Eine wundersame Reise

Mehr durch Zufall bin ich auf den Autoren Adam Johnson gestoßen. Irgendwie, irgendwo hörte ich ein Interview mit ihm, war von seiner ruhigen Art beeindruckt und googelte ihn. Für seinen 2012 erschienenen Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ erhielt er 2013 den Pulitzer-Preis, das Buch schoss auf die New York Times Bestseller Liste.

Gestern traf ich ihn für ein Interview im Goethe-Institut in San Francisco. Das liegt zentral, für uns beide gut zu erreichen. Im Raum Hamburg sitzen wir uns schließlich gegenüber. Eigentlich wollten wir uns schon vor Wochen treffen, doch Adam wurde krank, die Stimme versagte. Und das ist natürlich für ein Radiointerview alles andere als ideal. Adam Johnson lebt in San Francisco, ist 48 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, ist Englischprofessor in Stanford. Er habe ein langweiliges, normales Leben, sagt er von sich selbst. In seinen Büchern jedoch erlebt er die große weite Welt.

42500Vor kurzem erschien bei Suhrkamp seine Short Story Sammlung „Nirvana„, im englischen Original „Fortune Smiles“. Sechs Geschichten, die eine wundersame Lesereise sind. An einem Samstagnachmittag machte ich mich auf die Reise und war begeistert von Adams Sprache, seiner Nähe zu den Geschichten, in die er mich mit hineinzog, seinen Bildern, die er entstehen läßt, seine Liebe zu den kleinen Details. Im Interview beschreibt er sich als jemanden, der gerne recherchiert, der neugierig ist, der beobachtet. Als Kind begleitete er über mehrere Jahre seinen Vater nachts in den Zoo, der dort Nachtwächter war. Er erlebte die wunderbare Tierwelt von einer ganz anderen, nicht öffentlichen Seite. Später als seine Eltern sich scheiden ließen, ging seine Mutter arbeiten, er war tagsüber viel alleine. Adam erzählt im Interview, er ist damals viel durch die Nachbarschaft gelaufen, habe in Mülltonnen nachgesehen, was die Menschen so wegschmeißen und versucht sich davon ein Bild über die Personen und Familien zu machen.

Dieses Hinschauen, diese Neugier, die Dinge und das Leben an sich von einer ganz anderen Seite betrachten zu wollen, machen Adam Johnsons Erzählungen aus. Es geht um Grenzen und Grenzerfahrungen. Nicht direkt und plakativ, sondern ganz leicht und auch mal hintenrum, wie in der Geschichte „Mein Freund George Orwell und ich“, die sich um einen ehemaligen Leiter eines Stasi-Gefängnisses in Berlin dreht. Ich werde beim Lesen gerne mitgenommen, möchte danach in meinem Sessel sitzen, zufrieden sein und doch auch nachdenklich über das, was ich da gerade „erlebt“ habe. Adam Johnson schafft das auf eine sehr nahegehende und für mich perfekte Weise.