Kultur ist unkatrumpbar

Die Woche 1 nach dem Wahlsieg von Donald Trump neigt sich dem Ende zu. Überall im Land gibt es Proteste, die Fragen sind groß, die Antworten bleiben aus. Trump wird das Land regieren, vielleicht, wenn er seinen Wahlkampfkurs fortsetzt, die USA in eine internationale Isolation schippern.

ALP live im Green Music Center an der California State University in Sonoma.

ALP live im Green Music Center an der California State University in Sonoma.

Und gerade in dieser Woche spielten ALP aus Berlin in Oregon und Kalifornien. Drei Konzerte – Corvallis, San Francisco, Rohnert Park – die zeigten, wie wichtig der kulturelle Austausch ist. „Die Sinfonie der Großstadt“, Walter Ruttmanns Klassiker aus dem Jahr 1927, wurde in Corvallis und an der California State University in Rohnert Park aufgeführt. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ am Goethe-Institut in San Francisco.

ALP kamen an der CAL State in den Green Music Center und dort in die Schroeder Hall, benannt nach der Peanuts Figur von Charles Schulz. Die Schulz Familie hat in Sonoma County viele Kunst- und Kulturprojekte finanziell gefördert und unterstützt, darunter auch diesen klangvollen und akustisch einmaligen Konzertsaal, der für „Die Sinfonie der Großstadt“ fast ausverkauft war.

Der zeitlose Film bekam durch die Live-Vertonung eine ganz neue Untermalung. Vor fast 90 Jahren wurde dieses filmische Meisterwerk veröffentlicht. Walter Ruttmann muß wohl in diesen Tagen vor 90 Jahren seine Aufnahmen gedreht haben, danach in mühevoller Kleinstarbeit an das Schneiden des Materials gegangen sein, um diesen rhythmischen Tagesablauf auf die Leinwand zu bringen. Wer die Sinfonie nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen. Es ist das Bild eines Tages in Berlin, die Menschen, das Leben, der Alltag, die Probleme, die Schönheiten, die Tiefe und die Nähe der deutschen Hauptstadt. Berlin in den 1920er Jahren war eine beeindruckende und faszinierende Stadt.

Und auf diese visuellen Eindrücke legt das Trio ALP aus Berlin einen Soundtrack, der so ganz anders ist. Leichte Loops aus dem Mac wechseln mit einem Gitarrenbrett ab. Leise Töne, ein Farbpinsel über die E-Gitarre gestrichen vor einem dramatischen Drumbeat. Ein tiefer Bass neben den friedvollen Klängen eines Kinder-Xylophons. Es ist eine vielschichtige Musiklandschaft, die hier entsteht. Der Soundtrack unserer Zeit für einen epochalen Film aus einer verlorenen Zeit, der wegbereitend für viele Filmemacher nach ihm waren. Es ist ein Brückenschlag zwischen dem längst Vergangenem und dem Hier und Jetzt.

Ja, man denkt bei den Bildern aus dem Berlin der späten 20er Jahre an die drohende Katastrophe, an die tiefreichenden Veränderungen, die diese Stadt schon bald ereilten. Und auch hier ist die Verbindung zwischen dem Gestern und dem Heute, denn mit Sicherheit haben viele an die Veränderungen gedacht, die nun auf uns zu kommen werden. Vor dem Konzert war der Wahlsieg des New Yorker Egomanen das Thema schlechthin. Es sind ungewisse Zeiten, im Film und vor dem Konzertsaal.

Stories of America

Es kommt ja nicht so oft vor, dass ein Musikvideo aus und in meinem alten VW-Bus gedreht wird und dabei auch noch Käthe aus dem Fenster blickt. Im Januar waren ALP in San Francisco, um den beeindruckenden Walter Ruttmann Stummfilm von 1927 „Berlin: Die Sinfonie einer Großstadt“ neu und live zu vertonen. Es war zweifellos der Höhepunkt des 20. deutschsprachigen Filmfestivals „Berlin & Beyond“. Standing Ovations zum Schluß, ein grandioser Auftritt, eine erleichterte Band, die noch kurz vor dem Konzert einige „stürmische“ Momente erlebte.

Da ich sowas wie der Herbergsvater, Fahrer und Roadie war, begleitete ich das Trio aus Berlin auf vielen ihrer Ausflüge. Nun liegt ein kleines Video von ALP in San Francisco vor. Und da es diesmal leider nur zu einem Auftritt kam, kann man das Filmchen durchaus „ALP in Amerika“ betiteln.

Aufgrund der sehr positiven Resonanz planen die Berliner bereits weitere Konzerte an der amerikanischen Westküstefür den Spätherbst. Dann stehen mit Sicherheit mehrere Konzerte und Konzertorte an.

YouTube Preview Image

„Der müde Tod“ im Elektrogewand

Musik ist eine internationale und vor allem zeitlose Sprache. Ich weiss, wovon ich rede, denn seit fast 13 Jahren lege ich CDs im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf. Deutsche CDs wohlgemerkt, deutsche Mucke. Und die reicht von den experimentellen Klängen der sogenannten Krautrock Ära, a la Faust, bis hin zu den harten Riffs von Rammstein und den Country-Rock Tönen der Nürnberger Smokestack Lightnin‘. Erlaubt ist alles, was Spass macht und ankommt.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich durchaus meine Vorlieben habe. Da ist zum Beispiel die Berliner Elektro-Szene. Da passiert einfach so viel, da kommen immer neue Sachen, neue Impulse. Das reicht von der DJ-Szene bis zu avantgardistischen und experimentellen Klängen.

Eine Band, die es mir besonders angetan hat ist ALP. Wie kann man ihre Musik beschreiben? Oder, wie lässt sich ihre Musik, dieser kompakte Sound, in Worte fassen? ALP nehmen von allem etwas. Da hört man Downbeat, da hört man Punk, da hört man Avantgarde. Da sind langatmige, endlose Elektrobeats aufgetürmt, die dann von fetzigen Gitarrenriffs zerteilt werden. ALP heisst hinhören. Es ist Soundtrack Musik, für den eigenen kleinen Film, der von den Momentaufnahmen des Alltags lebt. Klingt das zu kompliziert? Ok, hier sind einige Soundbeispiele:

ALP1:      
ALP2:      
ALP3:      

ALP bringen aber nicht nur diesen vereinenden Charakter verschiedenster Einflüsse in ihre Musik. Sie nutzen die Sprache Musik für alte Filme. Vor einigen Jahren hatte ich die Möglichkeit sie in Berlin-Friedrichshain irgendwo in einer Hinterhofgarage live zu sehen. Es war ein schräger Club in einer ehemaligen Werkstatt. Ein Euro Eintritt, ein Euro Bier…und dann kamen ALP auf die Behelfsbühne. Hinter ihnen eine Leinwand, auf der „Panzerkreuzer Potemkin“ lief…und ihre Musik untermalte diese alten Schwarz-Weiss Bilder, hauchten ihnen ein ganz neues Leben ein. Das zeichnet ALP aus, sie überbrücken Genres und Zeiten.

Und nun kommen ALP nach Nürnberg, mit einem „neuen“ Film im Gepäck. „Der müde Tod“ von 1921. Fritz Langs Klassiker. Das ganze findet am kommenden Sonntag, 10. Mai (21. Uhr) im Kommkino statt. Also hingehen, geniessen, eintauchen in Bilder und Soundwelten.

YouTube Preview Image