Dem Henker von der Schippe springen

Die Hinrichtungskammer in San Quentin. Foto: Reuters.

Was sagt man einem Mann, der seit 1978 in der Todeszelle sitzt und sterben will? Der Staat Kalifornien könnte schon bald wieder mit Hinrichtungen beginnen. Im vergangenen Jahr stimmte eine knappe Mehrheit der Wähler dafür, die Einspruchsmöglichkeiten von zum Tode Verurteilten zu verkürzen. Das kalifornische Verfassungsgericht hat vor ein paar Wochen dieses Gesetz weitgehend für rechtens befunden. Damit ist für 18 Todeskandidaten das Ende in Sicht. weiter lesen

Es ist nicht alles Trump in den YOU-ESS-AI

Donald Trump hier, Donald Trump dort. Über die Sommermonate hatte ich für einen öffentlich-rechtlichen Sender die Korrespendentenstelle übernommen. Wochenlang hieß es nur Trump, Trump, Trump, Trump, Trump. Am Ende wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch über den 45. Präsidenten der USA sagen sollte. Ruhige Wochenenden gab es fast nie, denn im Weißen Haus hat man die Angewohnheit am Freitagnachmittag wichtige Personalentscheidungen zu treffen. weiter lesen

Die Geister, die man rief

Thomas J. Brennan war ein US Marine, Finbarr O’Reilly ein Fotograf für die Nachrichtenagentur Reuters. Sie trafen sich auf einem Außenposten des US Militärs irgendwo im Niemandsland von Helmand, Afghanistan. Ein ungleiches Paar, hier der Soldat, da der Fotograf. Der Krieg brachte sie zusammen. Anfangs war da Mißtrauen, doch das wich im Laufe der Zeit. Brennan und O’Reilly wurden Freunde.

Was sie vor allem jedoch verbindet ist das, was sie aus den Kriegseinsätzen mit zurück in ihr Leben brachten, was sie nicht mehr los läßt. Bilder des Schreckens, traumatische Erlebnisse, PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) und im Fall von TJ Brennan eine Hirnverletzung nach einem Bombenanschlag. Beide Männer, nach außen hin die harten Kerle, mussten nach ihrer Rückkehr aus den Kampfgebieten ihr Leben neu ordnen und finden.

In dem gemeinsamen Buch „Shooting Ghosts“ beschreiben O’Reilly und Brennan ihren Kampf. Anfangs die Suche nach Antworten, ihr Unvermögen, das zu erkennen, was sie durch ihre Erfahrungen geprägt, was folgenreiche Spuren in ihrem Leben hinterlassen hat. Das Militär geht davon aus, dass die Soldaten zurück kommen und wer keine sichtbaren Verletzungen hat, soll sich zusammen reißen und weiter marschieren. Das ist das Credo der Marines. So beschrieb es schon General George S. Patton 1943: „It has come to my attention that a very small number of soldiers are going to the hospital on the pretext that they are nervously incapable of combat. Such men are cowards and bring discredit on the Army and disgrace to their comrades who they heartlessly leave to endure the danger of a battle which they themselves use the hospital as a means of escaping.“ Und was Patton vor über 70 Jahren sagte, hat heute noch immer seine Gültigkeit bei den Truppen. Viele Soldaten trauen sich nicht über das zu reden, was sie erlebt haben, anzusprechen, dass sie nach massiven Gehirnerschütterungen Probleme im Alltag haben, in ihrem Job, im Umgang mit anderen, mit ihren Familien. Wer Hilfe sucht, wird zu oft fallen gelassen, auch heute noch. „We support our troops“, dieser hehre, allgegenwärtige Spruch in den USA wird zum Hohn. Das erlebte TJ Brennan selbst.

Für Finbarr O’Reilly ist es nicht viel anders. Er kam „heil“ aus den Kriegen zurück, über die er berichtete, doch die Negative seiner Bilder brannten sich in sein Gedächtnis ein. Tod, Leid, Elend, Sinnlosigkeit, Todesangst, Hoffnungslosigkeit, wer all das erlebt und sieht und das immer und immer wieder, der kommt an seine eigenen Grenzen, überschreitet diese, wie es O’Reilly tat. Es ist dieses zurückkommen in den Alltag, die Sinnfrage, der Mangel an Worten, das zu beschreiben, was man gesehen, erlebt, erfahren hat. Die Einsamkeit des Helden.

Beide Männer erleben und durchleben Grenzerfahrungen und müssen mit den sinnlosen Kriegen unserer Gegenwart zurecht kommen. Sie schaffen es, finden einen Weg, auch gemeinsam in diesem Buch. Und doch da gibt es kein Ende, sie sind gezeichnet für ihr Leben. Andere kämpfen weiter, irren durch ihren Alltag. Soldaten und Journalisten gleichermaßen.

„Shooting Ghosts“ ist ein mutiges und trauriges Buch. Es beschreibt Männer, die als Krieger ausgebildet werden, Soldaten, die in Extremsituationen einen klaren Kopf behalten, wenn es sein muss töten können. Journalisten, die an vorderster Front über genau das berichten, ihre Bilder und Reportagen werden mit Preisen gefeiert. Auch sie gelten als die harten Kerle, die keiner Gefahr aus dem Weg gehen. Dieses Buch zeigt jedoch auch die Verletzlichkeit genau dieser Männer, die eigentlich keine Schwäche zeigen dürfen. Das macht „Shooting Ghosts“ zu einem mutigen und sehr lesenswerten Bericht.

Doch die Schattenseite ist die, dass wir alle mit den Kriegen in dieser Welt leben, zu leben gelernt haben. Soldaten werden in die Schlachten geschickt, die nicht zu gewinnen sind. Journalisten versuchen in all diesem Irrsinn Sinn zu finden. Der Preis dafür sind Generationen an jungen Männern und Frauen, gezeichnet fürs Leben, in Gesellschaften, die nicht bereit sind, denen zu helfen, die sie in den Alptraum Krieg geschickt haben.

„Shooting Ghosts“, Thomas J. Brennan, Finbarr O’Reilly, Viking.

Der Blick in eine vergangene Welt

Gottfried Lindauer wurde 1839 im böhmischen Pilsen geboren. In Wien studierte er Kunst, aber fiel dort nicht weiter auf. 1874 machte er sich auf den langen Weg nach Neuseeland. Warum, das weiß keiner so richtig. Aber dort, auf der anderen Seite der Welt, erlangte Lindauer Berühmtheit für seine Portraits der Māori.

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Wie überlebt man Isolation?

Nach 44 Jahren kam die Freiheit. Körperliche Freiheit, betont Albert Woodfox. Denn im Gefängnis sei sein Geist nie eingesperrt gewesen. Gestern sass ich mit dem 70jährigen auf seiner Veranda in seinem Haus in New Orleans. Wir unterhielten uns über sein Leben, das vor allem hinter Gittern in einer kleinen Zelle stattfand. Albert Woodfox war einer der „Angola Three“, drei Häftlinge, die Jahrzehnte im „Louisiana State Penitentiary“ in Einzelhaft verbracht haben für einen Mord, den sie nicht begangen haben.

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Alcatraz, San Quentin, Angola

Gestern in Alcatraz, heute mit San Quentin gesprochen, morgen geht es nach New Orleans, um mit einem ehemaligen Häftling zu sprechen, der über 40 Jahre in Einzelhaft im berüchtigten Gefängnis Angola untergebracht war.

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Trumps Dreckstern auf dem Boulevard

Donald Trumps Stern auf dem Hollywood Boulevard ist verdreckt, verschmiert und alles andere als auf Hochglanz. Und das fällt auf, denn andere „Stars“ des „Walk of Fame“ glänzen und wirken gepflegt, Trumps Ehre für seine „Verdienste im Fernsehehen“ wirkt hingegen schäbig. Es sieht so aus, als ob die Putzkolonne auf dem Boulevard der vielen Farb- und Schmierattacken nicht mehr Herr werden kann (oder will).

Bin ich so viel mehr Amerikaner?

Donald Trump will Barack Obama vergessen machen. Dafür streicht er alles, unter was Obama seine Unterschrift gesetzt hat, für was Obama gekämpft hat, von was Obama überzeugt ist. Eine der wohl wichtigsten Entscheidungen die der 44. Präsident in seinen acht Amtsjahren traf, war die präsidiale Anordnung “Deferred Action for Childhood Arrivals”, kurz DACA genannt.

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Trump und der Kinderchor

Ganz der „Commander in Chief“. Foto: White House.

Finde eigentlich nur ich das seltsam? Donald Trump sitzt auf unzähligen offiziellen Fotos und in Videos hinter seinem Schreibtisch im Oval Office und um ihn herum stehen Besucher oder seine Adminstration. Das wirkt immer so, als ob die Stehenden gleich ein Liedchen für den „Commander in Chief“ anstimmen werden.

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