Auf dem Geisterschiff durch die Nacht

Am 2. Dezember 2016 brach in einem Lagerhaus in Oakland ein Feuer aus. 36 Menschen starben in dem verheerenden „Ghost Ship Fire“. Das „Geisterschiff“ war nicht einfach nur eine leere Halle, es war ein Künstlerkollektiv, in dem gelebt, gearbeitet und gefeiert wurde. Wie an jenem Freitag, als der als sicher geglaubte Kunstfreiraum zur tödlichen Falle wurde. Die Katastrophe hatte ihre Folgen. Vielen in Oakland wurde auf einmal vor Augen geführt, welchen Balanceakt Künstler und Kulturschaffende in der Stadt und der gesamten Bay Area unternehmen müssen, um solche Freiräume zu finden und zu schaffen. Wenn es sie denn gibt, findet das, was eine Gesellschaft gerade ausmacht und auch auszeichnet – die Kreativität – oftmals in einem gefährlichen Raum statt. weiter lesen

7 Lieder zur Beharrlichkeit

      Danielle de Picciotto & Alexander Hacke
Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit "Perseverantia" zurück.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit „Perseverantia“ zurück.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltbekannt. Ihre eigenwillige, offene und grenzenverschiebende Auslegung was Musik ist, kann und sein sollte, hat sie zu bedeutenden Kulturbotschaftern Deutschlands gemacht. Hier in den USA können nur wenige den Bandnamen aussprechen, DJs kündigen sie manchmal als die „Crashing New Buildings“ an. Einer der Neubautenmitglieder ist Alexander Hacke, ein ruheloser, umtriebiger Klangbastler. Und der ist seit einigen Jahren fest mit der in Berlin lebenden Amerikanerin Danielle de Picciotto liiert, selbst eine kreative und vielseitige Multimediakünstlerin, die schreibt, malt, filmt, zeichnet und eben auch Musik macht.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind vielbeschäftigt, mal hier, mal dort, mal in Übersee. Eigene Projekte und Auftragsarbeiten wechseln sich ab. Nun haben sich die beiden wieder für ein gemeinsames Album zusammen getan. „Perseverantia“ heißt es und untermalt tönend die Beharrlichkeit dieses Künstlerduos, das sich auf dieser Veröffentlichung wahrlich gefunden und ergänzt hat. Es ist kein Hitalbum, ganz im Gegenteil. „Perseverantia“ ist wie ein vielschichtiger Soundtrack voller Klangebenen, auf die man sich als Hörer einlassen muß. Man wird gefordert, nicht berieselt. Man braucht Zeit, um dieses Werk zu erfassen, zu erhören.

Im Interview (Audioplayer oben) mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sprechen die beiden über das neue Album, die Kunst, ihr Leben. Die Fragen schickte ich von hier nach dort, die Antworten kamen aus Berlin zurück nach Oakland.

Hitman’s Heel/WTF?!

Gestern Nachmittag saß ich mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke im Cafe de la Press in San Francisco. Wir trafen uns für ein ausführliches Interview. Danielle de Picciotto ist Amerikanerin, lebt allerdings schon seit Mitte der 80er Jahre in Berlin. Und sie ist seit zehn Jahren mit Alexander Hacke, seines Zeichens  Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten, verheiratet. Man hat nicht oft solche offenen und interessanten Gespräche. Es drehte sich über Kunst und Kultur, über Berlin damals und heute, über die jüngste Platte der beiden – Hitman’s Heel – die als Reisetagebuch gedacht war. Eine sehr empfehlenswerte Platte. Seit einem Jahr pendeln die beiden um die Welt, nehmen Eindrücke auf, machen sich Notizen, genießen das leichte Leben mit nur jeweils einen Koffer.

Und nun sind sie auf USA und Kanada Tour. Danielle de Picciotto liest aus ihrem Erstlingswerk „The Beauty of Transgression: A Berlin Memoir„, ein Buch, das, wie sie sagt, seeeehr lange in Arbeit war. Alexander Hacke wird dazu die musikalische Untermalung liefern. Die beiden ergänzen sich, auf der Bühne, als Künstlerpaar und auch im Interview.

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In zwei Wochen treten KMFDM erneut an, um den Amerikanern eine geballte Ladung Musik „made in Germany“ direkt auf die 12 zu ballern. Im Herbst steht Europa an, natürlich auch etliche Konzerte in Deutschland. Seit über 25 Jahren brettert Sascha Konietzko mit seiner Band durch die Lande. Lange Zeit lebte er in Seattle, seit fünf Jahren ist er wieder in Hamburg. Die Luftveränderung hat ihm nicht geschadet. Die jüngste Platte heißt „WTF?!„, ein brachial geniales Poweralbum. In Deutschland haben sie Probleme mit den Sound, doch weltweit ist KMFDM gefragt. Sie gelten als Pioniere des harten Elektro-Beats. Die Band ist hochpolitisch, hält kein Blatt vor den Mund und das ist und war erfrischend im Bush-Amerika. Als kein Künstler nach 9/11 auch nur einen Hauch an Kritik äußern wollte, alle hatten sie ihre Buxen gestrichen voll, veröffentlichten KMFDM WWIII. Darauf der Song „Stars & Stripes“, in dem es hieß:“Control the airwaves / Fuel the reaction / Use every weapon of mass-distraction / Turn active people into passive consumers / Feed ‚em bogus polls and harebrained rumours / Cut back civil rights / Make no mistake / Tell ‚em homeland security is now at stake / Whip up a frenzy keep ‚em suspended / Don’t let ‚em know that their liberty’s ended“

Natürlich wurde dieser Song kaum im amerikanischen Radio gespielt (außer – of course – auf Radio Goethe!!!), doch der Song fand seine dankbaren Abnehmer. Bei Konzerten wurde der Text von hinten bis vorne mitgesungen. Als ich vor ein paar Tagen mit Sascha telefonierte, meinte er, die anstehende Tour werde richtig gut werden. Das neue Album stehe im Mittelpunkt der Konzerte, es werde komplett gespielt. Ich hoffe natürlich, dass auch ein paar KMFDM Klassiker mit auf die Playlist rutschen.

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