Beyond Recall – ein unwiederbringlicher Kulturschatz

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz. Das Ende des sogenannten „Dritten Reiches“ war da schon in Sicht. An diesem historischen Tag erinnern sich weltweit Menschen an das Unrecht, an das Grauen, an die Folgen, an die Brutalität der Nazi-Diktatur. An das, was in zwölf Jahren im Namen des Deutschen Volkes geschehen ist. Es ist ein Tag, an dem man sich erinnern sollte, erinnern muss.

Hitlers Schergen hatten versucht gezielt und geplant das jüdische Leben in Deutschland auszumerzen. Nichts sollte mehr übrig bleiben. Doch es gab in Deutschland den jüdischen Kulturbund, der es schaffte, bis in die späten 30er Jahre Veranstaltungen zu organisieren und Aufnahmen davon zu produzieren. Erhalten blieb ein einmaliger und reicher Kultur- und Klangschatz. Dazu die Zweistundensendung, die ich vor einigen Jahren für Sender in den USA produziert hatte. Darin kann man zahlreiche jüdische Aufnahmen nach der Machtergreifung Hitlers hören, die es eigentlich nicht mehr geben sollte. Sie zeigen auch, dass die Nazis ihr menschenverachtendes Ziel nicht erreicht haben. Hingewiesen werden soll an dieser Stelle auf die umfangreiche und einzigartige CD-Box „Beyond Recall“ von Bear Family Records, die mit einem Begleitbuch erschienen ist.

Beyond Recall 1     
Beyond Recall 2     

Deutschland nach dem Untergang

„The Temptation of Despair“, die Versuchung der Verzweiflung heißt das neue Buch von Werner Sollors, einem Deutschen, der schon seit Jahrzehnten an der Harvard Universität lehrt. Beschrieben wird die Zeit nach 1945, wie sie in literarischen Texten, in Zeitungen und Magazinen vor allem in den USA und Deutschland beschrieben wurde. Das Leben, das Elend, die Not. Hunger, Vergewaltigung, Flucht und Vertreibung. Und ja, all das erfuhren auch die Amerikaner. Viele Journalisten aus Übersee berichteten von dem, was sie sahen. Anfangs kamen sie, um über die besiegten Nazis zu berichten. Mit Distanz, mit Häme, aus der Position der Sieger über die Schlächter von Dachau, Auschwitz und Bergen-Belsen. Doch schnell änderte sich der Ton, man erblickte ein Volk am Boden, das noch weiter getreten wurde.

Werner Sollors Buch ist eine beeindruckende, gut recherchierte, teils persönliche Geschichte. Sollors Mutter floh mit dem Zweijährigen nach Kriegsende aus Schlesien in Richtung Westen. Zu diesem Buch der obige Audiobeitrag mit einem Autoreninterview.

Tondokumente Auschwitz

Ich höre viele CDs, zwangsläufig für meine verschiedenen Musiksendungen. Vor etlichen Jahren habe ich damit angefangen geschichtliche Aufnahmen zu sammeln. Reden, Interviews, Zeitdokumente. Nun bin ich erneut an eine Veröffentlichung gekommen, die außerordentlich ist, die man erwähnen sollte, gerade im Zeitalter der jetzt-und-gleich Medien.

Vom CD Cover schaut ein Mann, der vom Aussehen her auch bei Loriot hätte auftreten können. Er sieht aus wie ein Beamter, gründlich, genau, pünktlich. Doch der Mann auf dem Bild ist der Hörfunkjournalist Axel Eggebrecht, Schriftsteller, Drehbuchautor und in den 20er Jahren Mitarbeiter der „Weltbühne“. Er berichtete im Auftrag des NDR als einziger Radioreporter vom ersten Auschwitzprozess, der zwischen 1963 und 1965 in Frankfurt am Main stattfand. Eggebrecht sollte für die Hörer den Ablauf beschreiben und auch das kommentieren, was er beobachtete, hörte, miterlebte. Es war kein Gebelle, wie das heute üblich ist, kein ganz nah dran sein um jeden Preis, keine Offenlegung der intimsten Details. Ganz im Gegenteil, mit feinem Strich und einer ganz bewußten, sensiblen und verantwortungsvollen Wortwahl ließ Eggebrecht die Zuhörer am Radio an diesem Prozess teilnehmen. Noch nicht mal 20 Jahre nach Kriegsende versuchte dieser Journalist Auschwitz für die Deutschen zu beschreiben. Jenes Auschwitz, dass einfach verdrängt wurde, weggeschoben wurde, vergessen werden sollte. Ein schier unmögliches Unterfangen, doch Axel Eggebrecht hat mit seiner Berichterstattung etwas besonderes erreicht. Er hat mit „seiner Reise in die Vergangenheit“ nicht nur beeindruckend von diesem Prozeß berichtet, er hat auch eine Zustandsbeschreibung der noch jungen Republik geliefert. Für mich ist dies ein Meisterwerk des deutschen Journalismus.

Das deutsche Rundfunkarchiv hat Auszüge aus dieser Berichterstattung veröffentlicht. „Aufklärung statt Bewältigung“ wurde diese CD genannt, die gerade mal 7,50 Euro kostet. Fast 70 Minuten lang taucht man ein in die deutsche Geschichte, hört von Pflichtbewußtsein, Verdrängung, Verantwortung, Geschichtsaufarbeitung. Und am Schluß merkt man, diese Aufnahmen sind zeitlos, aktuell und sollten gehört werden.