Irgendwas läuft hier schief

Donald Trump und Kim Jong Un. Kim sei „ein Freund“ von Trump, so der amerikanische Präsident. Wiedereinmal zeigt er damit seine Nähe zu Diktatoren und Despoten, die nichts von Menschenrechten, Pressefreiheit, demokratischen Wahlen und Gleichberechtigung halten. Trump hofiert einen Mann, nennt ihnen einen Freund, der sein eigenes Volk verhungern lässt, Hunderttausende politische Gegner und ihre Angehörigen für Jahre und Jahrzehnte in Straf- Arbeits- und Umerziehungslagern vegetieren lässt.

Echte Freunde – Donald Trump und Kim Jong Un. Foto: Reuters.

Und dann sind da die wahren „Volksfeinde“, die „enemy of the people“, auch Journalisten genannt, die Donald Trump das Leben schwer machen. Irgendwie scheint die Welt auf dem Kopf zu stehen, wenn Tyrannen in Nordkorea, in der Türkei, in Saudi Arabien, wenn rechte Populisten in Ungarn, Polen, England umworben werden, wenn der amerikanische Präsident nationalistische und rechtsextreme Propaganda bereitwillig verbreitet und gleichzeitig die Grundfesten der westlichen Demokratien aushebelt. Was stimmt hier nicht mehr?

In Pakistan und Indien droht ein offener Krieg, in Jemen verhungern Millionen von Menschen, an allen Ecken und Enden der Erde ist der Klimawandel zu spüren und Donald Trump träumt lieber von einem Friedensnobelpreis und verkehrt die Welt.

Am Montag hatte ich ein Interview mit dem Soziologen und Bestsellerautoren Francis Fukuyama in seinem Büro auf dem Campus der Stanford Universität. Für Fukuyama ist nicht das große Problem, dass Donald Trump in diesem eher fragwürdigen amerikanischen Wahlsystem gewählt wurde, sondern mehr, dass nach wie vor ein Drittel der Wähler zu Trump stehen und seine Politik gut finden. Sie verteidigen somit eine Steuerentlastung für Milliardäre genauso, wie einen unsinnigen Mauerbau an der Grenze zu Mexiko. Und sie verteidigen seine Unterminierung von demokratischen Instanzen, wie der Presse, dem FBI, den Gerichten, dem Kongress. Mit diesem Vorgehen und seinen Lobeshymnen auf Diktatoren, wie Kim Jong Un, scheint Trump deutlich machen zu wollen, dass er durchaus Sympathien für diese Art des Regierungsstils hat. Es könnte, so Trump, alles so einfach sein. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Trumps.

 

Nach 33 Jahren auf Death Row kommt die Freiheit

Freddie Taylor wird aus dem Todestrakt von San Quentin entlassen. Foto: CDCR.

Freddie Taylor wurde 1985 für die Vergewaltigung, den Überfall und den Mord an der 84jährigen Carmen Carlos Vasquez zum Tode verurteilt. Nun wird er aus dem Todestrakt von San Quentin entlassen, die Tore des Staatsgefängnisses gehen für ihn auf.

Taylor erklärte über all die Jahre, dass er die Tat nicht begangen habe. DNA Spuren waren am Tatort und am Körper der Frau nicht gefunden worden, doch Taylors Fingerabdrücke wurden damals an zwei Außenscheiben des Hauses von Vasquez in Richmond entdeckt. Der damals 25jährige begründete dies damit, dass er wenige Tage zuvor in das Haus der Seniorin eingebrochen sei, aber nichts mit der Mordtat zu tun habe.

Doch allein das hätte noch keine Entlassung bedeutet. Was der Staatsanwalt, das Gericht und die Geschworenen beim Prozess übersehen hatten, waren die mentalen Probleme Taylors, der in einem brutalen Umfeld aufwuchs, jahrelang in einer Jugendeinrichtung untergebracht war, in der er misshandelt und missbraucht wurde und mit Anzeichen von Schizophrenie, Borderline und einem Hirnschaden diagnostiziert wurde. Über all die Jahre hatten die kalifornischen Gerichte eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt. Erst die Entscheidung eines Bundesrichters ebnete den Weg für die Freilassung von Freddie Taylor. Dank seiner Anwältin, die 20 Jahre lang für ihn kämpfte und nicht aufgab, öffnen sich nun die Gefängnistore für den heute 58jährigen. Er unterschrieb schließlich die Anklage des Totschlags und erreichte damit, dass seine Haftzeit abgegolten war. Die Staatsanwaltschaft sah sich nicht mehr in der Lage, die Anklage auf Mord aufrecht zu erhalten und Taylor erneut den Prozess zu machen. Nach wie vor betont Taylor jedoch, dass er Carmen Carlos Vasquez nicht erschlagen habe.

Im Todestrakt von San Quentin sind nach wie vor etwa 750 Männer untergebracht. Viele von ihnen behaupten unschuldig zu sein. Schätzungen von Organisationen wie amnesty international und Death Penalty Focus gehen davon aus, dass zwischen 1-2 Prozent der Insassen tatsächlich unschuldig auf Death Row gelandet sind.

We love our Oakland teachers

In Oakland streiken die Lehrer. Davon betroffen sind 36.000 Schüler. Es geht um mehr als nur um mehr Bezahlung, auch wenn die im gesamten Bezirk von Alameda am niedrigsten ist. Lehrer im Oakland Schuldistrikt verdienen zwischen 46.000 und 85.000 Dollar, viel zu wenig, um in der Stadt oder der Bay Area leben zu können. Die Gewerkschaft fordert 12 Prozent mehr Lohn, die Schulverwaltung bietet sieben Prozent mehr.

Auch die Montera Middle School in meiner Nachbarschaft wird bestreikt.

Die lokale „Union“ erklärte, dass 85 Prozent ihrer Mitglieder dem Streikaufruf folgen und die Eingänge zu den Schulen blockieren. Streikbrecher würden nicht behindert werden, aber sie gibt es kaum. Die Stadt und der Schulbezirk haben Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche eingerichtet, damit diese nicht auf der Straße sitzen.

Auch in Chicago, Denver, Los Angeles und in anderen US Städten wird gestreikt. Es geht um das öffentliche Schulwesen, das immer mehr unterminiert, dem Geld entzogen wird für eine vermeintliche freie Schulwahl der Eltern. Gerade die Trump-Administration fährt einen Frontalkurs gegen die „public schools“ in den USA, die sie als linksliberalen Hort abtun. Auf lokaler Ebene kommen da noch die schwierigen finanziellen Situationen der Kommunen hinzu. Viel Spielraum gibt es nicht für die öffentlichen Schulen, wenn dann auch noch „Charter“ und Privatschulen Schüler abziehen, fehlt an allen Ecken und Enden das Geld. Schulsozialarbeiter und Schulkrankenschwestern werden genauso gestrichen, wie Kunst- und Musikunterricht, Sportangebote und schulische Veranstaltungen. Die „public schools“ in den USA werden ausgeblutet.

Die Streiks, wie hier in Oakland, gehen also um mehr als nur um eine Gehaltserhöhung. Auch wenn die dringend notwendig ist, denn bei Mietpreisen von 3500 Dollar für eine Einzimmerwohnung kann man als Lehrer keine großen Sprünge mehr machen. Die Gewerkschaft unterlegt dies mit der Zahl, dass allein im vergangenen Jahr rund 600 Lehrer in Oakland gekündigt haben. Neubesetzungen der offenen Stellen sind kaum möglich, da die Gehälter hinten und vorne nicht reichten, um Berufsanfänger nach Oakland zu bringen.

Der Streik stößt auf breite Unterstützung in der Bevölkerung. An bestreikten Schulen wird hupend vorbeigefahren, um Solidarität mit den davor stehenden Lehrerinnen und Lehrern zu demonstrieren. Überall in Oakland sieht man die Schilder „We support our Oakland teachers“, Cafes und Restaurants bieten kostenlose Getränke und Speisen für die Streikenden an. Wie lange der „Strike“ andauern wird ist fraglich, man verhandele weiter, heißt es von beiden Seiten.

Das Problem mit der Politik

Die kalifornische Senatorin Dianne Feinstein. Foto: Reuters.

Dianne Feinstein ist die dienstälteste Senatorin von Kalifornien. Seit nunmehr 30 Jahren vertritt die 85jährige ihren Bundesstaat in Washington. Erst im vergangenen November wurde sie für sechs weitere Amtsjahre wiedergewählt. Doch die Wähler hätten sich das noch einmal überlegen sollen, wenn man sich dieses Video ansieht.

Eine kalifornische Umweltgruppe hatte Feinstein in DC besucht. Es waren Kinder und Jugendliche, die mit der Senatorin ins Gespräch kommen wollten, um mit ihr über den „Green Deal“ zu sprechen, einen politischen Fahrplan, wie die USA die umweltpolitischen Herausforderungen der Zukunft angehen können und müssten. Und das schnell. Mehrere der Präsidentschaftskandidaten und – kandidatinnen der Demokraten unterstützen diesen „Green Deal“, darunter auch die zweite kalifornische US-Senatorin, Kamala Harris.

Doch Dianne Feinstein ließ sich auf die Kindergruppe nicht ein, erklärte ihnen, dass sie nicht einfach zu ihr kommen könnten und Forderungen stellen, dass Politik anders laufe und sie sowieso nicht auf sie hören werde, weil sie ja gewählt wurde. Auf den Einwurf einer Jugendlichen, dass sie doch gewählt wurde „from the people and for the people“ fragte Feinstein, wie alt das Mädchen sei. 16, antwortete die. „Dann hast Du auch gar nicht für mich gewählt“, war die patzige Antwort der 85jährigen.

Schon lange wird kritisiert, dass Feinstein zu abgehoben, zu weltfremd, „out of touch“ mit ihren Wählern ist. Und das zeigt sich nun erneut sehr deutlich mit diesem Video. Ihre Reaktionen kommen der einer verbohrten, hochbetagten Politikerin gleich, die sich wiederwählen ließ, um an ihrer Machtposition festzuhalten und deutlich macht, dass sie kein Verständnis dafür hat, dass junge Menschen besorgt und angstvoll auf ihre Zukunft blicken.

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Vinyl Liebhaber Festtag

Die letzten Langspielplatten, die ich mir besorgt habe sind die Box „The Complete Commodore Jazz Recordings Volume 1“, die Wiederveröffentlichung der „Star Band De Dakar“, Galya Bisengalieva, Aidan Baker, LCC und schließlich noch historische Aufnahmen „Into the storm – the coming of war 1939“. Vinyl hat noch immer einen Platz in meiner Sammlung und vor allem in meinem Ohr.

Und nun wirft der diesjährige Record Store Day am 13. April schon seine Schatten voraus. Die Liste mit den Sonderauflagen für den Tag werden am 28. Februar veröffentlicht und klar ist auch, dass Pearl Jam als offizielle Record Store Day Botschafter fungieren werden. Und die Mannen um Eddie Vedder passen richtig gut, denn Pearl Jam haben immer schon Vinyl Veröffentlichungen unterstützt und sind, wie sie selbst sagen, Fans der klassischen Plattenläden.

Klar, es gibt Kritiker, die sagen, der ganze internationale Record Store Day sei zu einem kommerziellen Event verkommen. Das kann man stehen lassen, aber muss dennoch erkennen, dass viele Musikliebhaber an diesem Tag ausziehen, um die einzelnen Plattenläden in ihrer Nachbarschaft und ihrer Stadt zu erkunden. Meist ist die Stimmung gut, auch wenn man in den Warteschlangen vor den Läden steht. Es wird sich ausgetauscht, was man in diesem Jahr sucht und klar, da sind auch Profis darunter, die nur einkaufen, um gleich danach mit einem Aufschlag auf irgendeiner Online-Plattform wieder zu verkaufen. Und dennoch, der Record Store Day ist was besonderes. Ich stehe nicht um 6 Uhr morgens in der Schlange, um die absoluten Raritäten zu ergattern. Ich besuche lieber an dem Tag einige Plattenläden, in die ich nicht so oft komme. Mir macht es einfach Spass, durch die vielen Kisten mit speziellen Veröffentlichungen zu suchen und dann auch noch anderes in den Stores zu finden. Es gibt was für Sammler, aber auch für einfache Vinyl-Begeisterte, wie mich.

Musik ist ein wichtiger Teil meines täglichen Lebens. Nicht nur für die Sendungen, die ich produziere und moderiere. Nicht nur für die musikalischen Untermalungen und Betonungen in Beiträgen und Features. Musik ist einfach da und mein Geschmack hat sich über die Jahre gewandelt, ich würde sagen erweitert. Da sind noch immer zeitlose Platten, die mich seit nunmehr fast 40 Jahren begleiten, aber da ist auch viel neues hinzu gekommen, mit dem ich früher so gar nichts anfangen konnte. Ambient, Avantgarde und Drone, dazu viel ethnische Musik, vor allem aus dem Nahen Osten und Afrika. Musik ist nicht nur ein wunderbarer, faszinierender und tiefer Klangschatz, es sind auch die vielen Geschichten, die mit den Liedern, den Melodien, den Texten, der Entstehung verbunden sind.

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Run, Bernie, Run!

Er will es also nochmal wissen. Bernie Sanders ist der Senior, der sich nun unter die Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen der Demokraten mischt. Ihn kennt man, er braucht nicht groß zu erklären, wo er herkommt und für was er politisch steht. Doch hat der 77jährige überhaupt eine Chance?

Bernie Sandes will es noch einmal wissen. Foto: Reuters.

Bernie Sanders hat mit seinem Wahlkampf 2016 die gesamte Partei der Demokraten nach links gezogen. Und das als „Independent“, der lediglich auf dem Ticket der Clinton-Partei kandidierte. Seitdem ist viel Wasser den Mississippi runtergeflossen. Zum einen haben viele Wähler spät aber immerhin erkannt, dass Hillary die falsche Kandidatin war, die in einem abgekarteten Spielchen die Vorwahl für sich entschied. Zum anderen ist da Donald Trump, der so ganz anders ist als Bernie Sanders. Trump informiert sich nicht, ist unbelesen, erzählt Dinge, die hinten und vorne nicht stimmen und verbreitet seine Lügen in einer alternativen „Real World“, in der ihm seine Anhänger huldigen. Sanders ist das genaue Gegenteil von #45.

Von daher könnte eine direkte Wahl zwischen Trump und Sanders durchaus spannend werden. Aber Bernie muss erst noch die Vorwahlen überstehen und da gibt es so einige Kandidatinnen und Kandidaten, die viel von ihm gelernt haben – logistisch und inhaltlich. War Hillary Clinton die Kandidatin des Establishments der Demokraten, treten nun vor allem Frauen und Männer an, die der neuen Generation der Demokraten angehören. Sie sind deutlich jünger als Bernie Sanders, voller Energie, Elan und Ideen. Warum also kandidiert da Bernie Sanders?

Der Senator aus Vermont ist der geistige Vater dieser neuen Riege im Kongress, alles Hoffnungsträger ihrer Partei. Sie alle haben Potential, könnten es schaffen, wären mit Sicherheit eine Alternative zum egozentrischen Donald Trump. Politisch, wie auch im Ton. Und doch, keine und keiner von ihnen hat die Größe, den Weitblick und die Überzungskraft eines Bernie Sanders. Was gegen ihn spricht ist einzig und allein sein Alter. Am Wahltag wäre er 79 Jahre alt. Bislang hat ihn allerdings nichts zum Kürzertreten bewogen, nach wie vor sprüht er vor Energie und Ausdauer. Der Wahlkampf ist ein Ultramarathon, Sanders wird dabei beweisen können und müssen, dass er körperlich mit den jungen Wilden der demokratischen Partei mithalten kann. Von daher also, „Run, Bernie, Run!“

Zweieinhalb Stunden Käfig

Die Richmond-San Rafael Bridge führt direkt auf San Quentin zu.

Ein sonniger Sonntagmorgen in der San Francisco Bay Area. Um 7 Uhr fahre ich los, es ist kaum Verkehr auf den Straßen. Ziel ist mal wieder San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien. Noch ist der Parkplatz halb leer. Ich reihe mich rechts bei den Wartenden ein, hier sitzen die Besuche für den „East Block“, die Todeskandidaten auf Death Row.

Eine ältere Frau kommt nach mir, fragt mich mit einem Akzent, wann ich dran sei? 8 Uhr antworte ich, sie setzt sich mir gegenüber. Woher sind Sie? Aus der Schweiz, meint sie. Gerade sei sie auf einer Reise durch verschiedene Gefängnisse in den USA, um zum Tode und lebenslänglich Verurteilte zu besuchen. Sie war schon in Texas und Arizona und nun noch Kalifornien, am Dienstag ginge es zurück. Sie gehöre einer Schweizer Organisation an, die in Kontakt mit Gefangenen in den USA sei.

Es warten nur wenige Männer im Vorraum der Besucherschleuse. Viele Frauen sind da, teils stark geschminkt, enge Kleidung und Ausschnitte, hohe Hacken, die wohl so gerade noch erlaubt sind. Als ich dran bin, geht alles recht schnell. Meine Kleidung passt – helle Hose, graues T-Shirt, braunes Sweat-Shirt -, ich habe auch nur Eindollarnoten und Kleingeld dabei, Metall habe ich nicht am Körper. Dann noch einen Stempel auf den rechten Unterarm und ich darf Richtung „Bastille by the Bay“ laufen, dieses alte Gebäude, das an einen mittelalterlichen Kerkerbau erinnert.

Reno wartet schon im Käfig. Ich ziehe ein Sandwich, einen Schokokuchen, Popkorn und noch was Süßes aus dem Automaten, dazu die obligatorischen zwei Dosen Cola. Dann muss er sich aus seinem Rollstuhl erheben, eine Kette mit  Handschellen wird ihm durch einen Schlitz im Gitter um den Bauch gelegt, die Handschellen klicken und er darf sich wieder in den Rollstuhl setzen. Reno ist fast 74 Jahre alt, kann die Hände nicht mehr nach hinten strecken, deshalb die Bauchkette. Die Tür auf seiner Seite wird geöffnet, er wird rausgeschoben, die Tür schließt sich und wird mit einem Schloss gesichert. Erst dann wird auf meiner Seite die Gittertür geöffnet, ich darf in den etwa 1,50 x 2 Meter Käfig treten. Es knallt hinter mir, das Schloss klickt. Dann geht die Tür auf Renos Seite auf, er wird reingeschoben, muss sich wieder aus seinem Rollstuhl erheben und die Bauchkette mit den Schellen wird ihm abgenommen. Eine kurze Umarmung, der Besuch kann beginnen.

Wir sitzen da, plauschen über alles mögliche. Er isst, trinkt, lacht. Ich erzähle ihm von meiner Idee, ein Hörspiel über jemanden in San Quentin zu schreiben. Ob ich ihm dazu einige Fragen schicken könnte? Klar, meint er, schick einfach mal, aber gib mir etwas Zeit. Ich will mehr erfahren über das Leben auf Death Row, wie es sich anfühlt, wie es sich in den fast 40 Jahren verändert hat, seitdem er hier ist. Einiges habe ich ja von meiner Besucherrolle in den letzten 23 Jahren mitbekommen, aber es gibt noch immer viele Fragen, die ich habe. Ich bin gespannt auf seine Antworten und auf das, was ich hoffentlich daraus machen kann und werde.

Nach zweieinhalb Stunden ist der Besuch vorbei. Eine kurze Umarmung, dann erneut die gleiche Prozedur für ihn wie am Anfang. Man sieht ihm die Schmerzen in allen Gliedern an. Aber Regel ist Regel in San Quentin, keine Ausnahmen werden gemacht. Und wie immer atme ich tief durch, als die schwere Metalltür vor mir aufgeht und ich hinaus in die frische Luft, an die Sonne treten kann. Entlang der Bay geht es zurück zum Parkplatz und ich summe vor mich hin….“San Quentin, you’ve been living hell to me“.

DBUK is OMG OK

Schon mal von der Band „The Denver Broncos UK“ gehört, kurz DBUK? Nein, dann haben Sie etwas verpasst. Hinter diesem Namen stecken Munly Munly, Lord Dwight Pentacost, Rebecca Vera und Slim Cessna von „Slim Cessna’s Auto Club“ aus Denver, Colorado. Während der „Auto Club“ treibend und voller Energie ist, werden bei DBUK ganz andere, viel gemäßigtere Klangpfade verfolgt.

„Songs One Through Sixteen“ heißt die neue Platte und sie verbindet Country, Folk, Americana mit einer gehörigen Prise dunklem Gothic Sound. Ein beeindruckendes Album, das einem „Road Movie“ gleichkommt. Schon vor etlichen Jahren, als ich noch für eine deutsche Airline deren Country/Folk Inflight Radioprogramm zusammenstellte, war ich Fan des Denver Sounds. Von dort kamen und kommen unglaublich gute Bands, wie 16 Horsepower, Wovenhand, Denver Gentlemen, DeVotchKa und die vielen musikalischen Projekte, die im Umfeld und durch das Eingreifen von Slim Cessna entstanden.

Nun also diese neue Platte von DBUK, die in den USA „Songs Nine Through Sixteen“ heisst und in Deutschland bei Glitterhouse gleich noch die bereits 2015 erschienene „Songs One Through Eight“ beinhaltet. Es sind Songs, die so ganz anders sind, musikalisch als Gothic-Americana umschrieben werden können und textlich manchmal einem blutigen Horrortrip gleichen. Und das alles ganz harmlos und weich vorgetragen. Lieder, die sich um Tod, Selbstmord, Erschießen drehen und mittendrin der Hörer, der die zärtlichen Melodien genießt. „Songs One Through Sixteen“ ist eine Platte, die man sich genauer anhören, die wahnhaften Texte mitlesen sollte. Und erneut komme ich an den Punkt, an dem ich merke, genau dieses Album belegt, warum ich Amerika mag. Es ist so skuril schön, so tief abgründig, so seltsam anders als das, was man Tag für Tag im Irrsinn der Newswelt erfährt. Hier zeigen sich die USA von ihrer wunderbarsten und faszinierendsten Seite. Ein Soundtrack des wahren „American Life“.

Was für eine nationale Krise?

Die Frage eines Reporters traf es genau. Woher nimmt Präsident Donald Trump seine Zahlen, wenn er sagt, es gebe an der Grenze zu Mexiko eine humanitäre und sicherheitspolitische Krise. Drogen und Kriminelle kämen ungehindert ins Land, eine Mauer müsse gebaut werden. Denn, so der Reporter weiter, das FBI, die Grenzbehörde und auch das Justizministerium veröffentlichten ganz andere Zahlen. Demnach kämen 95 Prozent der Drogen über die legalen Grenzübergänge in die USA und auch die „Vergewaltiger, Mörder und Kriminelle“ ohne legale Papiere seien meist schon lange im Land.

Grenze zu Mexiko bei El Paso, Texas.

Trump reagierte, wie er eben immer reagiert. Er bekomme seine Zahlen und Fakten von vielen Seiten, vor allem vom Ministerium für Heimatschutz. Ausserdem verdrehten die Medien die veröffentlichten Zahlen, denn es gäbe tatsächlich eine große nationale Krise, ja, einen Notstand an der Grenze mit Mexiko. Was der Präsident nicht erwähnt ist, dass so einige konservative Talk Show Moderatoren, wie Rush Limbaugh und Sean Hannity, großen Einfluss auf das Denken von Donald Trump haben. Schon mehrmals schien es so, dass Trump auf Tweets oder auf Inhalte in den Sendungen dieser Rechtsaußenpopulisten reagierte. Hannity gilt deshalb auch als „Berater“ des Präsidenten.

Nun also ruft Donald Trump den nationalen Notstand aus, für etwas, was kein nationaler Notstand ist. Die Situation an der Grenze könnte ohne weiteres und parteiübergreifend gelöst werden, aber dazu lässt es Donald Trump nicht kommen. Er hatte seiner 25Prozent Basis im Wahlkampf eine Mauer versprochen, „from sea to shining sea“. Hoch, schön und unüberwindbar sollte sie sein. Und dieses Versprechen will er einlösen, auch wenn es nur teuer ist und keinen Sinn macht.

Trump allerdings übersieht die wahren Krisen im Land. Erst gestern war der erste Jahrestag des Schulmassakers von Parkland. Der Präsident sprach vor einem Jahr noch große Worte, er wolle den Zugang zu Waffen für Jugendliche beschränken, bestimmte Waffengattungen und -zusätze verbieten lassen. Geschehen ist nichts. Seit Parkland gab es 31 weitere Schulschießereien, das ist eine alle 12 Tage. Seit den tödlichen Schüssen an der „Marjory Stoneman Douglas High School“ wurden in den USA 429 weitere „Mass Shootings“ gezählt.

Mister President, das ist eine nationale Krise! Eine, die diese Bezeichnung verdient. Ich könnte nun auch noch vom Klimawandel anfangen, dessen Folgen schon jetzt in den USA zu spüren sind. Aber wir alle wissen ja, dass Donald Trump die Fakten der Wissenschaftler anzweifelt, sogar die seiner eigenen Angestellten in Bundesbehörden. Vielmehr lässt er Informationen streichen, verändern, abschwächen, um ja nicht handeln zu müssen. Donald Trump entwickelt sich durch sein Handeln und vor allem durch sein Nicht-Handeln mehr und mehr selbst zu einer nationalen Krise für die USA.

Neue Bürger braucht das Land

Eine nahegehende Einbürgerungsveranstaltung in Oakland bis Donald Trump sprach.

Sie kamen aus Togo, aus dem Jemen, aus Burma, Afghanistan und von den Fiji Inseln. 1126 Frauen und Männer aus 94 Nationen waren am Mittwochnachmittag ins historische Paramount Theatre nach Oakland gekommen, um hier eingebürgert zu werden. Es war eine bunte, multikulturelle Menschenansammlung, die in zig Sprachen durcheinander sprach. Manche hatten sich fein rausgeputzt für dieses Ereignis, auf das sie lange gewartet hatten, einigen war anzusehen, sie nahmen die Veranstaltung im Vorbeigehen mit.

Anfangs wurden von einem Chor bekannte amerikanische Lieder vorgetragen, darunter auch die alternative Nationalhymne „This land is your land“ von Woody Guthrie. Es war eine entspannte Stimmung, es wurde gelacht, es war teils nahegehend, „America is richer, because of you today“, hieß es. Der Moderator forderte alle Neubürger auf, sich umgehend als Wähler registrieren zu lassen. Wir haben Probleme in diesem Land, nun liegt es an Ihnen, diese mitzulösen, sagte er. Auch wies er daraufhin, dass keiner mehr eine Green Card mit sich herumtragen müsse, denn als Amerikaner habe man nun das Recht einem Polizisten, der einen kontrollieren will, zu sagen: „Officer, I’m an American, I don’t need to show you my immigration papers“.

Interessant wurde es, als ein Video von Präsident Donald Trump eingespielt wurde, in dem er die neuen amerikanischen Staatsbürger begrüsste.

     

Als ich 2013 die US Staatsbürgerschaft annahm, sprach noch Barack Obama zu den „Neuen“ im Land. Viele waren von seinen Worten angetan. Anders jedoch am Mittwoch. Als Trump auf der Leinwand erschien, ging lautes Buhen durch die Reihen. Das hielt während seiner eineinhalb minütigen Rede an. Als es kurz mal leiser wurde, schrie jemand „Fuck you“. Lachen im Saal. Präsident Trump hat sich mit seinem Anti-Immigrationskurs keine Freunde bei den neuen Staatsbürgern und damit Neuwählern gemacht. Jedes Jahr werden rund 750.000 rechtmäßige Immigranten in den USA eingebürgert. Sicherlich werden sich nicht alle als Wähler registrieren lassen, doch die Zeichen stehen für die Republikaner nicht gut. Wer sich so offen gegen Immigranten stellt, wie dieser Präsident, könnte schon bald eine deutliche Antwort darauf bekommen.