Ein großer Staatsmann geht

In diesen Tagen wird viel über Barack Obama berichtet. Was hat er erreicht, was nicht? Welche politischen Erfolge und Misserfolge gab es in seiner Amtszeit? Wie hat er Washington, die USA, die Welt geprägt? Sein Nachfolger ist so ganz anders. Donald Trump tritt selbstherrlich und selbstverliebt auf, „Me Me Me“ ist seine Aussage, so ganz anders als das „You You You“ von Barack Obama. Es gibt viele Kritikpunkte an dem scheidenden Präsidenten. Es gibt viele Kritiker, die froh sind, dass die Obama Ära endlich vorbei ist. Doch was ihn ausgemacht hat, sind Momente, wie dieser hier, als Barack Obama nach dem Blutbad in einer Kirche in Charleston, South Carolina, zur Gedenkfeier kommt, die Rede hält und dann „Amazing Grace“ anstimmt. Ein Lied, das heute eng mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA verbunden ist. Es ist kein Kitsch und keine Show, vielmehr drückt diese Symbolik all das aus, für was Barack Obama angetreten ist und gewählt wurde:

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Die Woche Obamas

Das Weiße Haus erleuchtete in den Regenbogenfarben der Gay-Community.

Das Weiße Haus erleuchtete in den Regenbogenfarben der Gay-Community.

Es war die Woche von Barack Obama. Höhen und Tiefen, Emotionen, Tränen, Lachen, Freude und Erleichterung. Der oberste Gerichtshof in den USA hatte zwei wichtige Urteile gefällt. Die Gesundheitsreform wurde in ihrer Form von einer deutlichen Mehrheit der Richter bestätigt und dann kam auch noch jenes Urteil, dass die Gleichstellung von homosexuellen Ehen vor dem Gesetz garantiert. Amerika hat damit eine radikale Wende vollzogen. Noch 2004 wurde George W. Bush aufgrund eines Wahlkampfes gegen die Homoehe wiedergewählt. In gerade mal einem Jahrzehnt haben die USA damit eine kulturelle Revolution erlebt, die weithin nachhallen wird. Barack Obama und seine Demokraten feierten beide Entscheidungen. Damit sind zwei ganz wichtige politische Ziele erreicht worden, eine allgemeine Krankenversicherung für jeden Amerikaner und eine Gleichstellung vor dem Gesetz schwuler und lesbischer Lebenspartner.

Nur wenige Stunden später stand der Präsident in Charleston und sprach zu den Trauernden, die zur Gedenkveranstaltung für die Ermordeten der „Emanuel African Methodist Episcopal Church “ gekommen waren. Und dann setzte er zu „Amazing Grace“ an, ein bewegender und ergreifender Moment, der viel mehr ausdrückte, als alle Worte seit dem Attentat. Barack Obama, der in der jüngsten Zeit sehr oft von der Afro-Amerikanischen Gemeinde kritisiert wurde, weil er eben nicht die grossen Verbesserungen brachte, mit denen er noch 2008 Wahlkampf gemacht hatte, hat hier in Charleston und an diesem Freitag etwas geschafft, was so lange fehlte. Das da sein, die Anteilnahme, das Mittendrin. Verständnis, Zugehörikeit, tiefe Anteilnahme. Doch vor allem eine sehr große Geste, die in die Geschichte Amerikas eingehen wird. Ein Präsident, der anfängt zu singen, ein Lied, das eine große Bedeutung hat. Einfach so, sicherlich geplant, doch nicht erwartet. Und 6000 Trauernde stimmten mit ein. Es war wieder solch ein Gänsehautmoment, auf den Amerika, doch vor allem die Afro-Amerikaner im Land so lange warten mussten. Hier präsentierte sich ein Präsident, ihr Präsident, der genau den richtigen Ton fand. Keine schwulstigen Worte, sondern tiefe Emotion. Im Leid der Nation ließ sich erneut die Stärke Amerikas erkennen.

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