Deutsche Internierung im 2. Weltkrieg

      Deutsche Internierte im Zweiten Weltkrieg

John Christgau wurde nach seinen Recherchen zur deutschen Internierung auch nach Washington DC eingeladen.

Als ich 1996 von Nürnberg nach San Francisco zog, um hier für ein paar Jahre als freier Korrespondent zu arbeiten, musste ich meine Themenlücke finden. Damals begann es im Silicon Valley und in San Francisco zu brodeln, das Internetzeitalter begann. Als jemand, der sich kaum für Computer und Technologie interessierte hielt ich mich von diesen Themen bewusst fern. Hinzu kam, dass damals rund drei Dutzend deutsche Korrespondenten in der Gegend lebten und arbeiteten, die sich fast alle auf die High Tech Industrie stürzten.

Für mich waren andere Themen interessanter und spannender, darunter die deutsche Geschichte in den USA, in Kalifornien und der San Francisco Bay Area. Und mehr durch Zufall stieß ich auf das fast völlig unbekannte deutsch-amerikanische Kapitel der Internierung deutscher Staatsbürger im Zweiten Weltkrieg, vor allem nach dem japanischen Angrif auf die Navy Base Pearl Harbor auf Hawaii. Es handelte sich dabei nicht um Kriegsgefangene und nicht um Nazi Sympathisanten. Vielmehr waren es deutsche Immigranten, die in den USA mit einem deutschen Pass lebten. Viele der 12000 Betroffenen hatten Familien, deren Kinder in den USA geboren wurden, damit amerikanische Staatsbürger waren. Doch auch sie wurden in Familienlager, wie Crystal City in Texas, interniert. Im Zuge meiner Recherchen lernte ich John Christgau kennen, der eines der wenigen Bücher über dieses Thema geschrieben hatte. „Enemies“ ist ein ganz wichtiges Geschichtsbuch, denn es beschreibt, wie die Amerikaner nach Pearl Harbor zu einem Rundumschlag gegen Japaner, Italiener und eben auch Deutsche im Land ausholten. Es herrschte Panikstimmung in den USA. Und nicht nur das, die Agenten des FBI schwärmten aus, um deutsche und japanische Staatsangehörige in Mittel- und Südamerika zu verhaften und in Internierungslager in den USA zu bringen.

John Christgau erzählte diese spannende deutsch-amerikanische Geschichte, die die meisten Amerikaner und Deutsche gar nicht kennen. Er selbst hörte auch durch Zufall davon, als er bei einem Nachbarn war. John lud mich zu sich nach Belmont ein, wir trafen uns gleich mehrmals für dieses Feature, das man oben im Audioplayer hören kann. Er vermittelte mir weitere Ansprechpartner, ich flog für Interviews mit ehemaligen Internierten nach Seattle, nach Arizona und nach New Hampshire. Diese Geschichte war so aufregend und beeindruckend, dass ich John mit dem deutschen Generalkonsulat in Verbindung brachte. Auch dort hatte man von der deutschen Internierung kaum etwas gehört. Nach dieser Recherche blieben wir in Kontakt. John lud mich immer mal wieder zu Lesungen ein. Er war ein rastloser Schreiber, der Geschichten aufsog und erzählte und ein gutes Dutzend Bücher veröffentlichte. Ein Meister des Wortes, der ein hervorragender Interviewpartner war, denn er dachte genau darüber nach, was er sagen wollte und konnte.

Der 84jährige John Christgau verstarb nun unerwartet. Noch vor kurzem hatte er mich zu einem Theaterstück eingeladen. Natürlich zu einem von ihm selbst geschrieben. Im kommenden Frühjahr soll es eine Gedenkveranstaltung für ihn geben, passend in der städtischen Bibliothek von Belmont.

Spurensuche in Petaluma

Im Dezember wird alljährlich der Christkindlmarkt in Petaluma gefeiert.

Durch den großen Saal, dann die knarzende Holztreppe hinauf, vorbei an aufgehängtem Weihnachts- und Oktoberfestschmuck. Andy Christiansen holt einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und sperrt drei Schränke auf. Vor mir ist das Archiv der Hermann Söhne, eine der wohl ältesten deutschen Verbindungen in den USA und auch hier in der San Francisco Bay Area.

Ich bin in der Hermann Sohn Halle in Petaluma. Diese Loge ist als eine der wenigen noch aktiv. Zur Hochzeit der deutschen Einwanderung gab es rund 90 Logen in ganz Kalifornien. Mehrere Dutzend allein im Großraum San Francisco, darunter auch eine „Albrecht Dürer Loge No. 42“, gegründet am 21. Januar 1916. In dem kleinen Museum im Erdgeschoss und hier in dem Archiv der Hermann Söhne im Lagerraum im ersten Stock kann man die lange Geschichte, den Einfluss und die Größe dieser Verbindung noch erahnen.

In den Protokollbüchern der Hermann Söhne wurden alle Aktivitäten, Ausgaben und Anliegen festgehalten.

Auf diesen Regalen, in einigen Kartons und Mappen liegt nicht nur ein wichtiger Teil der Geschichte der deutschen Einwanderer in Kalifornien. Hier ist auch ein Stück der kalifornischen Geschichte zu finden, einem Bundesstaat, der von Einwanderern aufgebaut wurde. Die Deutschen spielten einen wichtigen Part in der Entwicklung des Golden State. Sie waren vernetzt und in allen Gesellschaftsbereichen vertreten. In den Vereinsbüchern sind die Berufe der Mitglieder angegeben, vom Arzt bis zum Elektriker ist alles vertreten. Und auch die Festschriften zu den jährlich abgehaltenen Großveranstaltungen spiegeln die Breite der Mitgliederschaft wider. Darin kleine Anzeigen von Läden, Handwerkern, Ärzten, Versicherungsvertreter, Anwälten bis hin zu Kulturveranstaltungen. Die deutsche Gemeinde in und um San Francisco war vielschichtig, aktiv und lebendig.

Viel ist nicht mehr geblieben. Das deutsche Haus in San Francisco ist schon lange verkauft, die vielen Geschäfte und Handwerkershops gibt es nicht mehr, die großen Feste werden auch nicht mehr gefeiert. Vor etlichen Jahren bin ich mal mit einem älteren deutschen Freund durch die Stadt gefahren. Er kam 1942 nach der Verhaftungswelle in Mittel- und Südamerika durch das FBI nach San Francisco, kannte jeden deutschen Laden, jedes deutsche Restaurant, jedes deutsche Delikatessen Geschäft und war auf allen Tanzveranstaltungen und deutschen Feiern zu finden. Er zeigte mir, wo was und wer war, berichtete von den vielen Festen und der aktiven deutschen Community in und um „the city by the Bay“.

Gerade auch deshalb sollten Archive wie dieses hier von den Hermann Söhnen in Petaluma langfristig bewahrt, ausgewertet und digitalisiert werden. Denn viel zu viele deutsche Vereine und Organisationen in der Bay Area gingen einfach sang- und klanglos unter, wurden vergessen, eben auch, weil sich niemand um das eigene Vereinsarchiv gekümmert, es gesichert und weitergegeben hatte. Doch solche Unterlagen belegen, welche bedeutende Rolle die deutschen Einwanderer einnahmen, wie sie sich einmischten und auch Teil Kaliforniens wurden. Die Geschichte der deutschen Immigranten wurde viel zu lange übersehen.

Das Verfassungsgericht ist für immer beschädigt

Man konnte immer noch naiv daran glauben, dass der „Supreme Court“ in den USA ein unpolitisches Gremium ist. Zusammengesetzt aus Richtern, die von demokratischen und republikanischen Präsidenten vorgeschlagen und von demokratischen und republikanischen Senatsmehrheiten gewählt werden. Klar, die Wahl der Verfassungsrichter war schon immer ein politischer Akt, aber irgendwie glaubte man noch an Ausgewogenheit, an ein überparteiliches Interesse und Verhalten der Juristen.

Zwei, die sich mögen: Brett Kavanaugh und Donald Trump. Foto: Reuters.

Doch damit ist mit der Kandidatur von Trumps zweitem Verfassungsrichter Brett Kavanaugh Schluss. Ganz offensichtlich positioniert sich Kavanaugh als ein Trumpist, der sich ohne Skrupel als solcher outet. Zuerst in einem Vorabendinterview im Trump-Newskanal FoxNews und dann schließlich vor der versammelten Fernsehnation während seiner Anhörung. Ganz offen sagte er da: „This whole two-week effort has been a calculated and orchestrated political hit fueled with apparent pent-up anger about President Trump and the 2016 election, fear that has been unfairly stoked about my judicial record, revenge on behalf of the Clintons, and millions of dollars in money from outside left-wing opposition groups.“ Es sei also eine gezielte, politische Schmierenkampagne gegen ihn, gegen Präsident Donald Trump und ein Rachefeldzug der Clintons. Man hätte glauben können, Brett Kavanaugh habe vor seiner Anhörung noch mit Donald Trump gesprochen und mit ihm diese Stellungnahme Wort für Wort abgesprochen.

Was diese Worte eindeutig besagen ist, dass dieser Richter, falls er denn vom Senat abgesegnet wird, nicht mit einer offenen Haltung und Einstellung am höchsten Gericht Platz nehmen wird. Kavanaugh sieht sich als Trumpist, als Kämpfer für die Ideologie eines Präsidenten, der im Wahlkampf deutlich gemacht hat, dass er Amerika verändern will und das eben auch und vor allem durch die Nominierung von Verfassungsrichtern. Trump wird mit Leuten wie Kavanaugh ein problematisches Erbe für die USA hinterlassen. Amerika wird nach diesem Präsidenten auf Jahrzehnte hinaus mit den Folgen zu kämpfen haben. Wer das Wählen noch immer als verschwendete Zeit betrachtet, der sollte mit der Nominierung und der wahrscheinlichen Wahl von Brett Kavanaugh endlich aufwachen. Denn die Auswahl der Richter ist eine der wichtigsten Amtshandlungen eines amerikanischen Präsidenten.

Holocaust Leugner in San Francisco

Was in der Nürnberger U-Bahn Haltestelle Plärrer undenkbar ist, passiert gerade an der BART Stop Powell Street, dort wo oben die Cable Cars an der Market Street in San Francisco abfahren. Das „Institute for Historical Review“ wirbt auf einer digitalen Werbefläche mit dem Slogan „History Matters“. Und das einen ganzen Monat lang, mitten in der liberalsten Stadt der USA.

Beim Warten auf die U-Bahn gibt es etwas Werbung für Geschichtsrevisionismus.

Das „Institute for Historical Review“ ist eine Organisation von Geschichtsrevisionisten, die neben anti-semitischer Propaganda auch das Dritte Reich neu erklären und den Holocaust nicht nur anzweifeln sondern als Erfindung der Alliierten abtun. Der eigene Online Buchladen versammelt all die bekannten Holocaust Leugner, darunter David Irving, Fred Leuchter und David Cole. Jüdische Organisationen in der Stadt liefen Sturm gegen diese Werbetafel, als bekannt wurde, wer hier vier Wochen lang für den Geschichtsrevisionismus werben wollte. Doch BART, Bay Area Rapid Transit, also die regionale VGN in der San Francisco Bay Area, erklärte, man könne nichts gegen die Anzeige unternehmen, denn der Auftritt des IHR falle unter den Schutz der Meinungsfreiheit in den USA. Offizielle von BART erklärten, es sei von vornherein klar, wenn man dagegen vor Gericht ziehen würde, würde man verlieren. Also warum groß Gelder für Anwälte verschwenden, hieß es aus der Zentrale der Behörde.

Für vier Wochen haben sich die Geschichtsverfälscher den Luxus mit der digitalen Werbefläche geleistet. Alle paar Minuten taucht nun „History Matters“ und der Schriftzug des Instituts zwischen einer Festivalankündigung, einer Bankwerbung und aktuellen Showbusiness News auf. Die meisten Passanten wissen nicht, was sich hinter dieser ungewöhnlichen Reklame verbirgt. Allerdings hat das „Institut“ sein Ziel erreicht: Aufmerksamkeit. Unzählige Zeitungs-, Hörfunk- und Fernsehbeiträge wurden über die Werbetafel geschrieben und gesendet. Sogar FoxNews griff das Thema auf und katapultierte diese Story damit auf eine nationale Ebene.

Ein Kulturaustausch ist nicht länger erwünscht

Tourabsage durch Die Krupps.

Es war für eine ausländische Band noch nie leicht in den USA zu touren. Neben der genauen Planung, dem hohen finanziellen Aufwand, war da auch immer die kritische und unsichere Visafrage. Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 wurde es noch schwieriger ganz offiziell mit einem Künstlervisum einzureisen. Und nun haben wir den Diet Coke trinkenden und Big Mac essenden Donald Trump im Weißen Haus, der scheinbar nicht viel von einem kulturellen Austausch hält.

Für viele Musikerinnen und Musiker ist eine US Tour noch immer ein großer Traum. Langfristige Planungen und finanzielle Risiken werden dafür eingegangen. Doch selbst das garantiert nicht, dass man am Ende ein Visum für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erhält. Schon gar nicht in dieser Zeit. Allein in der kommenden Woche fallen gleich zwei Konzerttouren aus, weil die Visa nicht rechtzeitig ausgestellt wurden. Die legendäre Düsseldorfer Band Die Krupps, um den in Austin lebenden Jürgen Engler, mussten nun in letzter Minute ihre geplanten Konzerte in den USA absagen, darunter auch ein für Freitag angesetzter Gig im „Elbo Room“ von San Francisco. Der Grund, die US Botschaft schaffte es nicht „on time“ die Visa für die Deutschen auszustellen. Auch für die Schwedin Anna von Hausswolff wird es nichts mit ihrer geplanten Tournee durch die Vereinigten Staaten. Sie sollte in der kommenden Woche u.a. in „The Chapel“ in San Francisco spielen. Auch hier machten US Bürokraten in der Botschaft keine Anstalten, zeitnah die nötigen Einreisepapiere auszustellen.

Tourabsage durch Anna von Hausswolff.

Das sind nur zwei aktuelle Beispiele von sicherlich vielen. Diese beiden habe ich aus persönlichem Interesse mitbekommen. Ein Kulturaustausch ist anscheinend nicht mehr erwünscht zwischen den Trumpschen USA und anderen Ländern. Beide Gruppen, Die Krupps und Anna von Hausswolff, hätten sicherlich kein Interesse länger als erlaubt in den USA zu bleiben, würden hier auch nicht unerlaubt nebenbei arbeiten oder versuchen den Präsidenten zu stürzen. Warum also werden Visa verweigert? Vor allem sind diese „Last Minute“ Entscheidungen und Visavergabeverzögerungen durch die US Botschaften ein teurer Spaß für Kulturschaffende, die kurz vor dem Abflug Flüge und Hotels, Transportmittel und Equipment Anmietungen stornieren müssen. Ganz zu schweigen von den Clubs, die kurzfristig keinen Ersatz finden und Geld in Werbung investiert hatten.

Ein aktiver Kulturaustausch ist ein wichtiger Brückenschlag, der gerade in kritischen Zeiten mehr als notwendig ist. Und in solchen befinden wir uns, in denen Lügen und Halbwahrheiten zu Realitäten erkoren werden. Es trifft nicht nur Bands, Musikerinnen und Musiker, die hier touren wollen. Genauso sind davon andere Kulturschaffende und Kultureinrichtungen, wie Museen und Theater betroffen. Kultur ist grenzenlos. Doch was soll man erwarten von einem selbstverliebten, kleingeistigen und kulturlosen Präsidenten, der am liebsten mit seinen goldenen Palästen protzt, auf dem auch noch sein Name in großen Lettern zu lesen ist. Amerika durchlebt wahrlich düstere Zeiten.

Der gefeierte Präsident

Nun feiern sie ihn wieder. Endlich ist da einer, der vor die Vereinten Nationen tritt und dem Staatenbund erklärt, wo der Hammer hängt. Und zwar hier im Trump Tower. Die Christliche Rechte und Ultra-Konservative im Land lieben ihren Donald Trump. Der Präsident genießt die Bauchpinselei seiner Basis, retweeted umgehend ihre Kommentare und fühlt sich im Recht. Trump muss wahre Lustschauer erleben, wenn er die Lobeshymnen von Sean Hannity, Tucker Carlson oder Laura Ingraham auf seinem Haussender FoxNews hört.

Gegen die UN, gegen Verbündete, gegen all jene, die gegen Amerika aufmucken. Geht ja gar nicht, denn immerhin und überhaupt gilt „America First“! Donald Trump erklärt der Welt, wie die Welt zu tanzen hat, eben nach der Pfeife jener Minderheit der Amerikaner, die ihn gewählt hat und die noch immer zu ihm hält, egal, was er da vor dem versammelten Staatenbund erklärt. Trump hat in den letzten 20 Monaten den inneramerikanischen Graben vertieft, nun geht er daran, die internationale Gemeinschaft weiter zu spalten. Jene werden unterstützt, die ihn und die USA loben und preisen. Wer allerdings Kritik an Amerika und seinem selbsternannten historischen Führer äußert, der wird gebrandmarkt.

Trump wirft die Diplomatie auf den globalen Müll, wischt internationale Verträge vom Tisch, schert sich einen Dreck um die langfristigen Folgen seiner Worte, seines Verhaltens, seines Auftretens. Aber das können Leute wie Hannity, Carlson, Levin, Ingraham, Jeffress und andere nicht verstehen, denn sie wagen nicht den Blick über den Tellerrand oder genauer, den Blick von außen auf die USA. Sie glauben Trump, der da meint, Amerika werde international endlich wieder geachtet und respektiert. Alles dank seiner Politik, seiner Verhandlungsfähigkeit, seiner Kompromisslosigkeit. „America First“ bedeutet eben, dass sich die anderen hinter den USA willentlich, stillschweigend und hörig einreihen. So etwas kann man durchaus in der „Alternative Reality Show“ eines Donald Trump glauben. Die Frage kann nur lauten, wohin das noch alles führen wird?

Das Trumpsche Zeitalter

Gerade hat Präsident Donald Trump seine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen beendet. Er sprach langsam, damit auch jedes Wort von ihm klar und deutlich genug übersetzt werden konnte. Und die Message kam an. Amerika unter Donald Trump ist nicht mehr das Amerika, was es war.

Donald Trump vor den Vereinten Nationen. Foto: AFP.

Trump brüstete sich mit seinen Scheinerfolgen, mit seiner starken Armee, redet von neuen und fairen Deals, die da bedeuten, wenn die USA Produkte im Wert von 100 Dollar importieren, dann müssen die USA auch Produkte im Wert von 100 Dollar exportieren. Eine Milchmädchenrechnung, die allerdings nicht aufgehen kann. Man denke nur an afrikanische Länder, die dringend Absatzmärkte für ihre Produkte brauchen und ganz und gar nicht von US Importen geflutet werden müssen. Aber genau das will Trump. Sein „America First“ ist kurzsichtig, denkt nur an seine Basis, nicht an die internationale Verantwortung und Rolle der USA.

Donald Trump hat an diesem Dienstagvormittag in New York klar gemacht, wohin die Reise geht. Amerika ist sich seiner starken Rolle bewusst und mit ihm als Präsidenten drohen die USA ganz offen anderen Ländern. Darunter Feindstaaten wie Iran und Venezuela, aber auch langjährigen Verbündeten wie Deutschland und Saudi Arabien. Trump macht da keinen Unterschied, wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, der wird bekämpft. Das ist die Verschärfung der Bush-Doktrin, das ist der neue amerikanische Extremismus.

Es kann einem nur angst und bang werden. Trump wendet sich von den internationalen Organisationen, wie der UN und dem internationalen Gerichtshof genauso ab, wie von wichtigen internationalen Verträgen, wie dem Iran Nuklear Deal oder dem Pariser Klimavertrag. Die USA unter seiner Administration wollen weltweites Vorbild, Leitfigur, ja, Leitkultur sein und gleichzeitig werden sie somit zu einem leuchtenden Beispiel dafür, wie es eben nicht sein sollte. Warum sollte ein mordender und vergewaltigender Milizionär im Ost-Kongo noch Angst vor dem ICC haben, wenn er sieht, dass dieser Gerichtshof nur ein Papiertiger ist? Warum sollte sich ein Land wie Saudi Arabien bei Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung im Jemen zurückhalten, wenn es keinen Einhalt aus den USA gibt und diese sogar noch die Kampflugzeuge der Saudis in der Luft betanken? Warum sollte sich Nordkorea um Menschenrechte im eigenen Land kümmern, wenn ein Donald Trump den „verehrten Vorsitzenden Kim“ lobt und preist für einen Deal, der nicht existiert?

Trump hat sich eine eigene Realität erschaffen. Was man bislang nur auf der nationalen Ebene deutlich sehen konnte, wurde heute auf der internationalen Bühne durchgespielt. Die Amerikaner unter diesem Präsidenten sind zu einer Gefahr geworden, denn sein überpatriotisches „America First“ Getue wird weitreichende Folgen für das Vertrauen, für den Austausch, für das Miteinander der Staatengemeinschaft haben. Die Wahl Donald Trumps wird für die Welt dramatischere Folgen als die Terrorangriffe des 11. Septembers 2001 haben. Mit seiner heutigen Rede vor der UN machte Trump unmissverständlich klar, dass die USA ein neues Zeitalter eingeläutet haben.

Eine himmlische Stimme

Nazy Kaviani, die Gründerin und Direktorin von „Diaspora Arts Connection“ in San Francisco steht um kurz nach 19 Uhr auf der Bühne und kündigt die kurdische Sängerin Aynur Dogan an. Als sie sagt, dass sie sich so den Himmel vorstelle, in dem eine Stimme wie die von Aynur singt, jubelt das Publikum begeistert. Vor allem Exil-Kurdinnen und Kurden und einige Türkinnen und Türken kamen an diesem Sonntagabend ins „Marine Mermorial Theatre“, einer Einrichtung für aktive und ehemalige US Militärangehörige in Downtown San Francisco.

Eine himmlische Stimme – Aynur Dogan live in San Francisco.

Ich fuhr direkt nach einem 11 Stunden Flug vom Flughafen SF zum Konzert. Schon mehrmals wollte ich Aynur live erleben, in Deutschland und Istanbul, jedesmal hatte es dann nicht geklappt. Doch nun steht die 43jährige vor mir in diesem ganz besonderen Konzertsaal auf der Bühne. Neben ihr Cemîl Qoçgîrî auf der Tenbûr und Salman Gambarov am Piano, zwei Ausnahmemusiker, die den Saal mit ihrer Spielkunst erfüllen.

Aynur hat Bühnepräsenz ohne groß eine Show hinzulegen. Sie rennt nicht über die Bühne, sie arbeitet nicht groß mit dem Publikum, sie sagt wenig zwischen den Liedern. Ganz im Gegenteil, meist steht sie nur da oder lehnt an ihrem Barstuhl, blickt nach unten, gestikuliert sparsam mit der linken Hand. Das ist alles, das ist genug. Ihre Stimme, ihr Gesang, ihre Ausdruckskraft ist, was zählt. Manchmal animiert sie das kurdische Publikum zum Mitsingen, zum Mitklatschen. Die Diaspora erlebte am Golden Gate ein Stück Heimat. Bärtige junge Männer haben Tränen in den Augen, singen mit, himmeln Aynur Dogan richtiggehend an, die mit ihren Liedern zur weltweit bekannten Stimme ihres Volkes ohne Staat geworden ist.

Ich weiß nicht viel, von was und über was sie singt, ich weiss nur, dass Aynur Dogan eine faszinierende Sängerin ist, die einen in eine unglaubliche Gefühlswelt eintauchen lässt. Es ist diese Mischung aus Tradition, Heimatklängen, Jazz und Chanson, die sie brillant vermischt. Und dazu die einzigartige Spielkunst von Cemîl Qoçgîrî, der zart und voller Perfektion über sein dreisaitiges Instrument streicht, zupft, spielt. Eine perfekt-feinfühlige Ergänzung für diese einzigartige Musikerin.

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Der morgendliche Fussballwecker

Somaliländischer Fußball ist laut, vor allem um 6 Uhr morgens.

Nach einem halben Dutzend Muezzin Rufen gegen halb fünf am Morgen döste ich nochmal weg. Nur kurz, denn ab sechs Uhr versammelte sich unterhalb meines Fensters auf einem leeren Grundstück eine Gruppe von Jugendlichen. Lautstark schrien sie durcheinander. Ich hatte keine Ahnung was da nun abging, hörte mir das eine Weile an, stand schließlich auf und schaute raus. Das gute Dutzend Jungen versuchte mit Geschrei Fußballmannschaften zu formen. Um sechs Uhr morgens!

Und dann spielten sie da draussen lautstark auf dem Sandplatz. Meine Nacht war damit vorbei und ich schaute mir das ein paar Minuten in aller Ruhe an. Ein Hin und ein Her, dabei wurde kreuz und quer geschrien. Eine ordentliche Abwehr gab es nicht, jeder versuchte sich mit fragwürdigen Dribbelkunststückchen auf dem Sandplatz durchzutanken. Es ging eigentlich nur um den Torschuss. Ansonsten ein wildes Gebolze. Und das am sehr frühen Morgen, ausgerechnet vor meinem Fenster. Ohne Kaffee!

Am Vorbend traf ich Guuleed, einen 34jährigen Somaliländer, der im Alter von vier Jahren nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Somaliland nach Deutschland kam, dort aufwuchs und über England vor einem Jahr zurückkehrte. Ich lernte Guuleed vor ein paar Tagen am Flughafen kennen, dort betreibt er mit seinem Partner einen kleinen Verkaufsstand mit Produkten aus Somaliland. Er spricht mit einem rheinischen Dialekt, Guuleed wuchs in Leverkusen auf. Er erzählte mir von seinen Plänen, von seinen Ideen hier. Und wir vereinbarten, dass wir uns nach meiner Rückkehr aus Puntland nochmal treffen würden.

Es gibt Hoffnung für die karge Landschaft am Horn von Afrika.

Gestern wartete ich also im Maansoor Hotel auf ihn. Mit einiger Verspätung kam er. Er fiel gleich auf. Hochgewachsen und in Basketballshorts, dazu eine T-Shirt „Straight Outta Hargeisa“ stand darauf. Guuleed ist voller Energie, redet im 180 Tempo, lacht viel, holt aus, spricht von seinem Land Somaliland. Er hat große Pläne, die nicht einfach so dahin geredet sind. Kurz telefonierte er, lud noch seinen Businesspartner und einen Bekannten von einer deutschen NGO ein, damit die mir ihre Geschäftsidee besser erklären könnten.

Und sie kamen und was ich hörte war mehr als beeindruckend. Ein einfaches Konzept könnte weitreichende Auswirkungen auf Somaliland und die Region am Horn von Afrika haben. Es geht um einen Baum, der hier von einem „Devil’s Tree“ zu einem „Angel’s Tree“ umgewandelt werden soll. Zumindest in den Augen der Viehzüchter und Bauern. Das ist möglich und machbar. Mit Beschneiden und Verwerten wird aus einer Gefahr für Natur und Tiere eine Nutzpflanze. Eine Businessidee würde somit Hoffnung und viele Arbeitsplätze schaffen. Ich war so begeistert, dass ich wohl schon bald wieder zurück nach Hargeisa reisen werde, um mir die Ergebnisse der ersten Testphase genauer anzusehen. Es gibt Hoffnung, eine Aufbruchstimmung, ein Blick nach vorne in Somaliland. Das ist für mich eine ganz neue Erkenntnis am Ende einer weiteren teils sehr anstrengenden und nahegehenden Reise.

Von Airportpiraten und Pantherschildkröten

Piraten, so haben mir zwei Minister in Garowe, der Hauptstadt Puntlands, versichert, gibt es in den Gewässern vor Puntland nicht mehr. Die Rechtlosigkeit auf hoher See habe ein Ende genommen. Auf dem Meer vielleicht, aber das Piratentum lebt in Puntland weiter. Man muss nur über den neuen Flughafen Garowe fliegen, der ganze Stolz der Regierung im autonomen Teilstaat Somalias. Es fängt mit den 60 $ bei der Einreise für ein Visum an, dafür kriegt man seinen Pass gestempelt und hingeworfen.

Schlimmer ist es da schon, wenn man ausreist. Nach der ersten Sicherheitskontrolle stand gleich einer da und verlangte eine 20 Dollar Gebühr für die Sicherheitskontrolle. Also, ich zahle quasi dafür, dass ich gefilzt und ziemlich ruppig von der Seite angequatscht werde. Kaum war ich zehn Schritte weiter, hatte den Koffer eingecheckt (umsonst), die Passkontrolle erledigt (auch umsonst) stand so ein kaum 20jährger mit Sonnenbrille und hochgestelltem Hemdkragen da und faselte was von Gebühr. Wie jetzt, ich habe doch gerade schon eine Sicherheitsgebühr gezahlt!? Nein, nein, meinte er, das sei jetzt eine Reinigungsgebühr. Ich wollte meinen 50jährigen Ohren nicht trauen und fragte nach: Reinigungsgebühr? Ja, so David-Hasselhoff-Light, der Flughafen müsse ja sauber gehalten werden und dafür müssten die Passagiere zahlen. Ich blickte mich um, der Boden sah so aus, als ob er schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war, aber gut, so viele Menschen fliegen wohl nicht über den Airport Garowe, da häufen sich Staub und Schlieren schon an. Also zahlte ich die drei Dollar und erhielt dafür sogar eine Quittung. Mal sehen, ob ich die auf meiner nächsten Steuererklärung für berufliche Ausgaben geltend machen kann.

Zwei Meter weiter, ich will gerade in die Abflughalle abbiegen, ruft mir einer hinterher, ich solle zurückkommen. Was will der nun? Etwas von oben herab meinte er, ich müsse noch die Exit-Gebühr in Höhe von 60 Dollar zahlen. Exit-Gebühr, was bitte schön soll das sein? Vor allem, ich bin schon mehrmals aus Puntland ausgereist und habe diese „Fee“ noch nie berappen müssen. Tja, meinte er, ihm egal, ich müsse zahlen. An dem Punkt hatte ich den Hals dick und wurde lauter. Das könne nicht sein, hier komme eine Gebühr nach der anderen, was das denn solle? Und überhaupt, wenn ich mich so umblicke, verlangen sie diese sehr fragwürdigen Gebühren nur von den „Muzungus“, den Weißen. Geht’s noch!!! Auf einmal stand ein anderer Mitarbeiter da und fragte, ob ich die Quittung von der Einreise bei mir hätte. Natürlich habe ich die noch, sagte ich und kramte in meinem Rucksack. Dann sei ja alles gut. Gute Reise. Was mein Einreisevisum nun mit einer „Exit-Gebühr“ zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Aber dicker Hals zahlt sich manchmal wohl doch aus. Über Galkayo und Bossasso ging es dann mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen zurück nach Hargeisa, einmal kreuz und quer über Puntland. Die Landschaft trocken, sandig, heiss. Die Küste ein einziger Traum, grünes, klares Wasser, lange, endlose Sandstrände ohne irgendeine Menschenseele.

Am Flughafen in der Hauptstadt Somalilands wieder ein Problem. Die äußerst unfreundliche Frau an der Passkontrolle wollte mich nicht durchlassen und meinte, ich solle da drüben warten. Andere Passagiere wurden abgestempelt, nach dem letzten erhob sich die Immigrationsbeamtin und ging. Und ich stand da. Und da. Und da. Nach ein paar Minuten fragte ich einen Flughafenmitarbeiter, was nun los sei, wie lange ich hier und vor allem auf was ich hier warten sollte. Er ging zum Büro der Einwanderungsfachangestellten und kam mit der Mitteilung zurück, ich hätte nur eine Kopie des Einreisevisums, ich bräuchte allerdings ein Original. Guter Mann, wie soll ich denn ein Original haben, wenn ich eine pdf Datei als Email Anhang zugeschickt bekomme. Ja, sagte er, sie brauche das Original, ich solle jemanden anrufen. Wen denn und vor allem wie, denn weder AT&T noch Aldi-Talk funktionieren meines Wissens in Somaliland. Ich fragte, ob er nach draußen gehen könne, denn ich werde abgeholt und vielleicht hat der Fahrer das Original bei sich.

Pantherschildkröten leben mitten in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Und so war es auch, keine fünf Minuten später trat die Immigrationssonderbeauftragte für schwere Fälle aus ihrem Büro, trat nach wie vor gelangweilt und mich keines Blickes würdigend in das Abfertigungskabüffchen, griff sich das – wohlgemerkt – Original Visum und meinen Pass, blätterte durch die Seiten und stempelte schließlich alles ab. Danach durfte ich erneut 60 Dollar zahlen. Der Tag war nicht gerade preiswert.

Am Abend dann in Hargeisa lief ausgerechnet zu dem Zeitpunkt eine ziemlich große Schildkröte an dem Gästehaus vorbei, in dem ich untergebracht bin, als ich auf dem Dach stand und den Straßenklang des Abends und den Ruf der Muezzine zum Gebet aufnahm. Der Rekorder lief auch ohne mich, also hastete ich die Treppe runter, nicht dass mir die Schildkröte entläuft. Ein Riesentier, etwa 50 cm lang, zog sie den Kopf sofort ein, als ich auf zwei Meter heran kam. Die hier in Somaliland lebende Pantherschildkröte fauchte mich gleich an, alles klar, nur ein paar Fotos, so etwas sieht man ja nicht alle Tage, vor allem nicht in Nürnberg oder in Oakland.