Am Ende steht der Tod

Vorletzte Woche lief diese Serie auf Deutschlandfunk Kultur. An fünf Tagen erzählte ich von meiner Freundschaft zu Reno im Todestrakt von San Quentin. Seit über 25 Jahren kennen wir uns, wir telefonieren wöchentlich, oft besuche ich ihn. Reno malte, seine Bilder habe ich hier im Haus, vor einiger Zeit setzte er mich für seine Patientenverfügung ein.

Ein fast 20 Jahre altes Polaroid Foto aus dem Besucherraum von San Quentin.

Und der Tag kommt wohl schneller als gedacht, an dem ich entscheiden müsste. Lange Zeit sprachen wir nie über den Tod, auch wenn Reno seit 1980 auf „Death Row“ sitzt. Einmal fragte er mich, ob ich bei seiner Hinrichtung dabei sein wolle. Das war noch vor dem Hinrichtungtsstopp 2006. Ich willigte ein. Der Tod war aber nie ein Thema in unseren Gesprächen – oder nur ganz selten. Doch nun schickte er mir eine Liste mit Namen und Adressen von Leuten, die ich informieren soll, wenn er nicht mehr ist.

In seinen Briefen, in seinen Telefonaten wird ganz deutlich, dass er des Lebens müde ist. Er hat Schmerzen, er will nicht mehr. Der Staat wird ihn nicht hinrichten, das steht fest. Aber Reno sagt, er habe keine Perspektive mehr. Was sagt man jemandem wie ihm, der seit 40 Jahren im Todestrakt lebt, lange Zeit davon auf seine Hinrichtung wartete und nicht mehr kann, nicht mehr will. Im Mai würde er 75 Jahre alt werden. Er sagt, er glaube nicht, dass er das noch erlebt.

Besuchen kann ich ihn nicht. Noch einmal eine Cola, Popkorn, Burger, ihn etwas aufheitern. Das Gefängnis ist unter „Lock Down“, das Corona Virus ist bereits innerhalb der Mauern von San Quentin nachgewiesen worden. „If I get it that’s it for me“, meint er. Er regelt gerade das, was ihm noch bleibt, was ihm noch wichtig ist. Hoffnung, die scheint er verloren zu haben. Und Hoffnung war lange Zeit das einzige, was er im Todestrakt von San Quentin hatte.

Covid-19 hinter den dicken Mauern

Auf Deutschlandfunk Kultur lief in der vergangenen Woche meine Serie über meine Freundschaft mit Reno, der seit 40 Jahren im Todestrakt von San Quentin ist. Hier kann diese fünfteile Reihe nachgehört werden.

Und dann kam da vor ein paar Tagen ein Brief aus San Quentin, in dem Reno schreibt, Covid-19 sei bei einem „Correctional Officer“ bestätigt worden. Gefangene hätten sich infiziert und auch im „East Block“, wo die „Death Row“ untergebracht ist, sei Corona entdeckt worden. Keine guten Aussichten für die Inhaftierten, ein „Lock Down“ sei angeordnet worden, das heißt, die Gefangenen kommen ersteinmal nicht mehr aus ihren Zellen raus. Kein Hofgang, kein Gottesdienst, keine Programme. Im Normalvollzug sind sie zu zweit auf vier Quadratmetern untergebracht, im Todestrakt sind sie alleine. Essen, schlafen, nicht durchdrehen auf unbestimmte Zeit und auf engstem Raum. Und die Anweisungen der Gefängnisleitung befolgen, wie „six feet“ Distanz halten, was nicht so einfach ist in einer Zelle, die gerade mal „eight feet“ lang ist.

In der Enge Distanz halten, die Anordnungen der Gefängnisleitung von San Quentin in der Corona-Krise.

„Mit all meinen Gesundheitsproblemen, bin ich besonders vorsichtig, um das Covid-19 Virus nicht zu bekommen, denn ich vermute, ich würde das nicht überleben. Und falls es doch passiert, dann lass mich an dieser Stelle Danke sagen für all die Jahre als mein Freund…Wenn ich mich infiziere, werde ich in eine Isolationszelle im „Adjustment Center“ (dem Knast im Knast, AP) verlegt, wo ich kein Telefon und keine Schreibmaschine haben werde, ich kann Dich dann also nicht kontaktieren. Wenn die Dinge also wirklich ganz schlecht werden, dann könnte dieser Brief der letzte direkte Kontakt mit Dir sein….“

Der Tod im Todestrakt, er schleicht da immer herum. Obwohl ich San Quentin seit über 25 Jahren kenne, über mehrere Hinrichtungen berichtet habe, drei Männer kennenlernte, die am Ende exekutiert wurden, ich zu einer Hinrichtung als Medienzeuge geladen war, noch immer treffen mich solche direkten Zeilen. Ich glaube, man härtet da nicht ab. Man sollte das wohl auch nicht. Eine verrückte Welt hier draußen, eine ganz surreale hinter den dicken Mauern von San Quentin.

Röcke bis zum Knie

98 Frauen, zwei Männer, so ungefähr sieht die Warteschlange an diesem Sonntagmorgen am Eingang von San Quentin aus. So ist es immer, viel mehr Frauen als Männer besuchen die Häftlinge. Die Regeln sind strikt, was man anziehen darf, gerade für die Besucherinnen (siehe unten). Und doch, bei allen Restriktionen, wie lang der Rock, wie eng die Bluse, wie tief der Ausschnitt sein darf, wird versucht, die Grenzen des Erlaubten auszutesten und auszutricksen.

Oftmals, wie auch heute, drücken die „Correctional Officers“ nicht beide Augen zu. Vor mir eine etwas fülligere Frau mit einer Freundin. Sie trägt nur ein gelbes, etwas fleckiges T-Shirt, das eng anliegt und einen tiefen Einblick gewährt. Dazu sehr enge Leggings. Blickfang ist ihr Tattoo genau im Ausschnitt. Sie wird aufgefordert die Sweat Shirt Jacke ihrer Begleiterin anzuziehen und bis oben hin zuzuziehen. Dass ihr die Jacke mindestens eine Nummer zu klein ist, interessiert die CDC-Officer nicht.

Auf was man als Besucher achten muss, wenn man jemanden in San Quentin besucht, ist vor allem die Farbe der Klamotten. Keine blaue Jeans, kein blaues Hemd, keine blaue Jacke. Blau ist die Farbe der Häftlinge. Auch Grün darf nicht getragen werden, das ist die Farbe der Wärterinnen und Wärter. Dazu kein Orange, das tragen jene Häftlinge, die im Außenbereich arbeiten. Die Regeln, was angezogen werden darf, werden ständig verändert und erweitert. Vieles macht keinen Sinn und ich selbst hatte schon oft genug am Eingang Debatten darüber, dass meine graue Hose grau sei und nicht blau. Dann hängt es von dem Officer ab, der einen kontrolliert, ob er oder sie päpstlicher als der Papst sind oder an diesem Tag Gnade ergehen lassen.

San Quentin ist eine Welt für sich. Ein kleines Dorf direkt an der San Francisco Bay und an der Richmond-San Rafael Bridge gelegen. Eine Straße führt hinein und die direkt auf das Tor von San Quentin zu. Links davor geht es auf den Besucherparkplatz, von dem man einen wunderbaren Ausblick auf die „Bastille by the Bay“, auf Tiburon, Angel Island, Oakland und San Francisco in der Ferne hat. Nach fast 25 Jahren regelmäßiger Besuche im Todestrakt des kalifornischen Staatsgefängnisses ist das Prozedere für mich zur Normalität geworden. Die Kleidungsbestimmungen, die strikten Kontrollen, teilweise das Rumgebläke der Officers. Ich habe gelernt, nichts zu den teilweise schikanösen Behandlungen und Anweisungen zu sagen. Nur hier trinke ich Dr. Pepper und esse Mikrowellenpopkorn am Morgen. Es wird viel geredet, gelacht. Einige berühren sich, andere weinen. Für die Gefangenen sind solche Besuche allerdings ein Stück Freiheit, ein Stück Normalität in einem unwirklichen, surrealen und vor allem gefährlichen Alltag.

 

 

 

 

Mit Worten und Bildern die Mauern öffnen

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

Reno ist einer von vielen. Seit 1980 nennt er eine 1 Meter 40 mal 2 Meter 20 große Zelle sein “Haus”. Manchmal verlässt er sie für Wochen nicht und wenn doch, dann wird er in Handschellen, die an einer Bauchkette angebracht sind, aus seiner Zelle geführt. Reno ist einer von nahezu 750 Todeskandidaten im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin. Mit 33 Jahren wurde er verhaftet, im Mai dieses Jahres wird er 75 Jahre alt.

Reno hatte lange Zeit einen Weg gefunden, um die brutale Wirklichkeit um ihn herum auszublenden. Er malte. Portraits, doch vor allem Landschaften. Farbenfrohe Bilder in einem grauen Alltag, Fenster in eine Welt, die er nie wieder selbst sehen wird. Seine Matratze legte er auf den Boden und nutzte das Bettgestell als Schreibtisch. So blendete er sich aus, so überlebte er die langen Jahre hinter Gittern. San Quentin liegt direkt an der San Francicso Bay, die Aussicht traumhaft schön. Gegenüber der “Correctional Facilty” liegt die Halbinsel Tiburon, eine Reichengegend, wo einst Steffi Graf und Andre Agassi lebten und wo sich Robin Williams in seinem Haus umbrachte. Dahinter Angel Island, einst ein Internierungslager, heute ein Nationalpark. In der Ferne kann man die Bay Bridge, Oakland und ein paar der Skyscraper von San Francisco sehen. Doch davon sehen die meisten Gefangenen nichts. Nur wenige von ihnen, meist zu lebenslanger Haft Verurteilte mit guter Führung, können außerhalb der Mauern, aber noch im Innenbereich des Gefängnisses arbeiten und einen Blick auf die Bay werfen.

Im Todestrakt, der Death Row, sind die Gefangenen alleine in ihren Zellen untergebracht. Im allgemeinen Strafvollzug, den es auch in San Quentin gibt, sind jeweils zwei Häftlinge auf diesen etwas mehr als drei Quadratmetern untergebracht. Im Todestrakt hofft man deshalb, dass nach dem verkündeten Hinrichtungsstopp von Gouverneur Gavin Newsom, keiner der zum Tode Verurteilten in Zukunft seine Zelle teilen muss. Er lebe seit 40 Jahren alleine, meint Reno. Er könne nicht mehr mit jemandem auf so engem Raum leben, erklärte er vor ein paar Tagen im Besuchsraum von San Quentin.

Mittlerweile malt er nicht mehr. Seine Gelenke, sagt er, Arthrose, die mangelnde Gesundheitsversorgung im Gefängnis, es würde im Winter nie richtig warm werden, im Sommer sei es brütend heiß in den alten Gemäuern von San Quentin. Der Trakt, in dem er untergebracht ist, stammt noch aus den Gründerjahren Mitte des 19. Jahrhunderts. In den “Visiting Room” mit seinen Besucherkäfigen wird er im Rollstuhl gefahren. An den Handgelenken trägt er Bandagen. Um die Handschellen an der Bauchkette gelöst zu bekommen, muss er aus seinem Rollstuhl mühsam aufstehen, durch eine kleine Öffnung im Gitter werden die Schlösser geöffnet, die Kette von einem Wärter herausgezogen.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht.

Eine kurze Umarmung, “good to see you”, danach gibt es ein Sandwich zu Coca Cola, Popcorn und einen Schokoriegel, die der Besucher vor dem Einschluß aus Automaten kaufen und in einer Mikrowelle aufwärmen kann. Auch diese Besuche sind ein Fenster nach draußen. Anderes Essen, ein anderes Gesicht, ein paar Erzählungen aus der Welt hinter den Mauern. Die meisten auf Death Row und im allgemeinen Strafvollzug von San Quentin erhalten kaum noch Besuch. Sie wurden über die Jahre einfach vergessen. Reno hat früher gerne über seine Bilder gesprochen. Zahlreiche seiner teils farbenfrohen, detailreichen Gemälde wurden sogar in Ausstellungen in den USA, Deutschland und Schweden ausgestellt. Das Malen war für ihn wie das Schaffen eines Fensters in der fensterlosen Zelle. Die fühlbare Enge wurde so einfach erweitert.

In San Quentin findet man hochbegabte und talentierte Gefangene. Das war schon immer so. 1936 wurde der amerikanische Komponist Henry Cowell aufgrund einer “moralischen” Straftat zu 15 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre lang saß er in San Quentin, bevor er eine Begnadigung bekam. Cowell komponierte weiter in San Quentin, die Musik dieser Zeit drückt die Schwere und die Eintönigkeit des Gefängnislebens aus. Er sagte einmal, die Musik habe ihn in San Quentin überleben lassen.

In San Quentin trafen sich in den 40er und 50er Jahren auch die Jazzgrößen Kaliforniens, Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon, Dupree Bolton, Earl Anderza, Jimmy Bunn und andere. Meist waren sie, wie auch der Jazzsänger Ed Reed, wegen Drogenkonsums hier gelandet und formten hinter Gittern eine der besten Jazz Combos ihrer Zeit, die gelegentlich bei Feiern und Anlässen des Direktors aufspielten. Sie nutzten diese Freiheit, um in den Klangweiten des Jazz im damals gefährlichsten Gefängnis westlich des Mississippi zu überleben. “Es waren immer großartige Musiker in der Band”, erinnert sich der heute 91jährige Reed. “Der Übungsraum war unter der Turnhalle in diesem alten Backsteingebäude ohne Fundament. Gefängnisdirektor Duffy hatte Instrumente gespendet bekommen und schaffte es, dass eine Instrumentenfirma sie pflegte.” Nur hier San Quentin existierte diese Superband, draußen, nach ihrer Entlassung kamen die Musiker nie wieder zusammen. Es sollen bislang unveröffentlichte Aufnahmen von dieser sagenhaften Band existieren. Tonbänder, die im alten Schulhaus auf dem Gelände von San Quentin in einer Kiste liegen sollen. Gefunden wurden sie bislang nicht, danach gesucht hat wohl bislang auch noch niemand.

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Im Speisesaal des Gefängnisses sieht man auch eines der beeindruckendsten, doch unbekanntesten Wandbilder der USA. 1953 begann der Häftling Alfredo Santos an seinem Monumentalwerk zu malen, nachdem er einen Wettbewerb hinter Mauern gewonnen hatte. Zwei Jahre lang arbeitete er Tag für Tag an der Geschichte Kaliforniens, detailreich versuchte er sie wiederzugeben, von Indianern bis zum Wirtschaftsboom in den Nachkriegsjahren der frühen 1950er. Auf sechs Wänden, jeweils 30 mal 4 Meter, schuf er ein einzigartiges Wandgemälde, dessen Stil an den mexikanischen Künstler Diego Rivera und die Plakatkunst der 30er und 40er Jahre erinnert. Ein Wandbild aus vielen kleinen Szenen, teils filmisch genau, teils expressionistisch, und alles ist in Brauntönen gehalten. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entlassung konnte Alfredo Santos sein Bild wiedersehen. 2003 durfte er als Besucher das Gefängnis und den normalerweise nicht zugänglichen Speisesaal betreten. In einem Nebensaal spielte auch Johnny Cash am 24. Februar 1969 sein berühmtes Konzert. “San Quentin, you’ve been living hell to me” sang er, und der Jubel der Häftlinge echote von den kahlen Wänden zurück.

San Quentin wird auch die “Bastille by the Bay” genannt, ein Gebäude, dass wie eine alte Festung wirkt. Es ist das älteste Staatsgefängnis im Bundesstaat und dennoch, trotz der alten Gemäuer wollen die Gefangenen hier sein, denn San Quentin ist eines der wenigen Gefängnisse inmitten einer Metropolregion. Mehr als 700 Freiwillige unterhalten Sozial-, Freizeit-, Beschäftigungs- und Bildungsprogramme. Das reicht von einer Uni mit College Abschluss über ein Shakespeare Theater zu einer preisgekrönten Häftlingszeitung, einem Radioprogramm und Yoga Kursen. Insgesamt werden mehr als 70 solcher Programme angeboten, nur wenige allerdings für die “Condemned Inmates”, die zum Tode Verurteilten. Die nutzen das Malprogramm und eine Schreibwerkstatt, um das verarbeiten, was sie erlebt haben und erleben. Und sie nutzen Papier, Stift und Pinsel um den trostlosen Alltag, der sich täglich wiederholt, zu entfliehen. Kurt Michaels ist ebenfalls im “East-Block”, dem Todestrakt untergebracht. “Ich nenne diese Zelle hier lieber meine Betoneigentumswohnung, also mehr wie man sein Zuhause sieht und weniger wie eine Gefängniszelle. Im Laufe der Jahre lernt man, die Gitterstäbe nicht mehr zu sehen, man sieht einfach durch sie hindurch, wenn man nach draussen blickt.”

Der 53jährige ist seit 1990 in San Quentin. Er wirkt im Gespräch wie unter Strom, immer darauf wartend, dass etwas passieren könnte. Kurt Michaels begann in seiner Endstation San Quentin mit dem Schreiben. Gedichte und vor allem Briefe an Freunde, in denen er seine Welt und seine Gedanken anschaulich schildert. Er bittet seine Brieffreunde, ihre Welt genauestens darzustellen, denn diese Briefe werden für ihn zum Fenster in die Freiheit: “Ich korrespondiere mit einigen Leuten in aller Welt. Wenn ihre Briefe hier ankommen, von Australien und anderen Ländern, dann sortiere ich sie nach Gegenden, in die ich dann in diesem Moment reisen möchte. Manchmal sage ich meinen Zellennachbarn, stört mich jetzt nicht, laßt mich in Ruhe. Und dann nehme ich ihre Briefe, öffne sie, einen nach dem anderen, oftmals sind Fotos dabei und sie beschreiben verschiedene Dinge in ihrem Leben, damit ich daran Teil haben kann. Das ist meine mentale Flucht, das ist alles, was wir hier haben.”

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Ben Aronoff arbeitete über mehrere Jahre als “Corrections Officer”, als Justizbeamter, im Todestrakt von San Quentin. Er beobachtete und bewunderte fasziniert die Kreativität der Häftlinge. “Da erinnere mich an einen Häftling, der durfte aufgrund seines Verhaltens nicht am offiziellen Kunstprogramm teilnehmen. Das störte ihn nicht, er machte sich einen Pinsel aus seinen Haaren. Und er bekam den staatlich zuerkannten Tabak. Heute dürfen sie ja noch nicht mal mehr in ihren Zellen rauchen, aber damals bekamen sie noch Tabak. Und er mischte den Tabak mit Wasser, nutzte seine Haare als Pinsel und malte die wunderbarsten Bilder auf seine Zellenwand. Die waren einfach unvorstellbar schön. Und alle paar Wochen wurde er auf den Hof geschickt und die Gefängnisleitung ließ die Wand wieder weiß übertünchen. Aber das war ok für ihn, denn dann hatte er wieder Platz zum Malen.”

In San Quentin, dem ältesten kalifornischen Staatsgefängnis, sind derzeit fast 4000 Gefangene untergebracht. Wer hierher kommt arrangiert sich mit dem brutalen und tristen Alltag, mit Gangs, oftmals mit der Aussicht nie wieder nach draußen zu kommen. Doch viele finden auf kreative Weise einen Weg, zumindest ein Fenster nach draußen, in die weite Welt zu öffnen.

Nach dem Rückblick der Ausblick

2020 steht vor der Tür. Übermorgen ist es so weit und ich habe keine Ahnung, was das kommende Jahr bringen wird. Viel Donald Trump, das zumindest weiss ich. Denn es ist Wahljahr und es geht ums Weiße Haus. Aber was da in den kommenden Monaten auf uns alle zukommen wird, ist noch völlig unklar. Wobei man schon jetzt vermuten kann, dass der Wahlkampf alles andere als „Friede, Freude, Eierkuchen“ werden wird.

Natürlich werde und, ja, muss ich auch darüber berichten. Viel Wahlkampf, wer setzt sich bei den Demokraten durch, wie stellt sich die Partei damit auf, wie reagiert Donald Trump, was wird er tun, um an der Macht zu bleiben? Viele offene Fragen, auf die noch niemand eine Antwort weiß. Aber ich hoffe, ich kann auch im kommenden Jahr einiges fernab des Politalltags und des Trumpschen Wahnsinns berichten.

Anfangen wird das Jahr für mich mit einer neuen Sendung. Auf KKUP, einer Community Station in San Jose mit einer starken UKW Frequenz, werde ich eine monatliche Nachtsendung moderieren. Angedacht ist Mittwoch von 00:00 bis 3 Uhr (in Deutschland 9 bis 12 Uhr). Ich habe Lust darauf wieder live zu senden. Spielen will ich experimentelle, ausgefallene und elektronische Musik. Manches wird ein wahres Klangbad zu früher Stunde sein, anderes eine Herausforderung für die Hörer. Ich freue mich darauf.

Eine Sendung über die Area 51, Ufos und Außerirdische kommt noch.

Gleich mehrere Features sind in der „Pipeline“, darunter die Ausarbeitung des Themas „Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden“ für das ich im Niger und in Somaliland war. Daneben kommt eine Sendung über UFOs und Außerirdische in den USA. Dann arbeite ich mit einer Kollegin in Afrika an einem international brisanten Politikthema. Sie dort, ich hier, und ja, es geht dabei auch um Trump. Ich will etwas zu Flüchtlingen und „undocumented immigrants“ machen, auch mal ganz, ganz hoch hinaus, wenn ich dafür einen Abnehmer finden kann. Ich hoffe, ich werde etwas mehr in den USA unterwegs sein, aus Gegenden berichten, die oftmals außen vor gelassen werden. Dann plane ich ein oder zwei weitere Reisen nach Afrika, sowohl in Somaliland wie auch im Sudan warten sehr interessante und spannende Geschichten.

Natürlich werde ich auch wieder Musik- und Religionsgeschichten suchen und finden und für Radio Goethe im Jahr 24 will ich ein paar thematische Sendungen produzieren. Ein Hörspiel über San Quentin und die Death Row schwebt mir vor, in dem ich all die Aufnahmen, Briefe, Kontakte, Erfahrungen, Besuche und auch Emotionen und Eindrücke aus den letzten 25 Jahren einbauen könnte. Mal sehen, ob ich dafür die Zeit und die Ruhe finde. Ach ja, dann arbeite ich auch noch mit an einer größeren Ausstellung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und in die Bay Area. Dafür werde ich Audio Files für Hörstationen und eine Webseite produzieren.

Hier stapeln sich die Bücher, die gelesen werden wollen. Daneben viel neue und alte Musik, die gehört, entdeckt und wiederentdeckt werden will. 2020 ist sicherlich ein Jahr, in dem es als USA Korrespondent nicht langweilig werden wird. Doch für mich ist es wichtig, dass ich dabei genau wie in diesem Jahr auch anderes bearbeiten kann, eben nicht nur den Wahlkampf, Trumps Tweets und langweilige Debatten. Das wird schon. Allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und gutes neues Jahr…Happy New Year aus Kalifornien.

Es ist nicht alles Trump

2019 habe ich viel über Donald Trump geschrieben. Wahrscheinlich zu viel. Oft genug wurde ich gefragt, warum schreibst Du ständig über den? Man kommt als Korrespondent in den USA nicht um Trump herum. Das steht fest. Doch ich habe im vergangenen Jahr über viel mehr berichtet als nur über den „Tweeter in Chief“.

Vor genau einem Jahr lief meine Lange Nacht über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco. An der Dreistundensendung „Aufbruch in ein neues Leben“ habe ich lange gearbeitet und konnte Aufnahmen der letzten 20 Jahre neu verarbeiten. Im Januar folgten dann zwei Musikgeschichten, eine über die Musik App von Neil Young, die andere über die Digitalisierung von Schellack Platten. Musik begleitet mich immer und ich bin froh darüber, dass ich da manchmal wunderbare Musik finden und vorstellen kann.

Im Februar jährte sich dann zum 50. Mal das legendäre Konzert von Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin. Und San Quentin habe ich über die Jahre bei zahlreichen Besuchen mehr als gut kennengelernt. Mehrmals stand ich genau in jenem Speisesaal, wo Cash im Februar 1969 spielte. Und dort im ältesten Knast von Kalifornien sind auch Hexen im Einsatz. Es herrscht Religionsfreiheit, von daher bekommen Anhänger von Wicca regelmäßig Besuch von Hexen. Sowieso ist die San Francisco Bay Area ein Zentrum des Wicca Glaubens. Auch darüber berichtete ich in einem längerem Beitrag.

Eines meiner größeren Features in diesem Jahr war „Patriotismus made in USA“, der Kampf um den „American Dream“. Das war für mich auch ein persönliches Thema, denn seit 23 Jahren lebe ich in den USA, habe die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und hänge dennoch irgendwie zwischen den Kulturen und Sprachen. Auf der einen Seite wird man als Immigrant Willkommen geheißen, auf der anderen Seite hat sich das Klima gegenüber Fremden grundlegend verändert.

Mit CARE war ich im Sudan unterwegs. Ein Land voller Geschichten, die erzählt werden wollen.

Ich berichtete auch über den Roadtrip von Michel Foucault ins Death Valley, über die John Coltrane Church in San Francisco, die veränderte Museumslandschaft in den USA, ging der Frage nach, wie die Cola koscher wurde, besuchte den spirituellen Ort Ojai in Südkalifornien, sprach über die Rolle der Deutschen vor und während der Völkermorde an den Armeniern am Anfang und in Ruanda am Ende des 20. Jahrhunderts. In Kalifornien ließ der Gouverneur Gavin Newsom die Hinrichtungskammer abbauen und setzte alle Todesurteile aus, darüber redete ich mit dem Schauspieler und Anti-Death Penalty Aktivisten Mike Farrell.

Musik war auch in diesem Jahr immer ein wichtiger Part meiner Arbeit. Da ging es um die Wiederveröffentlichung einer Platte von „Gastarbeitern“. Grup Doğuş hatte in den 1970er Jahren einen mitreißenden Beat. Das Folkways Label brachte dann noch eine umfangreiche Box über die Musik aus Bulgarien heraus, auch die konnte ich besprechen. Und ich durfte mit einer Sendungsreihe Teil des Deutschlandjahres in den USA sein, das vom Auswärtigen Amt ausgerufen worden war. Unter dem Slogan „Wunderbar Together“ produzierte ich sechs musikalische Themensendungen die Deutschland und die USA verbinden.

Am intensivsten waren aber wohl meine Reisen nach Somaliland, in den Niger und in den Sudan, alles in einem Zeitraum von vier Wochen. Es ging um Musik, um Hoffnung, um den Blick nach vorne, ohne die eigene Geschichte zu vergessen. Gerade die Rolle der Frauen während und nach der Revolution im Sudan beeindruckte mich zutiefst. Ohne sie wäre der Regimewechsel wohl nicht möglich gewesen.

Eine lange doch unvollständige Liste von Themen, die ich in diesem Jahr bearbeiten konnte. Das alles war nur ein Teil der Arbeit eines freien Korrespondenten. Und doch, sie zeigt, wie vielseitig, spannend, interessant diese Arbeit sein kann. Ich lerne Leute kennen, darf Fragen stellen und bekomme meistens Antworten darauf. Sehe Orte, an die ich sonst nie kommen würde. Und wie gesagt, es ist nicht alles Trump in diesen Zeiten. Die Welt um mich herum birgt so viele wunderbare, faszinierende und erlebnsreiche Geschichten. Die sollten nicht übersehen und überhört werden. Auch und gerade im Trump-Zeitalter.

Musik in Zeiten der Krise

Wir trafen uns in einem Garten in Niamey.

Musik spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Da ist meine eigene Radiosendung, Radio Goethe, mit der ich seit 23 Jahren die Zuhörer vor allem in Nordamerika mit Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschalle. Zehn Jahre lang produzierte ich daneben eine Country- und Folksendung für eine Airline über den Wolken.

Da ist aber vor allem auch die Musik, die ich fast bei allen Themen, die ich behandele finde. Sei es in San Quentin, wo mir ein Todeskandidat auf der Death Row per Telefon ein selbstgeschriebenes Lied vorsingt. Oder die Geschichte der deutschen Einwanderer in die USA mit alten Originalaufnahmen aus den 1920er Jahren unterlegt wird.

Seit 1996, habe ich mich intensiv mit der Folkmusik und ihrer Geschichte beschäftigt. Man muss nur an Musiker wie Woody Guthrie oder Pete Seeger denken, um Musik als Sprache und kraftvolle Ausdrucksform zu erkennen. Gerade Pete Seeger öffnete für mich mit seiner Musik den internationalen Blickwinkel. Er war eng mit den Liedern des Spanischen Bürgerkriegs und den internationalen Brigaden verbunden. In einem Interview sagte er einmal, dass das Lied der Moorsoldaten, geschrieben im KZ Börgermoor 1933, eines der wichtigsten und bedeutendsten anti-faschistischen Songs überhaupt sei. Dieses Lied wurde durch die internationalen Brigaden in alle Welt, alle Kulturen und alle Sprachen verbreitet. Die Kraft dieses Liedes war nicht nur für die internierten Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder im KZ Börgermoor bedeutend, sondern wurde auch eine Stütze, eine Hoffnung für gepeinigte, unterdrückte und benachteiligte Menschen in den verschiedensten Ländern:

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, Du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor!

Das Lied der Moorsoldaten     

Auf einem leeren Grundstück, vor ein paar Zelten, unter einem Stoffdach.

Und dann ist da die Musik, die ich auf so einigen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden kennerlernen durfte. Mit einem Recherchestipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und der Robert Bosch Stiftung konnte ich vor kurzem nach Somaliland und in den Niger reisen, in zwei Länder, in denen die Musik ganz wichtige Rollen spielte und noch immer spielt.

Es gab auf diesen Reisen diese Momente, an denen ich mich glücklich schätzte, das tun zu können, was ich mache. Orte zu sehen, Menschen zu sprechen, Geschichten zu hören, wunderbare Musik zu finden. In einem Garten in Niamey verschwand im Klang der Musik der ganze Lärm, der Stress, die Anstrengungen, der Alltag. Und dann liegt man an einem warmen Freitagabend auf einer Sandbank eines Zuflusses des Nigers. Eine Gruppe junger Tuareg entfacht ein Lagerfeuer, backt Brot, grillt Fleisch. Einige greifen zur Gitarre, zu einer Kalabasse als Rhythmusinstrument und sie fangen an unter einem sternenklaren Himmel zu spielen, zu singen….und dabei ist ein 51jähriger Deutsch-Amerikaner, der sich (nach dem Aufnehmen) und nach zwei Wochen unterwegs entspannt, zufrieden und dankbar zurücklehnt, den Nachthimmel betrachtet und in diesem Moment mal wieder spürt, warum er Journalist geworden ist.

Good morning, San Quentin

Das Haupttor des San Quentin State Prison.

Samstagmorgen und ich bin mal wieder in San Quentin. Der normale Wahnsinn. Am Eingang meint ein Wärter zu mir, ich solle mir mein Shirt etwas zuknöpfen, anscheinend bringe ich Gefangene oder WärterInnen mit meinem Brusthaar in Wallung. „Rule is rule“, meint er. Auch schön. Nach dem kleinen Spaziergang entlang der Bay vom Haupttor zum Besuchsraum des East Blocks, dem Todestrakt, lass ich mich mit Reno in dem kleinen Käfig einsperren. Er muss sich vorher aus seinem Rollstuhl erheben, wird umständlich mit Handschellen und einer Bauchkette gefesselt, um so den Käfig verlassen zu können, damit ich hinein kann. Nur eine Tür darf jeweils geöffnet sein. Auf meinen Einwand, dass der mittlerweile 74jährige in dem Zustand sicherlich nicht mehr die Flucht ergreifen wird, meint die Gefängnisaufseherin auf meiner Seite des Käfigs nur „that’s the rule“.

Burger, Sandwich, Popcorn, Schokolade und zwei Dosen Coca Cola, damit verbringt Reno die nächsten Stunden. Wir unterhalten uns über dies und das. Er meint, morgen sei der Jahrestag seiner Verhaftung. Vor 41 Jahren wurde er in Polizeigewahrsam genommen. Anfang 1980 kam er dann nach dem Todesurteil nach San Quentin in den East Block.

Ich kenne ihn nun seit 25 Jahren, seit mehr als 23 Jahren besuche ich ihn mehr oder weniger regelmäßig im ältesten Staatsgefängnis von Kalifornien. Neben mir kommt hin und wieder noch sein Anwalt vorbei. Mehr Besucher hat er nicht. Und das sind noch viele im Vergleich zu so manch anderem auf „Death Row“. Reno ist alt geworden, kann sich nur noch unter Schmerzen bewegen, die Gesundheitsversorgung hinter den dicken Mauern ist nicht die beste. Und heute meinte er, er wisse gar nicht, ob er jemals noch mal nach draussen wolle, denn seine Medikamente könne er sicherlich nicht bezahlen. Hier bekommt er die umsonst, eine Neuerung, zuvor mussten Häftlinge für alles zahlen. Jeden Doktorbesuch, jede Aspirin, den Rollstuhl, Zahnarzt, Brillen. Wer das Geld nicht aufbringen konnte, Pech gehabt.

Wir sitzen uns gegenüber und reden über das Gefängnis, was ihn aufregt, über Sport, das Feuer in der Nord Bay und auch über Politik und Trump. Irgendwie kann man dem nicht mehr entkommen, selbst im Todestrakt von San Quentin. Nach guten zwei Stunden ist der Besuch vorbei. Ich verspreche bald wieder vorbei zu kommen. Eine kurze Umarmung, er lässt wieder die Prozedur mit den Handschellen und der Bauchkette über sich ergehen und wird dann in den hinteren Teil des Besucherbereiches geschoben. Für mich öffnet sich die Stahlschleuse, ich bekomme meinen Ausweis zurück und kann draussen wieder tief durchatmen. Die Sonne scheint, der Rauch vom Kincade Fire liegt in der Luft. Ein Morgen in San Quentin.

Die Todesstrafe wird zum Wahlkampfthema

Das musste ja kommen. Während der wohl liberalste Bundesstaat in den USA, Kalifornien, ein Moratorium zur Todesstrafe durchsetzt, das von vielen Seiten als Zeichen für die gesamten Vereinigten Staaten gesehen wird, dass der Wendepunkt für die Höchststrafe im Land schon bald erreicht werden könnte, geht die Trump-Administration einen ganz anderen Weg.

Während in San Quentin vorerst nicht mehr hingerichtet wird, will Donald Trump auf Bundesebene wieder Exekutionen durchführen lassen. Foto: Reuters.

Gleich fünf Hinrichtungen sind zum Jahreswechsel angedacht. Fünf Häftlinge, die zum Tode verurteilt wurden und in Bundesgefängnissen auf ihren Tag X warten. Daniel Lewis Lee, Lezmond Mitchell, Wesley Ira Purkey, Alfred Bourgeois und Dustin Lee Honken sollen Ende 2019, Anfang 2020 hingerichtet werden. Damit setzt Donald Trump ein deutliches Zeichen. Er tritt schon seit langem für die Todesstrafe ein, forderte sogar 1989 in einer eigens geschalteten Zeitungsannonce eine schnelle Hinrichtung von fünf Verdächtigen nach einer Vergewaltigung. Später stellte sich heraus, dass die “Central Park Five” die Tat nicht begangen hatten. Eine Entschuldigung des Milliardärs folgte nicht, auch nicht später, als er zum Präsidenten gewählt wurde.

Und vor kurzem machte Trump Schlagzeilen damit, dass er die Todesstrafe für Drogendealer forderte, um so eine weitere “Waffe” im Kampf gegen den illegalen Drogenhandel zu bekommen. Die Ankündigung des Justizministeriums, nun erneut fünf Inhaftierte hinzurichten muss also auf Trump zurückgehen, denn die Bundesregierung in Washington hat seit 2003 niemanden mehr exekutieren lassen. Es gab ein quasi informelles Moratorium. Trump will also mit der Todesstrafe im Wahljahr 2020 punkten und erhofft sich so seine Gegner als Weicheier zu brandmarken, die nicht an die Opfer denken. Denn er weiss, dass einige der führenden Demokraten im Kandidatenrennen, darunter Bernie Sanders, Kamala Harris und Pete Buttigieg erklärte Todesstrafengegner sind und schon ankündigten, dass sie im Falle eines Wahlsieges die Höchststrafe auf Bundesebene abschaffen würden. Die Todesstrafe soll Donald Trump also als “Law and Order” Präsidenten ohne Gnade zeigen. Klare Worte dieses Präsidenten, dem kein Thema moralisch fragwürdig erscheint, um damit Wahlkampf zu betreiben.

Muttertag in San Quentin

Muttertag ist ein ganz normaler Sonntag in San Quentin. Zwar stehen da um halb acht morgens auch ein paar Mütter mit kleinen Kindern in der Schlange, „Happy Mother’s Day“ hört man immer wieder, aber ansonsten ist alles gleich. Strenge Sicherheitskontrolle, einen Leuchtstempel auf den rechten Unterarm und dann darf man entlang der Bay zum Besucherraum des East Blocks laufen.

Reno hat Geburtstag. Er wird in diesen Tagen 74 Jahre alt. 40 Geburtstage davon hat er auf Death Row verbracht. Gefeiert wird hier nicht. Ich kenne ihn nun schon seit 25 Jahren, seit 23 Jahren besuche ich ihn regelmäßig, er ruft an, wenn es geht, er schreibt Briefe. Zum Geburtstag zwei Cokes (je $ 1,25), ein kleines Pastrami Sandwich ($ 6), ein kleiner Eier-Bacon Burrito ($ 6), Popkorn ($ 1,50) und ein Milky Way Dark Chocolate ($ 1,50). Was in den Automaten angeboten wird, ist nicht billig. Eine Avocado für $ 2, genauso wie zwei Orangen. Ein stolzer Preis, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele der Besucher von Gefangenen selbst kaum Geld haben.

San Quentin State Prison.

Reno lässt es sich schmecken. Er sitzt im Rollstuhl, kann kaum noch laufen, hat dauerhaft Schmerzen. Dick schmiert er sich Mayonnaise auf das Sandwich und erzählt, drinnen bekämen sie nur „Low Fat“ Mayo. Genauso wie nur „Low Fat“ Milch, denn richtige Vollmilch sei ungesund, so die Begründung der Gefängnisleitung. Das heisst also, man wolle diejenigen im Todestrakt zu einer gesunden Ernährung erziehen. Nicht, dass da einer noch an Herzverfettung stirbt und so dem Henker von der Schippe springt.

An der Verköstigung der Gefangenen wird sich wohl auch mit dem Moratorium von Gouverneur Gavin Newsom nichts ändern. Die Todesstrafe in Kalifornien ist damit nicht abgeschafft worde. In den Gesetzbüchern gibt es sie noch immer und nach wie vor werden Mörder für ihre Tat mit der Höchststrafe belegt. Was dieses Moratorium lediglich besagt ist, dass in der Amtszeit von Gavin Newsom niemand in Kalifornien hingerichtet werden wird. Das steht fest. Was nach seinem Ausscheiden passieren wird ist noch offen.

Im East Block von San Quentin weiss man nicht, ob man sich freuen soll. Denn die Situation bleibt weiterhin unklar. Und es gibt einige, das sagte Mike Farrell im Interview und das bestätigt mir auch erneut Reno, die für ihre Exekution bereit sind, die gegen den Staat Kalifornien und damit gegen Gavin Newsom klagen wollen. Sie haben genug von der Death Row, den „unmenschlichen Zuständen“, wie es Farrell beschreibt. Die Entscheidung des Gouverneurs wird also vor einem Gericht geprüft werden. Hat er das Recht die Todesurteile auszusetzen oder hat er seine Befugnisse als Gouverneur überschritten? Reno zumindest hat sich über die Entscheidung Newsoms gefreut. Er ist einer von jenen, dessen Name auf der sogenannten „short list“ für Hinrichtungen stand. Mit dem Moratorium ist die, zumindest vorerst, wieder in irgendeiner Schublade verschwunden.