Covid-19 auf der Death Row

„Mir geht es nicht gut“, meinte Reno vor ein paar Tagen am Telefon. Er klang krank, so, als ob er eine schwere Erkältung hat. Das Gespräch dauerte nicht lange, er wollte sich wieder hinlegen. Was er genau hat ist unklar. Reno ist 75 Jahre alt, er wurde 1978 verhaftet, seit 1980 ist er im Todestrakt von San Quentin, dem ältesten Staatsgefängnis in Kalifornien untergebracht. Vor kurzem lief diese Serie über unsere Freundschaft auf Deutschlandfunk Kultur.

Eingang zum Todestrakt von San Quentin.

Schon seit März gibt es einen Lock-Down in San Quentin, um eine Verbreitung von Covid-19 hinter den dicken Mauern zu verhindern. Keine Besuche sind erlaubt, auch nicht von ihren Anwälten, den Gefangenen wird geraten in ihren Zellen zu bleiben, sich regelmäßig die Hände zu waschen, Kontakte zu anderen Inhaftierten zu vermeiden. Doch vor ein paar Wochen, am 30. Mai, wurden 121 Häftlinge aus einem anderen Gefängnis nach San Quentin gebracht. Die Justizvollzugsanstalt in Chino war da schon ein Covid-Hotspot. Corona breitete sich schnell in San Quentin aus und hat nun auch die „Death Row“ im East-Block erreicht.

725 Todeskandidaten sind dort untergebracht, von denen, die sich auf das Covid-19 Virus testen ließen waren 166 positiv. Ein erster Todesfall wurde in dieser Woche bekannt, der 71jährige Richard Eugene Stitely wurde tot in seiner Zelle gefunden. Die Corona Pandemie ist ein riesiges Problem für San Quentin und vor allem für den Todestrakt, denn im Gefängnis sind viele „Lifers“, zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteile Strafgefangene untergebracht und dazu eben zum Tode Verurteilte, viele von ihnen schon im Seniorenalter.

Die Gefängnisleitung mauert derzeit, hält sich mit Informationen zurück. Man versucht Herr der Lage zu werden, doch derzeit sieht die Situation nicht gut aus. Ich warte nun auf einen erneuten Anruf aus San Quentin. Manchmal ruft Reno auch am Donnerstag an, gestern kam jedoch kein Anruf. Montags hat er normalerweise das Telefon zur Verfügung…

Am Ende steht der Tod

Vorletzte Woche lief diese Serie auf Deutschlandfunk Kultur. An fünf Tagen erzählte ich von meiner Freundschaft zu Reno im Todestrakt von San Quentin. Seit über 25 Jahren kennen wir uns, wir telefonieren wöchentlich, oft besuche ich ihn. Reno malte, seine Bilder habe ich hier im Haus, vor einiger Zeit setzte er mich für seine Patientenverfügung ein.

Ein fast 20 Jahre altes Polaroid Foto aus dem Besucherraum von San Quentin.

Und der Tag kommt wohl schneller als gedacht, an dem ich entscheiden müsste. Lange Zeit sprachen wir nie über den Tod, auch wenn Reno seit 1980 auf „Death Row“ sitzt. Einmal fragte er mich, ob ich bei seiner Hinrichtung dabei sein wolle. Das war noch vor dem Hinrichtungtsstopp 2006. Ich willigte ein. Der Tod war aber nie ein Thema in unseren Gesprächen – oder nur ganz selten. Doch nun schickte er mir eine Liste mit Namen und Adressen von Leuten, die ich informieren soll, wenn er nicht mehr ist.

In seinen Briefen, in seinen Telefonaten wird ganz deutlich, dass er des Lebens müde ist. Er hat Schmerzen, er will nicht mehr. Der Staat wird ihn nicht hinrichten, das steht fest. Aber Reno sagt, er habe keine Perspektive mehr. Was sagt man jemandem wie ihm, der seit 40 Jahren im Todestrakt lebt, lange Zeit davon auf seine Hinrichtung wartete und nicht mehr kann, nicht mehr will. Im Mai würde er 75 Jahre alt werden. Er sagt, er glaube nicht, dass er das noch erlebt.

Besuchen kann ich ihn nicht. Noch einmal eine Cola, Popkorn, Burger, ihn etwas aufheitern. Das Gefängnis ist unter „Lock Down“, das Corona Virus ist bereits innerhalb der Mauern von San Quentin nachgewiesen worden. „If I get it that’s it for me“, meint er. Er regelt gerade das, was ihm noch bleibt, was ihm noch wichtig ist. Hoffnung, die scheint er verloren zu haben. Und Hoffnung war lange Zeit das einzige, was er im Todestrakt von San Quentin hatte.

Röcke bis zum Knie

98 Frauen, zwei Männer, so ungefähr sieht die Warteschlange an diesem Sonntagmorgen am Eingang von San Quentin aus. So ist es immer, viel mehr Frauen als Männer besuchen die Häftlinge. Die Regeln sind strikt, was man anziehen darf, gerade für die Besucherinnen (siehe unten). Und doch, bei allen Restriktionen, wie lang der Rock, wie eng die Bluse, wie tief der Ausschnitt sein darf, wird versucht, die Grenzen des Erlaubten auszutesten und auszutricksen.

Oftmals, wie auch heute, drücken die „Correctional Officers“ nicht beide Augen zu. Vor mir eine etwas fülligere Frau mit einer Freundin. Sie trägt nur ein gelbes, etwas fleckiges T-Shirt, das eng anliegt und einen tiefen Einblick gewährt. Dazu sehr enge Leggings. Blickfang ist ihr Tattoo genau im Ausschnitt. Sie wird aufgefordert die Sweat Shirt Jacke ihrer Begleiterin anzuziehen und bis oben hin zuzuziehen. Dass ihr die Jacke mindestens eine Nummer zu klein ist, interessiert die CDC-Officer nicht.

Auf was man als Besucher achten muss, wenn man jemanden in San Quentin besucht, ist vor allem die Farbe der Klamotten. Keine blaue Jeans, kein blaues Hemd, keine blaue Jacke. Blau ist die Farbe der Häftlinge. Auch Grün darf nicht getragen werden, das ist die Farbe der Wärterinnen und Wärter. Dazu kein Orange, das tragen jene Häftlinge, die im Außenbereich arbeiten. Die Regeln, was angezogen werden darf, werden ständig verändert und erweitert. Vieles macht keinen Sinn und ich selbst hatte schon oft genug am Eingang Debatten darüber, dass meine graue Hose grau sei und nicht blau. Dann hängt es von dem Officer ab, der einen kontrolliert, ob er oder sie päpstlicher als der Papst sind oder an diesem Tag Gnade ergehen lassen.

San Quentin ist eine Welt für sich. Ein kleines Dorf direkt an der San Francisco Bay und an der Richmond-San Rafael Bridge gelegen. Eine Straße führt hinein und die direkt auf das Tor von San Quentin zu. Links davor geht es auf den Besucherparkplatz, von dem man einen wunderbaren Ausblick auf die „Bastille by the Bay“, auf Tiburon, Angel Island, Oakland und San Francisco in der Ferne hat. Nach fast 25 Jahren regelmäßiger Besuche im Todestrakt des kalifornischen Staatsgefängnisses ist das Prozedere für mich zur Normalität geworden. Die Kleidungsbestimmungen, die strikten Kontrollen, teilweise das Rumgebläke der Officers. Ich habe gelernt, nichts zu den teilweise schikanösen Behandlungen und Anweisungen zu sagen. Nur hier trinke ich Dr. Pepper und esse Mikrowellenpopkorn am Morgen. Es wird viel geredet, gelacht. Einige berühren sich, andere weinen. Für die Gefangenen sind solche Besuche allerdings ein Stück Freiheit, ein Stück Normalität in einem unwirklichen, surrealen und vor allem gefährlichen Alltag.

 

 

 

 

Mit Worten und Bildern die Mauern öffnen

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

Reno ist einer von vielen. Seit 1980 nennt er eine 1 Meter 40 mal 2 Meter 20 große Zelle sein “Haus”. Manchmal verlässt er sie für Wochen nicht und wenn doch, dann wird er in Handschellen, die an einer Bauchkette angebracht sind, aus seiner Zelle geführt. Reno ist einer von nahezu 750 Todeskandidaten im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin. Mit 33 Jahren wurde er verhaftet, im Mai dieses Jahres wird er 75 Jahre alt.

Reno hatte lange Zeit einen Weg gefunden, um die brutale Wirklichkeit um ihn herum auszublenden. Er malte. Portraits, doch vor allem Landschaften. Farbenfrohe Bilder in einem grauen Alltag, Fenster in eine Welt, die er nie wieder selbst sehen wird. Seine Matratze legte er auf den Boden und nutzte das Bettgestell als Schreibtisch. So blendete er sich aus, so überlebte er die langen Jahre hinter Gittern. San Quentin liegt direkt an der San Francicso Bay, die Aussicht traumhaft schön. Gegenüber der “Correctional Facilty” liegt die Halbinsel Tiburon, eine Reichengegend, wo einst Steffi Graf und Andre Agassi lebten und wo sich Robin Williams in seinem Haus umbrachte. Dahinter Angel Island, einst ein Internierungslager, heute ein Nationalpark. In der Ferne kann man die Bay Bridge, Oakland und ein paar der Skyscraper von San Francisco sehen. Doch davon sehen die meisten Gefangenen nichts. Nur wenige von ihnen, meist zu lebenslanger Haft Verurteilte mit guter Führung, können außerhalb der Mauern, aber noch im Innenbereich des Gefängnisses arbeiten und einen Blick auf die Bay werfen.

Im Todestrakt, der Death Row, sind die Gefangenen alleine in ihren Zellen untergebracht. Im allgemeinen Strafvollzug, den es auch in San Quentin gibt, sind jeweils zwei Häftlinge auf diesen etwas mehr als drei Quadratmetern untergebracht. Im Todestrakt hofft man deshalb, dass nach dem verkündeten Hinrichtungsstopp von Gouverneur Gavin Newsom, keiner der zum Tode Verurteilten in Zukunft seine Zelle teilen muss. Er lebe seit 40 Jahren alleine, meint Reno. Er könne nicht mehr mit jemandem auf so engem Raum leben, erklärte er vor ein paar Tagen im Besuchsraum von San Quentin.

Mittlerweile malt er nicht mehr. Seine Gelenke, sagt er, Arthrose, die mangelnde Gesundheitsversorgung im Gefängnis, es würde im Winter nie richtig warm werden, im Sommer sei es brütend heiß in den alten Gemäuern von San Quentin. Der Trakt, in dem er untergebracht ist, stammt noch aus den Gründerjahren Mitte des 19. Jahrhunderts. In den “Visiting Room” mit seinen Besucherkäfigen wird er im Rollstuhl gefahren. An den Handgelenken trägt er Bandagen. Um die Handschellen an der Bauchkette gelöst zu bekommen, muss er aus seinem Rollstuhl mühsam aufstehen, durch eine kleine Öffnung im Gitter werden die Schlösser geöffnet, die Kette von einem Wärter herausgezogen.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht.

Eine kurze Umarmung, “good to see you”, danach gibt es ein Sandwich zu Coca Cola, Popcorn und einen Schokoriegel, die der Besucher vor dem Einschluß aus Automaten kaufen und in einer Mikrowelle aufwärmen kann. Auch diese Besuche sind ein Fenster nach draußen. Anderes Essen, ein anderes Gesicht, ein paar Erzählungen aus der Welt hinter den Mauern. Die meisten auf Death Row und im allgemeinen Strafvollzug von San Quentin erhalten kaum noch Besuch. Sie wurden über die Jahre einfach vergessen. Reno hat früher gerne über seine Bilder gesprochen. Zahlreiche seiner teils farbenfrohen, detailreichen Gemälde wurden sogar in Ausstellungen in den USA, Deutschland und Schweden ausgestellt. Das Malen war für ihn wie das Schaffen eines Fensters in der fensterlosen Zelle. Die fühlbare Enge wurde so einfach erweitert.

In San Quentin findet man hochbegabte und talentierte Gefangene. Das war schon immer so. 1936 wurde der amerikanische Komponist Henry Cowell aufgrund einer “moralischen” Straftat zu 15 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre lang saß er in San Quentin, bevor er eine Begnadigung bekam. Cowell komponierte weiter in San Quentin, die Musik dieser Zeit drückt die Schwere und die Eintönigkeit des Gefängnislebens aus. Er sagte einmal, die Musik habe ihn in San Quentin überleben lassen.

In San Quentin trafen sich in den 40er und 50er Jahren auch die Jazzgrößen Kaliforniens, Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon, Dupree Bolton, Earl Anderza, Jimmy Bunn und andere. Meist waren sie, wie auch der Jazzsänger Ed Reed, wegen Drogenkonsums hier gelandet und formten hinter Gittern eine der besten Jazz Combos ihrer Zeit, die gelegentlich bei Feiern und Anlässen des Direktors aufspielten. Sie nutzten diese Freiheit, um in den Klangweiten des Jazz im damals gefährlichsten Gefängnis westlich des Mississippi zu überleben. “Es waren immer großartige Musiker in der Band”, erinnert sich der heute 91jährige Reed. “Der Übungsraum war unter der Turnhalle in diesem alten Backsteingebäude ohne Fundament. Gefängnisdirektor Duffy hatte Instrumente gespendet bekommen und schaffte es, dass eine Instrumentenfirma sie pflegte.” Nur hier San Quentin existierte diese Superband, draußen, nach ihrer Entlassung kamen die Musiker nie wieder zusammen. Es sollen bislang unveröffentlichte Aufnahmen von dieser sagenhaften Band existieren. Tonbänder, die im alten Schulhaus auf dem Gelände von San Quentin in einer Kiste liegen sollen. Gefunden wurden sie bislang nicht, danach gesucht hat wohl bislang auch noch niemand.

Alfredo Santos‘ Wandbild in San Quentin

Im Speisesaal des Gefängnisses sieht man auch eines der beeindruckendsten, doch unbekanntesten Wandbilder der USA. 1953 begann der Häftling Alfredo Santos an seinem Monumentalwerk zu malen, nachdem er einen Wettbewerb hinter Mauern gewonnen hatte. Zwei Jahre lang arbeitete er Tag für Tag an der Geschichte Kaliforniens, detailreich versuchte er sie wiederzugeben, von Indianern bis zum Wirtschaftsboom in den Nachkriegsjahren der frühen 1950er. Auf sechs Wänden, jeweils 30 mal 4 Meter, schuf er ein einzigartiges Wandgemälde, dessen Stil an den mexikanischen Künstler Diego Rivera und die Plakatkunst der 30er und 40er Jahre erinnert. Ein Wandbild aus vielen kleinen Szenen, teils filmisch genau, teils expressionistisch, und alles ist in Brauntönen gehalten. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entlassung konnte Alfredo Santos sein Bild wiedersehen. 2003 durfte er als Besucher das Gefängnis und den normalerweise nicht zugänglichen Speisesaal betreten. In einem Nebensaal spielte auch Johnny Cash am 24. Februar 1969 sein berühmtes Konzert. “San Quentin, you’ve been living hell to me” sang er, und der Jubel der Häftlinge echote von den kahlen Wänden zurück.

San Quentin wird auch die “Bastille by the Bay” genannt, ein Gebäude, dass wie eine alte Festung wirkt. Es ist das älteste Staatsgefängnis im Bundesstaat und dennoch, trotz der alten Gemäuer wollen die Gefangenen hier sein, denn San Quentin ist eines der wenigen Gefängnisse inmitten einer Metropolregion. Mehr als 700 Freiwillige unterhalten Sozial-, Freizeit-, Beschäftigungs- und Bildungsprogramme. Das reicht von einer Uni mit College Abschluss über ein Shakespeare Theater zu einer preisgekrönten Häftlingszeitung, einem Radioprogramm und Yoga Kursen. Insgesamt werden mehr als 70 solcher Programme angeboten, nur wenige allerdings für die “Condemned Inmates”, die zum Tode Verurteilten. Die nutzen das Malprogramm und eine Schreibwerkstatt, um das verarbeiten, was sie erlebt haben und erleben. Und sie nutzen Papier, Stift und Pinsel um den trostlosen Alltag, der sich täglich wiederholt, zu entfliehen. Kurt Michaels ist ebenfalls im “East-Block”, dem Todestrakt untergebracht. “Ich nenne diese Zelle hier lieber meine Betoneigentumswohnung, also mehr wie man sein Zuhause sieht und weniger wie eine Gefängniszelle. Im Laufe der Jahre lernt man, die Gitterstäbe nicht mehr zu sehen, man sieht einfach durch sie hindurch, wenn man nach draussen blickt.”

Der 53jährige ist seit 1990 in San Quentin. Er wirkt im Gespräch wie unter Strom, immer darauf wartend, dass etwas passieren könnte. Kurt Michaels begann in seiner Endstation San Quentin mit dem Schreiben. Gedichte und vor allem Briefe an Freunde, in denen er seine Welt und seine Gedanken anschaulich schildert. Er bittet seine Brieffreunde, ihre Welt genauestens darzustellen, denn diese Briefe werden für ihn zum Fenster in die Freiheit: “Ich korrespondiere mit einigen Leuten in aller Welt. Wenn ihre Briefe hier ankommen, von Australien und anderen Ländern, dann sortiere ich sie nach Gegenden, in die ich dann in diesem Moment reisen möchte. Manchmal sage ich meinen Zellennachbarn, stört mich jetzt nicht, laßt mich in Ruhe. Und dann nehme ich ihre Briefe, öffne sie, einen nach dem anderen, oftmals sind Fotos dabei und sie beschreiben verschiedene Dinge in ihrem Leben, damit ich daran Teil haben kann. Das ist meine mentale Flucht, das ist alles, was wir hier haben.”

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Ben Aronoff arbeitete über mehrere Jahre als “Corrections Officer”, als Justizbeamter, im Todestrakt von San Quentin. Er beobachtete und bewunderte fasziniert die Kreativität der Häftlinge. “Da erinnere mich an einen Häftling, der durfte aufgrund seines Verhaltens nicht am offiziellen Kunstprogramm teilnehmen. Das störte ihn nicht, er machte sich einen Pinsel aus seinen Haaren. Und er bekam den staatlich zuerkannten Tabak. Heute dürfen sie ja noch nicht mal mehr in ihren Zellen rauchen, aber damals bekamen sie noch Tabak. Und er mischte den Tabak mit Wasser, nutzte seine Haare als Pinsel und malte die wunderbarsten Bilder auf seine Zellenwand. Die waren einfach unvorstellbar schön. Und alle paar Wochen wurde er auf den Hof geschickt und die Gefängnisleitung ließ die Wand wieder weiß übertünchen. Aber das war ok für ihn, denn dann hatte er wieder Platz zum Malen.”

In San Quentin, dem ältesten kalifornischen Staatsgefängnis, sind derzeit fast 4000 Gefangene untergebracht. Wer hierher kommt arrangiert sich mit dem brutalen und tristen Alltag, mit Gangs, oftmals mit der Aussicht nie wieder nach draußen zu kommen. Doch viele finden auf kreative Weise einen Weg, zumindest ein Fenster nach draußen, in die weite Welt zu öffnen.

Freiheit nach 36 Jahren

Andrew Stewart, Alfred Chestnut und Ransom Watkins wurden am Montagabend nach 36 Jahren im Gefängnis freigelassen. Nach 36 Jahren unschuldig hinter Gittern. Die drei waren 1983 für den Mord an dem 14jährigen DeWitt Duckett verhaftet und schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Schon damals lagen Beweise und Zeugenaussagen vor, dass ein anderer junger Mann der Täter war, doch die ermittelnden Beamten konzentrierten sich gleich auf Stewart, Chestnut und Watkins.

Alfred Chesnut, Andrew Stewart und Ransom Watkins (v.l.n.r.) nach ihrer Entlassung. Foto: AFP.

Der Druck von außen war groß, das Medieninteresse gewaltig, denn es war der erste Mord in einer Mittelschule in Baltimore. Die drei Jungs schwänzten an dem Tag die Schule und hielten sich in der „Middle School“ auf, um Freunde und Geschwister zu sehen. Sie schließlich von einem Wachmann rausgeschmissen, der anschließend die Tür verriegelte. Die Staatsanwaltschaft allerdings erklärte den Geschworenen im Prozess, dass sie sich anschließend wieder Zugang zur Schule verschafften und dort den 14jährigen DeWitt Duckett trafen, ihm seine Jacke abnahmen und ihn erschossen. Ihr Glück im Unglück war damals nur, dass sie noch zu jung waren, um die Todesstrafe zu erhalten.

Über Jahre hinweg beteuerten sie ihre Unschuld. Zwei von ihnen, Andrew Stewart  und Ransom Watkins, gaben schließlich ihren Kampf auf. Afred Chestnut hingegen kämpfte weiter und fand im vergangenen Jahr bis dahin unter Verschluss gehaltene Berichte, die eindeutig die drei Verurteilten entlasteten und den 18jährigen Michael Willis als Täter und Todesschützen ausmachten. In einem handgeschriebenen Brief wandte sich Chestnut an die Staatsanwältin von Baltimore, die die Abteilung „Conviction Integrity Unit“ aufgebaut hatte. Diese war mit dem Ziel aufgebaut worden, unschuldig Verurteilte aus der Haft zu entlassen. Staatsanwältin Marilyn Mosby und ihr Team sahen sich den Fall genauer an und erkannten sehr schnell, dass etwas an den Ermittlungen und dem Urteil nicht stimmte.

Am Montag kamen die drei nach 36 Jahren frei. Ein Richter entschuldigte sich im Namen des Staates. Maryland hat bislang keinen rechtlichen Rahmen, um die Unschuldigen zu entschädigen. Der damals ermittelnde Kommissar in dem Fall, Donald Kincaid, steht nach wie vor, trotz der erdrückenden Beweise, zu seinen Ermittlungen. Er erklärte, er kannte die drei Jungs gar nicht, warum also hätte er sie unschuldig vor Gericht ziehen sollen. Vielmehr versuche die Staatsanwältin nun jeden Officer als Lügner und Betrüger darzustellen. „That’s crazy“, meinte er.

In den USA sind solche Fälle keine Seltenheit. Es wird davon ausgegangen, dass rund ein Prozent der Verurteilten die Tat, für die sie verurteilt wurden, nicht begangen haben. In einem Land, in dem es nach wie vor die Todesstrafe gibt, heisst das, dass auch Hunderte von Personen zu unrecht und unschuldig auf ihre Hinrichtung warten. Persönlich kenne ich Fälle, in denen der Staat Männer hinrichtete, die unschuldig zum Tode verurteilt worden waren.

Good morning, San Quentin

Das Haupttor des San Quentin State Prison.

Samstagmorgen und ich bin mal wieder in San Quentin. Der normale Wahnsinn. Am Eingang meint ein Wärter zu mir, ich solle mir mein Shirt etwas zuknöpfen, anscheinend bringe ich Gefangene oder WärterInnen mit meinem Brusthaar in Wallung. „Rule is rule“, meint er. Auch schön. Nach dem kleinen Spaziergang entlang der Bay vom Haupttor zum Besuchsraum des East Blocks, dem Todestrakt, lass ich mich mit Reno in dem kleinen Käfig einsperren. Er muss sich vorher aus seinem Rollstuhl erheben, wird umständlich mit Handschellen und einer Bauchkette gefesselt, um so den Käfig verlassen zu können, damit ich hinein kann. Nur eine Tür darf jeweils geöffnet sein. Auf meinen Einwand, dass der mittlerweile 74jährige in dem Zustand sicherlich nicht mehr die Flucht ergreifen wird, meint die Gefängnisaufseherin auf meiner Seite des Käfigs nur „that’s the rule“.

Burger, Sandwich, Popcorn, Schokolade und zwei Dosen Coca Cola, damit verbringt Reno die nächsten Stunden. Wir unterhalten uns über dies und das. Er meint, morgen sei der Jahrestag seiner Verhaftung. Vor 41 Jahren wurde er in Polizeigewahrsam genommen. Anfang 1980 kam er dann nach dem Todesurteil nach San Quentin in den East Block.

Ich kenne ihn nun seit 25 Jahren, seit mehr als 23 Jahren besuche ich ihn mehr oder weniger regelmäßig im ältesten Staatsgefängnis von Kalifornien. Neben mir kommt hin und wieder noch sein Anwalt vorbei. Mehr Besucher hat er nicht. Und das sind noch viele im Vergleich zu so manch anderem auf „Death Row“. Reno ist alt geworden, kann sich nur noch unter Schmerzen bewegen, die Gesundheitsversorgung hinter den dicken Mauern ist nicht die beste. Und heute meinte er, er wisse gar nicht, ob er jemals noch mal nach draussen wolle, denn seine Medikamente könne er sicherlich nicht bezahlen. Hier bekommt er die umsonst, eine Neuerung, zuvor mussten Häftlinge für alles zahlen. Jeden Doktorbesuch, jede Aspirin, den Rollstuhl, Zahnarzt, Brillen. Wer das Geld nicht aufbringen konnte, Pech gehabt.

Wir sitzen uns gegenüber und reden über das Gefängnis, was ihn aufregt, über Sport, das Feuer in der Nord Bay und auch über Politik und Trump. Irgendwie kann man dem nicht mehr entkommen, selbst im Todestrakt von San Quentin. Nach guten zwei Stunden ist der Besuch vorbei. Ich verspreche bald wieder vorbei zu kommen. Eine kurze Umarmung, er lässt wieder die Prozedur mit den Handschellen und der Bauchkette über sich ergehen und wird dann in den hinteren Teil des Besucherbereiches geschoben. Für mich öffnet sich die Stahlschleuse, ich bekomme meinen Ausweis zurück und kann draussen wieder tief durchatmen. Die Sonne scheint, der Rauch vom Kincade Fire liegt in der Luft. Ein Morgen in San Quentin.

Die Todesstrafe wird zum Wahlkampfthema

Das musste ja kommen. Während der wohl liberalste Bundesstaat in den USA, Kalifornien, ein Moratorium zur Todesstrafe durchsetzt, das von vielen Seiten als Zeichen für die gesamten Vereinigten Staaten gesehen wird, dass der Wendepunkt für die Höchststrafe im Land schon bald erreicht werden könnte, geht die Trump-Administration einen ganz anderen Weg.

Während in San Quentin vorerst nicht mehr hingerichtet wird, will Donald Trump auf Bundesebene wieder Exekutionen durchführen lassen. Foto: Reuters.

Gleich fünf Hinrichtungen sind zum Jahreswechsel angedacht. Fünf Häftlinge, die zum Tode verurteilt wurden und in Bundesgefängnissen auf ihren Tag X warten. Daniel Lewis Lee, Lezmond Mitchell, Wesley Ira Purkey, Alfred Bourgeois und Dustin Lee Honken sollen Ende 2019, Anfang 2020 hingerichtet werden. Damit setzt Donald Trump ein deutliches Zeichen. Er tritt schon seit langem für die Todesstrafe ein, forderte sogar 1989 in einer eigens geschalteten Zeitungsannonce eine schnelle Hinrichtung von fünf Verdächtigen nach einer Vergewaltigung. Später stellte sich heraus, dass die “Central Park Five” die Tat nicht begangen hatten. Eine Entschuldigung des Milliardärs folgte nicht, auch nicht später, als er zum Präsidenten gewählt wurde.

Und vor kurzem machte Trump Schlagzeilen damit, dass er die Todesstrafe für Drogendealer forderte, um so eine weitere “Waffe” im Kampf gegen den illegalen Drogenhandel zu bekommen. Die Ankündigung des Justizministeriums, nun erneut fünf Inhaftierte hinzurichten muss also auf Trump zurückgehen, denn die Bundesregierung in Washington hat seit 2003 niemanden mehr exekutieren lassen. Es gab ein quasi informelles Moratorium. Trump will also mit der Todesstrafe im Wahljahr 2020 punkten und erhofft sich so seine Gegner als Weicheier zu brandmarken, die nicht an die Opfer denken. Denn er weiss, dass einige der führenden Demokraten im Kandidatenrennen, darunter Bernie Sanders, Kamala Harris und Pete Buttigieg erklärte Todesstrafengegner sind und schon ankündigten, dass sie im Falle eines Wahlsieges die Höchststrafe auf Bundesebene abschaffen würden. Die Todesstrafe soll Donald Trump also als “Law and Order” Präsidenten ohne Gnade zeigen. Klare Worte dieses Präsidenten, dem kein Thema moralisch fragwürdig erscheint, um damit Wahlkampf zu betreiben.

Muttertag in San Quentin

Muttertag ist ein ganz normaler Sonntag in San Quentin. Zwar stehen da um halb acht morgens auch ein paar Mütter mit kleinen Kindern in der Schlange, „Happy Mother’s Day“ hört man immer wieder, aber ansonsten ist alles gleich. Strenge Sicherheitskontrolle, einen Leuchtstempel auf den rechten Unterarm und dann darf man entlang der Bay zum Besucherraum des East Blocks laufen.

Reno hat Geburtstag. Er wird in diesen Tagen 74 Jahre alt. 40 Geburtstage davon hat er auf Death Row verbracht. Gefeiert wird hier nicht. Ich kenne ihn nun schon seit 25 Jahren, seit 23 Jahren besuche ich ihn regelmäßig, er ruft an, wenn es geht, er schreibt Briefe. Zum Geburtstag zwei Cokes (je $ 1,25), ein kleines Pastrami Sandwich ($ 6), ein kleiner Eier-Bacon Burrito ($ 6), Popkorn ($ 1,50) und ein Milky Way Dark Chocolate ($ 1,50). Was in den Automaten angeboten wird, ist nicht billig. Eine Avocado für $ 2, genauso wie zwei Orangen. Ein stolzer Preis, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele der Besucher von Gefangenen selbst kaum Geld haben.

San Quentin State Prison.

Reno lässt es sich schmecken. Er sitzt im Rollstuhl, kann kaum noch laufen, hat dauerhaft Schmerzen. Dick schmiert er sich Mayonnaise auf das Sandwich und erzählt, drinnen bekämen sie nur „Low Fat“ Mayo. Genauso wie nur „Low Fat“ Milch, denn richtige Vollmilch sei ungesund, so die Begründung der Gefängnisleitung. Das heisst also, man wolle diejenigen im Todestrakt zu einer gesunden Ernährung erziehen. Nicht, dass da einer noch an Herzverfettung stirbt und so dem Henker von der Schippe springt.

An der Verköstigung der Gefangenen wird sich wohl auch mit dem Moratorium von Gouverneur Gavin Newsom nichts ändern. Die Todesstrafe in Kalifornien ist damit nicht abgeschafft worde. In den Gesetzbüchern gibt es sie noch immer und nach wie vor werden Mörder für ihre Tat mit der Höchststrafe belegt. Was dieses Moratorium lediglich besagt ist, dass in der Amtszeit von Gavin Newsom niemand in Kalifornien hingerichtet werden wird. Das steht fest. Was nach seinem Ausscheiden passieren wird ist noch offen.

Im East Block von San Quentin weiss man nicht, ob man sich freuen soll. Denn die Situation bleibt weiterhin unklar. Und es gibt einige, das sagte Mike Farrell im Interview und das bestätigt mir auch erneut Reno, die für ihre Exekution bereit sind, die gegen den Staat Kalifornien und damit gegen Gavin Newsom klagen wollen. Sie haben genug von der Death Row, den „unmenschlichen Zuständen“, wie es Farrell beschreibt. Die Entscheidung des Gouverneurs wird also vor einem Gericht geprüft werden. Hat er das Recht die Todesurteile auszusetzen oder hat er seine Befugnisse als Gouverneur überschritten? Reno zumindest hat sich über die Entscheidung Newsoms gefreut. Er ist einer von jenen, dessen Name auf der sogenannten „short list“ für Hinrichtungen stand. Mit dem Moratorium ist die, zumindest vorerst, wieder in irgendeiner Schublade verschwunden.

Death Penalty – ein Interview mit Mike Farrell

Mike Farrell. Foto: DPF.

Mike Farrell (80) ist Schauspieler und Produzent. Für seine Rolle als B.J. Hunnicutt in M*A*S*H wurde er weltberühmt. Seit den 1980er Jahren setzt er sich für soziale und gesellschaftliche Initiativen ein und ist u.a. auch Präsident von Death Penalty Focus, einer US weiten Organisation gegen die Todesstrafe. Ich konnte vor ein paar Tagen mit Mike Farrell in San Francisco über das kalifornische Moratorium sprechen:

 

Waren Sie überrascht, als der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom ein Moratorium für die Todesstrafe im Bundesstaat verkündete?

Ich war zufrieden, begeistert, aber nicht überrascht, denn ich wusste, er wollte etwas machen. Und wenn man sich die Möglichkeiten ansieht, die er hatte, machte das Moratorium am meisten Sinn.

Newsoms Amtsvorgänger, Jerry Brown, war auch offen gegen die Todesstrafe und es hieß bis zum Schluss, er würde noch was unternehmen. Waren Sie enttäuscht, dass er am Ende nichts tat?

Ja, wir waren sehr enttäuscht. Die Organisation, für die ich mich einsetze, gemeinsam mit vielen anderen Gruppen haben eine breite Kampagne gefahren, um Gouverneur Brown zum Handeln zu bewegen. Wir wollten schlichtweg die Todesstrafe beenden und von ihm die Höchststrafen in lebenslängliche Haftstrafen umwandeln lassen. Die Macht des Gouverneurs ist beschränkt, uns war also klar, dass Gouverneur Brown nicht etwas riesiges unternehmen würde. Aber wir versuchten Druck auszuüben, baten ihn, zumindest ein Moratorium auszusprechen und all jene auf Death Row, deren Strafe er umwandeln könnte, umzuwandeln. Aber wir waren sehr frustriert, sehr enttäuscht, dass er einfach alle im Todestrakt ignorierte und einfach nichts tat.

Warum glauben Sie, dass Gavin Newsom dann das tat, was Jerry Brown nicht unternommen hat?

Ich kannte Gavin Newsom schon, als er noch nicht Gouverneur war. Ich wusste, er war gegen die Todesstrafe und unserer Idee eines Moratoriums sehr aufgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, dass er ein integrer Mann sei. Wissen Sie, wir haben leider in diesem Land eine lange Geschichte an Leuten, die im Wahlkampf viel versprechen und wenn sie dann gewählt sind, das alles wieder vergessen. Aber bei Gouverneur Newsom hatte ich den Eindruck, dass er das machen würde, was für ihn möglich war. Aber was genau, das wusste ich auch nicht. Als ich dann den Anruf bekam, ob ich zu einem Treffen vor der Verkündigung kommen könnte, war ich mehr als begeistert, als ich rausfand, um was es ging. Und als ich dann im Raum war und hörte, was er zu sagen hatte, war es all das, was ich von ihm erhofft hatte. Er machte klar, dass er die Todesstrafe in Kalifornien beenden will. Und dabei betonte er, dass er es nicht nur als eine Entscheidung der Newsom Administration sehen will. Er will es zu einer Entscheidung des kalifornischen Staates machen, es soll hier keine Todesstrafe mehr geben. Und zu diesem Moratorium gab es noch ein paar, wie ich finde, Extras, wie den sofortigen Abbau der Hinrichtungskammer und seine Aussage, dass er dem neuen Giftcocktail für Hinrichtungen nicht zustimmen werde. Denn dieser braucht die Unterschrift des Gouverneurs, um eingesetzt zu werden. Er macht also so viel, wie er gesetzlich tun kann und lässt darüberhinaus noch prüfen, was noch getan werden kann. Und wir überlegen, wie wir ihm dabei helfen können.

Was wäre der nächste Schritt, um die Todesstrafe in Kalifornien ganz abzuschaffen?

Es gibt da zwei Möglichkeiten. Zum einen die Wählerabstimmung, die wir schon mit anderen Organisationen 2012 und 2016 versuchten. Wir waren knapp davor, aber schafften nicht ganz die Mehrheit. Und zum anderen ist da der kalifornische Verfassungsgerichtshof, der genauso, wie kürzlich das Verfassungsgericht in Washinton State handeln kann. Was Newsom auch noch machen könnte, wäre, all die Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen oder lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung umzuwandeln. Wenn es nach mir ginge, dann wäre das lebenslänglich, denn so bliebe noch die Begnadigung. Aber das bedeutet, dass das Verfassungsgericht in Kalifornien weitestgehend zustimmen müsste. Wir wissen aber nicht, ob die Richter da mitziehen, wenn man sich ansieht, wie sie auf einige der von Gouverneur Brown umgewandelten Strafen reagierten. Das ist fraglich, das weiß auch Gouverneur Newsom nicht. Was nun kommt ist eine genaue Prüfung, was noch getan werden kann. Wir werden sehen. Was wir wissen ist, dass es keine Hinrichtungen geben wird, so lange er Gouverneur ist. Das können nun also vier oder acht Jahre sein. Wir kennen auch seine politische Zukunft nicht, ich hoffe nur, es wird eine gute sein.

Was würden sie denjenigen sagen, die Gouvereur Newsom nun vorwerfen, gegen den Willen der kalifornischen Bevölkerung gehandelt zu haben, denn die jüngste Abstimmung zum Thema ergab ja eine andere Mehrheit – die Todesstrafenbefürworter gewannen.

Proposition 66 setzte sich mit wenigen Stimmen mehr durch. Was man verstehen muss, der Abstimmungsprozess in Kalifornien ist mehr als schwierig. Man braucht dafür eine Menge Geld und unsere Gegner hatten einfach viel mehr. Deshalb haben wir verloren und sie gewonnen. Und sie haben mit den Angstbildern gearbeitet, dass diese gefährlichen Leute dann frei kämen, man Angst haben sollte, sich unter seinem Bett verstecken müsse. Die Mörder suchen dann schon nach ihren nächsten Opfern. Dagegen kommt man nur schwer an, wenn man den Leuten klar machen will, dass das System ja funktioniert und diejenigen hinter Gitter auch hinter Gitter bleiben. Ich widerspreche also dieser Meinung, der Gouverneur habe sich gegen den Willen des Volkes entschieden. Ja, sie haben erfolgreich diese Initiative gewonnen und es ist das Gesetz. Aber diese Initiative hat Dinge versprochen, bei der sie wussten, sie können nicht eingehalten werden. Ein Gericht bestätigte zum Beispiel, dass es nicht möglich sei, innerhalb von fünf Jahren die Hinrichtung durchzuführen. Das ist unmöglich und das Gericht hat das bestätigt. Die Initiatoren von Prop. 66 wussten das. Sie haben die Wähler bewusst getäuscht. Umfragen zeigen außerdem, dass die Menschen in Kalifornien viel lieber lebenslänglich ohne Aussicht auf Begnadigung sehen würden als die Todesstrafe. Daher ist die Behauptung falsch, nur weil Proposition 66 gewonnen hat, dass die Menschen in Kalifornien die Todesstrafe wollen.

Was bedeutet denn nun die Erklärung von Gouverneur Newsom für die Todeskandidaten im East Block von San Quentin? Ändert das was an ihren Lebensumständen, werden sie nun anders bewacht oder teils auch in andere Gefängnisse verlegt?

Nach dem Gesetz ändert sich gar nichts. Ich glaube aber, der Gouverneur und seine Mitarbeiter prüfen derzeit jedoch einige Möglichkeiten. Ich habe da auch ein paar Vorschläge, mal sehen, ob die auch gehört werden. Aber eine der Tatsachen bezüglich Death Row, die ich als unmenschlich ansehe, ist, dass man die Menschen dort als nicht mehr lebenswert einstuft. Todeskandidaten dürfen nicht an Programmen teilnehmen, die anderen Gefangenen in San Quentin angeboten werden, darunter auch Mördern, die zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden. Wir brauchen hier nicht über Resozialisierungsprogramme sprechen, denn es wäre ja ein Widerspruch jemanden zum Tode zu verurteilen, um ihn dann wieder resozialisieren zu wollen. Aber ich denke, auch diese Leute sollte man wahrnehmen, ihre Gegenwart. Es ist unsere Verantwortung, sie als Menschen zu behandeln, egal ob sie zum Tode verurteilt wurden. Ich glaube also, dass es Programme und Angebote auch für sie geben sollte. Der Umstand allein auf Death Row zu leben ist unfassbar. Wir wissen das, denn es gibt dort mehr Selbstmorde, als es jemals Hinrichtungen gab. Wir sollten uns also unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, wie wir mit diesen Leuten umgehen und was wir ihnen anbieten.

Death Penalty Focus ist ja mit zahlreichen Todeskandidaten in San Quentin in engem Kontakt. Was haben Sie von dort gehört, wie das Moratorium aufgenommen wurde?

Ich habe einige Rückmeldungen bekommen, und die sind gemischt. Nicht jeder freut sich und nicht jeder ist damit einverstanden. Es gibt einige, die sagen, lass es uns durchziehen. Wir haben Freiwillige, die sagen, sie wollen sterben, sie wollen so nicht mehr weiterleben. Ich kenn ein paar von ihnen persönlich. Es ist ganz fürchterlich, jemanden zu erklären, warum er am Leben festhalten und nicht aufgeben und sich freiwillig hinrichten lassen soll. Es gibt diese alte Weisheit, wo es Leben gibt, da gibt es Hoffnung. Ich glaube, diejenigen auf Death Row können Hoffnung haben, dass es in Zukunft keine Death Row mehr geben wird. Und einige von ihnen werden die Möglichkeit haben, die Fakten ihres Falles neu beleuchtet zu bekommen und vielleicht entlassen zu werden, eine geringere Strafe zu bekommen, als Mensch gesehen zu werden.

Vor einigen Jahren habe ich mit der früheren Direktorin von Death Penalty Focus, Jeanne Woodford, gesprochen und sie redete von ihrer Hoffnung eines “Wendepunktes”, wenn die Todesstrafe in den USA abgeschafft werden wird. Glauben Sie, dass diese Entscheidung in Kalifornien dieser Wendepunkt sein könnte?

Ich denke, es gibt gute Gründe, dass das so ist. Aber, Mister Trump hat nun zwei Leute zu Verfassungsrichtern gemacht, die erklärt haben, dass ihnen die Finalität wichtiger ist als Gerechtigkeit. Ich finde das ekelhaft und fürchterlich. Was mir das sagt ist, wir müssen unsere Kampagne von Bundestaat zu Bundesstaat weiterführen, bis das Verfassungsgericht einfach anerkennt, dass die Todesstrafe nicht länger in den Vereinigten Staaten gewollt ist. Denn diese neuen Ernennungen zeigen, dass wir weder die politische Führung noch das Streben nach Gerechtigkeit haben, was wir noch vor ein paar Jahren hatten, als Richter Kennedy noch am Verfassungsgericht war. Ich glaube nicht, dass wir heute von diesem Gericht eine Führungsrolle erwarten können.

Von außen betrachtet scheint das Thema Todesstrafe eine Frage zwischen dem liberalen und konservativen Amerika zu sein. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, das stimmt heute so nicht mehr. Es gibt konservative Organisationen, die sich aktiv für ein Ende der Todesstrafe einsetzen. Einige aus religiösten Gründen, andere aus wirtschaftlichen Gründen. Aber es gibt sie und wir haben in dieser Bewegung mit ihnen einige starke Allianzen geschlossen. Über die politischen Grenzen hinweg sind auch Konservative nicht nur gegen die Todesstrafe, sondern auch für eine Gefängnisreform. Und ich finde, das ist ein gutes Zeichen für eine bessere Situation in diesem Land, denn die Gefängnisse sind ganz schlimm. Für mich ist die Todesstrafe, der Todesprozess die Krönung eines schrecklichen Systems. Wie der Deckel auf einer Mülltonne. Es ist etwas, was nicht nur die Opfer und diejenigen verroht, die dazu verurteilt wurden. Es verroht auch all jene, die dieses System aufrecht erhalten, Wärter und Scharfrichter, die Richter selbst und alle, die daran Teil haben. Ich finde, es entmenschlicht jeden.

Waren Sie schon immer gegen die Todesstrafe und warum sind Sie es?

Immer ist ein langer Zeitraum (lacht). Ich wurde kirchlich erzogen und da hieß es, dass das Töten falsch sei, deshalb war für mich klar, dass man das nicht tun sollte. Als sehr junger Mann war ich schon davon überzeugt, dass die Todesstrafe nicht richtig ist. Als ich Mitte 20 war, engagierte ich mich in einer Organisation, die sich für Menschen mit sozialen Problemen einsetzte. Probleme, die einen oftmals ins Gefängnis bringen. Wir gingen in die Gefängnisse und sprachen mit diesen Leuten und versuchten sie zu ermutigen, nach ihrer Entlassung zu uns zu kommen. Damals bröckelte für mich schon die Fassade, ich verlor den Respekt vor diesem Gefängnissystem. Ich fand es schrecklich, sinnlos und die Todesstrafe einfach falsch. Die Todesstrafe ist für mich das schlimmste Beispiel dieses entmenschlichenden Systems. Man kann also schon sagen, dass ich ein Leben lang ein Gegner der Höchststrafe bin.

Aber gegen die Todesstrafe sein und sich dann mit Death Penalty Focus dagegen einsetzen, sind zwei verschiedene Dinge. Wann kam für Sie der Punkt, wo Sie sagten, ich muss mehr tun als nur dagegen sein?

Ich war Teil einer Fernsehshow (M*A*S*H), die sehr berühmt war und ein Pfarrer aus den Südstaaten, wo es die meisten Hinrichtungen gibt, sprach mich an. Das war in den späten 70ern, Anfang der 80er Jahre, als die Todesstrafe nach einer vierjährigen Unterbrechung wieder zugelassen wurde. Er meinte, er habe gehört, dass ich gegen die Todesstrafe sei, wahrscheinlich hatte ich da was unterschrieben oder in einem Interview etwas dazu gesagt. Der Pfarrer sagte, dass das System nun hochgefahren werde und wir ein Blutbad in diesem Land erleben werden. Und er meinte, er bräuchte jemanden, der in der Presse Aufmerksamkeit findet. Er wäre mir sehr dankbar, wenn ich helfen könnte. Und ich sagte, ok. Er nahm mich dann mit zu meinem ersten Besuch einer Death Row nach Tennessee. Danach ist es wie Treibsand, wenn man einmal seinen Fuss drin hat, kommt man nicht mehr weg. Ich fand das System so frevlerhaft in jeder Beziehung, so unmenschlich, so brutal. Es ist für mich genau das Gegenteil von dem, was ich glaube, was wir als Menschen tun sollten. Und allein die Tatsache, dass es so etwas gibt, zeigt, dass wir als Gesellschaft versagt haben.

Befürworter der Todesstrafe sagen immer, dass die, die gegen die Todesstrafe sind nicht an die Opfer und deren Familien denken. Was sagen Sie dazu?

Ich habe selbst ein Familienmitglied durch eine Mord verloren. Ich weiss, wie sich das anfühlt, wenn ein geliebter Mensch ermordet wird. Ich bin also ganz und gar nicht unsensibel. Ich verstehe das. Ich kann mir vorstellen, wie das sein mag, wenn meine Frau oder Tochter von einer Bestie verletzt, vergewaltigt, ermordet werden würde. Ich würde wahrscheinlich diesen Bastard mit meinen eigenen Händen erwürgen wollen. Ich hoffe, ich würde es nicht. Ich denke, ich würde das nicht tun, denn ich weiss, es gibt ein Rechtssystem, das dafür zuständig ist. Ich glaube, wir als Menschen sollten danach streben besser zu sein, als jene, die das Schlimmste tun. Es ist also falsch. Ich kenne zu viele Leute, die Angehörige von Opfern sind. Menschen, deren Leben durch einen schrecklichen Mord zerrissen wurden, die aber den Drang nach Rache überkommen haben. Die dem Täter nicht mehr die Augen auskratzen, die Ohren, die Nase, den Hals ab- und aufreissen wollen. Sie sagen, nichts, was ich tun würde, nichts was der Staat tun kann, bringt mir meinen geliebten Menschen zurück. Und mir zu sagen, dass der Tod eines anderen irgendwie den Tod meines Familienangehörigen ausgleicht, ist für mich und den Ermordeten eine Beleidigung.

Sehen Sie den Tag, an dem Death Penalty Focus überflüssig wird?

Ich hoffe auf den Tag an dem Death Penalty Focus überflüssig ist (lacht). Ich sprach vor kurzem mit ein paar Freunden daüber. Wir sagten, wir sollten eine Party organisieren, “Gott sei Dank” und Schluss machen. Wir haben unseren Job erledigt. Jetzt müssen wir zur Organisation “Lebenslänglich ohne Aussicht auf Begnadigung” werden. Ich werde einfach immer gegen unser Gefängnissystem sein. Wir sollten die Gefängnisse auflösen. Das wird mein Fokus sein. Wenn ich sage, die Gefängnisse auflösen, dann meine ich, wir brauchen sicherlich Institutionen zum Korrigieren, aber das was wir hier haben “Correctional” zu nennen ist bescheuert und eine Lüge. Was ich gelernt habe ist, jene Leute, die sich falsch verhalten, brauchen Bildung und Aufmerksamkeit. In manchen Fällen medizinische Betreuung, psychologische in anderen. Wir sollten Institutionen haben, die eine Mischung aus Schule und Krankenhaus sind. Man lehrt diesen Leuten, wie man sich richtig verhält. Und man lehrt ihnen ihre Wunden zu heilen, die sie zu solch extremen Verhaltensweisen gebracht haben. Das wäre ein wertvolles Bestreben einer Gesellschaft und nicht Menschen in Käfige zu sperren und hinzurichten.

„Ich will hingerichtet werden“

Am Mittwoch hatte ich ein Interview mit Mike Farrell, dem Präsidenten von „Death Penalty Focus“, einer Organisation in den USA die sich gegen die Todesstrafe einsetzt. Farrell ist bekannt für seine Rolle in der Hitfernsehserie „M.A.S.H.“ Ich sprach mit ihm für ein Feature über die Entscheidung des kalifornischen Gouverneurs, Gavin Newsom, alle Hinrichtungen im Bundesstaat auszusetzen. Newsom hatte vor wenigen Wochen verkündet, die neue Hinrichtungskammer abbauen zu lassen, keine Todesurteile mehr zu unterschreiben und auch seine Unterschrift nicht unter den geplanten, neuen Gift-Cocktail für Exekutionen zu setzen.

Ein neues Ausstellungsstück für das San Quentin Museum – Der Hinrichtungsstuhl. Foto: CDCR.

Mike Farrell ist begeistert von diesem mutigen, politischen Schritt, wie er sagt, denn noch ist eine kleine Mehrheit der Kalifornier für die Höchststrafe. Farrell meinte aber auch in dem Gespräch, dass nicht jeder auf „Death Row“ in San Quentin mit der Entscheidung des Gouverneurs einverstanden sei. Gestern nun war ich erneut in San Quentin, um Reno zu besuchen, der seit 1978 auf seine Hinrichtung wartet und wohl einer der ersten gewesen wäre, wenn Kalifornien wieder mit dem staatlichen Morden begonnen hätte. Er bestätigte das, was Mike Farrell andeutete. Es gibt Gefangene im Todestrakt, die Gavin Newsom verklagen wollen. Die ganz deutlich sagen: „Ich will hingerichtet werden“.

Die Zustände im East-Block des ältesten Staatsgefängnisses von Kalifornien sind unzumutbar, unmenschlich und brutal. Wer dort depressiv wird, dem werden Psychopharmaka verschrieben, an den Umständen wird jedoch nichts verändert. Die meisten der Häftlinge vegetieren in ihren 2,40 mal 1,40 Meter grossen Zellen. 750 Todeskandidaten sind dort untergebracht und einige von ihnen wollen hingerichtet werden, ihrem Leben ein Ende setzen, sie haben genug von der Warterei, die Jahrzehnte dauern kann. Gavin Newsom hat mit seiner Entscheidung die Todesstrafe nicht verboten, das kann er nicht, er hat sie nur ausgesetzt. In seiner Amtszeit wird es also keine Hinrichtungen geben. Was das genau für die Häftlinge bedeutet ist noch unklar, denn die Todesstrafe ist nach wie vor in den kalifornischen Gesetzbüchern aufgeführt. Hinter den Kulissen, so auch Mike Farrell, wird nun daran gearbeitet, die Höchststrafe ganz abzuschaffen. Doch bis dahin wird es Klagen geben, von Befürwortern der Todesstrafe, von Opfergruppen und eben auch von Gefangenen selbst. Die allerdings werden ein Problem haben einen Anwalt zu finden, der sich ihrem Fall annimmt, denn die Frage ist, gibt es ein Recht auf die eigene Hinrichtung.