Das ist richtiges “Reality TV”

“Al Jazeera America” setzt ganz neue Maßstäbe. Der Nachrichtenkanal aus Katar ist vor Ort und präsentiert in seinen Programmen ein Bild, dass von dem, was CNN, MSNBC und FOXNews zeigen, Welten entfernt ist. Hier schreien sich keine erzkonservativen Obamahasser an wie auf FOXNews, hier türmt man nicht eine nach der anderen Verschwörungstheorie auf, um auf den Grund des verschollenen malaysischen Airliners zu kommen. Al Jazeera zeigt die Welt hinter den amerikanischen Grenzen, berichtet mit eigenen Korrespondenten aus Afrika, Asien, Südamerika, ist präsent und vor Ort.

Und nein, ich will hier keine Lobhudelei auf einen Sender loswerden, ich werde nicht von ihnen bezahlt, obwohl ich durchaus gerne für Al Jazeera arbeiten würde. Aber gestern Abend sah ich eine Sendung auf “Al Jazeera America”, die einfach großartig war. Nicht nur, dass damit das Thema der illegalen Einwanderung anders, einleuchtend, verständlich vermittelt wurde. Die Produzenten schafften mit “Borderland” auch eine grundlegende Kritik am amerikanischen Fernsehen. Seit Jahren schon nerven mich diese “Reality Shows” im Fernsehen. Da werden irgendwelche Hampelmänner und –frauen auf Südseeinseln oder in sonst einen Busch geschickt, um zu “überleben”. Andere lassen sich in Container einsperren, um den “Big Brother” nachzuspielen, unter den Augen der Öffentlichkeit wird dann “alles gezeigt”. Dann diese dämlichen Sendungen mit irgendwelchen Hausfrauen aus Beverly Hills oder sonst einem reichen Vorort. Nicht auszuhalten. Und das deutsche Fernsehen ist ja nicht besser. Da sucht ein Bauer eine Frau und die Zuschauer ergötzen sich an einem seltsamen Schauspiel, dass an Fremdschämen nicht zu überbieten ist. Außer man mag “Stromberg”, aber das ist im Vergleich gutes deutsches Fernsehen.

Und nun also Al Jazeera mit einer neuen Sendung, die, man kann es nicht anders sagen, brillant ist. Sechs Personen, Männer und Frauen, werden in “Borderland” zu einem Leichenschauhaus in Pima County gebracht. Dort Regale voller Leichen in “bodybags”, die in der Wüste gefunden wurden. Illegale Grenzgänger. Und hier beginnt diese Form von “Reality TV”. Jeweils zwei Kandidaten bekommen ein Bild und einen Namen von einem Toten und reisen in die Gemeinden. Nach Guaetemala, nach Südmexiko, nach Des Moines, Iowa. Und dort sprechen sie mit Verwandten und Freunden, erfahren mehr über diejenigen, die in der Wüste verendet sind, folgen ihren Spuren, erleben, was sie auf sich genommen haben, um in das gelobte Land nördlich der Grenze zu kommen. Die Gruppe der “Borderland Kandidaten” ist eine Mischung aus Menschen, die zum einen sagen, macht die Grenze dicht, lasst niemanden mehr herein. Und dem anderen Teil, die erklären, Grenzen sind unsinnig, Menschenleben werden so nur unnötig gefährdet. Doch beide Seiten müssen im Zuge ihrer neuen Erfahrunge ihre Haltung von grundauf überdenken, denn Al Jazeera geht in dieser Fernsehserie nicht nur auf die illegalen Einwanderer ein, die in den USA arbeiten wollen. Die Produzenten berichten auch vom brutalen Drogenkurierdienst durch die Wüste von Arizona, kontrolliert von den mexikanischen Kartellen. Sie bringen die Gruppe zu Farmern im Grenzland, die ihnen von ihren Problemen, Ängsten und ihrer allgemeinen Siutation berichten. Von gewaltbereiten Drogenschmugglern, die schneller schießen als Hallo zu sagen.

“Borderland” ist TV, wie man, wie ich es mir wünsche. Nah dran, gut recherchiert, kontrovers, zum Nachdenken anregend, neu….eben nicht nur eine dumme Berieselung und ein Vorgegaukel an Problemen, die eigentlich keine sind. “Al Jazeera America” läuft in den USA auf einem Kabelkanal, den man extra abonnieren muß. Das ist der eigentliche Skandal hier, denn eine Sendung wie “Borderland” gehört ins freie Abendprogramm zur besten Sendezeit. Denn, wenn mehr Amerikaner das sehen würden, könnte eine “Immigration Reform” nicht länger auf die lange Bank geschoben werden.

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Die Islamisten kommen

Der erzkonservative Fernsehmoderator Glenn Beck ist sauer. Er wollte Current TV kaufen, damit sein Fernsehprogramm „The Blaze TV“ in rund 60 Millionen amerikanischen Haushalten zu sehen ist. Doch die Besitzer Al Gore und Joel Hyatt dachten gar nicht daran, ihren progressiven Sender dem selbsternannten „Progressiven“ Beck zu überlassen.

Sie verscherbelten ihre Station lieber an Al Jazeera, das arabische Nachrichten Network. Und nun laufen die Konservativen im Land Sturm. Al Jazeera wird als Terroristensender beschimpt, als pro Al-Qaida, als anti-amerikanisch. Der Kabelkanalanbieter Time Warner hat umgehend Current TV/Al Jazeera aus seinem Angebot gestrichen, damit verliert Al Jazeera zum Sendestart gleich mal 20 Millionen potentielle Zuschauer in den beiden Märkten New York und Los Angeles. In Berichten über den Verkauf wurden Bilder gezeigt, die Osama bin Laden zeigen, so als ob Al Jazeera der offizielle Kanal des einstigen Terrorfürsten gewesen sei.

Und dabei kennen die meisten Amerikaner Al Jazeera gar nicht. Nur wer bereits in Übersee gereist ist, wird den Nachrichtenkanal aus Katar schon mal gesehen und schätzen gelernt haben. Denn im Vergleich zu CNN (US Ausgabe), MSNBC oder dem unsäglichen FOXNews ist Al Jazeera ein hervorragender, kritischer und thematisch offener Sender. Hier kommen Stimmen zu Wort, hier werden Themen behandelt, die andernorts bewußt oder unbewußt übergangen und übersehen werden. Al Jazeera will nun in den USA mit einer Amerika Ausgabe durchstarten, rund ein Dutzend lokale Büros eröffnen. Natürlich verfolgt Al Jazeera eine andere Linie als die amerikanischen „Counterparts“. Und klar ist, was Amerika im Nahen Osten, im Irak, in Afghanistan, in Teilen Afrikas tut, wird auf Al Jazeera anders kommentiert, behandelt, berichtet. Wenn man sich die jüngstn Äußerungen in den USA über den Verkauf von Current TV an Al Jazeera durchliest und anhört, dann erinnert man sich wieder an die Worte des früheren Präsidenten George W. Bush: „Either you’re with us or you’re with the terrorists“.