Einer wollte ihn nicht zum Henker schicken

James Holmes wird nicht zum Tode verurteilt. Foto: AFP

James Holmes wird nicht zum Tode verurteilt. Foto: AFP

James Holmes erschoss 2012 in einem vollen Kinosaal in Aurora, Colorado, 12 Menschen und verletzte 70 weitere, zum Teil schwer. Die Geschworenen, die über ihn richten sollten, verurteilten ihn nun wegen Mordes, doch die Todesstrafe wird er dafür nicht erhalten. Die Staatsanwaltschaft, Angehörige und viele Opfer selbst hofften auf ein klares Zeichen der 12, doch das blieb nun aus. Eine Geschworene meinte nach der Entscheidung zu einem Reporter, dass ein Geschworener die Todesstrafe blockierte. Er habe sich nicht überzeugen lassen, dass die Höchststrafe in diesem Falle angebracht sei. Alle anderen seien sich einig gewesen, dass Holmes für seinen Amoklauf sterben sollte. Nun erwartet James Holmes eine lebenslängliche Haftstraft ohne Aussicht auf Begnadigung.

Als ein grundsätzliches Zeichen gegen die „Death Penalty“ in den USA darf diese Entscheidung allerdings nicht gewertet werden. Eigentlich sollte jeder Angeklagte von einer Gruppe Mitbürger abgeurteilt werden, doch diese Gruppe repräsentiert zum einen nicht gerade oft die wirkliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Zum anderen hat man als jemand, der die Todesstrafe ablehnt, kaum eine Chance auf eine Geschworenenbank zu kommen, in der es um Mord und die Möglichkeit auf ein Todesstrafenurteil gibt.

Ich selbst bin gegen die „Death Penalty“. Irgendwann wird ein Brief in meinem Briefkasten liegen, in dem ich aufgerufen werden, meiner „Bürgerpflicht“ als „Juror“ in einem Prozess nachzukommen. In Alameda County, wo ich wohne, wird die Höchststrafe noch manchmal von Staatsanwälten gefordert. Die Frage ist also, was ich bei der Auswahl der Geschworenen antworten werde, wenn die Frage kommt „Are you for or against the death penalty?“

Eine Henkersmahlzeit mehr

Der 21jährige Dzhokhar Tsarnaev ist für seine Rolle beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon vor zwei Jahren mit zum Tode verurteilt worden.

Der 21jährige Dzhokhar Tsarnaev ist für seine Rolle beim Bombenanschlag auf den Boston Marathon vor zwei Jahren zum Tode verurteilt worden.

Dzhokhar Tsarnaev ist zum Tode verurteilt worden. Der Boston Marathon Bomber wird nun in einem Bundesgefängnis auf seine Hinrichtung warten. Seit zehn Jahren schon haben die „Feds“ niemanden von ihrer nun 62 Menschen großen Death Row hingerichtet. Tsarnaev wird also auch eine Weile dort in seiner Zelle sitzen und warten.

Die Anwälte des Bombenattentäters hatten gefordert, ihn mit einer lebenslänglichen Haft ohne Aussicht auf Begnadigung zu bestrafen. Der 21jährige wäre dann in ein Supermax Gefängnis überführt worden, das ein früherer Haftanstaltsleiter im Prozess als „Vorstufe zur Hölle“ und als „Ort ohne Menschlichkeit“ beschrieben hatte. Darauf verwiesen die Anwälte und wollten so die Geschworenen von einer Todesstrafe abbringen. Doch das war anscheinend nicht genug Strafe. Dzhokhar Tsarnaev soll sterben, am besten gleich und noch am nächsten Baum baumeln.

Mit der Urteilsverkündung geht in Boston ein Prozess zu Ende, der hohe Wellen schlug. Denn Boston ist ein äußerst liberale Stadt. Hier ist man gegen die Todesstrafe, zumindest in Umfragen. Der Anschlag auf den Marathon vor zwei Jahren änderte das und teilte die Stadt. Da die Bundesbehörden in diesem Terroranschlag die Anklage übernahmen, war eine Todesstafe überhaupt erst möglich.

Das Ergebnis ist auch ein deutliches Zeichen dafür, dass die USA noch meilenweit von der Abschaffung der „Death Penalty“ entfernt sind. Ein brutales und aufsehenerregendes Verbrechen und schon wird der Ruf nach der Todesstrafe wieder lauter. Auch wenn in zahlreichen Bundesstaaten derzeit nicht hingerichtet wird und die größte „Death Row“ in den USA, die in Kalifornien, mit derzeit mehr als 750 Insassen, wöchentlich anwächst und aus allen Nähten platzt, ein Ende der Todesstrafe in den USA ist nicht in Sicht. Der Prozess in Boston hat das nur noch einmal sehr anschaulich gezeigt.

Kein Platz mehr im Todestrakt

Eingang zum Todestrakt von San Quentin.

Eingang zum Todestrakt von San Quentin.

731 Männer und 20 Frauen sind in Kalifornien zum Tode verurteilt. Sie warten zum Teil schon seit fast 40 Jahren auf ihre Hinrichtung. Die Frauen sind in einem Sicherheitstrakt im Frauengefängnis von Chowchilla untergebracht, die Männer im ältesten Staatsgefängnis des Bundesstaates in San Quentin. Und hier sind sie einzeln in einer 1,20 Meter mal 2,60 kleinen Zelle weggesperrt. Die „Death Row“ in San Quentin kann 715 Gefangene aufnehmen, doch diese Zahl ist schon lange überschritten worden. Nun verlangt Gouverneur Jerry Brown vom kalifornischen Parlament eine finanzielle Spritze in Höhe von 3,2 Millionen Dollar, um weitere Todeskandidaten in anderen Zellenblöcken der „Bastille by the Bay“ unterzubringen. Angedacht sind 100 umgebaute Zellen und Waschräume.

Eigentlich war schon lange ein Neubau für die größte „Death Row“ in den USA geplant, doch nach wie vor ist fraglich, ob und wie lange es die Todesstrafe in Kalifornien überhaupt noch geben wird. Seit 2006 wurde kein verurteilter Mörder mehr hingerichtet. Damals war ich als Medienzeuge zur Hinrichtung von Michael Morales geladen worden. Die Aufgabe wäre gewesen, der Verabreichung der Giftspritze zuzusehen und anschliessend anderen Medienvertretern über das zu berichten, was ich gesehen hätte. Die Exekution wurde in letzter Minute gestoppt. Ein Bundesrichter verlangte, dass ein Arzt während dieser Prozedur dabei sein sollte, doch kein Mediziner ließ sich auf die Schnelle finden. Seitdem gab es in Kalifornien keine Hinrichtung mehr. Die Legalität des Giftcocktails und die gesamte Verfassungskonformität der Todesstrafe wird seitdem angezweifelt und vor den Gerichten diskutiert.

Und die „Death Row“ wächst dennoch weiter. Jedes Jahr kommen rund 20 neue Todeskandidaten hinzu. Seit 2006 ist die Zahl der Verdammten von 646 auf 751 angewachsen. 49 Häftlinge starben in dieser Zeit an Selbstmord, Krankheiten, Drogenmißbrauch oder aus anderen Gründen hinter den dicken Mauern des Todestrakts.

 

Amerika und die Todesstrafe

Die neue Hinrichtungskammer im Staatsgefängnis von San Quentin.

Die neue Hinrichtungskammer im Staatsgefängnis von San Quentin.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ein neuer Bericht zeigt, in den USA wurden in diesem Jahr weniger Menschen hingerichtet und weniger Todesurteile ausgesprochen. Todesstrafengegner werten diese Zahlen als ein Zeichen dafür, dass sich etwas ändere, Amerikaner schon bald ganz die „Death Penalty“ abschaffen werden.

In Zahlen ausgedrückt heißt das, 2014 wurden 35 Verurteile hingerichtet, im Vorjahr waren es noch 39. Die niedrigste Zahl seit 25 Jahren. Insgesamt verhängten Richter in diesem Jahr 72 mal die Höchststrafe, im Vorjahr war es noch 79 mal. So „wenig“ wie seit 1972 nicht mehr, als das Verfassungsgericht die meisten Todesstrafengesetze in den USA für verfassungswidrig erklärte.

Im bevölkerungsreichsten Bundesstaat Kalifornien mit seiner überfüllten „Death Row“, in der 750 Todeskandidaten auf den Tag X warten, wurden 2014 „lediglich“ 14 Todesurteile ausgesprochen. Die Richter und auch die Geschworenen wissen, hier hat der Henker seit 2006 nichts mehr zu tun. Noch immer gibt es einen angeordneten Stopp für alle Exekutionen.

Ob diese gesunkenen Zahlen bei Urteilen und Hinrichtungen tatsächlich ein Anzeichen für eine Neuausrichtung der USA gesehen werden kann, sei dahingestellt. Ich glaube es nicht. In Umfragen spricht sich noch immer ein Großteil der Amerikaner für die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn Politik aus. Wobei ich nicht viel von Umfragen halte, doch Tatsache ist, es bedarf nur eines brutalen Kindsmordes, eines durchgeführten Terroranschlags, eines vielbeachteten und in den Medien ausgeschlachteten Gewaltverbrechens und schon schreien Jim und Johnny, Mary und Angela von Florida bis nach Washington State wieder „Rübe ab“.

Das ist in Deutschland nicht anders, nur kann es da – zum Glück – nicht gesetzlich umgesetzt werden. Denn auch in Deutschland glauben nach wie vor viele an den Sinn und den Zweck der Todesstrafe. So unterschiedlich sind Amerikaner und Deutsche dann wohl doch nicht.

Bisswunden zählen nicht

1992 wurde die 84jährige Georgia Kemp in Columbus, Mississippi, ermordet aufgefunden. Sie wurde erstochen und alles sah nach einer Vergewaltigung aus. Doch DNA Spuren konnten nicht gefunden werden. Keine Fingerabdrücke, keine Zeugen, die Polizei tappte im Dunkeln. Doch da war Eddie Lee Howard, der erst seit vier Monaten in Columbus lebte und der zuvor mehrmals wegen versuchter Vergewaltigung verurteilt worden war. Howard hatte mentale Probleme und, wie es hieß, verstrickte sich in Widersprüche.

Eddie Lee Howard wartet in Mississippi auf seine Hinrichtung. Verurteilt wegen Bissspuren.

Eddie Lee Howard wartet seit 20 Jahren im Staatsgefängnis von Mississippi auf seine Hinrichtung.

Vor Gericht setzte die Staatsanwaltschaft einen Sachverständigen ein, einen Zahnarzt, der den exhuminierten Körper von Georgia Kemp untersuchte und vor Gericht angab, drei vermeintliche Bisswunden am Körper der Ermordeten gefunden zu haben und diese mit einem Gebissabdruck von Howard verglich hat. Eindeutig, so das Urteil des Experten. Fotos der Bissspuren zeigte er nicht. Die Staatsanwaltschaft befragte auch noch eine frühere Freundin von Howard, die erklärte, der Angeklagte habe sie mehrmals beim Sex gebissen. Das Urteil der Geschworenen ließ nicht lange auf sich warten. Schuldig. Todesstrafe.

Auch beim Revisionsverfahren ging der Anwalt des Angeklagten nicht auf die durchaus fragwürdige Untersuchung des „Zahnexperten“ ein, obwohl seitdem Dutzende von Gefangenen durch DNA Analysen entlastet wurden, die einzig aufgrund von Zahnabdrücken verurteilt worden waren. Auch hatte die National Academy of Sciences erklärt, solche Beweise seien mehr als fraglich. Selbst die nationale Zahnarztvereinigung widersprach dem nicht, stellte nur klar, dass Bissspuren durchaus unterstützend im Gerichtssaal sein könnten.

All das führte nicht zur Freilassung von Eddie Lee Howard. Er sitzt noch immer im Todestrakt von Mississippi. Nun hat sich das Innocent Project an der University of Mississippi seines Falles angenommen und hofft auf ein Einlenken des Verfassungsgerichts im Bundesstaat. Bisswunden allein seien kein überzeugendes Beweismaterial, um einen Menschen zum Tode zu verurteilen.

Ein juristischer Schachzug

Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1978 wurden in Kalifornien 900 Mörder zum Tode verurteilt. Doch in den letzten 36 Jahren wurden nur 13 Hinrichtungen ausgeführt. Derzeit warten rund 750 Todeskandidaten im Staatsgefängnis von San Quentin auf das, was da kommen man; die Hinrichtung oder, was wahrscheinlicher ist, einen natürlichen Tod in ihrer 2,70 mal 1,20 großen Zelle.

Mitte Juli hatte ein Richter das Todesurteil gegen Ernest Dewayne Jones aufgehoben, der für die Vergewaltigung und den Mord an der Mutter seiner Freundin verurteilt wurde. Die Begründung von Richter Cormac J. Carney war , dass die Todesstrafe in Kalifornien der Verfassung widerspreche. Carney  erklärte, das jahrzehntelange Warten auf den Tag X sei eine zusätzliche und unverhältnismäßige und brutale Bestrafung. Zwar betonte Carney, dass seine Entscheidung nur auf diesen speziellen Fall zutreffe, doch der Richterspruch löste eine erneute Debatte in den USA über die Todesstrafe aus.

Generalstaatsanwältin Kamala Harris pokert um Leben und Tod.

Die kalifornische Generalstaatsanwältin Kamala Harris pokert mit ihrem Einspruch um Leben und Tod.

In den europäischen Medien wurde dies als eine Abkehr Kaliforniens von der Todesstrafe gewertet. Dem ist jedoch (noch) nicht so. Nach wie vor ist eine Mehrheit der Bürger in Kalifornien für die Todesstrafe. Mit Interesse wartete man auf eine Reaktion der kalifornischen Regierung, denn sowohl Gouverneur Jerry Brown, wie auch die Generalstaatsanwältin Kamala Harris sind erklärte Todesstrafengegner. Allerdings hatten sie vor ihrer Wahl erklärt, dass sie das Gesetz befolgen werden.

Nun hat Kamala Harris Einspruch gegen das Urteil von Cormac J. Carney beim 9. Gerichtshof für den Westen der USA eingereicht. Was auf den ersten Blick als ein Protest gegen den Richterspruch wirkt, könnte ein kühl durchdachte Strategie sein. Denn wenn sich der gesamte „9th Circuit Court of Appeals“ der Meinung von Carney anschließen und erklären würde, das jahrzehntelange Warten sei tatsächlich eine unverhältnismäßige Bestrafung, dann würde im bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA die Todesstrafe fallen. Das hätte wiederrum Auswirkungen auf die gesamten USA. Denn klar ist, eine Beschleunigung der Verfahren bis hin zu einer schnellen „Ausdünnung“ der Death Row ist unmöglich. Kamala Harris scheint hier mit hohem Einsatz zu pokern. Der Einsatz ist Leben oder Tod, zumindest was die 750 Häftlinge im Todestrakt von San Quentin angeht.

Erschießungskommandos müssen her

Gibt es bald wieder Erschießungskommandos in den USA?

Gibt es bald wieder Erschießungskommandos in den USA?

Wieder einmal macht eine Hinrichtung in den USA Schlagzeilen. In Arizona dauerte die Exekution von Joseph Wood fast zwei Stunden. Medienzeugen des Todeskampfes berichteten, dass der verurteilte Doppelmörder immer wieder nach Luft rang, tief schnaubt und einfach nicht sterben wollte. Mehrere Male betrat ein Mediziner die Hinrichtungskammer, um zu prüfen, ob der verabreichte Giftcocktail nun erfolgreich war, doch vergebens. Joseph Wood klammerte sich ans Leben. Für Todesstrafengegner ist es ein Skandal, verfassungswidrig und moralisch einfach unhaltbar. Für die Angehörigen der Opfer war es kein Problem, sie meinten, Wood hätte noch mehr leiden sollen.

Nun hat der oberste Bundesrichter des neunten Gerichtshofes im Westen der USA, Alex Kozinski, in einem Interview erklärt, man solle endlich Hinrichtungen mit der Giftspritze sein lassen. Denn dies verspreche einen „humanen Tod“, so, als ob man ein Tier einschläfere. Kozinski ist nicht gegen die Todesstrafe, er ist erklärter Befürworter der „Capital Punishment“. Doch Richter Alex Kozinski fordert eine Wiedereinführung der Erschießungskommandos. Hinrichtungen „sind brutal, grausame Ereignisse, und nichts, was der Staat auch tut, kann das vergessen machen. Wir sollten endlich offen erkennen, dass der Staat eine schreckliche Tat in unserem Namen begeht“.

Kozinski kommt zu dem Ergebnis, dass ein Land, dass sich für die Todesstrafe ausspricht, diese auch richtig durchführen sollte. „Natürlich können Erschießungskommandos unschön enden, aber, wenn wir Hinrichtungen haben wollen, dann sollten wir uns nicht davor schützen, menschliches Blut zu vergießen. Wenn wir, als Gesellschaft, die Blutspritzer bei einer Hinrichtung durch Erschießung nicht vertragen, dann sollten wir überhaupt keine Exekutionen durchführen“, erklärt der Todesstrafenbefürworter, Richter Alex Kozinski.

Auf seinen gewagten Vorschlag erhält der Jurist vor allem aus dem Lager der Todesstrafenbefürworter Unterstützung. Die fordern schon lange eine schnellere Durchführung und ein deutlicheres Signal. Eine Giftspritze, bei der der Verurteilte einschläft und „human“ hingerichtet wird, lehnen sie ab. Sie fordern Erschießung, Hängen, Guillotine.

Am Freitag jedoch wehte auch ein anderer Wind in den USA. Das „National Institute of Justice“, eine Abteilung des US Justizministeriums erklärte: „Es gibt keinen Nachweis, dass die Todesstrafe Kriminelle abschreckt.“ Dabei zitierte man die „National Academy of Sciences“, die in langjähriger Forschungsarbeit der Frage nachging, ob die Höchststrafe überhaupt eine Auswirkung auf die Mordzahlen im Land hat. Das Ergebnis, nichts deutet auf eine höhere Mordrate und nichts auf eine abschreckende Wirkung hin. Dieses Äußerung des „National Institute of Justice“ ist eine ganz wichtige Meldung, denn hier erklärt zum ersten Mal eine Bundesbehörde öffentlich, dass die Todesstrafe unsinnig und uneffektiv ist. Was bleibt ist das einzige Argument für die Todesstrafe: Rache. Diese Meldung ist daher durchaus ein positives Zeichen im Kampf gegen die Höchststrafe in den USA.

 

 

Eine Gewissensfrage für Politiker

Kamala Harris ist die Generalstaatsanwältin von Kalifornien. Jerry Brown ist der Gouverneur von Kalifornien. Beide Demokraten sind erklärte Todesstrafengegner und beide wurden in ihre Ämter gewählt, obwohl eine knappe Mehrheit der kalifornischen Bürger nach wie vor für die Todesstrafe ist. Erst 2012 stimmten 52 Prozent für die Beibehaltung der Höchststrafe in dem Bundesstaat.

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

Die kalifornische Death Row in San Quentin.

In den kommenden 60 Tagen wird sich nun zeigen, ob Harris und Brown ihre Überzeugung und ihr Gewissen sprechen lassen. Denn der Bundesrichter Cormac J. Carney hat im Berufungsverfahren von Ernest Dewayne Jones entschieden, dass die Todesstrafe in Kalifornien nicht verfassungskonform sei  und damit ein vielbeachtetes Signal gesetzt. Die „Death Penalty“ verletze den achten Artikel der Verfassung, der eine grausame und unverhältnismäßige Bestrafung verbietet. Jones wurde für den Mord an Julia Miller zum Tode verurteilt. Er hatte die Mutter einer Freundin vergewaltigt und anschließend erstochen. Jones‘ Prozess wurde damals kaum beachtet, denn nur ein paar Türen weiter im Gerichtsgebäude von Los Angeles fand der „Jahrhundertprozess“ gegen O.J. Simpson statt.

Richter Carney, der von Präsident George W. Bush eingesetzt wurde, verweist auf das nicht funktionierende System der Höchststrafe in Kalifornien. Seit 2006 hat Kalifornien keinen Häftling mehr hingerichtet. Derzeit warten im Bundesstaat 748 Gefangene auf ihre Hinrichtung, das ist die größte „Death Row“ in den USA. 40 Prozent davon sitzen schon länger als 19 Jahre in Einzelhaft und blicken dem Ausgang Exekutionskammer entgegen. Richter Carney hält diesen Zustand für verfassungswidrig und eine Verletzung der Menschenrechte.

Todesstrafengegner werten diesen Entscheid als wichtigen Schritt die Höchststrafe in Kalifornien abzuschaffen. Auch wenn der Richter nur in einem Einzelfall entschieden hat, könnte dies Signalwirkung für andere Verfahren haben. Doch jetzt stellt sich die Frage, ob Kamala Harris und Jerry Brown Einspruch gegen das Urteil von Cormac J. Carney einlegen werden, der die Todesstrafe von Ernest Dewayne Jones zu einer lebenslänglichen Haftstrafe ohne Aussicht auf Bewährung umgewandelt hat.

Im Todestrakt selbst wurde die Nachricht mit großem Interesse aufgenommen und verbreitete sich in Windeseile. Man hoffe darauf, so einer der zum Tode Verurteilten gegenüber der Nürnberger Zeitung, dass andere Verteidiger diesen Richterspruch aufgreifen und damit argumentieren werden.

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John Winfield, John Ruthell Henry und Marcus Wellons wurden hingerichtet.

John Winfield, John Ruthell Henry und Marcus Wellons wurden innerhalb von 24 Stunden hingerichtet.

Drei Hinrichtungen innerhalb von 24 Stunden. In den USA wird weiter exekutiert, da helfen keine internationalen Proteste, da helfen keine Gnadengesuche, da hört man auch nicht auf die Stimme des Papstes. Es waren die ersten Hinrichtungen nach der Skandalexekution von Clayton Lockett am 29. April in Oklahoma. Lockett verstarb nach einem dreißigminütigen Todeskampf an einem Herzinfarkt.

In Missouri, Georgia und Florida starben John Winfield, John Ruthell Henry und Marcus Wellons durch Giftinjektionen. Alle drei hatten Morde mit besonderen Umständen begangen, in 32 Bundesstaaten bedeutet das die Todesstrafe. Derzeit warten 3085 Gefangene in den Todestrakten der USA auf ihre Hinrichtung. Die größte „Death Row“ mit 741 Insassen befindet sich in Kalifornien. Dort ist noch nicht absehbar, wann die nächsten Exekutionen durchgeführt werden. In den USA wurden in diesem Jahr bereits 23 Menschen hingerichtet.

Jazz Tunes hinter dicken Mauern

Zur Zeit arbeite ich an einer „Langen Nacht“ für den Deutschlandfunk. Thema ist das älteste kalifornische Gefängnis in San Quentin. Geschichte und Geschichten, und die gibt es zuhauf. 1852 wurde das Gefängnis an der San Francisco Bay, gleich  hinter Angel Island, eröffnet. Dort ist auch die kalifornische „Death Row“ untergebracht, dort hat Johnny Cash wohl eines der bekanntesten Live-Konzerte überhaupt gespielt.

San Quentin BandDoch es gibt noch viel mehr über San Quentin zu berichten. Seit Monaten recherchiere ich und bin u.a. auf zahlreiche Musiker gestoßen, die dort inhaftiert waren. Henry Cowell war ein amerikanischer Komponist, der in den 30er Jahren ein paar Jahre in San Quentin einsass und dort Musik schrieb. Tief bewegende Kompositionen, die er in seiner kleinen Zelle zu Papier brachte.

Anfang der 40er Jahre formierte der damalige Gefängnisdirektor, Clinton Duffy, eine Big Band, die sogar eine wöchentliche Show auf einem Lokalsender in San Francisco hatte. Viele bedeutende West Coast Jazz Musiker, wie Art Pepper, Frank Morgan, Dexter Gordon und andere waren für ein paar Jahre in San Quentin, verurteilt zumeist für Drogenkonsum. Die Heroinabhängigkeit war in den 40er und 50er Jahren weit verbreitet in Musikerkreisen. Und diese bekannten Namen spielten in den 50er und 60er Jahren hinter Gittern zusammen.

Gestern interviewte ich Ed Reed, einen Jazz Sänger, mittlerweile 85 Jahre alt. Auch er war Teil der vielgelobten San Quentin Jazz Band, die regelmäßig innerhalb der Mauern für Gäste und Besucher auftrat. Nun bin ich auf der Suche nach alten Aufnahmen, Mitschnitten der KFRC Sendungen aus den frühen 40er Jahren und von den Auftritten der Jazz Band um Frank Morgan und Art Pepper. Bislang vergebens. Mal sehen, ob und was sich noch finden läßt.

Heute fahre ich für eine ganz offizielle Tour und ein paar Interviews rüber nach San Quentin. Es wird eine umfangreiche Sendung, eine wahrliche „Lange Nacht“, die viele Seiten des weltbekannten Gefängnisses ausleuchten wird. Geschichte und Geschichten…wo fange ich da nur an?