denn die haben nun in einer Untersuchung festgestellt, dass man ab 33 keine neue Musik mehr hört. Wenn ich mich hier so umschaue, dann haben die mich nicht gefragt.

In einer Datenauswertung aller US Spotify Nutzer durch das Musikdatenunternehmen “The Echo Nest” kam nun heraus, dass ich mit fast 47 Jahren eigentlich kein Interesse mehr an jungen Bands habe. Ja, die neue Pearl Jam würde ich mir anhören, vielleicht auch noch die nächste Platte der Einstürzenden Neubauten, aber was sich aktuell in den Charts so tut, ist nicht mehr mein Bier, so die Untersuchung.

Stimmt nur indirekt, denn ja, ich schaue weder für Radio Goethe auf die Charts, noch bei meinen sonstigen Hörgewohnheiten. Ganz ehrlich, die Top Ten Singles und Alben langweilen mich meist nur. Es freut mich zwar, wenn eine mir bekannte Band mal ganz nach oben kommt, wie Eisbrecher mit ihrem Album “Schock”, aber die Musik, die ich so höre, auch neue Musik, steigt in keine Charts ein. Ich weiß, ich weiß, ich mache Randgruppenradio. Das Fazit also ist, dass sowohl Spotify, wie auch die dämliche Datenauswertung für die Katz’ sind. Das Geld, was da für eine Analyse ausgegeben wurde, hätte man besser mal an die Musiker weiter überwiesen.

Goodnight Saigon

Vor 40 Jahren, am 30. April 1975, endete mit der Einnahme Saigons der Vietnamkrieg. 20 Jahre lang war das Land in Südostasien Spielball im Kalten Krieg. Vietnam veränderte die westlichen Gesellschaften. Die 68er Protestbewegungen wären ohne die Eskalation im Dschungel von Vietnam kaum denkbar gewesen. Hunderttausende gingen in Washington, Berlin, Paris und anderen Städten auf die Straßen. Der Krieg spaltete und provozierte und schuf eine unvergleichliche, politisierte Heimatfront.

Nach der Niederlage Amerikas, wurden die heimkehrenden Soldaten als Kindermörder beschimpft. Viele von ihnen vielen durch das soziale Netz. Irgendwie wollte man schnell einen Schlußstrich unter diese militärische Schmach ziehen und das ganze vergessen. Doch ohne Erfolg. Patriotische Filme wie “Rambo” oder “Missing in Action” versuchten daheim, die Niederlage in einen Sieg umzumünzen. Noch heute, 40 Jahre nach Kriegsende, laufen regelmäßig Dokumentationen über den Einsatz in Vietnam. Kürzlich sah ich einen beeindruckenden Film über das Massaker von My Lai, in dem viele Soldaten, die damals vor Ort waren, berichteten. Vietnam ist noch immer eine offene Wunde im amerikanischen Selbstverständnis.

"...Next Stop is Vietnam", eine weitere beeindruckende CD-Box von Bear Family Records.

“…Next Stop is Vietnam” von Bear Family Records.

Eine beeindruckende Sammlung, wie die Zeit damals klang, hat Bear Family Records zusammengetragen. Auf 13 CDs kann man die Musik, Rock- und Folksongs, Propagandalieder und Anti-Kriegs Hymnen hören. Dazu Propaganda-Durchsagen, Frontberichterstattungen und mitgeschnittene nordvietnamesische Hörfunktexte gelesen von Jane Fonda und Hanoi Hannah. In jahrelanger Recherchearbeit hat das deutsche Label hier eine umfangreiche und umfassende Anthologie dieses Krieges veröffentlicht. Ein grandioses Meisterwerk, für das man sich sehr viel Zeit nehmen sollte.

…Next Stop is Vietnam” ist eine unvergleichliche Musiksammlung, die Musikfans und Historiker gleichermaßen faszinieren wird. All die Tracks zeigen, wie gespalten damals die USA waren…und wie sie es auch noch immer sind. Es ist eine Box, die einfach nur hervorragend ist, auch wenn ich als erklärter Bear Family Records Fan vielleicht voreingenommen bin. Aber so viel ich weiß, gibt es kein auch nur annähernd so komplettes Klangbild wie dieses hier. “…Next Stop is Vietnam” ist ein Zeitdokument. Die Box kommt mit einem 300 Seiten umfassenden Buch mit vielen Fotos, Informationen und Hintergrundberichten. 40 Jahre nach Kriegsende ist alles noch so nah und lebendig wie damals. Eine zeitlose und klangvolle Reise in eines der wichtigsten Kapitel der jüngsten amerikanischen Geschichte. Einfach nur genial!