Obama ist nicht der einzige Verlierer

Die Belohnung nach der Stimmabgabe - ein Aufkleberchen.

Die Belohnung nach der Stimmabgabe – ein Aufkleberchen.

Eine Zahl, die man schön langsam und genußvoll aussprechen sollten. 3,67 Milliarden Dollar. So viel kosteten die Wahlen am Dienstag. Ein absoluter Irrsinn. Das war die teuerste Zwischenwahl überhaupt. Nicht zu vergleichen mit einer Präsidentschaftswahl, aber immerhin eine Menge Geld. Die Amerikaner geben gerne und viel für ihre Wahlkämpfe aus. Wahlkämpfe, bei denen es mehr um Schlagworte, schöne Kandidatenbilder, platte Sätze und Forderungen geht. Ich weiß, nun wird mir der eine oder die andere sagen, „Arndt, das ist doch in deutschen Wahlkämpfen auch nicht mehr anders“. Da ist sicherlich etwas dran, aber die Amerikaner legen da ohne weiteres immer noch eins, zwei, drei drauf. Eine republikanische Senatskandidatin, die damit wirbt, Schweine kastrieren zu können und die „die da“ in Washington auch zum Schreien bringen will….das hat schon eine besondere Qualität.

Die Demokraten haben bekannterweise die Wahlen haushoch verloren. Sowohl das Abgeordnetenhaus, wie auch der Senat sind nun fest in republikanischer Hand. Für die Republikaner war der Wahlausgang eine klare Abstrafung von Barack Obama und seiner Politik. Da ist sicherlich was dran, allerdings ist diese Analyse zu einfach und zu kurzsichtig. Vielmehr sollte in den USA eine Tatsache nicht unbeachtet bleiben, eine, die die Demokratie in ihren Grundfesten treffen kann und wird.

In den USA sind über 206,072,000 Millionen Menschen wahlberechtigt. Allerdings sind nur 146,311,000 Millionen als Wähler registriert. Nahezu 60 Millionen Bürgerinnen und Bürger in den USA sind noch nicht mal als Wähler in den Verzeichnissen aufgeführt. Sie können gar nicht wählen. Die Statistiken zeigen, dass vor allem sozial schwächere Bevölkerungsschichten, Farbige und Latinos sich weder in die Listen eintragen, und wenn, dann viel öfters dem Urnengang fernbleiben. So lag die Wahlbeteiligung am Dienstag bei gerade mal 36 Prozent. In vielen Orten, wie Los Angeles, gab es Minusrekorde.

Der eigentliche Verlierer dieser Wahl ist also nicht (nur) Obama. Verloren hat die amerikanische Demokratie, in der seit Jahren nur noch gepoltert, geschrien und getobt wird. Politik ist zur billigsten Unterhaltung verkommen. Denn wenn man die Wähler nicht mehr zum Wählen bringt, für was wird dann eigentlich noch gewählt?

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Ok, Barack Obama hat nun zwei Jahre lang Zeit, seine Koffer und Kisten zu packen. Aus und vorbei mit dem Regieren. Ein paar Dinge wird er noch im Alleingang durchboxen, sich damit noch unbeliebter bei den Republikanern machen. Aber im Großen und Ganzen war es das dann mit der Ära Obama. Es gab viele Vorschußlorbeeren, es wurde viel von „Hope“ und „Change“ gefaselt und dann bekam er auch noch den Friedensnobelpreis. Und ich glaube, das ließ die Republikaner dann vollends austicken. Sie blockierten, unterminierten und höhlten so alles aus, was Obama machte, anfing oder auch nur andachte.

Wahlparty der Bürgermeisterkandidatin Libby Schaaf.Also, damit ist nun Schluß, am heutigen Wahlabend haben die Wähler in ein paar Bundesstaaten klare Verhältnisse geschaffen. Die einen gingen erst gar nicht zur Wahl, die anderen stimmten gegen Obama. Und dann stellten sich die republikanischen Gewinner hin und erklärten, „wir“ werden das Land wieder auf Kurs bringen. Schluß mit Sozialismus, offenen Grenzen, Einheitsversicherungen, Russen und Terroristen, die „uns“ auf der Nase rumtanzen. Ach ja, und Ebola, dafür ist Obama auch verantwortlich. Hurra, wir leben noch!

Im Abgeordnetenhaus wurden wahllos Demokraten abgefeuert, es scheint Jagdsaison zu sein. Nun also sind beide Kammern wieder in republikanischer Hand. Angekündigt wurde schon vor dem Wahltag, dass nun die Uhren zurück gedreht werden. Politisch zumindest, abends wird es dennoch früh dunkel. In den vielen Berichterstattungen, auch die aus Deutschland, wurde immer betont, Obama sei so unpopulär, deshalb auch die Wahlklatsche. Das stimmt, doch was dabei vergessen wird ist, dass bislang eigentlich jeder Präsident in seiner zweiten „Midterm-Election“ durchfiel. Sogar der ach-so-beliebte Ronald Reagan erlebte das. Nun ist die Wahl rum und die nächste beginnt. Der Präsidentenwahlkampf 2016 ist eröffnet. Beide Parteien müssen einen Kandidaten oder eine Kandidatin finden, es wird der teuerste Wahlkampf aller Zeiten.

Doch in Amerika wurde am Abend noch viel mehr gewählt, darüber hatte ich ja schon geschrieben. Heute Abend war ich auf der Wahlparty von Libby Schaaf in Oakland. Sie kandidierte für das Bürgermeisteramt. Ein klares Ergebnis wird es wohl heute Nacht nicht mehr geben, wahrscheinlich auch nicht morgen und übermorgen. Erst am Freitag kann mit einem Ergebnis gerechnet werden. Das liegt an dem hirnrissigen „Rank Choice Voting“, ein absoluter Blödsinn, der obendrein noch undemokratisch ist. Egal, ich habe mich schon oft genug über diesen Firlefanz aufgeregt. Das wars aus der Wahlnacht. Gute Nacht.

Amerika steht vor einem Erdrutsch

Am Dienstag wird in den USA gewählt. Eigentlich für alles, was es da so gibt. Kongressabgeordnete, Senatoren, Gouverneure, Bürgermeister, Richter, Sheriffs, irgendwelche Board Members, dann Volksentscheide, ich kriege jetzt schon Krämpfe in der Hand, wenn ich an all die Kreuze denke, die ich da am Dienstag machen muß. Es ist wahrlich ein Kreuz mit der Wahl.

Wollen wir mal wählen gehen.

Wollen wir mal wählen gehen.

Und doch, die Republikaner feiern schon jetzt. Sie sind siegessicher, nichts kann schiefgehen, Präsident Obama kriege einen auf die Mütze. Ja, Obama werde für einfach alles abgestraft. Für den neuerlichen Krieg im Irak, für Ebola, für die lausige Wirtschaft, für seine Weicheihaltung gegenüber Putin und natürlich auch für Obamacare, was eh keiner will. Der Triumph ist uns sicher, so die konservativen Meinungsmacher von FOXNews, Washington Times, Rush Limbaugh und seine Gilde der Talk Show Quassler. Eigentlich bräuchte es keine Wahl, eigentlich könnten die Demokraten nur die Schlüssel übergeben, man hätte sich viel Zeit, Energie und vor allem Geld sparen können. So teuer wie diese „Midterm Election“ war bislang noch keine. Wir reden hier von Milliarden Dollar.

Noch ein paar Tage, dann ist diese Wahl vorbei, dann beginnt die heiße Phase des Präsidentenwahlkampfes. Einige stehen schon in den Startlöchern und warten darauf, dass es los geht. Beide Parteien müssen einen Kandidaten ausloten. Es wird hart, es wird brutal, es wird teuer. Aber warten wir erstmal den Dienstag ab, dann entscheidet sich, ob Obama überhaupt noch mitregieren darf, oder ob er einfach legale Schachzüge anwendet, um ein paar politische Punkte in seinem Programm noch umzusetzen. Bis Januar 2017 hat er Zeit. Und ich kriege am Dienstag einen schönen Aufkleber „I voted“. Na, wenn das keine Belohnung ist.

Aber jetzt ist alles klar

Jetzt sag mir einer nochmal, dass die Kommunalwahl in Nürnberg kompliziert sei! Am 4. November wird in meiner Wahlheimat Oakland u.a. auch der Bürgermeisterposten neu vergeben. Aufgrund meiner Beiträge im Blog der Nürnberger Zeitung ist wohl jedem klar, dass die Amtsinhaberin Jean Quan von mir keine Stimme bekommen wird. Erst am Montag erlebte ich sie wieder auf einer Podiumsdiskussion der Kandidaten, auf der sie sich tatsächlich mehrmals selbst auf die Schultern klopfte. Vor allem der Satz, dass Oakland in ihrer Amtszeit sicherer geworden sei und es in diesem Jahr voraussichtlich „nur“ ungefähr 70 Morde geben werde, stieß mir doch etwas auf. Oakland hat eine gesunkene Mordrate, das stimmt, aber die Kriminalitätsrate in der Stadt ist weiterhin hoch, viel zu hoch. Und Quan hat so einiges in den letzten paar Jahren verbockt, in dem sie es aufgrund ihres großes Egos vermieden hat, eine breite Allianz aus Politik, Wirtschaft, Organisationen und Nachbarschaftsgruppen zu bilden. Vielmehr wollte sie nur an vorderster Front in die Kameras lächeln. Ein schwachsinniger Ansatz folgte dem nächsten, dazu verließen so einige wichtige Mitarbeiter das sinkende Schiff „Oakland City Hall“.

Egal, ich bin kein Fan von OB Quan. Nun also geht es ans (hoffentlich) Ab- und Neuwählen. Da ist nur das Problem des sogenannten „Rank Choice Votings“, das vor ein paar Jahren in Oakland eingeführt wurde. Was das ist, erklärt die Bürgermeisterkandidatin Libby Schaaf in einem neuen Video. Sie ist nicht die einzige, die unaufhörlich versucht, den Wählerinnen und Wählern diesen Wahlschmonz verständlich zu machen. Eigentlich soll damit Geld gespart werden, Geld, das für eine Stichwahl ausgegeben werden würde. 15 Kandidaten wollen in diesem Jahr in Oakland ins Rathaus einziehen, ein dichtes Feld. In den Veranstaltungen, auf den Plakaten und Flugblättern geht es kaum um Inhalte, mehr um Schlagwörter. Doch eine Stichwahl würde genau das beenden und eine Diskussion zwischen zwei Kandidaten über Themen, Inhalte, Standpunkte fördern. Das jedoch wird mit dem „Rank Choice Voting“ unmöglich gemacht. Hier also der neueste Videoclip von Libby Schaaf, eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen. Auch wenn sie das schön und verständlich erklärt, ich bleibe dennoch dabei, die Nürnberger Kommunalwahl ist einfacher und vor allem demokratischer.

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„Ich weiß, wie man kastriert“

„I grew up castrating hogs on an Iowa farm. So, when I get to Washington, I’ll know how to cut pork….Washington is full of big spenders. Let’s make ‚em squeal“. Das sagt Joni Ernst in ihrem Wahlwerbespot, republikanische Kandidatin für den US Senat. Ernst weiß also, wie man kastriert und will dieses Handwerk auch in Washington durchführen, bis „sie“ eben vor Schmerzen schreien. Wahlkampf auf amerikanisch, in Deutschland wäre das wohl undenkbar.

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Die Wahlen am 4. November entscheiden darüber, ob Barack Obama überhaupt noch etwas in den letzten zwei Amtsjahren zu sagen hat, oder ob er ganz aufs Abstellgleis geschoben wird. Denn falls die Demokraten im Senat ihre Mehrheit verlieren, sieht es nicht gut für den Präsidenten aus. In Iowa wird ein hart umkämpfter Sitz vergeben, den beide Parteien für sich erringen möchten. Und beide Seiten investieren viel Geld und Energie.

Joni Ernst ist derzeit Senatorin im Senat von Iowa. Sie war in der US Army und ist noch immer aktives Mitglied der Nationalgarde von Iowa. 2003 und 2004 war sie im Zuge der „Operation Freedom“ in Kuwait eingesetzt. Ernst besticht im Wahlkampf mit ihren Forderungen, was sie alles in Washington streichen will. Bildungsmaßnahmen, Umweltschutz, Steuerbehörden, all das muß weg. Sie ist Abtreibungsgegnerin, von den zehn Geboten überzeugt, sie beschreibt Barack Obama als einen „Diktator“ und ist von der Waffenlobby, der „National Rifle Association“, mit einem „A“ für ihren Einsatz für Waffenrechte ausgezeichnet worden. Ja, Joni Ernst schießt scharf, jetzt noch mit Worthülsen und gelegentlich in Lederjacke auf dem Schießstand, aber bald schon mit Entscheidungen in DC. Denn Ernst führt in den Umfragen. Ihr demokratischer Gegner Bruce Braley hat am Ende wohl gegen die Schweine kastrierende Kriegsheldin keine Chance. Das ist das „Heartland“ von Amerika.

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Das Wahlrecht wird eingeschränkt

Jede wahlberechtigte Bügerin und jeder wahlberechtigte Bürger bekommt in Deutschland automatisch die Wahlkarte zugeschickt. In den USA läuft alles etwas anders ab. Hier muß man sich in Wahllisten eintragen, das passiert meist beim „Department for Motor Vehicles“ (DMV), wenn man seinen Führerschein beantragt oder verlängert. Auch woanders kann man sich als Wähler registrieren lassen, allerdings muß der Wähler den ersten Schritt tun.

Der Aufruf zum Wählen verhallt in den USA.

Der Aufruf zum Wählen verhallt in den USA.

In Deutschland ist es darüberhinaus ganz normal, dass man am Wahltag mit Wahlkarte und einem Ausweis ins Wahllokal geht. Hier in den USA ist auch das anders, bislang noch. Fast überall braucht man nur die zugeschickte Wahlkarte mit zur Stimmabgabe zu nehmen. Doch das soll anders werden. Republikaner im ganzen Land versuchen das zu ändern, vor allem in den sogenannten „Swing States“ und „Swing Distrikten“. Die Republikaner erklären, ohne einen Ausweis, sei dem Wahlbetrug Tür und Tor geöffnet. Denn es könne ja nicht sichergestellt werden, dass der- oder diejenige die wählt, auch die Person ist, die wählen darf.

Die Republikaner haben schon mehrfach auf eine Änderung geklagt, seltsamerweise zeigten sie nie, dass die gegenwärtige Situation tatsächlich zu deutlichen Wahlfälschungen geführt hat. Bislang wiesen die Gerichte die Klagen ab. Irgendwie hatte mn immer das Gefühl, dass hinter den legalen Manövern der GOP eine gezielte Strategie steckt. Und die werten Beobachter als undemokratisch und, ja, rassistisch. Denn betroffen sind von den vorgeschlagenen Ausweisgesetzen vor allem Afro-Amerikaner und Latinos, die oftmals keine der zugelassenen Ausweispapiere besitzen.

Der republikanische Generalstaatsanwalt in Texas, Greg Abbott, hatte bis vor das Bundesverfassungsgericht geklagt, um in seinem Staat eine Ausweispflicht am Wahltag einzuführen. Interessanterweise ist er der Kandidat für das Gouverneursamt, über das am 4. November abgestimmt wird. Er argumentierte mit dem üblichen Vorwurf, man müsse sich ausweisen, um Wählerbetrug zu vermeiden. Auf der anderen Seite stehen jedoch die Demokraten im Bundesstaat und die Obama Administration, die erklären, rund 500.000 wahlberechtigte Texaner hätten keine Ausweispapiere und könnten bis zum Wwahltag auch keine mehr bekommen. Der Großteil von ihnen Afro-Amerikaner und Latinos, also Wähler, die die Republikaner als potenzielle demokratische Wähler einstufen.

Das Verfassungsgericht in Washington, oder vielmehr die konservativen Richter in der exklusiven Runde, haben sich nun mit einem Urteil auf die Seite von Greg Abbott geschlagen. Texas habe das Recht einen staatlich ausgestellten Bildausweis bei der Stimmabgabe zu verlangen. Damit kann bereits bei der anstehenden Wahl Anfang November eine größere Gruppe von Wählern außen vor bleiben, der Sieg von Greg Abbott ist damit garantiert. Und dieses Urteil wird sicherlich auch in anderen, republikanisch regierten Bundesstaaten Schule machen. Wahlen in den USA werden damit noch undemokratischer gemacht, als sie sowieso schon sind.

Wer blickt da noch durch?

Ein Heft mit allen Kandidaten und Entscheidungen für den Wahltag.

Ein Heft mit allen Kandidaten und Entscheidungen für den Wahltag.

Im Briefkasten lag die Informationsbroschüre für die kommende Wahl. Ein Magazin großes und dickes Heft, in dem Kandidaten und Bürgerentscheide aufgelistet sind. Am ersten Dienstag im November ist es dann so weit, ich soll meine Stimmen für den Gouverneur, einige Kabinettsmitglieder in Kalifornien, Abgeordnete in Sacramento und Washington, den Generalstaatsanwalt, den Bevollmächtigten für die Versicherungsaufsicht, für das öffentliche Schulwesen, jemanden der sich „Controller“ nennt usw. abgeben.

Dann kommen da noch einige Namen und Entscheidungen auf der lokalen Ebene hinzu. Bürgermeister, Stadträte, jemand, der in einem Verkehrsgremium sitzt, ein anderer in der Schulaufsicht, ein Kassenprüfer und einer fürs Wasserwerk. Ja Himmelherrgott, wie soll ich denn wissen, ob derjenige Zahlen addieren oder eine Ahnung von sauberem Trinkwasser hat? Dazu dann die politischen Entscheidungen, die auf mehreren Seite dargelegt werden und von riesigen Krediten für das Transportwesen bis hin zur Rolle der Ethikkommission in der Stadt reichen. Ich frage mich echt, wie man das durcharbeiten will und soll.

Ich lebe in Oakland. Oakland ist eine schöne Stadt, die ihren schlechten Ruf eigentlich nicht verdient hat. Hier tut sich kulturell sehr viel, hier wurde kalifornische Geschichte geschrieben, hier eröffnen die besten Restaurants und vor allem, hier ist das Wetter besser, als auf der anderen Seite der Bay. Doch dann gibt es da so etwas wie „Ranked-Choice Voting“, ein absoluter Kappes. Was das heißt ist, man hat drei Stimmen und wählt mit der ersten Stimme seinen Bürgermeister Kandidaten oder Kandidatin, der oder die einem am ehesten zusagt. Mit der zweiten und dritten Stimme folgen dann die Kandidaten, die man auch ok findet, die man aber nicht unbedingt haben will. Die Idee dahinter ist, dass man mit dieser Mehrfachstimmenabgabe eine Stichwahl vermeidet. Denn wenn kein Kandidat die absolute Mehrheit bekommt, werden die Zweit- und Drittstimmen ausgewertet. Das heißt, wie es dummerweise auch bei der letzten OB Wahl passierte, der Kandidat mit den meisten Erststimmen muß nicht unbedingt als Sieger aus dem Wahltag hervorgehen. Seit vier Jahren hat Oakland eine Bürgermeisterin, Jean Quan, die mit nur 25 Prozent und neun Prozent weniger Erststimmen ins Amt gehievt wurde. Ein absoluter Irrsinn, aber in Oakland normal. Interessant ist auch, dass das Wahlsystem von Bezirk zu Bezirk, von Stadt zu Stadt anders sein kann. „Ranked-Choice Voting“ ist nicht so verbreitet, aber natürlich findet man es in Oakland. Klar, wo sonst!

Diesmal wird wieder so gewählt, Ausgang ungewiss. 15 Kandidaten und Kandidatinnen sind im Rennen. Man kann nur hoffen, dass nicht wieder so etwas passiert, wie vor vier Jahren. Nochmal eine Amtszeit von  Jean Quan wäre eine absolute Katastrophe. Die Kandidatin Libby Schaaf ist derzeit im „City Council“, dem Stadtrat. Sie hat die Unterstützung von Gouverneur Jerry Brown bekommen, der selbst hier gleich um die Ecke wohnt. Sie ist zugänglich, offen für Fragen und findet Antworten. Schaaf sieht die Probleme, so wie sie sind. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, ein marodes öffentliches System. Sie malt keine Luftschlösser und verspricht auch keine unhaltbaren Lösungen. Wer in Oakland kandidiert, gewählt wird und Erfolg haben will, muß die Fähigkeit besitzen Koalitionen schließen zu können, andere zu überzeugen, die Stadt vor eigene Interessen zu stellen. Libby Schaaf hat glaube ich das Zeug dazu. Ich drück die Daumen für meine Wahlheimatstadt Oakland.

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Alle sind gleich, nur Weiße sind gleicher

Während die Republikaner einen angst und bange Wahlkampf führen, wollen sich die Demokraten ins rechte Licht rücken. Sie gehen auf Stimmenfang auf dem Rücken von Michael Brown, dem 18jährigen, unbewaffneten Jugenlichen aus Fergusson, der von mehreren Polizeikugeln erschossen wurde. Direkt in Ferguson versuchen die Demokraten schwarze Wähler zu registrieren. In den USA muss man sich als Wähler in Listen eintragen lassen, um an Wahlen teilzunehmen. Das machen nicht viele. Bei der letzten Wahl im April 2014 wurde der Bürgermeister von Ferguson mit gerade mal 1314 Stimmen wiedergewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 12 Prozent.

Bei einer Protestveranstaltung greift ein Jugendlicher mit einer Fahnenstange den schwarzen Anwalt und Bürgerrechtler Ted Landsmark an. Das Foto wurde 1976 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet.

Bei einer Protestveranstaltung greift ein Jugendlicher mit einer Fahnenstange den schwarzen Anwalt und Bürgerrechtler Ted Landsmark an. Das Foto von Stanley Forman wurde 1976 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet.

Die Demokraten sehen nun ihre Chance. Nicht nur in Ferguson, sondern auch in anderen Städten. Doch die Vorfälle in Ferguson werden im Wahlkampf ausgenutzt. Zweidrittel der Bevölkerung dieser nun bekannten Kleinstadt in Missouri sind Afro-Amerikaner, nur eine verschwindende Minderheit von ihnen ging wählen. Der Bürgermeister ist ein Weißer, fünf der sechs Stadträte sind Weiße. Daneben sind viele der weiteren gewählten Amtsinhaber Weiße. Damit geht die Präsidentenpartei nun auf Stimmenfang, so, als ob die tödlichen Schüsse auf Michael Brown mit einem schwarzen Bürgermeister und einer schwarzen Mehrheit im Stadtrat verhindert hätten werden können.

Man muß sich schon fragen, wer hinter solchen irrsinnigen Wahlkampfkampagnen steckt. Denn auch schwarze Bürgermeister, Staatsanwälte, Polizeichefs und Ratsmitglieder, ja sogar ein schwarzer Präsident, konnten bislang in den USA den alltäglichen Rassismus nicht austreiben. Weder in Ferguson, noch in Oakland, nicht in San Francisco, Chicago, Detroit, New Orleans und vielen anderen Städten und Gemeinden. Die Vorkommnisse in Ferguson haben nur einmal mehr veranschaulicht, dass in Amerika einiges im argen liegt. Der politische Wille, dies radikal und grundlegend anzugehen, fehlt jedoch. Und das in beiden Parteien. Es bleibt also dabei: Alle sind gleich in Amerika, nur Weiße sind gleicher.

 

America Under Attack!

In knapp zehn Wochen wird in den USA gewählt. Das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Teil des Senats werden neu besetzt. Die Republikaner erhoffen sich, einen deutlichen Sieg einzufahren, ihre Mehrheit im „House“ auszubauen und gleichzeitig die Kontrolle über den Senat zu übernehmen. Damit würde Präsident Obama in den letzten zwei Jahren seiner Amtszeit endgültig ausgebremst werden und die GOP könnte bereits jetzt mit der Beseitigung des „politischen Flurschadens“ beginnen, wie sie die Politik Obamas sehen. Alles ist möglich am 4. November. Um sicher zu gehen, dass die republikanischen Wähler auch ihre Stimme abgeben, wird nun – mal wieder – ein Wahlkampf voller Angst vom Zaun gebrochen. Und im Angstschüren sind die Republikaner Weltmeister.

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

Die Santa Fe Bridge trennt Ciudad Juarez von El Paso. Werden schon bald die ISIS Terroristen über diese Brücke kommen?

In irgendeinem Hinterzimmer der Parteizentrale muß sich folgendes zugetragen haben. Ein paar kluge Köpfe überlegten sich, wie man am besten die Emotionen der Wähler bedienen kann. Einer meinte, man müsse im Wahlkampf mehr auf die Grenzsituation eingehen, denn die sei ja löchrig wie ein Schweizer Käse. All die Illegalen kommen so ins Land, nehmen den hartarbeitenden Amerikanern die Jobs weg, plünderten das Sozialnetz und sowieso seien viele von ihnen auch noch Schwerkriminelle und Bandenmitglieder. Die anderen nickten wohlwollend. Toller Plan.

Der neben ihm saß meinte nur, vielleicht sollte man auch noch die mexikanischen Drogenkartelle mit in dieses Szenario aufnehmen, denn die seien ja wie die Mafia, unkalkulierbar, das schüre Ängste. Alle nickten, guter Plan.

Der Dritte im Bunde überlegte etwas und erklärte dann, die größte Gefahr bliebe dennoch der internationale Terrorismus. ISIS und Al-Qaida, das seien Dauerbrenner. Und sowieso habe die GOP schon mehrere Wahlkämpfe mit diesen Schreckgespenstern des Terrors gewonnen.

Und dann meldete sich der Vierte im Raum. Warum verbinde man nicht all diese Szenarien, das wäre doch dann der SuperGAU des Angstschürens: Die Kämpfer von ISIS, eigentlich im Irak und Syrien aktiv, sind schon in Mexiko gelandet, haben sogar schon eine Terrorzelle in der Grenzstadt Ciudad Juarez aufgebaut. Natürlich ging das nur mit Zustimmung der dort aktiven Drogenkartelle. Nicht genannte Mitarbeiter der Geheimdienste hätten Telefonate, Emails und SMS Botschaften abgehört und abgefangen, in denen ganz deutlich würde, dass ISIS, Ortsgruppe Juarez, Bombenanschläge auf Grenzposten und Einrichtungen im Grenzbereich auf amerikanischer Seite durchführen will. Die Grenzen sind ja durchlässig, von daher ein Klacks für die Islamisten und ihre Kumpels von den Kartellen. America Under Attack!

Ich weiß nun nicht, ob dieses Hinterzimmergespräch tatsächlich so stattgefunden hat. Denkbar wäre es, denn das Horrorszenario, das hier beschrieben wird, ist tatsächlich die Wahlkampfstrategie der Republikaner. Genau so und in dieser Deutlichkeit. In den konservativen Medien von FOXNews und Breitbart bis hin zu Kommentatoren, wie Allen B. West, wird dieser Terrorplan Tag für Tag Zuschauern, Zuhörern und Lesern dargeboten und nimmt immer haarsträubendere Formen an. Ich denke, bis zum Wahltag werden die ISIS Kämpfer auch noch mit nordkoreanischen oder pakistanischen Nuklearwaffen bewaffnet sein. Es sind ja noch knapp zehn Wochen. Alles ist möglich, man muß es nur glauben.

 

Wenn der Mann in der Wüste brennt

Seit Montag campen wieder Zehntausende in der „Black Rock Desert“ in Nevada. Nordöstlich von Reno gelegen findet hier alljährlich das Burning Man Festival statt. Ein Ereignis, das einzigartig ist. Schräg, schrill, schön. Es ist ein Festival, ganz anders als alles was man kennt. Es geht um „Community“, um Kunst, um gemeinsames Leben, um Kreativität, um den Austausch, darum sich einmal auszuleben, wie man es normalerweise nicht tun würde. Und man kann sein, wie man will, alles geht, alles ist erlaubt, so lange es nicht gegen offizielle Gesetze und Burning Man Statuten läuft.

Eines der riesigen Kunstobjekte in diesem Jahr. Aus Holz gefertigt, innen ist eine Rutsche angebracht. Fast im freien Fall sollen Teilnehmer ihre Ängste besiegen.

Eines der riesigen Kunstobjekte in diesem Jahr. Im Innenraum der gewaltigen Holzskulptur ist eine Rutsche angebracht. Fast im freien Fall sollen Teilnehmer ihre Ängste besiegen.

Was mich schon mehrmals in die Black Rock Wüste gezogen hat, war die Kreativität der Teilnehmer. Im letzten Jahr meinte ein Künstler zu mir, Burning Man sei“ die größte Galerie der Welt“. Und das stimmt, nirgends sonst ist das möglich, was hier eine Woche lang im Wüstensand passiert. Er hatte ein riesiges, tonnenschweres Stahlkonstrukt errichtet. Ein Objekt von unzähligen auf dem weiten ausgetrockneten Seebett. Künstler arbeiten in Teams ein ganzes Jahr lang, um hier für diese eine Woche ihr Projekt zu präsentieren. Und sie alle lieben es, egal, ob sie am Ende finanziell draufzahlen, ob sie in der Hitze, im Staub, in der Knüste sind. Burning Man ist einzigartig und wirklich, auch beim Schreiben dieser Zeilen, schwer in Worte zu fassen. Man muß es mit eigenen Augen gesehen, auf der eigenen Haut gespürt haben. Man muß diese besonderen „Burning Man Momente“ erlebt haben, die für mich jedes Jahr aufs neue passierten. Seltsame Zufälle, die einfach passieren, doch die einen ganz tief drinnen lächeln lassen. So ein warmes Gefühl des „Ja, das ist es“.

Auch nach mehreren Versuchen konnte ich dieses Jahr kein Ticket bekommen. Burning Man ist mit 68.000 Teilnehmern ausverkauft. Was ärgerlich war, der Schwarzmarkt florierte. Zwielichte Händler boten Tickets für das fünffache des Kartenpreises an, was absolut gegen eines der Grundprinzipien von Burning Man ist. Denn auf dem Gelände ist Kommerz unerwünscht, man kann nichts kaufen, alles wird geteilt, getauscht.

Aber vielleicht war es ein Zeichen vom „Man“ selbst, dass ich diesmal nicht dort bin, in diesem Jahr eine Pause einlege, mich auf meine anstehende Reise in den Tschad vorbereite. Sonntagnacht stürmte ein Unwetter mit Regen und Hagel über das gewaltige Areal. Der Boden wurde zu einem klebrigen Etwas, der Zugang für die „Burner“ wurde gesperrt. Erst Dienstagmorgen waren die Tore wieder geöffnet. Und nun die Meldung, dass am frühen Donnerstagmorgen eine Frau auf der „Playa“ von Burning Man tödlich verunglückte. Sie wurde von einem „Art Car“ überrollt. Ein Zwischenfall, der einen großen Schatten auf das friedliche Fest wirft, der den Kritikern sicherlich neuen Zündstoff geben, der aber hoffentlich nicht eines der seltsamsten, doch friedliebendsten Festivals verändern wird. Ein Kommentar unter der Nachricht über den Tod der Frau drückt eigentlich das aus, was viele der Teilnehmer heute denken: „If I died there, and I was really into Burning Man, I’d say put my body inside the Burning Man just before it gets lit. That’s how I’d want to go.“