Ein Fest des Lesens

An diesem Wochenende findet in Berkeley das Bay Area Book Festival statt. In Downtown, gleich neben dem Rathaus, sind Dutzende Stände von zumeist kleinen Verlagen und Buchläden und einige weitere, teils obskure, Angebote aufgebaut. Lesungen, Vorträge, ein Treffen rund ums Buch.

Das „Wunderbar Together“ Zelt.

Mit dabei in diesem Jahr auch ein über das Deutschlandjahr des Auswärtigen Amtes finanziertes „Wunderbar Together“ Projekt. Dabei stellt der Auslandssender Deutsche Welle gemeinsam mit dem Goethe-Institut eine Liste von 100 deutschsprachigen Büchern vor, die man gelesen haben sollte. Es ist keine Bestenliste, es gibt keine Rangordnung, es sind Bücher, die alle im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden und Lust aufs Lesen machen sollen. Eine der Bedingungen für die List war, dass das jeweilige Buch auch auf Englisch zu erhalten ist. Einiges auf dieser Liste kenne ich, vieles jedoch muss ich mir mal genauer ansehen. Umrahmt wird diese Buchpräsentation von Autorenlesungen aus Deutschland und der Schweiz. Dazu noch Konzerte im eigenen „Wunderbar Together“ Zelt.

Unter den zahlreichen Ständen im Martin Luther King Jr. Civic Center Park fand ich auch für mich ein paar Bücher. Passend zum deutschsprachigen Zelt, ein wunderschöner „used“ Bildband von Käthe Kollwitz, deren tiefe, dunkle und intensive Grafiken, Zeichnungen, Poster und Holzschnitte in den USA sehr geschätzt werden. Und dann erwarb ich auch noch zwei Bücher zum Thema Musik. „The Big Red Songbook“, 250 Liedtexte und die dazugehörigen Geschichten der „International Workers of the World“ und „The explosion of deferred dreams“, Musik in den stürmischen Zeiten San Franciscos zwischen 1965 – 1975. Der Samstagabend ist noch jung, also mache ich mich mal ans Schmökern.

„We shall overcome some day“

Samstagmorgen in Oakland. Pete Seeger wäre nun 100 Jahre alt. „We shall overcome“ ist der erste Song auf der neuen und umfangreichen Box von Smithsonian Folkways, dem langjährigen Label von Pete Seeger. Dort hatte er im Laufe der Jahrzehnte über 70 Schallplatten veröffentlicht. Folk Songs und Arbeiterlieder, Spoken Word genauso wie Platten für Kinder. Pete Seeger war ein Reisender, der mit seiner Musik um die Welt tingelte, Amerikas Folk Musik präsentierte und Lieder von überallher mit in die USA zurück brachte. Ein musikalischer Kulturbotschafter und Brückenbauer zugleich.

„We shall overcome“ ist wohl eines der wichtigsten amerikanischen Folk Songs. Es steht für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, in einer Zeit, als Afro-Amerikaner nicht in die selbe Toilette pinkeln durften wie Weiße. Als Schwarze nach einer falschen Ausfahrt in den Südstaaten gelyncht wurden. Als weiße Jurys schwarze Angeklagte unschuldig hinter Gitter brachten. Und dennoch war da der Ruf „We shall overcome“. Trotz all der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung, der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Und wo stehen wir heute? Der Graben in Amerika ist tief und wird tagtäglich noch weiter vertieft und verbreitet. Ich frage mich beim Durchhören dieser umfassenden Werkschau von Pete Seeger, wie die USA es damals geschafft haben, diese gesellschaftlichen Wunden zu heilen, „to overcome“ die Differenzen, irgendwie einen Neustart zu beginnen. Natürlich hat das nicht so geklappt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Der tief verwurzelte Rassismus in einigen Teilen der USA existiert nach wie vor. Afro-Amerikaner und Farbige sind weiterhin benachteiligt. Da gibt es die langfristigen Folgen des „Red Lining, die nie ausgeglichen wurden, da gibt es Polizei Übergriffe, da gibt es noch immer Ungleichheit vor dem Gesetz. Man sollte sich nichts vormachen, das steht fest.

„We shall overcome“ war und ist ein kraftvolles Lied, dass Menschen vereinen, zusammen bringen konnte. Auf dieser Box sind viele der „Hits“ von Pete Seeger zu finden, die ihn zu dem machten, was er in seinem 94jährigen Leben geworden ist. Ein Mann mit Hoffnung, mit Mut, mit dem Glauben an das Gute in den Menschen. Ein Mann mit seinem Banjo, der viel mehr war als nur ein Musiker. Auf „Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ wird eine der bedeutenden Stimmen Amerikas präsentiert, der neben seinen Freunden Woody Guthrie und Lead Belly zu den wichtigen Drei der Folk Musik zählt.

Pete Seeger beeinflusste Musiker von Joan Baez, über Bob Dylan bis hin zu Bruce Springsteen und Rage Against The Machine. Er war ein umtriebiger Rebell, der nicht ruhen und rasten wollte. Obwohl er in der McCarthy Ära „blacklisted“ wurde, quasi mit einem Auftritts- und Aufführverbot belegt wurde, schaffte es Pete Seeger zur Stimme einer Nation zu werden. Er ging in jenen Jahren ganz direkt an Schulen und Universitäten, ohne große Ankündigung, und spielte seine Lieder. Niemand konnte ihn stoppen. Joan Baez erlebte Pete Seeger damals an ihrer High School und meinte später, dass dieses Konzert eines der wichtigsten Momente in ihrer Karriere war. Seeger wurde der Vater des großen Folk-Revivals in den USA. „We shall overcome“, das hat er mit seiner Musik vorgelebt.

Auf dieser Werkschau zum 100jährigen Geburtstag von Pete Seeger ist auch eines der für mich bedeutendsten Songs des 20. Jahrhunderts zu finden. „Moorsoldaten“, geschrieben 1933 im Konzentrationslager Börgermoor und über den Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt verbreitet. Dieses Lied drückt die Kraft des Widerstands und die Hoffnung der Unterdrückten aus. Ein Lied, das Pete Seeger immer wieder in seinen Konzerten spielte.

Das Lied der Moorsoldaten     

6 CDs mit Songs voller Hoffnung, Wärme, Kraft und Mut. Amerika heute bräuchte einen Pete Seeger, eine Stimme der Vernunft, der den Amerikanern vor Augen führt „This land is your land“, ein Land, das nicht perfekt ist, das nicht „God’s Country“ ist, das seine Fehler erkennt, aber daran arbeitet. Die USA, „a work in process“. Ein Land, in dem der Fremde, der Andere, der Unterdrückte, der Benachteiligte, der Farbige, der an einen anderen Gott Glaubende, der sexuell anders Orientierte willkommen ist und seine Chance bekommt. Daran glaubte Pete Seeger. Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, und doch, gerade klingt es hier in Oakland ganz laut: „We shall overcome….some day….deep in my heart, I do believe. We shall overcome some day“

Wo sind die Wechselwähler?

20 Demokraten wollen ins Weiße Haus. Donald Trump will drin bleiben, ein paar, eher unbekannte Republikaner wollen ihn ebenfalls herausfordern. Dazu kommen noch Kandidaten von anderen Parteien, die aber eher unter ferner liefen gehandelt werden müssen. Die Bühne ist noch nicht gebaut worden, auf der alle Präsidentschaftsanwärter Platz haben.

Immer wieder wird betont, dass die Wahl nicht in den USA, sondern lediglich in den sogenannten Swing-States entschieden wird, also Michigan, Wisconsin, Pennsylvania, Ohio und wohl auch Florida. Trump muss die ersten drei gewinnen, um an der Macht zu bleiben. Der Kandidat oder die Kandidatin der Demokraten muss diese drei zurück erobern, denn Hillary Clinton hatte sie 2016 an Donald Trump verloren. Clinton führte in Wisconsin und Michigan so gut wie überhaupt keinen Wahlkampf, sie war sich sicher, dass sie die beiden Bundesstaaten halten könnte. Ein fataler Fehler.

Nur sechs der 20 demokratischen Kandidaten. Foto: AFP.

Was allerdings klar ist in diesem aufgeheizten, politischen Klima, in diesem tief gespaltenen Land, die Wechselwähler werden bei der Wahl 2020 keine Rolle spielen. Denn die Lager sind gefestigt. Vielmehr wird es darum gehen, dass Trump und sein Herausforderer ihre jeweilige Basis mobilisieren können, dass sie ihre Wählerinnen und Wähler zum Wahllokal bringen. Hillary Clinton schaffte das 2016 nicht und verlor. Nach zwei Jahren Trump im Amt haben sich die Seiten nur noch verhärtet. Das liegt auch daran, dass der Lügenbaron Donald Trump seine Basis mit vermeintlichen Erfolgen blendet, dass er ihnen den Himmel auf Erden verspricht, dass er mit Angst und Schrecken einen Dauerwahlkampf führt. Trump hat auch nach seinem Wahlsieg nie mit dem Wahlkampf aufgehört, er tingelt durchs Land, von Massenveranstaltung zu Massenveranstaltung, läßt sich feiern, provoziert weiter, übertreibt gerne mit den Teilnehmerzahlen seiner Events, doch schafft es so, seine Basis hinter sich zu scharen.

Die ist bereit für den Kampf ums Weiße Haus. Immerhin, so Trump, geht es um die Zukunft Amerikas, um die Abwendung der „sozialistischen Gefahr“ durch die Demokraten, gegen offene Grenzen, um „Make America Great Again“. Trumps Wahlsprüche sind einfach, sind Floskeln, sind Kampfrufe, sind schwarz-weiß. Wenn man mit Trump Wählern spricht und sie fragt, warum sie Donald Trump wählen, habe ich schon mehrfach die Antwort erhalten, dass Trump Amerika wieder „great“ macht. Wie er das denn tut? „Wir werden wieder in der Welt respektiert“, beten sie seine Worte nach. Auf den Einwurf, dass ich eigentlich viel reise und mit Leuten in den verschiedensten Ländern spreche und Amerika unter Trump alles andere als respektiert wird, wird mir gesagt, dass sei klar, dass ich das sage, denn ich gehöre ja auch den „Fake News“ an. Punkt. Ende Gelände. Schluß der Diskussion. Das ist Amerika 2019.

Trump hält seine Basis, nach wie vor würden fast alle, die ihn 2016 gewählt haben, ihn auch wieder wählen. Niemand im demorkatischen Lager sollte sich also vormachen auch nur eine Chance zu haben, Trumps Wähler für sich zu gewinnen. Vielmehr geht es darum, die eigenen Reihen zu einen, zu schliessen und um jeden Wähler und jede Wählerin im demokratischen Lager zu kämpfen. Es geht um die zukünftige Richtung der USA, wer jetzt noch sagt, seine Stimme zählt nicht, der sollte auf das blicken, was Donald Trump bereits angerichtet hat. Die Wahl in Michigan und Wisconsin wurde mit wenigen Tausend Stimmen Unterschied entschieden. Vier weitere Trump-Jahre hätten katastrophale Folgen für dieses Land.

Die Geschichte der Eisenbahn durch die USA

Immer weiter westwärts. Der Eisenbahnbau durch die USA. Foto: Andrew J. Russell, OMCA.

Es ist eine Geschichte, die nur in diesem Land geschrieben werden konnte. Der Bau der Eisenbahn von der amerikanischen Ostküste Richtung Westen. In vielen Hollywood-Filmen wurden die Kämpfe um Land und Strecke erzählt. Einer der für mich besten Spielfilme zu diesem Thema ist der Italowestern „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone mit Charles Bronson und Henry Fonda in den Hauptrollen.

Vor 150 Jahren, 1869 wurde die Landverbindung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik fertiggestellt. Anlässlich dieses Datums werden im Oakland Museum of California die einzigartigen Fotos von Andrew J. Russell gezeigt, der damals im Auftrag der Eisenbahngesellschaft den Bau dokumentieren sollte. Doch seine Bilder zeigen viel mehr als nur die reine Eisenbahnstrecke, die sich Meter für Meter weiter vorschiebt. Russell hielt auch die Herausforderungen der Arbeiter fest, die Veränderungen der Landschaft, die mit dem Eisenbahnbau für die fast noch unberührten westlichen Bundesstaaten kamen und auch, was die „Railroad“ für die Native Americans bedeutete, deren Bedenken, Einsprüche und Warnungen nicht beachtet wurden.

Andrew J. Russells Fotos zeigen ein Land im Auf- und Umbruch. Mit dem Verlegen der Schienen Richtung Westen wurde das Land endgültig verändert, erobert, geeint. Russell zeigt die Schönheit dieses Landes genauso wie den harten Kampf der Arbeiter. Sein Verdienst ist es, dass er nicht einfach nur seinen Job als Dokumentarfotograf erfüllte, sondern auch Zeit fand, das zu sehen und festzuhalten, was neben den Gleisen passierte, was der Bau für Amerika bedeutete. Die Ausstellung „Pushing West: The Photography of Andrew J. Russel“ ist vom 4. Mai bis 1. September 2019 im Oakland Museum of California zu sehen.

Ost trifft auf West. Der Bau der Trasse ist vollendet. Foto: Andrew J. Russell, OMCA.

 

 

 

 

 

 

 

 

Von der Maininsel ins Dry Creek Valley

Vor kurzem war ich noch mit Freunden auf der Maininsel bei Volkach unterwegs. Gestern ging es mal wieder ins Dry Creek Valley nach Sonoma County. Was beide Gegenden verbindet, ist die wunderschöne Landschaft und hervorragender Wein.

Im Dry Creek Valley war gestern die sogenannte „Passport“ Veranstaltung, an der ich jedoch nicht teilnahm. Es war viel los im Valley. Bei Sonnenschein und warmen Temperaturen wurde so einiges an Wein verköstigt. Ganze Busladungen waren unterwegs. Ich steuerte hingegen ganz gezielt ein paar Weingüter an, zu denen die ich eingeladen war, die genau meinen Weingeschmack treffen. Passalacqua, Zichichi Winery, Trattore und Hawley. Vier Weingüter mit fantatastischem, doch preislich deutlich höheren Vinos, als auf der Maininsel.

Sonoma liegt etwa eineinhalb Stunden Autofahrt von Oakland entfernt. Eigentlich, doch gestern dauerte es mal wieder zwei Stunden, bis ich ankam. Die Verkehrslage in der Bay Area ist eine Katastrophe geworden. Das ist ein Grund wegzuziehen, denn im Stau steckt man hier so gut wie immer. Und doch, dann kommt man im Dry Creek Valley an, die Stimmung ändert sich umgehend und man genießt eine dieser Perlen dieser Region. Das Wine-Country nördlich von San Francisco ist etwas ganz besonderes, für mich ist es wie mein täglicher Spaziergang mit meinem Hund zwischen den Redwoods des East-Bay Regional Parks. Ankommen und durchatmen, ein bisschen entschleunigen, runterkommen in der überfüllten Bay Area. Und ja, ich empfehle für Nordkalifornienreisende das Weinanbaugebiet von Sonoma und nicht das viel berühmtere und nochmals teuere Napa. Aber das ist Geschmackssache. Was ich Besuchern immer gerne auch in Verbindung mit einem Tagestrip nach Healdsburg und Umgebung zeige (und empfehle) ist der Armstrong Redwoods State Park unweit von Guernville. Dort kann man die richtig großen Redwoods erleben, wie sie sich dem Himmel seit Jahrhunderten entgegenstrecken. Das Leben hier kann durchaus schön sein, wenn man es sehen will.

 

Columbine, Sandy Hook, Parkland…und dann ist da Trump

Am 20. April war der Jahrestag des Schulmassakers von Columbine. An dem Tag golfte Donald Trump in seinem Golf Ressort, dem „Winter White House“, wie er seinen Club Mar-a-Lago in Palm Beach, Florida, nennt. Trump tweetete auch über seine Lieblingsthemen den Mueller Bericht, seine Tochter Ivanka, FoxNews, politische Gegner. Kein Wort allerdings über den Jahrestag, nichts über die Waffengewalt in den USA, keine Zeile des Gedenkens an die Opfer und ihre Familien und Freunde.

Nun weiss man auch warum der Präsident kein Wort sagte, kein Tweet am Jahrestag von Columbine absetzte. Donald Trump kündigte heute seinen und den Auftritt seines Vize-Präsidenten, Mike Pence, bei der diesjährigen NRA Konferenz an. Das „Lucas Oil Stadium“ in Indidanapolis wird am morgigen Freitag bis zum letzten Platz mit schießfreudigen NRA-Mitgliedern gefüllt sein, die ihm begeistert zujubeln werden. Denn immerhin ist Trump ihr Mann im Weißen Haus, der nicht vor dem politischen Druck nach schärferen Gesetzen einknickte, dem Schul- und Massenschiessereien und alljährlich etwa 70.000 Opfer von Waffengewalt am Allerwertesten vorbei gehen. Trump bejubelt die NRA und die bejubelt ihn.

Unter Beschuss     

Donald Trump, ein Präsident ohne Skrupel und ohne moralischen Zeiger, macht mit seinem Auftritt bei der NRA deutlich, was er von den Opfern der Waffengewalt und ihren Hinterbliebenen hält. Nämlich gar nichts. Die Waffengesetze wurden unter ihm nicht verschärft, ganz im Gegenteil. Die NRA hat auch das Schulmassaker von Parkland gut überstanden, dank der Rückendeckung durch das Weiße Haus. Von daher ist solch ein Vorbeikommen bei der „National Rifle Association“ wie ein Familienbesuch. Trump wird gehuldigt und bejubelt, geehrt und ihm die Treue im kommenden Wahlkampf geschworen. Genauso, wie er sich das vorstellt.

Und nun auch Joe

Joe Biden will es also werden. Der langjährige Senator und Obamas Vize hat am Donnerstag seine Kandidatur für das Präsidentenamt bekannt gegeben. Eigentlich sollte er schon 2016 kandidieren, doch Biden trauerte um seinen verstorbenen Sohn, sah sich nicht in der Lage einen Wahlkampf durchzuführen. Das Ergebnis ist bekannt, Hillary Clinton trat für die Demokraten an und verlor gegen Donald Trump. Biden machte gleich mehrmals im Rückblick deutlich, dass Clinton für die Niederlage verantwortlich ist und er seine damalige Entscheidung bereut.

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Nun will er es also wissen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Fast zwei Dutzend demokratische Kandidatinnen und Kandidaten sind bereits ins Rennen um die Kandidatenkür ihrer Partei eingestiegen. Darunter zahlreiche Hoffnungsträger und politische Schwergewichte. Die Demokraten rücken nach links, Biden hingegen steht für den eher konservativen Flügel der Partei. Warum er kandidiert ist nicht ganz klar. Auch wenn er in seiner Ankündigung erklärt, die rassistischen Vorfälle in Charlottesville und die Reaktion von Donald Trump darauf haben ihn zu dieser Entscheidung geführt, weiss ich dennoch nicht, warum er meint, er sei der richtige für den brutalen Wahlkampf und den Posten des Präsidenten.

Joe Biden will Präsident werden. Foto: Reuters.

Denn auch die anderen Kandidatinnen und Kandidaten, von Kamala Harris bis Bernie Sanders, verurteilten aufs Schärfste den Aufmarsch der Rechten und die darauf folgenden verharmlosenden Worte Trumps. Warum also Biden? Inhaltlich wird er sich kaum vom Rest des Feldes absetzen können. Darüberhinaus konkurriert er mit den anderen um die wichtigen Geldgeber. Ich kann mir nur vorstellen – und hoffe es -, dass es einen Masterplan bei den Demokraten gibt. Denn so unterschiedlich sind die Antretenden nicht, das einzige Ziel sollte und muss sein, die Wiederwahl von Donald Trump zu verhindern. Acht Jahre unter diesem Präsidenten, und da gebe ich Joe Biden recht, würden die USA auf unbestimmte Zeit verändern. Vier Jahre Trump können als geschichtlicher Ausfall betrachtet werden. Acht Jahre hingegen wären eine Katastrophe für dieses Land.

Wann arbeitet der eigentlich mal was?

15 Tweets in zehn Stunden, einige davon drehen sich über Fernsehsendungen, die sich der Präsident angesehen hat und dazu seinen Kommentar abgibt. Trump ist begeisterter FoxNews Zuschauer und gibt eigentlich täglich dazu seine Meinung ab. Und nicht nur zu FoxNews, sondern auch noch zu Sendungen auf CNN und MSNBC, zu Sportübertragungen und einflussreichen Talk Shows. Trump ist ein Fernseh-Junkie. Wenn man dann noch hinzu rechnet, wie oft sich der Donald auf seinen güldenen Golfplätzen rumtreibt, dann ist die Frage wahrlich berechtigt, wann er eigentlich mal so richtig arbeitet?

Eigentlich will man das bekannte Liedchen anstimmen: „Du hast die Haare schön…“. Foto: Reuters.

Von den täglichen Sicherheitsbriefings seiner Geheimdienste hält er bekanntlich nicht viel. Auch Lesen ist nicht seine Lieblingsbeschäftigung. Picklig wird er bei Ratschlägen anderer und man kann eigentlich bei jedem Auftritt sehen, dass Trump nicht gerne zuhört, denn dann steht er selbst ja nicht im Rampenlicht. Es muss sich um ihn drehen, dann ist er zufrieden, glücklich, in seinem Element.

Mit einem Mann wie Donald Trump zu arbeiten, muss alles andere als leicht sein. Denn informiert ist er nicht, er will es auch gar nicht, denn seine Sichtweise der Dinge, seine Weltsicht, seine Meinung zählt. Oftmals haut er über seinen privaten Twitter Account Sachen raus, die die offizielle Haltung des Weißen Hauses konterkarieren, hinterfragen oder ad absurdum führen. Trump ist das egal, es zählt, was er sagt. Und die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Sarah Huckabee-Sanders, dreht alles so, wie es ihr Boss vorgibt. Da werden Fakten verändert, verdreht, sehr gedehnt. Und alles, was dann eigentlich ein Fakt war, wird zu „Fake News“, denn die Fakten sind ja dann das, was Donald Trump und seine „Spin Machine“ in der Welt verbreiten. Manchmal wird einem schon ganz schwindling allein vom Zuhören der Trumpschen Argumentation. Amerika 2019!

Die Achse des Klanges

Darf ich als jemand mit amerikanischem Pass noch diese Platte hören, darüber schreiben, sie als eine der besten bezeichnen, die ich in diesem Jahr gehört habe? Immerhin ist Saba Alizadeh aus Teheran. Ein Iraner, der ein Soundtüftler ist, der klassische Instrumente aus Persien mit elektronischen Klangbildern vereint. Und das in einer wunderbar nahegehenden, mitreissenden, völlig einnehmenden Weise.

Saba Alizadeh „Scattered Memories“.

Scattered Memories“ heißt die LP, die bei Karl Records in Berlin erschienen ist. Eine Platte zum Zuhören, zum Eintauchen in diese klangliche Wunderwelt. Alizadeh ist wie ein Geschichtenerzähler, der sein Buch öffnet und von dieser anderen, für mich fremden, doch faszinierenden Welt berichtet. Die Lieder sind mal ganz zart, ganz leise, behutsam. Mal werden die Töne der traditionellen Kamanche verändert, erweitert, bereichert. „Scattered Memories“ ist eine beeindruckende Ambient Reise, die einen in eine Welt zwischen Tradition und Moderne führt. Klassik, Ambient, Drone, Electronic und Experimentell. Saba Alizadeh verbindet all das meisterlich auf diesem Album. Vor wenigen Jahren gründete er auch noch „Noise Works„, eine Plattform und ein Label für ungewöhnliche Konzerte und experimentelle Musiker im Iran, darunter Auftritte in ausgetrockneten Reservoirs, um auf die Wasserknappheit in einigen Gebieten des Irans hinzuweisen.

Der Iran ist eines dieser Länder, die ich gerne besuchen, gerne selbst erleben möchte. Diese Platte von Saba Alizadeh ist wie eine Postkarte von dort, ein einladend-tönender Bilderreigen, ein modernes Klangbuch aus 1001 Nacht. Es ist der Soundtrack aus einem – für mich – unbekannten Land, das es zu entdecken gilt.

„Ich will hingerichtet werden“

Am Mittwoch hatte ich ein Interview mit Mike Farrell, dem Präsidenten von „Death Penalty Focus“, einer Organisation in den USA die sich gegen die Todesstrafe einsetzt. Farrell ist bekannt für seine Rolle in der Hitfernsehserie „M.A.S.H.“ Ich sprach mit ihm für ein Feature über die Entscheidung des kalifornischen Gouverneurs, Gavin Newsom, alle Hinrichtungen im Bundesstaat auszusetzen. Newsom hatte vor wenigen Wochen verkündet, die neue Hinrichtungskammer abbauen zu lassen, keine Todesurteile mehr zu unterschreiben und auch seine Unterschrift nicht unter den geplanten, neuen Gift-Cocktail für Exekutionen zu setzen.

Ein neues Ausstellungsstück für das San Quentin Museum – Der Hinrichtungsstuhl. Foto: CDCR.

Mike Farrell ist begeistert von diesem mutigen, politischen Schritt, wie er sagt, denn noch ist eine kleine Mehrheit der Kalifornier für die Höchststrafe. Farrell meinte aber auch in dem Gespräch, dass nicht jeder auf „Death Row“ in San Quentin mit der Entscheidung des Gouverneurs einverstanden sei. Gestern nun war ich erneut in San Quentin, um Reno zu besuchen, der seit 1978 auf seine Hinrichtung wartet und wohl einer der ersten gewesen wäre, wenn Kalifornien wieder mit dem staatlichen Morden begonnen hätte. Er bestätigte das, was Mike Farrell andeutete. Es gibt Gefangene im Todestrakt, die Gavin Newsom verklagen wollen. Die ganz deutlich sagen: „Ich will hingerichtet werden“.

Die Zustände im East-Block des ältesten Staatsgefängnisses von Kalifornien sind unzumutbar, unmenschlich und brutal. Wer dort depressiv wird, dem werden Psychopharmaka verschrieben, an den Umständen wird jedoch nichts verändert. Die meisten der Häftlinge vegetieren in ihren 2,40 mal 1,40 Meter grossen Zellen. 750 Todeskandidaten sind dort untergebracht und einige von ihnen wollen hingerichtet werden, ihrem Leben ein Ende setzen, sie haben genug von der Warterei, die Jahrzehnte dauern kann. Gavin Newsom hat mit seiner Entscheidung die Todesstrafe nicht verboten, das kann er nicht, er hat sie nur ausgesetzt. In seiner Amtszeit wird es also keine Hinrichtungen geben. Was das genau für die Häftlinge bedeutet ist noch unklar, denn die Todesstrafe ist nach wie vor in den kalifornischen Gesetzbüchern aufgeführt. Hinter den Kulissen, so auch Mike Farrell, wird nun daran gearbeitet, die Höchststrafe ganz abzuschaffen. Doch bis dahin wird es Klagen geben, von Befürwortern der Todesstrafe, von Opfergruppen und eben auch von Gefangenen selbst. Die allerdings werden ein Problem haben einen Anwalt zu finden, der sich ihrem Fall annimmt, denn die Frage ist, gibt es ein Recht auf die eigene Hinrichtung.