Amerika steht Kopf

„Wir sind erst einmal Amerikaner, bevor wir Republikaner oder Demokraten sind“, das sagte Präsident Barack Obama unmittelbar nach dem gestrigen Anschlag in Boston. Damit wollte er deutlich machen, dass Amerika geeint ist, dass man an die Opfer und deren Familien denkt, dass nun gemeinsam alles getan werden wird, um die Täter zu fassen. Tja, die Einheitsfront „Made in USA“ dauerte noch nicht mal einen Tag. Schon ging es los mit den Anfeindungen.

Demokraten beschuldigten Republikaner, aufgrund deren Blockadehaltung im Haushaltsstreit, seien wichtige Gelder für die Polizei und Ermittlungsbehörden gekappt worden. Natürlich habe das nicht direkt zum Terrorakt geführt, aber es hätte im Vorfeld des Marathons durchaus Einsparmaßnahmen gegegeben. Die Republikaner hingegegen sehen den schwarzen Peter eher in der Hand von Obama, der mit seinem Starrsinn die nationale Sicherheit Amerikas gefährde.

Und die konservativen Talk-Sendungen hatten ein volles Programm am heutigen Tag danach. Talk Show König Rush Limbaugh zeigte sogar Verständnis für den Fall, wenn der Täter wirklich Amerikaner gewesen sei. Wörtlich sagte er: „Ich glaube man sollte nicht verwerfen, dass wir in diesem Land in einem wirtschaftlichen Desaster sind. Es gibt Leute, die einfach nicht mehr weiter wissen. Sie finden keine Arbeit, keinen Job, keinerlei Hoffnung. Das führt zu allerlei Ärger und Chaos.“ Also, nach der Logik von Rush Limbaugh ist es also nur eine Frage der Zeit, bis ein Teil der Amerikaner los schlägt. Bewaffnet sind sie ja, dafür palavert Limbaugh ja schon lange genug.

Andere konservative Moderatoren, wie Bill O’Reilly oder Sean Hannity, machten „nur“ die „liberalen“ Medien dafür verantwortlich, dass nun eine politische Diskussion losgetreten wurde. Die „Libs“ wollten einfach einen Nutzen aus dem Attentat ziehen.

Der Anschlag in Boston hätte für Barack Obama zu keinem schlimmeren Zeitpunkt kommen können. Das fünfte Jahr der Präsidentschaft, das erste Jahr nach der Wiederwahl, sind die 12 Monate, in denen der Präsident wirklich was entscheiden kann. Quasi sich in die Annalen der Geschichte einschreiben. Obama hatte viel vor. Die Waffengesetze verschärfen, eine Reform des Einwanderungsgesetzes durchpauken, die gleichgeschlechtlichen Ehen im Bundesgesetz zu verankern. Daneben noch den Haushalt in ein günstiges Fahrwasser bringen und den Krieg in Afghanistan auslaufen lassen. Damit hätte Obama viel erreicht. Doch nur einen Tag nach dem Attentat ist klar, es wird schwer, verdammt schwer für all diese Ziele. Nun konzentriert sich alles wieder auf die nationale Sicherheit, auf den Terrorismus, auf die Frage, wer patriotischer als sein Nachbar ist.

Teile der GOP haben bereits erklärt, erst einmal die „Immigration Reform“ neu überdenken zu müssen. Denn falls es zutreffe, dass ein ausländischer, sprich saudiarabischer Student für den Anschlag verantwortlich zu machen sei, müßte alles neu formuliert werden. An Waffengesetze und an Schwulenehe ist zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht zu denken. Obama läuft die Zeit davon, denn 2014 wird er nur noch ein Präsident auf Abruf sein. Die Kongresswahlen stehen dann im November an und die ersten Kandidaten auf beiden Seiten werden sich ins Rampenlicht rücken. Da ist kein Platz mehr für die politischen Ideen eines Barack Obama.

Boston und was kommt danach

Der Anschlag von Boston zeigt, dass der sogenannte „War On Terror“, der Krieg gegen den Terrorismus, nicht gewonnen werden kann. Gegen Terror aus dem Ausland oder dem Terror von innen. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, wer hinter der blutigen Tat steckt, nur eins ist klar, der Boston Marathon war ein symbolträchtiges Ziel. Es handelte sich nicht um eine Militäreinrichtung, die auf irgendeine Art und Weise in den Kriegen im Irak und Afghanistan verwickelt ist. Es wurde auch kein Politiker, kein Liberaler, kein Hardliner getroffen. Keine Abtreibungsklinik war das Ziel und auch kein Richter, der in der Vergangenheit  gleichgeschlechtlichen Partnern das Recht auf Ehe zugesprochen hat. Die Bomben gingen in keinem Schwulenclub und auch auf keinem Schießplatz hoch. Keine Ölfirma und kein Tierversuchslabor wurden getroffen.

Nein, es wurde eine Sportveranstaltung gewählt, an der Zehntausende teilnahmen. Profiläufer und Freizeitsportler. Alte und Junge, Familien und Kinder. Und das an einem Feiertag, an dem klar war, Familien würden am Rand des Geschehens sein, ihren Freunden, Vätern, Müttern, all den Läufern zujubeln. Egal wer hinter diesem Terroranschlag steckt, egal, ob die Bombenleger gefasst und abgeurteilt werden, die Täter haben ihr Ziel erreicht. Amerika wurde im Herzen getroffen. Denn eins ist klar nach diesem 15. April 2013, nirgends in den USA ist man mehr vor einem Bombenanschlag sicher. Da werden auch die nun gesteigerten Sicherheitsmaßnahmen im ganzen Land nichts helfen. Denn auf die Dauer, und da sollte sich niemand etwas vormachen, sind sie unbezahlbar. Die Terroristen haben gezeigt, Amerika ist verwundbar.