Ruanda zwischen Himmel und Hölle

Ruanda das Land der tausend Hügel. Powerhouse in der Gegend der Großen Seen. Afrikanischer Hoffnungsträger. Die Wirtschaft boomt, das Land ist auf Kurs mit einem visionären Präsidenten Paul Kagame. Alles scheint nach Plan zu laufen, sogar die Wahlergebnisse von 93 Prozent für den Amtsinhaber deuten scheinbar darauf hin, dass die Ruander diesen eingeschlagenen Weg gehen wollen. Ob sie möchten oder nicht.

Die Kritik an Kagame und seinem Kurs kommt nur verhalten, und dann auch nur von außen. Die ausländischen Medien reden von unterdrückter Meinungs- und Pressefreiheit, sprechen von Unterdrückung der Opposition und politisch Andersdenkender. Doch die kritischen Worte werden noch nicht mal in den Hauptstädten von Berlin bis Washington wahrgenommen. Man schaut weg, übersieht, wie man das schon immer mit Ruanda getan hat.

Genozid Memorial an einer Kirche in KibuyeDoch in diesem Land und dieser Region kann man nicht einfach wegschauen. Zu gegenwärtig ist das, was vor 16 Jahren passierte. Der Massenmord an den Tutsis, die systematische Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Egal wohin man in Ruanda auch fährt, man stößt überall auf die Orte des Schreckens. Kirchen, Plätze, Schulhäuser, Krankenhäuser. An den wunderschönsten Orten wurden Menschen zu tausenden brutalst abgeschlachtet. In Ruanda entkommt man dem Grauen nicht, es sei denn man will ganz bewußt nicht das wahrhaben, was hier geschehen ist. Doch dann ist man in Ruanda fehl am Platz.

Das seltsame im Ruanda des Paul Kagame ist, dass seit gut eineinhalb Jahren nur noch vom Morden an den Tutsis gesprochen werden darf. Doch damals zwischen April und Juli 1994 wurden auch moderate Hutus von den Radikalen Hutu Milizen umgebracht, vernichtet, abgeschlachtet. Es gab viele, die den Wahnsinn verhindern, die einschreiten, die schützen wollten. Doch auch sie wurden Opfer der Macheten, Speere und Knüppel. Aber darüber darf im heutigen Ruanda nicht berichtet werden.

Auch nicht darüber, dass Paul Kagames Rebellenarmee RPF beim Vorrücken auf Kigali und der Vertreibung der Hutu Milizen aus Ruanda ebenfalls Massaker an Zivilisten begangen haben soll. Kaum wird hier über das Vorgehen der ruandischen Armee unter ihrem Präsidenten Kagame im Kongo gesprochen. Auch dort fielen viele Zivilisten den in den USA ausgebildeten und geschulten RPF Kämpfern zum Opfer.

In den westlichen Hauptstädten der EU, der USA und Kanadas geht man mit der (Erfolgs)geschichte Ruandas etwas einseitig um. Der Besuch des Genozid Memorials in Kigali gehört für westliche Politbesucher zum Pflichtprogramm. Durchaus drängende und offene Fragen werden danach leider nicht gestellt.

Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

Schwester Milgitha     

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Post aus Ruanda

Ich bin in Ruanda, einem unbekannten Land zwischen Tränen und Aufbruch. Es ist das erste mal für mich in Afrika, einem Kontinent, der mir bislang nur durch negative Schlagzeilen bekannt war: Kriege, Krisen, Hungersnöte, Korruption. Viele Bilder, Videos und Tondokumente habe ich schon gesammelt, darunter auch ein Interview mit Eugénie Musayidire, die 2007 mit dem Nürnberger Menschrechtspreis ausgezeichnet wurde.

Ruanda ist ein wunderschönes Land, doch alles ist überschattet vom Genozid, der zwischen April und Juni 1994 rund eine Million Menschenleben gefordert hat. Die Geschichten und die Geschichte ist überall. Ruanda glich in diesen 100 Tagen einem Schlachthaus mit Leichen und Blut wohin man auch sah. Und das im ganzen Land.

ruanda1Heute war ich in einer Kirche, rund 30 km südlich von Kigali. Dort wurden 5000 Menschen brutalst abgeschlachtet. An der Rückwand in der kleinen Kirche ein breites rund 3 Meter hohes Regal, gefüllt mit Knochen und Schädeln, zum Teil eingeschlagen. Auch kleine Babyschädel darunter in Stücken.

An den Wänden und an der Decke der Kapelle Kleidung, vorne ein weiteres Regal mit Utensilien der Ermordeten. Ketten, Brillen, Töpfe, Tassen und auch das Mordwerkzeug der Henker, Macheten, Prügel, Knüppel. An der Wand dunkelrote Flecken, wo die Mörder kleine Babies gegen die Mauer schleuderten, immer und immer wieder, bis sie leblos waren…

In dieser Kapelle stand ich alleine. Es war ein ungeheuerliches Gefühl, eine riesige Last legte sich auf meine Schultern, auf mein Inneres. Mein Herz pochte, das Atmen fiel schwer und Tränen stiegen mir in die Augen. Kann, soll, darf man hier beten….an diesem Ort, der so bedrückend ist? Kann man hier Gott finden? Wo war Gott, als die Menschen hier zu ihm kamen, Schutz suchten, doch nur auf den Sadismus und den blinden Hass ihrer Peiniger stiessen? An solch einem Ort, in dieser kleinen Kapelle ist die Stille niederschmetternd. Draussen atmet man durch, ganz tief durch und fragt sich, wie so etwas passieren konnte…