Es wird sich nichts ändern….mal wieder!

      Unter Beschuss

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Wer glaubt, Amerika wird sich nach der Wahnsinnstat von Las Vegas entwaffnen, der liegt total falsch. Weder erschossene Kinder noch Kirchengänger haben bislang zu einem Umdenken geführt. Country Musik Fans werden das auch nicht erreichen. Das klingt zynisch, ist aber leider die Realität im Land des unbeschränkten Waffenbesitzes. Nun zeigen sich zwar die Waffenlobbyisten der NRA gesprächsbereit, die eingesetzten „Bump Stock“ Zusätze verbieten zu lassen, aber das hat andere Gründe als ein Einlenken oder Einsehen. weiter lesen

Noch mehr Knarren braucht das Land

Hotel-Kasino Mandalay Bay in Las Vegas. Foto: Reuters.

Es sollte ein friedliches Countrymusikfestival inmitten der Glanz- und Glitterstadt Las Vegas werden, aber es kam alles anders. 50 Menschen starben, mehrere Hundert wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht. Aus dem 32. Stock des gegenüberliegenden Mandalay Bay Kasinos ballerte der 64jährige Stephen Paddock wahllos auf die Konzertbesucher der Country-Veranstaltung. Der Todesschütze erschoss sich schließlich selbst, als die Polizei sein Hotelzimmer stürmte. weiter lesen

Ein großer Staatsmann geht

In diesen Tagen wird viel über Barack Obama berichtet. Was hat er erreicht, was nicht? Welche politischen Erfolge und Misserfolge gab es in seiner Amtszeit? Wie hat er Washington, die USA, die Welt geprägt? Sein Nachfolger ist so ganz anders. Donald Trump tritt selbstherrlich und selbstverliebt auf, „Me Me Me“ ist seine Aussage, so ganz anders als das „You You You“ von Barack Obama. Es gibt viele Kritikpunkte an dem scheidenden Präsidenten. Es gibt viele Kritiker, die froh sind, dass die Obama Ära endlich vorbei ist. Doch was ihn ausgemacht hat, sind Momente, wie dieser hier, als Barack Obama nach dem Blutbad in einer Kirche in Charleston, South Carolina, zur Gedenkfeier kommt, die Rede hält und dann „Amazing Grace“ anstimmt. Ein Lied, das heute eng mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA verbunden ist. Es ist kein Kitsch und keine Show, vielmehr drückt diese Symbolik all das aus, für was Barack Obama angetreten ist und gewählt wurde:

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Mit der Wumme an der Tafel

Vier Jahre lang war ich auf der Staatlichen Realschule Nürnberg, drei Jahre davon in der zweiten Sportklasse. Das war so eine Luftnummer aus dem bayerischen Kultusministerium, Sport als Vorrückungs- und Abschlußfach. Schularbeiten, mündliche, schriftliche und praktische Abschlußprüfung. Nach zwei Klassen war Schluß, das war die bajuwarische Befreiungspädagogik der 80er Jahre. Na ja, immerhin war ich Teil der Schulgeschichte im Freistaat.

Ich stelle mir gerade vor, wie das damals im Klassenzimmer mit den Pappmaché Wänden in der Sigmundstraße war. Dieser bunte Haufen aus Schülern hier und vorne unser Klassenlehrer Günther Koch (ja, der Günther Koch, die „Stimme Frankens“). Irgendwie lief der Laden, alle machten ihren Abschluß. Wenn ich mir nun vorstelle, dass GK eine 45er im Holster gehabt hätte, dann wären die Erinnerungen an die Schulzeit sicherlich etwas anders.

Die Opfer an der Sandy Hook Grundschule.

Die Opfer an der Sandy Hook Grundschule. Fotos: Reuters.

Das Bild ist nicht weit hergeholt. In meiner neuen Heimat Amerika sind die Mordzahlen zwar seit den 90er Jahren drastisch gesunken, doch die Zahl der Schießereien und Amokläufe an Schulen und Bildungseinrichtungen ist deutlich gestiegen. Der traurige Höhenpunkt war sicherlich der Amoklauf von Adam Lanza im Dezember 2012. Er erschoß an der Sandy Hook Elementary School in Newtown 26 Menschen, darunter 20 Kinder. Danach veränderte sich Amerika. Es wurde vielfach gefordert, dass strengere Waffengesetze eingeführt werden müssen. Doch so laut der Ruf auch war, er verhallte in den Hallen des US Kongresses, die Waffenlobby hatte am Ende wieder die Diskussionführung übernommen. Und nicht nur das, der Vorschlag der „National Rifle Association“, NRA, als Antwort auf den Amoklauf mehr Lehrer an Schulen zu bewaffnen machte im ganzen Land Schule.

Bewaffnete Lehrer sind in den USA keine Ausnahme mehr.

Bewaffnete Lehrer sind in den USA keine Ausnahme mehr.

In Texas, Indiana, Ohio, Utah, Oklahoma und anderen Bundesstaaten wurden in Schuldistrikten Gesetze verabschiedet, die es Lehrer erlauben eine Knarre mit in den Unterricht zu bringen. „Teachers are our first defense line“ heißt es. Wenn der Supergau einer Schießerei an einer Schule eintreffen sollte, gibt es überall im Land genaue Verhaltensregeln. Doch das langt besorgten Eltern, Lokalpolitikern und Verfechtern einer liberalen Waffenkultur schon lange nicht mehr. Die Lehrer sollten in der Lage sein, so die Forderung, sich und die ihnen anvertrauten Kinder zu schützen, bis zum Eintreffen der Polizei und der Sicherheitskräfte einen Amokläufer aufhalten oder stoppen zu können. Und das auf gleicher Augenhöhe mit dem Täter. Heißt, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Bang, Bang, bumm-bumm, Wild-West auf dem Schulfhof und in den Klassenzimmern.

Nun ist diese Verteidigungsstrategie auch nach Kalifornien gekommen und setzt damit ein vielbeachtetes Signal für den Rest der USA. Die Mitglieder des Schulausschusses im „Kingsburg Joint Union High School District“ haben einstimmig dafür gestimmt, dass fortan Lehrkräfte bewaffnet zum Schuldienst kommen dürfen. Vor einem Monat wurde bekannt, dass bereits seit einigen Jahren im „Folsom Cordova Unified School District“ das Tragen von Schießeisen für Lehrer im Dienst erlaubt ist. Doch das hatte man bislang nicht öffentlich gemacht. Texas also in einigen Teilen Kaliforniens. Die Waffenlobby jubelt über all das, denn sie sieht ihre Sicht der Dinge bestätigt. Nur wenige Tage nach den Todesschüssen an der Sandy Hook Grundschule hatte der NRA-Präsident Wayne LaPierre in einer Pressekonferenz die Bewaffnung der Lehrer und mehr Sicherheitsbeamte an Schulen gefordert. Denn, so LaPierre, „The only way to stop a bad guy with a gun is with a good guy with a gun“. Das ist Logik auf amerikanisch!

Der Terror vor der eigenen Haustür

1988 war ich das erste Mal in den USA, danach regelmäßig. 1992 dann ein ganzes Jahr, 1996 zog ich dann mit Sack und Pack an die Westküste. Heute habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft, bin eben auch Amerikaner, zumindest auf dem Papier, doch mehr verstehe ich „sie“ deshalb auch nicht.

Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 existiert der „War on Terror“. Billionen von Dollar wurden dafür ausgegeben, Tausende von Soldaten starben in Afghanistan und Irak, die Welt ist nach diesen zwei Kriegen dennoch nicht sicherer geworden. Ganz im Gegenteil. „It’s a mess“ wohin man auch blickt. Und in den USA selbst hat dieser Krieg gegen den Terrorismus zu drastischen Veränderungen geführt. Bürgerrechte wurden eingeschränkt, Geheimgerichte und Geheimgefängnisse eröffnet, riesige Datenbanken aufgebaut, unter dem Begriff „Homeland Security“ ist heute alles möglich in den USA. Zehntausende von Menschen dürfen in kein Flugzeug mehr einsteigen, warum sie auf der „No Fly“-Liste sind und wie man davon wieder gestrichen wird, weiß niemand. Moscheen, islamische Zentren und Geschäfte sind unter FBI Beobachtung. „Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich auch keine Gedanken machen“, diesen Satz habe auch ich schon in Diskussionen gehört, in denen ich die einschneidenen Maßnahmen der US Regierung kritisierte. Keiner murrt über die nervigen und teils schikanierenden Schlangen am Flughafen auf, die Überwachung des öffentlichen Raumes ist zur Normalität geworden, sogar Park Ranger sind in den USA an der „Homeland Security“ Front eingesetzt.

Und dann sind da die allabendlichen Nachrichten. „News Alert“ flimmert auf den 24 Stunden Kabelkanälen gleich mehrfach am Tag über die Bildschirme. Eigentlich ist nichts passiert, doch verkauft wird die Angst vor den Anderen, den angeblichen islamistischen Zellen in den USA, den ohne Gerichtsverhandlung und Richterspruch einsitzenden Gefangenen in Guantanamo Bay, den Terroristen in Übersee und den ach-so-vielen Schläferzellen in Amerika, die nur auf ihre Chance und ihren Marschbefehl warten. Und jüngst sind auch noch die syrischen Flüchtlinge dazugekommen, unter denen sich nur Radikale und Fanatiker befinden, so Donald Trump. Amerikaner sind eigentlich Angsthasen, wenn man sich die Newssendungen hier ansieht und daran glaubt, dass die Botschaft auch ankommt, dann ist das hier das Land der Menschen, die die Buxe voll haben.

Die Knarre gehört zu Amerika wie Coca Cola und Micky Maus. Foto: Reuters.

Das Schießeisen gehört zu Amerika wie Coca Cola, BBQ, Hamburgers und Micky Maus. Foto: Reuters.

Umso verwunderlicher ist es, dass die Amerikaner mit dem Terror vor der eigenen Tür gut leben. Oder zu leben gelernt haben. Egal, wie man es sieht und bewertet, dieses Land, diese Gesellschaft kann man nicht verstehen. Anders ausgedrückt, wenn eine amerikanische Auslandsschule, nehmen wir als Beispiel die „International School of Kenya“ in Nairobi, Ziel eines terroristischen Anschlages durch die somalische Al-Shabaab werden würde, Dutzende von Schulkindern getötet und verletzt werden würden, dann würden die USA reagieren. Washington wäre geeint in einer militärischen Reaktion, die schnell, hart, umgehend und kompromisslos käme. Nichts anderes würde man von den USA erwarten.

Seit dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule in Newtown, Connecticut, im Dezember 2012 gab es in den USA 142 weitere Schießereien an Schulen und Bildungseinrichtungen. Fast jede Woche ein Vorfall mit Toten und Verletzten. Dazu kommen noch all die anderen Amokläufe, Massenschießereien und Morde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In jeder Schule gibt es einen „Lockdown“ Drill, dabei wird das Verhalten trainiert, was zu tun ist, wenn ein Bewaffneter auf das Schulgelände kommt. Schüler, Studenten, Eltern und Familien leben mit der täglichen Angst, dass es auch hier in ihrer Nachbarschaft passieren könnte, denn die Statistik zeigt, es passiert überall.

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass man Opfer eines Amoklaufes wird. Doch die Wahrscheinlichkeit ist in den USA höher als in jedem anderen Land. Die Wahrscheinlichkeit für mich, der schon öfters in Konflikt und Post-Konflikt Regionen unterwegs war, ist höher, hier in den USA Opfer einer Schießerei zu werden, als in Afghanistan, Nord-Mexiko, Kongo, Tschad oder demnächst in Somalia.

Die Amerikaner haben gelernt mit dem Terror im Alltag zu leben. Verstehen kann man es jedoch nicht. Warum würde die US Militärmaschinerie nach einem Anschlag auf die „International School of Kenya“ in Gang gesetzt werden, die Täter dingfest oder wahrscheinlicher „neutralisiert“, Hintermänner des Attentats ausfindig gemacht werden. Sie müssten auch nach Jahren noch mit Dronenangriffen rechnen. Amerika schläft und vergisst nicht.

Ganz anders im eigenen Land. 142 Schulschießereien in 34 Monaten, und nichts ist passiert. Hier Trauer, Betroffenheit, Hilflosigkeit, das Gefühl, es ist einfach so, es wird sich nichts ändern. Dort die hirnrissige Forderung nach der Bewaffnung von Lehrern und Schülern, um Amokläufer schnell auszuschalten. Der Waffenbesitz ist nun nach dem jüngsten Vorfall am „Umpqua Community College“ in Roseburg, Oregon, auch wieder zum Wahlkampfthema geworden. Donald Trump hat sich unter dem Applaus von NRA Trollen geoutet, eine Lizenz zum Tragen eines Schießeisens zu besitzen. Und ja, er fordert mehr Waffen in allen Lebenslagen, aber das verwundert nun wirklich niemanden mehr.

Es scheint, Terrorismus ist in den USA eine Auslegungssache, die sehr stark von der Lobbyarbeit in Washington abhängt. Das Erschießen amerikanischer Kinder ist im Ausland anders zu betrachten und zu werten, als im Inland. Und im Inland ist es nur dann ein terroristischer Akt, wenn der oder die Täter Islamisten oder rechtsradikale Spinner sind. Aber selbst dann wird es sehr laute Stimmen in den USA geben, die alles daran setzen, den allgemeinen Zugang zu Waffen nicht zu beschränken. Das begreife, wer will. Fazit ist, es wird sich nichts ändern.

Der wievielte Amoklauf ist es?

Foto: AFP.

Foto: AFP.

Am 27. August beendete ich einen Blogeintrag mit den Worten: Es wird wieder passieren, irgendwo und irgendwann im Land. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Egal, es wird passieren. Das steht fest.“ Es hat fünf Wochen gedauert, dann knallte es wieder. Diesmal am Umpqua Community College in Roseburg, Oregon. 13 Tote, mindestens 20 Verletzte. Doch die Zahlen können sich noch verändern. Der Todesschütze, ein 20jähriger, ist bei dem anschließenden Schußwechsel mit der Polizei ums Leben gekommen. Ein Einzeltäter, heißt es, über Hintergrund und Motiv ist noch nichts bekannt. Es ist schon die 45. (!) Schießerei in diesem Jahr an einer Schule, einem College, einer Unversität.

Das Entsetzen ist – mal wieder – groß. In Washington forderte ein sichtlich betroffener Präsident Barack Obama umgehend striktere Waffengesetze. „Das ist etwas, was ich nicht alleine machen kann“. Er wolle für die Opfer und deren Angehörige beten, meinte er, und drückte damit auch aus, dass das wohl das einzige sein wird, was er machen kann und wird. Man glaubt Obama, dass er gerne etwas tun würde, doch im politischen Washington keine Chance auf eine Verschärfung der Waffengesetze sieht. Das vermeintliche Recht auf Waffenbesitz wird von konservativen Politikern und Richtern über das Grundrecht auf Unversehrtheit der eigenen Bürger gestellt.

Wenn solche regelmäßigen Amokläufe und Massenschießereien nichts verändern. Wenn Kleinkinder und Kirchgänger, Schüler, Studenten, Kinobesucher und Arbeitnehmer nicht mehr da sicher sind, wo sie glauben sicher zu sein, dann stimmt doch etwas nicht in „God’s Country“. Ich lebe seit nunmehr 19 Jahren in einem Land, in dem einfach hingenommen wird, dass Jahr für Jahr die Bewohner einer Stadt in der Größe von Forchheim einfach abgeballert werden. Schußwaffen fordern jährlich rund 30.000 Tote in den USA, Morde, Selbstmorde, „Unfälle“ mit Knarren. Und nichts verändert sich. Das eigentliche Ereignis, das zwangsläufige Betroffensein, das Abhaken und zum Alltag übergehen, es ist noch nicht mal mehr ein Skandal. Es ist Amerika. Es wird wieder passieren, irgendwo und irgendwann im Land. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Egal, es wird passieren. Das steht fest.“

 

Was soll der ganze Terz?

Mal was neues. Selbst hartgesottene Amerikaner waren von dieser Schießerei überrascht. Vor laufenden Fernsehkameras erschoss Vester Flanagan während eines Interviews die Reporterin Alison Parker und den Kameramann Adam Ward. Die Interviewte Vicki Gardner liegt zur Zeit noch mit Schußverletzungen im Krankenhaus, doch wird überleben.

Flanagan war von der Fernsehstation entlassen worden und auf einem Rachefeldzug. Er wollte ein deutliches Zeichen setzen, filmte sich selbst bei der Tat und lud dieses Video ins Internet. Es war also kein Amoklauf gegen Journalisten, sondern Flanagan ging „postal“, wie man hier so eine Schießerei eines frustrierten, verwirrten (Ex-)Mitarbeiters nennt.

Kurz vor den tödlichen Schüssen. Foto: AFP.

Kurz vor den tödlichen Schüssen. Foto: AFP.

Und Amerika zeigte sich schockiert von der Tat. Auf National Public Radio, NPR, warnte man die Hörer vor dem Bericht, dass man darin „disturbing sounds“ hören wird. Gemeint waren die tödlichen Kugeln aus Flanagans Pistole und die Schreie der Umstehenden. Auf FOXNews sah man Moderatorin Megyn Kelly tief betroffen. Sie meinte, man werde das Video, geschnitten und gekürzt, nur einmal zeigen, um dem Täter nicht die Öffentlichkeit zu geben, die er mit der Wahnsinnstat ersehnte. Tiefe Bestürzung und Trauer im ganzen Land. Doch warum eigentlich?

Amokläufe, Massenschießereien, Irrsinnstaten wie diese vom Mittwoch gehören zu Amerika wie die Freiheitsstatue, Hamburger und Disneyland. „The right to bear arms“, das Recht Waffen zu tragen, das ist der Grundsatz im US amerikanischen Alltag. Ermordete Kleinkinder, wie an der Sandy Hook Elementary School in Newtown, Connecticut. Erschossene Schüler, wie an der Columbine High School in Littleton, Colorado. Gläubige, wie in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina. Und nun eben Reporter bei der Arbeit in Roanoke, Virginia. All diese Vorfälle und mehr haben in den USA zu keinem Umdenken geführt und werden auch nichts in der Zukunft verändern.

Neben dem ungehemmten Waffenwahnsinn in den USA, gibt es sicherlich noch weitere Faktoren, wie ein mangelhaftes Gesundheitssystem, gerade in der Erkennung von Frühwarnzeichen bei potenziellen Tätern, die für diese erhöhhten Zahlen von Massenschießereien in den USA sprechen. Doch grundsätzlich gilt, Amerika hat ein Waffenproblem, das außer Kontrolle ist und so auch bleiben soll und wird. Erst Anfang der Woche kam die Nachricht aus Seattle, dass die Waffenlobby NRA, weitere Waffenclubs und auch einige Knarrenbesitzer gegen die geplante kommunale Steuer klagen werden. Gedacht war, mit dieser Steuer auf Schießeisen Präventions- und Hilfsmaßnahmen für Opfer von Gewalt durch Schußwaffen zu finanzieren. Kannste vergessen, die NRA blockt.

Das ist der Alltag in den USA. 350 Millionen Waffen im Umlauf langen nicht, jeder Amerikaner wird auch weiterhin ein Recht auf seine Wumme haben. Extrabesteuerungen werden vor den Gerichten angefochten. Nichts und niemand darf sich gegen „The right to bear arms“ stellen.

Von daher muß man die Tat von Roanoke als das sehen, was sie ist. Eine Meldung am Mittwoch. Nicht mehr und nicht weniger. Warum die Aufregung, die Bestürzung, die Trauer, der Schock. Es wird wieder passieren, irgendwo und irgendwann im Land. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Egal, es wird passieren. Das steht fest.

Wenn sich die Geister scheiden

Fünf Menschen starben, drei wurden verletzt, als am 16. Juli Mohammad Abdulazeez erst auf ein Rekrutierungsbüro des amerikanischen Militärs und dann auf eine Reservistenzentrum schoß. Der Täter war am Ende einer der fünf Toten. Dieser Amoklauf war nicht der erste und nicht der letzte in den USA.

Foto AFP

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Bereits über 200 Schießereien mit mehreren Opfern hat es in den USA schon in diesem Jahr gegeben. Unvorstellbar, wenn man sich die Zahlen und die Folgen genauer ansieht. „Mass Shootings“, werden diese Taten hier genannt. Die Geister scheiden sich derzeit nur, ab wann man ein „Mass Shooting“ ein „Mass Shooting“ nennen kann und darf. Die „Harvard School of Public Health“ definiert es als eine Schießerei in der Öffentlichkeit, die nichts mit häuslicher Gewalt, Drogen und Gangs zu tun hat und bei der mehr als vier Menschen sterben. Der „Stanford Geospatial Center “ hingegen meint, man könne schon dann von einem „Mass Shooting“ sprechen, wenn es „einen Täter gibt, der drei oder mehr Menschen in einer Tat erschießt“. Egal ob Tote oder Verletzte. Drei Menschen, drei Opfer!

Die Webseite shootingtracker.com dokumentiert unterdessen diese Taten und listet sie auf. Einfache harte Zahlen, eine Liste mit Tatort, Tätern, Anzahl der Todesopfer und Verletzten. Alleine diese Liste zeigt, das und was in Amerika falsch läuft. Denn eigentlich müsste es deutliche Reaktionen geben, ein Aufschrei, der von der Ost- zur Westküste zu hören ist. Doch nichts passiert. Somit wird die Liste tagtäglich fortgesetzt. In diesem Jahr. Im nächsten Jahr.

Die einzige Lösung für Schulmassaker?

Wenn ich an meine Schulzeit denke, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass es den einen oder anderen Lehrer gab, der gerne hin und wieder mal mit der Knarre in die Luft geschossen hätte, einfach um Ruhe in den Raum zu bringen. Die zweite und letzte Sportklasse in der Staatlichen Realschule Eibach war schon ein wilder Haufen. Das ganze war eine Versuchsklasse der bayerischen Staatsregierung, doch nach zwei Jahrgängen war Mitte der 80er Jahre Schluss. Irgendwie drängelten sich keine Sportskanonen von uns auf die internationale Bühne und der Abschluß in Sport war irgendwie „nüscht“ wert.

Dieses Schild gilt nicht für Lehrer.

Dieses Schild gilt nicht für Lehrer.

Aber ich denke mir, hin und wieder hätte da ein Lehrer oder eine Lehrerin schon gerne dazwischen gefunkt. Na ja, nicht unbedingt mit einer Knarre durch die Gegend ballernd, denn so schlimm war es dann nun doch nicht. Aber was in Eibach undenkbar gewesen wäre ist in 18 amerikanischen Bundesstaaten schon Realität. Lehrer dürfen bewaffnet zum Unterricht kommen. Nein, nicht um als John Wayne mit wippendem Colt an der Hüfte für Recht und Ordnung zu sorgen. Sie dürfen vielmehr die Wumme zum Selbstschutz und zum Schutz ihrer Schüler tragen.

Immer wieder gibt es in den Nachrichten die Schlagzeilen, dass hier und dort ein Schüler bewaffnet zum Unterricht kam und Mitschüler und Lehrer teils wahllos abknallte. Columbine, Sandy Hook und jüngst Marysville im Bundesstaat Washington, es passiert überall und immer wieder in den USA. Die Waffenlobbyisten der „National Rifle Association“ drängten schon früh darauf, dass man sich gegen Amokläufer nur bewaffnet wehren kann. Also sollten die Lehrer und die Schulleitung „armed“ sein. Zahlreiche Politiker folgten dieser Argumentation und brachten Gesetzesvorlagen in den jeweiligen Parlamenten ein. Nun also gibt es bereits Waffengesetze in 18 Bundesstaaten, die es Lehrern erlaubt, auf etwaige Zwischenfälle „entsprechend“ zu antworten.

Argumentiert wird, dass bewaffnete Lehrer und Schulleiter zumindest einen Amokläufer stoppen oder aufhalten könnten, um so schlimmeres zu verhindern, bis die Polizei am Tatort eintrifft. Man setzt also der Waffennarrerei in den USA noch eins drauf. Nicht weniger Waffen sind das Ziel, sondern eine vermeintliche Waffengleichheit. Eigentlich ist das ein Armutszeugnis für die amerikanische Gesellschaft, denn damit wird ganz deutlich gesagt, wir geben auf. Das Waffenproblem im Land ist nicht mehr unter Kontrolle zu bringen, nur noch eine allgemeine Bewaffnung scheint vor Schießwütigen auf den Straßen, in den Universitäten, den High Schools und Grundschulen zu helfen. Armes Amerika!

Ein Schuß in den Ofen

Der Amoklauf von Isla Vista mit sieben Toten und 13 zum Teil Schwerverletzten ruft die Waffengegner auf den Plan. In Kalifornien wurde im Eilschritt eine Gesetzesinitiative eingebracht, die Angehörigen und der Polizei mehr Rechte einräumen sollen. Wenn jemand auffällig ist, sollen die Behörden die Möglichkeit haben Schußwaffen im Besitz der Person zu beschlagnahmen. Dieses Gesetz ist eine Antwort auf das, was am Freitagabend in der kleinen Strandgemeinde bei Santa Barbara passierte. Und es ist eine Initiative, die für die Katz‘ ist. Sie wird rein gar nichts bringen.

Elliot Rodger

Elliot Rodger

Heute lief ein Interview auf KQED mit der demokratischen Abgeordneten Nancy Skinner, die diesen Gesetzestext schrieb und einem Waffenbefürworter, Robert Farago. Und letzterer machte für mich mehr Sinn, als der Schnellschuß in den Ofen, der in Sacramento formuliert wurde. Denn Elliot Rodger hatte zuerst drei Menschen mit einem Messer erstochen, danach auf seiner Autofahrt gezielt Passanten mit seinem BMW angefahren und nebenbei auch noch geballert. Etwas zynisch fragte Farago, ob man denn per Gesetz vorschreiben möchte, einem Auffälligen auch Messer und Autoschlüssel wegzunehmen.

Elliot Rodger, wie ich bereits in einem früheren Blogeintrag vermerkte, ist kein gutes Beispiel dafür, dass strengere Gesetze in Zukunft irrsinnige Amokläufe wie seinen verhindern könnten. Der 22jährige hatte massive mentale Probleme, die erst spät erkannt und dann nicht beachtet wurden. Rodger wollte töten, auch ohne seine Schußwaffen richtete er Unschuldige hin.

Kalifornien ist der Bundesstaat mit den strengsten Waffengesetzen. Schon jetzt haben Polizei und Behörden Möglichkeiten, bei auffallendem Verhalten Waffen zu beschlagnahmen und ein Verbot des Waffenbesitzes für einen längeren Zeitraum auszusprechen. Was bei dieser Bluttat mehr heraussticht als der einfache Zugang zu Schußwaffen ist die Tatsache, dass ein sichtlich gestörter junger Mann, der damit auch nicht hinterm Berg hielt und Dutzende von Videos veröffentlichte, von einem „mental health system“ außen vor gelassen wurde. Nancy Skinner mußte in dem Interview zugeben, dass gerade in diesem Bereich in jüngster Zeit finanzielle Mittel eingespart wurden. Warum? Die Frage ist auch, warum die Eltern nicht weiter Druck ausübten, nachdem die Polizei Elliot Rodger besuchte und ihn als „höflich“ und „schüchtern“, aber nicht als Gefahr einstufte?

Die Waffengegner in den USA leisten sich gerade einen Bärendienst, wenn sie diesen Amoklauf als Anlaß nehmen, um die Waffenflut in den USA unter Kontrolle zu bringen. Die Flut ist schon lange nicht mehr einzudämmen. Die allgemeine Kriminalitätsrate in den USA ist gefallen, allerdings ist die Anzahl von Amokläufen in jüngster Zeit gestiegen. Das sollte zu denken geben. Amerika ohne Waffen ist ein schöner Traum, der nie umgesetzt werden wird und kann. Man sollte nun vielmehr daran gehen, ein System zu schaffen, dass solche Wahnsinnstaten vom Freitag verhindern kann. Darin sollte Geld und Energie investiert werden, nicht in „feel good“ Gesetzesinitiativen.