Der morgendliche Fussballwecker

Somaliländischer Fußball ist laut, vor allem um 6 Uhr morgens.

Nach einem halben Dutzend Muezzin Rufen gegen halb fünf am Morgen döste ich nochmal weg. Nur kurz, denn ab sechs Uhr versammelte sich unterhalb meines Fensters auf einem leeren Grundstück eine Gruppe von Jugendlichen. Lautstark schrien sie durcheinander. Ich hatte keine Ahnung was da nun abging, hörte mir das eine Weile an, stand schließlich auf und schaute raus. Das gute Dutzend Jungen versuchte mit Geschrei Fußballmannschaften zu formen. Um sechs Uhr morgens!

Und dann spielten sie da draussen lautstark auf dem Sandplatz. Meine Nacht war damit vorbei und ich schaute mir das ein paar Minuten in aller Ruhe an. Ein Hin und ein Her, dabei wurde kreuz und quer geschrien. Eine ordentliche Abwehr gab es nicht, jeder versuchte sich mit fragwürdigen Dribbelkunststückchen auf dem Sandplatz durchzutanken. Es ging eigentlich nur um den Torschuss. Ansonsten ein wildes Gebolze. Und das am sehr frühen Morgen, ausgerechnet vor meinem Fenster. Ohne Kaffee!

Am Vorbend traf ich Guuleed, einen 34jährigen Somaliländer, der im Alter von vier Jahren nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Somaliland nach Deutschland kam, dort aufwuchs und über England vor einem Jahr zurückkehrte. Ich lernte Guuleed vor ein paar Tagen am Flughafen kennen, dort betreibt er mit seinem Partner einen kleinen Verkaufsstand mit Produkten aus Somaliland. Er spricht mit einem rheinischen Dialekt, Guuleed wuchs in Leverkusen auf. Er erzählte mir von seinen Plänen, von seinen Ideen hier. Und wir vereinbarten, dass wir uns nach meiner Rückkehr aus Puntland nochmal treffen würden.

Es gibt Hoffnung für die karge Landschaft am Horn von Afrika.

Gestern wartete ich also im Maansoor Hotel auf ihn. Mit einiger Verspätung kam er. Er fiel gleich auf. Hochgewachsen und in Basketballshorts, dazu eine T-Shirt „Straight Outta Hargeisa“ stand darauf. Guuleed ist voller Energie, redet im 180 Tempo, lacht viel, holt aus, spricht von seinem Land Somaliland. Er hat große Pläne, die nicht einfach so dahin geredet sind. Kurz telefonierte er, lud noch seinen Businesspartner und einen Bekannten von einer deutschen NGO ein, damit die mir ihre Geschäftsidee besser erklären könnten.

Und sie kamen und was ich hörte war mehr als beeindruckend. Ein einfaches Konzept könnte weitreichende Auswirkungen auf Somaliland und die Region am Horn von Afrika haben. Es geht um einen Baum, der hier von einem „Devil’s Tree“ zu einem „Angel’s Tree“ umgewandelt werden soll. Zumindest in den Augen der Viehzüchter und Bauern. Das ist möglich und machbar. Mit Beschneiden und Verwerten wird aus einer Gefahr für Natur und Tiere eine Nutzpflanze. Eine Businessidee würde somit Hoffnung und viele Arbeitsplätze schaffen. Ich war so begeistert, dass ich wohl schon bald wieder zurück nach Hargeisa reisen werde, um mir die Ergebnisse der ersten Testphase genauer anzusehen. Es gibt Hoffnung, eine Aufbruchstimmung, ein Blick nach vorne in Somaliland. Das ist für mich eine ganz neue Erkenntnis am Ende einer weiteren teils sehr anstrengenden und nahegehenden Reise.

Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

Somaliland ist nicht Somalia

Über Puntland sind die Wolken dünn gesät.

Sonntagnachmittag in Puntland. Von Hargeisa ging es über Boosaaso nach Garoowe, der Hauptstadt dieser autonomen Region direkt am Horn von Afrika. Irgendwie fühlt man sich hier noch Somalia zugehörig und strebt auch die Wiedervereinigung an. Ganz anders sieht es da in Somaliland aus. Am gestrigen Samstag hatte ich gleich mehrere Interviews, in denen mir von Regierungsvertretern, aber auch von der weltbekannten Kämpferin gegen die weibliche Genitalverstümmelung, Edna Adan, versichert wurde, dass es nie mehr zu einem Zusammenschluss von Somalia mit Somaliland kommen werde.

Edna Adan konnte ich schon einmal vor zwei Jahren für mein Feature über FGM interviewen:

      FGM in Somaliland

Die 81jährige kämpft unermüdlich weiter, holt im Gespräch aus, erzählt von ihrem Lebenswerk der „Edna Adan Klinik“ und der „Edna Adan University“, spricht von der internationalen Verantwortung und schwenkt dann auf die Unabhängigkeit Somalilands ein. Die einstige First Lady und Außenministerin der Republik Somalilands ist eine energische Befürworterin der Unabhängigkeit. Sie verweist auf die Geschichte und auf die aktuelle Situation. Was sich in Puntland und in South/Central Somalia abspiele habe nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun was Somaliland geschaffen habe, sagt sie. Vor allem Sicherheit, eine Vision, ein Leben ohne Angst und Krieg. Sie spricht vom „Genozid“ an der somiländischen Bevölkerung durch somalische Militärs vor dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991. Sogar auf dem Grund ihres Krankenhauses, das im Zentrum von Hargeisa liegt, sei ein Massengrab gefunden worden.

Im Gespräch mit Edna Adan in ihrem Büro in Hargeisa.

Die Geschichte ist komplex, die Lage zwischen Somaliland und Somalia nicht einfach. Das Auswärtige Amt in Berlin spricht von einer „Gefahr der Balkanisierung der Region am Horn von Afrika“. Doch davon will Edna Adan nichts hören. Nichts verbinde sie mit den Kriminellen in Puntland und Mogadischu. Die Welt müsse endlich erkennen, dass die Menschen in Somaliland ihre Zukunft in der eigenen Republik sehen.

Es ist beeindruckend und tief bewegend dieser Frau zuzuhören, wie sie über ihren Kampf gegen die Genitalverstümmelung berichtet, wie sie energisch für die internationale Anerkennung Somalilands plädiert. An ihren Bürowänden hängen unzählige von Fotos mit ihr und Staatspräsidenten und bekannten Gesichtern, die sie alle einmal traf. Demnächst reist sie nach London, um wieder eine Würdigung ihrer langen Arbeit entgegen zu nehmen. Doch Edna Adan ruht sich darauf nicht aus, sie hat weitere Pläne, das eine Gebäude muss erneuert werden, sagt sie. Und sie bräuchten Veterinäre für die Klinik, damit das Farmland vor der Stadt für die Studenten der Universität genutzt werden kann. Unermüdlich macht sie weiter. Kommen Sie mal wieder vorbei, meint sie noch am Schluss, dreht sich um und weist den Sicherheitsbeamten an, dass die Autos vor dem Eingang da nicht stehen dürfen.

Es grünt und regnet in Somaliland

Quer durchs Land in den Osten. Nun sitze ich in Erigavo, Sanaag, einer Region, die sehr stark von der Dürre betroffen war. Aber das ist vorbei. Heute auf unserer Fahrt regnete es, ein Straßenabschnitt war sogar überflutet. Sowieso ist die Anreise in diesen Teil von Somaliland mehr als beschwerlich. Für 320 Kilometer braucht man mehr als sieben Stunden. Die Landstraße ist nur zu einem kleinen Teil geteert, meist ist es Schotter auf dem gefahren wird. Ein paar Stellen gibt es von der wichtigen Süd-Nord-Verbindung gar nicht mehr, so dass man auf offenes Land ausweichen muss.

Ich bin erneut mit der Hilfsorganisation Care unterwegs. Zahlreiche Projekte konnte ich schon sehen, morgen geht es dann weiter. Gestern schauten wir uns ein Wasser-Solar Projekt an. Ein Techniker wurde in der Hauptstadt Hargeisa ausgebildet, um in seinem Dorf eine Wasserpumpe zu betreiben, die mit Solarstrom betrieben wird. Und der Solarstrom wird an kleine Geschäfte im Dorf verkauft, so finanziert sich das Projekt, so wird der Techniker bezahlt, so wird die Pumpe und die Solaranlage instand gehalten.

Danach ein Besuch bei den Frauenspargruppen, die kleinere Kredite an Frauen im Dorf vergeben, ohne Zinsen. Das Dorf ist durch dieses einfache Projekt enger zusammen gerückt. Startkapital gab es von Care nicht, nur die Anleitung vor zwei Jahren, wie man es macht.  Jede Frau zahlt monatlich etwas ein, einen winzigen Betrag. Gemeinsam entscheidet man dann, welche Projekte von den Frauen in der Gruppe unterstützt werden. Und es klappt. Warum habt Ihr das nicht schon früher gemacht? Alina schaut mich fragend an, lacht und meint, vorher hat jede Frau sich nur um ihre Küche gekümmert. Sie wisse es auch nicht, warum man so lange damit gewartet hat.

Heute ging es weiter in den Osten nach Ainabo, in ein IDP Camp, ein Flüchtlingslager für „internal displaced people“, Inlandsflüchtlinge, die vor allem Opfer der Dürre wurden. In diesen Camps geht es für Care um die Wasserversorgung und um die Hygiene. Scheinbar einfache Projekte, die jedoch in einer unterversorgten Region alles andere als problemlos sind. Von dort ging es weiter Richtung Norden nach Sanaag, hier ist Care eine von zwei internationalen Hilfsorganisationen. Eine teils gut ausgebaute, teils sehr löchrige, teils überhaupt nicht vorhande Landstraße zog sich durch eine wunderschöne Landschaft. Vorbei an Dörfern, Ziegen- und Kamelherden. Mehrmals musste ich daran denken, dass diese Region am Horn von Afrika ein wunderbares Urlaubsziel sein könnte. Vielleicht eines Tages, man kann es nur hoffen.

 

Amerika am Horn von Afrika

Landeanflug auf Hargeisa.

Ankunft in Somaliland. Nach einem Nachtflug, der mit einer Bahnfahrt von Nürnberg nach Frankfurt begann und von dort über Addis Abeba weiterging, kam ich schließlich am späten Vormittag in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland an. Vom Flugzeug aus sah man, dass es in den vergangenen Monaten geregnet hatte, etliche grüne Streifen konnte man in der braunen Landschaft ausmachen. Vor eineinhalb Jahren war ich das letzte Mal hier, damals traf eine unglaubliche Dürre die Region. Millionen von Vieh verendete, es drohte eine gewaltige Hungerkatastrophe.

Das Horn von Afrika ist eine geschundene Region. Der Klimawandel macht alles nicht einfacher. Regenzeiten bleiben aus, das karge Land dorrt noch weiter aus. Auch darum geht es bei dieser neuerlichen Reise nach Somaliland und Puntland. Die größere Geschichte, die ich jedoch erzählen möchte, dreht sich um die amerikanische Außenpolitik unter Donald Trump. Sein Handeln, sein Nicht-Handeln, seine Militarisierung der Außenpolitik zum einen und sein Verschieben der US „foreign policy“ aus dem State Department hin zur Christlichen Rechte in den USA hat fatale Auswirkungen und langfristige Folgen für Afrika. Somaliland und Somalia sind davon massiv betroffen.

Kurz nach der Ankunft gab es das obligatorische Sicherheits-Briefing, danach wurde durchgesprochen, welche Projekte wir besuchen, welche Interviewpartner zur Verfügung stehen. Morgen geht es zuerst einmal mit dem Auto in den Osten des Landes. Einige Straßen sind so schlecht, dass wir lange Umwege fahren müssen. Am Golf von Aden streifen wir dabei nur vorbei. Leider bleibt keine Zeit für einen Sprung ins erfrischende Wasser, es ist brütend heiß in Somaliland.

Gerade sitze ich total übermüdet auf dem Dach vor meinem Zimmer. Bauarbeiter hämmern vor sich hin, Autos hupen, Ziegen mähen unten auf der Straße, spielende Kinder sind zu hören, ein paar Wolken ziehen am sonst klaren, blauen Himmel friedlich vorbei. Hargeisa ist eine boomende Stadt, die mehr und mehr wächst. Die unabhängige Republik Somaliland wird von keinem anderen Staat anerkannt. Irgendwie wurstelt sich die für autonom erklärte Region dennoch so durch, ohne große Hilfe aus dem Ausland und das seit gut 27 Jahren. Der Traum von der Unabhängigkeit scheint hier noch lange nicht ausgeträumt zu sein. Auch wenn es schwierig ist und bleibt, die Hoffnung auf eine eigene Zukunft für Somaliland lebt.

Trump und seine Afrikapolitik

Die Überschrift ist eigentlich falsch, denn Donald Trump hat keine Afrikapolitik. Das hat er nun auch in einem Tweet belegt. Zum ersten Mal überhaupt in seiner Amtszeit hat Trump das Wort „Africa“ benutzt. Und natürlich war der Grund dafür, dass der amerikanische Präsident von seinem Lieblingssender FoxNews „beraten“ wurde. In der Sendung hatte der Moderator Tucker Carlson über die Bestrebungen in Südafrika berichtet, weißen Farmern würden ihre Ländereien beschlagnahmt werden und es käme zu Morden an weißen Landbesitzern.

Der US Präsident übernahm einfach, ohne Prüfung und ohne Absprache mit seinem eigenen Außenministerium, die Worte von Carlson und tweetete das in die Welt hinaus. Sehr zum Gefallen von rechten Gruppierungen, darunter auch die AfD in Deutschland, die ja vor kurzem selbst einen dementsprechenden Antrag im Bundestag eingereicht hatte. Deren Mitglied im Auswärtigen Ausschusses und des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Anton Friesen, meinte dazu: „In Südafrika findet beinahe unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit eine gezielte Verfolgung einer ethnischen Minderheit statt. Die weißen Südafrikaner werden dort diskriminiert, vertrieben und getötet. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten sind über 70.000 weiße Südafrikaner umgebracht worden. Hundertausende sind mittlerweile aus ihrer Heimat geflohen.“ Es verwundert nicht, dass diese Zahlen nicht belegbar sind und genauso wie bei FoxNews und Donald Trump von einer rechts-nationalen Gruppierung in Südafrika stammen.

Das war also das erste Mal, dass Trump überhaupt von Afrika sprach. Zuvor waren es nur die „Shithole Countries“, aus denen Flüchtlinge kommen. Ansonsten überlässt Donald Trump dem Militär und der Christlichen Rechte im Land das weite Feld Afrika. In nahezu allen Ländern des afrikanischen Kontinents sind ohne großes Aufsehen und Wissen der amerikanischen Bevölkerung US Militärbasen installiert worden. Die Christliche Rechte dagegen bestimmt die Außen- und Entwicklungspolitik der USA in Afrika.

So wurden mit der erneut eingeführten „Mexico City Policy“, auch als „Global Gag Rule“ bekannt, Hilfsorganisationen (NGO) unter Druck gesetzt. Die MCP besagt, dass eine NGO, die amerikanische Steuergelder erhält, weder Abtreibungen durchführen, dafür werben oder Frauen an andere Einrichtungen, die Abtreibungen durchführen, verweisen darf. Wer das dennoch tut, bekommt kein Geld mehr aus den USA. Betroffen sind davon unzählige von Gesundheitskliniken und -zentren in zahlreichen afrikanischen Ländern, die u.a. auch im Bereich der HIV Prävention und Behandlung von Aids Patienten, in der Malaria Prävention und in der Versorgung von Kranken arbeiten. Wie es von verschiedenen Organisationen heißt, mussten bereits etliche Kliniken zwischen Mosambik und Kenia die Türen schließen, weil NGOs nicht die MCP unterschreiben wollten, damit Gelder für Kliniken aus den USA gekappt wurden. Betroffen davon vor allem internationale Hilfsorganisationen.

Doch all das geht an Präsident Donald Trump vorbei. „America First“ heißt für ihn ausschließlich den Blick auf die USA zu legen. Die amerikanischen Interessen in Afrika sind nicht unbedingt seine Interessen, von daher überlässt er diese gerne anderen in seinem Umfeld. Der Schaden der Trumpschen Politik in Afrika, in jenen „Shithole Countries“ wird daher erheblich sein.

Ein historischer Blick auf die Schweiz Afrikas

„Unvorbereitet, naiv und lebensfreudig hatte ich mich in mein Aufgabengebiet an der erst kurz zuvor eröffneten deutschen Botschaft in Kigali gestürzt und in dieser Zeit das Land als ein aufregendes und unterhaltsames Berufsabenteuer betrachtet„, schreibt Hans-Ulrich Duwendag in seinen Schlussgedanken im jüngst erschienenen Buch „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“. Duwendag war von 1966 bis 1972 für das Auswärtige Amt in Ruanda eingesetzt. Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal über ihn in der Nürnberger Zeitung berichtet, denn der heute 73jährige war in Ruand auch für die Auszahlungen des sogenannten „Ehrensolds“ an die letzten lebenden Askaris, die einstigen ruandischen Soldaten im kaiserlichen Heer, verantwortlich. Hans-Ulrich Duwendag machte damals seltene Fotos und Filmaufnahmen von seinen Treffen, die heute durchauss als historische Dokumente betrachtet werden können.

Nun hat er im agenda Verlag seine Erinnerungen an diese Jahre vorgelegt. Persönlich gehalten und doch äußerst wertvoll. Denn hier beschreibt ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, der nicht in der ersten diplomatischen Reihe stand, das Leben in einem unbekannten Land. Alle drei bis vier Jahre werden die entsandten AA-Mitarbeiter um die Welt geschicht. Es ist eine Bereicherung und eine Last zu gleich, wie das in den Erinnerungen Duwendags auch deutlich wird. Hier hat er seine Liebe zu Afrika entdeckt und doch sind da auch die Entbehrungen, die Schwierigkeiten, die Unanehmlichkeiten in einem Entwicklungsland, gerade in 1960er Jahren.

Hans-Ulrich Duwendags Buch ist jedoch mehr als ein persönlicher Erinnerungsband. In „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“ veröffentlicht er auch die Erinnerungen von Bruder Privatus von den Weißen Vätern, aufgezeichnet in einem Tonbandgespräch eines Mitbruders in den 1960er Jahren. Ein deutscher Missionar, der Ruanda in jahrezehntelanger Arbeit mitaufgebaut hat. Viele der Kirchen, Krankenhäuser, Schulen und Gesundheitsstationen im heutigen Ruanda wurden von den Weißen Vätern und Bruder Privatus errichtet. Angereichert sind die Erzählungen und Erinnerungen von Duwendag und dem Missonar durch viele Bilder aus dem privaten Archiv des Autoren und dem Archiv der Missionare. Fast alle davon wurden hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Allein durch die vielen Fotos erhält dieses Werk einen besonderen Wert.

Nürnberg hat eine direkte und besondere Verbindung zu Ruanda und der kurzen Kolonialgeschichte des deutschen Reiches auf dem afrikanischen Kontinent. Auf dem Johannisfriedhof, unweit des Grabes von Nürnbergs bekanntestem Sohn Albrecht Dürer entfernt, findet man die letzte Ruhestätte von Richard Kandt, dem ersten kaiserlichen Residenten in Ruanda und dem Begründer der Hauptstadt Kigali. Bruder Privatus lernte Kandt nicht mehr persönlich kennen, denn bei seiner Ankunft 1914 war der kaiserliche Resident gerade auf Heimaturlaub. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte Kandt und verhinderte eine Rückkehr nach Ruanda.

Wer Interesse an Ruanda, an Afrika, an Geschichte, an Reisen und Leben vor dem Internetzeitalter hat, dem sei dieses Buch mit in den Lesesessel gegeben. „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“ ist im agenda Verlag für 17,90 Euro erschienen.

 

Gelandet und doch nicht angekommen

Im Landeanflug auf den Flughafen von Hargeisa, Somaliland. Die Landschaft weit, leer und sehr trocken.

Ich bin da und doch ist noch alles so weit weg. Der Anflug auf Hargeisa zeigte ein Land, das schon immer mit der Trockenheit zu kämpfen hatte. Viel Wasser gab es hier noch nie, doch die Menschen haben sich angepasst. Die aktuelle Situation bedeutet jedoch eine Krise, die nur sehr schwer zu fassen ist.

Gleich in vier Ländern haben die Vereinten Nationen einen „Famine“, eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Betroffen sind geschätzte 20 Millionen Menschen. Das hat eine Dimension erreicht, die kaum noch zu kontrollieren ist. Allein diese Zahl sagt aus, dass viele Menschen sterben werden. Denn die koordinierten Hilfsmaßnahmen, die umgehend anlaufen müssten, bleiben aus. Die USA als wichtigster „Donor“ der UN ziehen sich zurück. In Europa, so scheint es, blickt man mehr auf die eigenen Probleme, die Flüchtlingskrise, der Brexit, anstehende Wahlen. Bereits im Februar hatten führende Politiker am Horn von Afrika auf die drohende Katastrophe hingewiesen und einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Viel ist nicht passiert. Bis Ende Juli müssten vier Milliarden Euro zusammen kommen, bislang sind es gerade mal zehn Prozent davon. Die Türkei, als eines der wenigen Länder, startete eine direkte Soforthilfe. Doch das langt einfach nicht aus. Die drohende Hungerkatastrophe in gleich mehreren afrikanischen Ländern und im Jemen darf nicht ausgesessen werden.

Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen sind hier in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia vor Ort, darunter auch CARE, die schon lange am Horn von Afrika aktiv und über lokale Organisationen sehr gut vernetzt sind. Das zahlt sich nun aus. In den kommenden Monaten sollen „1,6 Millionen Menschen mit Wasser, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in den am stärksten betroffenen Regionen“ versorgt werden. Doch auch dafür wird viel Geld gebraucht. Ich wurde in den letzten Wochen und Tagen mehrfach gefragt, wohin man Geld spenden sollte, wenn man helfen möchte. Meine Antwort war und ist immer die gleiche, gerade weil ich seit ein paar Jahren mehrfach mit CARE unterwegs war, im Kongo, im Tschad, im Niger und eben mehrmals am Horn von Afrika, und so direkt die Arbeit dieser Hilfsorganisation vor Ort und ihre Projekte sehen konnte. Von daher hier der Link zu CARE Deutschland.

Dieses Ziel von CARE, 1,6 Millionen Menschen zu erreichen, zeigt allerdings auch, dass es nicht nur der Hunger ist, der hier tödlich zuschlägt. Die Wasserknappheit, die Dürre führt im vierten Jahr erneut zum Ausfall der Ernte. Doch auch das Vieh stirbt, aus Mangel an Nahrung und Wasser. Damit wird die Zukunft Hunderttausender Somalier mittel- und langfristig vernichtet. Hinzu kommt, dass die Menschen in den ländlichen Gegenden Wasser aus verseuchten Pfützen nutzen, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. CARE spricht von einem Kampf an mehreren Fronten und das in einem Land, dass in weiten Teilen im Chaos und im Terror versinkt.

Zu helfen ist schwer und dann auch wieder nicht. Zumindest müssen die, die hier vor Ort helfen wollen und können, die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Sofort- und Nothilfe umzusetzen. Eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe loszutreten, wie mir dies ein Vertreter der sogenannten AfD aufs Auge drücken wollte, halte ich an diesem Punkt für mehr als zynisch. Es gibt Möglichkeiten zu helfen, nutzen wir sie.

Ich schalt‘ mein Radio an

Heute am 13. Februar ist der Welttag des Radios. Und der sollte beachtet werden, denn Radio ist nicht nur 30 Jahre Lokalfunk in Nürnberg, ist nicht nur die abstrakte Diskussion über Digitalisierung und trimediale Berichterstattung. Radio lebt und ist wichtiger denn je.

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Afrika ist der Kontinent des Radios. Das hat viele Gründe, einer der wohl wichtigsten ist, dass die Kosten in der Technologie und Produktion, aber auch die Kosten des Empfangs deutlich unter denen des Fernsehens und der Printmedien liegen. Hinzu kommt, dass die Verbreitung von Radiosendungen um ein vielfaches einfacher ist, als die Fernsehübertragung. Radiogeräte und seit ein paar Jahren “smart phones” mit der Möglichkeit Radioprogramme zu empfangen sind weit verbreitet. Was darüberhinaus in afrikanischen Ländern ausschlaggebend für die Beliebtheit des Radios ist, ein großer Teil der Bevölkerungen in zahlreichen Staaten kann weder lesen noch schreiben. Sie beziehen ihre Informationen und Nachrichten vor allem über den Hörfunk.

Während in Nordamerika und Europa seit Jahren vom Ende des Hörfunks gesprochen wird, boomt der Radiomarkt in Afrika. Seit den 90er Jahren kamen neben den Staatsrundfunkanstalten immer mehr Privatsender und auch Community Stationen hinzu. Darüberhinaus strahlen nach wie vor internationale Anbieter, wie die BBC, die Deutsche Welle oder auch Radio France International ihre Rundfunkprogramme in verschiedenen Sprachen aus. Radio ist zu einem “vertrauten und weit verbreiteten Medium in den Industrienationen geworden und zur gleichen Zeit hat es die entlegensten Regionen in den ärmsten Ländern der Welt erreicht.” (DFID – Department for International Development, UK)

Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, auf dem “Human Development Index” der Vereinten Nationen nimmt das Land regelmäßig den letzten Platz ein, die Fertilitätsrate von 6,89 (2014) ist die höchste weltweit, 74 % der Männer und 90 % der Frauen sind Analphabeten, die Kinderarbeit ist weit verbreitet. Die Probleme im Land bedingt durch den Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Desertifikation und die Terrorgefahr von außen wachsen stetig an.

Eierkartons an der Wand helfen gegen den Hall im Sendestudio.

Auf meiner jüngsten Reise in den Niger konnte ich auch wieder einen Sender im südlichen Teil des Landes besuchen. Community Stationen, offene Kanäle, Bürgerfunk und College Sender liegen mir seit jeher sehr am Herzen. Meine eigene Radiosendung “Radio Goethe” wird seit über 20 Jahren auf Dutzenden solcher Sender in sechs Ländern ausgestrahlt. Mein beruflicher Werdegang als Hörfunkjournalist begann beim nichtkommerziellen Sender “Radio Z” in Nürnberg.

NIYYA FM in Tchadoua ist eine Community Station, wie es sie viele im Niger gibt. Doch hier werden neben Musik, Nachrichten und Unterhaltungssendungen auch Gesundheitsprogramme ausgestrahlt. Das sind mal “Public Service Announcements” (PSA), kurze 1-2 minütige Spots zu verschiedensten Gesundheitsthemen, das sind Talk-Sendungen mit Fachleuten und Höreranrufen, das sind Beiträge und „Soap Operas“, in denen wichtige Themen aufgegriffen werden. Und die reichen von der Familienplanung über hygienische Standards im Haushalt bis hin zu Ernährungstipps und Behandlungsmethoden bei Erkrankungen. Der interessante Aspekt war und ist dabei, dass nicht eine NGO auf die Idee für diese Programminhalte gekommen ist, sondern vielmehr die Frauen im Sendegebiet an die Station herangetreten sind und darum gebeten haben.

Den Frauen ging es darum, wichtige Informationen für ihr alltägliches Leben zu erhalten, um diese umsetzen zu können. Unterstützt werden die Sender und die Programme von mehreren internationalen NGOs, wie CARE, in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfsorganisationen. Im Niger gibt es zahlreiche Community Stationen, die ähnliche Programme wie NIYYA ausstrahlen und die belegen, wie wichtig nach wie vor Radio ist. An diese Sender sollte man heute am Welttag des Radios denken. An jene Stationen, die mit wenig Mitteln sehr viel erreichen. Radio ist ein einfacher und direkter Weg Nachrichten und Informationen zu verbreiten.

„Back to Reality“

nigerDa bin ich wieder in meinem richtigen Leben. Die Tage im Niger waren schnell rum, dieser Blick in eine ganz andere Welt, ein anderes Leben, eine andere Kultur. Klimawandel, Unterernährung, Desertifikation, Terrogefahr. Alles ist wieder soweit weg, obwohl es für die Menschen dort der Alltag ist. Und doch, so eine Reise erdet mich immer aufs Neue. Es ist seltsam, ich sehe wieder vieles in meinem „normalen“ Leben mit anderen Augen.

Der US Wahlkampf dauert an und hat mal wieder eine neue Richtung eingeschlagen. In den Umfragen liegen Trump und Clinton nun fast gleich auf, doch wer schaut eigentlich noch auf diese Umfragen? In Europa ist nun der Vertrag zwischen der EU und Kanada unterschrieben worden. In Italien bebt die Erde. Der Krieg in Syrien geht weiter.

Ich überlege, wie ich das, was ich im Niger erlebt und gesehen habe in Artikel und Radiobeiträge verarbeiten kann. Und vor allem, wie ich dafür Interesse schaffen kann. Der Niger und seine Probleme sind weit weg. Ein Land von vielen in Afrika. Armut, Elend, Hunger, Terror, Krisen. Nichts Neues also und doch ist es wichtig, zumindest empfinde ich es so, dass man den Blick über den Tellerrand hinaus wagt. Was mir auf dieser Reise immer wieder deutlich gemacht wurde, ist, die Krise im Niger ist zu bewältigen. Der Hunger, die Unterernährung, die Anpassung an die verschärften klimatischen Bedingungen und selbst die Terrorgefahr im Land, all das sind Probleme, die gemeistert werden können. Die Menschen dort wollen nicht weg aus ihren Dörfern und Städten, ihrem Land. Sie wollen bleiben in ihrer Heimat und stellen sich den Herausforderungen. Der Niger ist zwar Durchgangsland für viele Flüchtlinge in Richtung Europa, doch kaum eine Nigrerin und ein Nigrer schließen sich dem langen Treck nach Norden an.

Es wird gelacht bei der Zubereitung eine nahrhaften Hirsebreis für unterernährte Kleinkinder.

Es wird gelacht bei der Zubereitung eines nahrhaften Hirsebreis für unterernährte Kleinkinder. Zutaten sind Hirse, Wasser, Milch und Erdnussöl.

Die Probleme sind zu bewältigen, das ist das Fazit dieser Reise in den Niger. Das kann ich für die Situation in meiner Wahlheimat USA nicht sagen. Mit dem Wahltag am 8. November wird kein Ende des Politklamauks erreicht, dann geht es erst richtig los. Ich will mir das Land unter einem Präsidenten Donald Trump gar nicht vorstellen. Mit Hillary Clinton im Weißen Haus werden die Gräben in den USA nur noch tiefer werden. Schon jetzt kündigen die Republikaner im Kongress an, die Demokratin mit Untersuchungsausschüssen zu überhäufen. Dazu kommt noch die große Frage, was Donald Trump selbst und seine Millionen Unterstützer im Falle einer Niederlage machen werden. Es ist schon seltsam, wenn man im ärmsten Land der Welt mehr Hoffnung und Zuversicht finden kann, als in der führenden Nation der Welt.