Das Hinsehen wird nie alt

„Politics of Seeing“ heißt die neue Ausstellung im Oakland Museum of California. Gezeigt wird eine Auswahl an Fotos von Dorothea Lange, eine Ausnahmefotografin des 20. Jahrhunderts. Ihre Bilder sind Dokumente und beschreiben eine Zeit, die eigentlich schon lange hinter uns liegen sollte. Doch das, was in diesen Fotos zu sehen ist, beschäftigt uns noch immer und ist aktueller denn je: Immigration, Internierung, Armut. Viele der Augenblicke, die Dorothea Lange mit ihrer Kamera festgehalten hat, erlebte sie in den 1930er und 1940er Jahren. Doch die Zeit scheint still zu stehen. Es ist nie der Blick von jetzt nach damals, den man als Besucher dieser Ausstellung erlebt. Es ist vielmehr ein mittendrin im Jetzt, „Politics of Seeing“ ist eine brandaktuelle Bilderschau im Jahr 1 der Trump-Ära.

Dorothea Lange hatte dieses Auge für den Moment. Ihre Bilder sind Kunstwerke, ohne die Menschen und die Situationen künstlich erscheinen zu lassen. Die Zeit steht still, ein Ausschnitt des Lebens. Einfach und doch so kraftvoll. Es braucht keine Worte, um das wiederzugeben, was sie festhalten wollte. Viele ihrer ikonischen Fotos wurden zu zeitlosen und wichtigen Dokumenten, wie das Bild einer Migrantin, einer Mutter. In der Ausstellung kann man die Bilderserie sehen, die zu diesem Foto führte. Ein paar Zeilen daneben erzählen die Geschichte dazu und beschreiben auch den professionellen Fehler, der der Fotografin Dorothea Lange hier unterlief. Normalerweise nahm sie sich Zeit für die Menschen, die sie ablichtete, sprach mit ihnen, öffnete sie. Hier bei dieser Frau war das anders, es ging schnell, Lange war müde von einem langen Tag und nahm die Informationen falsch auf. Die Mutter war keine arme, weiße Migrantin, vielmehr war sie „Native-American“. Das Bild verfolgte die Mutter und ihre Kinder ein Leben lang. Für sie wurde es zum Fluch.

Lange hat mit ihrer Arbeit viele Fotografen beeinflusst. Auch das wird in der Ausstellung des Oakland Museum of California betont. Drei Fotografen wurden eingeladen, ein paar ihrer Bilder zu präsentieren. Und man sieht auch hier den Bogen von damals bis heute. Das Museum konnte für diese Präsentation aus dem reichen Fundus des eigenen Hauses auswählen, denn seit 50 Jahren ist das persönliche Archiv von Dorothea Lange mit 6000 Drucken und 25.000 Negativen, dazu Schriften und persönliche Gegenstände hier untergebracht. Die Ausstellung „Politics of Seeing“ ist noch bis zum 13. August zu sehen.

Alle Fotos Oakland Museum of California.

 

Abseits vom Glanz und Glitter

Los Angeles, die Stadt, in der Träume wahr gemacht werden. Bentley neben Porsche, Rolls Royce neben Ferrari. Das ist ein normales Bild auf einem Parkplatz im Superreichenviertel Beverly Hills. Abgesperrte Straßenblöcke, wenn mal wieder die Schönen und Reichen und Wichtigen zu einem Privatkonzert, einer Filmpremiere oder einer Exklusivparty in Limousinen vorfahren.

Doch LA hat auch eine andere Seite, die immer deutlicher wird. 44.000 Menschen sind in Los Angeles obdachlos. Das sind 12 Prozent mehr, als noch vor zwei Jahren. Und die Zahl der auf den Straßen von LA Schlafenden hat sich in dem Zeitraum verdoppelt. Das liegt auch an Klagen gegen die Stadt, denn Los Angeles hat zu wenig Obdachlosenunterkünfte. Richter haben entschieden, so lange sich da nichts verändert, dürfen die Homeless zwischen 21 Uhr und 6 Uhr morgens auf der Straße schlafen. Falls die Polizei doch jemanden verhaftet, dann müssen sie sein gesamtes Hab und Gut miteinpacken, dokumentieren und sicher lagern. Ein Unterfangen, dass so gut wie unmöglich ist, von daher drücken die Beamten oftmals beide Augen zu und fahren weiter.

Es sind nicht mehr nur die gescheiterten Existenzen, die nach Drogensucht und Kriminalität auf dem harten Asphalt enden. Ganz im Gegenteil, die Mieten und Lebensunterhaltskosten steigen, einfache Jobs gehen verloren, am Ende finden sich einige unter der Brücke wieder, die vorher immer noch gerade so in einem geregelten Leben am Existenzminimum entlang schlitterten. Darunter auch viele Familien.

Los Angeles ist nicht die einzige Stadt in den USA, in der das Problem Obdachlosigkeit immer größer wird. In San Francisco liegen die durchschnittlichen Mieten für ein Einzimmerapartment bei 3600 Dollar im Monat. Die Stadt steht vor einer unlösbaren Aufgabe, denn es fehlt auf der einen Seite immer mehr an bezahlbarem Wohnraum und auf der anderen Seite Platz für Obdachlosenunterkünfte und Übergangswohnheime. Der Grund und Boden in der „City by the Bay“ ist Gold wert. Eine Ausweg aus der fatalen Situation ist nicht in Sicht. Joel John Roberts von der Obdachlosorganisation PATH (People Assisting the Homeless) bringt es auf den Punkt. „Ich glaube, Obdachlosigkeit ist nur ein soziales Problem. Es ist ein Armutsproblem. Und so lange dieses Land die Armut nicht zum Thema macht, so lange werden wir Obdachlosigkeit haben“.

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„Ihr könnt mich mal…“

…so zumindest kann man Mitt Romneys jüngste Aussage verstehen, dass er sich eigentlich nicht um die Armen in den USA sorge. In einem Interview mit CNN nach seinem Wahlerfolg in Florida erklärte er: „Ich mache mir keine Sorgen um die Armen. Wir haben ein Sozialnetz. Wenn es repariert werden muß, dann werde ich das tun. Ich sorge mich auch nicht um die Reichen, denen geht es gut. Ich sorge mich um das Herz Amerikas, die 90-95 Prozent Amerikaner, die zur Zeit kämpfen müssen“.

Solch eine Aussage ist eine Steilvorlage für den politischen Gegner und zeigt eigentlich nur, dass Mitt Romney schon lange jeden Bezug zur Realität in den USA verloren hat. 90-95 Prozent der Amerikaner als Mittelschicht zu deklarieren ist ein Zeichen für eine verblendete Bestandsaufnahme des Alltags im eigenen Land. Wer die wachsende und schleichende Armut in den Vereinigten Staaten nicht wahrnehmen kann oder will, sollte eigentlich nicht um das Amt des Präsidenten kandidieren.

 

 

Die Armut steigt

Die San Francisco Bay Area ist eine teure Gegend. Mieten und Immobilienpreise sind überhöht und auch die Lebenshaltungskosten sind extrem hoch. Hier gibt es die Superreichen, Millionäre sind keine Seltenheit. Und doch, in dieser Weihnachtszeit wird sich jeder zehnte Haushalt in der Gegend an eine „Food Bank“ wenden, um Nahrungsspenden zu erhalten. Das sind 40-45 Prozent mehr Anfragen als noch vor drei Jahren.

Erschreckend ist vor allem, dass mittlerweile nicht nur Alte und Behinderte auf die Unterstützung angewiesen sind, immer mehr Leute nutzen das Angebot der gemeinnützigen Organisationen, die noch vor ein, zwei Jahren einen gut bezahlten und festen Job hatten. Die Arbeitslosigkeit und Kürzungen bei der Arbeitnehmerschaft haben in der Bay Area voll zugeschlagen.

Das Problem für die „Speisekammern“ ist auch, dass die öffentlichen Gelder aus Washington vom Kongress drastisch gekürzt wurden und viele Firmen weniger finanzielle Unterstützung leisten können. Mehr Nachfrage und ein kleineres Budget machen das Helfen nicht einfacher. Für die Mitarbeiter der „Food Banks“ ist klar, dass das Problem der Armut längst in der früheren Mitteschicht angekommen ist. „Wenn es einen Notfall gibt, ruft man 911. Wenn man nichts zu essen hat, ruft man uns an“, meint ein Mitarbeiter und fügt hinzu, dass es schon sehr viel Kraft und Überwindung koste, sich in einer Warteschlange für die Lebensmittelausgabe anzustellen. „Es ist einfach nur schockierend das mit ansehen zu müssen.“

Kongo – Hoffnung ohne Zukunft

Der Kongo, ein Land, das man nicht zu fassen bekommt. Riesig wie Europa, aber unwegbar, ohne Infrastruktur wie Straßen, funktionierende  Strom- und Wasserversorgung, geprägt von Korruption in allen Gesellschaftsschichten, regiert von einer Machtelite, die das an und für sich reiche Land erbarmungslos ausbeutet.

An der Grenze zum Kongo, auf der ruandischen Seite in Cyangugu, treffe ich noch auf Sigi und Gerti, zwei Nürnberger, die mit dem Motorrad unterwegs sind. Ein Jahr haben sie für die Reise aus Franken nach Südafrika eingeplant. Ums östliche Mittelmeer herum, über Ägypten, durch den Sudan, Uganda und nun Ruanda. Sie bleiben in Ruanda, der Kongo ist zu unsicher, und auch mit ihren Cross Bikes würden sie dort nicht weit kommen.

Die Grenzstadt der DRC, der Democratic Republic of Congo, ist Bukavu mit heute fast einer Million Einwohner. Kaum geteerte Straßen, meist gibt es nur zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens fließend Wasser, der Strom kann auch mal mehr als einen Tag weg bleiben. Die Menschen hier leben vom Handel, von Dienstleistungen,  wie das Tragen von Materialien, Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel. Die Stadt, einst eine boomende Metropole in Süd-Kivu, ist gezeichnet von den Jahren. Vom andaunernden Krieg, von den Flüchtlingsströmen nach dem Genozid in Ruanda 1994 und der Vernachlässigung durch die weit entfernte Regierung in Kinshasa. Öffentliche Gelder kommen hier so gut wie nicht an. Das sieht man den Straßen, den Gebäuden, der gesamten Infrastruktur an.

Pfarrerin Reinhild Schneider aus Neustadt/Aisch lebt seit 15 Jahren im Kongo. Erst in Lumumbashi, der zweitgrößten Stadt des Kongos im Süden des Landes und dann in Bukavu. Durch ihre Augen das Land zu sehen ist ein Erlebnis, ein Abenteuer. Überall wohin wir kommen werden wir mit Gesängen und von lachenden Menschen empfangen. Und überall herrscht tiefe Armut. Im Waisenhaus in Bagira, in der Gemeinde Bizimana mit ihrem Seifenprojekt und auch in dem entfernt gelegenen Dorf Kilungutwe. Eine wunderschöne, ja traumhafte Landschaft, doch die Gegend ist noch immer von Unruhen geprägt. Auf den Bergen leben Hutu-Milizen aus Ruanda, die die Bevölkerung terrorisieren. Mit Vergewaltigungen, Brandschatzerei, Raub und Mord. Die Regierung in Kinshasa und auch die Truppen der Vereinten Nationen bringen die Situation nicht unter Kontrolle.

In Kilungutwe werden wir von der lutherischen Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf mit Gesängen empfangen. Gemeinsam mit ihnen laufen wir ins Dorf, zur Kirche, einem aus Baumstämmen und Strohdach gefertigten Unterschlupf. Gleich nebenan meckert eine Ziege. Und dort berichten nach dem Empfang und dem Gebet Frauen und Männer, Jugendliche, Lehrer und Schüler von dem Leben, dem Alltag, der Angst und ihrer Hoffnung. Sie tragen ihre Bitten vor, hoffen, dass man helfen kann. Es geht um Kleinigkeiten, kleine Beträge, die hier die Welt bedeuten. Und trotz der sehr schwierigen und nach wie vor unsicheren Situation, sind die Menschen voller Lebensfreude, was man als Besucher nur schwer zu verstehen vermag. Alleine die Tatsache, das wird immer wieder betont, dass man da ist, sich für sie und ihr Leben interessiert, zeigt ihnen, dass es Hoffnung gibt. Man sitzt da, hört die Beschreibungen der Gewalt, der Vergewaltigungen, des Alltags und ist tief betroffen und beschämt.

„In Za, in Zaire“

„Goma ist ein Dreckloch“, meinte einer zu mir. Am Ende der Promenade von Ginsenyi liegt ein Grenzübergang. Villa neben Villa und dann der Grenzposten. Formular ausfüllen auf ruandischer Seite, Pass zeigen, dann rüber laufen. DRC Grenzposten, 30 Dollar zahlen, ein paar dämliche Fragen beantworten und man bekommt ein Din A 4 Visum ausgestellt. Ganz toll! Darf man das nun falten? Egal, muss in die Tasche rein.goma2

Ein Fahrer von UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, holt mich ab. Mit dem Jeep geht es durch die Stadt. Nur wenige Minuten später ein kleiner Zwischenfall an einer Strassenecke, ein aufgebrachter Pulk von Menschen, Sicherheitsleute dazwischen. Der UN Fahrer haut die Linkskurve rein, fährt auf der anderen Strassenseite schnell vorbei. Warum, wieso, weshalb…kein Kommentar. Hundert Meter weiter meint er, dass hier 2002 der Lavastrom entlang floss, als der Vulkan Nyiragongo ausbrach. Die frühere Strasse liegt zwei Meter unter der jetzigen Asphaltdecke, der einzigen geteerten Strasse in Goma.

Die UN ist seit den 60er Jahren in Goma präsent, versucht hier unmögliches zu leisten. Ein Ende ist nicht in Sicht. Flüchtlingsströme haben sich verschoben. Nach dem Genozid in Ruanda begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen, die noch immer in Teilen von Nord-Kivu anhalten. Erst der erste Kongo Krieg, dann der zweite. Hutu Milizen versuchen sich erneut zu formen, ihr Ziel ist die gewaltsame Rückkehr nach Ruanda. goma3Der Osten des Kongos gleicht in weiten Teilen einem Chaos. Die Hauptstadt Kinshasa im Westen ist weit weg, und was dort beschlossen wird, kommt nicht unbedingt in dieser Region im Osten an.

Rund 40 Hilfsorganisationen sind vor Ort, darunter auch die GTZ, die deutsche „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“. Wenn man durch die Strassen von Goma läuft fragt man sich ernsthaft, wie man hier technisch zusammen arbeiten kann. Alles scheint ein reiner Moloch zu sein. Es ist dreckig, Abfall überall. Gebäude, Strassen in einem desaströsen Zustand. Doch die Leiterin des UNHCR Büros in Goma zeigt sich optimistisch. Sie meint, es sei nicht einfach, aber man müsse mit den Gegebenheiten hier arbeiten. Was sie damit sagen will ist klar. Es gibt in Goma und der Nord-Kivu Region verschiedene Machtzentren, die teils gegeneinander arbeiten, verschiedene Interessen haben und nicht leicht zu durchschauen sind. Aber man mache Fortschritte, meint sie. Die Flüchtlingslager seien fast vollständig aufgelöst worden, nun versuche man mehr mit lokalen Führungen am Wiederaufbau zu arbeiten. In Goma braucht man Optimismus, ansonsten versinkt man in Hoffnungslosigkeit.

Armut steigt in Amerika

Von einer Genesung der US-Wirtschaft ist nichts zu spüren. Vor allem nicht für die 34,4 Millionen Amerikaner, die derzeit „Food Stamps“, also Lebensmittelhilfen vom Staat beziehen. Zum ersten mal ist die Zahl der Beziehenden auf über 34 Millionen gestiegen. Das sind 3,4 Millionen Menschen mehr, als noch im Oktober…Tendenz steigend. Und diese Zahlen sind vom Mai. Anders ausgedrückt, einer von neun Amerikanern ist derzeit auf die 133,65 Dollar staatlicher Lebensmittelhilfe angewiesen. Eine vierköpfige Familie erhält einen 80 Dollar Bonus. Interessanterweise sind die Anträge auf die „Food Stamps“ in allen 50 Bundesstaaten dramatisch nach oben geschossen. Von Kalifornien bis Florida breitet sich die Armut aus.

Vom Aufschwung der Wirtschaft merkt man nichts am unteren Ende der Gesellschaft. Die stürmischen Zeiten sind noch lange nicht vorbei, denn mehr und mehr Amerikaner verlieren ihren Job. Vom sich erholenden Arbeitsmarkt ist derzeit noch keine Spur.