Trump und seine Afrikapolitik

Die Überschrift ist eigentlich falsch, denn Donald Trump hat keine Afrikapolitik. Das hat er nun auch in einem Tweet belegt. Zum ersten Mal überhaupt in seiner Amtszeit hat Trump das Wort „Africa“ benutzt. Und natürlich war der Grund dafür, dass der amerikanische Präsident von seinem Lieblingssender FoxNews „beraten“ wurde. In der Sendung hatte der Moderator Tucker Carlson über die Bestrebungen in Südafrika berichtet, weißen Farmern würden ihre Ländereien beschlagnahmt werden und es käme zu Morden an weißen Landbesitzern.

Der US Präsident übernahm einfach, ohne Prüfung und ohne Absprache mit seinem eigenen Außenministerium, die Worte von Carlson und tweetete das in die Welt hinaus. Sehr zum Gefallen von rechten Gruppierungen, darunter auch die AfD in Deutschland, die ja vor kurzem selbst einen dementsprechenden Antrag im Bundestag eingereicht hatte. Deren Mitglied im Auswärtigen Ausschusses und des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Anton Friesen, meinte dazu: „In Südafrika findet beinahe unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit eine gezielte Verfolgung einer ethnischen Minderheit statt. Die weißen Südafrikaner werden dort diskriminiert, vertrieben und getötet. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten sind über 70.000 weiße Südafrikaner umgebracht worden. Hundertausende sind mittlerweile aus ihrer Heimat geflohen.“ Es verwundert nicht, dass diese Zahlen nicht belegbar sind und genauso wie bei FoxNews und Donald Trump von einer rechts-nationalen Gruppierung in Südafrika stammen.

Das war also das erste Mal, dass Trump überhaupt von Afrika sprach. Zuvor waren es nur die „Shithole Countries“, aus denen Flüchtlinge kommen. Ansonsten überlässt Donald Trump dem Militär und der Christlichen Rechte im Land das weite Feld Afrika. In nahezu allen Ländern des afrikanischen Kontinents sind ohne großes Aufsehen und Wissen der amerikanischen Bevölkerung US Militärbasen installiert worden. Die Christliche Rechte dagegen bestimmt die Außen- und Entwicklungspolitik der USA in Afrika.

So wurden mit der erneut eingeführten „Mexico City Policy“, auch als „Global Gag Rule“ bekannt, Hilfsorganisationen (NGO) unter Druck gesetzt. Die MCP besagt, dass eine NGO, die amerikanische Steuergelder erhält, weder Abtreibungen durchführen, dafür werben oder Frauen an andere Einrichtungen, die Abtreibungen durchführen, verweisen darf. Wer das dennoch tut, bekommt kein Geld mehr aus den USA. Betroffen sind davon unzählige von Gesundheitskliniken und -zentren in zahlreichen afrikanischen Ländern, die u.a. auch im Bereich der HIV Prävention und Behandlung von Aids Patienten, in der Malaria Prävention und in der Versorgung von Kranken arbeiten. Wie es von verschiedenen Organisationen heißt, mussten bereits etliche Kliniken zwischen Mosambik und Kenia die Türen schließen, weil NGOs nicht die MCP unterschreiben wollten, damit Gelder für Kliniken aus den USA gekappt wurden. Betroffen davon vor allem internationale Hilfsorganisationen.

Doch all das geht an Präsident Donald Trump vorbei. „America First“ heißt für ihn ausschließlich den Blick auf die USA zu legen. Die amerikanischen Interessen in Afrika sind nicht unbedingt seine Interessen, von daher überlässt er diese gerne anderen in seinem Umfeld. Der Schaden der Trumpschen Politik in Afrika, in jenen „Shithole Countries“ wird daher erheblich sein.

Amerikas Kriege und die Folgekosten

Mehr Milliarden Dollar und Euro für die Verteidigung. Die Militärhaushalte der 29 NATO Länder sollen drastisch nach oben geschraubt werden, das verlangt der amerikanische Präsident Donald Trump. Sein Ziel sei es, die Verteidigungshaushalte aller NATO Länder auf vier Prozent des BIP aufzustocken. Die USA, so Trump, würden schon jetzt weit über vier Prozent für das eigenen Militär aufbringen.

Was Trump allerdings nicht erwähnt und auch in den Medienberichten kaum auftaucht, die USA haben nicht nur eine der größten und teuersten Armeen, die Amerikaner sind auch in unzähligen Ländern aktiv, wo man sich fragen muss, was sie da eigentlich machen. Praktisch in jedem afrikanischen Land sind amerikanische Soldaten stationiert, größtenteils sind das streng geheime Aktionen und Programme. Doch in allen Ländern Afrikas, in denen ich schon unterwegs war, von Ruanda, Kongo, Tschad, Niger bis nach Somalia, überall habe ich amerikanische Militärangehörige getroffen. Hinzu kommen Länder mit US amerikanischer Militärpräsenz in denen die USA in der Vergangenheit größeren Schaden angerichtet oder für Unruhe gesorgt haben.

So marschierten die USA im März 2003 gegen den Willen einiger NATO Partner, darunter auch Deutschland, im Irak ein. Der damalige Präsident George W. Bush und seine Administration wollten der Weltgemeinschaft weismachen, dass Saddam Hussein Giftgas herstelle und lagere und der Einmarsch Teil des „War on Terror“ sei. Auch würden die Iraker die Amerikaner mit Freudenstürmen empfangen, denn sie brächten Freiheit, Demokratie und ein Ende der Tyrannei. Der Plan, dass die Iraker die Eroberung von Bagdad mit wehenden amerikanischen Fähnchen feiern würden, musste schließlich aufgegeben werden. Der Irak und die gesamte Region bis hinunter in den Jemen brennen seitdem lichterloh.

Kein Wunder also, dass die amerikanischen Militärausgaben weitaus höher sind als die von Deutschland und vielen anderen NATO Ländern. Wenn Donald Trump davon spricht, dass die höheren Ausgaben seines Landes im Vergleich zu anderen NATO Partnern ungerecht gegenüber dem amerikanischen Steuerzahler seien, dann sollte er vielleicht zuerst einmal den amerikanischen Steuerzahler darüber aufklären, warum amerikanische Soldaten in Ländern wie Niger, Zentralafrikanische Republik, Äthiopien, Somalia und etlichen anderen Ländern rund um den Globus präsent sind. Denn davon wissen nur wenigsten in den USA.

Der Ton macht die Musik

Seit dem Wahlkampf von Donald Trump hat sich der Ton in den USA verändert. Seit die AfD für deutsche Parlamente kandidiert, hat sich der Ton in Deutschland dramatisch verschärft. Seit Populisten in vielen EU Ländern auf dem Vormarsch sind, hat sich der europäische Ton verschlechtert. Wobei man das Wort „Populismus“ mehr als hinterfragen sollte, denn „auf der Seite des „einfachen Volkes““ stehen Populisten nicht, auch wenn sie das stets erklären. Ganz im Gegenteil, mit Hass und Wut, Übertreibungen und Lügen agitieren sie und spielen damit gefählich mit dem Feuer.

Donald Trump spielt mit dem Feuer. Foto: Reuters.

Donald Trump beschreibt Menschen aus Mexiko, aus Honduras, Guatemala, El Salvador als Vergewaltiger, Kriminelle, als Tiere. Von Flüchtlingen hält er nichts, will sie nun ohne Gerichtsverfahren in die Länder zurück schicken, aus denen sie gekommen sind. Das Asylrecht will er untergraben. Er verkennt die Immigrationsgeschichte seines eigenen Landes, denn aus Deutschland, Irland, Italien, China, Mexiko, Russland, Polen, Somalia, Indien, aus aller Herren Länder kamen über die Jahrhunderte nicht die besten der Besten, wie Trump es nun fordert. Aus all diesen Ländern kamen Flüchtlinge, Notleidende, Menschen auf der Suche nach Wohlstand, nach Sicherheit, nach einem besseren Leben. Familien, Abenteurer, daheim Gescheiterte, und all sie machten und machen Amerika heute aus. Wer diesen wichtigen Grundsatz Amerikas unterschlägt, verkennt, dass Immigranten Amerika groß gemacht haben. MAGA made by Immigrants!

Es ist nicht viel anders in Deutschland. Auch hier hat sich der Ton verändert. Was ich online in den sozialen Medien lese, was ich von der politischen Berichterstattung in den Fernseh- und Nachrichtensendungen höre und sehe, was ich in den Zeitungen und Magazinen mitbekomme und was ich auf den Straßen erfasse, auch hier werden von Brandstiftern Flüchtlinge und Asylsuchende mit Terroristen, Kriminellen, Verbrechern gleichgesetzt. Es gibt nach jeder schlimmen Straftat eine unsägliche Verallgemeinerung, die diesseits und jenseits des Atlantiks zur Tagesordnung geworden ist. Es ist eine gefährliche Entwicklung, die Menschen zu Schuldigen macht, die eigentlich nur Hilfe suchen, die „das einfache Volk“ gegen Andersaussehende, Anderssprechende, Andersdenkende ausspielen soll. Die Probleme einer Gesellschaft löst man aber nicht durch Spaltung und Ausgrenzung.

Was und wer ist amerikanisch? Was und wer ist deutsch? Vielleicht denke ich auch nur so, weil ich der Sohn eines Vertriebenen bin, der seinerzeit von Deutschen als Flüchtling bezeichnet und abgestempelt wurde. Vielleicht denke ich so, weil ich mich noch an den Mauerfall erinnern kann und daran, wie DDR Bürger Willkommen geheißen wurden, die Wiedervereinigung trotz der immensen Kosten für die Bundesbürger als Chance für Deutschland gesehen wurde. Vielleicht denke ich auch nur so, weil ich heute selbst Immigrant bin und daraus kein Geheimnis mache.

Ein historischer Blick auf die Schweiz Afrikas

„Unvorbereitet, naiv und lebensfreudig hatte ich mich in mein Aufgabengebiet an der erst kurz zuvor eröffneten deutschen Botschaft in Kigali gestürzt und in dieser Zeit das Land als ein aufregendes und unterhaltsames Berufsabenteuer betrachtet„, schreibt Hans-Ulrich Duwendag in seinen Schlussgedanken im jüngst erschienenen Buch „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“. Duwendag war von 1966 bis 1972 für das Auswärtige Amt in Ruanda eingesetzt. Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal über ihn in der Nürnberger Zeitung berichtet, denn der heute 73jährige war in Ruand auch für die Auszahlungen des sogenannten „Ehrensolds“ an die letzten lebenden Askaris, die einstigen ruandischen Soldaten im kaiserlichen Heer, verantwortlich. Hans-Ulrich Duwendag machte damals seltene Fotos und Filmaufnahmen von seinen Treffen, die heute durchauss als historische Dokumente betrachtet werden können.

Nun hat er im agenda Verlag seine Erinnerungen an diese Jahre vorgelegt. Persönlich gehalten und doch äußerst wertvoll. Denn hier beschreibt ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, der nicht in der ersten diplomatischen Reihe stand, das Leben in einem unbekannten Land. Alle drei bis vier Jahre werden die entsandten AA-Mitarbeiter um die Welt geschicht. Es ist eine Bereicherung und eine Last zu gleich, wie das in den Erinnerungen Duwendags auch deutlich wird. Hier hat er seine Liebe zu Afrika entdeckt und doch sind da auch die Entbehrungen, die Schwierigkeiten, die Unanehmlichkeiten in einem Entwicklungsland, gerade in 1960er Jahren.

Hans-Ulrich Duwendags Buch ist jedoch mehr als ein persönlicher Erinnerungsband. In „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“ veröffentlicht er auch die Erinnerungen von Bruder Privatus von den Weißen Vätern, aufgezeichnet in einem Tonbandgespräch eines Mitbruders in den 1960er Jahren. Ein deutscher Missionar, der Ruanda in jahrezehntelanger Arbeit mitaufgebaut hat. Viele der Kirchen, Krankenhäuser, Schulen und Gesundheitsstationen im heutigen Ruanda wurden von den Weißen Vätern und Bruder Privatus errichtet. Angereichert sind die Erzählungen und Erinnerungen von Duwendag und dem Missonar durch viele Bilder aus dem privaten Archiv des Autoren und dem Archiv der Missionare. Fast alle davon wurden hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Allein durch die vielen Fotos erhält dieses Werk einen besonderen Wert.

Nürnberg hat eine direkte und besondere Verbindung zu Ruanda und der kurzen Kolonialgeschichte des deutschen Reiches auf dem afrikanischen Kontinent. Auf dem Johannisfriedhof, unweit des Grabes von Nürnbergs bekanntestem Sohn Albrecht Dürer entfernt, findet man die letzte Ruhestätte von Richard Kandt, dem ersten kaiserlichen Residenten in Ruanda und dem Begründer der Hauptstadt Kigali. Bruder Privatus lernte Kandt nicht mehr persönlich kennen, denn bei seiner Ankunft 1914 war der kaiserliche Resident gerade auf Heimaturlaub. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte Kandt und verhinderte eine Rückkehr nach Ruanda.

Wer Interesse an Ruanda, an Afrika, an Geschichte, an Reisen und Leben vor dem Internetzeitalter hat, dem sei dieses Buch mit in den Lesesessel gegeben. „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“ ist im agenda Verlag für 17,90 Euro erschienen.

 

Die Zukunft des Journalismus

Auf die Medien und die Journalisten wird ja in diesen Wochen und Monaten gerne eingeprügelt. Nicht nur Donald Trump hat seine Sündenböcke gefunden, die er unter dem Jubel seiner Anhänger beschimpft, verunglimpft und verbal bespuckt, auch die seltsame deutsche Bürgerbewegung Pegida und die sogenannte „Alternative für Deutschland“ sprechen gerne von der „Lügenpresse“.

Heute war ich auf Einladung einer alten Kollegin von KUSF, die für den Nachfolgesender „San Francisco Community Radio“ Medienarbeit an Schulen unterrichtet, am „Lycée Français de San Francisco„. Ihn ihrer Klasse waren zehn junge Schüler, die mich interviewten, Fragen stellten zu meiner Arbeit, meinem Werdegang und wie das so ist, Journalist zu sein. Sie hatten zuvor mit Farinaz Agharabi Fragen vorbereitet und die reichten von in welchen Ländern ich schon war, wie lange ich schon als Journalist arbeite, wie es dazu überhaupt kam als Journalist zu arbeiten, bis hin ob es auch mal gefährlich werde. Eine Frage jedoch ließ mich selbst nachdenken: ob ich gerne Journalist bin?

Ja, bin ich. Ich glaube, es ist der richtige Beruf für mich. Und das sagte ich ihnen auch. Ich bin neugierig und meistens bekommt man als Journalist auf seine Fragen Antworten. Ich reise viel und an Orte, die keine Urlaubsziele sind. Treffe Menschen, die ich wohl nie treffen würde, wenn ich nicht Journalist wäre. Viele von ihnen erzählen mir aus ihrem Leben. Oftmals sind es schlimme Erlebnisse, Erfahrungen und Umstände, von denen mir berichtet wird. Und doch sind da auch viele schöne Augenblicke, die ich nicht missen möchte. Im umkämpften Osten des Kongos gab es einmal einen Besuch in einem entlegenen Dorf, das immer wieder von Milizen angegriffen wurde. Das Dorf wurde geplündert, Frauen vergewaltigt, Männer brutalst zusammen geschlagen, erniedrigt, auch getötet. Als wir damals in dieses Dorf fuhren, wartete die evangelische Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf an der Straße, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus und gingen gemeinsam mit ihnen, tanzend und singend, zu der kleinen Kirche aus Holzstöcken und Stroh. Und dort berichteten sie von den Schrecken ihres Alltags. Sie wußten, dass ich „nur“ ein Journalist bin, und doch war da jemand, der einfach mal zuhörte, Interesse zeigte.

Irgendwo in Ruanda liegt ein Fußballplatz.

In Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, spielte ich mit jungen Männern Fußball. Draußen standen unsere „Bewacher“ mit ihren Maschinengewehren und ich zog mir die kurze Hose an, schnürte die Turnschuhe und wartete auf meinen Einsatz. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und die jungen Kerle kurvten um diesen alten Sack aus Nürnberg problemlos herum, doch es war ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Normalität in einem geplagten Alltag. Fußball war auch in Ruanda so ein Erlebnis für mich. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kigali und Gisenyi fuhren wir an einem Feld vorbei, auf dem ein gutes Dutzend Kinder in Fetzen bekleidet und barfuss Fußball spielte. Ihr Ball war nicht aus Leder, sondern aus Bananenblättern. Hart und dennoch rund. Damit spielten sie. Anfangs waren sie überrascht, als ich mitspielen wollte, doch dann lachten sie und spielten einfach weiter mit mir.

Und dann war da der Niger. In irgendeinem Dorf im Süden des Landes. Ich war mit CARE unterwegs, wir sprachen über die Auswirkungen des „Global Warming“ – Dürre und Hunger. Und dann saßen wir mit einer Frau und ihrem Sohn in ihrer Hütte. Einfach und kahl und lachten. Oder im Tschad, in einem Flüchtlingslager für Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, die viel, die sehr viel Schlimmes auf der Flucht erlebt hatten. Es war erst 10 Uhr morgens, doch schon sehr heiß und drückend. Ein Termin führte uns zu einem Brunnen, der von CARE gebohrt wurde. Auch dort wartete schon eine Gruppe von Frauen, Männern und Jugendlichen auf uns. Sie zeigten uns den Brunnen, wie er funktioniert und instand gehalten wird. Doch dann wurden Lieder gesungen, es wurde ausgelassen getanzt, die Besucher so willkommen geheißen.

Viele solcher kleinen, doch für mich großen Momente, machen den Job als Journalist aus. Und sie sind zahlreich. Die Menschen, mit denen ich spreche, die Orte, die ich sehe, die vielen Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Die reichen von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und Hilfsorganisationen bis hin zu Musikern und sogar einer Bundestagsabgeordneten. Journalist sein bedeutet hinzusehen und hinzuhören. Und es war schön, dieses Interesse heute im „Lycée Français de San Francisco“ zu sehen. Mädchen und Jungen, die Fragen hatten, die Antworten verlangten, die neugierig waren. Der Journalismus hat eine Zukunft, wenn man junge Menschen an die Tiefe und auch an die Schönheit dieses Berufes heranführt.

 

 

Nürnberg, die verfluchte Stadt

curse1Es war ein Bestseller auf der New York Times Buchliste, der Atlas der verfluchten Orte. Im Original heißt das Buch von Olivier Le Carrer „Atlas of cursed places – A travel guide to dangerous and frightful destinations“. Gut aufgemacht, mit Karten und vielen Details angereichert…und auch einem Kapitel über meine Heimatstadt Nürnberg.

Das Kapitel über „Nuremberg“ wurde mit der Unterzeile „Das finstere Echo der marschierenden Stiefel“ versehen. Ja, es geht in diesem Teil des seltsamen Weltatlas‘ um das Reichsparteitagsgelände. Eigentlich ist der Text gar nicht so schlimm oder reißerisch, wie man alleine durch die Aufnahme in diesem Buch annehmen könnte. Doch als Leser, der Nürnberg in und auswendig kennt, fragt man sich, warum ausgerechnet die Frankenmetropole und dann auch noch das nicht vollendete und zerbröselnde Reichsparteitagsgelände in diesem Buch auftaucht. curse2Wenn es darum geht, einen Ort vorzustellen, der das Grauen des Dritten Reiches darstellt, um verfluchte Orte in Deutschland und dem damaligen Deutschen Reich, wären andere Schauplätze des Nazi-Horrors wohl treffender gewesen: Auschwitz, Dachau, Buchenwald. In diesen Lagern fühlte ich selbst die historische Last, die da auf uns Deutschen lastet. Genauso erging es mir in Ruanda, als ich in einer kleinen Kirche in Ntarama war, in der 1994 Tausende von Menschen brutalst abgeschlachtet wurden. Die Kirche hatte keine Fensterscheiben, doch auch hier lag eine drückende Last auf einem. Man konnte in dem Raum nicht durchatmen. Das sind verfluchte Orte!

Nürnberg taucht also mal wieder in altbekannter Art und Weise in einem Buch in den USA auf. Wobei der letzte Absatz des Kapitels über „Nuremberg“ durchaus auch den Wandel der Stadt zeigt. Darin heißt es, dass heute in den einstigen SS Baracken, unweit des Geländes am Dutzendteich, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge untergebracht ist: „…demonstrating that one should never lose faith in mankind, even in the most cursed of places“.

The Kankobela of the Batonga

Meine kleine Kalimba.

Meine kleine Kalimba.

Vor ein paar Jahren produzierte ich ein Feature über die Feldaufnahmen von Hugh Tracey. Zuvor war ich durch Zufall in der ruandischen Hauptstadt Kigali auf eine Veröffentlichung des niederländischen Labels SWP-Records gestossen. Ein kleines, feines Label, gegründet von Michael Baird, der in Sambia geboren wurde und eine lebenslange Liebe zur afrikanischen Musik entwickelt hat. Durch Zufall stieß Baird auf die alten Aufnahmen von Tracey und veröffentlichte sie zum ersten Mal auf CD:

      Hugh Tracey Feature

Nach der Arbeit an diesem Feature bekam ich eine Original Hugh Tracey „Kalimba“ geschenkt, ein „Daumenklavier“, wie es auch genannt wird. Es ist ein einfaches Instrument, das jedoch äußerste Fingerfertigkeit vom Spielenden verlangt. Gleich vorweg, ich kann es nicht spielen, aber ich spiele gerne darauf herum. Es beruhigt, die Töne klingen angenehm, es hat etwas sehr Friedvolles an sich.

The Kankobela of the Batonga.

The Kankobela of the Batonga.

Als nun SWP-Records eine neue Veröffentlichung ankündigte, war ich gleich interessiert. „The Kankobela of the Batonga“ sind Aufnahmen auf so einem „Daumenklavier“. Michael Baird reiste dazu nach Sambia und Simbabwe, um an den Ufern des Lake Kariba Musiker aufzunehmen, die auf ihren selbstgebauten und sehr personalisierten Instrumenten für ihn spielten. Keine Kankobela, kein Musiker klingt gleich. Lieder auf der Kankobela sind sehr persönlich und drücken, wie Baird in den Liner-Notes schreibt, „their innermost feelings about a range of subjects from spiritual to humorous“ aus.

Diese Vinylplatte präsentiert Meister auf diesem so einfach erscheinenden Instrument: Nyeleti Mukkuli, Edward Mun’goma, Daunzi Munsaka, Johnny Mudenda, Aaron Nchenje, Andrew George Munyumbwe, Leonard Mweemba Siapwayuma und Timothy Mudimba. Die Songs öffnen eine musikalische Welt, die so ganz anders, ganz fremd wirkt und doch voller Faszination ist. Teil hypnotisch, teils rhythmisch, teils mitreißend, teils einladend, teils fordernd. „The Kankobela of the Batonga“ ist eine Klangreise in unbekannte Musikwelten. Zumindest für gewöhnliche Musik- und Radiohörer. Bairds Verdienst ist es, dass er mit SWP-Records den Hörer herausfordert seine Ohren weit zu öffnen für eine Kulturlandschaft, die man nicht einfach übergehen und abtun sollte. Mit dieser Platte wird ein weiterer Eindruck auf die reiche musikalische Schatzkammer des afrikanischen Kontinents gewährt. Sehr empfehlenswert!

Hier noch zwei Videos von Michael Baird, die ihn bei seinen Feldaufnahmen zeigen:

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Ruandische Kaffee-„Gulldur“ in DC

Es schmeckt nach Afrika.

Es schmeckt nach Afrika.

Für eine Veranstaltung bin ich für ein paar Tage in Washington DC. Die ist erst morgen Abend, von daher laufe ich heute durch die Gegend. Erster Anlaufpunkt, das Bourbon Café auf der Pennsylvania Avenue. Ein kleines Nachbarschaftscafé, man läuft fast daran vorbei. An den Wänden ruandische Körbe, ein paar Sessel in vertrauten afrikanischen Mustern, viel Holz, aber alles sehr schlicht gehalten. Ich wollte hier meinen Morgenkaffee trinken, denn diese Café-Kette kommt aus Ruanda. Bei meinen zahlreichen Aufenthalten in Kigali war ich oft im „Bourbon“.

Ruanda ist bekannt für seinen Kaffee, obwohl man in vielen Hotels nur grottiges, lösliches Pulver angeboten bekommt. Bourbon Café hat das geändert. Man hat erkannt, dass die hügelige Landschaft Ruandas ideal für den Kaffeeanbau ist. Seit über 100 Jahren wachsen dort schon wild die Bohnen. Nun setzt man in der „Schweiz Afrikas“ auf diesen Exportschlager, mit seinen „deep, buttery chocolate flavors, as well as their sweetness and very light fruit overtones“…genau, ich könnte es nicht besser beschreiben.

In den USA gibt es bislang nur in Washington DC und in Cambridge vier dieser Cafés. Mit den großen Ketten kann man da nicht konkurrieren, aber will man das überhaupt. Ich genieße jetzt noch eine zweite Tasse Latte, bevor ich dann weiterlaufe in Richtung „German-Heritage Museum„. Ein Tag voller „Gulldur“, wie der Franke sagt (Pardon my Frankonian). Von der Kaffeekultur Afrikas zu dem, was die deutschen Einwanderer mit ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten mitgebracht haben.

„Die wollten mich killern“

      Besuch bei Schwester Milgitha

Heute morgen bekam ich die Nachricht: „Milgitha ist gestern Abend gestorben“. Immer mal wieder hatte ich über sie in der NZ, im Blog und in anderen Medien berichtet. Eine große Frau, eine katholische Ordensfrau, die seit den 70er Jahren im ländlichen Kaduha in Ruanda lebte.

Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda.

Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda.

Über eine Huppelpiste fuhren wir damals in das kleine Dorf, um sie zu treffen und zu interviewen. Teils im Schritttempo, die Straße war mehr ein Bachbett. Und dann saßen wir da in diesem Raum, ein riesiges ruandisches Holzkreuz an der Wand und Milgitha erzählte aus ihrem Leben. Von den Anfängen in Kaduha, vom Aufbau der Gesundheitsstation, von den Tagen „als der Teufel nach Ruanda kam“. Es war schon fast stockdunkel draußen, wir hörten ihr einfach zu, wie sie das schilderte, was sie gesehen und erlebt hatte, wie sie versuchte, das Unausprechbare in Worte zu fassen. Ich hielt einfach das Mikrofon und ließ sie reden. Und dann sagte sie in ihrem münsterländischen Akzent diesen Satz, an den mich Britta heute morgen erinnerte „Die wollten mich killern“. Wir mußten damals beide lächeln. Und ich lächele jetzt auch. Die wollten sie „killern“, aber sie konnten nicht.

Es war eines der bewegendsten und folgenreichsten Interviews für mich. Damals fuhren Britta und ich tief bewegt nach Kigali zurück. Wir haben sie danach noch mehrmals getroffen. Das letzte mal sah ich sie im Garten des berühmten „Hotel Ruanda“, des Hotel des Milles Collines in Kigali. Wir saßen zusammen, aßen und tranken etwas, unterhielten uns, lachten viel. Milgitha erzählte gerne. Und sie war bekannt, wie der bunte Hund in Ruanda. Immer wieder kamen Männer und Frauen an unseren Tisch und schüttelten ihr die Hand. Milgitha war für viele Jahre der gute Engel im Land der tausend Hügel.
Sie war eine kraftvolle Frau, voller Energie. Sie ging ihren Weg, so weit, dass sie sich sogar mit dem Mutterhaus in Münster überwarf und schließlich ausgeschlossen wurde. Sie wollte in ihrem Ruanda sterben, doch vor ein paar Wochen mußte sie für eine Operation nach Deutschland ausgeflogen werden. Eine Krankenversicherung hatte sie nach ihrem Rauswurf aus dem Mutterhaus nicht mehr, Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und Unterstützer halfen aus. Es ging nicht mehr anders. Gestern Abend verstarb Schwester Milgitha in einem Bonner Krankenhaus.

Die Alpträume wird man nie los

      Schwester Milgitha
Schwester Milgitha vor der Krankenstation in Kaduha, Ruanda.

Schwester Milgitha vor der Krankenstation in Kaduha, Ruanda.

Als ich das erste Mal in Ruanda war, lernte ich Schwester Milgitha kennen. Eine katholische Ordensfrau, die in den 70er Jahren von Münster nach Ruanda zog und dort in die Pampa von Kaduha, ein kleines Dorf mehrere Autostunden entfernt von der Hauptstadt Kigali. Schwester Milgitha baute dort mit ein paar anderen Nonnen eine Gesundheitsstation, das Centre de Santé, auf. Die Arbeit der deutschen Ordensfrauen kam gut an, jeder wurde in der Landklinik behandelt. Hutu und Tutsi gleichermaßen. Doch dann kam der 6. April 1994 und Schwester Milgitha erlebte die Hölle auf Erden. Der Audiobeitrag oben erzählt ihre Geschichte.

Schwester Milgitha ist heute keine Schwester mehr. Der Orden hat sie verstoßen, nachdem sie sich weigerte nach Deutschland zurück zu kehren. Die ZEIT Korrespondentin Andrea Jeska hat in ihrem Artikel „Die verstoßene Retterin“ das festgehalten, was vor ein paar Jahren dann passierte. Das Mutterhaus sah das natürlich anders. Andrea Jeska und ich wechselten ein paar Emails, tauschten uns über Antworten aus, die wir vom Orden der barmherzigen Clemensschwestern in Münster bekamen.

Heute dann erhielt ich diese Email von Andrea Jeska, die ich einfach so hier weitergebe, gerade auch, weil ich in der Vergangenheit mehrmals an dieser Stelle über das Leben und Werk von Schwester Milgitha in Ruanda berichtet habe:

„Sie haben vor gut einem Jahr auf meinen ZEIT-Artikel über die ruandische Nonne Schwester Milgitha reagiert und für die Arbeit der Schwester in Ruanda gespendet.  Schwester Milgitha hat diese Spenden für „ihre“ Waisen und zur Unterstützung der Armen verwendet.
Heute schreibe ich Ihnen allen (verzeihen Sie die Rundmail, jeden persönlich anzuschreiben, ist mir leider nicht möglich), weil Schwester Milgitha in großer Not ist und ich noch einmal auf Ihre Hilfe hoffe. Die Schwester ist schwer erkrankt und wurde zum Ende des Jahres nach Deutschland ausgeflogen, weil eine Behandlung in Ruanda nicht mehr möglich war. Schwester Milgitha hat schwere Gelbsucht, einen Gallenverschluss und die Ärzte vermuten einen Tumor. Sie muss dringend operiert werden.
Wie Sie aus meinem Artikel wissen, hat der Orden seinerzeit Schwester Milgitha ausgeschlossen, damit war sie auch nicht mehr in Deutschland krankenversichert. Die Operation wird viel Geld kosten, welches die Schwester nicht hat.  Zurzeit liegt sie bei Bonn im Krankenhaus und wird stabilisiert. Sollten Sie bereit sein, der Schwester noch einmal zu helfen, täten Sie damit ein wirklich gutes Werk. Wie schon damals können Sie auf das Konto der Ruandahilfe Wessum spenden.  Allen, die helfen, herzlichen Dank – oder wie Schwester Milgitha sagen würde: ganz viel  Segen für Sie. Andrea Jeska“