Ach Oakland!

Seit 13 Jahren wohne ich in Oakland. Eigentlich ist es eine schöne Stadt. An der Bay gelegen, zieht sie sich bis in die Hills. Da wohne ich, nur eine Minute entfernt von einem riesigen Naturschutzgebiet mit Redwoods und Bächen, Rehen, Stinktieren, Waschbären und dem gelegentlichen Berglöwen. Doch Oakland steht und stand schon immer im Schatten von San Francisco, und das, obwohl die Stadt eine beeindruckende Geschichte hat. Früher kauften reiche Bürger von San Francisco ihre Alterswohnsitze in den Hills von Oakland, um nach der Pensionierung dem Nebel zu entfliehen und die Seele mit Blick aufs Golden Gate baumeln zu lassen. Viele namhafte San Franciscaner haben ihre letzte Ruhestätte auf dem „Mountain View“ Friedhof in Oakland gefunden.

Oakland ist allerdings eine Stadt, die ihre Probleme hat. Gewalt, Bandenkriminalität, eine hohe Mordrate, Armut und eine nicht funktionierende Stadtführung. Es gibt viele schöne Seiten an Oakland, Touristen, die nach San Francisco kommen, sollten durchaus die Fahrt über die Bay machen und wagen. Im letzten Blogbeitrag berichtete ich zum Beispiel von einer wunderbaren Ausstellung im Oakland Museum of California, eines der besten Museen in der gesamten Bay Area. Toll, dachte ich mir, endlich mal ein positiver Bericht über Oakland. Sogar DeutschlandRadio Kultur wollte einen Beitrag über diese Ausstellung in meiner Wahlheimat.

Der Bericht war noch nicht mal gesendet, da war Oakland schon wieder in den Schlagzeilen. Sogar Spiegel Online machte damit auf. Schießerei in einer privaten, christlichen Uni. Sieben Tote, drei Verletzte. Ein ehemaliger Student ging mit einer 45er in einen Unterrichtsraum und fing an um sich zu ballern. Ziellos, wie es scheint, einfach nur, um seinen Frust über seine verbockte Zeit an der kleinen Uni rauszulassen. Irre! Oakland, Schießerei, 7 Tote, all das paßt ins Bild von einer Stadt, die schon lange die Kontrolle über die Gewaltspirale verloren hat….wer will da schon etwas von Plakatkunst und Kultur wissen.

„Keiner oder alle“ in Oakland

1968 war ein besonderes Jahr für Kalifornien und die San Francisco Bay Area. Der aussichtsreiche Präsidentschaftskandidat Robert Kennedy wurde in Los Angeles erschossen, der Latino-Bürgerrechtler Cesar Chavez trat in den Hungerstreik, das legendäre Fillmore West wurde eröffnet, bei den olympischen Spielen in Mexiko City zeigten die siegenden und aus der Bay Area stammenden afro-amerikanischen US Sprinter den Black Power Gruss, in Oakland fand ein vielbeachteter Prozess gegen die Black Panthers statt und gleich gegenüber vom Gerichtssaal wurde damals das Oakland Museum of California gebaut.

Und genau dort findet seit Samstag und noch bis Ende August eine umfangreiche Ausstellung über dieses legendäre Jahr statt. In einem Nebenzimmer und quasi als Ergänzung wurde auch noch kurzerhand „All of us or none“ eingerichtet. Der Titel ist der Name des gewaltigen Poster- und Plakatarchivs, das vor kurzem in den Besitz des Museums überging. Bis zu seinem Tod 2008, mehr als 30 Jahre lang sammelte Michael Rossman aus Berkeley Plakate und Poster. Ohne viel Geld, aber mit umso mehr Energie trug er rund 25.000 Plakate zusammen. Sie wurden nicht katalogisiert, sondern archiviert und nach Themenschwerpunkten geordnet. Rossman war vor allem an politischen Themen allgemein und im besonderen am Schwerpunkt soziale Gerechtigkeit interessiert. In den 60er Jahren ging es oftmals um Krieg, Vietnam, Militär. So zeigt das Plakat mit den drei Frauen links eine junge Joan Baez, die sich schon damals in der Friedensbewegung engagierte.

Es ist eine massive Sammlung des kreativen und politischen Outputs in der San Francisco Bay Area, die zeigt, dass aus dieser Region viele wichtige Impulse für den Rest des Landes kamen. Hier arbeiteten Künstler, Vertriebe, Druckereien, politische, soziale, kreative Organisation und Institutionen Hand in Hand. Rossman nannte sein Archiv nach dem Bertolt Brecht Lied „Keiner oder alle“.

Alles begann Mitte der 60er Jahre mit Rockplakaten. Nahezu 20 Jahre lang ruhte die Plakatkunst in den USA. McCarthy und seine Kommunistenjäger witterten hinter jeder sozialen Kritik, jeder Forderung nach sozialer Gerechtigkeit eine rote Verschwörung. Und auch nach dem Ende der McCarthy Ära Ende der 50er Jahre dauerte es noch ein paar Jahre, bis sich Künstler wieder trauten offen Plakate zu gestalten und zu veröffentlichen.

Nun ist ein Teil dieser Rossman Sammlung im Oakland Museum of California zu sehen. Eine beeindruckene Bilderschau, die zeigt, dass die Plakatkunst in den USA zu lange übersehen wurde. Wer als Tourist oder Besucher nach San Francisco kommt, sollte auf alle Fälle den Weg über die Bay machen, per Auto, per Fähre oder via BART. Es lohnt sich!