Was für eine nationale Krise?

Die Frage eines Reporters traf es genau. Woher nimmt Präsident Donald Trump seine Zahlen, wenn er sagt, es gebe an der Grenze zu Mexiko eine humanitäre und sicherheitspolitische Krise. Drogen und Kriminelle kämen ungehindert ins Land, eine Mauer müsse gebaut werden. Denn, so der Reporter weiter, das FBI, die Grenzbehörde und auch das Justizministerium veröffentlichten ganz andere Zahlen. Demnach kämen 95 Prozent der Drogen über die legalen Grenzübergänge in die USA und auch die „Vergewaltiger, Mörder und Kriminelle“ ohne legale Papiere seien meist schon lange im Land.

Grenze zu Mexiko bei El Paso, Texas.

Trump reagierte, wie er eben immer reagiert. Er bekomme seine Zahlen und Fakten von vielen Seiten, vor allem vom Ministerium für Heimatschutz. Ausserdem verdrehten die Medien die veröffentlichten Zahlen, denn es gäbe tatsächlich eine große nationale Krise, ja, einen Notstand an der Grenze mit Mexiko. Was der Präsident nicht erwähnt ist, dass so einige konservative Talk Show Moderatoren, wie Rush Limbaugh und Sean Hannity, großen Einfluss auf das Denken von Donald Trump haben. Schon mehrmals schien es so, dass Trump auf Tweets oder auf Inhalte in den Sendungen dieser Rechtsaußenpopulisten reagierte. Hannity gilt deshalb auch als „Berater“ des Präsidenten.

Nun also ruft Donald Trump den nationalen Notstand aus, für etwas, was kein nationaler Notstand ist. Die Situation an der Grenze könnte ohne weiteres und parteiübergreifend gelöst werden, aber dazu lässt es Donald Trump nicht kommen. Er hatte seiner 25Prozent Basis im Wahlkampf eine Mauer versprochen, „from sea to shining sea“. Hoch, schön und unüberwindbar sollte sie sein. Und dieses Versprechen will er einlösen, auch wenn es nur teuer ist und keinen Sinn macht.

Trump allerdings übersieht die wahren Krisen im Land. Erst gestern war der erste Jahrestag des Schulmassakers von Parkland. Der Präsident sprach vor einem Jahr noch große Worte, er wolle den Zugang zu Waffen für Jugendliche beschränken, bestimmte Waffengattungen und -zusätze verbieten lassen. Geschehen ist nichts. Seit Parkland gab es 31 weitere Schulschießereien, das ist eine alle 12 Tage. Seit den tödlichen Schüssen an der „Marjory Stoneman Douglas High School“ wurden in den USA 429 weitere „Mass Shootings“ gezählt.

Mister President, das ist eine nationale Krise! Eine, die diese Bezeichnung verdient. Ich könnte nun auch noch vom Klimawandel anfangen, dessen Folgen schon jetzt in den USA zu spüren sind. Aber wir alle wissen ja, dass Donald Trump die Fakten der Wissenschaftler anzweifelt, sogar die seiner eigenen Angestellten in Bundesbehörden. Vielmehr lässt er Informationen streichen, verändern, abschwächen, um ja nicht handeln zu müssen. Donald Trump entwickelt sich durch sein Handeln und vor allem durch sein Nicht-Handeln mehr und mehr selbst zu einer nationalen Krise für die USA.

Neue Bürger braucht das Land

Eine nahegehende Einbürgerungsveranstaltung in Oakland bis Donald Trump sprach.

Sie kamen aus Togo, aus dem Jemen, aus Burma, Afghanistan und von den Fiji Inseln. 1126 Frauen und Männer aus 94 Nationen waren am Mittwochnachmittag ins historische Paramount Theatre nach Oakland gekommen, um hier eingebürgert zu werden. Es war eine bunte, multikulturelle Menschenansammlung, die in zig Sprachen durcheinander sprach. Manche hatten sich fein rausgeputzt für dieses Ereignis, auf das sie lange gewartet hatten, einigen war anzusehen, sie nahmen die Veranstaltung im Vorbeigehen mit.

Anfangs wurden von einem Chor bekannte amerikanische Lieder vorgetragen, darunter auch die alternative Nationalhymne „This land is your land“ von Woody Guthrie. Es war eine entspannte Stimmung, es wurde gelacht, es war teils nahegehend, „America is richer, because of you today“, hieß es. Der Moderator forderte alle Neubürger auf, sich umgehend als Wähler registrieren zu lassen. Wir haben Probleme in diesem Land, nun liegt es an Ihnen, diese mitzulösen, sagte er. Auch wies er daraufhin, dass keiner mehr eine Green Card mit sich herumtragen müsse, denn als Amerikaner habe man nun das Recht einem Polizisten, der einen kontrollieren will, zu sagen: „Officer, I’m an American, I don’t need to show you my immigration papers“.

Interessant wurde es, als ein Video von Präsident Donald Trump eingespielt wurde, in dem er die neuen amerikanischen Staatsbürger begrüsste.

     

Als ich 2013 die US Staatsbürgerschaft annahm, sprach noch Barack Obama zu den „Neuen“ im Land. Viele waren von seinen Worten angetan. Anders jedoch am Mittwoch. Als Trump auf der Leinwand erschien, ging lautes Buhen durch die Reihen. Das hielt während seiner eineinhalb minütigen Rede an. Als es kurz mal leiser wurde, schrie jemand „Fuck you“. Lachen im Saal. Präsident Trump hat sich mit seinem Anti-Immigrationskurs keine Freunde bei den neuen Staatsbürgern und damit Neuwählern gemacht. Jedes Jahr werden rund 750.000 rechtmäßige Immigranten in den USA eingebürgert. Sicherlich werden sich nicht alle als Wähler registrieren lassen, doch die Zeichen stehen für die Republikaner nicht gut. Wer sich so offen gegen Immigranten stellt, wie dieser Präsident, könnte schon bald eine deutliche Antwort darauf bekommen.

Es ist nicht alles rosig in Trump-Country

Donald Trump spielt ja gerne Posaune in den höchsten Tönen. Amerika werde international wieder respektiert, die Wirtschaft boomt, der Dow Jones Index sei so hoch wie noch nie zuvor, die Arbeitslosigkeit mit vier Prozent so niedrig wie seit 60 Jahren nicht mehr. Seit er, Donald Trump, im Weißen Haus sitze, sei Amerika „great again“.

Dass das nicht ganz so stimmt, zeigen nun Daten der „Federal Reserve Bank“ in New York. Mehr als sieben Millionen Amerikaner sind drei und mehr Monate im Verzug bei ihren Auto Ratenzahlungen. Das sind eine Million mehr, als in der Wirtschaftskrise von 2010, und damals lag die Arbeitslosenquote bei zehn Prozent. Für die Fachleute der Fed ist das ein Warnsignal, das hell leuchtet, denn diese Ratenzahlungen sind eigentlich die ersten, die viele begleichen, damit sie weiter überhaupt zur Arbeit fahren und notfalls auch im Auto schlafen können. Wenn diese „Car Payments“ ausbleiben heißt das, die finanzielle Lage ist äußerst kritisch.

Drei Monate Verzug bedeutet auch, dass viele Amerikaner ihren Wagen verlieren werden. Und wohl nicht nur das. Das gelobte Land von Donald Trump mit seinen Steuererleichterungen für Millionäre und Milliardäre gerät in Schieflage. Die rote Warnleuchte wollen Trump und seine Gefolgschaft aber nicht sehen, vielmehr schwafeln sie weiter von Vollbeschäftigung und neuen Jobs. Doch die zahlen sich nicht aus, um die monatlichen Rechnungen von Millionen von Amerikanern zu bezahlen. Es droht eine soziale Krise in den USA. Das wird wohl auch das Erbe von Donald Trump sein. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird damit genug zu tun haben, den wirtschaftlichen und sozialen Scherbenhaufen, den er hinterlassen hat zu überwinden. Und Trump selbst wird auf seine fetten Präsidentschaftsjahre hinweisen, wo die Arbeitslosenquote niedrig und der Dow Jone Index hoch. Schuld haben immer die anderen. Es war doch alles prima, oder?

Warum Warren?

Elizabeth Warren will Präsidentin werden. Foto: Reuters.

Elizabeth Warren kandidiert nun also doch. Genau wie damals, als Hillary Clinton ihre Kandidatur bekanntgab, frage ich mich, was geht in ihr vor, dass sie meint, sie hat eine Chance gewählt zu werden? Und dabei geht es nicht um die Politik der Senatorin aus Massachusetts und um das, für was sie steht. Warren hat vielmehr ein riesiges Problem, so wie Hillary sie mit ihren unzähligen Leichen im Keller hatte.

Nach einer tumulthaften Woche für Warren, in der die Washington Post eine von ihr handgeschriebene Anmeldung für die texanische Anwaltskammer von 1986 veröffentlichte, auf der Warren angegeben hatte, dass sie „American Indian“ sei, dachten viele, nun ziehe sich Warren zurück. Doch ganz im Gegenteil, die Senatorin glaubt noch immer, dass der Skandal um ihre Herkunft keine Auswirkungen auf ihre Kandidatur um den Präsidentenjob haben wird.

Doch Elizabeth Warren liegt da ganz falsch. Seit Jahren schon muss sie sich immer und immer wieder damit auseinandersetzen, dass sie lange Zeit behauptet hat, sie habe indianisches Blut in sich. Kein Geringerer als Donald Trump nahm das nur zu gerne auf, nannte Warren fortan nur noch „Pocahontas“ und hämmerte die falsche Behauptung Warrens in die Wahrnehmung der Amerikaner. Doch die Senatorin gab nicht einfach klein bei und wollte nachweisen, dass sie zum Teil „Native American“ sei. Im Herbst ließ sie eine DNA Analyse erstellen, die das belegen sollte. Doch der Schuss ging nicht nur nach hinten los, Warren schoss sich dabei in den eigenen Fuss. 1/20 „Native Amercian“ war das Ergebnis. Etwa so viel wie ich es habe, der in Würzburg von einer Mutter aus dem Ruhrgebiet und einem Vater aus Schlesien geboren wurde.

Und nun noch die Registrierungskarte aus Texas, die zeigt, dass Warren ihren indianischen Hintergrund nicht nur selbst glaubte, sondern sich selbst auch so vorstellte. Man muss wissen, dass in den USA jeder irgendwo Vorfahren von irgendwoher hat. Ich treffe immer wieder Leute, die mir sagen, sie seien auch Deutsch. Auf die Nachfrage wie und warum erklären sie dann, ihre Ur-Ur-Großmutter sei die Tochter eines Bäckers gewesen, der 1795 aus einem Dorf in Schwaben nach Amerika kam. Sprache, Kultur, Gepflogenheiten, alles Nebensache, denn da war ja die Ur-Ur-Oma. Das ist ein normales und für sie logisches Argument, dass sie damit Deutsche sind. Ok, sollen sie so sehen. Was Elizabeth Warren jedoch mit ihrer „Native American“ Identifikation machte ist, dass sie dadurch nicht nur einen emotionalen Bonus erhalten hat, sondern eventuell auch Vorteile bei der Auswahl an Universitäten und bei der Jobsuche. Warren, die eine brillante Juristin ist, erklärt zwar, dass dem nicht so gewesen ist, doch mit ihrer Behauptung eine Nachfahrin der Indianer zu sein, bleibt da ein Beigeschmack. Warren ist für viele nur noch „Pocahontas“.

Nun kann man behaupten, Elizabeth Warren kandidiere nur, um ihre Politik ins Gespräch zu bringen. Das stimmte dann, wenn es keine andere Kandidatin oder Kandidaten im Feld geben würde, die oder der Ähnliches fordert. Doch da sind schon jetzt mehrere Frauen und Männer im Rennen, die mit Warren auf einer Linie liegen. Elizabeth Warren glaubt also wirklich, die Vorwahlen der Demokraten überstehen zu können, um dann gegen Donald Trump zu kandidieren. Man kann nur hoffen, dass jemand die Senatorin schon bald zur Seite nimmt und ihr einmal ganz deutlich sagt: „Elizabeth, let it go!“

Schulterschluss mit der Christlichen Rechte

Donald Trump schaut voraus. Das muss er auch, denn als Präsident konnte er bislang nur seine Basis überzeugen, die nach wie vor zu ihm steht. Über 90 Prozent seiner Wählerinnen und Wähler von 2016 wollen ihn 2020 auch wieder wählen. Doch nach dem republikanischen Desaster bei der Kongresswahl im November wurde deutlich, dass die Zeichen gerade in den sogenannten Swing States nicht gut für Trump stehen. In einigen davon hatte er bei seiner Wahl nur mit wenigen Stimmen vorne gelegen. Trump muss also buckeln, um weitere Wähler zu mobilisieren.

Trump will mit einem Kulturkampf das Weiße Haus verteidigen. Foto: Reuters.

Und das tut er in altbekannter Weise mit Lügen und Halbwahrheiten. In seiner Rede zur Lage der Nation und auch beim „National Prayer Breakfast“ am Donnerstag im Weißen Haus wandte er sich an die Christliche Rechte im Land. Trump erklärte, was in New York und Virginia an neuen Abtreibungsgesetzen beschlossen oder debattiert wurde, solle dazu führen, dass ungeborene Babies noch „bis zur letzten Minute“ abgetrieben werden könnten. „Gesetzgeber in New York applaudierten begeistert nach der gewonnenen Abstimmung, die nun ermöglicht, ein Baby Momente vor der Geburt aus dem Mutterleib zu reissen. Es sind lebende, fühlende, wunderschöne Babies, die nie die Chance haben werden, ihre Liebe und ihre Träume mit der Welt zu teilen“, so Trump. Um dann weiter zu erklären: „Lasst uns gemeinsam eine Kultur schaffen, in dem unschuldiges Leben geschätzt wird. Und lasst uns die fundamentale Wahrheit nochmals beteuern: alle Kinder – geboren und ungeboren – wurden als heiliges Abbild Gottes erschaffen“. Trump läutet damit mit einer Frontalattacke den Kulturkrieg ums Weiße Haus ein.

Der amerikanische Präsident umschreibt damit „Late abortion“ als eine Abtreibung in letzter Minute vor der Geburt. Was er damit erreichen will ist klar. Trump braucht die geeinte Christliche Rechte im Land, um seine Wiederwahl möglich zu machen. Die Pfarrer sollen von den Kanzeln predigen und ihre Schäfchen zur Wahlurne treiben. Die christlichen Radiosender sollen ihre gläubigen Hörerinnen und Hörer mit der „guten“ Botschaft Trumps beschallen. Er, der auserkoren wurde, um „God’s Country“ zu retten.

Doch da ist nur ein Fehler. „Late abortion“ bedeutet in New York und so auch in Virginia, dass eine Abtreibung nur noch nach der 21. bzw. der 24. Schwangerschaftswoche erlaubt ist, wenn das „Leben und die Gesundheit“ der Mutter in Gefahr ist. Ärzte wehren sich deshalb auch gegen die Bezeichnung der „späten Abtreibung“. Was Trump auch nicht erwähnt ist, dass nur 1,3 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche nach der 21. Woche durchgeführt werden, so die Daten des „Centers for Disease Control and Prevention“ aus dem Jahr 2015. 91 Prozent der „abortions“ wurden in der 13. Woche oder noch früher getätigt. Der Präsident hält sich also erneut nicht an die Fakten und lässt ein Problem entstehen, dass es so gar nicht gibt. Typisch Trump, es ist Wahlkampf.

Der Zustand des Landes

Donald Trump und seine Rede zur Lage der Nation ist gelaufen. Danach meinten die einen, an seine Worte werde man sich in einer Woche nicht mehr erinnern. Die anderen erklärten, hier habe ein großer Staatsmann gesprochen. Republikaner waren es, Demokraten hingegen alles andere als begeistert. Aber seien wir doch mal ehrlich, mit so einer Rede kann man nichts über den wahren Zustand einer Nation erfahren, denn welcher Präsident stellt sich schon da vor den versammelten Kongress und sagt: „Na ja, die Situation ist durchwachsen“.

Viel genauer ist da schon die Bierwerbung, denn sie zeigt, über was wirklich im Lande gesprochen wird. Das größte Brauhaus des Landes macht derzeit damit Werbung, dass nun „endlich“ die Zutaten für den hauseigenen, dünnen Gerstenhaft bekannt gegeben werden. Und dafür werden Unsummen an Werbedollars ausgegeben. Jüngstes Beispiel ist das im Stile einer Mittelaltersaga gedrehte Video, in dem behauptet wird, dass Budweiser im Vergleich zu Miller und Coors keinen „High-Fructose-Corn-Syrup“ einsetzt. Budweiser also als Vorkämpfer des Reinheitsgebotes? Nein, sicherlich nicht, doch die anderen beiden der „Big Three“ machten das, laut Budweiser. Was nun genau im Bud drin ist, weiss immer noch keiner, aber der Februar ist ja noch lang und es sollen weitere Filmchen folgen, in denen die Trinkernation aufgeklärt wird, was sie da süffig aufnimmt. Zumindest erfährt man, was nicht in einem „Bud“ drin ist, das ist doch dann auch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

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The State of the (Un)Union

Es wurde eine Rede angekündigt, die das Land zusammenbringen sollte. Ein Brückenschlag, ein Schulterschluss, eine ausgestreckte Hand. Doch am Ende war klar, die Vereinigten Staaten von Amerika sind politisch tiefer gespalten als je zuvor. Donald Trump beleidigte zwar nicht die Demokraten, wie er das tagtäglich über Twitter tut, aber hier sprach jemand, der einfach nicht anders kann, der vorgibt „my way or the highway“, der mit Halbwahrheiten, Lügen und Übertreibungen arbeitet. Trumps Amerika ist ein anderes Amerika, das machte er deutlich mit seiner teils wirren Rede, in der er oftmals ohne Atem zu holen von einem Punkt zum nächsten sprang. Interessant vor allem, was er nicht sagte, was er wegließ, was er so hin bog, dass es für seine Sicht der Dinge passte. Oftmals hatte man den Eindruck, dass Trump ein politisches Theater darbot, den Wahlkampf nie hinter sich gelassen hat und auf bestimmte Reaktionen der Demokraten hoffte, die er auch bekam, um so eindeutige Fernsehbilder für kommende Fernsehspots zu erhalten.

Nach der Rede gab es einige Analysen und Gegenreden von demokratischen Politikern. Die, die besonders heraussticht kam von Bernie Sanders, der gekonnt, gezielt und punktgenau die Rede des Präsidenten auseinandernahm. Sanders hätte 2016 gegen Donald Trump kandidieren sollen, er hätte es wahrscheinlich geschafft und Amerika wäre heute ein anderes Land. Das wäre ein Duell zweier unterschiedlicher Kandidaten gewesen. Hier ein selbstverliebter Populist, da ein intellektueller Sozialist. Hier jemand, der sich nicht an die Fakten hält und „alternative Wahrheiten“ schafft, da ein brillanter Analytiker, der komplizierte Sachverhalte verständlich erklären kann. Die Frage ist sicherlich, wird Bernie Sanders erneut antreten, um die Nominierung der Demokraten 2020 zu bekommen. Er wäre am Wahltag 79 Jahre alt, Donald Trump 74. Eigentlich bräuchte dieses Land einen Bernie Sanders, der durchaus Brücken bauen, Menschen zusammen bringen kann.

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Man weiß, man lebt auf einer politischen Insel…

…wenn man mit seinem Hund in der Nachbarschaft spazieren geht und ein Trump Männchen am Straßenrand vor einem Schild entdeckt, auf dem steht: Hunde pinkeln hier. Und gleich daneben ein Trump-Kopf der in Voodoo-Technik auf einem Holzstäbchen aufgespießt ist.

Mein Hund wollte dann doch nicht über dem Konterfei des Präsidenten das Bein heben oder in die Hocke gehen, auch, wenn das ein sehr einladendes Schildchen ist und ja gemunkelt wird, dass Trump auf … ach, lassen wir das.

Donald Trump hat hier in Oakland, aber auch in Berkeley, in San Francisco, in der gesamten Bay Area keinen guten Stand. In einigen Orten erhielt er bei der Wahl 2016 sogar weniger Stimmen als die Kandidatin der Grünen, Jill Stein. Und das sagt schon viel über diese Region aus, die traditionell links-demokratisch wählt. Es gibt in den USA ganz sicher viele Gegenden, in denen es anders aussieht, in denen „Lock her up“ und „Build the wall“ Schilder in den Fenstern und am Straßenrand zu sehen sind. Hier fällt mir schon auf, dass auf meiner täglichen Käthe-Pinkel-Tour jemand einen Aufkleber der NRA auf seinem SUV hat. Das ist ungewöhnlich, ja, das ist radikal auf dieser politischen Insel, auf der ich lebe. Aber mal ehrlich, ich glaube nicht, dass ich es fast 23 Jahre in einer „Redneck Area“ irgendwo in „Rural America“ ausgehalten hätte. Da sind mir solche kleinen Überraschungen am Wegesrand schon deutlich angenehmer.

 

Keine zweite Chance

In den USA wird gerade eine heftige Diskussion geführt. Was war passiert? In einem Jahrbuch aus seinem Medizinstudium von 1984 ist ein Bild auf der Seite des heutigen Gouverneurs von Virginia, Ralph Northam, zu sehen, auf dem zwei Personen maskiert sind. Einer trägt die weiße Kutte des Ku Klux Klan, der andere hat sich die Haut schwarz angemalt, das sogenannte rassistische „black facing“, bei dem Weiße einen Schwarzen vorgeben. Als das Bild bekannt wurde, ging ein Aufschrei durch das Land. Northam müsse zurücktreten, war der laute Ruf, Rassismus habe nichts in einem Regierungsamt zu suchen.

Wohlgemerkt, das Bild stammt aus dem Jahr 1984. Ralph Northam ist nicht gerade bekannt dafür ein Rassist in Amt und Würden zu sein. Ganz im Gegenteil, er galt bei seiner Wahl 2017 als Hoffnungsträger, es war ein Sieg gegen den rassistischen Ton von Donald Trump, denn Northam setzte sich für den Abbau von Monumenten aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges ein, suchte die Nähe zu afro-amerikanischen Gemeinden, baute viele Brücken.

Die Seite aus dem Jahrbuch von Ralph Northam. Foto: Reuters.

Am Freitag veröffentlichte Ralph Northam ein Video, in dem er sich für dieses Bild auf der Jahrbuchseite von 1984 entschuldigte. Das entspreche nicht dem, für was er sich einsetze. Es sei ein Fehler gewesen, der sicherlich einige enttäusche, aber dieses Verhalten sage nichts über ihn als Person und über ihn als Gouverneur aus. Doch das half nichts, der Chor der Kritiker wuchs weiter an. Sie forderten den Rücktritt des Demokraten.

Teflon-Donald, an dem jeglicher rassistischer und sexistischer Skandal abperlt, blieb ungewöhnlich ruhig. Kein Tweet, keine Stellungnahme. Warum auch, die Demokraten zerlegten sich gerade selbst. Sie beschuldigten einen Politiker aus den eigenen Reihen ein Rassist zu sein, weil der in den frühen 80er Jahren als Student auf einer Kostümfeier entweder die KKK Kapuze überzog oder sich das Gesicht mit Schuhcreme schwärzte.

Nein, ich verteidige weder Northam noch das unsägliche Bild, ich frage mich nur, wie ein Fehler vor 35 Jahren solche Auswirkungen haben kann? Hier wird versucht, etwas politisch korrekt zu rücken, was gar nicht geht. Denn man darf eines nicht vergessen, die USA in den 80er Jahren waren ein anderes Land. Es gab damals tiefe rassistische Gräben in den USA. Man denke an das „Red Lining“, eingeführt in den 1920er Jahren und offiziell bis in die späten 1970er Jahre durchgeführt, die es Schwarzen unmöglich machte in weiße Nachbarschaften zu ziehen. Die Folgen sind noch heute deutlich in allen gesellschaftlichen Bereichen zu spüren.

Man denke an den „War on Drugs“, der sich vor allem gegen Afro-Amerikaner, die „Crack“ Süchtigen, wandte und nicht an die zumeist weißen „User“ von Kokain. Man denke an das brutale und rassistische Vorgehen der Polizei in den US Innenstädten in den 70er und 80er Jahren, die als schwarze Ghettos verrufen waren. Amerika damals war ein anderes Land.

Und was ist eigentlich mit der zweiten Chance im Leben? Wenn Northam so etwas getan hätte, als er schon gewählt und in Amt und Würden gewesen wäre, dann wäre das eine ganz andere Diskussion. Doch selbst da zeigt Präsident Donald Trump, dass Rassismus und Sexismus nicht unbedingt zu einem Rücktritt führen muss. Ralph Northam hat als 25jähriger vor 35 Jahren etwas falsch gemacht. Er hat sich dafür entschuldigt, den Fehler eingestanden und auch darauf verwiesen, dass er nicht mehr der junge Mann ist, der auf diesem Bild zu sehen ist. Man kann ihm das glauben, man kann nun auch denken, dieses Bild zeigt einen unsensiblen 25jährigen, der sicherlich auch noch nach 35 Jahren so denkt, wie es dieses Foto ausdrückt. Was diese Diskussion jedoch lediglich zeigt, ist, dass heute versucht wird, eine historische gesellschaftliche Ungleichheit, einen institutionalisierten Rassismus, ein tief verwurzeltes Schwarz-Weiß-Denken in den USA durch eine übertriebende politische Korrektheit zu überwinden. Doch das wird in diesem Land nicht funktionieren.

Was macht Bernie?

Wenn man sich die Aktivitäten von Bernie Sanders in den sozialen Medien ansieht, dann kann man den Eindruck bekommen, dass der 77jährige noch einmal in den Präsidentschaftswahlkampf eingreifen will. Er mischt sich ein, fordert, wie in diesem Tweet, dazu auf, gemeinsam für die Sache zu kämpfen, dann könne man auch gewinnen. Das lässt sich nun so oder so lesen. Fakt ist, Bernie Sanders spielt erneut mit dem Gedanken zu kandidieren. Aus dem Sanders Umfeld heißt es, eine Entscheidung stehe kurz bevor.

Doch kann der am Wahltag 2020 79jährige noch einmal die Menschen in den USA so begeistern, wie er das im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton geschafft hat? Und dann sind da auch noch etliche andere, vor allem Kandidatinnen, wie Kamala Harris, die eigentlich Sanders politisches Erbe antreten wollen. Harris hat am Sonntag vor 20.000 Menschen in Oakland gezeigt, dass sie durchaus in der Lage ist, eine breite Bewegung gegen die Wiederwahl von Donald Trump aufzubauen. Und das mit einer klaren eigenen politischen Agenda, die durchaus an Bernie Sanders Wahlkampf 2016 erinnert.

Bernie Sanders ist nach wie vor bei seiner Basis beliebt. Viele hoffen darauf, dass er noch einmal kandidiert, dass er mit seinen für die USA progressiven Forderungen Donald Trump aus dem Weißen Haus jagt. Doch Sanders sollte nicht mehr in den Ring steigen, vielmehr geht es darum, eine geeinte demokratische Partei in den Wahlkampf zu führen mit einer Kandidatin, die am Ende gewinnen kann. Bernie Sanders wäre der richtige Kandidat 2016 gewesen, doch Hillary Clinton setzte sich mit unfairen Mitteln im eigenen Lager durch, um dann kläglich gegen den Populisten Trump zu scheitern. Die Zeit ist nun reif für eine Frau, die es schaffen kann. Sanders ist wichtig im Senat und für die demokratische Kandidatin, die gegen Trump antreten wird, denn, „when we stand together, we can win“.