Die Todesstrafe wird zum Wahlkampfthema

Das musste ja kommen. Während der wohl liberalste Bundesstaat in den USA, Kalifornien, ein Moratorium zur Todesstrafe durchsetzt, das von vielen Seiten als Zeichen für die gesamten Vereinigten Staaten gesehen wird, dass der Wendepunkt für die Höchststrafe im Land schon bald erreicht werden könnte, geht die Trump-Administration einen ganz anderen Weg.

Während in San Quentin vorerst nicht mehr hingerichtet wird, will Donald Trump auf Bundesebene wieder Exekutionen durchführen lassen. Foto: Reuters.

Gleich fünf Hinrichtungen sind zum Jahreswechsel angedacht. Fünf Häftlinge, die zum Tode verurteilt wurden und in Bundesgefängnissen auf ihren Tag X warten. Daniel Lewis Lee, Lezmond Mitchell, Wesley Ira Purkey, Alfred Bourgeois und Dustin Lee Honken sollen Ende 2019, Anfang 2020 hingerichtet werden. Damit setzt Donald Trump ein deutliches Zeichen. Er tritt schon seit langem für die Todesstrafe ein, forderte sogar 1989 in einer eigens geschalteten Zeitungsannonce eine schnelle Hinrichtung von fünf Verdächtigen nach einer Vergewaltigung. Später stellte sich heraus, dass die “Central Park Five” die Tat nicht begangen hatten. Eine Entschuldigung des Milliardärs folgte nicht, auch nicht später, als er zum Präsidenten gewählt wurde.

Und vor kurzem machte Trump Schlagzeilen damit, dass er die Todesstrafe für Drogendealer forderte, um so eine weitere “Waffe” im Kampf gegen den illegalen Drogenhandel zu bekommen. Die Ankündigung des Justizministeriums, nun erneut fünf Inhaftierte hinzurichten muss also auf Trump zurückgehen, denn die Bundesregierung in Washington hat seit 2003 niemanden mehr exekutieren lassen. Es gab ein quasi informelles Moratorium. Trump will also mit der Todesstrafe im Wahljahr 2020 punkten und erhofft sich so seine Gegner als Weicheier zu brandmarken, die nicht an die Opfer denken. Denn er weiss, dass einige der führenden Demokraten im Kandidatenrennen, darunter Bernie Sanders, Kamala Harris und Pete Buttigieg erklärte Todesstrafengegner sind und schon ankündigten, dass sie im Falle eines Wahlsieges die Höchststrafe auf Bundesebene abschaffen würden. Die Todesstrafe soll Donald Trump also als “Law and Order” Präsidenten ohne Gnade zeigen. Klare Worte dieses Präsidenten, dem kein Thema moralisch fragwürdig erscheint, um damit Wahlkampf zu betreiben.

Muttertag in San Quentin

Muttertag ist ein ganz normaler Sonntag in San Quentin. Zwar stehen da um halb acht morgens auch ein paar Mütter mit kleinen Kindern in der Schlange, „Happy Mother’s Day“ hört man immer wieder, aber ansonsten ist alles gleich. Strenge Sicherheitskontrolle, einen Leuchtstempel auf den rechten Unterarm und dann darf man entlang der Bay zum Besucherraum des East Blocks laufen.

Reno hat Geburtstag. Er wird in diesen Tagen 74 Jahre alt. 40 Geburtstage davon hat er auf Death Row verbracht. Gefeiert wird hier nicht. Ich kenne ihn nun schon seit 25 Jahren, seit 23 Jahren besuche ich ihn regelmäßig, er ruft an, wenn es geht, er schreibt Briefe. Zum Geburtstag zwei Cokes (je $ 1,25), ein kleines Pastrami Sandwich ($ 6), ein kleiner Eier-Bacon Burrito ($ 6), Popkorn ($ 1,50) und ein Milky Way Dark Chocolate ($ 1,50). Was in den Automaten angeboten wird, ist nicht billig. Eine Avocado für $ 2, genauso wie zwei Orangen. Ein stolzer Preis, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele der Besucher von Gefangenen selbst kaum Geld haben.

San Quentin State Prison.

Reno lässt es sich schmecken. Er sitzt im Rollstuhl, kann kaum noch laufen, hat dauerhaft Schmerzen. Dick schmiert er sich Mayonnaise auf das Sandwich und erzählt, drinnen bekämen sie nur „Low Fat“ Mayo. Genauso wie nur „Low Fat“ Milch, denn richtige Vollmilch sei ungesund, so die Begründung der Gefängnisleitung. Das heisst also, man wolle diejenigen im Todestrakt zu einer gesunden Ernährung erziehen. Nicht, dass da einer noch an Herzverfettung stirbt und so dem Henker von der Schippe springt.

An der Verköstigung der Gefangenen wird sich wohl auch mit dem Moratorium von Gouverneur Gavin Newsom nichts ändern. Die Todesstrafe in Kalifornien ist damit nicht abgeschafft worde. In den Gesetzbüchern gibt es sie noch immer und nach wie vor werden Mörder für ihre Tat mit der Höchststrafe belegt. Was dieses Moratorium lediglich besagt ist, dass in der Amtszeit von Gavin Newsom niemand in Kalifornien hingerichtet werden wird. Das steht fest. Was nach seinem Ausscheiden passieren wird ist noch offen.

Im East Block von San Quentin weiss man nicht, ob man sich freuen soll. Denn die Situation bleibt weiterhin unklar. Und es gibt einige, das sagte Mike Farrell im Interview und das bestätigt mir auch erneut Reno, die für ihre Exekution bereit sind, die gegen den Staat Kalifornien und damit gegen Gavin Newsom klagen wollen. Sie haben genug von der Death Row, den „unmenschlichen Zuständen“, wie es Farrell beschreibt. Die Entscheidung des Gouverneurs wird also vor einem Gericht geprüft werden. Hat er das Recht die Todesurteile auszusetzen oder hat er seine Befugnisse als Gouverneur überschritten? Reno zumindest hat sich über die Entscheidung Newsoms gefreut. Er ist einer von jenen, dessen Name auf der sogenannten „short list“ für Hinrichtungen stand. Mit dem Moratorium ist die, zumindest vorerst, wieder in irgendeiner Schublade verschwunden.

Death Penalty – ein Interview mit Mike Farrell

Mike Farrell. Foto: DPF.

Mike Farrell (80) ist Schauspieler und Produzent. Für seine Rolle als B.J. Hunnicutt in M*A*S*H wurde er weltberühmt. Seit den 1980er Jahren setzt er sich für soziale und gesellschaftliche Initiativen ein und ist u.a. auch Präsident von Death Penalty Focus, einer US weiten Organisation gegen die Todesstrafe. Ich konnte vor ein paar Tagen mit Mike Farrell in San Francisco über das kalifornische Moratorium sprechen:

 

Waren Sie überrascht, als der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ein Moratorium für die Todesstrafe im Bundesstaat verkündete?

Ich war zufrieden, begeistert, aber nicht überrascht, denn ich wusste, er wollte etwas machen. Und wenn man sich die Möglichkeiten ansieht, die er hatte, machte das Moratorium am meisten Sinn.

Newsoms Amtsvorgänger, Jerry Brown, war auch offen gegen die Todesstrafe und es hieß bis zum Schluss, er würde noch was unternehmen. Waren Sie enttäuscht, dass er am Ende nichts tat?

Ja, wir waren sehr enttäuscht. Die Organisation, für die ich mich einsetze, gemeinsam mit vielen anderen Gruppen haben eine breite Kampagne gefahren, um Gouverneur Brown zum Handeln zu bewegen. Wir wollten schlichtweg die Todesstrafe beenden und von ihm die Höchststrafen in lebenslängliche Haftstrafen umwandeln lassen. Die Macht des Gouverneurs ist beschränkt, uns war also klar, dass Gouverneur Brown nicht etwas riesiges unternehmen würde. Aber wir versuchten Druck auszuüben, baten ihn, zumindest ein Moratorium auszusprechen und all jene auf Death Row, deren Strafe er umwandeln könnte, umzuwandeln. Aber wir waren sehr frustriert, sehr enttäuscht, dass er einfach alle im Todestrakt ignorierte und einfach nichts tat.

Warum glauben Sie, dass Gavin Newsom dann das tat, was Jerry Brown nicht unternommen hat?

Ich kannte Gavin Newsom schon, als er noch nicht Gouverneur war. Ich wusste, er war gegen die Todesstrafe und unserer Idee eines Moratoriums sehr aufgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, dass er ein integrer Mann sei. Wissen Sie, wir haben leider in diesem Land eine lange Geschichte an Leuten, die im Wahlkampf viel versprechen und wenn sie dann gewählt sind, das alles wieder vergessen. Aber bei Gouverneur Newsom hatte ich den Eindruck, dass er das machen würde, was für ihn möglich war. Aber was genau, das wusste ich auch nicht. Als ich dann den Anruf bekam, ob ich zu einem Treffen vor der Verkündigung kommen könnte, war ich mehr als begeistert, als ich rausfand, um was es ging. Und als ich dann im Raum war und hörte, was er zu sagen hatte, war es all das, was ich von ihm erhofft hatte. Er machte klar, dass er die Todesstrafe in Kalifornien beenden will. Und dabei betonte er, dass er es nicht nur als eine Entscheidung der Newsom Administration sehen will. Er will es zu einer Entscheidung des kalifornischen Staates machen, es soll hier keine Todesstrafe mehr geben. Und zu diesem Moratorium gab es noch ein paar, wie ich finde, Extras, wie den sofortigen Abbau der Hinrichtungskammer und seine Aussage, dass er dem neuen Giftcocktail für Hinrichtungen nicht zustimmen werde. Denn dieser braucht die Unterschrift des Gouverneurs, um eingesetzt zu werden. Er macht also so viel, wie er gesetzlich tun kann und lässt darüberhinaus noch prüfen, was noch getan werden kann. Und wir überlegen, wie wir ihm dabei helfen können.

Was wäre der nächste Schritt, um die Todesstrafe in Kalifornien ganz abzuschaffen?

Es gibt da zwei Möglichkeiten. Zum einen die Wählerabstimmung, die wir schon mit anderen Organisationen 2012 und 2016 versuchten. Wir waren knapp davor, aber schafften nicht ganz die Mehrheit. Und zum anderen ist da der kalifornische Verfassungsgerichtshof, der genauso, wie kürzlich das Verfassungsgericht in Washinton State handeln kann. Was Newsom auch noch machen könnte, wäre, all die Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen oder lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung umzuwandeln. Wenn es nach mir ginge, dann wäre das lebenslänglich, denn so bliebe noch die Begnadigung. Aber das bedeutet, dass das Verfassungsgericht in Kalifornien weitestgehend zustimmen müsste. Wir wissen aber nicht, ob die Richter da mitziehen, wenn man sich ansieht, wie sie auf einige der von Gouverneur Brown umgewandelten Strafen reagierten. Das ist fraglich, das weiß auch Gouverneur Newsom nicht. Was nun kommt ist eine genaue Prüfung, was noch getan werden kann. Wir werden sehen. Was wir wissen ist, dass es keine Hinrichtungen geben wird, so lange er Gouverneur ist. Das können nun also vier oder acht Jahre sein. Wir kennen auch seine politische Zukunft nicht, ich hoffe nur, es wird eine gute sein.

Was würden sie denjenigen sagen, die Gouvereur Newsom nun vorwerfen, gegen den Willen der kalifornischen Bevölkerung gehandelt zu haben, denn die jüngste Abstimmung zum Thema ergab ja eine andere Mehrheit – die Todesstrafenbefürworter gewannen.

Proposition 66 setzte sich mit wenigen Stimmen mehr durch. Was man verstehen muss, der Abstimmungsprozess in Kalifornien ist mehr als schwierig. Man braucht dafür eine Menge Geld und unsere Gegner hatten einfach viel mehr. Deshalb haben wir verloren und sie gewonnen. Und sie haben mit den Angstbildern gearbeitet, dass diese gefährlichen Leute dann frei kämen, man Angst haben sollte, sich unter seinem Bett verstecken müsse. Die Mörder suchen dann schon nach ihren nächsten Opfern. Dagegen kommt man nur schwer an, wenn man den Leuten klar machen will, dass das System ja funktioniert und diejenigen hinter Gitter auch hinter Gitter bleiben. Ich widerspreche also dieser Meinung, der Gouverneur habe sich gegen den Willen des Volkes entschieden. Ja, sie haben erfolgreich diese Initiative gewonnen und es ist das Gesetz. Aber diese Initiative hat Dinge versprochen, bei der sie wussten, sie können nicht eingehalten werden. Ein Gericht bestätigte zum Beispiel, dass es nicht möglich sei, innerhalb von fünf Jahren die Hinrichtung durchzuführen. Das ist unmöglich und das Gericht hat das bestätigt. Die Initiatoren von Prop. 66 wussten das. Sie haben die Wähler bewusst getäuscht. Umfragen zeigen außerdem, dass die Menschen in Kalifornien viel lieber lebenslänglich ohne Aussicht auf Begnadigung sehen würden als die Todesstrafe. Daher ist die Behauptung falsch, nur weil Proposition 66 gewonnen hat, dass die Menschen in Kalifornien die Todesstrafe wollen.

Was bedeutet denn nun die Erklärung von Gouverneur Newsom für die Todeskandidaten im East Block von San Quentin? Ändert das was an ihren Lebensumständen, werden sie nun anders bewacht oder teils auch in andere Gefängnisse verlegt?

Nach dem Gesetz ändert sich gar nichts. Ich glaube aber, der Gouverneur und seine Mitarbeiter prüfen derzeit jedoch einige Möglichkeiten. Ich habe da auch ein paar Vorschläge, mal sehen, ob die auch gehört werden. Aber eine der Tatsachen bezüglich Death Row, die ich als unmenschlich ansehe, ist, dass man die Menschen dort als nicht mehr lebenswert einstuft. Todeskandidaten dürfen nicht an Programmen teilnehmen, die anderen Gefangenen in San Quentin angeboten werden, darunter auch Mördern, die zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden. Wir brauchen hier nicht über Resozialisierungsprogramme sprechen, denn es wäre ja ein Widerspruch jemanden zum Tode zu verurteilen, um ihn dann wieder resozialisieren zu wollen. Aber ich denke, auch diese Leute sollte man wahrnehmen, ihre Gegenwart. Es ist unsere Verantwortung, sie als Menschen zu behandeln, egal ob sie zum Tode verurteilt wurden. Ich glaube also, dass es Programme und Angebote auch für sie geben sollte. Der Umstand allein auf Death Row zu leben ist unfassbar. Wir wissen das, denn es gibt dort mehr Selbstmorde, als es jemals Hinrichtungen gab. Wir sollten uns also unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, wie wir mit diesen Leuten umgehen und was wir ihnen anbieten.

Death Penalty Focus ist ja mit zahlreichen Todeskandidaten in San Quentin in engem Kontakt. Was haben Sie von dort gehört, wie das Moratorium aufgenommen wurde?

Ich habe einige Rückmeldungen bekommen, und die sind gemischt. Nicht jeder freut sich und nicht jeder ist damit einverstanden. Es gibt einige, die sagen, lass es uns durchziehen. Wir haben Freiwillige, die sagen, sie wollen sterben, sie wollen so nicht mehr weiterleben. Ich kenn ein paar von ihnen persönlich. Es ist ganz fürchterlich, jemanden zu erklären, warum er am Leben festhalten und nicht aufgeben und sich freiwillig hinrichten lassen soll. Es gibt diese alte Weisheit, wo es Leben gibt, da gibt es Hoffnung. Ich glaube, diejenigen auf Death Row können Hoffnung haben, dass es in Zukunft keine Death Row mehr geben wird. Und einige von ihnen werden die Möglichkeit haben, die Fakten ihres Falles neu beleuchtet zu bekommen und vielleicht entlassen zu werden, eine geringere Strafe zu bekommen, als Mensch gesehen zu werden.

Vor einigen Jahren habe ich mit der früheren Direktorin von Death Penalty Focus, Jeanne Woodford, gesprochen und sie redete von ihrer Hoffnung eines “Wendepunktes”, wenn die Todesstrafe in den USA abgeschafft werden wird. Glauben Sie, dass diese Entscheidung in Kalifornien dieser Wendepunkt sein könnte?

Ich denke, es gibt gute Gründe, dass das so ist. Aber, Mister Trump hat nun zwei Leute zu Verfassungsrichtern gemacht, die erklärt haben, dass ihnen die Finalität wichtiger ist als Gerechtigkeit. Ich finde das ekelhaft und fürchterlich. Was mir das sagt ist, wir müssen unsere Kampagne von Bundestaat zu Bundesstaat weiterführen, bis das Verfassungsgericht einfach anerkennt, dass die Todesstrafe nicht länger in den Vereinigten Staaten gewollt ist. Denn diese neuen Ernennungen zeigen, dass wir weder die politische Führung noch das Streben nach Gerechtigkeit haben, was wir noch vor ein paar Jahren hatten, als Richter Kennedy noch am Verfassungsgericht war. Ich glaube nicht, dass wir heute von diesem Gericht eine Führungsrolle erwarten können.

Von außen betrachtet scheint das Thema Todesstrafe eine Frage zwischen dem liberalen und konservativen Amerika zu sein. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, das stimmt heute so nicht mehr. Es gibt konservative Organisationen, die sich aktiv für ein Ende der Todesstrafe einsetzen. Einige aus religiösten Gründen, andere aus wirtschaftlichen Gründen. Aber es gibt sie und wir haben in dieser Bewegung mit ihnen einige starke Allianzen geschlossen. Über die politischen Grenzen hinweg sind auch Konservative nicht nur gegen die Todesstrafe, sondern auch für eine Gefängnisreform. Und ich finde, das ist ein gutes Zeichen für eine bessere Situation in diesem Land, denn die Gefängnisse sind ganz schlimm. Für mich ist die Todesstrafe, der Todesprozess die Krönung eines schrecklichen Systems. Wie der Deckel auf einer Mülltonne. Es ist etwas, was nicht nur die Opfer und diejenigen verroht, die dazu verurteilt wurden. Es verroht auch all jene, die dieses System aufrecht erhalten, Wärter und Scharfrichter, die Richter selbst und alle, die daran Teil haben. Ich finde, es entmenschlicht jeden.

Waren Sie schon immer gegen die Todesstrafe und warum sind Sie es?

Immer ist ein langer Zeitraum (lacht). Ich wurde kirchlich erzogen und da hieß es, dass das Töten falsch sei, deshalb war für mich klar, dass man das nicht tun sollte. Als sehr junger Mann war ich schon davon überzeugt, dass die Todesstrafe nicht richtig ist. Als ich Mitte 20 war, engagierte ich mich in einer Organisation, die sich für Menschen mit sozialen Problemen einsetzte. Probleme, die einen oftmals ins Gefängnis bringen. Wir gingen in die Gefängnisse und sprachen mit diesen Leuten und versuchten sie zu ermutigen, nach ihrer Entlassung zu uns zu kommen. Damals bröckelte für mich schon die Fassade, ich verlor den Respekt vor diesem Gefängnissystem. Ich fand es schrecklich, sinnlos und die Todesstrafe einfach falsch. Die Todesstrafe ist für mich das schlimmste Beispiel dieses entmenschlichenden Systems. Man kann also schon sagen, dass ich ein Leben lang ein Gegner der Höchststrafe bin.

Aber gegen die Todesstrafe sein und sich dann mit Death Penalty Focus dagegen einsetzen, sind zwei verschiedene Dinge. Wann kam für Sie der Punkt, wo Sie sagten, ich muss mehr tun als nur dagegen sein?

Ich war Teil einer Fernsehshow (M*A*S*H), die sehr berühmt war und ein Pfarrer aus den Südstaaten, wo es die meisten Hinrichtungen gibt, sprach mich an. Das war in den späten 70ern, Anfang der 80er Jahre, als die Todesstrafe nach einer vierjährigen Unterbrechung wieder zugelassen wurde. Er meinte, er habe gehört, dass ich gegen die Todesstrafe sei, wahrscheinlich hatte ich da was unterschrieben oder in einem Interview etwas dazu gesagt. Der Pfarrer sagte, dass das System nun hochgefahren werde und wir ein Blutbad in diesem Land erleben werden. Und er meinte, er bräuchte jemanden, der in der Presse Aufmerksamkeit findet. Er wäre mir sehr dankbar, wenn ich helfen könnte. Und ich sagte, ok. Er nahm mich dann mit zu meinem ersten Besuch einer Death Row nach Tennessee. Danach ist es wie Treibsand, wenn man einmal seinen Fuss drin hat, kommt man nicht mehr weg. Ich fand das System so frevlerhaft in jeder Beziehung, so unmenschlich, so brutal. Es ist für mich genau das Gegenteil von dem, was ich glaube, was wir als Menschen tun sollten. Und allein die Tatsache, dass es so etwas gibt, zeigt, dass wir als Gesellschaft versagt haben.

Befürworter der Todesstrafe sagen immer, dass die, die gegen die Todesstrafe sind nicht an die Opfer und deren Familien denken. Was sagen Sie dazu?

Ich habe selbst ein Familienmitglied durch eine Mord verloren. Ich weiss, wie sich das anfühlt, wenn ein geliebter Mensch ermordet wird. Ich bin also ganz und gar nicht unsensibel. Ich verstehe das. Ich kann mir vorstellen, wie das sein mag, wenn meine Frau oder Tochter von einer Bestie verletzt, vergewaltigt, ermordet werden würde. Ich würde wahrscheinlich diesen Bastard mit meinen eigenen Händen erwürgen wollen. Ich hoffe, ich würde es nicht. Ich denke, ich würde das nicht tun, denn ich weiss, es gibt ein Rechtssystem, das dafür zuständig ist. Ich glaube, wir als Menschen sollten danach streben besser zu sein, als jene, die das Schlimmste tun. Es ist also falsch. Ich kenne zu viele Leute, die Angehörige von Opfern sind. Menschen, deren Leben durch einen schrecklichen Mord zerrissen wurden, die aber den Drang nach Rache überkommen haben. Die dem Täter nicht mehr die Augen auskratzen, die Ohren, die Nase, den Hals ab- und aufreissen wollen. Sie sagen, nichts, was ich tun würde, nichts was der Staat tun kann, bringt mir meinen geliebten Menschen zurück. Und mir zu sagen, dass der Tod eines anderen irgendwie den Tod meines Familienangehörigen ausgleicht, ist für mich und den Ermordeten eine Beleidigung.

Sehen Sie den Tag, an dem Death Penalty Focus überflüssig wird?

Ich hoffe auf den Tag an dem Death Penalty Focus überflüssig ist (lacht). Ich sprach vor kurzem mit ein paar Freunden daüber. Wir sagten, wir sollten eine Party organisieren, “Gott sei Dank” und Schluss machen. Wir haben unseren Job erledigt. Jetzt müssen wir zur Organisation “Lebenslänglich ohne Aussicht auf Begnadigung” werden. Ich werde einfach immer gegen unser Gefängnissystem sein. Wir sollten die Gefängnisse auflösen. Das wird mein Fokus sein. Wenn ich sage, die Gefängnisse auflösen, dann meine ich, wir brauchen sicherlich Institutionen zum Korrigieren, aber das was wir hier haben “Correctional” zu nennen ist bescheuert und eine Lüge. Was ich gelernt habe ist, jene Leute, die sich falsch verhalten, brauchen Bildung und Aufmerksamkeit. In manchen Fällen medizinische Betreuung, psychologische in anderen. Wir sollten Institutionen haben, die eine Mischung aus Schule und Krankenhaus sind. Man lehrt diesen Leuten, wie man sich richtig verhält. Und man lehrt ihnen ihre Wunden zu heilen, die sie zu solch extremen Verhaltensweisen gebracht haben. Das wäre ein wertvolles Bestreben einer Gesellschaft und nicht Menschen in Käfige zu sperren und hinzurichten.

Das Ende der Todesstrafe?

Gavin Newsom ist manchmal ein mutiger Politiker. Als Bürgermeister von San Francisco brachte er 2004 seine Partei und viele im Land gegen sich auf, als er die gleichgeschlechtliche Eheschließung in San Francisco erlaubte und dies als Kampf um Gleichberechtigung für fundamentale Bürgerrechte einstufte. 2004 war ein Wahljahr. Newsom gab dennoch nicht nach, auch auf Druck von Politikerinnen wie Dianne Feinstein und Hillary Clinton, die sich offen gegen die „Gay Marriage“ aussprachen. Die konservative Basis im Land wurde aktiv, wollte auf alle Fälle, dass George W. Bush wieder- und die „San Francisco Values“ nicht gewählt werden. Bush forderte sogar im Wahlkampf eine Verfassungsänderung, um die Ehe zwischen Mann und Frau festzuschreiben. Das kam bei der Christlichen Rechte an, W. wurde im Amt bestätigt, Newsom der Buhmann seiner Partei.

Gavin Newsom ist mittlerweile kalifornischer Gouverneur und noch immer bereit unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Am Dienstagabend sickerte durch, dass Newsom am heutigen Mittwoch ein Moratorium für die Todesstrafe in Kalifornien verkünden will. Damit würde er ein knappes Wahlergebnis von 2016 aushebeln. Die kalifornischen Wähler hatten sich mit 51 Prozent für eine Beschleunigung der Hinrichtungen ausgesprochen. Der Trend war allerdings offensichtlich und nur noch eine Frage der Zeit, wann die Wähler im Golden State sich gegen die „Death Penalty“ wenden würden.

Newsom greift dem nun voraus. Er wird die 737 Todeskandidaten nicht begnadigen, das kann und darf er nicht. Aber er stoppt den Exekutionsprozess, in dem er den Gefangenen einen unbefristeten Aufschub gewährleistet, der nicht angefochten werden kann. Hinzu wird die Unterzeichnung der Zusammensetzung des Gift-Cocktails verweigert, was Hinrichtungen unmöglich macht. Und schliesslich soll die „Death Chamber“, die Hinrichtungskammer, geschlossen werden, was Exekutionen in Kalifornien verhindern würde.

Es war schon lange bekannt, dass Gavin Newsom ein Gegner der „Capital Punishment“ war. Er berief sich dabei auf seinen katholischen und jesuitischen Hintergrund. Die Todesstrafe sei „moralisch und ethisch“ nicht verantwortbar. In einem Interview wurde er kürzlich gefragt, ob er denn seine Unterschrift unter die Anordnung zu einer Hinrichtung setzen würde. Newsom antwortete überlegt: „I’m not prepared to answer that question, because I’m not prepared to answer the question. And in that preparation comes a lot of soul searching.“

Das Moratorium von Gavin Newsom ist vor allem eine politische Entscheidung, denn seit 2006 wurde in Kalifornien niemand mehr hingerichtet. Seitdem gibt es ein juristisches Gerangel darüber, wie man einen verurteilten Mörder „human“ sterben lassen kann. Zur letzten angesetzten Exekution war ich noch als Medienzeuge geladen, diese wurde jedoch in letzter Minute gestoppt und wir nach Hause geschickt. Seitdem wächst die „Death Row“ in San Quentin. Forderungen nach einem Gefängnisneubau waren immer wieder zu hören, denn im ältesten Staatsgefängnis von Kalifornien herrscht notorischer Platzmangel.

Nun gibt es viele offene Frage, was passieren wird. Allen voran jene, ob die zum Tode Verurteilten weiterhin im East-Block von San Quentin untergebracht bleiben oder ob einige von ihnen in andere Flügel des Gefängnisses oder sogar in andere Gefängnisse in Kalifornien verlegt werden. Auch muss nun geklärt werden, wie die Todeskandidaten fortan behandelt werden. Bislang unterliegen sie einer strengeren Kontrolle und Überwachung, was mehr zeit- und personalintensiv, aber vor allem auch teurer ist. Auf „Death Row“ selbst ist man zum einen erleichtert, zum anderen gespannt, was dieser Stop der Hinrichtungsmaschine für jeden einzelnen von ihnen bedeuten wird.

Die Reaktionen blieben auf die Ankündigung Newsoms nicht aus. Todesstrafenbefürworter im Bundesstaat kündigten umgehend Klagen an, denn Newsom, so ihr Argument, setze sich über den Wählerwillen hinweg. Auch Donald Trump mischte sich ein und tweetete, dass er, wie auch die Freunde und Familien der Opfer, nicht begeistert sei.

Die demokratische Senatorin aus Kalifornien und Präsidentschaftskandidatin, Kamala Harris, hingegen gratulierte ihrem Gouverneur, Freund und Wegbegleiter. Harris wandte sich als Staatsanwältin von San Francisco und später als Justizministerin von Kalifornien offen gegen die Todesstrafe.

Die Aussetzung der „Death Penalty“ in Kalifornien ist kein endgültiges Aus für diese verfehlte, unmenschliche und brutale Strafe. Was nun kommen muss – und wird – ist ein neuerlicher Volksentscheid, mit dem in Kalifornien die Todesstrafe aus den Gesetzbüchern gestrichen wird. Gavin Newsoms Moratorium ist aber auch ein mutiger und wichtiger Schritt für das ganze Land. In 30 Bundesstaaten gibt es noch die Todesstrafe. Kalifornien mit der größten „Death Row“, jeder vierte zum Tode Verurteilte in den USA wartet in San Quentin auf den Tag X, setzt da nun ein deutliches Zeichen. Eines, das gehört werden muss.

Nazis in den USA

20.000 Anhänger des German-American Bund kamen im Februar 1939 in den Madison Square Garden.

Am 20. Februar 1939 war der Madison Square Garden Schauplatz eines gewaltigen Nazi-Aufmarsches. Es war als „Pro American Rally“ angekündigt, doch hier marschierte der BUND, eine von Deutschland aus gesteuerte US Nazi-Organisation, die im ganzen Land aktiv war. Die Machtdemonstration in New York City sollte die Amerikaner beeindrucken und sie für die Politik Hitlers gewinnen. Doch es hatte Konsequenzen für alle Deutschen, die in den USA lebten.

 

Die deutschen Vereine zwischen New York und San Francisco waren nach der Anti-Deutschen Stimmung in den Jahren 1914 bis 1918 kaum wieder erstarkt, hatten wieder zueinander gefunden, waren erneut im öffentlichen Leben von San Francisco mit Festen, Umzügen und Veranstaltungen präsent, als mit der Machtübernahme Hitlers 1933 eine deutliche Zeitenwende eingeläutet wurde. Gerade die politischen Vereine, wie der Arbeiterbildungsverein San Francisco waren davon betroffen. In der vereinseigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen, kontroversen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen. Befeuert wurde der auch von organisierten Auslandsdeutschen, die ihre Befehle direkt aus Berlin erhielten.

Knute Berger ist Journalist in Seattle, für das Newsmagazin “Crosscut”, er hat intensiv über die Aktivitäten der Nazis in den 1930er Jahren an der Westküste recherchiert: „Mir wurde gesagt, dass es einen Generationenschnitt gab. Jene Deutsche, die vor dem ersten Weltkrieg gekommen waren, waren nicht unbedingt für Hitler. Einige der Jüngeren glaubten an diese Idee des neuen Deutschlands an die wirtschaftlichen Fortschritte, die gemacht werden. Da gab es sicherlich einen Bruch.“

Karl Hartmann kam kurz nach dem Ende es zweiten Weltkrieges nach San Francisco und war langjähriger Präsident des Arbeiterbildungsvereins. Er lernte noch viele der alten Mitglieder kennen und hörte, was sie über diese schwierige Zeit im Verein berichteten: „Das war auch das Ende vom Arbeiterbildungsverein, von seiner Blütezeit. Denn von ’33 an, da ist das nur noch ein Vegetieren gewesen. Da haben ja die meisten Angst gehabt. Ein Freund von mir, ich weiss, der war beim BUND, der war immer stolz, dass er im Madison Square Garden reinmarschiert ist, in seinem weißen Hemd und der Hakenkreuzbande. Genau wie bei der SA. Ich fragte ihn, wie viele seid ihr denn gewesen und er: 20.000. Ich sag, du hast doch einen Vogel. 20.000, sagt er, glaub es oder nicht, was denkst du, wie wir marschiert sind, was da los war.“

Bereits im Mai 1933 gab Rudolf Hess Heinz Spanknöbel den Auftrag in den USA eine Nazi-Organisation aufzubauen. Spanknöbel kam 1929 als Pastor der Adventisten in die USA. Er gründete die “Freunde des Neuen Deutschland”, die dann im März 1936 in den “Amerikadeutschen BUND” übergingen. Deren Bundesführer wurde Fritz Julius Kuhn, der in 20er Jahren in die USA kam und 1934 amerikanischer Staatsbürger wurde. Kuhn versuchte, die deutschen Vereine in den USA zu einen und auf Kurs für Hitler-Deutschland zu bringen. Mit Paraden und Massenveranstaltungen wollte man die Deutschen begeistern. Und nicht nur in New York marschierte der BUND ganz im Sinne der Nazis auf. Auch in San Francisco war man aktiv. Unterstützung bekamen sie direkt aus dem Deutschen Generalkonsulat, wie Knute Berger berichtet: „In den späten 30ern, ungefähr 1937, gab es einen Generalkonsul in San Francisco, der auch noch weitere Kollegen in anderen Westküstenstädten hatte. Er hieß Manfred Freiherr von Killinger und war ein erklärter Nazi der ersten Stunde. Er unterstützte die engen Verbindungen zwischen Nazi-Deutschland und dem Deutsch-Amerikanischen Bund. Einige warfen ihm vor, das zu aggressiv betrieben zu haben. Das San Francisco Konsulat war auch für die Spionage im gesamten Westen der USA bis nach Salt Lake und runter an die mexikanische Grenze zuständig. Und man warb für Gruppen wie den Bund, die “Silver Shirts” und in Mexiko die “Gold Shirts”, alles Braunhemden. Das jedoch führte zu Widerstand. Von Killinger wurde vorgeworfen zu weit zu gehen und den Bund in eine Richtung zu drängen, was dazu führte, die Loyalität vieler Deutsch-Amerikaner zu hinterfragen und den Bund nicht als kulturelle sondern als politische Gruppe zu sehen.“

Lange Zeit schauten die Amerikaner dem offenen Treiben der Nazis einfach zu. Zu sehr glaubte man an die größere Gefahr durch die Unterwanderung der Kommunisten. Die marschierenden BUND Anhänger, ihre Jugendlager ganz im Sinne der HJ, auch in den Oakland Hills wurde gecampt, wurden einfach nicht richtig ernst genommen. In San Francisco wuchs jedoch der Widerstand gegen die Aktivitäten des BUND und des Generalkonsuls und Hitlervertrauten von Killinger. Gerade auch, weil die deutsche Gemeinde in der Stadt groß und einflussreich war. Das Deutsche Haus im Zentrum, unweit der City Hall gelegen, war vielen ein Dorn im Auge. Sie fragten sich, was spielt sich eigentlich hinter den Mauern dieses Gebäudes wirklich ab. Die Musiker Gewerkschaft in San Francisco, die “American Federation of Musician’s Local Six”, verabschiedete in ihrer Sitzung vom 9. Juni 1938 die folgende Resolution. Interessant dabei ist, dass viele der Mitglieder der Musikergewerkschaft, darunter auch ihr Präsident Walter A. Weber, selbst Immigranten aus Deutschland waren.

Angesichts dessen: In Europa gibt es mehrere Länder, deren Systeme direkt unserer Theorie von Demokratie entgegen stehen, in denen Arbeitnehmervertretungen aufgelöst und verboten wurden und Eigentum beschlagnahmt wurden; und
Angesichts dessen: In etlichen dieser Länder wird gegenwärtig eine Kampagne geführt, die auf religiöser Intoleranz, Rassenhass und Verbitterung basiert; und
Angesichts dessen: In San Francisco soll während des Memorial Day Wochenendes ein Treffen des Deutsch-Amerikanischen Bundes, einer Nazi Organisation in diesem Land stattfinden; und
Angesichts dessen: Organisationen wie die “American Legion”, “Veterans of Foreign Wars”, verschiedene jüdische und andere religiöse Gruppen haben gegen dieses Treffen der Embryo “Sturmtruppen” protestiert und ihre Ablehnung veröffentlicht; und
Angesichts dessen: Der San Francisco Gewerkschaftsbund hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt, man ist gegen jegliche Form von ausländischen “isms”, die eine Bedrohung für unsere amerikanische Demokratie sind, deshalb soll es sein
Beschluss: Der San Francisco Gewerkschaftsbund spricht sich gegen dieses Treffen aus und erneuert seinen Eid für den Kampf um den Erhalt der amerikanischen Demokratie; und weiterhin
Beschluss: Dass Kopien dieser Resolution an die Presse von San Francisco weitergegeben werden.

Die Deutschen in der San Francisco Bay Area versuchten gegenzusteuern, zu zeigen, dass sie zwar deutsche Wurzeln haben, ihre Sitten und Gebräuche pflegen, aber dennoch Amerikaner sind. Im Protokoll der Sitzung der Hermann Söhne, einer einflussreichen und alten Loge deutscher Einwanderer, heisst es vom 12. Mai 1941:

“Resolution: Eine der ersten Handlungen der Grossloge war die Annahme der folgenden Resolution, die für sich selbst spricht:
Be it resolved that we, the Order of Hermann Sons, an American Organization, in existence One Hundred years do hereby reaffirm our support of our Federal Government, our Constitution and our American way of life.
Be it further resolved that our Order condemns all un-American activities and pledges its united support in stamping out such activities.
Be it further resolved that we, the members of the Order of Hermann Sons, using our rights as free men and women citizens of the United States of America, respectfully protest against any actions which may involve us in the present European conflict, thus endangering our freedom and peace.
Be it further resolved that copies of the foregoing resolution be forwarded to the members of Congress and to the press.

Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass die Hermann Söhne ihre Veranstaltungen immer auf Deutsch abhielten und auch ihre Protokolle auf Deutsch verfassten. Hier jedoch wurde ganz bewusst eine Ausnahme gemacht, das Englische gewählt, um deutlich zu machen, wo man sich als deutscher Immigrant in den USA positioniert.

Mit dem Angriff der Japaner auf den Militärstützpunkt Pearl Harbor und der anschließenden deutschen Kriegserklärung gegen die USA vier Tage später, am 11. Dezember 1941, änderte sich das Leben für die Deutschen im ganzen Land, vor allem jedoch in den Küstenregionen. Mit Hilfe eines Gesetzes, das bis ins Jahr 1798 zurückreicht, könnten bei der Gefahr einer Invasion Amerikas, die Staatsbürger von verfeindeten Nationen verhaftet und für die Dauer des Krieges interniert werden. Im Bundesanzeiger, dem Federal Register, ließ Roosevelt die verstärkte Kontrolle von Japanern, Italienern und Deutschen verkünden. Dabei berief er sich auf das 143 Jahre alte Gesetz. Die Japaner und Japan-Amerikaner traf es deutlich stärker als die Deutschen. Weit über 100.000 wurden interniert. Doch das FBI verhaftete in den Folgemonaten auch Tausende von Deutschen, insgesamt etwa 12.000, die in den USA, in Mexiko und sogar Mittelamerika lebten und brachte sie in Internierungslager in die USA, darunter Crystal City, Texas, Fort Lincoln, North Dakota und auch Pacifica, südlich von San Francisco. Die Bewegungsfreiheit von Deutschen am Golden Gate wurde eingeschränkt, tägliche Kontrollen zur Normalität. Erneut brach eine Hysterie im ganzen Land aus. Im Staatsgefängnis von San Quentin wurde sogar von den Gefangenen ein massives Stahlnetz konstruiert, dass vor die Golden Gate Bridge gehangen wurde, um so eine Abwehr gegen deutsche U-Boote zu bieten.

Professor William Insel von der San Francisco State University, der viel über die Immigranten in San Francisco geforscht hat, beschreibt die Loyalitätsfrage in jenen Tagen so: „Ich habe das einmal von einem Italiener gehört, der 1889 in Piedmont, Italien geboren wurde, als 11jähriger nach San Francisco kam, 1915 nach seinem Studienabschluss als Rechtsanwalt Amerikaner wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er vom FBI überprüft, denn man warf ihm vor ein faschistischer Agent zu sein. Das Tenney Kommittee, die kalifornische Version der Anti-Amerikanischen Aktivitäten, fragte ihn, ob er Amerikaner oder Italiener sei. Und er antwortete, “schauen Sie, ich denke über Amerika und Italien genau so wie ich über meine Frau und meine Mutter denke. So lange meine Frau und meine Mutter sich vertragen, so lange muss ich nicht an sie denken. Aber wenn sie sich streiten, oder schlimmer, wenn sie nicht mehr miteinander reden und zu Feinden werden, dann halte ich zu meiner Frau, nicht zu meiner Mutter. Denn meine Frau ist heute und in Zukunft.” Das war seine Erklärung, wie er sich im Zweiten Weltkrieg verhalten würde, nach dem 10. Dezember 1941, als Italien den USA den Krieg erklärte. Und dieser Frage mussten sich auch deutsche Einwanderer im ersten Weltkrieg und einige auch im zweiten Weltkrieg stellen.“

Die deutschen Gemeinden und Vereine haben sich nie mehr so richtig von dieser zweiten Anti-Deutschen Bewegung in den USA erholt. Man zog sich zurück, pflegte die Sprache, die Kultur, die gemeinsamen Feste. Doch politisch traten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr auf. Damit verschwand auch der Einfluss und die Bedeutung der deutschen Immigranten in den USA.

Nach 33 Jahren auf Death Row kommt die Freiheit

Freddie Taylor wird aus dem Todestrakt von San Quentin entlassen. Foto: CDCR.

Freddie Taylor wurde 1985 für die Vergewaltigung, den Überfall und den Mord an der 84jährigen Carmen Carlos Vasquez zum Tode verurteilt. Nun wird er aus dem Todestrakt von San Quentin entlassen, die Tore des Staatsgefängnisses gehen für ihn auf.

Taylor erklärte über all die Jahre, dass er die Tat nicht begangen habe. DNA Spuren waren am Tatort und am Körper der Frau nicht gefunden worden, doch Taylors Fingerabdrücke wurden damals an zwei Außenscheiben des Hauses von Vasquez in Richmond entdeckt. Der damals 25jährige begründete dies damit, dass er wenige Tage zuvor in das Haus der Seniorin eingebrochen sei, aber nichts mit der Mordtat zu tun habe.

Doch allein das hätte noch keine Entlassung bedeutet. Was der Staatsanwalt, das Gericht und die Geschworenen beim Prozess übersehen hatten, waren die mentalen Probleme Taylors, der in einem brutalen Umfeld aufwuchs, jahrelang in einer Jugendeinrichtung untergebracht war, in der er misshandelt und missbraucht wurde und mit Anzeichen von Schizophrenie, Borderline und einem Hirnschaden diagnostiziert wurde. Über all die Jahre hatten die kalifornischen Gerichte eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt. Erst die Entscheidung eines Bundesrichters ebnete den Weg für die Freilassung von Freddie Taylor. Dank seiner Anwältin, die 20 Jahre lang für ihn kämpfte und nicht aufgab, öffnen sich nun die Gefängnistore für den heute 58jährigen. Er unterschrieb schließlich die Anklage des Totschlags und erreichte damit, dass seine Haftzeit abgegolten war. Die Staatsanwaltschaft sah sich nicht mehr in der Lage, die Anklage auf Mord aufrecht zu erhalten und Taylor erneut den Prozess zu machen. Nach wie vor betont Taylor jedoch, dass er Carmen Carlos Vasquez nicht erschlagen habe.

Im Todestrakt von San Quentin sind nach wie vor etwa 750 Männer untergebracht. Viele von ihnen behaupten unschuldig zu sein. Schätzungen von Organisationen wie amnesty international und Death Penalty Focus gehen davon aus, dass zwischen 1-2 Prozent der Insassen tatsächlich unschuldig auf Death Row gelandet sind.

Zweieinhalb Stunden Käfig

Die Richmond-San Rafael Bridge führt direkt auf San Quentin zu.

Ein sonniger Sonntagmorgen in der San Francisco Bay Area. Um 7 Uhr fahre ich los, es ist kaum Verkehr auf den Straßen. Ziel ist mal wieder San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien. Noch ist der Parkplatz halb leer. Ich reihe mich rechts bei den Wartenden ein, hier sitzen die Besuche für den „East Block“, die Todeskandidaten auf Death Row.

Eine ältere Frau kommt nach mir, fragt mich mit einem Akzent, wann ich dran sei? 8 Uhr antworte ich, sie setzt sich mir gegenüber. Woher sind Sie? Aus der Schweiz, meint sie. Gerade sei sie auf einer Reise durch verschiedene Gefängnisse in den USA, um zum Tode und lebenslänglich Verurteilte zu besuchen. Sie war schon in Texas und Arizona und nun noch Kalifornien, am Dienstag ginge es zurück. Sie gehöre einer Schweizer Organisation an, die in Kontakt mit Gefangenen in den USA sei.

Es warten nur wenige Männer im Vorraum der Besucherschleuse. Viele Frauen sind da, teils stark geschminkt, enge Kleidung und Ausschnitte, hohe Hacken, die wohl so gerade noch erlaubt sind. Als ich dran bin, geht alles recht schnell. Meine Kleidung passt – helle Hose, graues T-Shirt, braunes Sweat-Shirt -, ich habe auch nur Eindollarnoten und Kleingeld dabei, Metall habe ich nicht am Körper. Dann noch einen Stempel auf den rechten Unterarm und ich darf Richtung „Bastille by the Bay“ laufen, dieses alte Gebäude, das an einen mittelalterlichen Kerkerbau erinnert.

Reno wartet schon im Käfig. Ich ziehe ein Sandwich, einen Schokokuchen, Popkorn und noch was Süßes aus dem Automaten, dazu die obligatorischen zwei Dosen Cola. Dann muss er sich aus seinem Rollstuhl erheben, eine Kette mit  Handschellen wird ihm durch einen Schlitz im Gitter um den Bauch gelegt, die Handschellen klicken und er darf sich wieder in den Rollstuhl setzen. Reno ist fast 74 Jahre alt, kann die Hände nicht mehr nach hinten strecken, deshalb die Bauchkette. Die Tür auf seiner Seite wird geöffnet, er wird rausgeschoben, die Tür schließt sich und wird mit einem Schloss gesichert. Erst dann wird auf meiner Seite die Gittertür geöffnet, ich darf in den etwa 1,50 x 2 Meter Käfig treten. Es knallt hinter mir, das Schloss klickt. Dann geht die Tür auf Renos Seite auf, er wird reingeschoben, muss sich wieder aus seinem Rollstuhl erheben und die Bauchkette mit den Schellen wird ihm abgenommen. Eine kurze Umarmung, der Besuch kann beginnen.

Wir sitzen da, plauschen über alles mögliche. Er isst, trinkt, lacht. Ich erzähle ihm von meiner Idee, ein Hörspiel über jemanden in San Quentin zu schreiben. Ob ich ihm dazu einige Fragen schicken könnte? Klar, meint er, schick einfach mal, aber gib mir etwas Zeit. Ich will mehr erfahren über das Leben auf Death Row, wie es sich anfühlt, wie es sich in den fast 40 Jahren verändert hat, seitdem er hier ist. Einiges habe ich ja von meiner Besucherrolle in den letzten 23 Jahren mitbekommen, aber es gibt noch immer viele Fragen, die ich habe. Ich bin gespannt auf seine Antworten und auf das, was ich hoffentlich daraus machen kann und werde.

Nach zweieinhalb Stunden ist der Besuch vorbei. Eine kurze Umarmung, dann erneut die gleiche Prozedur für ihn wie am Anfang. Man sieht ihm die Schmerzen in allen Gliedern an. Aber Regel ist Regel in San Quentin, keine Ausnahmen werden gemacht. Und wie immer atme ich tief durch, als die schwere Metalltür vor mir aufgeht und ich hinaus in die frische Luft, an die Sonne treten kann. Entlang der Bay geht es zurück zum Parkplatz und ich summe vor mich hin….“San Quentin, you’ve been living hell to me“.

Es war einmal eine kleine Hexe…

Otfried Preusslers kleine Hexe, Hänsel und Gretel und die böse Hexe im Wald und dann noch die „Wicked Witch“ im „Wizard of Oz“. Das waren so die Hexenbilder, mit denen ich aufgewachsen bin, die mein Hexenbild prägten. Warzen, Besen und ein brodelnder Kessel. Doch die Realität der Hexen hat so gar nichts mit diesen Bildern zu tun, wie ich jüngst feststellen konnte. Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum der Hexenbewegung und hier lernte ich weibliche und männliche Hexen kennen.

Am Anfang stand die Webseite des “Covenant of the Goddess”, eines Hexenbundes. Mehr durch Zufall stieß ich darauf und dachte mir, das könnte eine schöne Geschichte für die Religionssendung eines bundesweit ausgestrahlten Radiosenders sein. Ich schrieb an die Email Adresse des Covenant, ob es möglich wäre, ein Interview zu führen und an einem Treffen teilzunehmen. Die Antwort kam, ob ich zu einem Telefoninterview bereit wäre. War ich. An einem Dienstag rief mich eine Vertreterin des „Northern California Chapter“ an und interviewte mich. Warum, weshalb, wieso….Hexen sind etwas zurückhaltend.

Nach einigen Tagen meldete sich „Macha“ bei mir. Sie wäre zu einem Interview bereit und ja, ich könnte bei ihr Zuhause vorbeikommen. Gespannt fuhr ich in die Nord-Bay. In einem unscheinbaren Haus wohnte die Hexe. Für eine Stunde sprachen wir über „Witches“ und Wicca, die Mysterienreligion. „Macha“ berichtete, dass sie sogar regelmäßig als Priesterin im Staatsgefängnis von San Quentin sei, um sich dort mit Angehörigen des Wicca Glaubens auszutauschen und eine Zeremonie zu feiern. Zum Schluss fragte ich, ob Macha auch einen Besen habe. Sie lachte und meinte, ich solle ihr folgen. Und da standen sie, gleich mehrere Besen in der Abstellkammer.

Eine Woche später erhielt ich wieder eine Mail. Don Frew und Anna Korn würden mich gerne kennenlernen. Sie leiten die “Adocentyn Research Library”, eine Bücherei des Paganismus. Ein unscheinbares Haus mit einer Ladenfront in einer Seitenstraße in Albany, einer Kleinstadt gleich neben Berkeley. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier eine Bibliothek der etwas anderen Art befindet. Don und Anna warteten schon, sie wirken wie Alt-Hippies, nahmen sich für den Besucher viel Zeit, um über Wicca und das Hexentum zu sprechen. Der “Covenant of the Goddess” sei ein Netzwerk von Hexen, erzählte Don Frew. „Es ist keine Kirche. Gegründet wurde der Covenant 1975, um Hexen dieselben religiösen Rechte und Sicherheiten einzuräumen, wie anderen religiösen Organisationen. Dieser Hexen Verbund hat sich von Kalifornien aus in den gesamten Vereinigten Staaten ausgebreitet.“

Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum dieser spirituellen Bewegung in den USA. Der liberale Geist, die damals noch billigen Mieten, der Aktionismus zog viele in den 1960er und 1970er Jahren ans Golden Gate. Hier lebten, hier arbeiteten sie und trafen Gleichgesinnte. Mit der erstarkenden Frauenbewegung in Berkeley, Oakland und San Francisco entwickelte sich auch die Suche nach der Weiblichkeit im Glauben. Und man fand es in der Natur, der Umwelt, der Mutter Erde, wie der 58jährige Hexer Don Frew erklärt: „Es bedeutet, dass ich daran glaube, dass sich das Göttliche in und durch die natürliche Welt manifestiert. Ja, es gibt eine übernatürliche Gottheit, aber ich fühle mich mehr mit einem Baum verbunden, mit der Sonne über uns, mit diesem Tisch hier. All das drückt das Göttliche aus. Und ich versuche mein Leben in Harmonie damit auszurichten. Meine Rituale damit abzustimmen, mit den Gesichtern des Mondes, mit den Jahreszeiten, mit dem Lauf des Lebens. Das alles ist der Weg hin zu einem harmonischen Leben.“

Auf meine Bitte und mein Drängen doch an einem Treffen teilnehmen zu können, erhielt ich immer wieder Absagen. Einige Mitglieder wären dazu nicht bereit, ich könnte mir stattdessen ein Video ansehen, hieß es. Und dann kam die Einladung zu einem „Spiral Dance“. Nur wenige Meilen von der Pagan-Bücherei entfernt liegt Richmond. Und dort in einem alten Fabrikgelände, direkt an der San Francisco Bay gelegen, trafen sich an einem Samstagabend mehrere Hundert Hexen und Gläubige des Paganismus zu einem “Spiral Dance”, einem Gruppentanz, der Gemeinschaft und Wiedergeburt ausdrücken soll.

Die Einladung kam von Starhawk, der Organisatorin dieses Treffens. Sie ist eine ältere Frau und die wohl bekannteste Hexe in den USA ist. Sie hat unzählige Bücher über die Bewegung, den Wicca Glauben, die Wiedergeburt des Hexentums geschrieben. Man kennt sie, bevor wir ein ruhiges Plätzchen für ein Interview finden konnten, umarmten etliche Frauen und Männer die 67jährige, wechselten ein paar Worte mit ihr, sagten ihr, wie sehr sie sich auf den Abend freuten. „Eine Hexe zu sein bedeutet für mich“, so Starhawk, „sich den alten in der Natur basierenden Traditionen aus Europa und dem Nahen Osten zu verpflichten Sie gründen sich in dem Glauben, dass die Erde heilig ist, dass jeder von uns heilig ist und den göttlichen Geist verkörpert, der in allem lebt. Und das greift auf die alten Traditionen der Kräuterkunde und der Verbindung zur Natur zurück.“

Starhawk schreibt unter anderem auch für die Religionsbeilage der Washington Post, ist Kommentatorin auf mehreren einschlägigen Online Plattformen und begeherte Rednerin in den USA und Europa. „Einige Leute wollen sich nicht als Hexe bezeichnen. Ich laufe auch nicht mit einem Schild herum, auf dem steht “Hallo, ich bin eine Hexe’. Aber für mich ist es wichtig, dieses Wort zurück zu bekommen, denn damit konfrontiert man die gesamte Geschichte. Dieses Wort und für was es steht, für die Idee einer Frau als Heilerin, eine mächtige Frau, die als gefährlich und angstvoll gesehen wird. Wenn wir uns dem stellen, dann gehen wir dagegen an, dann beginnen wir mit einem Wandel tief verborgener Unterstellungen in unserer Kultur, die für mich die Ungleichheit der Geschlechter bestärken.“

Als es draussen dunkel wurde, begann in dem alten Fabrikgebäude die Zeremonie. Über Lautsprecher wurde bekannt gegeben, dass ein deutscher Radiojournalist anwesend sei, der aber niemanden in seinen Aufnahmen erkennbar machen werde. Hexen wollen nicht so einfach erkannt werden. In einem riesigen Kreis saßen etwa 600 Menschen zusammen, sangen, lachten, weinten gemeinsam. Die Namen von Verstorbenenen wurden vorgetragen. Reden und Gesang folgten. Und dann begann der eigentliche “Spiral Dance” mit Trommelschlag und Gesang. Zwei endlos wirkende Menschenschlangen bewegten sich im Kreis und kamen sich dabei immer näher. Eine positive und durchaus mitreißende Energie machte sich in der Halle breit, die Community lebte auf und rückte zusammen. Vieles wirkte wie in Trance.

In den USA leben nach Starhakws Aussagen etwa 3-4 Millionen Menschen, die sich als Hexen bekennen, die dem Wicca Glauben angehören. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Doch eins wurde an diesem Abend in Richmond deutlich, die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum von Wicca, Hexen, dem Glauben an die Natur, an die Weiblichkeit in der Religion. Die Hexen, die ich kennenlernte durfte, haben so gar nichts mit dem gruseligen Bild aus Kindertagen zu tun. Es geht um Harmonie, um ein Miteinander, darum, gemeinsam und bewußt zu leben. In diesen Zeiten ist das durchaus eine Bereicherung.

Sonntagmorgen in San Quentin

7:45 Uhr am Sonntagmorgen. Über der San Francisco Bay strahlt die Sonne. Überpünktlich reihe ich mich in die Schlange ein. Vor mir mehrere Frauen, die „loved ones“ im Staatsgefängnis von San Quentin besuchen wollen. Darunter auch eine Engländerin, die viermal im Jahr nach Kalifornien reist, um ihren Mann zu sehen. Das ist keine Ausnahme, der Zellennachbar von Reno ist mit einer Frau aus Nürnberg verheiratet. Sie hatten sich per Brieffreundschaft kennengelernt. Nun ruft er zweimal am Tag vom Golden Gate in Franken an, sie besucht ihn mehrmals im Jahr.

„San Quentin, you’ve been living hell to me“ (Johnny Cash).

Als ich endlich zur Kontrolle dran bin, meint der Officer, meine Hose sei grün, das sei nicht erlaubt. Ich versuche ihm klar zu machen, dass meine Hose grau ist und ich sie schon mehrmals in San Quentin an hatte. Hier herrscht eine strenge Kleiderordnung. Keine blauen Jeans, kein Orange, kein Grün. Alles Farben, die von Häftlingen oder Wärtern getragen werden. Im Falle eines Falles will man so schnell Besucher von den „Inmates“ unterscheiden können. Der Fall der Fälle ist nicht ganz klar, aber Regel ist Regel. Schließlich lässt man mich mit meiner grauen Hose durch, mit dem Versprechen diese beim nächsten Besuch nicht mehr zu tragen. Langsam habe ich ein Problem in meinem Schrank, es sieht so aus, als ob ich mir eine offizielle Anstaltshose besorgen muss.

Der Weg vom Eingang zum „East Block“, in dem die zum Tode Verurteilten einsitzen ist immer wieder faszinierend. Gerade an einem frühen Morgen. Entlang der Bay, mit Blick auf Tiburon und Angel Island, dahinter die Skylines von San Francisco und Oakland. Nach der zweiten Sicherheitskontrolle bin ich endlich mit 45 Minuten Verspätung im Besucherraum. Schnell ein paar Dosen Cola, ein paar Burger und Popcorn aus den Automaten gezogen, in der Mikrowelle warm gemacht und dann werde ich mit Reno in einem ein Meter mal zwei Meter grossen/kleinen Stahlkäfig eingesperrt. Eine kurze Umarmung und dann reden wir.

Er erzählt etwas von seinem Fall, von seiner Gesundheit, davon, dass am Freitag im Außenbereich des Todestraktes ein anderer Häftling erstochen wurde und noch im Hof starb. Ein Warnschuss sei abgegeben worden, doch das half wohl nichts. Ein Streit führte zu den tödlichen Stichen, wie das „Shank“ auf den Hof kam sei noch unklar. Alltag in San Quentin.

Nach zwei Stunden ist der Besuch zu Ende. Der 73jährige wird mit Handschellen abgeführt, erst dann wird die Käftigtür auf meiner Seite geöffnet. Bevor er geht sagt Reno noch, dass er Ende Oktober ein Jubiläum habe. Seit 40 Jahren sei er nun hinter Gittern. Ein Grund zum Feiern gibt es da wohl nicht. Doch, trink einen auf mich, meint er und lacht. Bis zum nächsten Mal.

Winnie Mandela in San Quentin

In San Quentin werden heute einige Strafvollzugsbeamte und Gefangene an den Oktober 1999 denken, denn damals besuchte die einstige First Lady von Südafrika, Winnie Mandela, das älteste kalifornischen Staatsgefängnis. Mandela war eine von vielen Prominenten, die sich für die Lebensgeschichte des Crips-Ganggründers interessierten und bis zuletzt seine Begnadigung verlangten.

Winnie Mandela und Stanley „Tookie“ Williams im Besucherraum von San Quentin.

Winnie Mandela war auf den früheren Gangsterboss aufmerksam geworden, als dessen im Todestrakt von San Quentin geschriebene Kinderbücher in Südafrika veröffentlicht und dort von vielen Schülern in den Schwarzensiedlungen gelesen wurden. „Tookie“ hatte gemeinsam mit seiner Vertrauten Barbara Becnel mehrere Bücher geschrieben, die Kinder und Jugendliche vor dem Gangsterleben warnten. Während einer mehrtägigen Reise im Herbst 1999 traf Winnie Mandela Stanley „Tookie“ Williams für ein paar Stunden im Besucherraum des „East Block“. Damals war es noch möglich in dem Raum umher zu laufen, der an eine Greyhound Bus Station erinnerte. Heute wird man dort als Besucher in einem kleinen Stahlkäfig mit dem Gefangenen eingesperrt. Das Foto von Mandela und Williams wurde vor einem etwas kitschigen Wandbild aufgenommen, das einer der Häftlinge dort als „Art Project“ hinmalen durfte.

Winnie Mandela nannte den Besuch einen der Höhepunkte ihrer Kalifornienreise. Die beiden blieben über die nächsten Jahre in Kontakt. Noch wenige Tage vor der angesetzten Hinrichtung am 13. Dezember 2005 wandte sich Mandela an den damaligen kalifornischen Gouverneur, Arnold Schwarzenegger, und bat um eine Begnadigung von „Tookie“. In der Nacht der Exekution wurde eine Botschaft von Winnie Mandela vor dem Tor von San Quentin verlesen. Der letzte Wunsch von Stanley „Tookie“ Williams war, dass seine Asche nach seinem Tod von seiner langjährigen Vertrauten, Barbara Becnel, nach Soweto, Südafrika, gebracht werden soll. Nach der Hinrichtung von Williams und einer größeren Trauerfeier in Los Angeles wurde die Asche von „Tookie“ in einem Park von Soweto in Anwesenheit von Winnie Mandela verstreut.