Schildbürger in San Francisco

In einer Erzählung über die Schildbürger bauen diese ein Rathaus, vergessen aber die Fenster einzubauen. Also bringen sie mit Eimern das Sonnenlicht ins Innere. Nun wird eine neue Episode der Schildbürgerabenteuer in San Francisco geschrieben. Seit Jahrzehnten schon wird in Kalifornien versucht, ein Hochgeschwindigkeitszugsystem zu realisieren. Bislang ging das in die Hose. In den 80er Jahren wurde zwar mal ein deutscher IC getestet, doch der wurde im Schneckentempo von einer Amtrak Diesel Lok gezogen. Versuch gescheitert! Aber die Idee blieb, irgendwann einmal mit einem Affentempo zwischen San Diego und Sacramento hin und her zu düsen.

Vor ein paar Jahren stimmten dann die Bürger Kaliforniens für den Aufbau eines funktionierenden Streckennetzes. Man verschuldete sich und bekam auch noch riesige Summen aus Washington….versprochen. Und da liegt das Problem. Für 400 Millionen Dollar buddeln die Bagger bereits in Downtown San Francisco, um den unterirdischen neuen Bahnhof zu realisieren. Das ganze ist Teil des insgesamt 4,2 Milliarden Dollar teuren Projekts „Transbay Terminal“, in dem Busse, Bahnen, Intercities und Regionalzüge zusammen kommen sollen. Einziges Problem, die Dollars aus DC werden wohl nicht überwiesen. Der republikanisch dominierte Kongress findet Bahnfahren gar nicht cool. Für sie fahren Amerikaner Auto oder hocken sich in den Flieger. Zugfahren ist was für Europäer und Demokraten, also weg damit.

Nun sieht alles danach aus, dass das sündhaft teure Terminal zwar gebaut wird, doch keinen Anschluß an irgendeine Schiene bekommt. Denn derzeit fehlt sogar das Geld, um den neuen Bahnhof mit der Regionalbahn Caltrain zu verbinden. Preisschild dafür: 1,5 Milliarden Dollar. Vielleicht sollte man es wie die Schildbürger versuchen und zumindest mit Eimern den Klang von vorbeifahrenden Zügen ins neue Terminal tragen.

 

Komm ich heim ins Frankenland

Seit fast 15 Jahren pendele ich hin und her. Von der amerikanischen Westküste ins Frankenland. Da läppern sich viele Flugmeilen, schlechtes Airline Essen, genervte und nervige Stewardessen (Pardon Flugbegleiterinnen), eingeschlafene Beine, angestoßene Knie, übervolle Toiletten, verschwundene Koffer und und und aneinander.

Reisen war mal schön, damals 1987, mein erster USA Trip mit meinem Bruder. PanAm gab uns einfach ein Upgrade in die Business Class. Kein Ding. Und heute läuft man bettelnd einer großen deutschen Airline hinterher, damit die endlich mal die angesammelten Meilen für Freiflug oder Upgrade anerkennen. Doch „Blackout Days“ und keine Plätze frei trotz A380 lassen das Konto anwachsen und damit auch den Frust.

Aber so eine Reise nach Deutschland beschert einem auch immer wieder einen schönen Blick von außen auf uns Deutsche. Und vieles stimmt leider, was es da an Vorurteilen gibt. Ernst und sachlich, genervt und weinerlich, übergenau und erstmal abweisend, kühl und…alles in allem sehr unterhaltsam. Gerade die Heulerei klingt einem gleich ins Ohr. Wenn man Deutschen so zuhört meint man immer gleich, die Welt ist schon lange zwischen Flensburg und Garmisch untergegangen. Ein Geheule ist das. Das Wehklagen erinnert manchmal an so ein windiges Holzhäuschen, der Wind pfeift durchs Gebälk, es zieht, aber irgendwie fühlt man sich doch wohlig und angenehm…heimelig eben.  Das Genöle gehört einfach zu Deutschland, eigentlich sollte man die Nationalhymne fortan in so einer weinerlichen Stimme vortragen, das wäre dann passend. Alles ist ja sowieso woanders immer besser.

Zum Beispiel die ältere Frau aus Köln. Die saß schon da, als ich in Frankfurt Airport Richtung Nürnberg Hauptbahnhof einstieg. Nennen wir sie mal Frau Konopka. Frau Konopka unterhielt sich mit einer 38jährigen Lesbe im Rollstuhl aus Wuppertal. Nein, das habe ich jetzt nicht erfunden, die Frau hat das tatsächlich so gesagt. Also, die beiden unterhalten sich über dies und das, sehr laut, der gesamte Wagen wird unterhalten und muß notgedrungen zuhören, wobei Frau Konopka eigentlich nur Monologe führte. Vom Kaffee, vom Bahnreisen, von dem Dingens aus dem Kölner Vorort (“Ach, den kennen Sie auch?”), von ihrem Sohn und Neffen, also bei ihr merkte man, woher der Spruch „Gott und die Welt“ herkam.

Irgendwann war ich auf einmal auch Teil des Gesprächs. Fragen, woher, wohin, weshalb….Ach ja, in Amerika ist alles besser, dort heben sogar alte Frauen im Park den Müll auf. Hat sie gesehen, die Frau Konopka. Sowas müßte es auch bei uns geben. Viel sauberer ist es da in den USA. Mein Einwand, dass das ja nun so auch nicht sei, wischt sie lapidar mit einer Handbewegung vom kleinen DB-Tischchen. Ich hätte ja keine Ahnung. Sie sei ja 1990 für zwei Wochen in New Jersey gewesen und habe das selbst gesehen. Auch mein erneutes Nachhaken, dass ich bereits seit 1987 die USA bereise, seit15 Jahren dort lebe und mittlerweile so 40 Bundesstaaten besucht habe, läßt sie nicht gelten. Vielleicht „da“ in San Francisco sei das so, rüffelt sie mich, aber in New Jersey…ja, da könnten sich die Deutschen noch was von abschneiden.

Zwei Stunden neben Frau Konopka sind denn auch genug, gerade nach einem Transatlantikflug mit neun Stunden Zeitverschiebung, da dreht sich dann alles. Aber, ich gebe es auch zu, es ist unterhaltsam. Nürnberg Hauptbahnhof kommt näher. Die Wuppertalerin macht sich dann noch mal auf zur Behindertentoilette und kommt ewig nicht zurück. Als sie dann doch schließlich wieder angerollt kommt, meint sie, jemand hätte im Klo auf die Brille gepieselt. Sie hatte sich beschweren wollen, doch der Obersepp der Bundesbahnzugbegleiter war beschäftigt. Genau in dem Moment kam der Herr wichtige Oberbahnbegleiter dann doch. Der fragte etwas wichtig nach, ob die Frau noch auf die Toilette müsse, wenn ja, dann müsste sie am nächsten Bahnhof Nürnberg aussteigen, dort dem Bedürfnis nachgehen und auf den nächsten Zug warten (!). Hallooooo!!!! Haben die keine Lappen an Bord oder können die nicht mal die Zentrale anrufen, dass da kurz mal am nächsten Halt eine Bundesbahnausgebildete Reinemachspezialkraft die Toilette  säubert. Toller Service!….Bahn + Frau Konopka und die vielen genervten Blicke der Reisenden heißen mich in der alten Heimat willkommen. Ein guter Start! Mit Sicherheit  kann es nur besser werden!