Immun, wenn genehm

Am 6. April 1994 wurde im Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali eine Maschine abgeschossen. An Bord waren der ruandische Präsident Juvenal Habyarimana und der burundische Präsident Cyprien Ntaryamira. Beide Hutus. Dieses Attentat eskalierte die Situation in Ruanda, die radikalen Hutu Kräfte im Land nahmen den Abschuss zum Anlass, mit Macheten, Speeren und Knüppeln gegen die Tutsi Minderheit vorzugehen. Ruanda glich in den folgenden 100 Tagen einem Schlachthaus, in dem am Ende rund eine Million Menschen ermordet wurden. Die Weltgemeinschaft schaute weg, allen voran der amerikanische Präsident Bill Clinton.

Die Eskalation in Ruanda führte auch dazu, dass der Führer der RPF Armee, Paul Kagame, massiv vom Norden her kommend auf Kigali marschierte. Die Hutus schlachteten sich durchs Land, gefolgt von der „Befreiungsarmee“ der RPF, die auch nicht gerade zimperlich vorging.

Der Abschuss der Präsidentenmaschine wurde nie aufgeklärt. Die radikalen Hutus im Land sahen eine Verschwörung der belgischen Armee mit der RPF. Als Antwort ermordeten sie zehn belgische UN Soldaten, was zum Abzug der Belgier und zu einer weiteren Eskalation führte. Von Seiten Kagames wurden die Hutus in der Regierung beschuldigt, die mit ihrem Schlachtruf „Hutu Power“ das Attentat als Auslöser für ihr Bluthandwerk nutzten. Doch die genauen Hintergründe wurden nie geklärt.

Die Witwen der beiden Präsidenten hatten im April 2010 eine Klage gegen Paul Kagame an einem Gericht im US Bundesstaat Oklahoma eingereicht, als dieser für eine Veranstaltung dort war. Sie beschuldigten den heutigen ruandischen Präsidenten, das dieser den Abschuss des Flugzeugs angeordnet hätte. Sie beriefen sich dabei auch auf einen Beschluß des Verfassungsgerichts von 1997, in dem damals der Prozess Clinton gegen Jones weitergeführt werden konnte, obwohl Bill Clinton als Präsident noch im Amt war und Immunität genoß. Doch Richter Lee West hat nun die Argumentation des Weißen Hauses und des State Departments gelten lassen, die massiv auf die Immunität Paul Kagames als ruandischer Präsident verwiesen. Das Gericht habe keine Zuständigkeit, so Washington. Mit der Klage wurden auch die Hoffnungen vom Tisch gewischt, endlich heraus zu finden, wer hinter dem Attentat vom 6. April 1994 steckte….und vielleicht auch, wer schon lange mehr wußte, als er zu gibt.

Umuganda in Ruanda

In Afrika blickt man auf Amerika und Europa. Junge Leute laufen in Hip Hop Kluft durch die Gegend, die westliche Kultur, vor allem die Pop-Kultur, ist hier überall anzutreffen. Doch kann man auch von Afrika lernen? Von einem Kontinent, der in den westlichen Medien nur als ein Sammelsurium von Ländern mit Kriegen, Katastrophen und Krankheiten dargestellt wird?

Einmal im Monat ist in Ruanda „Umuganda“, was als „Beitrag“ übersetzt werden kann. Am vierten Samstag im Monat von 8-12 Uhr müssen alle Bürger einen öffentlichen und für die Allgemeinheit wichtigen Beitrag leisten. Vom Strasse fegen bis zu Baumaßnahmen. Wer nicht daran teilnimmt und nicht nachweisen kann, dass er beruflich anderweitig eingespannt ist, zahlt eine Strafe. „Umuganda“ wurde von der Regierung nach dem Genozid von 1994 eingeführt, um die Gesellschaft wieder zusammen zu führen. Nachbarn sollten gemeinsam helfen, das Land und die Gesellschaft erneut aufzubauen.

Heute ist wieder „Umuganda“, in Kigali steht alles still. Die Läden sind bis Mittag geschlossen, es fahren kaum Autos, alles ist ungewöhnlich ruhig für eine Hauptstadt. Vier Stunden lang wird im öffentlichen Interesse gearbeitet. Die Grundidee hinter „Umuganda“ ist gar nicht mal so schlecht. Wäre das vielleicht etwas, was man auch in Deutschland einführen könnte? Einmal im Monat an einem Samstagmorgen trifft sich die Hausgemeinschaft oder die Nachbarn, um Dinge in ihrem eigenen kleinen Umfeld anzugehen? Parks und Grünflächen und Spielplätze zu säubern, Graffiti von den Wänden zu schrubben, kleinere Ausbesserungsarbeiten zu erledigen, hilfsbedürftigen Nachbarn zu helfen… Die Liste der Möglichkeiten ist lang. Wäre das nicht etwas, um eine soziale Gemeinschaft zu fördern und zu stärken? Geschimpft, genölt, beschwert wird gerne in Deutschland, „Umuganda“ wäre eine Idee, das ganze dann in etwas Produktives umzusetzen.

Ich bin mir durchaus bewußt, dass dieser „Beitragsgedanke“ in der deutschen Gesellschaft nie umgesetzt werden wird. Leider. Und dennoch finde ich dieses Gedankenspiel interessant. Ich habe es für mich in Nürnberg umgesetzt, am Wöhrder See, im Burggraben, auf dem Spielplatz in St. Leonhard, gegenüber von St. Bonifaz. Man hilft, man unterstützt, man nimmt Anteil am öffentlichen Leben. Daran ist nichts falsch. Eine regelmäßige und fest angesetzte Nachbarschaftshilfe sehe ich als etwas positives. Und man würde endlich mal all jene kennenlernen, die man tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit, im Supermarkt oder beim Spaziergang sieht. Gewinner wären wir dabei alle.

Der Glaube bringt Frieden

Vor fast zwei Jahren traf ich zum ersten mal Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda. Nach einer mehrstündigen und holprigen Autofahrt von Kigali kommend saß ich ihr in einem Wohnzimmerbereich des „Maision Euthymia“ gegenüber. Die Clemensschwester berichtete von ihrem Leben und ihrer Arbeit in Ruanda. Anfang der 70er Jahre war sie ins Land gekommen, um hier eine Gesundheitsstation aufzubauen.

Und das gelang ihr und ihrer Mitschwester auch. Der Ruf des Zentrums war weit über die eigentlichen Grenzen des Einzugsbereichs bekannt. Schwester Milgitha half und war dort angekommen, wo sie immer sein wollte, bei den Armen Afrikas.

Doch dann kam das Frühjahr 1994, in dem in einhundert Tagen rund eine Million Menschen abgeschlachtet wurden. Tausende wurden brutalst auf dem Kirchengelände von Kaduha, unter den hilflosen Blicken der Clemensschwestern mit Macheten, Knüppeln, Speeren, Gewehrkolben, Granaten ermordet. Auch in diesen Tagen schaffte es Schwester Milgitha Hunderten von Menschen zu helfen, viele zu retten. Erst vor ein paar Wochen traf sie Dutzende der Kinder von damals, die sie vor dem sicheren Tod bewahrte und sie nach Burundi bringen konnte.

Die fast 75jährige lebt heute in einem kleinen Häuschen in Kigali. Sie ist keine Clemensschwester mehr, der Orden hat sie entlassen. Die Kirche, an die sie glaubte, für die sie ihr Leben gegeben hätte, für die sie unermüdlich im Einsatz war, diese Kirche hat sie fallenlassen. Man wirft ihr Ungehorsam vor, eine Sünde im katholischen Orden. Egal, wie sehr man sich auch für die Menschen in Not eingesetzt hat. Egal, was man selbst in den schlimmsten Zeiten im Einsatz für die Kirche erlebt, durchgemacht, mitgemacht und gesehen hat.

Nun sitze ich dieser 75jährigen Frau im Hotel “Des Mille Collines”, dem “Hotel Rwanda” gegenüber. Sie erzählt, berichtet, und ja, sie ist enttäuscht von ihrer Kirche. Doch noch immer schöpft sie Kraft und Energie, Trost und Hoffnung aus ihrem Glauben an Gott. Man habe ihr nach den Wochen und Monaten des Genozids vorgeschlagen, psychologische Betreuung anzunehmen. Doch sie lehnte ab. Sie setze sich stattdessen lieber in eine Kapelle. Spreche dabei noch nicht einmal mit Gott. Sie schließe die Augen, hört einfach nur, was er ihr mitteilen will. Sie findet so den Frieden, den Frieden vor den Bildern, die sie nie mehr vergessen wird.

Hier noch einmal der Radiobeitrag über Schwester Milgitha, über die 100 Tage, an denen Gott nicht zum Ruhen nach Ruanda kam:

Schwester Milgitha in Kaduha     

Umuganda in Ruanda

Umuganda in Ruanda könnte auch eine Textzeile aus dem United Balls Song Pogo in Togo, Coca Cola in Angola, Samba in Uganda sein…Ist es aber nicht. Aber heute ist Umuganda in Ruanda. Immer am letzten Samstag im Monat von 7 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags ist Gemeinschaftstag im Land der tausend Hügel. Geschäfte, Märkte, Restaurants sind geschlossen, auf den Straßen fahren kaum Autos, und wenn, dann werden sie gestoppt, falls sie keine Sondererlaubnis oder Diplomatenkennzeichen haben.

An diesem Samstagmorgen arbeiten alle über 18 Jahre „ehrenamtlich“ im Dienst der Allgemeinheit. Der Blockwart paßt darauf auf, dass auch jeder völlig freiweillig dabei ist. Es wird gefegt und geputzt, gebaut und gezimmert, Müll eingesammelt und öffentliche Grünflächen gesäubert. Alles, um das Land zusammen zu bringen. Umuganda bedeutet in etwa “Beitrag”, und jeder kann und soll seinen Beitrag für die Allgemeinheit geben.

Vor dem Hintergrund des Genozids 1994, als in rund 100 Tagen nahezu eine Million Menschen abgeschlachtet wurden, wird mit diesem symbolischen Tag versucht, die Menschen zusammen zu bringen, “Nation Building” zu ermöglichen. Offiziell gibt es keine Hutus und Tutsis mehr, doch die dunkle Geschichte Ruandas überschattet alles im Land. Die Älteren wissen noch genau, wer welcher Gruppe angehört. Die jüngeren hingegen sehen sich als Ruander. Das zumindest wird einem in Gesprächen erklärt. Man hofft einfach, dass das auch so ist, falls es erneut zu Spannungen in der Region der großen Seen kommen sollte.

Umuganda ist da vielleicht mehr als nur ein symbolischer Schritt auf einem langen Weg, eine gespaltene Nation und ein traumatisiertes Volk zu einen.

Die Ruander sind von diesem Konzept überzeugt. Die als Blauhelme eingesetzten Mitglieder der ruandischen Armee RDF in Darfur und in Haiti haben auch dort Umuganda am letzten Samstag im Monat eingeführt.

Von München nach Kigali

Ruanda, so will es Präsident Paul Kagame, befindet sich auf dem Weg nach 2020. Weg ist wohl die falsche Bezeichnung, es ist eher eine Autobahn, auf der das Land dahinbraust. Zwar ist Ruanda nach wie vor ein Entwicklungsland im Herzen Afrikas, doch es gibt hehre Ziele schon in zehn Jahren ein Service und IT Hub auf dem Kontinent zu sein.

Gebaut wird überall. Hotels, Bürogebäude, Produktionsstätten. Kabel werden durchs ganze Land gezogen, ein neuer Flughafen ist in Planung. An Manpower und auch an Investitionen fehlt es nicht. Ruanda wird von Geberländern als Beispiel für ein afrikanisches Land gesehen, in dem die Dinge voran kommen. Alles wird von oben geleitet. Korruption ist gering, der Wille voran zu kommen enorm.

baustelleAuf einem der vielen Hügel Kigalis wird z.Zt. auf Hochtouren ein Konferenzzentrum mit angeschlossenem Fünfsterne Hotel gebaut. Dahinter steckt der Münchner Architekt Roland Dieterle und sein „Spacial Solutions“ Büro. Es ist ein Prestigeobjekt der besonderen Art. An- und eingepasst in die Geschichte, Kultur und Landschaft. Und es soll ein weiterer Schritt hin zum anvisierten Ziel des Umbaus und der Neuorientierung Ruandas sein. Die treibende Kraft ist auch dabei Präsident Paul Kagame, der mit harter Hand, aber auch mit seiner Vision 2020 regiert. Man kann gespannt sein, ob Kagame das alles realisieren kann und wohin der Weg Ruandas gehen wird.

Die Frage nach dem Sinn

Ich war heute nochmals im „Genocide Memorial Center“ in Kigali. Nach einem längeren Interview mit dem Leiter der Einrichtung ging ich nochmals durch die Dauerausstellung. Die Geschichte Ruandas, die Entwicklungen vor dem April 1994, die 100 Tage, in denen die Welt wegschaute, die Folgen des Genozids und die vielen, vielen Bilder der Opfer. Genocide Memorial Museum, KigaliWände voller Bilder….und dann sind da die Zimmer mit den übergroßen Kinderbildern. Ihr Name, wo sie lebten, was sie mochten, was mit ihnen geschah….getötet durch eine Machete, Granate in der Dusche, erschlagen, in den Armen der Mutter abgeschlachtet…vom Nachbarn, vom Freund der Familie, von radikalisierten und verblendeten Jugendlichen. Man läuft an diesen Bildern vorbei…sprachlos…man fühlt den Kloss im Hals… die Luft bleibt weg. Man tritt hinaus, geht durch eine Seitentür nach draussen. Der Lärm holt einen ein, Kigali liegt da, wie jede andere Stadt, und man fragt sich, was war hier nur los vor 16 Jahren, wie konnte das alles nur geschehen?

Ruanda nimmt einem den Atem

murambiDie hügelige Landschaft so wunderschön, das Grün so intensiv. Wie ein Bildnis liegt alles vor einem. Die Stille nimmt den Besucher ein. Am Ende der staubigen Strasse dann ist dieses Gelände, Murambi. Man erreicht es, wenn man kurz vor Butare, dem heutigen Huye rechts abbiegt. 20 Kilometer weiter hat man das Ende erreicht. Es sollte eine Bildungseinrichtung mit Klassenzimmern sein. Übrig geblieben sind noch ein Hauptgebäude und mehrere halb verfallene Backsteinbauten. Der Wind pfeift durch die offenen Fensterhöhlen.

Ein Mitarbeiter erwartet die wenigen Besucher. Gestern waren zwei Besucher hier, am Tag zuvor niemand, davor einer. Murambi, erklärt er, war im April 1994 eine Zufluchtsstätte für tausende von Tutsi, insgesamt mehr als 40.000 Menschen flohen auf das Gelände. Männer, Frauen, Kinder. murambi3Hutu Milizen riegelten das Gelände ab und hungerten die Flüchtlinge zwei Wochen lang aus, bevor sie zuschlugen, auf die wehrlosen und geschwächten Menschen mit Macheten, Knüppeln, Hämmern und Speeren einschlugen. In mehreren Massengräbern wurden die Opfer verscharrt, eines davon sofort geschlossen, es versiegelte hunderte von Toten. Der Verwesungsprozess wurde damit gestoppt, die Toten später gefunden und ausgegraben.

In einigen der als Klassenzimmer geplanten Backsteingebäude liegen heute diese eingekalkten Toten. Männer, Frauen und Kinder. Mit abgetrennten Gliedmaßen, eingeschlagenen Schädeln, verstümmelt. Murambi ist heute eine Gedenkstätte für den Horror jener 100 Tage im Frühjahr 1994. Man geht als Besucher von einem Raum zum anderen. Die Leichen liegen auf Holzpritschen, teils aufeinander. Es wirkt surreal, wie ein Kunstwerk. Es könnte eine Skultpur von Käthe Kollwitz sein. Doch es ist der Tod, der hier haust. Der Geruch ist betäubend, der Atem stockt einem, man wird richtiggehend erdrückt von dem, was man hier sieht, riecht, empfindet. So geht man von Zimmer zu Zimmer…vorbei an hunderten von Ermordeten.

murambi2jpgGedenken ist allgegenwärtig in Ruanda, man kann ihm nicht entkommen. Doch wer gedenkt der Toten, wer erinnert sich, wer will die Lehren aus der Vergangenheit ziehen? Ruander sieht man hier nur selten, auch nicht an den anderen „Genocide Memorials“ in Ruanda, die es alle paar Kilometer gibt. Eine Schule, eine Kirche, ein offenes Feld. Einzig die zentrale Gedenkstätte in Kigali zieht Einheimische wie Touristen gleichermaßen an.

Die Hoffnung liegt auf den jungen Ruandern, jenen, die lernen sich zu erinnern. Die ohne blanken Hass sind, die unvoreingenommen dem Nachbarn in die Augen blicken können. Ruanda hat noch einen langen und schwierigen Weg vor sich.

Granatenangriff im Freudentaumel

Nur Stunden nach der offiziellen Bekanntmachung der Wahlergebnisse explodierte in Kigali eine Granate. Um kurz nach 19 Uhr im Berufsverkehr wurde der Sprengsatz gezündet. Eine Granate wurde mitten in wartende Berufspendler an der Hauptbushaltestelle in Downtown Kigali gerollt. Sieben Menschen, darunter zwei Kinder, wurden zum Teil schwer verletzt.

Wer hinter dem Anschlag steht ist unklar und auch das Motiv selbst ist fraglich. Bereits im März und Mai gab es ähnliche Granatenanschläge in Kigali. Die Attentate sind keine gezielten Angriffe gegen die Regierung oder Regierungseinrichtungen, vielmehr richten sie sich wahllos gegen die Bevölkerung. Das einzige Ziel, was man vermuten kann ist, dass Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung geschürt werden soll. Allerdings führen solche Explosionen nur dazu, dass die Menschen in Ruanda ein härteres Durchgreifen von Präsident Paul Kagame fordern und unterstützen.

Am Morgen nach dem Anschlag ist alles wieder ruhig in Downtown Kigali. Der Verkehr fließt, die Menschen hasten zur Arbeit. Nur ein paar mit Soldaten beladene Militärlaster deuten auf die erhöhte Sicherheitsstufe in der ruandischen Hauptstadt hin.

Ruanda nach der Wahl

Alles ist wieder ruhig in Ruanda. Die Siegesparty der FPR und Präsident Paul Kagames dauerte bis in die frühen Morgenstunden des Dienstag. Viele der rund 60.000 Jubelnden gingen direkt vom Amahoro National Stadium in Kigali zur Arbeit. Die staatlich Bediensteten bekamen einfach frei, Paul Kagame verkündete das in der Wahlnacht. Dass das ein deutliches Indiz für die Verstrickung von Staat und Regierungspartei sein könnte, interessierte niemanden. Ruanda war im ausgerufenen Freudentaumel.

Paul KagameAm Dienstag berichteten die nationalen und internationalen Medien von einem „Erdrutschsieg“ Kagames. Was daran ein Erdrutschsieg sein soll verstehe ich allerdings nicht. Vor sieben Jahren bekam Paul Kagame 95,5 Prozent der Wählerstimmen. Diesmal sieht es nach offiziell rund 93 Prozent aus. Die anderen drei Kandidaten endeten unter ferner liefen. Wer behauptet, dieses Ergebnis sei überraschend, der verkennt die Situation in Ruanda. Zwar wird hier überall und jederzeit davon gesprochen, dass die Wahlen im Land fair, offen und demokratisch gewesen seien. Doch viele Zu- und Mißstände deuten darauf hin, dass diese Wahl eben mehr ein Schaulaufen war, um die internationalen Unterstützer des Kagame-Weges zu beruhigen: Schaut her, Ruanda hat sich vom Massenmordstaat zur afrikanischen Vorzeigedemokratie gemausert.

Egal, was die zahlreichen internationalen Korrespondenten auch berichten werden, die sich in den letzten Wochen und Monaten intensiv mit Ruanda und der bevorstehenden Wahl beschäftigten. Gleich, was die internationalen Wahlbeobachter bemängeln, kritisieren oder auch nur dokumentieren werden, ändern wird das nichts. Die Europäer und die Amerikaner brauchen ein stabiles und florierendes Ruanda. Und das verspricht Präsident Paul Kagame. Er hat das Land auf einen sicheren Kurs gebracht. Die Wirtschaft boomt, der Aufschwung ist überall sichtbar. Ruanda heute ist zu einem Powerhouse in der Region der Großen Seen, Präsident Paul Kagame zu einem einflußreichen Politiker in Afrika geworden. Da kann man, da wird man schon mal über so mache Ungereimtheiten im Wahlkampf und bei der Wahl selbst hinwegblicken.

kagame94Paul Kagame war noch nie ein buckelnder Bittsteller. Er ist ein souveräner, überzeugter und auch stolzer Ruander. Schon 1994 als Führer der RPF Armee war er auf sich gestellt, um Ruanda zu befreien und dem blutigen Gemetzel der Hutu-Milizen ein Ende zu setzen. Und genauso regiert er. Kagame macht der internationalen Gemeinde deutlich, dass man Ruanda nicht mehr als Dritte Welt Land sehen soll, vielmehr als ein Land, in dem Visionen umgesetzt werden, ein Land, dass wirtschaftlich und politisch nach vorne sprintet. Mit dieser Wahl hat Kagame erneut unterstrichen, dass Ruanda einem eigenen, seinen Weg folgt. Wem das nicht passt, der kann sich zum Teufel scheren.

Wahlparty in Ruanda

„5 Uhr! Die spinnen die Ruandesen“….Lautstark begann der Wahltag in Ruanda. An den aufgebauten Wahlzelten direkt gegenüber drehten die Organisatoren die Lautsprecher auf. Afrikanische Klänge bis zum Anschlag. Aber keine Buschtrommeln, hier nervte nur kratziges Popgeschrammel meinen Schlaf. 5 Uhr!!!

Kigali ist an diesem Montag eine ruhige Metropole. Fast alle Geschäfte sind geschlossen, der Verkehr fast nicht existent. In Festtagskleidung ziehen die Menschen zu den Wahllokalen. Hier gegenüber sind es Zelte. Polizei und bewaffnetes Militär ist präsent, aber alles ist ruhig. Sowieso hat die Zurschaustellung von Sicherheitskräften nachgelassen.

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Der Wahlkampf war offiziell am Samstagabend vorbei. Die riesigen Plakate von Präsident Paul Kagame sind schon aus dem Straßenbild verschwunden, so als ob der Gewinner schon feststeht. Beobachter gehen davon aus, dass Kagame weit vor seinen drei Herausforderern liegt. Ob er wieder wie vor sieben Jahren die 95,5 Prozent der Wählerstimmen erreicht ist fraglich. Aber alles unterhalb von 80 – 85 Prozent wäre eine Überraschung. Von Nervenkitzel kann bei dieser Wahl also nicht gesprochen werden.

Die großen Tageszeitungen des Landes waren sowieso auf die FPR und ihren Kandidaten Kagame eingestimmt (worden). Seitenlang berichteten sie tagtäglich über den Präsidenten, seine Geschichte, seine politischen Leistungen, seine Ideen und Visionen. Untermalt wurde dies immer mit „Stimmen des Volkes“…FPR Unterstützer, die Paul Kagame als „Helden“, als „wahren afrikanischen Führer“, als „Gott gesandten“ beschrieben.

Der heutige Wahltag ist für Ruanda und die Region richtungsweisend. Paul Kagame wird erneut für sieben Jahre gewählt. Das gibt ihm das Mandat seinen Plan „2020“ voran zu bringen. Unterstützt wird Ruanda mit internationalen Geldern. China, die USA und die europäischen Staaten investieren massiv in das Land. Kagame wird das Ruanda weiter vorantreiben und zu einem „Powerhouse“ in Ost- und Zentralafrika ausbauen. Wahltag in Ruanda

Die Musik ballert noch bis zum Nachmittag aus den Lautsprechern. An über 15.000 Wahlstellen im Land geben die rund fünf Millionen wahlberechtigten Ruander heute ihre Stimme ab. Von Zwischenfällen ist bislang nichts zu vermelden. Es herrscht eher Volksfeststimmung auf den Straßen. Der Wahlkampf ist vorbei, der jedoch erinnerte eher an ein Schaulaufen des Kandidaten Paul Kagame. Von einer ausgeglichenen und fairen Wahl kann dabei wohl nicht gesprochen werden. Und doch, 16 Jahre nach dem Genozid mit 800.000 Toten ist das Land sehr weit gekommen…unter der Führung von Paul Kagame.