Lange Schlangen am Plattenladentag

Schlangestehen vor dem Plattenladen.

„Record Store Day“, seit zehn Jahren ist das ein Feiertag für alle Plattensammler. Viele Labels und Bands veröffentlichen an diesem Tag besondere Scheiben, um die lokalen Plattenläden zu unterstützen. Ich war heute gleich in drei Läden unterwegs, „1-2-3-4 Go! Records“ in Oakland, „Econo Jam Records“ in Oakland und „Amoeba Records“ in Berkeley. Und das dauerte Stunden, denn beim ersten Laden stand ich erst einmal eineinhalb Stunden vor der Tür in der Schlange. Doch das war gar nicht so schlimm, denn die Leute unterhielten sich über Platten, über bestimmte Deals, nach was sie suchten. Und ich bekam einige nette Kommentare zu meinem Kraftwerk/Autobahn T-Shirt.

Endlich drinnen im Record Store suchte ich nach den deutschen Sonderauflagen für diesen Tag, darunter Faust/Ulan Bator, Camera/Richard Pinhas und Peter Baumann/Conrad Schnitzler & Pyrolator/Schneider TM, dann noch Caspar Brötzmann/T.Raumschmiere, Klaus Dinger und schließlich noch die 45er von Peter Schillings „Major Tom“. Einges konnte ich finden, dazu noch Townes van Zandt, Art of Noise und die Compilation „Close to the noise floor“. Zumeist schräges Zeug, aber hey, ich werde eben alt, da ändern sich die musikalischen Vorlieben. Und nein, mit Klassik, Oper und Musicals kann ich noch immer nichts anfangen.

Völlig losgelöst…volle Plattentasche aus Jute.

„Record Store Day“ ist ein Erlebnis. In den Läden legen DJs auf oder spielen Bands live (letztes Jahr rockten Metallica bei Rasputin Records in Berkeley), es gibt Getränke, Geschenke und besondere Deals, gefeiert wird die gute alte Langspielplatte und die 45er Single. Das hätten sich vor einigen Jahren auch so einige nicht gedacht, dass Vinyl wieder so einen Durchstart hinlegt. Und die Leute, die sich in die Schlangen einreihen, erst vor den Läden und dann vor den Kassen, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, sind jung, sind alt, 80 Prozent Männer, 20 Prozent Frauen, lieben von Rap bis Industrial, von Noise bis Classic Rock, von Jazz bis Soul einfach alles. Das spiegelt sich auch im umfangreichen Angebote an diesem Tag wieder. Es sind Sammler, die die besonderen Pressungen wollen, es sind Musikbegeisterte, die einfach den Klang einer Platte lieben und an diesem Samstag in ihrem Element sind. Man ist nicht alleine mit seiner Sammelleidenschaft und die Suche nach den Juwelen des Tages, den persönlichen Perlen, macht es aus. Die Platten sind limitiert, von einigen Veröffentlichungen kommen nur ein paar wenige Exemplare in die Läden und dann auch nicht in alle. Und am Ende hat man dann die Scheiben, die man haben will, oder auch nicht, vielleicht noch ein paar mehr…und Vinyl klingt einfach anders!

Es wird knallen in Berkeley

„In Trump we trust“, heißt das jüngste Buch von Ann Coulter. Allein das ist eine Provokation in Berkeley, wo Donald Trump nur drei Pozent der Stimmen erhielt, weniger als die Kandidatin der Grünen, Jill Stein. Foto: Reuters.

Am kommenden Donnerstag hat sich die erzkonservative Provokateurin Ann Coulter angekündigt. Sie wurde von den „Berkeley College Republicans“ zu einem Vortrag eingeladen und nahm nur zu gerne an. Denn der Name Coulter steht für Kontroverse. Die Buchautorin und FOXNews Kommentatorin will auf dem Campus der UC Berkeley sprechen, nur einen Steinwurf vom „People’s Park“ entfernt, in dem in den 60er Jahren die „Free Speech“ Bewegung begann.

Proteste sind für Donnerstag schon vorprogrammiert. Die Leitung der Universität würde den Auftritt von Ann Coulter am liebsten absagen, doch das geht nicht so einfach. Auch die Aussicht auf gewaltsame Ausschreitungen, wie es sie zuletzt beim Auftritt des Breitbart Redakteurs Milo Yiannopoulos gab, helfen da nicht. Freie Meinungsäußerung wird von Seiten Coulters zu gerne getestet in der Absicht, dass es zu einer Absage oder zu Übergriffen kommt. Denn so erreicht sie nationale Aufmerksamkeit und kann die liberale Uni vorführen.

Auch Präsident Donald Trump ist die Eliteuni ein Dorn im Auge. Als es im Februar zu Unruhen auf dem Campus gegen den Auftritt von Yiannopoulos kam, die Uni-Leitung auf Anraten der Polizei die Veranstaltung ganz absagte, aber dennoch ein Schaden von weit über 100.000 Dollar entstand, drohte Trump ganz direkt via Twitter. Und das, obwohl er eigentlich damit so gar nichts zu tun und auch diesbezüglich nichts zu sagen hat. Aber Trump ist Trump, er mischt sich überall ein, auch ungefragt.

Milo Yiannopoulos hat bereits angekündigt, demnächst eine ganze Woche in Berkeley zu verbringen, um gleich mehrere Seminare und Veranstaltungen durchzuführen. Und auch Ann Coulter will nicht zurück weichen. Sie und ihre republikanische Truppe an der Uni drohen bereits mit Klagen, falls ihr Auftritt nicht zustande kommen sollte. Am Donnerstag wird es daher zu Ausschreitungen auf dem Campus Gelände der UC Berkeley kommen. Amerika zeigt da den tiefen Graben, der durch das Land läuft.

Hoher Besuch im Weißen Haus

Präsident Donald Trump in trauter Runde. Sarah Palin war auf Einladung Trumps im Weißen Haus. Schon im Wahlkampf hatte sie den New Yorker Milliardär unterstützt. Zum Privatbesuch im Oval Office brachte sie gleich zwei weitere Trump-Unterstützer mit – die beiden Musiker Kid Rock und Ted Nugent. Auch die beiden hatten sich im Wahlkampf immer wieder und lautstark für den Kandidaten Donald Trump stark gemacht.Ob Kid und Ted ein Liedlein auf „Mister President“ anstimmten ist nicht bekannt.

„Democracy dies in darkness“

Die renommierte Tageszeitung Washington Post hat unter ihrem Namen stehen: Democracy dies in darkness. Eine klare Ansage, die als Reaktion auf den Wahlsieg Donald Trumps kam.  Trump erklärte Medien, die ihn kritisierten und die nicht als Hofberichtstatter in der Trumpschen Welt fungieren wollen, zu „Fake News“. Was bedeutet, alles was Donald Trump sagt ist wahr, alles was Medienvertreter berichten ist unwahr. So die schwarz-weiß Logik des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nun wurden wieder die Pulitzer Preise vergeben, die angesehensten Auszeichnungen im amerikanischen Journalismus. Neben den großen Tageszeitungen, wie der Washington Post, der New York Times, des Wall Street Journals, sind gerade die vielen Auszeichnungen für lokale Zeitungen, wie die East Bay Times in Oakland, die Charleston Gazette Mail und auch die New York Daily News hervorzuheben. Denn die lokalen Tageszeitungen arbeiten mittlerweile unter erschwerten Bedingungen. In nur 15 Jahren sank die Mitarbeiterzahl zwischen 2001 und 2016 von 412,000 auf 174,000. Zahlreiche US Zeitungen machten im diesem Zeitraum ganz dicht. Es lohnte sich nicht mehr.

Die Pulitzer Preise machen immer wieder deutlich, wie wichtig eine breite, kritische und funktionierende Zeitungslandschaft ist. Ausgezeichnet werden eben nicht die Beiträge über die jüngste Pressekonferenz im Rathaus, der Neuzugang beim lokalen Profi-Team oder die Umfrage über „was halten sie vom vielen Regen?“ Nein, die Pulitzer Preise honorieren den kritischen Journalismus. Reporter werden geehrt fürs Hinsehen, Nachfragen, Recherchieren. Investigative Stories, die zeigen, welche Rolle Printmedien in unserer Gesellschaft einnehmen, einnehmen sollen, einnehmen müssen.

Was dabei und gerade in unserer Zeit hervor gehoben werden sollte, ist, dass kein Blog, dass keine Webseite, dass kein Social Media Star diese Arbeit übernehmen kann. Investigative Berichte brauchen Zeit, brauchen Geld, brauchen Reporter, die wissen, wie sie an eine Story herangehen, nicht aufgeben, sie auch unter erschwerten Bedingungen verfolgen. Und es braucht einen mutigen und weitsichtigen Herausgeber, der all das zu schätzen weiß. Der oder die es als Aufgabe von Medien sehen, in einer Demokratie eine mehr als wichtige Rolle zu übernehmen. Man muss nur in die Türkei blicken, um zu erkennen, was passieren kann, wenn die Meinungsvielfalt in den Medien aufgehoben, wenn die Presse quasi gleichgeschaltet wird. Democracy dies in darkness ist also nicht nur eine Standortbeschreibung für die Washington Post, es ist auch und vor allem eine Warnung an uns alle, wie leicht eine Demokratie gefährdet sein kann…hier, da und dort. Als passende Antwort auf Politiker wie Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan oder auch Vladimir Putin sollte man vielleicht überlegen, eine Tageszeitung, ein politisches Magazin, eine Wochenzeitung zu abonnieren. Es wäre zumindest ein Zeichen, das durchaus wahrgenommen wird, wie die Auflagensteigerungen der New York Times, der Washington Post, die steigenden Zuschauer- und Hörerzahlen von CNN, PBS und NPR seit der Amtsübernahme von Donald Trump belegen.

 

Hab‘ ich was verpasst?

Von Somalia zurück an meinem Schreibtisch in Oakland. Auf der Reise ans Horn von Afrika habe ich immer wieder Fragen nach Donald Trump beantworten müssen. Das geplante Einreiseverbot in die USA für Menschen mit somalischen Pass war genauso Thema, wie die geplanten Budgetkürzungen für die amerikanischen Entwicklungshilfeprogramme USAID, gerade in einer Zeit mit etlichen Hungerkatastrophen. Amerika unter Donald Trump wirft weite Schatten voraus.

Nun wieder hier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und ich frage mich, was ich verpasst habe? Ein paar Bombenangriffe, einen Sprecher des Weißen Hauses, der Konzentrationslager als „Holocaust Centers“ umschreibt, Dutzende von selbstverliebten und realitätsfernen Tweets, ein paar Skandale und Skandälchen….also nichts neues in den USA!

Heute findet in Berkeley (!), der wohl liberalsten und politisch progressivsten Stadt in den USA, eine weitere Pro-Trump Demonstration statt. Die erste vor ein paar Wochen artete aus, es kam zu Schlägereien, Verhaftungen, zahlreichen Verwundeten. Damit das ganze nicht wieder in einer wilden Rauferei endet, hat die Polizei schon mal vorab bekannt gegeben, was man nicht mitbringen sollte: Metal pipes, Baseball or softball bats, Lengths of lumber or wood of any size, Wooden dowels, Poles, Bricks, Rocks, Glass bottles, Pepper spray (OC spray), Mace, Knives or daggers, Shields, Axes, axe handles, or hatchets, Ice picks, Razor blades, Tasers, Eggs, Any other item that can be used as a weapon. Na, das ist eine Liste. Gebracht hat sie allerdings nicht viel, denn zur Stunde kloppen sie sich im „Martin Luther King Jr. Civic Center Park“ in Berkeley.

An der Golden Gate Bridge wird nun nach etlichen Jahren Diskussion und Planung ein Stahlnetz unterhalb der Brücke angebracht. Das 211 Millionen Dollar teure Projekt soll in Zukunft Selbstmörder vom Sprung abhalten oder sie zumindest nach dem Fall retten. Das Netz sei so konzipiert, dass es sich um einen Springenden legt. Ohne Hilfe, so heißt es, kann sich der Selbstmörder nicht befreien. Über die Jahrzehnte sind nahezu 2000 Menschen von der Brücke in den fast sicheren Freitod gesprungen. Notfalltelefone, Seelsorger und Wachpersonal haben kaum zu einer Verringerung der Selbstmorde geführt. Auf Druck von Hinterbliebenen und der wenigen Überlebenden wird nun das Netz unterhalb der Fahrbahn angebracht und damit das Bild der Brücke dauerhaft verändert.

Die Zukunft heißt Solar, Mister Trump

Ich denke mal nicht, dass Donald Trump meinen Ratschlag will. Er hat ja eine Reihe von erfolgreichen Unternehmern um sich gesammelt, die ihn beraten. Darunter sind aber wohl nur wenige zukunftsorientierte Energiewissenschaftler und Geschäftsleute. Denn anscheinend erkennen die Trumpschen Jünger nicht die Zeichen der Zeit.

Die Pumpe für den neuen Wasserturm außerhalb von Dilla, Somaliland, wird mit Solarkraft betrieben.

Gestern schaute ich mir den Neubau eines Wassertanks an, der sauberes Grundwasser außerhalb von Dilla in Somaliland speichern soll. Die Pumpe, mit der das Grundwasser aus über 100 Metern Tiefe an die Oberfläche gebracht wird, ist solarbetrieben. Ein nachhaltiges Projekt von CARE, solche Bauprojekte werden nun vermehrt mit Solarenergie bestückt. Keine Ausnahme, denn im Herbst 2015 besuchte ich den Osten Somalilands. Auch dort gibt es CARE Wasserprojekte. Pumpen werden mit Solarkraft betrieben, die überschüssige Energiegewinnung hilft sogar den Dorfbewohnern ihre Handys aufzuladen und Strom in mehrere Geschäfte und Wohnhäuser zu bringen. Das sind ein paar Beispiele, wie effektiv und nachhaltig und vor allem preiswert die Sonnenenergie genutzt werden kann.

Die USA sind für eine umfassende Solarnutzung prädestiniert. Solarkraftwerke existieren bereits in Kalifornien und auch anderswo im Süden des Landes. Die Frage ist allerdings, wie lange noch? Denn wenn es nach Donald Trump geht, werden dem Energieministerium – genau, jenes Ministerium unter der Führung von Rick Perry, der als Kandidat noch sein eigenes Ministerium abschaffen wollte – noch in diesem Jahr 500 Millionen Dollar gestrichen. Und das im Bereich der Forschung für neue Energiequellen und -nutzung. Das sind 25 Prozent des gesamten Haushalts des „Office of Energy Efficiency and Renewable Energy“ (EERE), das Teil des „Departments of Energy“ ist. Für das Budget 2018 soll eine ganze Milliarde Dollar von EERE gestrichen werden.

Wissenschaftler sprechen davon, dass diese Kürzungen der Todesstoss für die Solarforschung in den USA sei. Doch Trump hört lieber anderen Leuten zu, wie jenen, die ihn an seine Wahlkampfversprechen erinnern. Trump kandidierte mit dem Versprechen die Kohleindustrie wieder anzukurbeln. Jobs, Jobs, Jobs für den Bergbau. Sinn macht das keinen, vor allem auch keinen finanziellen, aber das ist Trump egal. Neben der Kohlehuldigung streicht er auch so einige Umweltregularien, die sein Vorgänger Barack Obama der Industrie auferlegt hat. Das eingesparte Geld aus der Solarforschung soll jedoch nicht für neue Kohlegruben investiert, sondern weitgehendst für den Ausbau der Atomenergie in den USA eingeplant werden. Amerika hat unter Donald Trump einen energiepolitischen Irrweg mit weitreichenden Folgen eingeschlagen. Da kann man nur noch „Glück auf, Mister President“ wünschen.

Ende der Aufrüstung in amerikanischen Wohnzimmern

Hinter mir liegt ein „Security Briefing“, in dem über die Gefahr von Kidnapping, Terroranschlägen und Landminen gesprochen wurde. Und heute war ich „im Feld“, begleitet von zwei Polizisten mit Maschinengewehren. Unsicher oder sicherer fühle ich mich deshalb auch nicht.

Interviews mit Maschinengewehrschutz.

Nun sitze ich hier in meinem Hotelzimmer in Hargeisa, lese mich so durch die Nachrichten des Tages und stoße auf diese Überschrift: „Without Obama, once-booming gun industry poised to shrink“. Genau, ohne Obama im Weißen Haus haben die Waffenindustrie, all die Verschwörungstheoretiker, Regierungsskeptiker und Waffenfetischisten keinen gemeinsam Feind mehr. Das ist nicht einfach so gesagt, denn eigentlich müssten seit November die NRA-Mitglieder auf Lebenszeit einen Freudentanz ausführen. Das Weiße Haus und beide Kammern des Kongresses fest in republikanischer und damit waffenfreundlicher Hand. Ein Präsident, der schon frühzeitig im Wahlkampf von der „National Rifle Association“ unterstützt wurde, wie ich in meinem Feature „Unter Beschuss“ darlegte:

      Unter Beschuss

Barack Obama brachte Rekordumsätze für die Waffenindustrie. Der 44. Präsident musste nur husten, schon stiegen die Verkäufe. Als Kleinkinder in der „Sandy Hook“ Grundschule erschossen, Feiernde auf einer Weihnachtsfeier in San Bernardino niedergeballert wurden, gingen in den Folgetagen gleich Hunderttausende von Knarren und Arsenale an Munition über die Ladentische. Jedes Massaker brachte Gewinne. Bis Ende 2015 gab es in den USA 362 Waffen produzierende Unternehmen, die alle mehr als gut in diesem schwerbewaffneten Land verdienten. Zwischen 2004 und 2013 verfünfachten sich die Verkäufe von Handfeuerwaffen. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich der Absatz von Gewehren.

Doch mit der Wahlnacht und dem Sieg Donald Trumps kam der Einbruch. Die Waffensammler, Paranoiden, Jäger und all jene, die sich mit einem Schießeisen in der Tasche sicherer fühlten, glauben wohl seitdem „jetzt ist auch mal genug“. Allein im Dezember 2016 mußte das FBI 500.000 (!) weniger Hintergrund Checks bei Waffenneukäufen durchführen als im Vergleichsmonat 2015. Seit dem 1. Januar 2017 sind die Umsätze der Industrie um 17 Prozent gefallen.

Donald Trump, angetreten als selbsternannter „Pro Gun President“ hat also genau das Gegenteil von dem erreicht, was die Waffenlobby sich erhoffte – noch bessere Umsätze. Allerdings ist dieser kleine Einbruch in den Verkaufszahlen bei geschätzten 400.000 Millionen Knarren im Umlauf so gut wie nichts wert. Es ist nur eine Nachricht, die belegt, wie bekloppt, die Waffensucht der Amerikaner wirklich ist.

Gelandet und doch nicht angekommen

Im Landeanflug auf den Flughafen von Hargeisa, Somaliland. Die Landschaft weit, leer und sehr trocken.

Ich bin da und doch ist noch alles so weit weg. Der Anflug auf Hargeisa zeigte ein Land, das schon immer mit der Trockenheit zu kämpfen hatte. Viel Wasser gab es hier noch nie, doch die Menschen haben sich angepasst. Die aktuelle Situation bedeutet jedoch eine Krise, die nur sehr schwer zu fassen ist.

Gleich in vier Ländern haben die Vereinten Nationen einen „Famine“, eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Betroffen sind geschätzte 20 Millionen Menschen. Das hat eine Dimension erreicht, die kaum noch zu kontrollieren ist. Allein diese Zahl sagt aus, dass viele Menschen sterben werden. Denn die koordinierten Hilfsmaßnahmen, die umgehend anlaufen müssten, bleiben aus. Die USA als wichtigster „Donor“ der UN ziehen sich zurück. In Europa, so scheint es, blickt man mehr auf die eigenen Probleme, die Flüchtlingskrise, der Brexit, anstehende Wahlen. Bereits im Februar hatten führende Politiker am Horn von Afrika auf die drohende Katastrophe hingewiesen und einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Viel ist nicht passiert. Bis Ende Juli müssten vier Milliarden Euro zusammen kommen, bislang sind es gerade mal zehn Prozent davon. Die Türkei, als eines der wenigen Länder, startete eine direkte Soforthilfe. Doch das langt einfach nicht aus. Die drohende Hungerkatastrophe in gleich mehreren afrikanischen Ländern und im Jemen darf nicht ausgesessen werden.

Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen sind hier in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia vor Ort, darunter auch CARE, die schon lange am Horn von Afrika aktiv und über lokale Organisationen sehr gut vernetzt sind. Das zahlt sich nun aus. In den kommenden Monaten sollen „1,6 Millionen Menschen mit Wasser, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in den am stärksten betroffenen Regionen“ versorgt werden. Doch auch dafür wird viel Geld gebraucht. Ich wurde in den letzten Wochen und Tagen mehrfach gefragt, wohin man Geld spenden sollte, wenn man helfen möchte. Meine Antwort war und ist immer die gleiche, gerade weil ich seit ein paar Jahren mehrfach mit CARE unterwegs war, im Kongo, im Tschad, im Niger und eben mehrmals am Horn von Afrika, und so direkt die Arbeit dieser Hilfsorganisation vor Ort und ihre Projekte sehen konnte. Von daher hier der Link zu CARE Deutschland.

Dieses Ziel von CARE, 1,6 Millionen Menschen zu erreichen, zeigt allerdings auch, dass es nicht nur der Hunger ist, der hier tödlich zuschlägt. Die Wasserknappheit, die Dürre führt im vierten Jahr erneut zum Ausfall der Ernte. Doch auch das Vieh stirbt, aus Mangel an Nahrung und Wasser. Damit wird die Zukunft Hunderttausender Somalier mittel- und langfristig vernichtet. Hinzu kommt, dass die Menschen in den ländlichen Gegenden Wasser aus verseuchten Pfützen nutzen, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. CARE spricht von einem Kampf an mehreren Fronten und das in einem Land, dass in weiten Teilen im Chaos und im Terror versinkt.

Zu helfen ist schwer und dann auch wieder nicht. Zumindest müssen die, die hier vor Ort helfen wollen und können, die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Sofort- und Nothilfe umzusetzen. Eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe loszutreten, wie mir dies ein Vertreter der sogenannten AfD aufs Auge drücken wollte, halte ich an diesem Punkt für mehr als zynisch. Es gibt Möglichkeiten zu helfen, nutzen wir sie.

Reise in die Katastrophe

Auf dem Weg zum Flughafen. Mit der Bahn nach Frankfurt, von dort weiter über Addis Abeba nach Hargeisa in Somaliland. Irgendwann morgen früh werde ich da sein, in der Republik, die es nicht geben darf. Somaliland wird nach wie vor international als Teil von Somalia gesehen, obwohl sich das einstige Britisch-Somaliland schon 1991, nach dem Sturz des Diktators Siad Barre von Rest-Somalia abgespalten und losgelöst hat. Doch niemand erkennt diesen friedlichen und boommenden Teil am Horn von Afrika an. Man wolle eine „Balkanisierung“ der Region verhindern, so das deutsche Außenministerium auf Anfrage.

Doch diese harte „diplomatische“ Haltung und die angespannte Sicherheitslage in Rest-Somalia machen es schwer in der aktuellen Situation. Am Horn von Afrika droht ein Hungerkatastrophe gewaltigen Ausmaßes. Sechs Millionen Menschen, so die Schätzungen der Vereinten Nationen, könnten alleine hier von der Dürre und der bevorstehenden Notsituation betroffen sein. Hunderttausende sind bereits auf der Flucht, um in anderen Teilen des Landes Hilfe, Nahrung und Wasser zu finden. Millionen Rinder, Kamele und Ziegen sind bereits verendet. Die Lage spitzt sich zu.

Doch Somalia und Somaliland sind nicht die einzigen Hungerkatastrophen. In Nord Nigeria, im Südsudan und im Jemen hungern die Menschen. Im Norden Kenias breitet sich die Dürre aus, in Äthiopien und Eritrea sieht es nicht besser aus. Die UN und Hilfsorganisationen sprechen bereits von der schlimmsten Hungerkrise in nahezu 70 Jahren. Insgesamt sind mehr als 20 Millionen Menschen betroffen. Und das zu einer Zeit, in der sich die USA unter Präsident Donald Trump aus ihrer internationalen Verantwortung zurückziehen. Trump kürzt die Budgets für das State Department und wichtige Hilfsprojekte und -programme in Übersee. Die Katastrophe gerät damit außer Kontrolle.

Meine Reise beginnt und endet in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands. Von dort wird es in ländliche Gegenden gehen, die besonders von der Dürre betroffen sind. Auch in der semi-autonomen Region Puntland, direkt am Horn von Afrika gelegen, werde ich unterwegs sein. Gespräche mit Betroffenen führen, Besuche bei Bauern, in Flüchtlingslagern, in Krankenhäusern. Interviews, das Tönesammeln und eine Unmenge an Eindrücken warten auf mich, die ich dann irgendwie zu Artikeln, Beiträgen und Features aufarbeiten muss. Eine Reise, die für mich Grenzen neu setzen wird.

Nix mit „law and order“

Donald Trump hat im Wahlkampf viel versprochen, darunter den Mauerbau, mehr Jobs und die Streichung von „Obamacare“. Trump präsentierte sich auch als „Law and Order“ Kandidat, der hart gegen Kriminelle durchgreifen wolle und deshalb versprach, den „Sanctuary Cities“ den Geldhahn zuzudrehen. „Sanctuary Cities“ sind Gemeinden und Städte in den USA, die sich weigern mit der Immigrationspolizei ICE zusammen zu arbeiten. Ein illegaler Aufenthalt in den USA ist für sie kein Grund zur Ausweisung.

Justizminister Jeff Sessions droht Städten wie Los Angeles, San Francisco und Oakland. Foto: AFP.

Trump meinte, damit müsse Schluß sein, denn die „Illegals“ würden morden, vergewaltigen, brandschatzen, und das „biggly“. Zahlen und Statistiken belegen dies zwar nicht, aber vom Lügenbaron Trump ist man nichts anderes gewohnt. Nun ist Trump im Oval Office, am Montag nun erklärte sein Justizminister Jeff Sessions, Bundesmittel für jene Bundesstaaten und Städte zu streichen, die sich weigerten, nicht mit ICE zu kooperieren. Kalifornien erhält pro Jahr 392 Millionen Dollar aus dem Budget des Sessions-Ministeriums. Viel Geld, das für zahlreiche Programme im Bereich der öffentlichen Sicherheit fest eingeplant ist. Eine Streichung würde bedeuten, dass Polizisten entlassen werden müssten, DNA Tests nicht weiter durchgeführt werden könnten, Programme mit „Body Cameras“ gestrichen, präventive Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung ersatzlos entfallen würden.

Donald Trump und sein Justizminister, sonst so „tough on crime“, würden damit genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie versprochen haben, für was sie angetreten sind. Sie würden die öffentliche Sicherheit in vielen Städten gefährden. Städte wie Los Angeles, San Francisco und Oakland wären direkt von dem Streichkonzert betroffen. Oakland kämpft sich gerade mit Hilfe von Bundesmitteln aus einem tiefen Finanzloch heraus, ist auf die Unterstützung aus Washington angewiesen, denn die Polizeibehörde muss mit kommunalen Mitteln finanziert werden. Die Stadt in der East Bay hat seit vielen Jahren Probleme mit einer hohen Gewaltstatistik. Unter der jetzigen Bürgermeisterin Libby Schaaf wendet sich ganz langsam das Blatt, die Mordrate sinkt, die Gewaltkriminalität geht zurück. Und nun kommen Trump und Session mit ihren Drohungen und wollen die ersten erfolgreichen Schritte aus der Krise zunichte machen.

„Law and order“ auf dem Rücken des politischen Gegners, in Oakland stimmten nur ein paar Prozent der Wähler für den Kandidaten Trump. „Wir helfen ja, aber nur, wenn ihr das macht, was wir wollen“, so die Aussage aus dem Weißen Haus. Eine klare Ansage aus Washington, die als Kriegserklärung an die Werte und die Ideale in dieser Region Amerikas gesehen wird. So eint man kein Land.