Der langsame Abgang eines Staatsmannes

„I don’t know how much longer I’ll be here“. Das sind die Worte von John McCain. Familienangehörige und Freunde reisen nach Arizona, um den republikanischen Senator noch einmal zu sehen, der seit einem Jahr gegen einen aggressiven Gehirntumor kämpft. Und der plant schon seine eigene Gedenkveranstaltung, zumindest teilweise; Präsident Donald Trump soll nicht dabei sein.

John McCain galt lange Zeit als einer der wichtigsten und einflussreichsten Republikaner im US Senat. Er war bekannt als „Maverick“, als ein Querdenker, ein Rebell in den eigenen Reihen. Oftmals votierte er mit dem politischen Gegner, koalierte mit den Demokraten, um Politik zu machen. Er war im Kongress beliebt und gefürchtet. Sein Wort hatte durchaus Macht.

Viel Kredit verlor der einstige Vietnam-Kriegsheld und -Kriegsgefangene John McCain mit der Nominierung von Sarah Palin als seine Vize-Kandidatin im Rennen ums Weiße Haus 2012. Damit bereitete McCain den Boden für die Tea-Party Bewegung, die Washington tief gespalten hat und die letztendlich auch für den Wahlerfolg von Donald Trump verantwortlich ist.

John McCain mit seinem „No Vote“ im US Senat. Fotos: Reuters.

John McCain machte mit seiner Entscheidung, Donald Trump nicht an seiner zentralen Gedenkveranstaltung in Washington dabei haben zu wollen, ganz deutlich, was er von dem narzisstischen Milliardär hält, der ihn oft genug persönlich angegriffen hat. Und nicht nur das, die Hauptreden an McCains „Memorial“ sollen Barack Obama und George W. Bush halten. Auch das ein heftiger Hieb auf das Ego von #45. Trump, der sich geschickt mit einem zweifelhaften Attest vor dem Einsatz in Vietnam drückte meinte im Wahlkampf über John McCain, der sei eigentlich kein Kriegsheld, denn Helden ließen sich nicht gefangen nehmen. Ein Aufschrei ging durchs Land, doch das hatte für den Erfolg von Trump keine Folgen. Seine Anhänger verziehen ihm auch das. Doch danach war Schicht im Schacht im Verhältnis McCain zu Trump. Es gipfelte mit dem Nein im letzten Sommer. Mit Genugtuung und Daumen nach unten votierte John McCain gegen eine Aussetzung von „Obamacare“, der von Trump verhassten Gesundheitsreform seines Vorgängers. Trump wütete, doch es half nichts. McCain ließ den Präsidenten auflaufen, ganz bewußt, ein letztes Mal.

Nun ist John McCains Zeit gekommen. Es scheint, wie mehrere gut informierte Medien in den USA berichten, nur noch eine Frage von Tagen zu sein. Mit McCain verabschiedet sich ein nicht immer einfacher, aber ein großer Staatsmann. Ein Querdenker, einer, der auf beiden politischen Seiten Freunde und Feinde hatte und hat. Umstritten und durchaus fehlerhaft, der aber zumindest am Ende einige seiner Fehler erkannte, darunter den größten „Sarah Palin“. In seinem Ende Mai erscheinenen Memoiren „The Restless Wave: Good Times, Just Causes, Great Fights, and other Appreciations“ bedauert McCain die Wahl von Palin. Er hätte sich besser für Senator Joe Lieberman als seinen Vize-Kandidaten entscheiden sollen. Eine späte, doch im Nachhinein mehr als verständliche Einsicht.

Hoher Besuch im Weißen Haus

Präsident Donald Trump in trauter Runde. Sarah Palin war auf Einladung Trumps im Weißen Haus. Schon im Wahlkampf hatte sie den New Yorker Milliardär unterstützt. Zum Privatbesuch im Oval Office brachte sie gleich zwei weitere Trump-Unterstützer mit – die beiden Musiker Kid Rock und Ted Nugent. Auch die beiden hatten sich im Wahlkampf immer wieder und lautstark für den Kandidaten Donald Trump stark gemacht.Ob Kid und Ted ein Liedlein auf „Mister President“ anstimmten ist nicht bekannt.

Trump geht seinen Weg

Ein Radiosender aus der Schweiz fragte mich nach meiner Einschätzung über den gewählten Präsidenten Donald Trump. Es seien ja nun schon seit dem Wahlsieg ein paar Wochen ins Land gegangen, wie sei die Stimmung in den USA? Die ist schwierig zu beschreiben, denn Trump macht in Teilen da weiter, wo er als Wahlkämpfer aufgehört hat. Noch immer kommuniziert er tagtäglich über twitter mit Anhängern und Medien. Gibt Inhalte seiner Gespräche bekannt, so, als ob die Zusammenstellung seines Kabinetts eine weitere Folge von „The Apprentice“ wäre. Dann sind da seine Alleingänge, er wisse alles besser. Das geht soweit, dass die Berufsdiplomaten im „State Department“ nur noch die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Trump stapft derzeit auf internationaler Bühne von einem Fettnäpfchen in das nächste.

Donald Trump hat auch in Indiana gezeigt, er macht vieles anders, nicht unbedingt besser. Foto: Reuters.

Donald Trump hat auch bei seinem Auftritt in Indiana gezeigt, er macht vieles anders, nicht unbedingt besser. Foto: Reuters.

Auch seine Auswahl der engeren Mitarbeiter und Minister läßt bislang nichts Gutes erwarten. Es sind teils Hardliner, die alles über den Haufen werfen wollen, was Obama in acht Jahren aufgebaut hat. Das hat dann nichts mehr mit einem Präsidenten für alle Amerikaner zu tun, wie es Trump großspurig angekündigt hatte. Teils sind seine Erwählten Freunde und Geschäftspartner, die zwar das Business kennen, aber vor allem das Business sich selbst in die Tasche zu schaufeln.

Trump verbreitet über twitter und über sein Umfeld gemischte Informationen. Mal gibt er sich offen und präsidial, um dann wieder knallhart von einer Mauer an der mexikanischen Grenze zu reden, ein Ende von „Obamacare“ zu versprechen, er schimpft gegen die „Lügenpresse“ und fordert harte Strafen für jene, die die amerikanische Fahne verbrennen, was ganz selten vorkommt. Selbst hartgesottene Unterstützer von Trump, wie Sarah Palin und Ann Coulter, zeigen sich mittlerweile irritiert. Der Milliardär aus New York macht vieles unüberlegt und gegen die eigentlichen Grundsätze der republikanischen Partei.

Trump geht seinen Weg, ohne Rücksicht auf andere, ohne Rücksicht auf Verluste. Er läßt sich leiten von den Reaktionen seiner „Fans“. Das konnte man auch wieder bei seinen Auftritten in Indiana und Ohio sehen. Trump badet im Pool der Emotionen, läßt sich feiern, sich hochschaukeln, bekommt dabei Eingebungen, die dann zu politischen Forderungen im Land und weltweit werden. Alles unter dem Mantra „Let’s make America great again“. Das macht ihn nicht nur unkalkulierbar, das macht Donald Trump als Präsidenten auch gefährlich.

Wer zieht mit Trump ins Rennen

Die Frage geht derzeit um, wer wird der VP-Kandidat für Donald Trump. Keine leichte Frage, denn wen der selbstverliebte Trump an seiner Seite haben will, der muß einiges mitbringen. Zuallererst, er sollte den Chef nie kritisieren, nicht aus dessen Schatten heraustreten, keine Widerworte geben, denn was Trump sagt ist Gesetz. Schwer vorzustellen, dass jemand wie Newt Gingrich die Rolle übernehmen könnte und würde. Gingrich, ein Washington Insider, wie er im Buche steht, würde sich nicht so einfach den Mund verbieten lassen. Auch eine Sarah Palin würde da mit ihrem losen Mundwerk nicht passen. Sie hat schon oft geredet, bevor sie nachgedacht hat.

Da wäre einer wie Chris Christie, Gouverneur von New Jersey und Trump-Unterstützer, schon besser. Nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentschaftsrennen reihte er sich ziemlich schnell hinter Trump ein und war fortan als das willige Helferlein bei den öffentlichen Auftritten des Donald zu sehen. Er widerspricht nicht und folgt seinem Anführer kritiklos.

General a.D. Michael Flynn ist Donald Trumps Wunschkandidat für den VP-Posten. Foto: Defense Intelligence Agency Public Affairs

General a.D. Michael Flynn ist Donald Trumps Wunschkandidat für den VP-Posten. Foto:
Defense Intelligence Agency Public Affairs

Donald Trump hat nun aber so einige überrascht. Eigentlich dachten viele, er würde einen Partner suchen, der zumindest schon Erfahrung in der Regierungsarbeit hat, etwas die Washingtoner Fahrwasser kennt, der vielleicht auch schon auf dem internationalen Parkett getanzt hat. Doch Donald wäre nicht Donald, wenn er nicht alles anders machen würde. Als heißer Kandidat für den VP-Posten gilt nun auf einmal der pensionierte General Michael T. Flynn, der zuvor die „Defense Intelligence Agency“ leitete. Flynn ist ein registrierter Demokrat, aber ein großer Kritiker von Präsident Barack Obama. Der General a.D. ist bereits ein Berater von Trump im Wahlkampf und hat das Vertrauen des Milliardärs. Das spreche für ihn, so enge Vertraute Trumps. Nach Aussagen dieser nicht namentlich erwähnten Quellen, soll der republikanische Kandidat bereits mehrmals laut vor sich hin „Trump-Flynn“ gesagt haben. „Und der Klang gefällt ihm“, heißt es. Auch, dass dieses Duo ein absolutes Außenseiter-Team wäre reizt Trump.

Noch ist nichts entschieden. Berater von Trump lehnen jedoch den General als möglichen Partner ab. Er habe nicht die Erfahrungen, die Donald Trump helfen könnten, auch sei zu wenig über ihn bekannt, wie er zu bestimmten politischen Themen steht. Die Zeit wird knapp, nur noch wenige Wochen bis zum Parteitag in Cleveland, dann sollte eigentlich das große Fest der Republikaner beginnen. Wen Donald Trump nun als seinen Vize auserwählt, das weiß wohl nur er selbst. Am Ende wird er jemanden präsentieren, der sicherlich „great“ ist und mit ihm Amerika wieder „great“ machen wird. Was anderes hätten wir auch gar nicht erwartet.