Grenzenlose Musik ohne Einreiseverbot

Es gibt eigentlich in jedem Land, in das ich reise, zwei Dinge, die ich unbedingt machen möchte. Zum einen ist es Radiosender, vor allem Community Stationen, besuchen. Zum anderen in Läden nach lokaler Musik auf Vinyl oder CD suchen oder Musiker zu treffen, deren Musik ich aufzeichnen kann und darf. In Somaliland habe ich so Abdi Nasir Macalin aufnehmen können, im Niger lernte ich die Band Studio Shap Shap kennen und lieben.

Musik verbindet, das habe ich erst wieder in Niamey gelernt. An einem Nachmittag im Garten von Laetita probte „Studio Shap Shap“. Sechs Musiker, die alle lächelten und mich Willkommen hießen. Die Musik sprach dann für sich, ein wunderbares Erlebnis, in dem es nicht um Worte und großes Verstehen ging, vielmehr um ein sprachübergreifendes, inniges Zusammensein. Musik verband uns und verbindet uns noch immer.

Foto: AFP.

Seit nunmehr über 20 Jahren produziere und moderiere ich Radio Goethe, eine Sendung, mit der ich versuche im Ausland Interesse an der deutschen Musikszene zu schaffen. Und es geht da nicht nur um Musik, es geht um Sprache, um Kultur, um den Blick in ein anderes Land, um Verständnis und Interesse zu schaffen. Kurz nachdem ich 1996 in die USA kam, begann ich mit der Sendung auf einem Collegesender in San Francisco. Ich wurde eingeladen meine Kultur, meine Wurzeln, meine Musik einer offenen und interessierten Hörerschaft zu präsentieren.

Eigentlich wollte ich nur drei Jahre in den USA bleiben, schließlich beantragte ich die Green Card und wurde auch amerikanischer Staatsbürger. Ich kam mit einem Journalistenvisum und wurde ein Immigrant in diesem Land.

Als Präsident Donald Trump ein Einreiseverbot für sieben zumeist muslimische Länder aussprach, dachte ich, ich müsste etwas sagen, etwas tun. Aber ich wußte nicht was, bis ich daran dachte, eine Radio Goethe Sendung mit Musik aus Somalia, Iran, Libyen, Sudan, Jemen, Irak und Syrien zu produzieren. Im Laufe der Jahre mit Radio Goethe und auf all meinen Reisen, die mich auch immer wieder in Krisen- und Konfliktgegenden, wie Somalia, führten, lernte ich, dass Musik eine universelle Sprache ist, die jeder versteht. Ich habe viele Menschen in den Ländern getroffen, die offen, herzlich und hilfsbereit waren. Ich glaube, dass uns alle mehr verbindet, als uns trennt. Die Musik war dabei immer eine Sprache, die wir alle verstanden haben.

Ich weiß, wenn ich eine Stundensendung mit Musik aus Somalia, Iran, Libyen, Sudan, Jemen, Irak und Syrien produziere, die auf einigen Dutzend College- und Communitystationen ausgestrahlt wird, wird das nichts im Großen ändern. Vielleicht ist es aber ein kleiner Blick, ein Ohr voll, auf die reiche Kultur jener Länder, die den meisten nur durch die hässlichen Schlagzeilen von Krieg, Terror und Krisen bekannt ist.

Von daher, die aktuelle Radio Goethe Sendung gibt es hier zu hören:

      Radio Goethe

 

 

Der Tag gegen die Genitalverstümmelung

Mit Dornen werden die Wunden verschlossen. Foto: Peltner.

Heute, am 6. Februar ist der Internationale Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Rund 230 Millionen Frauen sind weltweit von dieser brutalen Praxis betroffen. Noch immer werden in vielen afrikanischen Ländern junge Mädchen „beschnitten“.

Im vergangenen Sommer reiste ich nach Somaliland, um mit betroffenen Frauen zu sprechen, aber auch Frauen zu treffen, die sich organisieren, die etwas gegen diese alte traditionelle und brutale Praxis unternehmen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, denn die „Beschneidung“ ist tief verwurzelt in der somalischen Kultur. Hinzu kommt, dass viele Menschen – auch im Westen – noch immer meinen, dass die Genitalverstümmelung im Koran vorgeschrieben ist. Doch das stimmt nicht. Die Frauen, die ich in Somaliland traf, versuchen gemeinsam mit religiösen und traditionellen Führern gegen den Irrglauben und die Tradition anzukämpfen. In den Städten, in den Dörfern und in den nomadischen Gemeinden auf dem Land.

Heute wird auf dem Schweizer Rundfunk das Feature „Eine mörderische Praxis“ als Teil einer Sendung gegen die Genitalverstümmelung an diesem Internationalen Tag gegen FGM ausgestrahlt. Das Feature kann man hier hören:

      Eine mörderische Praxis

 

Das gewollte Chaos des Mister Trump

Eine Woche im Amt, dann kam der große Knaller. Zuvor hatte King Donald I schon mehrfach per Dekret wichtige politische Entscheidungen seines Vorgängers Barack Obama ausgebremst und ausgehebelt. Trump wollte schnell einen neuen Ton in Washington setzen.

Und dann am vergangenen Freitag die umstrittenste aller Entscheidungen, Menschen aus Somalia, Sudan, Iran, Irak, Syrien, Jemen und Libyen voerst die Einreise in die USA zu verweigern. Ein Einreiseverbot für Muslime meinten die einen. Ein Einreiseverbot für „radical islamic terrorists“ argumentierte Trumps Umfeld, so, als ob sich Terroristen ordnungsgemäß an Pass- und Visagesetze und die Formalitäten des internationalen Luftverkehrs hielten.

Foto: Reuters.

Donald Trump und seine Gehilfen fegen durch Washington ohne Rücksicht auf Verluste. Alles wird in Frage gestellt, Geschichte wird umgeschrieben, Verträge gekündigt, Freundschaften beendet. Nach außen wirkt alles stümperhaft, nicht durchdacht, überhastet, ohne Plan. Doch Trump und seine Berater haben einen Plan, den haben sie schon im Wahlkampf deutlich gemacht. Sie wollen Amerika neu ausrichten und das mit einer Chaos-Strategie. Trump twittert weiter, wettert und hetzt gegen Demokraten, Medien und alle, die sich ihm in den Weg stellen, darunter auch namhafte Republikaner wie die Senatoren John McCain und Lindsey Graham.

Es sieht nach Unvermögen aus, das Ziel nicht erkennbar. Trump hat jedoch in diesen Tagen das Ziel fest vor Augen. Er will seine Basis stärken, verbreitet dafür Falschmeldungen, und alles was über ihn, seine Entscheidungen und Absichten berichtet wird, bezeichnet er als „Fake News“. Auf seinem Haussender FOXNews haben sich so einige Moderatoren, allen voran Sean Hannity, zu Bütteln des neuen Kaisers gemacht. Trump schafft bewußt Unruhe, will die Gesellschaft spalten und so seine Gefolgschaft ganz auf sich ausrichten. Was er sagt stimmt, was die anderen sagen ist falsch. Gegenfragen sind nicht erlaubt und werden als unerlaubte Kritik am „Big Man“ gesehen.

Die Trump-Anhänger jubeln, endlich einer, der in Washington aufräumt, durchgreift, seine Wahlversprechen einlöst. Zumindest sieht es danach aus, doch Trump kann nicht auf Dauer per Dekret regieren. Was er aber schafft ist, er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf den Kongress und schiebt den Abgeordneten und Senatoren die Schuld zu: „Ich würde ja gerne machen, aber die unterstützen mich nicht“. Die Mauer muß gebaut, der Umweltschutz beendet, Unternehmen gezwungen, Terroristen die Einreise in die USA versperrt werden. America First!

Noch jauchzen die Trumpschen Chöre, denn bislang betrifft sie nicht das, was er umsetzt. Die „New York Times“ und „Washington Post“ lesen sie nicht, CNN schauen sie nicht, die Mauer stört sie nicht, eine Ölpipeline durch Reservate geht sie nichts an, Hauptsache das Benzin wird billiger. Flüchtlinge aus Somalia und Syrien kennen sie nicht. Von daher „Make America Great Again“, „Hire American, Buy American“. So sehr ich mich vor diesem Vergleich auch scheue, all das erinnert mich an die Worte von Pastor Martin Niemöller:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Ein Kampf ums Überleben

Eine Woche Donald Trump im Weißen Haus zeigt, der „American Dream“ und die „American Values“ sind in Gefahr. Ein harter und intensiv geführter Kampf steht in den USA an. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, ja, die Demokratie an sich steht auf dem Spiel.

Donald Trump zeigt einen Regierungsstil, der an den von Diktatoren erinnert. Mit einer Unterschrift ordnet er an. Und das mit weitreichenden Folgen, wie nun das Einreiseverbot für Muslime aus dem Iran, dem Irak, Jemen, Syrien, Somalia, Libyen und Sudan zeigt. Was er sagt stimmt, auch wenn das noch so abwegig und offensichtlich falsch ist. Trump glaubt, was er aus seinem eigenen Mund hört. Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren.

Foto: Reuters.

Noch gibt es jedoch Medien und Politiker, Kommentatoren, Fachleute und Bürger, die sich einmischen. So twitterte der frühere Ethik-Berater von Barack Obama, Norm Eisen, von der Gruppe „Citizens for Responsibility and Ethics in Washington“: „WARNUNG: Mister President, ihr Muslimbann läßt Länder unbeachtet, in denen Sie Geschäftsinteressen haben. Das ist eine Verfassungsübertretung. Wir sehen uns vor Gericht.“ Auch die massiven Protestveranstaltungen am Tag nach dem das neue Kapitel in der amerikanischen Geschichte endgültig aufgeschlagen wurde machten das deutlich. Die amerikanischen Straßen beben und es scheint ganz so, dass sich viele in den USA nicht mit dem Status Quo, mit diesem Mann im Oval Office abfinden wollen.

Trump unterschrieb auch ein Dekret, das finanzielle Mittel für all jene Städte streichen soll, die sich selbst als „Sanctuary City“ einstufen, also Städte, die unter bestimmten Umständen nicht mit den Einwanderungsbehörden zusammen arbeiten wollen. Sie behandeln all ihre Bürger gleich, unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Darunter sind etliche Bay Area Städte. Die „Mayors“ trafen sich nun – Berkeley Mayor Jesse Arreguín, San Francisco Mayor Ed Lee, San Jose Mayor Sam Liccardo, Oakland Mayor Libby Schaaf – und machten in einer gemeinsame Stellungnahme deutlich, dass sie sich nicht den Drohungen von Donald Trump beugen wollen. Die Gelder, die der Präsident nun streichen will, sind nicht unerheblich. Allein Oakland erhält 130 Millionen Dollar aus Washington, Gelder, mit denen Bildungsmaßnahmen und polizeiliche Projekte finanziert werden. Trump, so die Bürgermeister, spiele mit dem sozialen Frieden und der Sicherheit in vielen amerikanischen Städten.

Doch Donald Trump wird sicherlich nicht auf die gemeinsame Stellungnahme aus der Bay Area hören. So etwas geht ihm wohl wahrlich an der Haartolle vorbei. Trump ist resistent für einen produktiven Dialog. Nach einer Woche im Amt trampelt er weiter über all das, für was Amerika einmal stand. Sogar vor der weltweiten Erinnerung am internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts macht Trump nicht Halt. Er unterschrieb sein unsinniges Dekret zum Einreiseverbot für Menschen aus dem Iran, dem Irak, Jemen, Syrien, Somalia, Libyen und dem Sudan ausgerechnet an diesem 27. Januar 2017. Wer noch immer glaubt, Trump werde ein großer Staatsmann mit Weitsicht, Ehrfurcht und Verantwortungsbewußtsein sein, der sollte sich all die Tweets und Reden und Entscheidungen dieses Mannes durchlesen, die er in dieser einen Woche von sich gegeben hat. Wort für Wort. Das sagt alles aus über Präsident Donald Trump.

 

 

Leben mit dem Terror

Berlin, Breitscheidplatz. Der Terror trifft die deutsche Hauptstadt. Kein militärisches, kein politisches Ziel, vielmehr das alltägliche Leben. Viele fragen, wo kann man noch sicher sein, wenn nicht unbekümmert und feiernd, einen Glühwein trinkend auf einem Weihnachtsmarkt?

Wir alle leben schon sehr lange mit der Angst vor der Gewalt. Nicht erst seit dem 19. Dezember 2016, nicht erst seit dem 11. September 2001. Auch wenn es so scheint, der Terror ist nicht neu in unserem Leben. Die „University of Maryland“ sammelt seit Jahren in ihrer „Global Terrorism Database (GTD)“ die Daten und Fakten von Terroranschlägen rund um den Globus. Mehr als 150.000 Vorfälle zwischen Januar 1970 und Dezember 2015 wurden darin aufgelistet. In Europa waren es in diesem Zeitraum 18.803 Terroranschläge bei denen 10.537 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Anschläge nahm nicht zu, allerdings stieg 2014 und 2015 die Zahl der Todesopfer auf einen Höchststand seit 2004.

Wir leben schon lange mit dem Terror: Foto: Reuters.

Zwischen den 70er und 90er Jahren war der Terror für Europa eher ein nationales Problem. Die IRA bombte in England und Irland, die ETA in Spanien, die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Action Directe in Frankreich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verrutschte auch der Schwerpunkt der Angriffe auf der Landkarte des Terrors Richtung Osten. Plötzlich gab es Anschläge in Russland, der Ukraine, im Kaukasus. Der Terror hat dann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch noch einen anderen, einen neuen und nicht weniger brutalen Anstrich bekommen. Statt Bomben und Blut für vermeintliche politische Ziele, wurden nun auch noch die Menschen im Namen Allahs terrorisiert.

Es sind bedrückende Zahlen, die man in diesen trockenen Statistiken lesen kann. Auch jene, die beschreibt, dass im Zeitraum zwischen Januar 2015 und Juni 2016 in Europa und Amerika 658 Menschen bei 46 Terroranschlägen ihr Leben verloren. Im Nahen Osten, Afrika und Asien gab es im gleichen Zeitraum 50mal mehr Todesopfer. 20.031 Menschen starben bei 2.063 Angriffen. Das Blutbad reicht um den Globus.

Wir leben mit der Terrorgefahr und das schon lange. Der gewaltsame Versuch einiger weniger, das Leben der Mehrheit zu verändern ist Teil des Alltags geworden. In den USA, im Irak, in Somalia und auch in Deutschland. Die Art und Weise, die Intensität der Anschläge und die Zahl der Todesopfer hat zugenommen. Mit dem Anschlag von Berlin werden wir wachgerüttelt, dass es hier „auch“ passieren kann. Obwohl wir das schon lange wissen und damit leben, damit zu leben gelernt haben.

Mit CARE nach Afrika

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

In der Vorweihnachtszeit wird viel gespendet. Es ist nicht einfach, die richtige Organisation zu finden, der man vertraut, bei der man weiß, die Spende – ob groß, ob klein – kommt auch an. Schon mehrmals war ich mit der Organisation CARE Deutschland in Afrika unterwegs. Es ging in den Kongo, in den Tschad, nach Somaliland und Puntland und schließlich vor kurzem in den Niger. Vor Ort konnte ich mich über die Arbeit von CARE informieren, selbst sehen, wie das gespendete Geld eingesetzt wird, wie die finanziellen Mittel in den verschiedensten Projekten ankommen, genutzt werden.

Das reicht von der Flüchtlings- und Nothilfe im Osten des Kongos und im Süden des Tschad, über Bildungs- und Fördermaßnahmen in Somaliland und Puntland, der Unterstützung von lokalen Organisationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung am Horn von Afrika bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten im vom Klimawandel betroffenen Niger und Gesundheitssendungen im dortigen Radio. Und das war und ist nicht alles, CARE ist breit aufgestellt in derzeit 90 Ländern.

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Auf den Reisen mit CARE lernte ich viel. Zu den Themen, über die Menschen, die Länder, die Kulturen. Aber auch über mich selbst. Vieles war nahegehend, was ich gesehen, was ich gehört habe. Oftmals war es eine Erdung für das eigene Leben. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind die vielen Projekte von CARE, wie sie angenommen und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht einfach so dahingesagt, die Hilfsorganisation hat selbst viel in den 70 Jahren ihrer Existenz dazu gelernt. Wurden am Anfang, 1946, Lebensmittelpakete aus Amerika in das zerstörte Europa geschickt, um so das Leid und die Not etwas zu lindern, merkte man schnell, dass da mehr gebraucht wird. Schon kurz nach den ersten Lebensmittelpaketen, verschickte man auch Saatgut-, Werkzeug-, Arzneimittel-Pakete – Hilfe zur Selbsthilfe.

Und heute ist dieser Ansatz in allen Bereichen der CARE Arbeit zu finden. Neben der Nothilfe geht es auch immer darum, den Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie mit etwas Unterstützung selbst erreichen können. In den kommenden Tagen berichte ich in einer dreiteiligen Serie in der Printausgabe der Nürnberger Zeitung über CARE, der Fokus liegt dabei auf meiner jüngsten Reise in den Süden des Niger.

Unterstützen kann man die Hilfsorganisation direkt mit einer Spende:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE93 3705 0198 0000 0440 40
BIC: COLSDE33
Stichwort: Afrika Nothilfe
www.care.de/spenden

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Von einer Wüste in die andere

Eine weitere Reise steht an. Eine, der etwas anderen Art. „Black Rock City“ ist das Ziel, eine Woche lang, die drittgrößte Stadt im Bundesstaat Nevada. Von hier in Oakland sind es ein paar Stunden bis Reno, dann geht es noch ein Stückcken weiter auf dem Interstate 80, bis zum Highway 447 Richtung Gerlach. Durch Indianergebiet auf einem endlos langen Highway. Das Ziel ist das „Burning Man“ Festival, alljährlich findet es in der Woche vor dem Labor-Day statt.

Gerade habe ich die nächste Radio Goethe Sendung produziert, den passenden Soundtrack für die Playa. Deutscher Elektrosound, harte, treibende Beats. Etwas für die Anreise. Das letzte Mal war ich 2013 bei diesem einzigartigen Festival, 2014 und 2015 klappte es nicht mit den Tickets. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, die 60.000 Karten sind innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Pressetickets gibt es sowieso nicht, auch, wenn ich Jahr für Jahr über „Burning Man“ berichtete. Aber dieses Jahr bin ich wieder dabei, auch wieder zum Berichten. Zumindest einmal noch will ich es sehen.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was einen immer wieder in den Staub, die Hitze, auf die Playa zieht. Für einige ist es die konstante Rave-Party. Man findet dort gigantische Soundanlagen, Weltklasse DJs, die unterm Sternenhimmel ihren Klangmix auflegen. Dazu diese schrille Mischung aus Love-Parade und apokalyptischen Mad Max Filmszenen, Themencamps, Freiheiten und ein Community-Gedanke, den man nirgends sonst in den USA findet. Und es ist ein Stück Gegenkultur, Amerika präsentiert sich auf diesem ausgetrockneten Seebett ganz anders. Was mich jedoch immer wieder dorthin zieht, sind die eigenwilligen Kunstprojekte, die manchmal über Nacht aus dem Playaboden zu wachsen scheinen. Mir sagte mal jemand, „Burning Man“ ist die größte Galerie der Welt, hier könne man als Künstler fast alles realisieren. Der Fantasie sind in dieser Woche wahrlich keine Grenzen gesetzt.

In der kommenden Woche geht es los, ein krasser Gegensatz zu meiner aktuellen Arbeit über die weibliche Genitalbeschneidung in Somaliland. Von einer Wüste in die andere. Von einer Kultur in die andere. Von einem Extrem zum anderen. Aber ich bin mir sicher, ich werde da draußen ein paar ruhige Momente finden, um mal in mich zu gehen. Auch das ist „Burning Man“, die Seelen-Tankstelle im gestressten Alltag.

Das Land der starken Frauen

Es geht dem Ende zu. Ein Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung brachte mich hierher ans Horn von Afrika, genauer gesagt in die Republik Somaliland, ein Land, das es offiziell nicht geben darf. Als ich die Ausschreibung der Stiftung gelesen hatte, dachte ich sofort an das Thema „Female Genital Mutilation“ oder Genitalverstümmelung. Ein Thema, das keineswegs einfach ist, vor allem nicht für einen Mann, vor allem nicht für einen Mann aus einem westlichen Land. Als ich im November hier war, sprachen viele Frauen jedoch ganz offen darüber, was mich verwunderte. In Absprache mit dem CARE Büro in Bonn traute ich mich dann doch an dieses Thema, gerade auch, weil ich die Zusage der Unterstützung vor Ort erhielt. Ohne die wäre die Realisierung all der Interviews und Einblicke gar nicht möglich gewesen.

NAGAAD ist eine lokale NGO, die mir vermittelt wurde. Sie arbeiten im ganzen Land, unterstützen Frauenprojekte, „Women’s Empowerment“, in auch noch so entlegenen Gegenden. Und dabei spielt FGM immer eine Rolle. Die Gesundheitsprobleme für Kinder, Jugendliche, junge und alte Frauen sind einfach zu groß, um dieses gewaltige Thema in der täglichen Arbeit auszugrenzen.

Auf dieser Reise in Somaliland traf ich vor allem starke Frauen. Engagiert, zielgerichtet, „outspoken“, kritisch. Fast alle sind von der Genitalverstümmelung betroffen, und gerade vor diesem Hintergrund setzen sie sich ein. Sie organisieren sich nicht nur in den Dörfern, suchen die Gespräche, zeigen auf, dass FGM nichts mit dem Islam zu tun hat, fordern von den religiösen Führern im Land, von den Politikern, von Männern allgemein klare und deutliche Worte.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan kämpft seit 40 Jahren gegen die Genitalverstümmelung. Sie war mit dem früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, verheiratet, und selbst auch Außenministerin Somalilands. Schon in den 70er Jahren engagierte sie sich. Heute trägt ein Hospital in Hargeisa ihren Namen, das hat sie selbst aufgebaut. Das „Edna Adan University Hospital“ hilft vor allem Frauen und Kindern. Doch hier werden auch Hebammen ausgebildet. Edna Adan nennt sie „my foot soldiers“, ihre Mitstreiter im Einsatz. FGM ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Die fast 79jährige ist unermüdlich im Einsatz. Sie habe alles im Leben gesehen, mit Präsidenten diniert, den Luxus gehabt. Heute lebt sie gleich neben ihrem Büro im ersten Stock des Krankenhauses, ihre Tür ist immer offen. Sie ist das Gesicht der somiländischen Frauenbewegung gegen FGM geworden.

In diesen Tagen in der Region traf ich aber auch viele Frauen, deren Hintergrund ganz anders ist, ganz einfach und doch nicht weniger engagiert. Sie waren bereit mit mir zu sprechen, weil man über FGM offen sprechen muß, erklärten sie. In Gesprächen flossen Tränen, schlimme Erinnerungen wurden wieder hervorgeholt. Alleine als Mann hätte ich diese Interviews nie führen können, nie die Tiefe erreicht. In Hodan Elmi von CARE fand ich eine beeindruckende Frau, die mir zur Seite stand, mich beriet, was ich fragen kann und was nicht, was ich vorab wissen sollte, welche Zusammenhänge es gab und gibt. Unermüdlich erklärte sie, übersetzte sie und „öffnete“ für mich die Gespräche. Auch sie selbst kam an ihre Grenzen. Beeindruckend war für uns das Treffen in Gabiley mit betroffenen Frauen, eine von ihnen führte die „Beschneidungen“ durch. Die anderen Frauen erklärten im Gespräch, sie versuchten immer wieder ihr zu helfen, einen anderen Job zu finden. „Ich muß aber meine Familie ernähren“, meinte diese. Sie würde ja aufhören, aber das Geld für ihr „Handwerk“ unterstütze nicht nur sie.

In der somiländischen Hauptstadt Hargeisa wird offener über das Thema gesprochen. Hier leben viele aus der Diaspora, Rückkehrer aus England, Holland, Deutschland, den USA und Kanada. Sie treiben die Diskussion um einen allgeimein Stopp der Genitalverstümmelung mit an. „Zero Tolerance“ ist das Ziel. In den engagierten und rastlosen Frauen und Männern von NAGAAD und anderen lokalen Organisationen im ganzen Land, sind sie auf tatkräftige Mistreiterinnen gestoßen. Gemeinsam wird schon seit Jahren für ein Ende dieser uralten, doch sinnlosen Tradition gekämpft. Und ihre Stimme wird mit jedem Tag lauter.

Ein Land voller Schmerzen

Drei Buchstaben sind es: FGM. Sie stehen für „Female Genital Mutilation“, übersetzt wird das fälschlicherweise oftmals mit weiblicher Beschneidung. Doch das trifft es nicht, ganz und gar nicht. Wenn man von Beschneidung spricht, denkt man an die Beschneidung eines Jungen, wie es bei Juden, Muslimen und auch in den USA ganz normal ist. Die Vorhaut wird dabei abgetrennt, ein kleiner chirurgischer Eingriff. „Female Genital Mutilation“ ist dagegen Genitalverstümmelung. Zumeist Mädchen im Alter zwischen 5-10 Jahren werden dabei ein Leben lang gezeichnet.

Dabei werden vier Typen unterschieden, Typ I ist die Entfernung der Klitoris, Typ II die Entfernung der Klitoris und der Schamlippen. Typ IV alles was nicht unter I, II oder III fällt. Die schlimmste Methode ist die Infibulation nach Typ III, oder auch „pharaonische Beschneidung“ genannt. Und die ist am weitesten verbreitet am Horn von Afrika.„Die Beine des Mädchens werden von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die Wunde heilen kann. Die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre wächst zusammen und verschließt den Scheidenvorhof. Lediglich eine kleine Öffnung für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete wird geschaffen, indem ein dünner Zweig oder Steinsalz in die Wunde eingefügt wird. Durch diese Behinderung kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass die Vulva wieder aufgeschnitten werden muss, um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginalöffnung mit einem scharfen Gegenstand erweitert werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. Manchmal wird an unbeschnittenen schwangeren Frauen vor der Entbindung eine Infibulation durchgeführt, weil geglaubt wird, dass Berührung mit der Klitoris zu Fehlgeburten führt. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.“ (Quelle Wikipedia).

Die Stiftung Weltbevölkerung hat es mir ermöglicht, auf diese Reise nach Somaliland zu gehen. Eine Reise, die mich oftmals an Grenzen gebracht hat. Es ist ein Thema, über das kaum jemand sprechen will. In Deutschland und den USA, jene Länder, in denen ich mich bewege, ist nicht viel bekannt über FGM, meist nur, dass aus religiösen Gründen die Klitoris abgeschnitten wird. Der Islam wird dabei verflucht, was für eine Religion sei das, die so etwas zulässt, wird abgeurteilt.

Ich gebe zu, ich habe auch nicht viel darüber gewußt, bis ich 2014 mit CARE in den Tschad und im letzten November hier ans Horn von Afrika reiste. Das Thema kreuzte immer wieder unseren Weg. In den Flüchtlingslagern im südlichen Tschad, in Somaliland und Puntland in den Gesprächen in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Doch das ganze Ausmaß dieses barbarischen Aktes hatte ich auch nicht vor Augen.

"Female Genital Mutilation" geschieht nicht im Namen des Islam.

„Female Genital Mutilation“ geschieht nicht im Namen des Islam.

Schon am ersten Tag, kurz nach meiner Ankunft, stand das erste Interview an. Edna Adan, ausgebildete Krankenschwester, hat hier ein Hospital eröffnet. Seit 40 Jahren ist sie eine der wohl bekanntesten Kämpferinnen gegen FGM. Auch sie ist betroffen, wie eigentlich jede Frau, die ich hier im Laufe meines Aufenthaltes getroffen habe. Um das Krankenhaus aufzubauen, spendete die Witwe des früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, ihre Pension und ihr Vermögen. Ganz ruhig und sachlich berichtete sie von ihrem fast aussichtslos erscheinenden Kampf gegen tief verwurzelte Überzeugungen, eine Kultur des Schweigens, gegen scheinbar unüberbrückbare Fehlinformationen. Die fast 78jährige ist dennoch voller Energie. Mehr und mehr Mistreiterinnen und Mitstreiter findet sie für diesen Kampf.

Am Tag danach saß ich mit Frauen im Büro von Nagaad zusammen. Vertreterinnen der Frauenrechtsorganisation, die schon 1997 gegründet wurde, und Frauen aus einem Flüchtlingslager am Rande der Stadt. Sie alle arbeiten daran, die hohe Rate von weiblicher Genitalverstümmelung in Somaliland zu senken. Und die ist hoch, weit über 90 Prozent. Alle Frauen, die im Kreis in diesem kargen Raum um mich herumsaßen waren Betroffene. Eine 70jährige berichtete davon, dass sie noch immer massive Gesundheitsprobleme habe. Und dennoch, sie selbst hat ihre Töchter und Enkelinnen „beschnitten“. Das verlangte ihre Religion, glaubte sie. Zumindest sei sie davon über all die Jahre überzeugt gewesen. Erst vor kurzem hat sie gelernt, dass im Koran nichts von dieser frauenfeindlichen und schmerzhaften Prozedur steht. Die Vertreter ihrer Religion hätten sie enttäuscht und betrogen. Ein Leben lang. Als sie das begriff ging sie zu ihren Töchtern und bat um Vergebung für das, was sie ihnen angetan hatte.

Persönliche Geschichten und Erfahrungen wie diese sind kein Einzelfall. Die Frauen erzählen bereitwillig, denn sie wissen, der Deckmantel des Schweigens ist ein Grund dafür, warum diese gewaltsame Prozedur noch immer in ihrem Land, in ihrer Kultur und vermeintlich im Namen ihrer Religion durchgeführt wird.

Mit der Wumme über den Markt

Trump und Knarren in Hargeisa.

Trump und Knarren in Hargeisa.

Das erlebt man auch nicht alle Tage. Am Morgen wollte ich hier auf den Markt gehen. Meine Begleiterin meinte gestern, lass uns mit dem Bus fahren, das ist ein Erlebnis. Doch dazu kam es nicht. Am Morgen fuhren gleich mehrere Pick-up Wagen auf das Hotelgelände, Polizei und Militär zeigten Präsenz. Und auch überall in der Stadt sah man Uniformierte. Was das bedeutete, war mir anfangs nicht klar. Etwas später erfuhr ich, dass der Hafen von Berbera für 30 Jahre an ein saudisches Unternehmen verpachtet werden soll, die somaliländische Regierung dieses Projekt allerdings hinter verschlossen Türen aushandelte. Die Öffentlichkeit im Land verlangte Einblick in den Deal. In Berbera kam es schon zu Protesten, man fürchtete nun, dass es auch in Hargeisa zu Demonstrationen kommen könnte.

Zum Markt bin ich dann dennoch gekommen, allerdings nicht im öffentlichen Bus, sondern in einem Wagen und neben mir ein junger Soldat im Kampfanzug mit einem Kalaschnikow-Gewehr. Der lächelte, begrüßte mich per Handschlag lachte, als ich im erklärte, so sei ich auch nicht zum Einkaufen gefahren. Da fühlte ich mich so richtig sicher. Und so gingen wir dann über den Markt. Hier mal Tee getrunken, auch der Soldat trank einen, und half dann sogar beim Finden von diversen Läden, fragte hier und da nach und wies den Weg durch die vielen Gänge des Marktplatzes.

Auf dem Weg im Auto unterhielten wir uns über….yeap, Donald Trump. Man will es nicht glauben, doch selbst am Horn von Afrika hört man genauhin, was der Donald aus New York da wieder von sich gelassen hat. Auch die jüngste Meldung, dass er quasi indirekt Hillary Clinton zum Abschuß freigegeben hat, war hier schon bekannt. Und ja, der Fahrer hatte selbst Verwandte in den USA, die sich große Sorgen machten, denn als Somalier sind sie ja aus einem Land, in dem es Terror gibt, also ein Land, dass auf Trumps Hassliste steht.

Ich versuchte dann zu erklären, dass Donald Trump wahrlich nicht für die Mehrheit der Amerikaner spricht, dass seine bislang erfolgreiche Kandidatur eher ein Zeichen für das verrückte und kaputte Wahlsystem der USA sei. Nun also bin ich auch in der Rolle, die USA zu verteidigen. Und im Angesicht von Donald Trump mache ich das nur zu gerne. Der Pass verpflichtet, denn Trump ist wahrlich nicht der Grund gewesen, warum ich das umfangreiche Prozedere der Staatsbürgerschaft auf mich genommen habe.

Ach ja, die Polizei und das Militär waren um 13 Uhr wieder abgezogen. In Somaliland wird nur morgens zwischen 7:30 und 12:30 protestiert, nachmittags, heisst es, ist es zu heiß. Da keine Demonstranten am Morgen kamen, war die Sache also damit vorbei. Das nennt man dann StreitKultur!