Ein neues Kapitel im Waffenrausch Amerikas

Mehr als 300 Millionen Waffen sind in den USA bereits im Umlauf. Wer hier eine Knarre haben will, bekommt eine. Legal und illegal. In manchen Stadtteilen amerikanischer Großstädte ist es für Kinder einfacher, an der Straßenecke eine Wumme für 20 Dollar zu kaufen als Schulhefte für den Unterricht. Jedes Jahr sterben in den USA weit über 30.000 Menschen an Schußverletzungen. Morde, Selbstmorde und Unfälle miteingerechnet.

Man könnte also sagen, die Amerikaner brauchen nicht noch mehr Waffen. Der Markt ist schon jetzt überflutet. Doch den Schußwaffenfanatikern geht es nicht einzig und allein darum, eine Pistole oder ein Gewehr jeglichen Kalibers daheim zu haben, um sich angeblich verteidigen zu können. Sie wollen Schießeisen, die nicht vom Staat kontrolliert sind. Denn eines wird in der Waffendiskussion auch immer wieder deutlich, Amerikaner haben eine tief sitzende Paranoia. Verschwörungstheorien, eine Weltregierung, eine Orwellsche Welt. Und darauf will man vorbereitet sein, ohne, dass der Staat davon weiß.

Druck dir dein eigenes AR-15 daheim.

Druck dir dein eigenes AR-15 daheim.

Eigentlich müssten Waffen registriert, eine Seriennummer an die Behörden weitergeleitet werden. Kein großes Ding, denn wer hier lebt und nicht vorbestraft ist, darf eine Knarre haben. Das langt von einer handlichen Glock für die Handtasche bis zu einem Sturmgewehr für den Afghanistan-Einsatz.

Doch nun kann man ganz einfach die staatlichen Datenbänke umgehen. Die Interessenvertretung „Defense Distributed“ hat die nötige Software entwickelt, mit dem der Systemlauf eines AR-15 Gewehres auf einem 3-D Drucker hergestellt werden kann. Ohne Seriennummer natürlich. Die restlichen Teile kann man sich problemlos im Laden und im Internet besorgen, ebenfalls ohne einen Namen angeben zu müssen. Denn in den USA ist nur der Verkauf des Waffen „bodies“ reglementiert. Wer diesen in einem Geschäft kauft, muß seine Daten, Name und Anschrift, abgeben. Mit der Software von „Defense Distributed“ wird dieser Schritt umgangen, das AR-15 ist damit nicht numeriert und nicht rückverfolgbar.

Die Behörden in den USA wittern bereits ein wachsendes Problem. Gerade auch, weil das Magazin „Wired“ nun einen vielbeachteten Versuch unternommen hat und problemlos ein AR-15 in den Redaktionsräumen in San Francsico druckte. „Defense Distributed“ macht sich derzeit keine Sorgen, dass ihre Softwareentwickler mit dem Gesetz in Konflikt geraten könnten. Denn es sieht alles danach aus, dass hier ein rechtliches Schlupfloch existiert. Und wie man die Gesetzgeber in den USA kennt, werden Einschränkungen beim Waffenrecht nur schwer umsetzbar sein. Da kann das State Department noch so oft darauf verweisen, dass mit dem Eigendruck des Gewehrteils internationale Verträge gebrochen werden. In den USA interessiert das niemanden.

Obama will an den Ballermann

Da feiert ein Teil Amerikas gerade im Kino einen wahren Helden, den „American Sniper“, und was macht Präsident Barack Obama? Er verbietet mit seiner Unterschrift bestimmte Patronen für das Sturmgewehr AR-15. Und das ist nicht irgendein Gewehr, sondern das beliebteste bei „Sportschützen“ in den USA. Die laufen jetzt Amok.

Drei Versionen des beliebten AR-15 Sturmgewehrs.

Drei Versionen des beliebten AR-15 Sturmgewehrs.

Das „Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives“, quasi die Aufsichtsbehörde über alle Ballermänner im Land, hat nun bekannt gegeben, dass geplant ist, die 5.56mm Patronen aus dem Handel ziehen zu lassen. Allein die Ankündigung führte dazu, dass in allen Gun Shops im Land die Munition umgehend ausverkauft war. Firmen, wie das Outdoor Unternehmen Cabela’s, forderten alle Waffenbesitzer auf, sich an ihre Kongressabgeordneten zu wenden, um diese Einschränkung aufzuhalten. Denn die Maßnahme Obamas, so Vertreter der Waffenlobby „National Rifle Association“ (NRA) führe langfristig nur zu einem Verbot des Gewehrs durch die Hintertür. Obama starte mal wieder einen Versuch das Grundrecht aller Amerikaner auf Waffenbesitz einzuschränken. Die Munitionsreglementierung sei nur ein erster Schritt dahin.

Die 5.56mm Patronen für das AR-15 sind aber nicht einfach irgendwelche Kugeln für den Waidmann. Diese Patronen können schußsichere Westen durchdringen und sind nicht nur für das AR-15 Sturmgewehr nutzbar, sondern auch für die gerade in Gangkreisen beliebten AR Handfeuerwaffen. Damit ist diese Munition zu einer immer größer werdenden Gefahr für Polizisten im Einsatz geworden, die sich mehr und mehr schwer bewaffneten Straftätern gegenüber sehen und schlichtweg „outgunned“ sind. Deshalb reagierte das Weiße Haus, zum Schutz der Polizei und der Sicherheitskräfte im eigenen Land. Doch auch das kommt bei der NRA und den Waffennarren in den USA schlecht an. Immer wird gleich der Versuch gesehen, das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz auszuhöhlen. Die NRA bläst zum Sturm, die Initiative wird sich also mal wieder im Sand verlaufen.

Was kauft man(n) am „Black Friday“

Der „Black Friday“, der Tag nach Thanksgiving, ist der Einkaufstag in den USA. An diesem Freitag wird der Weihnachtsverkauf eingeläutet, die Käufer werden mit massiven Sonderangeboten in die Läden gelockt. Vom Fernseher bis zur Spielekonsole, vom Sessel bis zum Regenmantel, es scheint, die Lagerhallen der Kaufhäuser müssen mit aller Gewalt geleert werden.

"America's Gun", das AR-15 Sturmgewehr ist eine der beliebtesten Schußwaffen in den USA.

„America’s Gun“, das AR-15 Sturmgewehr ist eine der beliebtesten Schußwaffen in den USA.

Und wenn so ein Tag wie der „Black Friday“ auch noch mit einem Ereignis, wie dem Urteilsspruch in Ferguson zusammen trifft, dann will auch die Waffenindustrie nicht zurückstecken und mitverdienen. Mit bis zu 30 Prozent Nachlass wurde „America’s Gun“ beworben. Die Unruhen in Ferguson, Oakland und anderen amerikanischen Städten, die aufgebrachten „schwarzen“ Mobs zeigten wohl einigen, man sollte sich besser auf den Tag X vorbereiten. 175.000 Waffen wurden an diesem „Black Friday“ verkauft. So viele Anträge gingen beim FBI ein, die prüfen müssen, ob der Käufer vorbestraft ist und somit keine Knarre erwerben darf. Damit gingen pro Sekunde drei Anträge bei den Behörden ein.

Doch die 175.000 Ballermänner, die da am Freitag verkauft wurden sind kein Rekord für die USA. Der wurde mit etwas mehr Feuerkraft am 21. Dezember 2012 aufgestellt. Wenige Tage nach dem Massaker an der Sandy Hook Grundschule. Damals propagierten Waffennarren, verblendete Verfassungshüter, Tea-Party Aktivisten, konservative Talk-Show Sprücheklopfer und das Sprachrohr der Rechten, FOXNews, dass der schwarze Sozialistenpräsident Barack Obama diesen „bedauernswerten Zwischenfall“ in Newtown, Connecticut wohl zum Anlass nehmen würde, um Amerikas beliebtestes Spielzeug zu verbieten. Waffen wurden gekauft, viele Waffen wurden gekauft, eine Rekordzahl an Waffen wurde gekauft.

Nun eben Ferguson, und wieder schnellen die Zahlen in die Höhe. Es wird geschätzt, dass in den USA rund 350 bis 400 Millionen Schußwaffen im Umlauf sind. Man schätzt lediglich, so genau weiß das eigentlich niemand. Der legale und illegale Waffenhandel in den USA floriert. Der letzte Freitag war wahrlich ein schwarzer Tag für die amerikanische Gesellschaft.

 

My Country, My Gun, My Right

71 Menschen in 90 Sekunden. 12 Tote, 59 Verletzte. Das ist die Bilanz des Massakers von Aurora. Es wären wohl mehr gewesen, wenn das Schnellfeuergewehr AR-15 des mutmaßlichen Schützen James Holmes nicht blockiert hätte. Eigentlich sollte es gar nicht mehr möglich sein, diese Art von Gewehren zu erwerben, denn bereits 1994 unterzeichnete der damalige Präsident Bill Clinton ein Gesetz zum Verkaufsstopp für diese Art Schußwaffen. Doch das Gesetz lief 2004 unter dem Nachfolger George W. Bush aus. Und seitdem gab es mehrere Versuche es zu erneuern, doch vergeblich.

Nun, nach der Schießerei in Aurora, wird ein neuer Anlauf unternommen. Mehrere Demokraten, darunter die kalifornischen Senatorinnen Dianne Feinstein und Barbara Boxer, wollen das Verbot wieder in Kraft treten lassen. Die New Yorker Demokratin Carolyn McCarthy, deren Sohn erschossen wurde, warf der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) vor, dass sie mit der Angst der Leute spiele und Abgeordnete unter Druck setze. „Jeder kann auch weiterhin an Thanksgiving auf die Jagd gehen, auch wenn Sturmgewehre verboten sein sollten, denn diese sind nur dazu da, so viele Menschen wie nur möglich in kürzester Zeit zu töten“, so McCarthy.

Aber die Message scheint bei den knarrenverliebten Amerikanern nicht anzukommen. Allein in Colorado stiegen die Anfragen auf Hintergrundchecks bei Waffenkäufen seit dem Massaker um 41 Prozent. Allein am vergangenen Wochenende erhielt das FBI 2887 solcher routinemäßiger Anfragen von Waffenhändlern. Ihnen werden derzeit die Türen eingerannt, so die Gun Shop Besitzer. Viele Kunden hätten Angst, dass Präsident Barack Obama im Falle eines Wahlsieges seine zweite Amtszeit dafür nutzen würde, das „Recht auf Waffenbesitz“ einzuschränken.

Der sprunghafte Anstieg von Waffenverkäufen nach solchen Amokläufen ist in den USA nichts neues. Als im vergangenen Jahr in Arizona die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords im Kugelhagel von Jared Loughner schwer verletzt und dabei auch noch weitere Menschen getötet und verwundet wurden, stieg unmittelbar darauf der Waffenverkauf in Arizona um 60 Prozent.

Amerikaner lieben ihre Knarren, wie auch das Bild einer Waffenliebhaberin mit ihrem speziell lackierten aber funktionstüchtigen Sturmgewehr AR-15 zeigt – dieses Modell kam auch in Aurora zum Einsatz. Die „Love for Guns“ läßt sich in einer Zahl gut auszudrücken. Im Weihnachtsmonat Dezember 2011 wurden in den USA eine Million Fünfhundertvierundreissigtausend Vierhundert und Vierzehn Pistolen und Gewehre verkauft. Noch Fragen!?