F… Corona, es ist Wahlkampf!

Noch immer haben die USA ein massives Problem mit dem Corona Virus. Weit über 1,5 Millionen Menschen wurden in den Vereinigten Staaten bislang positiv getestet, rund 90.000 Amerikanerinnen und Amerikaner starben aufgrund ihrer Infektion. Es ist eine absolute Katastrophe, doch der Präsident macht Wahlkampf, quasi auf dem Rücken der allgemeinen Gesundheit.

Seine Söhne, Eric und Donald Jr., verbreiten über ihre Twitter Accounts Verschwörungstheorien. Da wird Joe Biden als Pädophiler gebrandmarkt, als dement hingestellt, als Teil einer korrupten Regierung unter Barack Obama. Und Corona wird mal einfach so als demokratische Erfindung abgetan, denn der von Demokraten unterwanderte und kontrollierte „Deep State“ wolle nur die Massenveranstaltungen von Donald Trum verhindern. Nach der Wahl, so die Söhne des Präsidenten, werde das Virus ganz plötzlich und unerwartet verschwinden. Corona sei also eine Wahlkampfstrategie der Demokraten, um Donald Trump zu schaden.

Präsident Trump selber läuft derzeit zur Hochform auf. Er teilt wie ein Besessener über Twitter Verschwörungstheorien, falsche Behauptungen, Anschuldigungen und Lügen. Und zwischendurch einfach mal ein „Obamagate“. Trump will ablenken, Unruhe stiften, wieder die Mär vom „Deep State“ verkaufen. Zumindest sollen die Wählerinnen und Wähler am Ende sagen, „na ja, vielleicht ist ja doch was dran“. So will Trump die Mehrheiten in den heiß umkämpften Swing States gewinnen.

Die Frage ist, wie von Seiten der Demokraten darauf reagiert werden kann und soll. Michelle Obama meinte auf dem Parteitag 2016 in ihrer vielbeachteten Rede für die Kandidatin Hillary Clinton: „If they go low, we go high“. In diesem Moment wünschten sich viele in den USA, dass sie die Kandidatin der Partei sei, um erfolgreich Donald Trump in die Knie zu zwingen. Das Ergebnis ist bekannt, aber Michelle Obamas Worte hallen noch immer nach. Doch können sie gegen einen Kandidaten wie Donald Trump noch gelten, der nachweislich in seiner Amtszeit fast 20.000 Lügen und Unwahrheiten verbreitet hat. Der den fiesen, hinterhältigen und unwahren Wahlkampf liebt. Für ihn zählt nur der Sieg, wie er das schafft, ist ihm gleich. Nachtreten, die Schwächen des anderen brutal ausnutzen, Verwirrung stiften, keine Fehler zugeben, ablenken, Schuld auf andere schieben, Tiefschläge sind willkommen. Trump spielt dieses Spiel königlich. Biden ist dem sicherlich so nicht gewachsen, die Frage ist, ob die Wählerinnen und Wähler das dummdreiste und hohle „Gschmarri“ von Trump glauben oder es durchschauen.

„If they go low, we go high“, ein edler Ansatz, gerade in der Politik. Die Obamas halten sich daran, nach wie vor. Von ihnen hört man nicht täglich, was Trump da macht, eigentlich bewerten sie gar nicht, wie Trump alles, was mit Obama zu tun hat, vergessen machen will. Während #45 an diesem Wochenende Dutzende von Tweets seiner rechtsaußen Basis „retweetet“, haben die Obamas all den High School Absolventen gratuliert und gedankt, die in diesem Jahr stillschweigend ihren Abschluß erhielten. Keine Abschlußfeier, kein Tanz, keine großer Zeremonie. „Prom Night“ ist ein großes Ding in den USA. Daran erinnerte Barack Obama. Das ist präsidial. Oder schauen wir einfach mal auf die beiden Fotos, die Trump und Obama oben auf ihren „Twitter Accounts“ stehen haben. Sie alleine sagen alles über diese beiden Männer und Präsidenten aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Jahr ist das am 3. November.

 

Alles in allem

Eine neue Platte der Einstürzenden Neubauten. Lange hat es gedauert, bis dieses neue Studioalbum erschien. 2007 wurde „Alles wieder offen“ veröffentlicht, 2014 folgte die Auftragsarbeit „Lament“. Dazwischen ein paar Tourneen. Und nun eben „Alles in allem“. Der erste Eindruck, alles in allem etwas ruhiger. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

Die Einstürzenden Neubauten sind eine Band, die einem viel eröffnet. Schon immer. Früher war es diese brutale Mischung aus Punk und Industrial, da wurde gesägt, gehackt, geschlagen, gedröhnt. Dazu schrille Schreie von Blixa Bargeld und Texte, die man erst mal setzen lassen mußte. Vieles ist geblieben, aber die Rohheit, dieser direkte Schlag auf die 12, der ist weg. Alles wirkt beim ersten Höreindruck eingänglicher, aber so einfach ist es dann doch nicht, denn wir reden hier von einer Band, der nie die kreativen Ideen ausgehen. Es ist ein unglaubliches Zusammenspiel von Musikern, die alle für sich Klangkünstler sind. Die Neubauten sind einfach keine Band, die nur leicht bekömmliches Liedgut darbietet. Man muß auch weiterhin hinhören, genau zuhören, ihrem teils verwinkelten und verwobenen Soundpfaden folgen. Da passiert so viel, scheinbar ganz nebenbei. Es ist eine Klangreise mit wunderschönen Bildern.

Die Mitglieder der Einstürzenden Neubauten sind älter geworden, sie sind in die Jahre gekommen, aber sie spielen immer noch in ihrer eigenen Liga. Kopieren kann man diese tüftelnden Handwerker nicht. Sie sind Meister in dem was sie machen, kommen hier zusammen, um grandiose Dinge zu kreieren. „Alles in allem“ wirkt beim ersten Durchhören ruhiger, um dann doch in Songs wie „Zivilisatorisches Missgeschick“ in einem Krachbad aufzugehen. Das lädt ein bewußt zu hören, die vielen Zwischentöne, Unterschichten, Seitenklänge zu erkunden. Die Neubauten wie eh und je. Dieses Zusammenspiel der Ideen ist nach wie vor für mich erstaunlich. Da passiert so viel. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, einen halben Meter links, einen halben Meter rechts stehen Lautsprecher in Kopfhöhe. Die Musik durchfährt mich, setzt sich, erfüllt mich. Diese Feinheiten sind besonders. Unglaublich. Musik, die Grenzen versetzt.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltweit bekannt und geschätzt. Auf „Alles in allem“ präsentieren sie sich als Berliner Band. Gleich mehrere Songs drehen sich um die Hauptstadt und bieten so einen ganz anderen Soundtrack der Metropole. Die Texte von Bargeld wirken manchmal wie Beobachtungen an der Straßenecke. Die Platte wächst und wächst beim Hören und ich freue mich schon jetzt, wenn ich die Einstürzenden Neubauten endlich wieder live erleben kann. Die Tour ist nur verschoben. Mit dieser Platte machen sie deutlich, dass sie auch nach 40 Jahren nicht müde geworden sind, sich nicht wiederholen, noch immer Maßstäbe setzen können. „Alles in allem“ wird sicherlich zu meinen Lieblingsplatten 2020 gehören.

Amerika wird weiblich

Joe Biden hat angekündigt, eine Frau als Vize-Präsidentschaftskandidatin auszuwählen. Damit macht Biden deutlich, dass die Zukunft Amerikas in weibliche Hände gegeben werden soll. Man kann nur sagen: Endlich!

Derzeit wird viel gemunkelt und vermutet, wer denn für Biden in Frage kommen würde. Ganz oben auf der Liste stehen wohl die kalifornische Senatorin Kamala Harris und Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota. Beide kandidierten auch für die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten, doch zogen sich schließlich aus dem Rennen zurück. Was für diese zwei Politikerinnen spricht, ist ihre Erfahrung im US Kongress. Sie kennen die Abläufe, haben direkte Kontakte, wissen, wie das politische Spiel gespielt wird.

Harris, die Biden im Wahlkampf mehrmals hart anging, gilt derzeit sogar als Favorit. Die Afro-Amerikaniern lässt immer wieder aufhorchen. So geht sie bei Senatsanhörungen hart gegen Donald Trump und seine Kandidaten vor. Das kommt an bei der Basis. Hinzu setzt sie sich verstärkt für „black communities“ in diesen Corona Zeiten ein, die hart getroffen wurden. Team Biden/Harris könnte die Partei weitgehend mobilisieren, denn am Ende geht es darum, möglichst alle Wählergruppen der Demokraten zu erreichen. Auch wäre das ein deutliches Signal für einen Generationenwechsel der Partei.

Kamala Harris, Amy Klobuchar, Elizabeth Warren (v.l.n.r.), drei mögliche Vize-Präsidentschaftskandidatinnen. Foto: Reuters.

Amy Klobuchar ist ebenfalls im Rennen, allerdings drangen immer News über Schwierigkeiten mit ihren Mitarbeitern durch. Klobuchar scheint nicht gerade eine Teamplayerin zu sein, wenn es um ihr eigenes Büro geht. Das läßt aufhorchen. Sie hat sicherlich den Vorteil, dass sie zeigen kann, auch im Mittleren Westen Wahlen gewinnen zu können, denn wer im November Präsident wird, hängt von den Wahlergebnissen in einigen „Midwest States“ wie Wisconin und Michigan ab.

Team Biden blickt auch genau auf Stacey Abrams, die nur knapp die Wahlen für das Gouverneursamt in Georgia verloren hat. Abrams ist Afro-Amerikanerin und organisiert derzeit hinter den Kulissen neue Wählergruppen und das Registrieren von Wählerinnen und Wählern. Abrams war in Georgia nah dran an einem Wahlsieg und konnte so zeigen, dass Demokraten dort durchaus eine Chance haben.

Auch Elizabeth Warren zählt zum engeren Kreis der möglichen „Veeps“. Mit ihr  könnte ein deutliches Zeichen zur Einheit der Partei gesetzt werden, denn Warren zählt zum linken Flügel der Demokraten. Sie ist eine erfahrene Wahlkämpferin und hat als Senatorin sehr gute Kontakte im Kongress. Was gegen sie spricht ist ihr Alter. Mit dann 71 Jahren wäre sie an der Seite des im November 78jährigen Joe Biden sicherlich keine Kandidatin für einen Neuanfang, einen Generationenwechsel bei den Demokraten.

Eine Frau kommt, das steht fest. Damit wird ganz deutlich gemacht, dass die amerikanische Politik endlich auch die Wende schafft. Joe Biden hat damit eine wichtige, kluge und auch weitsichtige Entscheidung getroffen.

Darauf ein Glas Wein

Gestern war ich in Sonoma County, um meine „Futures“ bei meinem Lieblingsweingut abzuholen. Wein, den ich im letzten Jahr im Fass probiert und dann bestellt hatte. Nun abgefüllt, gelagert, „ready to drink“. Die „Tasting Rooms“ sind ja derzeit geschlossen, die Krise trifft die Region hart. Nach den gewaltigen Bränden im letzten Jahr, die damit verbundenen Schließungen ist nun erneut ein Nullpunkt erreicht.

In einem Lagerhaus in Windsor holte ich meine Kisten ab, mit Mundschutz und auf Distanz wurde alles in den VW Bus eingeladen. Wir standen dann noch zusammen und unterhielten uns. Es sieht nicht gut aus, für die kalifornische Weinindustrie. Einige „Tasting Rooms“ werden nicht mehr öffnen, hieß es, viele der Angestellten mußten entlassen werden, Weingüter sind bereits in finanzielle Schieflage geraten. Das Ende sieht nicht gut aus.

Das „Dry Creek Valley“ per Fahrrad erleben.

Der „County“, der Bezirk, hat nun angekündigt, nach Wochen der Schließung wieder langsam zu öffnen. Wie das aussehen soll, ist allen noch unklar. „Wine Tasting“ mit Maske, mit Distanz, mit Latexhandschuhen und Desinfektionsmitteln? „Well, I don’t have an answer?“, wurde mir gesagt. Abwarten, sehen, was passiert, hoffen, dass es nicht zu einer zweiten Infektionswelle und erneuten Totalschließungen kommen wird.

Vom Lagerhaus fuhr ich nach Downtown Healdsburg, der Kleinstadt im Zentrum des Weinanbaugebietes in Sonoma County. Am zentralen Platz, an dem riesige Redwoods aufragen, war alles leer. Nur wenige Geschäfte hatten geöffnet. Ich parkte meinen Wagen, holte mein Fahrrad raus und fuhr los Richtung „Dry Creek Valley“, von dort kommen „meine“ Weine, dort gibt es den besten Zinfandel. Eine 30 Kilometer Rundfahrt, entlang der Reben, vorbei an geschlossenen Weingütern, der Himmel war bewölkt. Wenig Verkehr, ein paar Arbeiter zwischen den Rebstöcken. Das Valley ist ganz besonders, eine schöne, ruhige Atmosphäre und ideal für den Weinanbau, denn es wird tagsüber oft heiß, doch nachts zieht eine Nebeldecke vom Pazifik kommend kühlend über die Landschaft.

An einigen Stellen kann man noch Schilder finden, auf denen den Einsatzkräften nach den Feuern gedankt wurde. Damals konnte durch den schnellen und kontrollierten Einsatz der Feuerwehren schlimmeres für das Valley verhindert werden. Doch wochenlang hing eine dicke Rauchglocke über der Region, der 101 war geschlossen, weite Teile des Counties evakuiert und natürlich war die Weinindustrie davon besonders betroffen. Gestern lag das Tal ganz friedlich vor mir. Ich radelte voran und dachte mir „strange times“. Später dann, ein Glas Wein auf die kalifornischen Winzer. Zumindest kann man sie so etwas in all dem Irrsinn unterstützen. Cheers!

This is the land of confusion

Amerika ist das Land der Verschwörungstheorien. Hier kann jeder denken was er will und davon überzeugt sein, es wird sich immer jemand anderes finden, der genauso denkt. Vor etlichen Jahren war ich mal auf einem UFO Kongress, habe dort eine Frau kennengelernt, die mir erzählte, sie sei schon mehrmals auf dem Mars gewesen. Wie sie denn dorthin gekommen sei, wollte ich wissen, und sie antwortete, nachts habe sie das „Mothership“ abgeholt. Sie erinnere sich noch, dass ein Lichtstrahl sie aus dem Bett gehoben habe. Es sei nicht bedrohlich gewesen, ganz im Gegenteil, alles sei ihr friedlich und sanft vorgekommen.

Über den Extraterrestrial Highway zur Area 51.

Ein „Doktor“ berichtete davon, dass er fremdartige, nicht irdische Metalle aus den Körpern von Menschen operiere. Er sei sich sicher, dass diese Einpflanzungen unter die Haut von Außerirdischen durchgeführt wurden, um die Menschheit zu beobachten, zu kontrollieren, mehr über sie herauszufinden. Ob er mir solche Metalle mal zeigen könne, fragte ich ihn. Leider nein, er nehme diese nie mit, habe sie an einem sicheren Ort verwahrt. Zum Schutz vor Diebstahl.

Andere Redner und Interviewpartner sprachen von den „Black Helicopters“, den Kornkreisen, den Außerirdischen, die schon lange unter uns und mit uns leben. Auf meine Fragen erhielt ich Antworten, dieser UFO-Kongress war ein Treffen all jener, die an mehr glaubten, als das, was als „normal“ gilt. Sie suchten sich und sie fanden sich. Kurz darauf fuhr ich zum ersten Mal zur Area 51, interviewte dort Ufologen, sprach auch mit einer Frau, die mich ganz intensiv anblickte und mich dann allen Ernstes fragte, ob ich ein Außeridischer sei. Ich schaue so intensiv, meinte sie.

Heute ist das alles anders. Man muß nicht mehr auf Kongresse fahren, um Gleichgesinnte zu treffen, man ist nur ein paar Klicks von „Communities“ entfernt, die genauso denken wie man selbst und Geschichten als Tatsachen verbreiten, die eigentlich absurd sind. „Qanon“ und „Deep State“, Zwangsimpfungen durch Bill Gates, Entwaffnung aller Amerikaner und so weiter und so fort. Da ist ein deutscher „Doktor“ in den USA, der von sich behauptet Krebs heilen zu können und dann Videos online stellt, die da heißen: „Eilmeldung – Das rettet euer Leben vor Bill Gates Impfung“. Und das wird tausendfach gesehen.

Das Problem ist aber nicht, dass es solche abstrusen und abgedrehten Theorien überhaupt gibt, die gab es schon immer, die wurden auch teils gerne gelesen. Man denke nur an die wöchentliche „Weekly World News“ mit Artikeln über „Big Foot“, „Bat Boy“, Außerirdische und auch, dass Adolf Hitler noch am Leben sei, wenn er nicht schon gestorben wäre. Schlimm ist vielmehr, dass diese Verschwörungstheorien in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und sich dort massiv verbreiten. In diesen Corona Tagen bekomme ich regelmäßig von Bekannten Videos zugeschickt, mit der Aufforderung mir das mal anzusehen. Eins schlimmer als das andere, nicht zu glauben, totaler Blödsinn. Wenn ich das dann sage, kommen verschiedene Reaktionen. Einmal wurde mir gesagt, ich solle nicht so klug tun, ich wüßte es ja auch nicht besser. Ein anderesmal meinte jemand, ja, das sei schon extrem, aber irgendwas sei schon dran, die Wahrheit liege wohl in der Mitte. Welche Mitte bitte, wenn da von einer Weltregierung, einer totalen Kontrolle, einer Zwangsimpfung und dem Ende der Demokratie gesprochen wird.

Einer, das muß auch erwähnt werden, der auf Verschwörungstheorien ganz besonders abfährt, ist der amerikanische Präsident Donald Trump. Er teilt nur zu gern solche Videos, Artikel und Kommentare, heizt damit diese Themen nur noch weiter an, denn immerhin hat Trump fast 80 Millionen „Followers“ auf Twitter. Irgendwo und irgendwie wird das dann auch schon hängen bleiben, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Tweets teilt, in denen führende Demokraten in die Nähe von Pädophilenkreisen gebracht werden. Da wünsche ich mir meine Frau vom Mars zurück, die einfach interessant und unterhaltsam erzählte, wie sie da schon mehrmals in der Nacht abgeholt wurde. Ganz friedlich und sanft. „The truth ist out there“.

Journalistischer Corona Alltag

Ich weiß, ich kann mich in diesen Tagen und Wochen glücklich schätzen. „Home Office“ ist für mich seit fast 25 Jahren ganz alltäglich und normal. Für mich wäre es wohl eine große Umstellung, wenn ich nun jeden Morgen in ein Büro fahren müsste. Von Daheim zu arbeiten hat für mich den Vorteil, dass ich mir die Zeit selbst einteilen kann. Auch mal frühmorgens, abends oder am Wochenende arbeite, dafür dann sonnige Tage für lange Spaziergänge nutzen kann.

Auch sind die Restriktionen nicht so groß in Oakland, ich kann also noch jeden Tag mit meinem Hund die Wege und Pfade im East Bay Regional Park unsicher machen. Viel hat sich also für mich in diesen Corona Zeiten nicht geändert, zumindest vom täglichen Ablauf her.

Thematisch sieht das ganz anders aus. Einige Features wurden verschoben oder angefragt, ob ich die auf die aktuelle Situation umschreiben könnte. Das geht nicht so einfach, denn oftmals hängen damit ja auch Reisen zusammen. Sowieso muß derzeit alles irgendwie einen Corona-Dreher bekommen. Ein anderer Beitrag, über die Zusammenarbeit eines Tierheims in Marin County und dem Staatsgefängnis von San Quentin, ist derzeit überhaupt nicht zu realisieren, denn Töne vor Ort kann ich nicht aufnehmen. Das Gefängnis steht unter Lock-Down, keine Besucher sind erwünscht.

Milizen in den USA sind im Wahljahr 2020 ein aktuelles Thema. Foto: AFP.

Sowieso ist das derzeit mehr als schwierig. Rausgehen, Interviews vor Ort führen, Feldaufnahmen machen, sich einen eigenen Eindruck schaffen. Ich hatte Glück, dass ich vor der Krise und den Ausgangsbeschränkungen noch einiges hier auf dem Schreibtisch hatte, was ich abarbeiten konnte. Nun kam vor kurzem eine größere Anfrage vom Bundesamt für politische Bildung für ein Podcast zum Thema Milizen in den USA. Eigentlich war eine Veranstaltung über Freiräume rechter Gruppen geplant, doch die mußte abgesagt werden. Stattdessen wird nun alles in Podcasts aufgearbeitet. Da ich schon mal ein längeres Feature über die Milizen in den USA produziert habe, wurde ich angefragt. Ein paar aktuelle Interviews kann ich über What’s App Audio oder Skype führen, viele der Töne für solch eine Sendung habe ich bereits vorliegen.

Hinzu arbeite ich noch an Musikbeiträgen, gehe Stories nach, die ich eventuell aktualisieren könnte und überlege, wie ich trotz Corona an Töne, Aufnahmen, Interviews vor Ort komme, denn nur per Telefon, Skype und andere Audiodienste…das ist nicht so ganz das Wahre. Zumindest nicht für mich. Und ich spreche noch nicht einmal von meinen Reisen in Gegenden, von denen ich hier in diesem Blog immer wieder berichtet habe. Es sind seltsame Zeiten und die Aussicht auf das, was da kommt oder kommen mag, sind ungewiss. Auch, wie sich das alles noch auf meine Arbeit, auf den Journalismus allgemein auswirken wird.

Trump und die Maske

Donald Trump ist kein Fan des Mund- und Nasenschutzes. Braucht er nicht, sagt er, er werde ja regelmäßig getestet. Sowieso verschwinde das Virus irgendwann und schon bald, auch ohne Impfschutz, der noch nicht entwickelt ist. Selbst bei einem Besuch in einer Firma in Arizona, in der die Schutzmasken hergestellt werden, trug Trump keine der Masken. Auf die Frage von Reportern, warum nicht, antwortete er, er habe eine „Backstage“ getragen. Journalisten meinten darauf, sie hätten ihn damit aber nicht gesehen. Trump darauf, es sei ja nicht seine Schuld, dass sie ihn nicht gesehen hätten.

Trumps Wahlkampfmanager Brad Parscale mit dem nun erhältlichen Trump Mund-Nasen-Schutz.

Im offiziellen Trump Fanshop für seine Wiederwahl gibt es nun auch Trump Masken zu kaufen. Sein Wahlkampfmanager, Brad Parscale, präsentierte sie dem Präsidenten bei seinem jüngsten Besuch im Weißen Haus. Trump stimmte zu, dass diese im Wahlkampfshop verkauft werden sollten. Die Ironie dabei, er selbst wird keine tragen. Das hat sicherlich mehrere Gründe. Zum einen ist Trump eitel, achtet sehr darauf, dass er nie zu leger daherkommt, dass die Haarpracht immer richtig liegt. Da würde eine Gesichtsmaske so gar nicht passen. Zum anderen ist der Präsident davon überzeugt, dass er sich das Virus gar nicht einfangen kann. Trump betont immer wieder, dass er gesund und bei besten Kräften sei und nichts ihm etwas anhaben könne.

Doch der Hauptgrund für seine Weigerung einen Mund-/Nasenschutz zu tragen ist ganz einfach. Er würde damit eine ganz falsche Message an seine Basis senden, in der Verschwörungstheorien und „alles halb so schlimm“ Überzeugungen weit verbreitet sind. Ein Präsident und vor allem ein „Kriegspräsident“, wie sich Trump gerne selbst nennt, darf so nicht in aller Öffentlichkeit gesehen werden. Dafür nimmt er durchaus einiges in Kauf, wie z.B. ein Treffen mit Veteranen des Zweiten Weltkrieges, die alle weit über 90 Jahre alt sind und damit einer Risikogruppe angehören. Trumps Begründung, warum er auch da keine Maske trug, er habe Abstand gehalten und der Wind habe heftig geweht, von daher gab es keine Gefahr einer Ansteckung.

Klar ist also, dass Donald Trump nicht in einen Wahlkampf zieht und Bilder von sich mit Gesichtsmaske sehen will. Das wäre für ihn ein Eingeständnis der Schwäche und eines Versagens, denn er, das kann er nicht oft genug unterstreichen, habe alles unter Kontrolle. Selbst die jüngsten Nachrichten, dass es im Weißen Haus und im näheren Umfeld des Präsidenten Infektionsfälle gibt, konnten ihn bislang nicht umstimmen. Trump sieht sich als Fels in der Brandung, der unschlagbar ist, dem nichts etwas anhaben kann. Und genau dieses Bild wollen seine Anhänger von ihm sehen.

Leben in einem gespaltenen Land

Die Arbeitslosenzahl in den USA ist so hoch wie seit der großen Depression nicht mehr. Hunderttausende im Land sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen, die Schlangen vor den „Food Banks“ und Suppenküchen werden von Tag zu Tag lang und länger. In Amerika im Jahr 2020 hungern wieder Menschen.

Donald Trump ist mit sich selbst sehr zufrieden. Foto: Reuters.

Das ist die Realität in den Vereinigten Staaten von Amerika. Doch wenn man Präsident Donald Trump zuhört, dann bekommt man ein ganz anderes Bild. Er und seine Administration hätten einen „fantastic job“ gemacht. Alles sei unter Kontrolle und die Wirtschaft fange bereits wieder an zu boomen. Im dritten und dann im vierten Quartal sei alles wieder in Ordnung. Nächstes Jahr dann, würden die Wirtschaftszahlen von 2019 noch weit überholt werden. „Ich habe es einmal gemacht und werde es wieder machen“. Trump trompetet, dass er für den Wirtschaftsboom und nur er alleine dafür verantwortlich ist. Auch wenn Ökonomen immer wieder darauf hinweisen, dass Vorgänger Barack Obama die USA nach der Wirtschaftskrise 2008 in sichere Bahnen geleitet hatte. Trump erbte einen gut geschmierten und in Fahrt kommenden Wirtschaftsmotor. Aber das würde Trump nie zugeben, er will Obama aus den Geschichtsbüchern entfernen. Jegliche politischen Erfolge von #44 ausradieren und ihn für alles verantwortlich machen, was schief läuft. So erklärte Trump sogar, dass er von Obama keine Tests für Covid-19 bekommen habe.

Ob das gelingt sei dahingestellt. Trump jedenfalls zeichnet ein ganz anderes Bild der USA, als es der Großteil Amerikas wahrnimmt. Er betont, alles nicht so schlimm, alles unter Kontrolle, alles wird wieder wie und noch besser als zuvor. Das muß er auch sagen, denn die Wirtschaftszahlen waren das, auf was er immer wieder hinwies. Das sollte sein Ticket zur Wiederwahl werden. Und nun ist alles anders. Sicherlich, Donald Trump kann nicht für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich gemacht werden. Aber seine Reaktion, seine Verharmlosung, seine Schönrederei, die wird ihn verfolgen. Seine Basis glaubt ihm, steht zu ihm, aber das sind nur etwa 30 Prozent der Wähler. Trump muß, um die Wahl im November gewinnen zu können, erneut „Independent“ und noch untentschlossene Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen. Kein leichtes Unterfangen, denn als Krisenmanager hat sich Trump keineswegs bewährt, als Märchenonkel hingegen durchaus.

Dunkle Wolken am Horn von Afrika

Somalia ist ein Land, das seit nunmehr drei Jahrzehnten keine Ruhe findet. Der Großteil der Bevölkerung ist mit Krieg, Chaos, Konflikten, Hunger, Vertreibung und Elend aufgewachsen. Die Region ist hart vom Klimawandel betroffen und derzeit ziehen gewaltige Heuschreckenschwärme über die Länder am Horn von Afrika. Die Ernte ist in Gefahr.

Covid-19 trifft am Horn von Afrika auf eine unvorbereitete Bevölkerung.

Doch das ist noch nicht alles. Wie die Hilfsorganisation CARE berichtet, sind die Infektionszahlen von Covid-19 alarmierend. Am 5. Mai wurden 756 Fälle gemeldet, darunter 35 Tote. Es gibt nicht genügend Tests in Somalia, das zeigt diese Zahl ganz deutlich. Doch was aufhorchen läßt ist, dass 60 Prozent der Getesteten positiv sind. Das bedeutet, auf das Land und die gesamte Region rollt eine Krankheitswelle zu, die kaum noch zu kontrollieren ist. Im Vergleich, in den USA wurden rund sechs Millionen Menschen auf Covid-19 getestet, davon waren 17 Prozent positiv. Und das in einem Land, das das „beste Gesundheitssystem der Welt“ hat, so Präsident Donald Trump.

In Somalia sind weniger als 20 Prozent der Kliniken und Gesundheitszentren mit dem nötigen Equipment und Schutzmaterial für Ärzte und Pflegekräfte ausgestattet. Sauberes Wasser, Seife, Hygieneartikel sind in vielen Teilen des Landes nicht oder nur mangelhaft vorhanden. Somalia hat mit rund 2,6 Millionen inländisch vertriebenden Menschen (IDPs) ein riesiges Problem, denn viele von ihnen sind in Flüchtlingslagern oder bei Verwandten untergekommen.

Hilfsorganisationen, wie CARE, versuchen nun Materialien ins Land zu bringen, doch das ist angesichts der fehlenden Flüge und der internationalen Einschränkungen nicht ganz so einfach. Während man in Europa, in Asien und Nordamerika wieder vorsichtig zu einer Normalität zurückkehren will und kann, beginnt die Krise erst so richtig in Ländern wie Somalia. Es ist erneut eine fast vergessene Krise, weit weg, aus dem aktuellen Blickwinkel. Dazu kommt, dass viele in den USA und Europa in diesen Zeiten eine Bauchnabelschau veranstalten, was jenseits der Grenzen passiert interessiert nicht. Schon gar nicht, wenn die Grenzen weit weg sind. Man sollte daher jetzt auf die lauten Rufe von Hilfsorganisationen hören, denn sie sind noch immer im Einsatz „on the ground“. CARE ist gut vernetzt in der Region, einige der Projekte, gerade im Hygienebereich (WASH), konnte ich in der Vergangenheit besuchen.

Weitere Infos zur Arbeit von CARE in Somaliland, Somalia und anderen Ländern in Covid-19 Zeiten kann man hier finden.

Im Namen der Pressefreiheit

Heute ist „World Press Freedom Day“. Es spricht für sich, dass es diesen Tag überhaupt geben muß. Doch die Pressefreiheit ist unter Beschuß. Klar, man denkt da sofort an die eingeforderte Hofberichterstattung von Donald Trump. Er tut kritischen Journalismus als „Fake News“ ab und untergräbt damit die Arbeit von Journalisten weltweit.

Doch über Trump und sein gestörtes Verhältnis zu den Medien sollte es an diesem Tag nicht gehen. Vielmehr möchte ich an die Journalistinnen und Journalisten erinnern, die ich auf vielen meiner Reisen getroffen habe. In Afghanistan und Ruanda, im Niger und im Tschad. Ich denke an A. in Ciudad Juarez, als die mexikanische Grenzstadt zu El Paso 3400 Morde pro Jahr hatte, Drogenkartelle und ihre verbündeten Gangs sich offen Straßenkriege lieferten. Die Stadt glich gerade nachts eine Geisterstadt, ein öffentliches Leben gab es nicht mehr. Doch A. blieb, um über das zu berichten, was dort passierte. Auch als er Morddrohungen erhielt.

Besuch bei NIYYA FM in Maradi, Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Oder Adam Al Sanosi in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, der über die Revolution 2018/19 berichtete. Sich von Drohungen nicht einschüchtern ließ und einfach weitermachte. Da ist Maya Gadir, Moderatorin bei Capital Radio in Khartum. Der Sender blieb während den stürmischen Umbruchzeiten on-air und sendete weiter. Um nicht abgeschaltet zu werden, sprach man nichts deutlich an, doch positionierte sich zum Teil durch die Musikauswahl. Gadir spielte Lieder von der tunesischen Revolution oder auch „Talkin‘ about a Revolution“ von Tracey Chapman.

In Somaliland und Puntland traf ich auf junge, begeisterte Radiomacher, die ihre kleinen Freiheiten in einer sich langsam öffnenden Gesellschaft nutzten. Über Themen sprachen, die bislang kaum angesprochen wurden, darunter auch der Kampf gegen die weitverbreitete Genitalverstümmelung. Und ich denke an diesem Tag an den Studentensender in Goma, im Ost-Kongo. Studierende, die in ihren Sendungen darüber berichten, was wirklich vor Ort passiert, aber auch, wie reichhaltig die Kultur des Kongos ist. Die deutsche Journalistin Judith Raupp, die seit langem in Goma lebt und dieses Projekt begleitet, brachte mich mit den Radiomachern zusammen. Und ich konnte vor einigen Jahren die Verbindung zu multicult.fm in Berlin herstellen. Dort wird noch immer einmal im Monat „Ngoma“ ausgestrahlt, die Sendung aus Goma. Eine wichtige und ungefilterte Stimme.

Und auch hier in den USA gibt es so viele wunderbare Community Stationen, fernab des Mainstream, die den verschiedensten ethnischen Gruppen, Fremdsprachensendungen und Kulturschaffenden aller Art eine Möglichkeit bieten zu senden, sich auszudrücken, sich zu präsentieren. Das ist alles gelebte Pressefreiheit, die geschützt und behütet werden soll.

Vieles stört mich an Donald Trump, politisch sind wir sicherlich nicht auf einer Wellenlänge. Doch das ist nun mal so. Was ich ihm jedoch besonders vorwerfe ist, dass er die Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft untergräbt, ja, unterminiert. Und dazu gehört eine freie Presse. Wenn schon in den USA Medienvertreter als „Volksfeinde“ bezeichnet werden, wenn kritische Berichterstattung als „Fake News“ abgetan wird, dann kann man sich vorstellen, wie in Ländern wie Somalia, Tschad, Kongo, Ruanda und Sudan, Niger, Mexiko und Afghanistan, Uganda und Burundi gegen Journalisten vorgegangen wird. Dort schauen Regierungen auf Amerika und finden ein Argument dafür, gegen all jene vorzugehen, die nachfragen, Kritik äußern, über Mißstände und Fehlverhalten von Mächtigen berichten. Deshalb gibt es diesen „World Press Freedom Day“. Und er ist heute notwendiger als je zuvor.