Der Blick nach unten lohnt sich

Heute wurden die Grammy Nominierungen verkündet. Ich muss auf der ellenlangen Liste ziemlich weit nach unten fahren, um die wirklich guten Platten zu finden, von denen ich finde, dass sie eine Auszeichnung verdient haben. Klar, es ist immer auch Geschmack dabei, aber seien wir doch ehrlich, bei diesen Grammys werden in den vielbejubelten Kategorien immer die gleichen Verdächtigen nominiert und ausgezeichnet.

Eine der wirklich großartigen Platten in diesem Jahr ist Mary Gauthiers „Rifles & Rosary Beads“, die als „Best Folk Album“ zur Wahl steht. Gauthier hat das Album gemeinsam mit Veteranen geschrieben. Songs, die in Musik-Workshops entstanden sind, Lieder als Hilfe, als Krücke, als Möglichkeit, Erfahrenes auszusprechen und zu verarbeiten. Eine wichtige Platte in diesen Zeiten, wo Zehntausendes von Soldaten aus den Einsätzen in Afghanistan und Irak zurückkommen und auf eine Gesellschaft stoßen, die nicht in der Lage ist, ihnen die Hilfen zu bieten, die sie benötigen, die sie verdienen. Jeden Tag nehmen sich 22 Veteranen das Leben. Das ist die offizielle Zahl, nicht beachtet dabei werden Suizidversuche, Gewalt gegen andere, Alkohol- und Drogenprobleme, der gesellschaftliche Absturz. Mary Gauthiers Album ist daher ein Spiegel und ein Aufrüttler zugleich. Alben wie diese sollten beachtet und ausgezeichnet werden:

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In der Kategorie „Best Album Notes“ wurde die hervorragende Doppel-CD Alpine Dreaming: The Helvetia Records Story, 1920-1924″ nominiert. In jahrelanger Kleinarbeit hat Professor James Leary von der University of Wisconsin in Madison alle Aufnahmen eines Labels zusammengetragen, das ein Schweizer Einwanderer 1920 gegründet hatte. Und nicht nur das, Leary erzählt in dem umfassenden Booklet die Geschichte des Labels und der Schweizer Community, angereichert mit vielen Bildern, Informationen und Details zu den einzelnen Musikerinnen und Musikern. Ein beeindruckendes Klangwerk, das neugierig macht auf mehr. Auf mehr, was all die Einwanderer in die USA mitgebracht haben, wie sie dieses Land zum Tönen brachten, wie sie es kulturell und musikalisch beeinflusst und bereichert haben.

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Und dann sind auch noch zwei deutsche Produktionen in der Kategorie Best Historical Album nominert. Beide wurden auf dem einzigartigen (Kult-)Label Bear Family veröffentlicht: „At The Louisiana Hayride Tonight“ und „Battleground Korea: Songs And Sounds Of America’s Forgotten War“ . Zwei umfangreiche Boxen, die es in sich haben. Vor allem die Korea Box ist ein historisch einmaliges Klangerlebnis, die Geschichte zum Hören bringt. Beide sind in der bekannten Bear-Family Qualität mit viel Liebe zum Detail veröffentlicht worden.

Ein kräftiges Holdrijadideldö aus Wisconsin

Viel wurde schon über die amerikanische “Folk Music” geschrieben. Was dabei aber immer wieder übersehen und überhört wird ist, dass all die Einwanderer, die in die USA kamen, ihre Kultur und Musik mit- und in der neuen Heimat einbrachten. Mit “Alpine Dreaming” erscheint nun eine Doppel-CD auf Archeophone Records, die das kurzlebige US Label “Helvetia Records” vorstellt.

Viel ist nicht bekannt über Ferdinand Ingold, nur soviel, dass er 1860 in Bischofszell im Kanton Thurgau zur Welt kam. Im Alter von 32 Jahren zog er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Bern in die USA. Dort siedelten sich die Ingolds in “Green County” in Wisconsin an, dem “Little Switzerland” in Amerika. Hier hatten Einwanderer aus dem Kanton Glarus “New Glarus” gegründet. Ferdinand Ingold unterhielt in der Kleinstadt Monroe einen Laden, in dem er unter anderem auch erste Schallplatten aus der alten Heimat verkaufte. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte Ingold die Idee für ein eigenes Plattenlabel, eines, mit dem er seine Heimatverbundenheit und seine Kunden gleichermaßen zufrieden stellen konnte: Helvetia Records war geboren.

Der Musikethnologe James Leary stieß zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren auf eine 78er Schellack Platte von Helvetia Records. In einem Plattenladen fand er eine Aufnahme von Otto Rindlisbacher, dem Sohn Schweizer Einwanderer. Learys Neugier war geweckt, von da an suchte er nach weiteren Scheiben des Labels. Im Musik Archiv der University of Wisconsin in Madison, an der er lehrt, konnte er über die Jahre zehn weitere 78er finden. Die Idee für eine Gesamtschau des Labels war geboren. „Man kann eine Mischung aus Jodlern hören, vor allem von Charles Schoenenberger. Aber es gibt auch Akkordeon und Violin Duette und rein männliche und gemischte Quartetts, daneben noch eine Art Operetten Jodler, gesungen von der Schweizer Nachtigall.“

Helvetia Records existierte gerade einmal vier Jahre, von 1920 – 1924, alle Aufnahmen wurden allerdings in den USA eingespielt, meist in New York City, wo es seinerzeit zahlreiche Recordings Studios gab. Zielgruppe waren vor allem die Schweizer in Amerika, die in New Jersey, Ohio und eben Wisconsin lebten, aber Ingold platzierte auch Werbung in Swiss-American Zeitungen, die an der Westküste gelesen wurden. “Alpine Dreaming” stellt nun zum ersten Mal den Gesamtkatalog von Helvetia Records vor, 36 Lieder konnte James Leary für dieses Album finden: „Wir hatten Glück, dass die Besitzer von Archeophone Records so ein gutes Netzwerk zu Sammlern haben. Darüber haben wir noch einige der 78er gefunden, die wir nicht in unserem Archiv hatten. Rich and Meagan vom Label sind dann mit einem Plattenspieler und Computer zu Sammlern nach Tennessee und Wisconsin gefahren, um dort einzelne Lieder zu digitalisieren.“

Begleitet wird die Doppel-CD von einem umfangreichen und reich bebilderten Booklet, in dem die Geschichte des Labels und der einzelnen Musiker erzählt wird. Für den Musikethnologen James Leary, der schon zahlreiche Bücher und Musikprojekte zur Geschichte der Einwanderer im Mittleren Westen veröffentlicht hat, war “Alpine Dreaming” eine Herausforderung. Die Sprache sei nicht leicht gewesen, lacht er. „Zum einen waren die Aufnahmen alt, sie waren gesungen und nicht gesprochen. Zum anderen sind diese Schweizer und diese verschiedenen österreichischen Dialekte keine geschriebene Sprache.“ Herausforderungen, die aber schließlich gemeistert wurden.

Auch wenn Helvetia Records nur vier Jahre existierte und 1924 im Konkurs endete, ist diese Episode und damit diese neue Veröffentlichung ein wichtiges und bislang übersehenes oder vergessenes Klangdokument in der langen Geschichte der Schweizer Einwanderer in den USA.

 

Die Faszination des Klanges

Zwei Bücher liegen hier vor mir, die sicherlich keine Bestseller sind. Sie kommen mit Begleit-Cds, auf denen es rauscht und knistert, manches ist nur schwer verständlich und doch es sind historische Tondokumente. Beide Bücher drehen sich um Wachszylinder Aufnahmen. „Waxing the Gospel – Mass Evangelism & The Phonograph“ und „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm-Archiv“ sind außergewöhnliche Bücher, die über die frühen Jahre der Tonaufzeichnung berichten.

Es waren Stimmen, die festgehalten wurden. Doch vor allem Musik der verschiedensten Kulturen, hier der amerikanische Gospel, dort die ethnologischen Aufnahmen von weitreisenden Forschern, die in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika ihre Geräte aufstellten. Es war eine Entdeckerzeit, eine neue Technologie wurde eingeführt und getestet. Beeindruckend vor allem die Feldaufnahmen mit „mobilen“ Aufnahmegeräten. Und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand die Ethnologen betrieben, um vor Ort im tiefsten Afrika Musik von unbekannten Stämmen auf Wachszylinder aufzuzeichnen.

Erstaunlich ist, dass all diese Tondokumente über die lange Zeit erhalten blieben und heute per mp3 File und auf CD für jeden zugänglich sind, der denn wirklich Hinhören will. Beide Bücher erzählen die Geschichten hinter den Aufnahmen und den Aufnehmenden, den Plattenfirmen, die hier frühzeitig einen Markt entdeckten. Sowohl „Waxing the Gospel“ wie auch „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm Archiv“ sind reich bebildert, bieten einen unglaublichen Einblick in diese kulturellen Schätze, die sicherlich lange Zeit vor sich hin gammelten und verstaubten. Diese Bücher sind eine Wertschätzung sondergleichen. Mit diesen Veröffentlichungen hauchen Archeophone Records und das Ethnologische Museum in Berlin den uralten Aufnahmen neues Leben ein. Es sind keine wissenschaftlich gehaltenen Texte, vielmehr ein interessanter Streifzug durch die Anfangszeiten der „Recording Industry“. Zwei sehr empfehlenswerte und klangreiche Bücher.