Der Niger tönt

Ich bin in Niamey, der Hauptstadt des Niger. Es ist heiß, ich weiss gar nicht, wie ich immer noch Flüssigkeit in mir haben kann, denn hier ist Dauerschwitzen angesagt. Selbst am Abend kühlt es nicht viel ab. Gestern sass ich nach meiner Ankunft noch in einer Bar, direkt am Niger und ölte nur so vor mich hin bei einem kühlen Bier aus Burkina Faso.

Heute morgen dann im Garten von Sakina, der quasi Managerin von Studio Shap Shap. Dort, unter einem Pavillon aus Holz und Stroh, stand heute eine Bandprobe an. Eine entspannte Atmosphäre mitten im Grünen. Eine Ente watschelte durchs Bild, eine Henne grub sich ein Loch und legt sich hinein, der Straßenlärm versank in der Ferne. Und dann begann die Band zu spielen. Traditionelle Instrumente aus dem Niger, ein E-Bass, ein unglaublicher Percussionist, der seine Kalabassen mit Händen und Füßen bearbeitet, Sound Einspielungen vom Laptop und ein Synthesizer. Das alles geht im Klang von Studio Shap Shap auf, ein offenes Bild, zwischen Tradition und Moderne entsteht.

Die Band ist untypisch für den Niger, auch wenn bekannte musikalische Anspielungen einfließen. Doch das ist ganz bewusst so gehalten, es ist ein Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen im Niger. Dazu noch die der Expats. Und das ergibt diese unglaubliche Mischung zwischen Verweilen und vom Rhythmus mitgerissen zu werden. Und das ganze hier in Niamey live zu erleben, in diesem Garten, in dieser Hitze, öffnet die Musik noch einmal ganz neu für mich. Direkt vor mir wird der Sound zu einem spürbaren Erlebnis.

Am Nachmittag ein Besuch im „Centre de Formation et de Promotion Musicales“, ein Interview mit dem Direktor der Institution. Er erzählt über den Vielvölkerstaat Niger und die Bedeutung der Musik in dieser Gesellschaft, die Rolle der Musiker in der Übergangszeit von der einstigen französischen Kolonie zur Unabhängigkeit. Ein spannendes Gespräch, in dem ich meinem Thema wieder ein Stückchen näher komme. Morgen stehen dann eine weitere Bandprobe und etliche Interviews an. Ich hoffe, ich zerfliesse hier nicht.

Goodbye Somaliland

Eine Woche Recherche in Somaliland neigen sich dem Ende zu. Es ging um die Musik, um die Kultur in dieser Region am Horn von Afrika. Eigentlich dachte ich, ich müsste für dieses Thema auch nach Mogadischu reisen, denn die Hauptstadt Somalias galt gerade in den 1970er Jahren als ein Zentrum der Musik. Hier kamen Einflüsse aus Afrika, der arabischen Welt, aus Europa, Indien und China zusammen und vermischten sich mit dem, was die somalische Musik seit Jahrhunderten ausmacht.

Laufen ist nicht einfach in Hargeisa, Bürgersteige gibt es kaum. Und wenn da ein Weißer durch die Gegend läuft, ist das mehr als auffalend.

Es ging nicht nach Mogadischu, auch wenn es eine dieser Städte ist, in die ich gerne reisen würde. Doch jeder, mit dem ich sprach, riet man davon ab. Es sei zu gefährlich, vor allem für einen „Westener“ und außerdem sei das, was ich finde wollte, in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands zu finden. Einiges fand ich, anderes nicht. Musik ist wichtig in der somalischen Kultur, aber eben auch nicht so wichtig, dass man dafür zahlt. Aber vielleicht ist das auch nur ein westliches Denken. Die Wertschätzung ist da, unbezweifelt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Somaliland bin. Doch diesmal erlebte ich vieles ganz neu. Bekam Einblicke in das Leben, auch das Privatleben der Menschen hier. Immer wieder stieß ich auf freundliche Menschen, die das Gespräch suchten, die Fragen hatten, oftmals meine Antworten aber nicht verstanden. Sprache kann eine ziemliche Barriere sein. Mit viel Lachen wurde das allerdings übergangen.

Wenn man in solche Länder reist, die nicht zu den typischen Reisezielen gehören, dann ist es oftmals sehr schwer, das zu beschreiben, was man sieht, erfährt, riecht, schmeckt, erlebt. Es sind tiefe Eindrücke von Menschen und Situationen, Lebensumständen und Gegebenheiten. Von Hoffnung genauso wie vom Schicksal. Hier wird vieles im Vorfeld oder auch nachdem es schon passiert ist mit „Inschallah“ erklärt, so Gott will. Die Verantwortung wird abgegeben, man fügt sich in das, was war, ist und sein wird. Das kann charmant sein, das kann aber auch verstörend wirken, wenn es um Lebensveränderungen geht, die man selbst in der Hand hat.

An den Müll, der überall herumliegt, werde ich mich auch nie gewöhnen können.

Ich stoße hier in Somaliland oftmals an meine Grenzen. Wie das verarbeiten, was ich sehe und erlebe, wie darüber schreiben, berichten, es erzählen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, es nie ganz zu schaffen, das alles in Worte auszudrücken. Man hilft sich hier, doch dann sind da die Cousins, Onkel, die sehr weitgefasste Familie, zu der man gehört. Ein Sicherheitsnetz, doch auch eine deutliche Abschottung. Das zu durchdringen und zu verstehen ist nicht gerade eine leichte Herausforderung. Hier der Reichtum so einiger, da die bittere Armut anderer. Und dann sind da die Tiere. Wie mit Hunden, Katzen und Eseln umgegangen wird, das ist – zumindest für mich – sehr nahegehend, macht mich betroffen, berührt mich sehr tief. Ich habe hier schon Leute lautstark angesprochen, die mit Steinen auf Hunde und Katzen schmissen und bekam nur ungläubige Blicke als Antwort. Was will der schwitzende Weiße denn von uns? Ich musste mitansehen, wie Esel vollbepackt mit einem unglaublichen Gewicht mit harten und brutalen Schlägen zum schneller Laufen angetrieben wurden. Solche Erfahrungen treffen mich in all der menschlichen Not und dem Elend, die ich hier auch sehen muss.

Heute geht es weiter nach Niamey. Ein anderes Land, eine andere Kultur, eine andere Musik. Ich bin gespannt, doch ich weiß, auch dort warten viele Bilder und Eindrücke, die ich nicht so leicht erklären kann, für die es Zeit braucht….vielleicht daheim in Oakland bei einem Spaziergang mit meinem Hund unter den Redwoods.

Es geht nach Agabar

Über zwei Stunden sind es mit dem Auto von Hargeisa nach Agabar. In zwei Stunden könnte man auch von Nürnberg nach Frankfurt fahren, doch hier sind es nur 52 Kilometer, die man hinter sich bringt. Die Straße ist eine Sandpiste, nach dem Regen der vergangenen Nacht auch stellenweise noch matschig und ausgewaschen. Man rumpelt sich voran.

Agabar ist eine kleine Gemeinde in einem weitläufigen Tal. Eine Hauptstraße führt vorbei an einem geschlossenen Hotel, dem Gemeindezentrum mit dem Büro des Bürgermeisters hin zum Dorfkern. Dort ist ein kleines Restaurant, draußen wird gekocht, es riecht gut. Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensoße. Nur einen Steinwurf davon entfernt ein selbstgebauter Ofen, in dem Brot gebacken wird. Die Öffnung ist eine Autofelge. Unweit davon eine Schule, daneben ein Fußballplatz, auf dem eine laute Gruppe von Jungs hinter einem Ball herläuft. Sie beachten gar nicht den Weißen, der da an ihnen vorbei- und auf einen nahegelegenen Hügel zuläuft.

Prosopis ist eine Umweltgefahr für Somaliland.

Es ist heiß in Agabar, die Sonne ist hier intensiv. Überall kann man Prosopis entdecken, eine Pflanze, die in den 60er Jahren hierher gebracht wurde, um die Wüstenbildung zu verhindern, doch die nun eines der großen Probleme Somalilands geworden ist. Denn Prosopis unterdrückt durch seine langen Wurzeln das Wachstum anderer Pflanzen und wird von den grasenden Tieren nicht angerührt. Somit verödet das Land und ist in weiten Teilen nicht mehr für die Land- und Viehwirtschaft zu nutzen. Doch es gibt Möglichkeiten, diese Katastrophe für die Region in eine Erfolgsgeschichte umzuwenden, denn Prosopis zerhäckselt und zermahlen ist guter Dünger und nahrhaftes Viehfutter. Dazu kommt, dass Prosopis, in Europa, Nord- und Südamerika als Mesquite bekannt, ideal durch seine Rauchbildung zum BBQ geeignet ist. In den USA gilt es als „Premium Wood“ und wird teuer verkauft. Und genau hier liegt eine Möglichkeit, lokale Gemeinden zu unterstützen, ihnen Zugang zu regionalen und internationalen Märkten zu verschaffen. Prosopis der Alptraum könnte eine „money machine“ werden, zumindest eine, die vor Ort hilft und Bauern und Viehzüchtern ihr Land zurückgibt.

Die Menschen, die ich in dieser abgelegenen Region treffe sind äußerst nett und zuvorkommend. Sprechen können wir kaum miteinander und doch kommunizieren wir mit Händen, Mimik, ein paar Brocken Englisch und viel Lachen. Kaum sitze ich da, bringt mir jemand einen Mangosaft, dann eine grüne, doch gereifte Orange, später werde ich zum Essen eingeladen, bevor es auf der Huckelpiste zurück nach Hargeisa geht. Somaliland ist ein schönes, ein beeindruckendes Land, das entdeckt werden will.

Auf der Suche nach dem Buch

Dieses Reisestipendium, das ich erhalten habe heißt „Grenzgänger„. Dort heißt es: „Das Programm Grenzgänger fördert internationale Rechercheaufenthalte von Autoren, Filmemachern und Fotografen, die relevante gesellschaftliche Themen und Entwicklungen aufgreifen und sich differenziert mit anderen Ländern und Kulturen auseinandersetzen wollen.“ Organisiert wird es vom Literarischen Colloquium Berlin und finanziert von der Robert Bosch Stiftung.

Kein Schild am Eingang deutet auf die Nationalbibliothek Somalilands hin.

In meiner Bewerbung erklärte ich, dass Musik eine wichtige Sprache gerade in Zeiten der Krise und in Konftliktregionen war und ist. Lieder in der somalischen Musik entstehen meist auf Grundlage eines Gedichts. Um die Worte wird die Musik gelegt. Das schien die Jury überzeugt zu haben. Nun bin ich also schon ein paar Tage in Somaliland, am Sonntag geht es weiter in den Niger. Somalia, so wurde mir mehrfach erklärt, ist eine „oral culture“, das gesprochene Wort ist hier wichtig, nicht so viel wurde niedergeschrieben. Lieder, Geschichten, Gedichte und Erzählungen wurden in der Vergangenheit vor allem mündlich weitergegeben.

Als ich erfuhr, dass es eine „National Library“ in Hargeisa gibt, die 2016 eröffnet wurde, wollte ich unbedingt dahin. Doch keiner wusste so richtig, wo sie ist. Nur grob, sie liege an der Hauptstraße 1, hieß es. Nach mehrmaligem um den Block fahren, stieg ich schließlich aus und machte mich zu Fuss in der brütenden Hitze auf die Suche. Nichts war da zu finden, wo sie sein sollte. Auf meine Fragen, wo denn die Bibliothek sei, wurde entweder der Kopf geschüttelt „sorry“ oder in eine Richtung gezeigt, aus der ich gekommen war.

Im Lesesaal der Nationalbibliothek Somalilands.

Und dann traf ich Ahmed, der mich hinführen wollte. Auf dem Weg dahin fragte er nach Angela Merkel und dem Brexit, wer deutscher Fußballmeister werden wird und wie ich denn Hargeisa so fände. Wir sprachen auf Englisch, Ahmed war interessiert, wollte sich schließlich noch per facebook mit mir verbinden. Von der Haupstraße gingen wir in eine buckelige Nebenstraße, entlang einer Mauer. Dann noch rechts und wir standen vor einem Eisentor. Kein Schild deutete daraufhin, dass das hier die nationale Bücherei sein soll. Mitten auf dem Areal stand ein nicht gerade ansehnliches Gebäude. Innen dann reihenweise Regale, auf denen vor allem englischsprachige Bücher zu finden waren. Doch es gab auch eine Sammlung mit somalischer Literatur, ein paar Kinderbücher, Erzählungen, vor allem in somalischer Sprache. Nur wenig ist davon übersetzt, doch das, was es gibt, zeigt Autoren, Dichter und Denker, die ganz bewusst, kritisch und mit Stolz auf ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Leben blicken. Ich kramte durch das Regal und fand ein paar Übersetzungen.

Und diese Bibliothek ist nicht die einzige in Hargeisa. Auf einem viel kleineren Niveau kann man auch im Kulturzentrum von Hargeisa Bücher finden. Auf zwei Stockwerken ist Literatur aufgereiht, auch hier sind somalische Werke zu finden. Und dann ist da auch noch die Bibliothek auf dem Uni-Gelände, etwas durcheinander sind hier Bücher auf den Regalen gestapelt, man braucht Zeit, um sich durch zu suchen. Auch hier ist der Großteil der Literatur englischsprachig. Das ist erstaunlich, denn nur wenige Somaliländer, die man trifft, sprechen Englisch. Aber Hunger nach Wissen ist groß.

Ein besonderer musikalischer Abend

Es ist wie ein Pflichtbesuch, wenn man nach Hargeisa kommt. Erst recht, wenn man über die somalische Musik berichten will: Hiddo Dhowr. Ein Restaurant und ein Kulturort, an dem somalische Tänze, Musik, Kunst und Kultur gefeiert werden. Vor einigen Jahren eröffnete die Musikerin Sahra Halgan diese Themenrestaurant, um so, nach vielen Jahren im französischen Exil, einen, ja, ihren Teil zum Aufbau Somalilands beizusteuern.

Sahra Halgan beeindruckt mit ihren Songs.

Gestern Abend war der Saal gut gefüllt. Verschiedene Sängerinnen und Sänger präsentierten somalische Songs, begleitet von zwei Ouds und einem Schlagzeug. Immer mal wieder gab es tranditionelle Tanzeinlagen. Auch Sahra Halgan selbst stand auf der Bühne und begeisterte durch ihren Gesang die Besucher. Die waren größtenteils jung, meist unter 30 und gehörten zweifellos der Elite Hargeisas an. Die Frauen in feinsten, edlen und sichtbar teuren Stoffen, Kleidern und Kopftüchern gekleidet. Sowieso war hier alles etwas anders, als Tagsüber auf den Straßen Hargeisas. Kopftücher und Schals, die durchsichtig waren, Haut und Haare erkennen ließen. Auch rutschte hin und wieder mal ein Kopftuch runter, das dann mit etwas Verzögerung wieder langsam hochgezogen wurde. Somaliländische Frauen spielen durchaus mit ihren Reizen, was von den zahlreichen jungen Männern registriert wurde. Man spürte deutlich, dass das hier ein ungewöhnlicher Ort in diesem ungewöhnlichen Land ist. Auf der eine Seite das Feiern der somalischen Kultur. Auf der anderen Seite ein paar Stunden weniger restriktive Gesellschaftsordnung.

Und genau das stört die religiösen Führer in Somaliland, die diesen Kulturtempel als Dorn im Auge sehen. Musik, gemeinsamen Singen, Freizügigkeit, und sei es nur das Zeigen von Frauenhaar, sei gegen den Islam, heißt es. Hier sieht man das anders. Sahra Halgan kämpft für die somalische Kultur, Musik sei eine wichtige Sprache in der somalischen Kultur. Schon immer gewesen, wie sie im Interview betont. Hiddo Dhowr ist beliebt, ein entspannter Ort, an dem der eine Weiße am Abend kaum wahrgenommen wird, immer mal wieder gibt es sogar ein Lächeln für mich. Vielmehr singt und klatscht man mit, als auf der Bühne gesungen wird. Und dann kommt das Highlight des Abends, ein Moderator läuft mit einem Mikrofon durch die Publikumsreihen, fordert den und die zum Vorsingen auf. Es wird gelacht, geklatscht, einige singen mit leiser, leicht verschämter Stimme, andere werden zu einer Zugabe aufgefordert. Es ist ein feiner, kultureller Freiraum, in dieser vom Islam bestimmten Welt, der hier entstanden ist und gefeiert wird. Die Kraft der Musik ist an diesem Abend deutlich zu spüren.

Die Zukunft heißt Bildung

Die Förderklasse in der Schule.

Dienstagmorgen kurz nach 9 Uhr. Zwischen einer Tankstelle und einigen Verkaufsständen geht eine staubige Straße links ab. Nach etwa 30 Metern eine hohe Mauer und ein Stahltor. Dahinter liegt ein riesiger Platz umrahmt von etlichen Klassenzimmern. Hier werden 1383 Schulkinder von der ersten bis zur achten Klasse unterrichtet. Die Schule platzt aus allen Nähten, unterrichtet wird in zwei Schichten. Alles andere als ideale Bedingungen.

Gegenüber des kleinen Büros der Direktorin, das auch das Lehrerzimmer für 42 Lehrkräfte ist, werden zwei neue Schulräume gebaut. Links davon ein weiterer Raum für Mädchen mit dahinter liegenden Toiletten und einem Waschbereich. Die Hilfsorganisation CARE ist hier mit deutschen Entwicklungshilfegeldern aktiv. Damit soll etwas Abhilfe geschaffen werden, doch es fehlt an allen Ecken und Enden. In den Klassenzimmern sitzen die Kinder zu dritt, manchmal zu viert auf einer Schulbank. Unterrichtet wird in einem Zimmer Geschichte, im anderen Englisch, im dritten Mathematik. Die ganz Kleinen lernen fleißig ihr ABC und schauen den etwas anders aussehenden Besucher mit großen Augen an. Und es gibt auch eine Förderklasse für Kinder mit Lerndefiziten an dieser Schule.

Gleich an mehreren Schulen in der Haupstadt Hargeisa werden solche Baumaßnahmen von CARE durchgeführt. In den Städten wird die Schulpflicht umgesetzt, die Fehlrate oder Schulabbrecherquote liegt bei 5-10 Prozent. Das ist wenig im Vergleich zum ländlichen Raum in Somaliland. Dort geht rund die Hälfte der Kinder nicht zur Schule, sie müssen ihren Familien auf den Feldern oder bei der Viehhütung helfen. Das sei ein großes Problem, wird mir gesagt. Was in diesen „rural areas“ benötigt werde, seien „Flexi Classes“, flexible Schulangebote für Kinder, die eben in ihrer Familie schon früh mitarbeiten müssten. Auch in den Städten würden sich solche Nachmittags- und Abendklassen anbieten, doch dafür fehlt das Geld und der Raum.

In Hargeisa gibt es neben den öffentlichen Schulen auch private Schulen, doch die können sich nur die Reichen leisten. Für die meisten der Kinder auf den „public schools“ ist nach der achten Klasse Schluss. Eine fortführende Schulbildung oder gar ein Studium kann sich hier kaum jemand leisten, denn dafür muss gezahlt werden. Die Nachfrage nach Stipendien ist daher groß und könnte hier mit wenigen finanziellen Mitteln zahlreiche Kinder fördern.

Kinder sind Kinder überall.

Der Staat selbst kann das nicht leisten. Somaliland geht seit 1991 seinen eigenen Weg. Und das ohne internationale Anerkennung. Warum, werde ich hier immer wieder gefragt, wird Somaliland nicht anerkannt? Das Land sei friedlich, es gebe demokratische Wahlen, man sehe sich nicht als Teil Somalias. Diese Frage stellte ich dem Auswärtigen Amt in Berlin. Schriftlich wurde mir erklärt, dass das nicht passieren wird, denn man wolle keine „Balkanisierung“ des Horn von Afrikas. Wenn ich diese offizielle Antwort gebe, schüttelt man hier nur den Kopf. Verstehen kann das niemand.

In der Grundschule wird an diesem Morgen mit einem Metallschlagen das Ende der Pause eingeläutet. Nach einem kurzen Fussballkick, Fangen, im Sand spielen, Unterhaltungen, viel Lachen geht es wieder zurück in die kleinen Klassenräume, ganz so, wie es Schulkinder auch in Nürnberg oder Oakland tun. Nur hier scheinen die Kinder wissenshungriger zu sein, irgendwie kommt es mir sogar so vor, als ob sie wissen, dass Bildung ihre – vielleicht einzige – Chance ist. Doch die Aussichten nach der Schule Erfolg zu haben, sich weiter bilden zu können sind mehr als schwierig. Mit wenig könnte man hier viel erreichen. Das habe ich auf diesen Reisen immer wieder sehen und erfahren können. Es braucht nicht viel, es braucht vielleicht nur den Willen helfen zu wollen.

 

Ein kultureller Schatz – Geschichte zum Hören.

Eine lange Anreise war das. Von San Francisco ging es über Frankfurt nach Addis Abeba und dann weiter nach Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Vor genau einem Jahr war ich das letzte Mal hier. Viel hat sich nicht verändert, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Straßen sind weiterhin eine Katastrophe, Schlagloch folgt auf Schlagloch, es wird nach wie vor viel gehupt, am Straßenrand schlafen Straßenhunde, Ziegen fressen Gräser oder kauen auf Plastikmüll herum, es ist wie immer heiß in der Stadt, ein starker Wind bläst dazu und auch schon die obligatorische Kamelherde überquerte vor mir die Straße.

Geschichte zum Hören.

Mein erstes Interview für diese Geschichte über die Bedeutung und die Kraft der Musik in schwierigen Zeiten ist geführt. Mit dem Leiter des „Hargeisa Cultural Centers„, Jama Musse Jama, habe ich über Musik in Somalia und Somaliland gesprochen. Er hat hier eine umfassende Sammlung somalischer Musik angehäuft, die auf beeindruckende Weise genau das widergibt, nach dem ich suche. Alles ist auf Kassetten festgehalten, nur ein Teil davon bislang digitalisiert. 14.000 Kassetten sind es insgesamt, ein kultureller Schatz der, wenn er nicht bald festgehalten wird, verschwindet. Es ist ein langsamer und kostspieliger Prozess. Und doch, hier ist etwas aufbewahrt, was viel über dieses Land und seine Kultur erzählt. Wie haben Musikerinnen und Musiker wichtige Themen in der Gesellschaft aufgenommen, verarbeitet und weitergegeben?

Man denke nur an Lieder wie „We shall overcome“ oder auch an die „Moorsoldaten“, Lieder, die herausstechen, die Hoffnung gaben und geben, die verbinden, die eine unglaubliche Kraft ausdrücken. Solche Lieder gibt es auch in Somalia, gibt es wohl in jeder Gesellschaft, in jedem Kulturraum. Songs, die nach der Bombardierung Hargeisas durch die Truppen des somalischen Präsidenten und Diktators Siad Barre Ende der 80er Jahre entstanden. Damals führte der eigene Präsident Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Somaliland. 90 Prozent von Hargeisa wurden total zerstört, in der nächstgrößeren Stadt Burao waren es 70 Prozent. Die Welt blickte damals mal wieder weg.

Es entstanden Lieder in den Flüchtlingslagern im Osten Äthiopiens von denen, die der Gewalt entkommen konnten. Später dann entstanden Songs nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands, der Entwaffnung, der politischen und militärischen Spannungen am Horn von Afrika, der Zerstörung Mogadischus, dem Konflikt mit der Terrororganisation al-Shabaab. Die somalische Musik ist dabei oftmals ein Zusammenspiel zwischen einem Dichter und einem Musiker. Musik als Ausdruck des Gegenwärtigen, als Verarbeitung des Geschehenen, als Zeichen der Hoffnung.

Und dabei kratze ich hier nur an der Oberfläche eines so tiefen und komplexen Themas. Allein schon die Sprachbarrieren sind immens und kaum zu überwinden. Die Auswertung all dieser Tapes, die hier zu finden sind, wäre ein umfassendes Recherche, die vor allem viel Zeit benötigt. Der Anfang im HCC ist jedoch gemacht und es wird weitergehen, vielleicht auch mit internationaler Unterstützung. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung eines Teilstücks der somalischen Kulturgeschichte, die hier auf diesen teils billigen Kassetten zu finden und zu hören ist.

Es geht wieder los

Mit etwas Stress hinter mir geht es heute Abend wieder auf große Reise. Von San Francisco über Frankfurt und Addis Abeba nach Hargeisa und von dort nach ein paar Tagen über Addis Abeba nach Niamey. Diesmal dreht sich alles um die Musik. Die Bedeutung und die Kraft von Musik in Konflikt- und Krisenregionen. Für dieses Thema habe ich ein Reisestipendium über das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin erhalten.

Aufnahmegeräte, Mikrofone, Kabel, alles liegt bereit.

Auf all meinen Reisen versuche ich immer lokale und regionale Musik zu hören, aufzunehmen und mitzubringen. Musik ist, so banal das auch klingen mag, eine internationale Sprache, die voller Bedeutung ist und sein kann. Ich habe schon oft mit Musikern zusammen gesessen, deren Sprache ich nicht sprach, doch ihre Musik schuf eine Verbindung, einen Augenblick des Zusammenseins. Und diesen Ansatz will ich auf dieser Recherchereise verfolgen. Ich weiss, dass die radikalen Islamisten der Taliban in Afghanistan und der al-Shabaab in Somalia während ihrer Terrorherrschaft Musik verboten hatten. Das Spielen und Aufführen von Lieder war unter Strafe nicht mehr erlaubt. Und doch wurde gesungen, getanzt, gespielt. Die Musik überlebte.

Wie haben Musiker und Dichter den Konflikt, die Krise, die Notlage erlebt und verarbeitet? Wie wichtig waren diese Stimmen für die Bevölkerung? Ich bin gespannt, ob ich Antworten finden kann, wie sich diese „Geschichte“ zu einem radiophonen Feature entwickeln wird. Die Anreise nach Hargeisa, der Flug zurück von Niamey und der Weg zwischen beiden Städten ist lang. Reisen in Afrika ist alles andere als ein direkter Weg. Aber dieses Thema ist mehr als reizvoll für mich, es ein ganz anderer Blickwinkel auf die Menschen und die reichen Kulturen.

Abtreibungsgegner wittern ihre Chance

Und nun auch Alabama. Zuvor Kentucky, Iowa, North Dakota und Georgia. In etlichen Bundesstaaten der USA wurden die Abtreibungsgesetze massiv verschärft. Ein Arzt der abtreibt, macht sich so zu einem Kriminellen, der für seinen Eingriff mit einer Gefängnis- und einer hohen Geldstrafe bestraft wird. So bald der Herzschlag des Fötus nachzuweisen ist, darf keine Abtreibung mehr durchgeführt werden, so der neue Gesetzestext. Und der ist oftmals schon nach sechs Wochen nachweisbar, das bedeutet, viele Frauen wissen da noch gar nicht, dass sie schwanger sind.

Die amerikanischen Abtreibungsgegner wittern ihre Chance vor dem höchsten Gerichtshof der USA. Foto: Reuters.

Diese „Heartbeat“ genannten Gesetze sollen auch in weiteren Bundesstaaten von republikanisch kontrollierten Parlamenten verabschiedet werden. Vor Gericht werden sie meist abgewiesen, doch das ist das perfide Ziel der Abtreibungsgegner, die nun ihre Chance wittern. Denn Donald Trump hat das politische Gleichgewicht am höchsten Gerichtshof der USA außer Kraft gesetzt. Die „Pro-Life“ Bewegung will nun endlich wieder ihren Tag vor dem Verfassungsgericht bekommen, um dort mit der neuen konservativen Mehrheit das verhasste Abtreibungsrecht abschaffen zu lassen. Sie klagen also gegen die richterliche Abweisung, bis sie am höchsten Gerichtshof in den USA angekommen sind.

Die Republikaner in zahlreichen Bundesstaaten sind da willige Unterstützer dieser extremen Gesetzeswelle. Denn sie wissen, es geht wieder auf die Kongress-, Senats- und Präsidentenwahlen zu und mit dem emotionalen Thema Abtreibung bringt man die eigene fundamentalistische Basis an die Wahlurnen. Die vor allem Christliche Rechte macht mobil, wittert ihre Chance im vermeintlichen Kampf ums Leben. Donald Trump hat sich schon deutlich positioniert. Er steht auf der Seite der Erzkonservativen, beschreibt sich selbst als der größte „Pro-Life“ Präsident in der Geschichte der USA und kann sich damit sicher sein, die Wählerstimmen der Fundamentalisten zu bekommen. „Ich werde immer das Recht auf Leben verteidigen“, meinte er kürzlich in einer Botschaft an die Christliche Rechte.

Sowieso hat Trump das Thema Abtreibung für sich erkannt. In der Entwicklungshilfe liess er alle Familienplanungsprojekte stoppen, die über Abtreibung informieren oder Abtreibungen durchführen. Nicht nur das, Organisationen, die unter anderem auch über Abtreibungen sprechen oder sie auch anbieten wurden die Gelder gestrichen. Dieser Litmus Test hat fatale, oftmals tödliche Folgen gerade in vielen Ländern Afrikas. Doch das ist den  Abtreibungsgegnern in den USA egal.

Nachdem das außenpolitische Feld nun gewonnen scheint, machen sich die „Pro-Life“ Kämpfer nun an die Innenpolitik. Trump hat mit seiner Richterwahl den Boden bereitet. Amerika erlebt in diesen Monaten einen neuen, heftigen Kulturkampf. Die Wahl 2020 hat damit eine ganz neue Dimension erreicht.

Partei ergreifen

Was darf und soll man als Journalist tun und unterlassen? Über was darf und soll man berichten? In diesen Zeiten von konstanter Medienschelte, „Fake News“ und überhetzter Berichterstattung wird man sogar dafür kritisiert, dass man mit einer Hilfsorganisation unterwegs ist und über ihre Arbeit berichtet. Man könne es nicht mehr objektiv bewerten, wie diese Nothilfe und längerfristige Hilfsmaßnahmen einzuschätzen sind. Man sei zu nahe dran, beeinflusst und voreingenommen. Dem widerspreche ich, gerade aufgrund meiner Erfahrungen über all die Jahre. Ich kann sehr wohl sehen und bewerten, was eine Organisation vor Ort tut, für was sie Gelder ausgibt, wie sie verwurzelt und verankert ist, welche Projekte wo und wie umgesetzt werden. Auch und gerade wenn ich mit einer Organisation reise, die mir den uneingeschränkten Zugang zu einer Story und damit zu den Menschen in anderen Ländern und Kulturen ermöglicht.

Die Situation in Mosambik ist verheerend. Foto: CARE.

Eine Organisation, mit der ich durchaus nur gute Erfahrungen gemacht habe ist CARE, deren Arbeit ich im Kongo, im Tschad, im Niger, in Somaliland und Puntland beobachten, deren vielseitigen Projekte ich besuchen konnte. Ja, ich ergreife Partei für eine Organisation, die sich einsetzt, die hilft, die Probleme vor Ort erkennt und sie lösen will, die auch noch da ist, wenn die Fernsehkameras nach einer großen Katastrophe abgeschaltet wurden, der Blick woanders hin fällt. Die vor Ort in Ländern ist, in denen vieles mehr als nur eine logistische Herausforderung ist. Eine Organisation, die aber auch meine Arbeit unterstützt, mir Zugang verschafft, die mich nicht kontrolliert und mich nicht beeinflussen will, die mir in durchaus schwierigen Situationen zur Seite steht, auch wenn es nicht direkt um die Arbeit von CARE geht. Und dabei kann ich objektiv bleiben.

CARE hat nun zwei Videos veröffentlicht, die ich hier teilen möchte, die wichtig sind, gesehen zu werden. Es geht um die Arbeit der NGO, darum, was wir alle nur zu gerne übersehen…vergessene Katastrophen, die jetzt passieren. In Mosambik, im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik, im Niger, in Äthiopien, im Tschad, auf den Philippinen, in der Demokratischen Republik Kongo, auf Madagaskar, auf Haiti.

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