Der fehlerlose Trump

Donald Trump dreht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Sogar den Tod von vier US Soldaten im Niger will Trump für sich nutzen. Erst reagiert er gar nicht darauf, kein Ton an die Öffentlichkeit und schon gar nicht an die Angehörigen, wartet 12 Tage ab, um dann auf die Frage eines Reporters zu antworten, dass er das sowieso viel besser mache als Barack Obama und all seine Vorgänger. Er schreibe Briefe an die Hinterbliebenen, manchmal rufe er auch an, aber er mache viel mehr und alles viel besser als alle Präsidenten vor ihm. Ist klar! weiter lesen

Das kulturelle Drehkreuz Somalia

Wer an Musik aus Afrika denkt, dem fallen Musiker aus dem Senegal, Nigeria oder Südafrika ein. Die Weltmusik hat ihre afrikanischen Stars. Eine Region Afrikas wird dabei gerne übersehen. Nicht nur, dass Teile Somalias seit über 25 Jahren im Chaos versinken, es gab auch noch nie eine funktionierende Plattenindustrie. Welch musikalischen Reichtum es jedoch am Horn von Afrika gibt, das zeigt nun ein neues Album “Sweet as broken dates”.

Hargeisa, die Hauptstadt der unabhängigen, doch international nicht anerkannten Republik Somaliland. In einer Seitenstrasse, etwas versteckt liegt das Kulturzentrum der Stadt. Der Leiter heisst Jama Mussa Jama, selbst Autor, der lange Jahre in Italien lebte. Nun versucht er mit dieser Einrichtung den Kulturschaffenden in Somaliland einen Platz zu bieten. Bei meinem Besuch in seinem Büro fiel mir gleich eine Wand voller Kassetten auf. Hunderte von Tapes. Aufgezeichnet sind Gedichte und Geschichten somalischer Autoren und Lieder von Musikern. In der somalischen Gesellschaft gab und gibt es kaum Bücher und auch keinen professionellen Musikmarkt, alles wurde mündlich weitergegeben oder bei Live-Konzerten mitgeschnitten.

Hier in diesem Büro lagert ein Schatz der somalischen Kultur, auf den auch der 31jährige Vik Sohonie, Betreiber des New Yorker Indie Labels Ostinato Records, auf Umwegen aufmerksam gemacht wurde. Er war, so Sohonie, für ein neues Album auf der Suche nach somalischer Musik: „Wir hatten sehr gute Kontakt zur somalischen Diaspora in den USA und Europa aufgebaut. Immer mal wieder bekamen wir ein paar Kassetten geschickt, darauf ein, zwei gute Lieder. Aber es war nichts besonderes darunter. Bis uns einer mal sagte, wir sollten mit Jama Mussa Jama sprechen, der ein Archiv von 10.000 Kassetten habe. Und wir wussten gleich, das ist eine Goldmine. Wir kontaktierten ihn also, erklärten, was wir vorhatten und er war sofort offen dafür.“

Im Kulturzentrum von Hargeisa war in den vergangenen Jahren das vertraute musikalische Erbe Somalias wieder zusammen getragen worden. Sohonie und sein Partner reisten mit dem Ziel nach Hargeisa, in vier Wochen so viel Musik wie möglich zu digitalisieren. Es wurde eine Reise in eine bis dahin unbekannte Musikwelt: „Jedem, den wir trafen, erzählten wir, was wir machen und fragten nach, wer ihre Lieblingsmusiker und -sänger von Hargeisa, von Puntland, von Mogadischu waren? Welchen Musikstil, sie mögen? Wir haben so eine unglaubliche “Road Map” zusammengestellt. Am Ende der Digitalisierung im Archiv wussten wir ziemlich viel über die Musikszene, die Gruppen, die Genres und die Epochen. So konnten wir alles richtig einordnen und kamen am Ende mit einem wahren Schatz zurück.“

Für Vik Sohonie hat die somalische Musikszene so viel zu bieten, wie kaum eine andere, denn Somalia war lange Zeit eine offene, multikulturelle, eine tolerante Gesellschaft, in der die vielen Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen zusammen trafen. „Man sieht das heute nicht mehr in der Berichterstattung, aber man kann es in der Musik hören, im Essen schmecken, in der Sprache hören. Es gibt in der somalischen Sprache Wörter aus dem Chinesischen, aus dem Hindi, Arabische Wörter. Jeder Teil der somalischen Kultur hat eine alte Geschichte, und die Musik ist da nicht anders.“

Tonbänder im Archiv von Radio Hargeisa. Foto: Peltner.

Nach dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre 1991, erklärte sich die einstige britische Kolonie Somaliland für unabhängig. Schon zuvor gab es Spannungen zwischen dem Regime in Mogadischu und der Region im Nordwesten des Landes, die dazu führten, dass Barre 1988 die eigene Luftwaffe gegen Aufständische in Somalialand fliegen ließ. Doch zuvor hatten Mitarbeiter von Radio Hargeisa die Weitsicht viele der Musikbänder aus dem eigenen Archiv in Sicherheit zu bringen. „Die ersten Bombenziele waren Radio Hargeisa, denn es war das Kommunitkationszentrum der Rebellen. Sie wussten also, dass die Bomben kommen werden und ein paar Radioleute vergruben viele der Tonbänder, darauf Live-Mitschnitte von Musikern. Erst kürzlich hätten sie wieder welche ausgegraben. Doch sie haben vergessen, wo viele dieser Bänder versteckt wurden, nur einige konnte sie bislang wiederfinden.“

“Sweet as broken Dates” ist eine Sammlung aus Liedern dieser Kassetten und Tonbänder aus dem Kulturarchiv der somaliländischen Hauptstadt und von Radio Hargeisa, die lange als vermisst gegolten haben. Sie präsentieren ein Land, das offen für viele Einflüsse war, ein Drehkreuz der Kulturen. Dieses Album wirft ein ganz neues Licht auf eine Region, die die meisten von uns nur mit Terror, Krieg und Elend in Verbindung bringen. Es zeigt die menschliche Seite dieser reichen Kulturregion am Horn von Afrika.

„Sweet as broken Dates“ erscheint auf Ostinato Records. Auf der Webseite des Labels kann man einige Songs hören.

 

Ein historischer Blick auf die Schweiz Afrikas

„Unvorbereitet, naiv und lebensfreudig hatte ich mich in mein Aufgabengebiet an der erst kurz zuvor eröffneten deutschen Botschaft in Kigali gestürzt und in dieser Zeit das Land als ein aufregendes und unterhaltsames Berufsabenteuer betrachtet„, schreibt Hans-Ulrich Duwendag in seinen Schlussgedanken im jüngst erschienenen Buch „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“. Duwendag war von 1966 bis 1972 für das Auswärtige Amt in Ruanda eingesetzt. Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal über ihn in der Nürnberger Zeitung berichtet, denn der heute 73jährige war in Ruand auch für die Auszahlungen des sogenannten „Ehrensolds“ an die letzten lebenden Askaris, die einstigen ruandischen Soldaten im kaiserlichen Heer, verantwortlich. Hans-Ulrich Duwendag machte damals seltene Fotos und Filmaufnahmen von seinen Treffen, die heute durchauss als historische Dokumente betrachtet werden können.

Nun hat er im agenda Verlag seine Erinnerungen an diese Jahre vorgelegt. Persönlich gehalten und doch äußerst wertvoll. Denn hier beschreibt ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, der nicht in der ersten diplomatischen Reihe stand, das Leben in einem unbekannten Land. Alle drei bis vier Jahre werden die entsandten AA-Mitarbeiter um die Welt geschicht. Es ist eine Bereicherung und eine Last zu gleich, wie das in den Erinnerungen Duwendags auch deutlich wird. Hier hat er seine Liebe zu Afrika entdeckt und doch sind da auch die Entbehrungen, die Schwierigkeiten, die Unanehmlichkeiten in einem Entwicklungsland, gerade in 1960er Jahren.

Hans-Ulrich Duwendags Buch ist jedoch mehr als ein persönlicher Erinnerungsband. In „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“ veröffentlicht er auch die Erinnerungen von Bruder Privatus von den Weißen Vätern, aufgezeichnet in einem Tonbandgespräch eines Mitbruders in den 1960er Jahren. Ein deutscher Missionar, der Ruanda in jahrezehntelanger Arbeit mitaufgebaut hat. Viele der Kirchen, Krankenhäuser, Schulen und Gesundheitsstationen im heutigen Ruanda wurden von den Weißen Vätern und Bruder Privatus errichtet. Angereichert sind die Erzählungen und Erinnerungen von Duwendag und dem Missonar durch viele Bilder aus dem privaten Archiv des Autoren und dem Archiv der Missionare. Fast alle davon wurden hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Allein durch die vielen Fotos erhält dieses Werk einen besonderen Wert.

Nürnberg hat eine direkte und besondere Verbindung zu Ruanda und der kurzen Kolonialgeschichte des deutschen Reiches auf dem afrikanischen Kontinent. Auf dem Johannisfriedhof, unweit des Grabes von Nürnbergs bekanntestem Sohn Albrecht Dürer entfernt, findet man die letzte Ruhestätte von Richard Kandt, dem ersten kaiserlichen Residenten in Ruanda und dem Begründer der Hauptstadt Kigali. Bruder Privatus lernte Kandt nicht mehr persönlich kennen, denn bei seiner Ankunft 1914 war der kaiserliche Resident gerade auf Heimaturlaub. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte Kandt und verhinderte eine Rückkehr nach Ruanda.

Wer Interesse an Ruanda, an Afrika, an Geschichte, an Reisen und Leben vor dem Internetzeitalter hat, dem sei dieses Buch mit in den Lesesessel gegeben. „Tarzan, ein Missionar und zwölf Askaris“ ist im agenda Verlag für 17,90 Euro erschienen.

 

Der Morgenkaffee von Donald Trump

Irgendwas war wohl wieder im Kaffee von Donald Trump, denn am Morgen kam eine weitere Latte von Tweets geflogen. Siebenmal drückte Trump auf den „Send Button“, sechs eigene und eine weitergetweetete Fanmail. Die Zeiten als Trump zumindest noch erklärte, er wolle der Präsident aller Amerikaner sein ist lange vorbei. Nun gibt es nur noch Angriff. Dabei hat Trump ausschließlich seine Anhänger im Blickwinkel. Der Versuch eines überparteilichen Dialogs scheitert schon an der Wortwahl des Präsidenten. In 140 Zeichen tritt er fast allmorgendlich kräftig nach. Hillary, Obama, Fake News, alles Themen, die er nicht einfach so links liegen lassen kann. Darüber definiert sich Trump, daran – man will schon fast das „G“ Wort benutzen – baut er sich auf, und das zum Jubel seiner Anhängerschaft.

Donald Trump ist der Totengräber Washingtons. Er erklärt zwar immer wieder, er sei ein politischer Außenseiter, ein „Deal Maker“, der einzige, der den Washington Sumpf trockenlegen könne, aber er versucht das mit noch mehr Gräben durchs ganze Land zu erreichen. Trump spaltet Tag für Tag. Und oftmals wirkt es so, als ob der Donald nur im Weißen Haus sitzt, um sich und seine Familie und seine Kumpels noch weiter zu bereichern. Amerika verliert mit diesem Präsidenten endgültig das, für was das Land einmal stand. Auf meinen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden werde ich immer wieder gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass die USA nach Barack Obama jemanden wie Donald Trump wählten. Einen Mann, der so gar nicht für das steht, was Obama darstellte. Natürlich hatte auch Barack Obama seine Fehler, man denke nur an die Eskalation des Drohnenkrieges, an die massiven Abschiebungen illegaler Einwanderer nach Mexiko. Aber so deutlich wie Trump hat noch niemand anderen ins Gesicht gespuckt. Langjährigen Partnern genauso wie Millionen von Menschen, die auf die Hilfe Amerikas angewiesen sind. Wer während einer massiven Hungerkatastrophe in mehreren Ländern Afrikas vorschlägt, das Budget für die Entwicklungshilfe drastisch zu kürzen, und das im Namen von „America First“, der spricht eine deutliche Sprache. Wer „Jobs, Jobs, Jobs“ predigt und dafür die Welt mit „wunderschönen amerikanischen Waffen“ überzieht und internationale Verträge, darunter wichtige Umweltschutzmaßnahmen einfach aushebelt, wer mit Lügen, Anfeindungen und verbalen Tiefschlägen regiert, der ist kein „Uniter“, sondern schlichtweg ein Spalter.

 

Die Lage am Horn von Afrika ist mehr als angespannt

Zum Ende meiner Reise ans Horn von Afrika interviewte mich ein Netzwerk an Schweizer Lokalradios für einen Aktionstag am kommenden Dienstag. An diesem Tag soll auf die aktuelle Krise in Somalia, Somaliland und der Region hingewiesen und Spenden für die betroffene Bevölkerung gesammelt werden. Hier das Interview im Wortlaut:

Arndt Peltner, Sie sind ans Horn von Afrika gereist, nach Somaliland und Puntland in Somalia, wie ist Ihr Eindruck?

– In der unabhängigen Republik Somaliland und auch in Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, ist die Situation mehr als angespannt. Mitte März hätte bereits die aktuelle Regenzeit beginnen müssen, doch bislang ist kaum Regen gefallen. Das ist nun bereits die vierte ausbleibende Regenzeit in Folge, und das bedeutet, die Böden sind ausgetrocknet. Flüsse, Bäche, Seen existieren nicht mehr. Das sieht man gerade, wenn man über das Land fliegt, es gleicht einer kargen Mondlandschaft. Die Weideflächen sind nicht mehr existent, Zweidrittel des Viehs, also Ziegen, Kamele und Rinder sind bereits verendet. Wir reden hier von etwa 10 Millionen Stück Vieh. Überall wohin man hier fährt, sieht man tote Tiere am Straßenrand. Es ist ein Bild des Schreckens.

Die 45jährige Sahra Hawadle Diiriye hat fast ihre gesamte Herde von 500 Ziegen verloren.

Was können die Regierungen in Somaliland, in Puntland und Zentral-Somalia, was können Hilfsorganisationen tun?

– Sie versuchen ihr bestes. Die Regierungen hier haben kaum Eigenmittel, um die Krise in den Griff zu bekommen. Das Problem ist, dass die somalische Bevölkerung zum großen Teil nomadisch lebt, also mit ihren Tieren umher zieht. Derzeit wird versucht die Menschen zu erreichen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Das heißt, Tanklaster mit Wasser fahren bis zu einhundert Kilometern weit, um Wasser in entlegene Gegenden und zu den Bedürftigen zu bringen. Dazu Lebensmittel, wie Mehl, Reis, Zucker. Das alles in einer Hitze von 35, 36, 37 Grad. Die Stammesältesten sprechen hier von der schlimmsten Dürre in über 50 Jahren. Die letzte Dürre in Somalia, 2011, forderte über 200.000 Tote. Doch diese Dürre und ihre Folgen war nur in einigen Regionen des Landes zu spüren. Die aktuelle Krise erfasst das ganze Land. Wir reden hier von der Hälfte der Bevölkerung, die betroffen ist, über sechs Millionen Menschen.

Somalia kennen wir nur aus den Schlagzeilen, ein gescheiterter Staat, der im Chaos und Terror versinkt. Ist das der Grund für die derzeitige Krise?

– Es ist auch ein Grund, in den vergangenen Jahren konnte wenig an der Infrastruktur gearbeitet werden, die präventiv wirken könnte. Und für mich als westlicher Besucher bedeutet das immer, mit bewaffnetem Begleitschutz unterwegs zu sein. Aber der Hauptgrund ist vor allem die anhaltende Dürre. Das Wetterphänomen El Niña hat weite Teile Ostafrikas fest im Griff, der Regen bleibt aus. Somalia und auch die umliegenden Länder sind betroffen, wie der Osten Äthiopiens und der Norden Kenias. Im großen und ganzen erreichen die Hilfsorganisationen die Bedürftigen, nur in einigen Teilen im Süden des Landes, in denen die Al Shabaab Milizen die Kontrolle haben, ist die Situation ganz dramatisch, denn dort erreicht die Hilfe die Menschen nicht. Es ist für die NGOs zu gefährlich dort im Einsatz zu sein.

Wie schlimm ist die Lage?

– Ich kann es nicht deutlich genug sagen. Wenn es nicht innerhalb von wenigen Wochen regnet und vor allem gut regnet, werden sich hier am Horn von Afrika dramatische Szenen abspielen. Schon jetzt kann man die Zeichen deutlich sehen. Millionen von Ziegen, Kamelen und Rindern sind verendet, die Kadaver liegen an den Straßen. Damit breiten sich Krankheiten aus, Fälle von Cholera wurden schon vermeldet. Hinzu kommt die Unterversorgung vor allem der nomadischen Bevölkerung, der Hirten, die in dieser Krise alles verloren haben. Ich war vor ein paar Tagen in einer abgelegenen Siedlung von Hirten, irgendwo im Nirgendwo von Puntland. Alle Kinder dort sind unterernährt, werden derzeit mit Hilfe von Organisationen wie CARE aufgepäppelt. Noch spricht man von „Medium Acute Malnourishment“, also einer noch im Grenzbereich befindlichen Unterernährung. Aber die Lage spitzt sich zu. Wenn sich der Status von „Medium“ auf „Severe“, auf massiv oder schwer, verändert, muss innerhalb von 72 Stunden gehandelt werden. Und das ist eine Aufgabe, die in einem Land wie Somalia fast unlösbar erscheint. Auch wenn keiner offen darüber reden will, die Planungen für den schlimmsten Fall laufen bereits. Doch dafür braucht man jetzt die nötigen Mittel vor Ort.

Man muss sich schon fragen, warum es überhaupt so weit kam, hätte man sich besser auf die Krise vorbereiten können? Die Dürre kam ja nicht über Nacht?

– Das stimmt, die Dürre hat sich lange angekündigt. Derzeit bleibt bereits die vierte Regenzeit aus, und das in einem eher unwirtlichen Land. Fehlender Niederschlag wird hier gleich zu einer Katastrophe. Doch man hat aus der letzten Hungerkrise 2011 durchaus gelernt. Die Koordination zwischen den Regierungsstellen und den NGOs wurde verbessert. Die Warnzeichen wurden frühzeitig erkannt und auch weitergegeben, auch an die UN. Als ich im Herbst 2015 durch Somaliland und Puntland reiste, war die Lage bereits angespannt. Damals verendeten zwar noch keine Tiere, aber viele Ernten blieben aus. Die Regierungen und Hilfs-Organisationen waren gewarnt, aber Somalia, das seit 1991 in den internationalen Medien vor allem als Krisen- und Chaosstaat beschrieben wird, war nicht so auf dem Radarschirm, wie es hätte sein sollen. Syrien, die Flüchtlingskrise, Ebola, die Wahl in den USA und nun die Hungerkatastrophen in Nigeria, im Südsudan, im Jemen….Somalia spielte da nur eine untergeordnete Rolle in den Medien, aber auch bei den Spendern. Jetzt versucht man eben vor Ort den Fokus auf dieses geschundene Land zu legen. Und es muß schnell gehen.

Sie haben auf ihrer Reise durch Somaliland und Puntland mit vielen betroffenen Menschen gesprochen. Wie gehen sie damit um?

– Die Menschen kennen das Land und seine Bedingungen. Es ist trocken, Wüste, Dürren gehören hier dazu, immer mal wieder kommt es zu Hungerkatastrophe. Aber die Dimension ist diesmal eine andere. Das ganze Land ist betroffen. Und dennoch, ich war in Ansiedlungen von Flüchtlingen, die alles verloren haben, von der Hand in den Mund leben, die mir aber sagten, sie werden auch diese Krise überstehen. Sie hoffen auf Allah und auf die internationale Hilfe, die sie durch diese schwierige Zeit bringen und ihnen hoffentlich anschliessend einen Neustart als Viehzüchter ermöglichen werden. Die derzeitige Situation ist also nicht mit etwas Regen bewältigt. Die medizinische Versorgung für die Menschen und die Tiere muß mittelfristig gewährleistet werden, sie werden einen Neustart brauchen, die Mittel dafür müssen von außen kommen. Wenn man hier die Alten fragt, die ihr Leben lang Vieh gezüchtet haben, Somalia in und auswendig kenne, wenn man sie fragt, wird der Regen noch kommen, sagen sie, mit einem Lächeln und einem Schulterzucken: Insh’Allah….wenn Gott will.

„Hast Du schon Kokain geraucht“

Die MiG erinnert an den Krieg gegen die Armee des somalischen Präsidenten Siad Barre.

Der letzte Tag in Somaliland. Nach einem Austag am Freitag, standen heute morgen noch zwei Interviews an. Mit dem Religionsminister Sheikh Khalil Ahmed Abdi und Professor Ahmed Ibrahim Awale von der „University of Hargeisa“. Der eine berichtete über die Krise aus religiöser Sicht, der andere aus einer umweltpolitischen. Der Minister betonte, wie die islamischen Gemeinden enger zusammen rücken, die Moscheen im ganzen Land als wichtige Zentren für Bedürftige gesehen und genutzt werden. Der Professor dagegen berichtete von den drohenden Verlusten. In seinem Büro ein Plakat mit etwa 30 verschiedenen Eidechsen, die hier im Wüstensand zu finden sind. Keiner weiß, wie viele von ihnen und wie viele der anderen Tierarten die Dürre überlebt haben und überleben werden. 3000 Pflanzenarten habe es hier in Somaliland und am Horn von Afrika gegeben. Was davon noch übrig bleiben wird ist unklar.

Am Nachmittag machte ich mich dann auf den Weg in die Innenstadt zum Kriegsdenkmal, eine alt MiG auf einem Sockel. Darum herum sitzen viele Männer und palavern. Direkt am Sockel im Schatten ein paar Ziegen, oben drauf hocken Tauben und gurren vor sich hin. Die Stadt pulsiert, obwohl es am frühen Nachmittag drückend heiß ist. Ich laufe durch die Gegend, biege in die engen Gänge des überdachten Marktes ein, ein ständiges „Hi, how are you?“ folgt mir vorbei an den Ständen. Der eine will mir Schuhe anbieten, der andere Stoffe, wieder ein anderer meint, ich bräuchte unbedingt neue Töpfe.

Eine Hauptstraße in Hargeisa.

Ich bin der einzige „Tourist“ weit und breit. Mit meiner hellen Hautfarbe falle ich gleich auf. Junge verschleierte Frauen grinsen sich einen und flüstern sich was zu. Männer schauen mich an, als ob ich die rosafarben Flip Flops aus dem Hotelzimmer auf dem Kopf tragen würde. Der Verkehr im Zentrum ist ein einziges Gehupe, ein wildes Durcheinander. Die Straßen sind nur teilweise geteert. Schlaglöcher ohne Ende. Ziegen, Esel, einige Straßenhunde und ein Gewusel an Menschen, die Handel betreiben, einkaufen oder mit einer Tüte Qadsträucher durch die Gegend laufen. Qad ist die Volksdroge. Alkohol gibt es hier nicht, aber an jeder Ecke verkaufen sie die Blätter, die aus Äthiopien kommen. Ein Gekaue ist das. Ziegen stehen vor den Qad Buden und fressen die Reste, auch sie mögen wohl den Rausch.

In einem Straßencafe setze ich mich hin, bestelle mir einen somalischen Tee für 10 Cent und genieße den Moment. Kaum sitze ich, spricht mich der erste an. Mit ein paar Brocken Englisch will er wissen woher ich komme. „Oh, Germany….good“ und er streckt den Daumen nach oben. Ein anderer setzt sich fast neben mich mit einer Qadtüte und bietet mir welche an. „No, thank you“. „Try“. „No, thank you“. Er erzählt mir, dass er schon in Dänemark gelebt hat und Deutschland sehr mag, dort habe er viel Bier getrunken, „Amstel“. „It’s from Holland“. „No, German“. Ok! Und dann meint er, er war auch schon in Holland. „You smoke Kokain?“ „No“. „Why not?“. Ich sag’s ihm auf Deutsch: Nix für mich.

Er redet weiter, vieles verstehe ich nicht, irgendwann hat er dann wohl genug von mir und zieht von dannen. Ich hole mir noch einen Tee, schaue mir in aller Ruhe die Leute und das bunte Treiben an. Ein schöner Ausklang einer sehr intensiven Reise. Und irgendwie, trotz allem, was ich hier gesehen und erlebt habe, bin ich dankbar dafür hier zu sein. Die Möglichkeit zu haben, andere Länder, Kulturen und Menschen kennenzulernen, die ich wohl sonst nie kennenlernen würde. Es ist immer auch ein bißchen meinen eigenen Horizont zu erweitern. Und das ist das Schöne an meinem Beruf.

Eine Dürre wie seit 50 Jahren nicht mehr

„Wir haben die Stammesältesten in Puntland gefragt, und keiner konnte sich an so eine Dürre erinnern“, meinte Dr. Abdullahi Abdirahman Ahmed, General Manager der „Humanitarian Affairs and Disaster Management Agency“ (HADMA) in Puntland. „Wir reden hier nicht von ein, zwei, drei Regionen. Das ganze Land ist betroffen.“ Abdullahi zeichnet ein katastrophales Bild im NZ-Interview von der Situation in Puntland. Die Regierung und die Hilfsorganisationen im Land ständen vor einer fast unlösbaren Aufgabe, sagt er.

Über eine Piste geht es ins Dorf Uskure.

CARE ist seit 25 Jahren in Somalia. „Sie tun was sie können“, meint der Chef von HADMA. Aber er sehe die Spendenmüdigkeit, die die Arbeit von NGOs erst ermöglicht. „Uns rennt die Zeit davon. Seit Mitte März ist die Regenzeit angebrochen, doch es gab so gut wie keinen Niederschlag. Wenn bis Ende April, Anfang Mai kein Regen fällt, werden viele, viele Menschen sterben.“ Ihre Tiere haben viele Farmer und Viehzüchter bereits aufgegeben. Einige, die es sich leisten können, kaufen Mais und füttern damit das Vieh. Doch das hat zur Konsequenz, dass die Maispreise im Land drastisch gestiegen sind, somit wird auch der „türkische Weizen“ fast unerschwinglich für jene, die sich kein Reis und keine Nudeln leisten können.

Somalia steht am Rande des Abgrunds. Das wird auch deutlich, als es nach dem Interview im HADMA Büro in Garowe raus ins Dorf Uskure im Distrikt Dangorayo geht. Bis Dangorayo geht es auf einer geteerten Landstrasse, danach über eine Schotterpiste fast querfeldein. Links und rechts der Strasse und Piste liegen immer mal wieder tote Tiere, Kamele und Ziegen.

300 nomadische Familien haben sich neben dem Dorf Uskure niedergelassen. Ihre Tiere sind verendet.

Nach über einer Stunde Rumgeruckel erreichen wir das abgelegene Dorf, daneben haben sich 300 nomadische Familien in ihren Zelten niedergelassen. Sie sind hier, weil sie Hilfe brauchen. Normalerweise ziehen sie mit ihren Herden durchs Land, doch die gibt es nicht mehr. Hier am Rande von Uskure leben sie von der Hand in den Mund, einmal im Monat wird Wasser und Nahrung gebracht. Sie hoffen auf mehr von der Regierung von Hilfsorganisationen. Im Schatten eines der wenigen Bäume führe ich das Interview mit Dorfchef. Um uns herum etliche Männer, die mal nicken, mal vor sich murmeln. Die zahlreichen Kinder drängeln sich dazwischen, beobachten das ungewöhnliche Interview.

Doch die Menschen in Uskure sind nicht die einzigen in diesem geschundenen Land. Die Dürre ist gewaltig, die kalifornische Trockenperiode, die ich erlebt habe, war dagegen nichts. Die Tierkadaver, die man überall am Horn von Afrika sieht, sind ein bedrückendes Zeugnis dieser Krise. Und die Zeit tickt, wenn der Regen nicht bald kommt, werden hier viele Menschen sterben. Schon jetzt deuten sich die Zeichen der Hungerkatastrophe an. Kinder werden krank, manche sterben sogar, weil sie Wasser aus verunreinigten Tümpeln und Pfützen getrunken haben. Krankheiten breiten sich aus. Die Angst vor einer nicht mehr zu kontrollierenden Katastrophe ist überall zu spüren. Es geht jetzt um eine flächendeckende Nothilfe. Darauf bauen, darauf hoffen die Menschen in Puntland.

Zuerst sterben die Tiere…

„Das bißchen Reis langte nicht für meine Kinder und die Tiere“, meinte die Frau außerhalb von Dilla. Um uns herum Dutzende von verendeten Ziegen, teils schon fast verwest, teils noch mit aufgedunsenen Bäuchen. Ein grausamer Anblick, der Gestank hängt in der Luft.

Dutzende von Tierkadavern an einer Stelle außerhalb von Dilla.

Vor einem Jahr lebten in dieser kleinen Gemeinde und die darum angesiedelten Dörfer 5000 Menschen. Dann schlug 2016 die Dürre im Osten Somalilands zu und viele von dort machten sich auf den langen Marsch in den Westen der Republik. Mehr als fünftausend Menschen siedelten sich im Gebiet von Dilla an. Sie waren Willkommen, das Wenige, was die Anwohner von Dilla hatten, teilten sie mit den Neuankömmlingen. Insgesamt waren nun auch etwa 25.000 Stück Vieh in und um Dilla. Doch das ist mehrere Monate her. 17.000 Ziegen und Rinder starben seitdem aufgrund der anhaltenden Trockenheit. Sie fanden kein Wasser und keine Nahrung mehr. Die Flüchtlinge und die Bewohner von Dilla verloren ihre Existenzgrundlage.

„Wir brauchen Hilfe. Jetzt!“, meinte der Vorsitzende des Dürre-Rates in dieser Region. „Was heißt jetzt?“, wollte ich wissen ohne damit eine philosophische Diskussion loszutreten. Der alte Mann verstand und sagte, die Regenzeit habe nun eigentlich begonnen. Wenn bis Ende April der Regen nicht kommt, sagt er, sterben hier die Menschen.

Doch zu der Dürre kommt nun auch noch die Seuchengefahr. Die vielen Tausend Kadaver verrotten, der wenige Niederschlag, der hin und wieder fällt, schwemmt alles in einen kleinen Tümpel, aus dem die Menschen ihr Wasser schöpfen. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Katastrophe unkontrollierbar wird. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.

CARE will nun vor Ort handeln. Die Bewohner sollen die vielen Tierleichen beseitigen, tiefer und damit sicher vergraben. Auch ein riesiger Wassertank wird gebaut, in den das Trinkwasser aus 100 Metern Tiefe fließen soll. Die Pumpe wird mit Solarzellen betrieben, was in dieser sonnigen Region finanziellen Sinn macht.

Man gibt nicht auf in Dilla. Weder der Bürgermeister, der von Hoffnung spricht. Noch der Vorsitzende des Dürre-Rates, der von der Gemeinsamkeit redet. Und auch die Frau aus dem Osten Somalilands, der von 500 Tieren nur 30 geblieben sind, sagt: „Es wird schon wieder….Insch’Allah, so Gott will“.

Gelandet und doch nicht angekommen

Im Landeanflug auf den Flughafen von Hargeisa, Somaliland. Die Landschaft weit, leer und sehr trocken.

Ich bin da und doch ist noch alles so weit weg. Der Anflug auf Hargeisa zeigte ein Land, das schon immer mit der Trockenheit zu kämpfen hatte. Viel Wasser gab es hier noch nie, doch die Menschen haben sich angepasst. Die aktuelle Situation bedeutet jedoch eine Krise, die nur sehr schwer zu fassen ist.

Gleich in vier Ländern haben die Vereinten Nationen einen „Famine“, eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Betroffen sind geschätzte 20 Millionen Menschen. Das hat eine Dimension erreicht, die kaum noch zu kontrollieren ist. Allein diese Zahl sagt aus, dass viele Menschen sterben werden. Denn die koordinierten Hilfsmaßnahmen, die umgehend anlaufen müssten, bleiben aus. Die USA als wichtigster „Donor“ der UN ziehen sich zurück. In Europa, so scheint es, blickt man mehr auf die eigenen Probleme, die Flüchtlingskrise, der Brexit, anstehende Wahlen. Bereits im Februar hatten führende Politiker am Horn von Afrika auf die drohende Katastrophe hingewiesen und einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Viel ist nicht passiert. Bis Ende Juli müssten vier Milliarden Euro zusammen kommen, bislang sind es gerade mal zehn Prozent davon. Die Türkei, als eines der wenigen Länder, startete eine direkte Soforthilfe. Doch das langt einfach nicht aus. Die drohende Hungerkatastrophe in gleich mehreren afrikanischen Ländern und im Jemen darf nicht ausgesessen werden.

Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen sind hier in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia vor Ort, darunter auch CARE, die schon lange am Horn von Afrika aktiv und über lokale Organisationen sehr gut vernetzt sind. Das zahlt sich nun aus. In den kommenden Monaten sollen „1,6 Millionen Menschen mit Wasser, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in den am stärksten betroffenen Regionen“ versorgt werden. Doch auch dafür wird viel Geld gebraucht. Ich wurde in den letzten Wochen und Tagen mehrfach gefragt, wohin man Geld spenden sollte, wenn man helfen möchte. Meine Antwort war und ist immer die gleiche, gerade weil ich seit ein paar Jahren mehrfach mit CARE unterwegs war, im Kongo, im Tschad, im Niger und eben mehrmals am Horn von Afrika, und so direkt die Arbeit dieser Hilfsorganisation vor Ort und ihre Projekte sehen konnte. Von daher hier der Link zu CARE Deutschland.

Dieses Ziel von CARE, 1,6 Millionen Menschen zu erreichen, zeigt allerdings auch, dass es nicht nur der Hunger ist, der hier tödlich zuschlägt. Die Wasserknappheit, die Dürre führt im vierten Jahr erneut zum Ausfall der Ernte. Doch auch das Vieh stirbt, aus Mangel an Nahrung und Wasser. Damit wird die Zukunft Hunderttausender Somalier mittel- und langfristig vernichtet. Hinzu kommt, dass die Menschen in den ländlichen Gegenden Wasser aus verseuchten Pfützen nutzen, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. CARE spricht von einem Kampf an mehreren Fronten und das in einem Land, dass in weiten Teilen im Chaos und im Terror versinkt.

Zu helfen ist schwer und dann auch wieder nicht. Zumindest müssen die, die hier vor Ort helfen wollen und können, die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Sofort- und Nothilfe umzusetzen. Eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe loszutreten, wie mir dies ein Vertreter der sogenannten AfD aufs Auge drücken wollte, halte ich an diesem Punkt für mehr als zynisch. Es gibt Möglichkeiten zu helfen, nutzen wir sie.

Die Zukunft des Journalismus

Auf die Medien und die Journalisten wird ja in diesen Wochen und Monaten gerne eingeprügelt. Nicht nur Donald Trump hat seine Sündenböcke gefunden, die er unter dem Jubel seiner Anhänger beschimpft, verunglimpft und verbal bespuckt, auch die seltsame deutsche Bürgerbewegung Pegida und die sogenannte „Alternative für Deutschland“ sprechen gerne von der „Lügenpresse“.

Heute war ich auf Einladung einer alten Kollegin von KUSF, die für den Nachfolgesender „San Francisco Community Radio“ Medienarbeit an Schulen unterrichtet, am „Lycée Français de San Francisco„. Ihn ihrer Klasse waren zehn junge Schüler, die mich interviewten, Fragen stellten zu meiner Arbeit, meinem Werdegang und wie das so ist, Journalist zu sein. Sie hatten zuvor mit Farinaz Agharabi Fragen vorbereitet und die reichten von in welchen Ländern ich schon war, wie lange ich schon als Journalist arbeite, wie es dazu überhaupt kam als Journalist zu arbeiten, bis hin ob es auch mal gefährlich werde. Eine Frage jedoch ließ mich selbst nachdenken: ob ich gerne Journalist bin?

Ja, bin ich. Ich glaube, es ist der richtige Beruf für mich. Und das sagte ich ihnen auch. Ich bin neugierig und meistens bekommt man als Journalist auf seine Fragen Antworten. Ich reise viel und an Orte, die keine Urlaubsziele sind. Treffe Menschen, die ich wohl nie treffen würde, wenn ich nicht Journalist wäre. Viele von ihnen erzählen mir aus ihrem Leben. Oftmals sind es schlimme Erlebnisse, Erfahrungen und Umstände, von denen mir berichtet wird. Und doch sind da auch viele schöne Augenblicke, die ich nicht missen möchte. Im umkämpften Osten des Kongos gab es einmal einen Besuch in einem entlegenen Dorf, das immer wieder von Milizen angegriffen wurde. Das Dorf wurde geplündert, Frauen vergewaltigt, Männer brutalst zusammen geschlagen, erniedrigt, auch getötet. Als wir damals in dieses Dorf fuhren, wartete die evangelische Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf an der Straße, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus und gingen gemeinsam mit ihnen, tanzend und singend, zu der kleinen Kirche aus Holzstöcken und Stroh. Und dort berichteten sie von den Schrecken ihres Alltags. Sie wußten, dass ich „nur“ ein Journalist bin, und doch war da jemand, der einfach mal zuhörte, Interesse zeigte.

Irgendwo in Ruanda liegt ein Fußballplatz.

In Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, spielte ich mit jungen Männern Fußball. Draußen standen unsere „Bewacher“ mit ihren Maschinengewehren und ich zog mir die kurze Hose an, schnürte die Turnschuhe und wartete auf meinen Einsatz. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und die jungen Kerle kurvten um diesen alten Sack aus Nürnberg problemlos herum, doch es war ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Normalität in einem geplagten Alltag. Fußball war auch in Ruanda so ein Erlebnis für mich. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kigali und Gisenyi fuhren wir an einem Feld vorbei, auf dem ein gutes Dutzend Kinder in Fetzen bekleidet und barfuss Fußball spielte. Ihr Ball war nicht aus Leder, sondern aus Bananenblättern. Hart und dennoch rund. Damit spielten sie. Anfangs waren sie überrascht, als ich mitspielen wollte, doch dann lachten sie und spielten einfach weiter mit mir.

Und dann war da der Niger. In irgendeinem Dorf im Süden des Landes. Ich war mit CARE unterwegs, wir sprachen über die Auswirkungen des „Global Warming“ – Dürre und Hunger. Und dann saßen wir mit einer Frau und ihrem Sohn in ihrer Hütte. Einfach und kahl und lachten. Oder im Tschad, in einem Flüchtlingslager für Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, die viel, die sehr viel Schlimmes auf der Flucht erlebt hatten. Es war erst 10 Uhr morgens, doch schon sehr heiß und drückend. Ein Termin führte uns zu einem Brunnen, der von CARE gebohrt wurde. Auch dort wartete schon eine Gruppe von Frauen, Männern und Jugendlichen auf uns. Sie zeigten uns den Brunnen, wie er funktioniert und instand gehalten wird. Doch dann wurden Lieder gesungen, es wurde ausgelassen getanzt, die Besucher so willkommen geheißen.

Viele solcher kleinen, doch für mich großen Momente, machen den Job als Journalist aus. Und sie sind zahlreich. Die Menschen, mit denen ich spreche, die Orte, die ich sehe, die vielen Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Die reichen von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und Hilfsorganisationen bis hin zu Musikern und sogar einer Bundestagsabgeordneten. Journalist sein bedeutet hinzusehen und hinzuhören. Und es war schön, dieses Interesse heute im „Lycée Français de San Francisco“ zu sehen. Mädchen und Jungen, die Fragen hatten, die Antworten verlangten, die neugierig waren. Der Journalismus hat eine Zukunft, wenn man junge Menschen an die Tiefe und auch an die Schönheit dieses Berufes heranführt.