Dem Henker von der Schippe springen

Die Hinrichtungskammer in San Quentin. Foto: Reuters.

Was sagt man einem Mann, der seit 1978 in der Todeszelle sitzt und sterben will? Der Staat Kalifornien könnte schon bald wieder mit Hinrichtungen beginnen. Im vergangenen Jahr stimmte eine knappe Mehrheit der Wähler dafür, die Einspruchsmöglichkeiten von zum Tode Verurteilten zu verkürzen. Das kalifornische Verfassungsgericht hat vor ein paar Wochen dieses Gesetz weitgehend für rechtens befunden. Damit ist für 18 Todeskandidaten das Ende in Sicht. weiter lesen

4 qm Leben

Sonntagmorgen 8 Uhr. Ich habe einen Besuchstermin für San Quentin. Seit nunmehr 21 Jahren besuche ich regelmäßig einen Gefangenen auf „Death Row“, dem kalifornischen Todestrakt im ältesten Gefängnis des Bundesstaates. Am Donnerstag noch ließ ich mir telefonisch den Termin geben, „Lock Down“ sei so gut wie vorbei, hieß es. „Lock Down“ heißt, das gesamte Gefängnis oder ein Teil davon ist unter Verschluß. Die Gefangenen bleiben in ihren vier qm Zellen und die werden eine nach der anderen total umgekrempelt auf der Suche nach verbotenen Gegenständen, wie Waffen, Drogen, nicht Erlaubtes.

weiter lesen

Weniger Henkersmahlzeiten in den USA

Es gibt auch noch gute Meldungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vor kurzem verkündete zwar der Bundesstaat Arkansas, dass man innerhalb von 11 Tagen acht Exekutionen durchführen wolle, was international zu einem großem Aufschrei führte. Der Grund für die Fließbandhinrichtungen war ein Betäubungsmittel, dessen Haltbarkeitsdatum auslief. Arkansas setzte sich am Ende vor den Gerichten durch und ließ den Henker walten.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht. Foto: Sam Robinson.

Doch diese Nachricht widerspricht dem Trend in den USA. Wurden 1999 noch 98 Menschen in den USA hingerichtet, waren es 2016 „nur“ noch 20. So wenig, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und auch die Todesurteile verringerten sich dramatisch. Im vergangenen Jahr sprachen Geschworene im ganzen Land 30 Höchststrafen aus, 1996 waren es noch 315. Ist das ein Umdenken in der amerikanischen Bevölkerung? Ja, sagt das Pew Research Center, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage heraus fand, dass zum ersten Mal in 50 Jahren weniger als 50 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe sind.

Die Death Rows in den Bundesstaaten leeren sich trotz der verringerten Hinrichtungszahlen stetig. Immer mal wieder müssen Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, weil die Urteile nachweislich falsch waren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Todeskandidaten dem Henker durch einen natürlichen Tod von der Schüppe springen. Auch die Selbstmordzahlen in den abgeschotteten Hochsicherheitstrakts bleibt hoch. Die Zahl der Death Row Inmates ist von 3500 im Jahr 2000 auf 2881 im Jahr 2015 gefallen.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Zahl der „Lifers“, der zu lebenslanger Haft Verurteilten, ohne Aussicht auf Begnadigung. 161.000 Männer und Frauen haben diese Strafe erhalten. Hinzu kommen weitere 44.000 Personen, die durch lange Haftstrafen von zig Jahrzehnten quasi lebenslang hinter Gittern bleiben werden. Die Hälfte der über 200.000 inhaftierten „Lifers“ sind Afro-Amerikaner, auch das ist eine klare Aussage über die amerikanische Gesellschaft. Insgesamt ist die Gefängnisindustrie in den USA ein lukratives Geschäft. Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen sitzen in amerikanischen Prisons, so viel, wie nirgends sonst auf der Welt. Das waren dann also die schlechten Nachrichten zum Schluß dieses Blogeintrags, Amerika ist einfach ein Land voller Widersprüche.

 

Die Nürnberger San Quentin Connection

Die Welt ist kleiner geworden. Samstagmorgen kalifornischer Zeit und ich höre auf der Autofahrt nach San Quentin der Live–Übertragung der Fußballbundesliga auf B5 Aktuell zu. Vorbei an Downtown Oakland, Blick auf San Francisco und die Golden Gate Bridge, über die Richmond-San Rafael Bridge und schon bin ich auf dem Parkplatz des legendären und ältesten Gefängnisses von Kalifornien. Auf der anderen Seite der Bay liegen Tiburon und Belvedere, eine sündhaft teure Gegend in der Region. Hier lebten Steffi Graf und Andre Agassi, bis sie ihr Anwesen für etwas über 20 Millionen Dollar verkauften und nach Las Vegas zogen. Dort lebte auch Robin Williams bis zu seinem Freitod.

San Quentin hat eine Traumlage mit Blick auf die Bay, der Nebel, der durch das Golden Gate strömt, lässt das Staatsgefängnis oftmals links liegen. Das sehe ich auch wieder, als ich an diesem Morgen mit Reno in einem kleinen Stahlkäfig eingesperrt werde. Er ist braungebrannt vom vielen Scrabble Spiel auf dem Hof des „East-Blocks“, der Death Row in San Quentin. In aller Ruhe schmiert er sich Ketchup und Mayonnaise auf das Sandwich und den Burger aus den Automaten, die ich noch in der Mikrowelle aufgewärmt habe, dazu zwei Dosen Coca Cola, Popkorn und ein Milky Way, denn das gab es diesmal mit dunkler Schokolade.

Die Zellen im East-Block von San Quentin. Foto: Reuters.

Ein Besuch wie so viele zuvor. Im Käfig gegenüber ein Mitglied der Aryan Nation. Glatzkopf, langer weißer Bart, ein eindeutiges Tattoo am Hals. Der Mittfünfziger beobachtet uns mit ernstem Blick. Er wartet und wartet und wartet. Nach 50 Minuten wird er wieder mit Handschellen und Kette um den Bauch in seine Zelle zurück gebracht, sein angekündigter Besucher kam nicht. In den weiteren Käfigen Gefangene und Frauen, die sie besuchen. Sowieso fällt man hier als männlicher Besucher auf. Es gibt wohl eine Faszination von Frauen für Häftlinge mit einer aussichtslosen Haftstrafe. Und die hier ist noch härter als lebenslang, denn im normalen Strafvollzug kann man „private“ Besuche mit der Frau oder Freundin bekommen. Auf Death Row ist gerade mal ein Begrüßungs- und Abschiedskuss erlaubt. Während des Besuches müssen die Hände sichtbar, also auf der Tischplatte sein. Und doch all diese Einschränkungen und Aussichten schrecken Frauen nicht ab, ernsthafte Beziehungen mit Todeskandidaten einzugehen. Eine davon lebt sogar in Nürnberg. Sie hat einen „Death Row Inmate“ in San Quentin geheiratet. Nach einer Brieffreundschaft ging man den Bund der Ehe ein. Nun ist es eine Fernbeziehung zwischen Nürnberg und San Quentin. Ein paar Besuche im Jahr, Briefe und fast tägliche Telefonanrufe um die halbe Welt.

Ich sitze mit Reno fast zwei Stunden an diesem Tisch, draußen fliegen die Möwen vorbei, die Fenster sind mit einem Stahlgitter ausbruchssicher gemacht. Wir reden über alles mögliche, klar, auch der neue Präsident ist ein Gesprächsthema. „Ich schalte immer gleich weg, wenn er im Fernsehen kommt“, meint Reno. In seiner 1,20 x 2,60 Meter kleinen Zelle schaut er lieber Motorrennsport und träumt von alten Zeiten, als er in den 60er und frühen 70er Jahren auf seiner Harley durch die Gegend tuckerte. Lang ist es her. 1978 wurde er verhaftet, 1980 zum Tode verurteilt. Seitdem ist viel Wasser durchs Golden Gate rein und wieder raus geflossen. Ebbe und Flut kommen und gehen, in San Quentin ist ein Tag wie der andere. Der fast 72jährige ist schon über die Hälfte seines Lebens hinter Gittern. Im Hochsicherheitstrakt der „Death Row“ mit strengen Regeln und Abläufen sind Besuche mehr als willkommene Abwechslungen. Sie sind, trotz der offensichtlichen Umstände, ein stückweit normales Leben. Eine Umarmung, relativ schmackhaftes Essen von draußen, Lachen, Geschichten von der Außenwelt. Nicht viele der etwa 750 Todeskandidaten haben diese Möglichkeit. Die meisten von ihnen sind mit ihrer aussichtslosen Verurteilung und über die Jahre vergessen worden.

Auf dem Weg nach draußen und zurück zum Parkplatz treffe ich den Pressesprecher von San Quentin. Mit ihm war ich mehrere Male im Gefängnis unterwegs, verbrachte viele Stunden mit ihm. „Hey, how you’re doing? Good to see you.“ „Doing well, how yourself?“ Ein bißchen Smalltalk am Rande der Bay. Ein neues, größeres Thema schwirrt mir durch den Kopf, Arbeitstitel: 24 Stunden auf Death Row. Die Genehmigung könne er mir nicht erteilen. Das müsse ganz oben im kalifornischen Justizministerium entschieden werden und das würde dauern. Zeit, das habe ich über die Jahre gelernt, ist nicht das Problem, wenn man sich mit der Todesstrafe und der Death Row in San Quentin beschäftigt.

Plastiktüten, Todesstrafe, Kondome und Limosteuer

Der Präsident ist durch und Kalifornien hat auch noch über anderes abgestimmt. Das Verbot von Plastiktüten bleibt im Sonnenstaat bestehen, Pornodarsteller müssen in ihren Filmen keine Kondome drüberziehen, in vielen Gemeinden wurde eine Limosteuer eingeführt, Zigaretten werden weiter besteuert, der Preis für eine Schachtel wird wohl um zwei Dollar steigen, der Verkauf von Munition wird drastisch verschärft und dann ist da noch die Todesstrafe. Kalifornien setzt politische Rauchzeichen, die auch in Washington gehört werden. Und diese Abstimmungen zeigen, dass Amerika auch mit einem Präsidenten Trump keinen Rechtsruck macht. Nicht die Themen für die Hillary Clinton steht wurden abgelehnt, sondern die Kandidatin. Viele der Stimmen für Trump waren vor allem Stimmen gegen Hillary Clinton.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Ich hatte ja schon in einem früheren Blogeintrag geschrieben, dass viele im Todestrakt von San Quentin gegen die Abschaffung der Todesstrafe und für die Beschleunigung der Verfahren sind, die nun auch zur Abstimmung standen. Und jetzt liegt das Ergebnis vor. Die kalifornischen Wähler haben sich mit 53,9 Prozent gegen eine Abschaffung der Todesstrafe und einer Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung ausgesprochen. Doch die Zahl der „Death Penalty“ Unterstützer sinkt weiter.

In der zweiten Abstimmung, die sich mit der Todesstrafe in Kalifornien befasste, votierten 50,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler für eine Beschleunigung der Verfahren. Zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung solle nicht mehr so viel Zeit vergehen, damit soll erreicht werden, dass die übervolle Death Row in Kalifornien mit derzeit über 750 Todeskandidaten geleert wird. Es gibt also noch eine Mehrheit in diesem Bundesstaat, die die Höchststrafe unterstützt. Doch diese Wahl zeigt, das Ende der Todesstrafe ist in Sicht.

Todeskandidaten gegen die Abschaffung der Todesstrafe

Am 8. November wird in den USA gewählt. Und hier stimmt man nicht nur für Donald oder Hillary ab, in Kalifornien sollen oder können wir 41 Mal unser Kreuzchen machen, sprich unsere Linie zwischen zwei Punkten ziehen. Es geht neben der Präsidentenwahl auch um Abgeordnete, Senatoren, Mitglieder verschiedener öffentlicher Unternehmen, Stadträte, Richter und dann noch allerhand „Volksentscheide“ auf staatlicher, kommunaler und Bezirksebene.

Vor mir liegt ein umfangreiches Heft, so dick wie DER SPIEGEL in guten Zeiten, zugeschickt von der Wahlbehörde. Darin die Auflistung all dieser Entscheide, das Für und Wider. Als Wähler muß man hier seine Hausaufgaben machen, wobei viele wohl nur ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten abgeben werden. Wer weiß schon, welche Qualitäten ein Richter oder ein Aufsichtsratsmitglied für das lokale UBahn-System, den Park Service oder die Schulbehörde mitbringt.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

Zwei der Volksentscheide befasssen sich auch mit der Todesstrafe in Kalifornien. „Prop. 62“ sieht die Abschaffung der „Death Penalty“ und die Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung vor. „Prop. 66“ hingegen will eine Beschleunigung der Verfahren durch eine Beschneidung der Einspruchsmöglichkeiten und eine zusätzliche Verpflichtung von Rechtsanwälten erreichen. Beide Initiativen führen an, dass ihr jeweiliger Ansatz massiv Steuergelder einsparen würde.

Interessanterweise werden beide „Propositions“ im Todestrakt selbst abgelehnt. Das zumindest erklärten mir gleich mehrere zum Tode Verurteilte. Klar, „Prop/ 66“, die Beschleunigung des Verfahrens, stößt nicht auf viel Zustimmung auf der „Death Row“. Die Abschaffung der Höchststrafe, „Prop. 62“ kommt allerdings auch nicht gut an, denn mit der Verlegung in andere Gefängnisse und in den allgemeinen Strafvollzug, würden ein paar der Privilegien wegfallen, die die Todeskandidaten in San Quentin derzeit haben.

Ein ganz wichtiger Vorteil sind die Einzelzellen, in denen sie untergebracht sind. Diese sind zwar nur 1,40 Meter x 2,60 Meter groß, allerdings sind im normalen Strafvollzug in San Quentin zwei Häftlinge in solchen Zellen eingepfercht, heißt, wenn einer steht, muß der andere auf seinem Bett sitzen. Wenn einer die Toilette am Kopfende benutzt, geschieht das gleich neben dem Zellengenossen. Hinzu kommt mit einer Verlegung in andere und auch modernere kalifornische Gefängnisse ein Verlust von vielen Sozial-, Kunst- und Freizeitprogrammen. Im ältesten Knast Kaliforniens, direkt im Ballungsraum an der San Francisco Bay gelegen, gibt es mehr als 70 solcher Angebote, die vor allem von Freiwilligen von draußen durchgeführt werden. Darunter eine Uni, Yoga Klassen, Musik-, Kunst-, Bildungs- und Kulturangebote. Darüberhinaus würde mit einer Umwandlung in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung für einige Todeskandidaten die Tür nach draußen endgültig geschlossen sein. Mit dem Ende der Einspruchmöglichkeiten wäre ihr Lebenslauf abgeschlossen, sie wären vergessen hinter dicken Mauern. Es gibt sie, die Häftlinge, die nach wie vor behaupten, sie seien unschuldig oder hätten nicht mit dem Tod bestraft werden sollen. Einzig die Hoffnung hält sie in San Quentin am Leben, ein Leben auf „Death Row“.

Wahlkampf in San Quentin

Sonntagmorgen 8:30. Ich stehe in der Warteschlange vor dem Gefängnis von San Quentin. Um mich herum etwa drei Dutzend Frauen, zumeist Latinas und Afro-Amerikanerinnen, auch ein paar Weiße. Einige Kinder sind auch dabei, warten auf die Kontrolle hinter der ersten Sicherheitsschleuse. Ich besuche mal wieder Reno, den ich seit über 20 Jahren kenne und seitdem ich hier in der Gegend lebe regelmäßig im kalifornischen Todestrakt besuche.

Das Warten und der Gang entlang der San Francisco Bay zum Besucherraum des East-Block ist nichts mehr besonderes, diesen Weg bin ich in den letzten 20 Jahren oft genug gegangen. Heute muß ich zum „Overflow“ Bereich, das ist ein Backsteingebäude gleich neben der Hinrichtungskammer. Auch dort wurden Besuchsmöglichkeiten für Todeskandidaten geschaffen, heißt, Stahlkäfige im Boden verankert, in denen man mit dem Häftling eingesperrt wird.

Dort angekommen muß man zuerst durch eine weitere Schleuse, seinen Leuchtstempel auf dem Unterarm vorzeigen, seinen Ausweis abgeben, dann darf man sich ein paar überteuerte Getränke und Speisen aus den Automaten holen. Die Atmosphäre ist entspannt an diesem Morgen. Dieser Besuchsraum wird im hinteren Bereich auch für die „regular population“, also die „normalen“ Häftlinge mit langjährigen Haftstrafen genutzt. Ein paar Gefangene sprechen mich an, sind freundlich, zeigen mir, wo ich Papiertücher und Pappteller für die Mikrowelle finde. Man ist hier locker entspannt, auch wenn einige der in Jeans gekleideten Zeitgenossen in einer anderen Umgebung angsteinflössend wirken würden.

Wahlkampf in der Warteschlange von San Quentin.

Wahlkampf in der Warteschlange von San Quentin.

Zwei Stunden Besuch mit einem Todeskandidaten gehen schnell vorbei. Wir lachen, machen Witze, er isst seine Burger, trinkt seine Coca Cola, wir teilen uns Popcorn. Wir reden über die Politik, über die zwei Todesstrafen-Abstimmungen, die am Wahltag in Kalifornien auch entschieden werden. Ich erzähle von meinen Reisen, über meinen Hund Käthe, die gerne mal Rehen hinterherhastet und mich danach heiser werden lässt. Reno lacht nur darüber. Über seinen Fall sprechen wir kaum. Eine Umarmung am Schluß. Er wird nach einer Ganzkörperkontrolle wieder in seine kleine Zelle, sein „House“, gebracht, ich spaziere, nachdem es „Clear“ heißt, entlang der Bay zum Parkplatz zurück.

Draußen warten wieder Dutzende von Frauen auf Einlass. Dort liegt auch Karten der sozialistischen „Peace and Freedom Party“ aus. Ein etwas ungewöhnlicher Ort, um Wahlkampf zu führen. Präsidentschaftskandidatin Gloria La Riva und ihr Vize-Kandidat Dennis Banks gehen in der Besucherschlange von San Quentin mit ihrem Ruf nach einer sozialistischen Revolution in den USA auf Wählerfang. Anscheinend glaubt einer ihrer Unterstützer, dass Besucher von Todeskandidaten, Lebenslänglichen oder Langzeithäftlingen besonders offen für die antikapitalistische Losung sind. Viel beachtet wurden die Karten allerdings nicht. Hier hat man anderes im Sinn, als sich über eine (unrealistische) politische Alternative zu Donald Trump und Hillary Clinton Gedanken zu machen.

„An einem Freitag vor 37 Jahren“

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Im Oktober 1978 wurde Harold Memro verhaftet, zwei Jahre später zum Tode verurteilt und nach San Quentin gebracht. Damals waren nur ein Handvoll Häftlinge im kalifornischen Todestrakt untergebracht. Über die Jahre ist die Death Row auf über 750 Insassen angewachsen.

Heute war ich mal wieder bei Reno, wie er sich heute nennt. Ein Kollege, der derzeit an einem Artikel über die Todesstrafe schreibt und dem ich viel über San Quentin erzählt hatte, fragte, ob er ihn kennenlernen könne. Klar, meinte ich. Nach Absprache mit Reno, dem obligatorischen Formularausfüllen und einer längeren Planung war es nun soweit. Etwas verspätet kamen wir in San Quentin an. Einer der größeren Käfige war für uns schon reserviert. Reno saß schon dort und wartete auf uns. Getränke, Popcorn und Buffalo Wings aus dem Automaten, kurz heiß gemacht, dann wurden wir mit ihm gemeinsam in den Stahlkäfig gesperrt.

Für mich ist es nichts besonderes mehr, seit über 20 Jahren kenne ich Reno, seidem ich vor 19 Jahren in die San Francisco Bay Area gezogen bin, besuche ich ihn regelmäßig, fast wöchentlich telefonieren wir. Vor ein paar Monaten „feierte“ er in seinem 1.40 x 2,60 großen „Haus“, wie er seine Zelle nennt, seinen 70. Geburtstag. Mein Kollege hatte viele Fragen zum Tagesablauf auf „Death Row“. Es war eine lockere Unterhaltung, die auch um Freundschaften im Todestrakt, über Gefühle, Beziehungen, schöne und schlechte Tage ging.

Als Reno nach fünf Stunden wieder angekettet in den hinteren Teil des Besuchsbereichs gebracht wurde, um dort „strip searched“ zu werden, warteten wir vorne auf die Durchsage „Memro cleared“. Wir durften in die Sicherheitsschleuse treten, die eine Stahltür schob sich hinter uns zu, wir erhielten unsere Ausweise zurück, die andere Stahltür öffnete sich vor uns. Die Sonne strahlte am blauen Himmel, vor uns die Bay. „Und wenn er es wirklich nicht getan hat“, sprach der Printkollege seine Gedanken aus, darauf anspielend, dass Reno nach wie vor beteuert unschuldig zu sein. Ja, was dann? An einem Freitag vor 37 Jahren nahm Harold Memros Leben einen anderen Weg.

Einer wollte ihn nicht zum Henker schicken

James Holmes wird nicht zum Tode verurteilt. Foto: AFP

James Holmes wird nicht zum Tode verurteilt. Foto: AFP

James Holmes erschoss 2012 in einem vollen Kinosaal in Aurora, Colorado, 12 Menschen und verletzte 70 weitere, zum Teil schwer. Die Geschworenen, die über ihn richten sollten, verurteilten ihn nun wegen Mordes, doch die Todesstrafe wird er dafür nicht erhalten. Die Staatsanwaltschaft, Angehörige und viele Opfer selbst hofften auf ein klares Zeichen der 12, doch das blieb nun aus. Eine Geschworene meinte nach der Entscheidung zu einem Reporter, dass ein Geschworener die Todesstrafe blockierte. Er habe sich nicht überzeugen lassen, dass die Höchststrafe in diesem Falle angebracht sei. Alle anderen seien sich einig gewesen, dass Holmes für seinen Amoklauf sterben sollte. Nun erwartet James Holmes eine lebenslängliche Haftstraft ohne Aussicht auf Begnadigung.

Als ein grundsätzliches Zeichen gegen die „Death Penalty“ in den USA darf diese Entscheidung allerdings nicht gewertet werden. Eigentlich sollte jeder Angeklagte von einer Gruppe Mitbürger abgeurteilt werden, doch diese Gruppe repräsentiert zum einen nicht gerade oft die wirkliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Zum anderen hat man als jemand, der die Todesstrafe ablehnt, kaum eine Chance auf eine Geschworenenbank zu kommen, in der es um Mord und die Möglichkeit auf ein Todesstrafenurteil gibt.

Ich selbst bin gegen die „Death Penalty“. Irgendwann wird ein Brief in meinem Briefkasten liegen, in dem ich aufgerufen werden, meiner „Bürgerpflicht“ als „Juror“ in einem Prozess nachzukommen. In Alameda County, wo ich wohne, wird die Höchststrafe noch manchmal von Staatsanwälten gefordert. Die Frage ist also, was ich bei der Auswahl der Geschworenen antworten werde, wenn die Frage kommt „Are you for or against the death penalty?“

Eine Henkersmahlzeit mehr

Der 21jährige Dzhokhar Tsarnaev ist für seine Rolle beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon vor zwei Jahren mit zum Tode verurteilt worden.

Der 21jährige Dzhokhar Tsarnaev ist für seine Rolle beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon vor zwei Jahren zum Tode verurteilt worden.

Dzhokhar Tsarnaev ist zum Tode verurteilt worden. Der Boston Marathon Bomber wird nun in einem Bundesgefängnis auf seine Hinrichtung warten. Seit zehn Jahren schon haben die „Feds“ niemanden von ihrer nun 62 Menschen großen Death Row hingerichtet. Tsarnaev wird also auch eine Weile dort in seiner Zelle sitzen und warten.

Die Anwälte des Bombenattentäters hatten gefordert, ihn mit einer lebenslänglichen Haft ohne Aussicht auf Begnadigung zu bestrafen. Der 21jährige wäre dann in ein Supermax Gefängnis überführt worden, das ein früherer Haftanstaltsleiter im Prozess als „Vorstufe zur Hölle“ und als „Ort ohne Menschlichkeit“ beschrieben hatte. Darauf verwiesen die Anwälte und wollten so die Geschworenen von einer Todesstrafe abbringen. Doch das war anscheinend nicht genug Strafe. Dzhokhar Tsarnaev soll sterben, am besten gleich und noch am nächsten Baum baumeln.

Mit der Urteilsverkündung geht in Boston ein Prozess zu Ende, der hohe Wellen schlug. Denn Boston ist ein äußerst liberale Stadt. Hier ist man gegen die Todesstrafe, zumindest in Umfragen. Der Anschlag auf den Marathon vor zwei Jahren änderte das und teilte die Stadt. Da die Bundesbehörden in diesem Terroranschlag die Anklage übernahmen, war eine Todesstafe überhaupt erst möglich.

Das Ergebnis ist auch ein deutliches Zeichen dafür, dass die USA noch meilenweit von der Abschaffung der „Death Penalty“ entfernt sind. Ein brutales und aufsehenerregendes Verbrechen und schon wird der Ruf nach der Todesstrafe wieder lauter. Auch wenn in zahlreichen Bundesstaaten derzeit nicht hingerichtet wird und die größte „Death Row“ in den USA, die in Kalifornien, mit derzeit mehr als 750 Insassen, wöchentlich anwächst und aus allen Nähten platzt, ein Ende der Todesstrafe in den USA ist nicht in Sicht. Der Prozess in Boston hat das nur noch einmal sehr anschaulich gezeigt.