Bring me back to Sudan

Da sitze ich an einem Sonntagmorgen in meinem Büro in Oakland und lese mich durch die Nachrichten der vergangenen Tage. Klar, auch unterwegs warf ich immer mal wieder einen Blick auf verschiedene News Seiten und las auch, was Donald Trump da wieder per Twitter von sich gab. Doch das war irgendwie alles weit weg. Nun bin ich zurück, kein Weg führt mehr drum herum. Wir sind 13 Monate vom Wahltag entfernt und diese 13 Monate werden lang.

Was geht nur in diesem Kopf vor? Foto: Reuters.

Es ist schon faszinierend, wie ein selbstverliebter Präsident eigene Fehler umkehren und sich als Opfer einer Verschwörung darstellen kann. Kräfte im „Deep State“ versuchten ihn zu stoppen, so Trump. Seine Anfrage an den ukrainischen Präsidenten zur Aufnahme von Ermittlungen gegen die Biden Familie sei schließlich seine Pflicht im Kampf gegen Korruption. Das muss man können, Dinge so zu drehen, dass egal was, man immer als Opfer gesehen wird. Und Trump macht das nicht nur für sich, auch seine republikanischen Mitstreiter glauben dieses Tollhausmärchen. Das grenzt schon an eine Bananenrepublik.

Trump malt sich seine eigene Realität, die bekannte „Alternative Reality“, in der nur er recht hat, in der nur das zählt, was er sagt, in dem Fakten nur dann Fakten sind, wenn sie ein Trump-Siegel erhalten. Dass er bei der Wahl 2016 weniger Stimmen als seine Konkurrentin Hillary Clinton erhielt, wurmt ihn noch immer. Und auch, dass Mitt Romney bei der Wahl 2012 mehr Stimmen als er erhielt, kann er nicht abhaben. Beide geht er deshalb nach wie vor an. Und dann sind da eben auch noch diese unsäglichen Geistergeschichten von Verschwörungen, einem „Deep State“, einem langen Arm der Demokraten, einer korrupten Medienlandschaft, die ihm alle nur ans Fell wollen. Donald Trump das Opfer.

Er dreht die Dinge, wie sie gerade kommen und seine Anhänger und weite Teile seiner Partei folgen ihm kommentar- und kritiklos. Das macht die Sache nun gefährlich, denn falls Trump die Wahl verlieren sollte, werden viele in seinem Lager davon überzeugt sein, dass der Wahlausgang manipuliert wurde, dass der „erfolgreichste Präsident aller Zeiten“ (Trump über Trump) um seinen Wahlsieg gebracht wurde. In einem Land, das bis zu den Zähnen bewaffnet ist, sind das keine guten Aussichten, denn von Donald Trump wird man nicht erwarten können, dass er eine Niederlage eingesteht, still und leise aus dem Amt scheidet, Platz macht für seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger. 13 Monate werden sehr lang werden, am Ende wird in den USA nichts mehr so sein wie es einmal war. Über all diesen Irrsinn, die Halbwahrheiten, Vermutungen, Verschwörungen, Verleumdungen und Beleidigungen zu berichten, das steht nun an. Da wünsche ich mir eigentlich, wieder in den Sudan, nach Somaliland oder in den Niger zurückkehren zu können, um über wirkliche, reale Probleme berichten zu können. Goodnight, America!

Momente wie diese

Zweifel habe ich oft. Ob ich die Geschichte, über die ich berichten will, auch wirklich erzählen kann, ob ich die Interviews, die Töne, die Musik bekomme, die ich für ein klangvolles Feature brauche. Manchmal geht es einfach nicht voran, manchmal sehe ich den roten Faden nicht, der sich durch die Story ziehen soll, manchmal klappt hinten und vorne einfach nichts. Bei dieser Geschichte über die Bedeutung von Musik in Konfliktgegenden und Zeiten der Krise, an der ich gerade arbeite, ist das nicht anders. Ich musste meinen Flug nach Somaliland für 700 Euro umbuchen, weil derjenige, mit dem ich vor Ort unbedingt reden musste, der mir viele Interviewpartner vor Ort vermitteln wollte, mir wenige Tage vor dem Abflug in einer Mail schrieb, ich solle doch einen Tag vorher fliegen, da er an meinem eigentlichen Anreisetag nach London fliege. Es war kein Notfall und er wusste seit Mai, dass ich an diesem Tag im September ankomme.

Vieles was sein sollte, ergab sich dann nicht und ich begann innerlich etwas zu rotieren. Wie sollte ich die Geschichte nun erzählen? Ich suchte nach anderen Interviewpartnern in Somalia. Einer, der von sich behauptet, er setze sich sehr für die somalische Kultur ein, dafür, dass die Menschen in den westlichen Nationen Somalia und Somaliland verstehen lernen, ließ mir über seinen Manager in London mitteilen, dass er nur für einen Vorabbetrag von $400 mit mir sprechen würde. Soviel zum Kulturaustausch.

Ein musikaliscer Bilderbuchmorgen in Niamey.

Die Zweifel an dieser Story waren da, auch wenn ich wunderbare Menschen treffen und mit ihnen sprechen konnte, aber diese rote Linie fehlte noch für mich. Dann ging es weiter nach Niamey. Interviews und Eindrücke, die mir die Größe, diese Übergröße dieses Themas vor Augen führen, auch, dass ich das Thema nur ankratzen werde. Musik ist eine wunderbare Sprache, komplex, tief, vielseitig und vielleicht auch unbeschreibbar.

Gestern erlebte ich diese Augenblicke, die dann ganz anders waren. Am Morgen wurde ich quer durch die Stadt zu einem Grundstück gefahren, hohe Mauern, eine gewaltige Metalltür. Dahinter ein offener Platz, ein paar Zelte, Behausungen, ein Schaf blöckte laut, ein paar Ziegen liefen herum, Kinder spielten im Sand. Vom Nebenhaus war Gehämmere zu hören. Es war schon sehr heiß an diesem Morgen, mir lief der Schweiß runter. Eine Frau winkte uns heran, breitete unter einem niedrigen Dach aus Stroh zwei Matten aus, darauf legte sie eine Decke. Moussa, mein Begleiter, und ich setzten uns auf ein paar niedrige Stühle und warteten. Nacheinander kamen drei Tuareg Musiker, die mir Fragen beantworten und ein paar Lieder spielen wollten. Ich sass schließlich da und merkte mal wieder, dass ich einen wunderbaren Job habe, der mich in andere Länder bringt, der mir neue Kulturen zeigt, der mich zu Menschen führt, denen ich Fragen stellen kann, die oftmals beantwortet werden, dass ich Eindrücke erhalte, Augenblicke erlebe, die einzigartig, die bereichernd sind. So auch dieser auf diesem offenen Gelände unter dem Strohdach. Am Schluss noch ein Liedgeschenk, ein traditionelles altes Tuareglied.

Musik, Lagerfeuer, Wetterleuchten und frisch aufgebrühter Tee.

Am späten Nachmittag brachte mich Moussa dann zu seiner Band. Junge Leute sassen in einem Hof zusammen und spielten, sangen, jammten. Unglaublich, welche Kraft Musik ausdrücken kann. Danach fuhren alle raus aus der Stadt zu einem Seitenarm des Niger, unterwegs hielten wir noch an, um Mehl, Wasser und Holz einzukaufen. Auf einer Sandbank dann wurden kleinere Lagerfeuer entfacht, eins zum Tee kochen, eins zum Brot backen, eins für eine Fleischsoße. Während alles zubereitet wurde, griffen zwei zu Gitarren und begannen zu spielen, einer nutzte eine Kalebasse als Percussioninstrument, es wurde gesungen, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Am Himmel braute sich ein Unwetter zusammen, ein gewaltiges Wetterleuchten erhellte die sich auftürmenden Wolken, doch es blieb trocken, der aufkommende Wind war angenehm bei dieser drückenden Hitze. Ich legte mich zurück und ließ die Musik einfach wirken. Irgendwo im Niger lag da ein zufrieden lächelnder Berufszweifler, der in diesem Moment erkannte „life’s good“.

 

Goodbye Somaliland

Eine Woche Recherche in Somaliland neigen sich dem Ende zu. Es ging um die Musik, um die Kultur in dieser Region am Horn von Afrika. Eigentlich dachte ich, ich müsste für dieses Thema auch nach Mogadischu reisen, denn die Hauptstadt Somalias galt gerade in den 1970er Jahren als ein Zentrum der Musik. Hier kamen Einflüsse aus Afrika, der arabischen Welt, aus Europa, Indien und China zusammen und vermischten sich mit dem, was die somalische Musik seit Jahrhunderten ausmacht.

Laufen ist nicht einfach in Hargeisa, Bürgersteige gibt es kaum. Und wenn da ein Weißer durch die Gegend läuft, ist das mehr als auffalend.

Es ging nicht nach Mogadischu, auch wenn es eine dieser Städte ist, in die ich gerne reisen würde. Doch jeder, mit dem ich sprach, riet man davon ab. Es sei zu gefährlich, vor allem für einen „Westener“ und außerdem sei das, was ich finde wollte, in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands zu finden. Einiges fand ich, anderes nicht. Musik ist wichtig in der somalischen Kultur, aber eben auch nicht so wichtig, dass man dafür zahlt. Aber vielleicht ist das auch nur ein westliches Denken. Die Wertschätzung ist da, unbezweifelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Somaliland bin. Doch diesmal erlebte ich vieles ganz neu. Bekam Einblicke in das Leben, auch das Privatleben der Menschen hier. Immer wieder stieß ich auf freundliche Menschen, die das Gespräch suchten, die Fragen hatten, oftmals meine Antworten aber nicht verstanden. Sprache kann eine ziemliche Barriere sein. Mit viel Lachen wurde das allerdings übergangen.

Wenn man in solche Länder reist, die nicht zu den typischen Reisezielen gehören, dann ist es oftmals sehr schwer, das zu beschreiben, was man sieht, erfährt, riecht, schmeckt, erlebt. Es sind tiefe Eindrücke von Menschen und Situationen, Lebensumständen und Gegebenheiten. Von Hoffnung genauso wie vom Schicksal. Hier wird vieles im Vorfeld oder auch nachdem es schon passiert ist mit „Inschallah“ erklärt, so Gott will. Die Verantwortung wird abgegeben, man fügt sich in das, was war, ist und sein wird. Das kann charmant sein, das kann aber auch verstörend wirken, wenn es um Lebensveränderungen geht, die man selbst in der Hand hat.

An den Müll, der überall herumliegt, werde ich mich auch nie gewöhnen können.

Ich stoße hier in Somaliland oftmals an meine Grenzen. Wie das verarbeiten, was ich sehe und erlebe, wie darüber schreiben, berichten, es erzählen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, es nie ganz zu schaffen, das alles in Worte auszudrücken. Man hilft sich hier, doch dann sind da die Cousins, Onkel, die sehr weitgefasste Familie, zu der man gehört. Ein Sicherheitsnetz, doch auch eine deutliche Abschottung. Das zu durchdringen und zu verstehen ist nicht gerade eine leichte Herausforderung. Hier der Reichtum so einiger, da die bittere Armut anderer. Und dann sind da die Tiere. Wie mit Hunden, Katzen und Eseln umgegangen wird, das ist – zumindest für mich – sehr nahegehend, macht mich betroffen, berührt mich sehr tief. Ich habe hier schon Leute lautstark angesprochen, die mit Steinen auf Hunde und Katzen schmissen und bekam nur ungläubige Blicke als Antwort. Was will der schwitzende Weiße denn von uns? Ich musste mitansehen, wie Esel vollbepackt mit einem unglaublichen Gewicht mit harten und brutalen Schlägen zum schneller Laufen angetrieben wurden. Solche Erfahrungen treffen mich in all der menschlichen Not und dem Elend, die ich hier auch sehen muss.

Heute geht es weiter nach Niamey. Ein anderes Land, eine andere Kultur, eine andere Musik. Ich bin gespannt, doch ich weiß, auch dort warten viele Bilder und Eindrücke, die ich nicht so leicht erklären kann, für die es Zeit braucht….vielleicht daheim in Oakland bei einem Spaziergang mit meinem Hund unter den Redwoods.

Es geht nach Agabar

Über zwei Stunden sind es mit dem Auto von Hargeisa nach Agabar. In zwei Stunden könnte man auch von Nürnberg nach Frankfurt fahren, doch hier sind es nur 52 Kilometer, die man hinter sich bringt. Die Straße ist eine Sandpiste, nach dem Regen der vergangenen Nacht auch stellenweise noch matschig und ausgewaschen. Man rumpelt sich voran.

Agabar ist eine kleine Gemeinde in einem weitläufigen Tal. Eine Hauptstraße führt vorbei an einem geschlossenen Hotel, dem Gemeindezentrum mit dem Büro des Bürgermeisters hin zum Dorfkern. Dort ist ein kleines Restaurant, draußen wird gekocht, es riecht gut. Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensoße. Nur einen Steinwurf davon entfernt ein selbstgebauter Ofen, in dem Brot gebacken wird. Die Öffnung ist eine Autofelge. Unweit davon eine Schule, daneben ein Fußballplatz, auf dem eine laute Gruppe von Jungs hinter einem Ball herläuft. Sie beachten gar nicht den Weißen, der da an ihnen vorbei- und auf einen nahegelegenen Hügel zuläuft.

Prosopis ist eine Umweltgefahr für Somaliland.

Es ist heiß in Agabar, die Sonne ist hier intensiv. Überall kann man Prosopis entdecken, eine Pflanze, die in den 60er Jahren hierher gebracht wurde, um die Wüstenbildung zu verhindern, doch die nun eines der großen Probleme Somalilands geworden ist. Denn Prosopis unterdrückt durch seine langen Wurzeln das Wachstum anderer Pflanzen und wird von den grasenden Tieren nicht angerührt. Somit verödet das Land und ist in weiten Teilen nicht mehr für die Land- und Viehwirtschaft zu nutzen. Doch es gibt Möglichkeiten, diese Katastrophe für die Region in eine Erfolgsgeschichte umzuwenden, denn Prosopis zerhäckselt und zermahlen ist guter Dünger und nahrhaftes Viehfutter. Dazu kommt, dass Prosopis, in Europa, Nord- und Südamerika als Mesquite bekannt, ideal durch seine Rauchbildung zum BBQ geeignet ist. In den USA gilt es als „Premium Wood“ und wird teuer verkauft. Und genau hier liegt eine Möglichkeit, lokale Gemeinden zu unterstützen, ihnen Zugang zu regionalen und internationalen Märkten zu verschaffen. Prosopis der Alptraum könnte eine „money machine“ werden, zumindest eine, die vor Ort hilft und Bauern und Viehzüchtern ihr Land zurückgibt.

Die Menschen, die ich in dieser abgelegenen Region treffe sind äußerst nett und zuvorkommend. Sprechen können wir kaum miteinander und doch kommunizieren wir mit Händen, Mimik, ein paar Brocken Englisch und viel Lachen. Kaum sitze ich da, bringt mir jemand einen Mangosaft, dann eine grüne, doch gereifte Orange, später werde ich zum Essen eingeladen, bevor es auf der Huckelpiste zurück nach Hargeisa geht. Somaliland ist ein schönes, ein beeindruckendes Land, das entdeckt werden will.

Auf der Suche nach dem Buch

Dieses Reisestipendium, das ich erhalten habe heißt „Grenzgänger„. Dort heißt es: „Das Programm Grenzgänger fördert internationale Rechercheaufenthalte von Autoren, Filmemachern und Fotografen, die relevante gesellschaftliche Themen und Entwicklungen aufgreifen und sich differenziert mit anderen Ländern und Kulturen auseinandersetzen wollen.“ Organisiert wird es vom Literarischen Colloquium Berlin und finanziert von der Robert Bosch Stiftung.

Kein Schild am Eingang deutet auf die Nationalbibliothek Somalilands hin.

In meiner Bewerbung erklärte ich, dass Musik eine wichtige Sprache gerade in Zeiten der Krise und in Konftliktregionen war und ist. Lieder in der somalischen Musik entstehen meist auf Grundlage eines Gedichts. Um die Worte wird die Musik gelegt. Das schien die Jury überzeugt zu haben. Nun bin ich also schon ein paar Tage in Somaliland, am Sonntag geht es weiter in den Niger. Somalia, so wurde mir mehrfach erklärt, ist eine „oral culture“, das gesprochene Wort ist hier wichtig, nicht so viel wurde niedergeschrieben. Lieder, Geschichten, Gedichte und Erzählungen wurden in der Vergangenheit vor allem mündlich weitergegeben.

Als ich erfuhr, dass es eine „National Library“ in Hargeisa gibt, die 2016 eröffnet wurde, wollte ich unbedingt dahin. Doch keiner wusste so richtig, wo sie ist. Nur grob, sie liege an der Hauptstraße 1, hieß es. Nach mehrmaligem um den Block fahren, stieg ich schließlich aus und machte mich zu Fuss in der brütenden Hitze auf die Suche. Nichts war da zu finden, wo sie sein sollte. Auf meine Fragen, wo denn die Bibliothek sei, wurde entweder der Kopf geschüttelt „sorry“ oder in eine Richtung gezeigt, aus der ich gekommen war.

Im Lesesaal der Nationalbibliothek Somalilands.

Und dann traf ich Ahmed, der mich hinführen wollte. Auf dem Weg dahin fragte er nach Angela Merkel und dem Brexit, wer deutscher Fußballmeister werden wird und wie ich denn Hargeisa so fände. Wir sprachen auf Englisch, Ahmed war interessiert, wollte sich schließlich noch per facebook mit mir verbinden. Von der Haupstraße gingen wir in eine buckelige Nebenstraße, entlang einer Mauer. Dann noch rechts und wir standen vor einem Eisentor. Kein Schild deutete daraufhin, dass das hier die nationale Bücherei sein soll. Mitten auf dem Areal stand ein nicht gerade ansehnliches Gebäude. Innen dann reihenweise Regale, auf denen vor allem englischsprachige Bücher zu finden waren. Doch es gab auch eine Sammlung mit somalischer Literatur, ein paar Kinderbücher, Erzählungen, vor allem in somalischer Sprache. Nur wenig ist davon übersetzt, doch das, was es gibt, zeigt Autoren, Dichter und Denker, die ganz bewusst, kritisch und mit Stolz auf ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Leben blicken. Ich kramte durch das Regal und fand ein paar Übersetzungen.

Und diese Bibliothek ist nicht die einzige in Hargeisa. Auf einem viel kleineren Niveau kann man auch im Kulturzentrum von Hargeisa Bücher finden. Auf zwei Stockwerken ist Literatur aufgereiht, auch hier sind somalische Werke zu finden. Und dann ist da auch noch die Bibliothek auf dem Uni-Gelände, etwas durcheinander sind hier Bücher auf den Regalen gestapelt, man braucht Zeit, um sich durch zu suchen. Auch hier ist der Großteil der Literatur englischsprachig. Das ist erstaunlich, denn nur wenige Somaliländer, die man trifft, sprechen Englisch. Aber Hunger nach Wissen ist groß.

Ein besonderer musikalischer Abend

Es ist wie ein Pflichtbesuch, wenn man nach Hargeisa kommt. Erst recht, wenn man über die somalische Musik berichten will: Hiddo Dhowr. Ein Restaurant und ein Kulturort, an dem somalische Tänze, Musik, Kunst und Kultur gefeiert werden. Vor einigen Jahren eröffnete die Musikerin Sahra Halgan diese Themenrestaurant, um so, nach vielen Jahren im französischen Exil, einen, ja, ihren Teil zum Aufbau Somalilands beizusteuern.

Sahra Halgan beeindruckt mit ihren Songs.

Gestern Abend war der Saal gut gefüllt. Verschiedene Sängerinnen und Sänger präsentierten somalische Songs, begleitet von zwei Ouds und einem Schlagzeug. Immer mal wieder gab es tranditionelle Tanzeinlagen. Auch Sahra Halgan selbst stand auf der Bühne und begeisterte durch ihren Gesang die Besucher. Die waren größtenteils jung, meist unter 30 und gehörten zweifellos der Elite Hargeisas an. Die Frauen in feinsten, edlen und sichtbar teuren Stoffen, Kleidern und Kopftüchern gekleidet. Sowieso war hier alles etwas anders, als Tagsüber auf den Straßen Hargeisas. Kopftücher und Schals, die durchsichtig waren, Haut und Haare erkennen ließen. Auch rutschte hin und wieder mal ein Kopftuch runter, das dann mit etwas Verzögerung wieder langsam hochgezogen wurde. Somaliländische Frauen spielen durchaus mit ihren Reizen, was von den zahlreichen jungen Männern registriert wurde. Man spürte deutlich, dass das hier ein ungewöhnlicher Ort in diesem ungewöhnlichen Land ist. Auf der eine Seite das Feiern der somalischen Kultur. Auf der anderen Seite ein paar Stunden weniger restriktive Gesellschaftsordnung.

Und genau das stört die religiösen Führer in Somaliland, die diesen Kulturtempel als Dorn im Auge sehen. Musik, gemeinsamen Singen, Freizügigkeit, und sei es nur das Zeigen von Frauenhaar, sei gegen den Islam, heißt es. Hier sieht man das anders. Sahra Halgan kämpft für die somalische Kultur, Musik sei eine wichtige Sprache in der somalischen Kultur. Schon immer gewesen, wie sie im Interview betont. Hiddo Dhowr ist beliebt, ein entspannter Ort, an dem der eine Weiße am Abend kaum wahrgenommen wird, immer mal wieder gibt es sogar ein Lächeln für mich. Vielmehr singt und klatscht man mit, als auf der Bühne gesungen wird. Und dann kommt das Highlight des Abends, ein Moderator läuft mit einem Mikrofon durch die Publikumsreihen, fordert den und die zum Vorsingen auf. Es wird gelacht, geklatscht, einige singen mit leiser, leicht verschämter Stimme, andere werden zu einer Zugabe aufgefordert. Es ist ein feiner, kultureller Freiraum, in dieser vom Islam bestimmten Welt, der hier entstanden ist und gefeiert wird. Die Kraft der Musik ist an diesem Abend deutlich zu spüren.

Vergrabene Tonbänder überlebten die Zerstörung

Siad Barre war ein Diktator, der sogar die Musik im damals vereinten Somalia kontrollierte. Kritische Töne ließ er nicht zu, so etwas durfte weder aufgenommen, noch ausgestrahlt werden. Doch die Lieder entstanden dennoch und verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in Somaliland. Der beliebte Sender Radio Hargeisa wurde in den 80er Jahren zu einer Relaisstation von Radio Mogadischu herabgestuft, das Programm streng kontrolliert und, wie mir heute mit einem Lachen erklärt wurde, nur im Gefängnis von Hargeisa gehört. Damit wollte Barre auch verhindern, dass die somaliländische Unabhängigkeitsbewegung, Somali National Movement (SNM), Zugang zu einer Radiostation haben konnte.

Doch all das langte dem Diktator nicht, 1988 wies er seine eigene Luftwaffe an, Hargeisa und andere Städte in der einstigen britischen Kolonie zu bombardieren. Die SNM sollte ausgelöscht werden. Sogar vom Airport Hargeisa stiegen Kampfjets auf, um nur ein paar Kilometer weiter ihre Bomben abzuwerfen.

Aus diesem rostigen LKW, einem chinesischen Übertragungswagen, wurde nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands gesendet.

Hargeisa wurde damals dem Erdboden gleich gemacht. Zehntausende von Menschen flohen in die Nachbarländer und wenn sie konnten weiter nach Europa, Kanada und die USA. Siad Barre wurde im Januar 1991 aus Mogadischu vertrieben. Noch am gleichen Tag ging Radio Hargeisa wieder auf Sendung. Gespielt wurden genau diese Lieder, die der Diktator verboten hatte. Als Zeichen der neuen Zeit, als Zeichen der Hoffnung, als „in your face, dictator“.

Gesendet wurde aus einem alten chinesischen Übertragungswagen, den schon Mao genutzt hatte, wie mir bei meinem Besuch erzählt wurde. Der war einst von Peking an Siad Barre gespendet worden, der mit seinem „wissenschaftlichen Sozialismus“ durchaus auch das Interesse der Kommunisten in Peking geweckt hatte. Und die ausgestrahlten Musiktonbänder hatten genauso die Bombardierungen überlebt, wie der rustikale Rundfunklaster. Die Bänder waren zum Teil von den Radiomachern selbst vergraben oder von Bürgerinnen und Bürgern Hargeisas vor der Vernichtung versteckt und somit gerettet worden.

Und diese Aufnahmen mit Musik, Poetry und Interviews sind heute eines der wenigen Zeugnisse des alten Hargeisas, des lebendigen, somalischen Kulturlebens der 70er und 80er Jahre. Ein unschätzbarer Wert auf verstaubten und brüchigen Tonbändern und Kassetten.

Ein kultureller Schatz – Geschichte zum Hören.

Eine lange Anreise war das. Von San Francisco ging es über Frankfurt nach Addis Abeba und dann weiter nach Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Vor genau einem Jahr war ich das letzte Mal hier. Viel hat sich nicht verändert, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Straßen sind weiterhin eine Katastrophe, Schlagloch folgt auf Schlagloch, es wird nach wie vor viel gehupt, am Straßenrand schlafen Straßenhunde, Ziegen fressen Gräser oder kauen auf Plastikmüll herum, es ist wie immer heiß in der Stadt, ein starker Wind bläst dazu und auch schon die obligatorische Kamelherde überquerte vor mir die Straße.

Geschichte zum Hören.

Mein erstes Interview für diese Geschichte über die Bedeutung und die Kraft der Musik in schwierigen Zeiten ist geführt. Mit dem Leiter des „Hargeisa Cultural Centers„, Jama Musse Jama, habe ich über Musik in Somalia und Somaliland gesprochen. Er hat hier eine umfassende Sammlung somalischer Musik angehäuft, die auf beeindruckende Weise genau das widergibt, nach dem ich suche. Alles ist auf Kassetten festgehalten, nur ein Teil davon bislang digitalisiert. 14.000 Kassetten sind es insgesamt, ein kultureller Schatz der, wenn er nicht bald festgehalten wird, verschwindet. Es ist ein langsamer und kostspieliger Prozess. Und doch, hier ist etwas aufbewahrt, was viel über dieses Land und seine Kultur erzählt. Wie haben Musikerinnen und Musiker wichtige Themen in der Gesellschaft aufgenommen, verarbeitet und weitergegeben?

Man denke nur an Lieder wie „We shall overcome“ oder auch an die „Moorsoldaten“, Lieder, die herausstechen, die Hoffnung gaben und geben, die verbinden, die eine unglaubliche Kraft ausdrücken. Solche Lieder gibt es auch in Somalia, gibt es wohl in jeder Gesellschaft, in jedem Kulturraum. Songs, die nach der Bombardierung Hargeisas durch die Truppen des somalischen Präsidenten und Diktators Siad Barre Ende der 80er Jahre entstanden. Damals führte der eigene Präsident Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Somaliland. 90 Prozent von Hargeisa wurden total zerstört, in der nächstgrößeren Stadt Burao waren es 70 Prozent. Die Welt blickte damals mal wieder weg.

Es entstanden Lieder in den Flüchtlingslagern im Osten Äthiopiens von denen, die der Gewalt entkommen konnten. Später dann entstanden Songs nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands, der Entwaffnung, der politischen und militärischen Spannungen am Horn von Afrika, der Zerstörung Mogadischus, dem Konflikt mit der Terrororganisation al-Shabaab. Die somalische Musik ist dabei oftmals ein Zusammenspiel zwischen einem Dichter und einem Musiker. Musik als Ausdruck des Gegenwärtigen, als Verarbeitung des Geschehenen, als Zeichen der Hoffnung.

Und dabei kratze ich hier nur an der Oberfläche eines so tiefen und komplexen Themas. Allein schon die Sprachbarrieren sind immens und kaum zu überwinden. Die Auswertung all dieser Tapes, die hier zu finden sind, wäre ein umfassendes Recherche, die vor allem viel Zeit benötigt. Der Anfang im HCC ist jedoch gemacht und es wird weitergehen, vielleicht auch mit internationaler Unterstützung. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung eines Teilstücks der somalischen Kulturgeschichte, die hier auf diesen teils billigen Kassetten zu finden und zu hören ist.

Es geht wieder los

Mit etwas Stress hinter mir geht es heute Abend wieder auf große Reise. Von San Francisco über Frankfurt und Addis Abeba nach Hargeisa und von dort nach ein paar Tagen über Addis Abeba nach Niamey. Diesmal dreht sich alles um die Musik. Die Bedeutung und die Kraft von Musik in Konflikt- und Krisenregionen. Für dieses Thema habe ich ein Reisestipendium über das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin erhalten.

Aufnahmegeräte, Mikrofone, Kabel, alles liegt bereit.

Auf all meinen Reisen versuche ich immer lokale und regionale Musik zu hören, aufzunehmen und mitzubringen. Musik ist, so banal das auch klingen mag, eine internationale Sprache, die voller Bedeutung ist und sein kann. Ich habe schon oft mit Musikern zusammen gesessen, deren Sprache ich nicht sprach, doch ihre Musik schuf eine Verbindung, einen Augenblick des Zusammenseins. Und diesen Ansatz will ich auf dieser Recherchereise verfolgen. Ich weiss, dass die radikalen Islamisten der Taliban in Afghanistan und der al-Shabaab in Somalia während ihrer Terrorherrschaft Musik verboten hatten. Das Spielen und Aufführen von Lieder war unter Strafe nicht mehr erlaubt. Und doch wurde gesungen, getanzt, gespielt. Die Musik überlebte.

Wie haben Musiker und Dichter den Konflikt, die Krise, die Notlage erlebt und verarbeitet? Wie wichtig waren diese Stimmen für die Bevölkerung? Ich bin gespannt, ob ich Antworten finden kann, wie sich diese „Geschichte“ zu einem radiophonen Feature entwickeln wird. Die Anreise nach Hargeisa, der Flug zurück von Niamey und der Weg zwischen beiden Städten ist lang. Reisen in Afrika ist alles andere als ein direkter Weg. Aber dieses Thema ist mehr als reizvoll für mich, es ein ganz anderer Blickwinkel auf die Menschen und die reichen Kulturen.

Die Christliche Rechte steht zu Trump

Im Wahlkampf 2008 reiste ich in den „Bible Belt“, um dort christlich-konservative Radiosender zu besuchen. Ich wollte wissen, wie sie sich damals im Wahlkampf positionierten. Nach acht Jahren George W. Bush war der Kandidat Mitt Romney auf der republikanischen Seite nicht unumstritten und relativ spät setzte sich Barack Obama gegen Hillary Clinton durch. Und Clinton war das rote Tuch für die Christliche Rechte im Land. Seitdem verfolge ich, was Organisationen, wie „American Family Radio“ und die dazugehörige Association verbreiten. 2016 im Wahlkampf griff ich das Thema erneut auf, denn was mich verwunderte, war, dass die Christliche Rechte sich für Donald Trump einsetzte. Jenen Kandidaten, der mehrfach geschieden war, der eigentlich so gar nicht in das Bild eines „christlichen“ Kandidaten passte:

Fundamentalismus in den USA     

Donald Trump wurde Präsident auch und vor allem durch die Unterstützung der Fundamentalisten in den USA. Und die stehen nach wie vor zu ihm, verteidigen jeden seiner Schritte und auch jeden seiner Fehltritte. Wie auch heute wieder. Täglich wird mir der Rundbrief vom „OneNewsNow News Desk“ der „American Family Association“ zugeschickt. Und in aktuellen Ausgabe geht der Autor Michael Brown auf Trumps Tweets ein, dass doch die vier Abgeordneten der Demokraten, Ayanna Pressley (Mass.), Rashida Tlaib (Mich.), Alexandria Ocasio-Cortez (N.Y.) und Ilhan Omar (Minn.), in die Länder zurückgehen sollten, aus denen sie gekommen sind. Die vier Frauen sind alle „women of color“, drei von ihnen wurden in den USA geboren, eine, Ilhan Omar, kam als Kind mit ihrer Familie aus dem Bürgerkriegsgebiet in Somalia und wurde als Teenager eingebürgert.

Die Tweets und die Kommentare dazu von Donald Trump sind durchaus rassistisch einzustufen. Die Mehrheit der Kommentatoren sieht das so, die Demokraten sehen das so. Bei den Republikanern sieht das schon anders aus. Senator Lindsay Graham sagte zwar auf „Fox and Friends“, der Morgensendung auf FoxNews, dass Trump sowas nicht sagen sollte, aber die Angesprochenen seien ja eh „Kommunisten“ und hassten Israel und die Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch die Christliche Rechte verteidigt den Präsidenten. Zwar seien die Tweets „inkorrekt“ gewesen, so Michael Brown im „OneNewsNow“ Rundbrief, da ja drei der Abgeordneten von Geburt an Amerikanerinnen seien. Auch seien sie „unangebracht“, da ja Trump der Präsident aller Amerikaner sei. Doch, so Brown, habe Trump ja nicht einfach gesagt, die vier sollten sich vom Acker machen und dort bleiben „wo sie herkamen“. Nein, Brown betont, der Präsident habe ja geschrieben, wenn sie diese Länder auf Vordermann gebracht haben, könnten sie ja wieder zurück kommen und zeigen, wie sie das gemacht haben. Und so etwas würde kein Rassist sagen, so der Kolumnist Michael Brown. („…a racist would not say, „Then come back here once you help fix these other countries.“) Wenn man das nun weiterspinnt, dann vertritt Brown hier tatsächlich die These, dass Donald Trump nur vorgeschlagen habe, dass die vier Abgeordneten der Demokraten quasi eine Lehrzeit in Somalia, Palästina, Puerto Rico, USA – die Herkunftsländer ihrer Familien (!) – absolvieren und mit ihren Erfahrungen dann die US Regierung beraten sollten.

Das nenne ich dann schon eine leichte Verdrehung der eigentlichen Aussage von Präsident Donald Trump. Aber, die Christliche Rechte muss ja den man weiterhin unterstützen, den sie in Amt und Würden gehoben hat, den sie als Retter von „God’s Country“ ansieht. Ich bin nun mal so richtig gespannt auf weitere Verzwirbelungsargumente im kommenden Wahlkampf, denn egal was Trump auch sagt, wen er auch beleidigt, was er auch verdreht, die fundamentalistischen Christen in den USA finden eine Erklärung.