Bei den Grammys schnell nach unten

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest, 1937-1946/

Für einen Grammy nominiert: Folksongs Of Another America: Field Recordings From The Upper Midwest.

Die Grammy Verleihung ist ja so eine Schmalspurveranstaltung der Musikindustrie. Es wird viel gelächelt, sich auf die Schultern geklopft, man feiert sich mit Pomp und Glanz und jedes Jahr werden die gleichen Verdächtigen ausgewählt. Nun kam die Liste der nominierten Musiker, Bands, Performer, Aufnahmen heraus. Für mich heißt das jedesmal, ich muß fast ganz nach unten scrollen, um das zu finden, nach dem ich suche. In der Kategorie 66 „Best Album Notes“ werde ich schließlich fündig. Dort gleich als erste Nominierung:

Folksongs Of Another America     

Zusammengestellt wurde diese beeindruckende Sammlung von Professor James Leary von der University of Wisconsin. An dieser „Collection“ arbeitete er mehrere Jahre, fand die Lieder in Archiven, ergänzte in dem Begleitbuch die Liner Notes der ursprünglichen Aufnahmen um wichtige Informationen und Fotos der Musiker und Gruppen. Ein Mammutwerk, das den Wert der Musik der Immigranten in den USA aufzeigt. Es ist eine Klangreise in längst vergangene Tage. Musik, die lange Zeit sogar von den Amerikanern selbst vergessen und übersehen wurde, in Archiven verstaubte.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Für einen Grammy nominiert: Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959.

Einer der Musikethnologen, die in den späten 30er und frühen 40er Jahren durch den oberen Mittleren Westen zogen, um dort mit ihren Bandgeräten Aufnahmen der Immigranten zu machen, war Alan Lomax. Eine weitere Veröffentlichung dieses weitsichtigen Musiksammlers findet man in der Kategorie 67 „Best Historical Album“. „Parchman Farm: Photographs And Field Recordings, 1947–1959“, ebenfalls veröffentlicht auf „Dust to Digital Recordings„. Lomax reiste zum Staatsgefängnis in Mississippi, um dort die Gefangenen, vor allem bei der Arbeit, aufzuzeichnen. Eine bewegende Sammlung von Liedern, die in dieser Veröffentlichung noch durch ein Fotobuch erweitert werden.

Erfreulich aus deutscher Sicht ist, dass wieder einmal eine Box von Bear Family Records unter den nominierten Alben ist. „Portrait of an American Singer“ ist eine 5-CD Sammlung, begleitet von einem 120-seitigem gebundenen Buch. Vorgestellt wird Tennessee Ernie Ford, einer der bedeutendsten Genre-übergreifenden Künstler in der Geschichte der  populären Musik der USA. Zu Bear Family Records brauche ich nichts mehr zu sagen, die Qualität und die Liebe zum Detail sprechen für sich. Ich bin absoluter Fan dieses Labels.

Alle drei hier genannten Veröffentlichungen kann ich nur wärmstens in der kalten Vorweihnachtszeit empfehlen. Sie lohnen sich unterm Weihnachtsbaum genauso wie für einen Abend auf der Couch. Wer es noch zu schätzen weiß, dass Musik mehr ist als nur ein dröge mp3 File. Wer Geschichten hinter der Musik liebt? Wer einfach ein Stück Musikgeschichte in der Hand halten will, der liegt hier auf alle Fälle richtig. Alle drei Veröffentlichungen sind tief bewegende Hörreisen.

Die Musik des anderen Amerika

Amerika ist das Land der Einwanderer. Und doch wurde lange Zeit bewusst und unbewusst übersehen, dass die Immigranten ihre eigene Kultur und Sprache mit in die Neue Welt brachten und diese auch pflegten. Seit einiger Zeit beginnt man in die USA auf den kulturellen und ethnischen Reichtum zu blicken, der durch die Einwanderer ins Land kam. Jüngst wurde eine umfassende CD Box mit dem Titel “Folksongs of another America” veröffentlicht, die sich auf die Region des Mittleren Westens konzentriert.

Sidney Robertson war eine von drei Musikethnologen, die in den späten 30er und Anfang der 40er Jahre versuchten, die reichhaltigen Musikwurzeln der Upper Midwest Region in den USA zu dokumentieren. Neben ihr reisten noch Alan Lomax („The man who recorded the world“) und Helene Stratman-Thomas durch Wisconsin, Minnesota und die UP, die Upper Peninsula, of Michigan.

Es sind Feldaufnahmen, die eine Region Amerikas präsentieren, wie sie so noch nie zu hören war. Zusammengefasst sind sie nun als “Folksongs of Another America” bei Dust to Digital Records erschienen. Professor James Leary von der University of Wisconin in Madison steckt hinter dieser Veröffentlichung, an dem er fast zehn Jahre lang arbeitete: „Das Projekt, an dem Alan Lomax, Stratman-Thomas und Sidney Robertson involviert waren, war, den Wert der Kulturvielfalt und des Pluralismus zu zeigen. Ich denke, sie haben auch erkannt, dass nach ein paar Generationen die Kinder und Enkel nicht mehr die Sprache sprechen. Es gibt also noch diesen kritischen Moment, wenn man in der Lage ist, dieses Material zu sammeln.“

Wer von der amerikanischen Folk Music spricht, denkt vor allem an die englischsprachigen Lieder. Doch Amerika, das zeigt vor allem die Upper Midwest Region, hat viel mehr zu bieten. James Leary weiß, dass lange Zeit die fremdsprachigen Lieder der Einwanderer nicht beachtet wurden, auch wenn sie von den drei Musiksammlern für die Library of Congress schon früh aufgezeichnet wurden. Von Seiten der Regierung wurde jedoch ein “English only” ausgegeben, die Songs verschwanden im Archiv. 75 Jahre später wollte Leary jedoch zeigen, dass Amerika ein Land der kulturellen Sprachenvielfalt ist: „Für mich sind American Indians Amerikaner. Viele der frühen Siedler in den Vereinigten Staaten, bevor das Land überhaupt eine Nation wurde, sprachen eine andere Sprache als Englisch. Deutsch, Holländisch, Schwedisch, diese Sprachen sind genauso legitim. Und auch in meiner Heimatregion hörte man viele verschiedene Sprachen. Ich denke also, es ist sehr wichtig, diese Lieder als amerikanische Lieder zu präsentieren und sie denen vorzuhalten, die glauben, jeder sprach hier sofort Englisch und, dass nur das Englische das richtige ist.

Alan Lomax, Sidney Robertson und Helene Stratman-Thomas haben in mehreren Reisen in einem Zeitraum von acht Jahren mehr als 2000 Aufnahmen zusammen getragen. Leary hat auf “Folksongs of another America” 186 Lieder ausgewählt, die repräsentativ für die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Gegend sind. Das reicht von finnischen bis serbischen Songs, von französichen bis litauischen, dänischen, walisischen, polnischen, luxemburgischen, schweizer und deutschen Liedern, wie eine Aufnahme von Herman Meyers, „Was war an diesem Baum?“, vom September 1938, aufgezeichnet von Alan Lomax.

James Leary arbeitete jahrelang an dieser Veröffentlichung. Er bereinigte digital die alten Aufnahmen und trug viele Informationen zusammen, die in den Original Notizen der drei Ethnologen nicht vorhanden waren. Er suchte nach Fotos für das Begleitbuch, kontaktierte Nachfahren der Musiker und übersetzte alle fremdsprachigen Lieder mit Hilfe von Kollegen anderer Fremdsprachenabteilungen der University of Wisconsin. Eine Ausnahmeleistung, die jedoch erst den ganzen Wert des Kulturmischmaschs des oberen Mittleren Westens für den Hörer zugänglich macht. Und obwohl man hier nur alte Aufnahmen hört, ist die eigentliche Botschaft dieser visionären Arbeit aus den 30er und 40er Jahren für James Leary klar: „Heute sorgt man sich in Amerika über die Einwanderung, was die Immigranten mitbringen und ob sie überhaupt ins Land gelassen werden sollen. Und genauso ist es ja auch in Europa. Ich finde, diese Lieder zeigen, dass Neuankömmlinge in einem Land, auch wenn sie Teile ihrer Sprache, ihrer Kultur und Tradition behalten, zur gleichen Zeit offen sind und etwas im positiven Sinne beisteuern. Wenn man sich das ansieht, wie es damals war, kann das eine gute Lektion für heute und morgen sein.“

Die 5CD und eine DVD umfassende Sammlung “Folksongs of another America” ist bei Dust to Digital Records und University of Wisconsin Press erschienen.

 

Gestern ist heute ist morgen

Gerade höre ich ein Album mit dem Titel „Prison Songs – Historical Recordings from Parchman Farm 1947-48„. Aufgenommen von Alan Lomax, dem legendären und dem wohl bedeutendsten Musiksammler überhaupt. Musik ist zeitlos. Was Lomax hier auf Band festgehalten hat, sind Lieder von schwarzen Gefängnisinsassen, die während ihrer harten Arbeit die Lieder sangen, die all das Leid, die Not, das Elend und die Situation ausdrückten, in der sie sich befanden. Ein beeindruckendes Album.

Immer wieder stolpere ich hier drüben über fantastische historische Aufnahmen. Etliche Labels haben sich der Musik von gestern verschrieben. Es ist nicht nur eine Faszination für den Klang, für das Unkommerzielle in diesen Liedern. Mono, Kratzen, etwas dumpf, das alles macht nichts aus. Es ist vor allem der Erhalt wichtiger musikalischer und kultureller Wurzeln, der mich beim Hören dieser Musik fasziniert. Das treibt mich eigentlich in jedem Land in Plattenläden, immer auf der Suche nach „Recordings“ von früher. Leider findet man Deutschland kaum Aufnahmen alter Volksmusik und überlieferter Lieder, die ohne große kommerzielle Absichten aufgezeichnet wurden. Einzig Trikont Records in München fällt mir ein, die immer mal wieder den Blick zurück werfen und dem, was sie da in Archiven und auf längst verstaubten Regalen finden, ein Ohr schenken.

Ganz anders in den USA. Ein Label sticht für mich dabei heraus: „Dust to Digital„. Ein kleines Indie-Label, das aus dem Keller von Lance Ledbetters Haus in Atlanta heraus betrieben wird und bereits einen Grammy gewonnen hat. Die Aufnahmen sind mit viel Liebe zusammen getragen, zum Teil restauriert, aber nie so verändert, dass sie neu und frisch klingen. Am Schluß spürt man die Liebe zum Detail. Die Grammy nominierte Holzbox „Goodbye Babylon“ ist ein Musterbeispiel für das Label, eine einmalige Sammlung von Gospelmusik zwischen 1902 und 1960. Keiner wußte am Anfang, wie diese Box angenommen werden würde, doch als Lance Ledbetter in einem Radiointerview hörte, wie Neil Young über diese Veröffentlichung sprach und erwähnte, dass er sie von seinem Freund Bob Dylan zugeschickt bekam, da wußte er, dass er mit seinem Konzept für „Dust to Digital“ auf dem richtigen Weg war.

Hier eine Dokumentation in zwei Teilen von der lokalen PBS Station in Atlanta:

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The music of Haiti

Haiti BoxIch bin gerade von meinem Trip nach Juarez, Mexiko, zurück gekommen. Zuhause lag ein Paket von amazon, darin die bestellte CD Box „Haiti – Recordings for the Library of Congress“. Der Ethnologe und Folklorist Alan Lomax reiste 1936/1937 nach Haiti, um dort die einheimische Musik aufzuzeichnen und für nachfolgende Generationen zu archivieren. Nun ist diese umfangreiche CD Box erschienen. Komischer Zeitpunkt. Man hört in diesen Tagen ganz anders in.