Nazis in den USA

20.000 Anhänger des German-American Bund kamen im Februar 1939 in den Madison Square Garden.

Am 20. Februar 1939 war der Madison Square Garden Schauplatz eines gewaltigen Nazi-Aufmarsches. Es war als „Pro American Rally“ angekündigt, doch hier marschierte der BUND, eine von Deutschland aus gesteuerte US Nazi-Organisation, die im ganzen Land aktiv war. Die Machtdemonstration in New York City sollte die Amerikaner beeindrucken und sie für die Politik Hitlers gewinnen. Doch es hatte Konsequenzen für alle Deutschen, die in den USA lebten.

 

Die deutschen Vereine zwischen New York und San Francisco waren nach der Anti-Deutschen Stimmung in den Jahren 1914 bis 1918 kaum wieder erstarkt, hatten wieder zueinander gefunden, waren erneut im öffentlichen Leben von San Francisco mit Festen, Umzügen und Veranstaltungen präsent, als mit der Machtübernahme Hitlers 1933 eine deutliche Zeitenwende eingeläutet wurde. Gerade die politischen Vereine, wie der Arbeiterbildungsverein San Francisco waren davon betroffen. In der vereinseigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen, kontroversen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen. Befeuert wurde der auch von organisierten Auslandsdeutschen, die ihre Befehle direkt aus Berlin erhielten.

Knute Berger ist Journalist in Seattle, für das Newsmagazin “Crosscut”, er hat intensiv über die Aktivitäten der Nazis in den 1930er Jahren an der Westküste recherchiert: „Mir wurde gesagt, dass es einen Generationenschnitt gab. Jene Deutsche, die vor dem ersten Weltkrieg gekommen waren, waren nicht unbedingt für Hitler. Einige der Jüngeren glaubten an diese Idee des neuen Deutschlands an die wirtschaftlichen Fortschritte, die gemacht werden. Da gab es sicherlich einen Bruch.“

Karl Hartmann kam kurz nach dem Ende es zweiten Weltkrieges nach San Francisco und war langjähriger Präsident des Arbeiterbildungsvereins. Er lernte noch viele der alten Mitglieder kennen und hörte, was sie über diese schwierige Zeit im Verein berichteten: „Das war auch das Ende vom Arbeiterbildungsverein, von seiner Blütezeit. Denn von ’33 an, da ist das nur noch ein Vegetieren gewesen. Da haben ja die meisten Angst gehabt. Ein Freund von mir, ich weiss, der war beim BUND, der war immer stolz, dass er im Madison Square Garden reinmarschiert ist, in seinem weißen Hemd und der Hakenkreuzbande. Genau wie bei der SA. Ich fragte ihn, wie viele seid ihr denn gewesen und er: 20.000. Ich sag, du hast doch einen Vogel. 20.000, sagt er, glaub es oder nicht, was denkst du, wie wir marschiert sind, was da los war.“

Bereits im Mai 1933 gab Rudolf Hess Heinz Spanknöbel den Auftrag in den USA eine Nazi-Organisation aufzubauen. Spanknöbel kam 1929 als Pastor der Adventisten in die USA. Er gründete die “Freunde des Neuen Deutschland”, die dann im März 1936 in den “Amerikadeutschen BUND” übergingen. Deren Bundesführer wurde Fritz Julius Kuhn, der in 20er Jahren in die USA kam und 1934 amerikanischer Staatsbürger wurde. Kuhn versuchte, die deutschen Vereine in den USA zu einen und auf Kurs für Hitler-Deutschland zu bringen. Mit Paraden und Massenveranstaltungen wollte man die Deutschen begeistern. Und nicht nur in New York marschierte der BUND ganz im Sinne der Nazis auf. Auch in San Francisco war man aktiv. Unterstützung bekamen sie direkt aus dem Deutschen Generalkonsulat, wie Knute Berger berichtet: „In den späten 30ern, ungefähr 1937, gab es einen Generalkonsul in San Francisco, der auch noch weitere Kollegen in anderen Westküstenstädten hatte. Er hieß Manfred Freiherr von Killinger und war ein erklärter Nazi der ersten Stunde. Er unterstützte die engen Verbindungen zwischen Nazi-Deutschland und dem Deutsch-Amerikanischen Bund. Einige warfen ihm vor, das zu aggressiv betrieben zu haben. Das San Francisco Konsulat war auch für die Spionage im gesamten Westen der USA bis nach Salt Lake und runter an die mexikanische Grenze zuständig. Und man warb für Gruppen wie den Bund, die “Silver Shirts” und in Mexiko die “Gold Shirts”, alles Braunhemden. Das jedoch führte zu Widerstand. Von Killinger wurde vorgeworfen zu weit zu gehen und den Bund in eine Richtung zu drängen, was dazu führte, die Loyalität vieler Deutsch-Amerikaner zu hinterfragen und den Bund nicht als kulturelle sondern als politische Gruppe zu sehen.“

Lange Zeit schauten die Amerikaner dem offenen Treiben der Nazis einfach zu. Zu sehr glaubte man an die größere Gefahr durch die Unterwanderung der Kommunisten. Die marschierenden BUND Anhänger, ihre Jugendlager ganz im Sinne der HJ, auch in den Oakland Hills wurde gecampt, wurden einfach nicht richtig ernst genommen. In San Francisco wuchs jedoch der Widerstand gegen die Aktivitäten des BUND und des Generalkonsuls und Hitlervertrauten von Killinger. Gerade auch, weil die deutsche Gemeinde in der Stadt groß und einflussreich war. Das Deutsche Haus im Zentrum, unweit der City Hall gelegen, war vielen ein Dorn im Auge. Sie fragten sich, was spielt sich eigentlich hinter den Mauern dieses Gebäudes wirklich ab. Die Musiker Gewerkschaft in San Francisco, die “American Federation of Musician’s Local Six”, verabschiedete in ihrer Sitzung vom 9. Juni 1938 die folgende Resolution. Interessant dabei ist, dass viele der Mitglieder der Musikergewerkschaft, darunter auch ihr Präsident Walter A. Weber, selbst Immigranten aus Deutschland waren.

Angesichts dessen: In Europa gibt es mehrere Länder, deren Systeme direkt unserer Theorie von Demokratie entgegen stehen, in denen Arbeitnehmervertretungen aufgelöst und verboten wurden und Eigentum beschlagnahmt wurden; und
Angesichts dessen: In etlichen dieser Länder wird gegenwärtig eine Kampagne geführt, die auf religiöser Intoleranz, Rassenhass und Verbitterung basiert; und
Angesichts dessen: In San Francisco soll während des Memorial Day Wochenendes ein Treffen des Deutsch-Amerikanischen Bundes, einer Nazi Organisation in diesem Land stattfinden; und
Angesichts dessen: Organisationen wie die “American Legion”, “Veterans of Foreign Wars”, verschiedene jüdische und andere religiöse Gruppen haben gegen dieses Treffen der Embryo “Sturmtruppen” protestiert und ihre Ablehnung veröffentlicht; und
Angesichts dessen: Der San Francisco Gewerkschaftsbund hat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es heißt, man ist gegen jegliche Form von ausländischen “isms”, die eine Bedrohung für unsere amerikanische Demokratie sind, deshalb soll es sein
Beschluss: Der San Francisco Gewerkschaftsbund spricht sich gegen dieses Treffen aus und erneuert seinen Eid für den Kampf um den Erhalt der amerikanischen Demokratie; und weiterhin
Beschluss: Dass Kopien dieser Resolution an die Presse von San Francisco weitergegeben werden.

Die Deutschen in der San Francisco Bay Area versuchten gegenzusteuern, zu zeigen, dass sie zwar deutsche Wurzeln haben, ihre Sitten und Gebräuche pflegen, aber dennoch Amerikaner sind. Im Protokoll der Sitzung der Hermann Söhne, einer einflussreichen und alten Loge deutscher Einwanderer, heisst es vom 12. Mai 1941:

“Resolution: Eine der ersten Handlungen der Grossloge war die Annahme der folgenden Resolution, die für sich selbst spricht:
Be it resolved that we, the Order of Hermann Sons, an American Organization, in existence One Hundred years do hereby reaffirm our support of our Federal Government, our Constitution and our American way of life.
Be it further resolved that our Order condemns all un-American activities and pledges its united support in stamping out such activities.
Be it further resolved that we, the members of the Order of Hermann Sons, using our rights as free men and women citizens of the United States of America, respectfully protest against any actions which may involve us in the present European conflict, thus endangering our freedom and peace.
Be it further resolved that copies of the foregoing resolution be forwarded to the members of Congress and to the press.

Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass die Hermann Söhne ihre Veranstaltungen immer auf Deutsch abhielten und auch ihre Protokolle auf Deutsch verfassten. Hier jedoch wurde ganz bewusst eine Ausnahme gemacht, das Englische gewählt, um deutlich zu machen, wo man sich als deutscher Immigrant in den USA positioniert.

Mit dem Angriff der Japaner auf den Militärstützpunkt Pearl Harbor und der anschließenden deutschen Kriegserklärung gegen die USA vier Tage später, am 11. Dezember 1941, änderte sich das Leben für die Deutschen im ganzen Land, vor allem jedoch in den Küstenregionen. Mit Hilfe eines Gesetzes, das bis ins Jahr 1798 zurückreicht, könnten bei der Gefahr einer Invasion Amerikas, die Staatsbürger von verfeindeten Nationen verhaftet und für die Dauer des Krieges interniert werden. Im Bundesanzeiger, dem Federal Register, ließ Roosevelt die verstärkte Kontrolle von Japanern, Italienern und Deutschen verkünden. Dabei berief er sich auf das 143 Jahre alte Gesetz. Die Japaner und Japan-Amerikaner traf es deutlich stärker als die Deutschen. Weit über 100.000 wurden interniert. Doch das FBI verhaftete in den Folgemonaten auch Tausende von Deutschen, insgesamt etwa 12.000, die in den USA, in Mexiko und sogar Mittelamerika lebten und brachte sie in Internierungslager in die USA, darunter Crystal City, Texas, Fort Lincoln, North Dakota und auch Pacifica, südlich von San Francisco. Die Bewegungsfreiheit von Deutschen am Golden Gate wurde eingeschränkt, tägliche Kontrollen zur Normalität. Erneut brach eine Hysterie im ganzen Land aus. Im Staatsgefängnis von San Quentin wurde sogar von den Gefangenen ein massives Stahlnetz konstruiert, dass vor die Golden Gate Bridge gehangen wurde, um so eine Abwehr gegen deutsche U-Boote zu bieten.

Professor William Insel von der San Francisco State University, der viel über die Immigranten in San Francisco geforscht hat, beschreibt die Loyalitätsfrage in jenen Tagen so: „Ich habe das einmal von einem Italiener gehört, der 1889 in Piedmont, Italien geboren wurde, als 11jähriger nach San Francisco kam, 1915 nach seinem Studienabschluss als Rechtsanwalt Amerikaner wurde. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er vom FBI überprüft, denn man warf ihm vor ein faschistischer Agent zu sein. Das Tenney Kommittee, die kalifornische Version der Anti-Amerikanischen Aktivitäten, fragte ihn, ob er Amerikaner oder Italiener sei. Und er antwortete, “schauen Sie, ich denke über Amerika und Italien genau so wie ich über meine Frau und meine Mutter denke. So lange meine Frau und meine Mutter sich vertragen, so lange muss ich nicht an sie denken. Aber wenn sie sich streiten, oder schlimmer, wenn sie nicht mehr miteinander reden und zu Feinden werden, dann halte ich zu meiner Frau, nicht zu meiner Mutter. Denn meine Frau ist heute und in Zukunft.” Das war seine Erklärung, wie er sich im Zweiten Weltkrieg verhalten würde, nach dem 10. Dezember 1941, als Italien den USA den Krieg erklärte. Und dieser Frage mussten sich auch deutsche Einwanderer im ersten Weltkrieg und einige auch im zweiten Weltkrieg stellen.“

Die deutschen Gemeinden und Vereine haben sich nie mehr so richtig von dieser zweiten Anti-Deutschen Bewegung in den USA erholt. Man zog sich zurück, pflegte die Sprache, die Kultur, die gemeinsamen Feste. Doch politisch traten sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr auf. Damit verschwand auch der Einfluss und die Bedeutung der deutschen Immigranten in den USA.

Von Genossen und Gläubigen am Golden Gate

1911 – Dienstag der 14. November: “Genosse Schlender lud zu einer Gründungsveranstaltung des “Allgemeinen Arbeiterbildungvereins” in die Tiv Halle ein”.

Der Arbeiterbildungsverein von San Francisco.

Der Arbeiterbildungsverein von San Francisco.

Das ist der erste Eintrag in die Protokollbücher des Arbeiterbildungsvereins San Francisco, dem einzigen überhaupt in den Vereinigten Staaten. Gegründet wurde er von Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern, die Deutschland aus politischen Gründen verlassen, doch ihre politische Überzeugung nicht vergessen hatten. An der amerikanischen Westküste wollte man sich mit diesem Verein gegenseitig unterstützen, einen Raum für fachliche und politische Fort- und Weiterbildung schaffen, aber auch durch kulturelle Veranstaltungen den Kontakt zur “Alten Heimat” nicht verlieren. Man orientierte sich an den Arbeiterbildungsvereinen, die bereits seit den 1830er Jahren im Deutschen Reich entstanden waren.

Am Ende des 19. Jahrhunderts verschlimmerte sich die Situation für Mitglieder der sozialdemokratischen und sozialistischen Bewegung in Deutschland. Reichskanzler Bismarck nutzte 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm für das sogenannte “Sozialistengesetz”. Damit wollte er einen “Vernichtungskrieg führen durch Gesetzesvorlagen, welche die sozialdemokratischen Vereine, Versammlungen, die Presse, die Freizügigkeit (durch die Möglichkeit der Ausweisung und Internierung) träfen.“( Zit. nach Ullrich: Bismarck, S. 106). Viele Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitglieder verließen in den Folgejahren Deutschland. Sie glaubten an eine bessere Zukunft in Übersee. Auch die Weigerung vieler, nicht in der kaiserlichen Armee dienen zu wollen, machte die Auswanderung unumgänglich.

Das weit entfernte San Francisco war für viele das Ziel. Um die Jahrhunderwende war die nordkalifornische Metropole eine boomende Stadt mit Arbeitsmöglichkeiten in der produzierenden Industrie. Hinzu kam das angenehme Klima und eine große deutsche Gemeinde mit vielfältigen kulturellen und sportlichen Angeboten, Gesangsvereinen und Hilfsorganisationen. Und es gab eine lebendige Kirchengemeinde. Die deutschsprechenden Protestanten feierten ihre Messen in der St. Mark’s, St. Paulus, St. Matthew’s, St. John’s, St. Andrew’s und in der Zion Lutheran Church. Die Katholiken zog es nach St. Boniface und St. Anthony’s. Es gab drei Methodisten und drei deutschsprachige evangelikale Kongregationen. Auch die deutschen Baptisten hatten ihre eigene Kirche. Hinzu kamen zwei Synagogen, Emanu-El und Ohabei Shalome, die Gottesdienste für die deutschen Einwanderer feierten. Durch das verheerende Erdbeben von 1906 wurden viele Gotteshäuser zerstört oder beschädigt. Am 15. Mai 1907 wurde daher der Grundstein für den Neubau der St. Matthew’s Church, gleich gegenüber der San Francisco Mission gelegt. Dort steht die Kirche noch immer und bietet den Deutschen am Golden Gate auch heute noch allwöchentlich einen deutschsprachigen Gottesdienst.

In den Protokollbüchern des Arbeiterbildungsvereins ist alle Aktivitäten der Anfangsjahre festgehalten worden.

In den Protokollbüchern des Arbeiterbildungsvereins sind alle Aktivitäten in den Anfangsjahren des Vereins festgehalten worden.

Die Sozialdemokraten fanden auch hier am Pazifik schnell aufgrund ihrer “roten Wurzeln” zusammen, sprachen sich mit “Genosse” an, was auch in den Protokollbüchern des frisch gegründeten Arbeiterbildungsvereins übernommen wurde. Die Mischung aus Kultur und Politik bescherte dem Verein viele Mitglieder. Eine 10.000 Bücher umfassende Bibliothek half der Weiterbildung, eine eigene Theatergruppe führte deutsche Schauspiele auf, der eigene Chor hatte allein rund 200 Mitglieder. Daneben wurden politische Schulungen und Sprachkurse angeboten.

Während der Erste Weltkrieg in Europa tobte und die Anti-Deutsche Haltung in den USA zunahm, rückte man im Verein enger zusammen. Doch auch der Druck von außen verlangsamte den Mitgliederzuwachs nicht. In den 20er Jahren erreichte der Arbeiterbildungsverein San Francisco mit über 1000 Mitgliedern seinen Höhepunkt. Auch weiterhin half man Neuankömmlingen mit Weiterbildungsmöglichkeiten und in den Tagen der großen Depression organisierte der Verein sogar eine Küche für verarmte Mitglieder. Auch die deutschen Kirchen halfen, wo immer es ihnen möglich war. All das unterstützte auf breiter Flur die Verwurzelung der Deutschen in der San Francisco Bay Area. Unzählige Ladeninhaber kamen als arme Immigranten an die amerikanische Westküste und arbeiteten sich nach oben. Und man vergaß nie die Herkunft. Spendensammlungen wurden organisiert, u.a. für streikende Arbeiter in der alten Heimat und für “die kommunistischen Kinder in Deutschland und Österreich”. Aus Deutschland reisten sogar Reichstagsabgeordnete an, um in der vereinseigenen Tiv Halle vor vollem Haus Reden über die sozialistische und sozialdemokratische Bewegung zu geben. Politisch war der Arbeiterbildungsverein offen für Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten. Als 1924 Lenin verstarb, wurde im Protokollbuch festgehalten, dass es eine Abstimmung darüber gab, ob man in der Tiv Halle ein Portrait des sowjetischen Führers aufhängen sollte. Der Antrag wurde angenommen.

Verwurzelt in der proletarischen Tradition und mit einer starken Mitgliederzahl im Rücken war der Arbeiterbildungsverein San Francisco auch tatkräftig am Aufbau der Gewerkschaftsbewegung vor Ort beteiligt. Man organisierte die Arbeiter in den zahlreichen Fabriken, den Produktionsstätten und im Hafenbereich.

Die Wende für den Arbeiterbildungsverein San Francisco kam mit der Machtübernahme Hitlers 1933. In der eigenen Tiv Halle kam es immer wieder zu heftigen Diskussionen. Einige wenige Mitglieder applaudierten dem starken Führer und betonten, Deutschland brauche genau so einen Mann in dieser schwierigen Zeit. Doch der Großteil der Vereinsmitglieder stand zu seinen “roten Wurzeln” und verwies in den Diskussionen auch darauf, was in Deutschland mit Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und organisierten Arbeitervertretern passierte. Ein ideologischer Bruch ging durch die eigenen Reihen.

Die evangelische St. Matthews Lutheran Church in San Francisco ist auch berühmt für ihre Kirchenfenster.

Die evangelische St. Matthews Lutheran Church in San Francisco ist auch berühmt für ihre farbenfrohen Kirchenfenster aus dem 19. Jahrhundert.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es für die Deutschen in San Francisco schwieriger offen aufzutreten. Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor und dem Kriegseintritt der USA wuchs die ablehnende Haltung gegenüber allem Deutschen. Die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit wurde für die deutschen Vereine und Organisationen drastisch beschnitten. Ganz anders für die deutsche Gemeinde von St. Matthew’s. Die Kirche wurde weder geschlossen noch beschädigt, auch durften weiterhin Messen in deutscher Sprache geführt werden. Pastor Hermann Lucas setzte sich sogar für die rund 5000 deutschen Kriegsgefangenen ein, die auf Angel Island, Treasure Island und im Presidio von San Francisco interniert waren. Mit dem Ende des Krieges in Europa mobilisierten die Gemeinden von St. Matthew’s und St. Boniface eine breite Hilfswelle für die deutschsprachigen Länder. St. Matthew’s wurde zum Zentrum der Aktion. 18 Monate lang wurden Tag für Tag Pakete gepackt, geschnürt und nach Übersee verschickt. Hinzu kamen rund 100.000 Dollar an Geldspenden für die Glaubensbrüder und –schwestern in der alten Heimat, die an das Evangelische Hilfswerk überwiesen wurden.

Der innere Unfrieden und der erneute Druck von außen, brachten den Arbeiterbildungsverein hingegen fast an seine Grenzen. Die Mitliederzahl sank erheblich und man konzentrierte sich von nunan mehr auf ein gemütliches Beisammensein, als auf die ursprüngliche politische Ausrichtung.

Mit dem Ende des Krieges stand auch eine Neuausrichtung und ein Neuanfang für den Verein an. Die Mitglieder sehnten sich nach Informationen von drüben. Redner wurden eingeladen, um über die Situation im zerbombten Deutschland zu sprechen. Im Oktober 1947 kam der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Kurt Schumacher, für ein Treffen der “American Federation of Labor (A.F.L.)” nach San Francisco. Er besuchte dabei auch die Genossen des Arbeiterbildungsvereins in ihrer Tiv Halle, um über die schwierige Lage im Nachkriegsdeutschland zu berichten. Das Publikum, so ein Eintrag ins Protokollbuch, war begeistert davon, einen so hochrangigen Gastredner gewinnen zu können. Als Dank für den Besuch übergaben sie Schumacher einen Scheck für die notleidende Bevölkerung in Deutschland. Das war auch als eine symbolische Geste gedacht, um zu zeigen, wie sehr man noch mit der alten Heimat verbunden blieb.

Mit den 50er Jahren erlebte San Francisco eine neue Welle deutscher Immigranten. Viele von ihnen waren froh darüber, hier am Pazifik auf eine florierende deutsche Gemeinde, mit Geschäften und Vereinen zu stoßen. Doch aufgrund der eigenen Erfahrungen in Nazi- und dem Nachkriegsdeutschland wollten sie sich nicht auf eine politische Organisation einlassen. Gefragt waren mehr kulturelle Veranstaltungen, Tanzabende und Konversationsgruppen. Die neue Führung des Arbeiterbildungsvereins war die erste, die nicht aus der starken Arbeiterbewegung der 20er Jahre kam. Sie luden Redner ein, die eher über deutsche Schriftsteller wie Heinrich Heine als über den Sinn und Zweck der politischen Bildung sprachen. Der langjährige Präsident des Arbeiterbildungsvereins, Karl Hartmann, der selbst 1953 von Hannover nach San Francisco kam, faßte es vor versammelter Mitgliedschaft so zusammen: “Das Grundübel ist über Politik und Religion zu diskutieren. Jeder kann seine Meinung und seine Überzeugung haben, aber im Verein reden wir nicht mehr darüber.”

Die meisten Mitglieder folgten damals seinem Appell, der Verein erstarkte wieder. Man konzentrierte sich fortan auch auf die Bewahrung der deutschen Kultur und Sprache in der San Francisco Bay Area. So unterstützte man die Samstagsschulen, in denen Kinder von deutschen Immigranten ihre Muttersprache lernen sollten. Auf dem jährlichen Gala Dinner vergab der Arbeiterbildungsverein Stipendien für Deutschlernende an den Samstagsschulen und Universitäten der San Francisco Bay Area.

2011 feierte der Arbeiterbildungsverein seinen 100. Geburtstag, das letzte große Fest. Die meisten Mitglieder waren zu diesem Zeitpunkt 75 Jahre und älter. Auf einer Mitgliederliste aus den frühen 90er Jahren sind bereits mit Handschrift viele Kreuze neben den Namen gesetzt worden. Die jungen Deutschen, die in den letzten Jahren hierher kamen, um an den Universitäten zu studieren, in den High Tech Schmieden des Silicon Valleys zu arbeiten, die noch heute dem vielversprechenden Ruf an die amerikanische Westküste folgen, zeigten kein Interesse an organisierten Vereinen. Man trifft sich stattdessen online, organisiert Freizeitveranstaltungen über facebook. Auch die eigenen Kinder der Mitglieder wollten die Traditionen der Eltern niciht mehr weitertragen. Sie haben Deutsch gelernt, ja, doch sich hier Partner aus dem “Melting Pot” Amerika gesucht. Selbst die Tochter des langjährigen Präsidenten Karl Hartmann hat einen Amerikaner mit chinesischen Wurzeln geheiratet, erzählt er im Gespräch. Lachend, doch auch etwas nachdenklich.

Jahr für Jahr verschwinden in den USA deutsche Vereine, Chöre, Organisationen, die so viel aus der alten Heimat mit in die USA brachten. Sie halfen mit ihren deutschen Wurzeln ihre neue Heimat aufzubauen, zu gestalten, zu formen. “Da sich unsere Mitgliederschaft in den letzten Jahren vermindert hat, mussten wir leider die Organisation in 2013 schliessen und den Verein am 31.12. 2013 aufloesen.” Dieser Satz besiegelte das Ende des Arbeiterbildungsvereins. Doch wenn sich hier an der amerikanischen Westküste einmal ein Historiker mit der Arbeiterbewegung der 20er Jahre beschäftigen wird, dann wird er am sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein und seinem Einfluß nicht vorbei kommen. Der Verein verschwindet, seine beeindruckende Geschichte wird jedoch bleiben. Die St. Matthew’s Church an der Ecke 16th Street und Dolores Street ist nun eines der letzten Zeugnisse einer langen deutschen und deutschsprachigen Geschichte in Nordkalifornien. Man ist Teil einer vielsprachigen Gemeinde in der “City by the Bay” geworden und hält dabei nach wie vor an den eigenen kulturellen Wurzeln fest.

 

 

 

Der Tag der Arbeit in San Francisco

In diesem Jahr feiert der Arbeiterbildungsverein San Francisco seinen 100. Geburtstag. 1911 wurde er von Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitgliedern am Golden Gate gegründet. Die ersten Mitglieder waren aus Deutschland geflohen, weil sie nicht in der Armee von Kaiser Wilhelm dienen wollten. Doch ihre sozialdemokratischen Wurzeln brachten sie mit an den Pazifik und organisierten sich hier schnell.

Die Hochzeit des Arbeiterbildungsvereins war in den 20er Jahren, als immer mehr deutsche Immigranten kamen und man sich in den schwierigen Zeiten gegenseitig half. Eine Suppenküche wurde eingerichtet, eine Bücherei half bei der Weiter- und Fortbildung der Mitglieder, Vorträge mit zum Teil namhaften Rednern aus Deutschland wurden organisiert und auch die gesamte Gewerkschaftsbewegung in der San Francisco Bay Area wurde tatkräftig mit unterstützt.

Der Einbruch kam mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland. Die US Behörden warfen einen kritischen Blick auf den Verein und seine Strukturen. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Ausrichtung des Arbeiterbildungsvereins. Von der einst politischen Grundeinstellung war nicht mehr viel übrig geblieben. Fortan konzentrierte man sich mehr auf das gesellige Beisammensein. Doch der Verein wirkte weiter, man unterstützte Neumitglieder und finanzierte Stipendien für Deutschlernende.

Und nun nach 100 Jahren kann man zu Recht auf eine lange und beeindruckende Geschichte zurück blicken. Die verbliebenenen Mitglieder sind im betagten Alter. Doch der Arbeiterbildungsverein steht im Jubiläumsjahr kurz vor seinem Ende, neue Interessierte kommen schon lange nicht mehr. In diesen Tagen wird ein Stück deutscher Geschichte in San Francisco gefeiert, das schon sehr bald vergessen sein wird: 100 Jahre Arbeiterbildungsverein.