Das Leid der Kinder

Jedes Jahr versuchen rund 140.000 Menschen illegal die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu überwinden. Viele von ihnen schaffen es nicht, werden von amerikanischen Grenzbeamten verhaftet. Andere sterben in der Wüste, verdursten, brechen entkräftet zusammen. Wieder andere werden auf der mexikanischen Seite von Banden überfallen, ausgeraubt, vergewaltigt, ermordet. Das menschliche Drama an der südlichen Grenze der USA ist ein täglicher Alptraum.

Nun haben die Behörden in Mexiko Alarm geschlagen. Innerhalb einer Woche im März haben sie 370 Kinder aufgelesen, die beim Versuch über die Grenze zu kommen einfach zurück gelassen wurden. Dehydriert, orientierungslos, verletzt. Zuvor hatten sie mehrere tausend Dollar an Schmuggler gezahlt, doch das alleine war keine Garantie. Die Kinder stammen, so die mexikanischen Behörden, aus mehreren mittelamerikanischen Ländern. Immer öfter werden Kinder alleine auf die lange und beschwerliche Reise Richtung Norden geschickt, um dort einen Job zu finden. Die Amerikaner verschließen vor diesem Problem ihre Augen, es sei ein mexikanisches Problem, heißt es in Washington. Eine von Präsident Obama angedachte Reform des Einwanderungsgesetzes – längst überfällig – wurde erneut vertagt, verschoben, verpasst. In dieser Legislaturperiode wird nichts mehr passieren. Warum? Weil man sich in Washington nicht einig wird. In der Wüste werden deshalb weiter Menschen sterben, die eigentlich nur dem „American Dream“ folgen.

Gangland Los Angeles (5)

Frauen in den Gangs von Los Angeles     

Wer an die Gangs in Los Angeles denkt, hat vor allem ein Bild von schwer tätowierten und muskulösen Latinos und Afro-Amerikanern vor sich. Doch die Gangkultur in der kalifornischen Megametropole ist nicht nur männlich geprägt. Es wird geschätzt, dass bis zu 30 Prozent der Gangmitglieder Mädchen und Frauen sind, die zum Teil wichtige Aufgaben in den Strukturen der Banden übernehmen.

Die Präventions- und Interventionsprogramme, die Hilfsangebote für aussteigewillige Gang Mitglieder haben sich auf diese Zusammensetzung ihrer Klientel noch gar nicht eingestellt. Erst langsam geht man daran, die Frauen im Gangland Los Angeles besser zu erreichen. Dazu der fünfte Audiobeitrag in dieser Serie.

Gangland Los Angeles (3)

Gangland Los Angeles     

Jahrzehntelang setzte man in Los Angeles im Kampf gegen die Gangs nur auf die Polizei. Nach den Riots, den Unruhen in Los Angeles im Jahr 1992, stand man jedoch vor einem Scherbenhaufen. Irgendwie ging gar nichts voran. Die Communities mißtrauten der Polizei, die Gangs wuchsen weiter auf mehr als 50.000 Mitglieder, organisiert in Hunderten von Banden. Ganze Stadteile wurden von ihnen kontrolliert.

Mit der Wahl des Bürgermeistern Antonio Villaraigosa änderte sich der Ansatz im Umgang mit den Gangs. Zum ersten mal wurde eine globale Strategie angegangen, die nicht nur auf die Polizeiarbeit setzte. Prävention und Intervention wurden großgeschrieben, wie bei anderen „Public Health“ Ansätzen im Gesundheitswesen. Dazu ein weiterer Audiobeitrag.

Gangland Los Angeles (2)

Besuch bei Homeboy Industries     

Anfang der 90er Jahre glich Los Angeles einer Kriegszone, zumindest in einigen Stadtteilen wurde scharf geschossen. Junge Menschen starben links und rechts, die Mordrate lag bei nahezu 1500 Opfern. Ein Zustand, der Politik, Sozialverbände und Kirchen auf den Plan rief, gemeinsam das Problem der Gang Kriminalität und Gewalt anzugehen.

Father Gregory Boyle, oder Father G. wie er überall in Los Angeles bekannt ist, war damals schon in seiner Gegend aktiv. Er suchte die Nähe zu Gangmitgliedern, zeigte ihnen Respekt, Hoffnung und einen Weg in die Zukunft. Aus anfänglichen Versuchen wuchs „Homeboy Industries„, eine Einrichtung, die neben der Beratung und direkten Hilfe, auch Jobtraining und Tätowierungsentfernung anbietet. Dazu ein Audiobericht, Besuch bei Homeboy Industries.

Gangland Los Angeles (1)

Polizeifahrt in South Central LA     

Los Angeles ist mit 40.000 Gang Mitgliedern „Gang Capital of the world“. Zumindest darauf bildet sich in LA niemand etwas ein, aber Tatsache ist, man hat sich damit abgefunden. Lange Zeit dachte man, man könnte hart durchgreifen, Polizeipräsenz zeigen und die bösen Buben von der Straße weg verhaften und hinter Gitter stecken. Doch das klappte nicht so richtig. Die Gewalt- und Kriminalitätsrate blieben unverändert hoch.

Nun versucht man ganz neue Wege zu gehen, mit Intervention und Prävention…und vor allem dem Eingeständnis, dass man dem Gangproblem nicht Herr werden kann. Gangs gehören zu Los Angeles wie das Hollywood Zeichen hoch droben am Berg. Es geht jetzt vielmehr darum, die Dinge in einem überschaubaren und kontrollierbaren Rahmen zu halten.

Hier der erste Audiobeitrag in einer Serie über die Gangs in Los Angeles.

Unter Mördern, Gangstern und Homeboys

Ich falle schon alleine deshlb auf, weil ich keine Tätowierung habe. Und wir reden hier nicht vom Namenszug der ersten Freundin, von einem keltischen Symbol, einem chinesischen Schriftzug oder dem ollen Anker eines alten Seemanns. Ich stehe im Gebäude von Homeboy Industries, einer Organisation im Herzen Los Angeles, die Gangmitgliedern den Ausstieg und eine Zukunft bieten will. Gegründet Anfang der 90er Jahre von „Father G.“ ist Homeboy zu einem Zentrum der präventiven Gangarbeit geworden.

Um mich herum stehen und sitzen harte Jungs, tätowiert bis über die Ohren, muskelbepackt. Auf den Armen, im Gesicht, im Nacken kann man die Initialien ihrer Gangs lesen und sehen. Doch hier ist „Peace“, wer zu Homeboy kommt, will aussteigen, hat genug vom Leben auf der Einbahnstraße, will einen neuen Anfang, ein neues Leben. Hier wird beraten und geholfen, Jobs angeboten und vermittelt und Gangtätowierungen kostenlos und unter Schmerzen beseitigt. Da ist der junge Jose, der gleich auf mich zukommt, mir die Hand schüttelt und mich fragt, was ich hier mache. Ein Interview mit Father G. „Er ist der beste. Wie ein Vater zu mir. Ohne ihn wäre ich nicht hier“. Die harten Jungs werden weich bei Father G., der fast 60jährige Jesuit hat für jeden ein offenes Ohr, hilft, macht Dinge möglich. Und dabei wird er nicht müde.

Jose will aus der Gang aussteigen. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten ist seine Freundin schwanger geworden, er will sich der Verantwortung stellen, ein neues Leben. Er hat mit der schmerzhaften Prozedur des Tätowierentfernens angefangen. Sein Gesicht hat schon die Spuren der Gang verloren, dank Father G. „Yo man, he’s the best.“

In Venice treffe ich mich mit Marvyn, einem der Co-Gründer der „V2K Helper Foundation“. Er hat zum Gespräch seine Kollegen eingeladen. Es stellt sich raus, dass sie alle frühere Gangmitglieder der Crips in Venice waren. Nach zum Teil 20jähriger Haftstrafe wegen Mordes haben sie wieder zueinander gefunden. Nun sind sie als friedliche „Botschafter“ in diesem Gang-Präventiveinsatz aktiv.

Am Morgen saß ich in einer Schulung für Gangintervention, in Echo Park, einem „harten“ Stadtteil der Stadt. Ehemalige Gangmitglieder werden geschult für die Arbeit auf der Straße. Und sie alle wissen, von was sie reden. Sie kennen die Brutalität der Straße. Mord, Todschlag, Gang-Vergewaltigungen, man wird sprachlos und taub allein vom Zuhören.

In ein paar Wochen geht es weiter auf den Spuren der Gangs in Los Angeles.

LA – Amerikas Ganghauptstadt

Ich bin für ein Feature in Los Angeles unterwegs: Die Gangs von LA. Seit den 30er Jahren gibt es sie, heute zählen sie über 40.000 Mitglieder in rund 430 Gangs. Damit ist Los Angeles die Ganghauptstadt der USA, wenn nicht sogar der Welt. Einige sind nur ein paar Mann stark und kontrollieren einen Straßenblock. Andere hingegen kontrollieren ganze illegale „Geschäftszweige“, wie den Drogen- oder den Waffenhandel in der Megametropole und werden dabei sogar von den mexikanischen Kartellen gestützt.

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre erreichte die Gangkriminalität und -gewalt ihren bisherigen Höhepunkt. Mehr als 1000 Morde wurden verbucht. Heute ist die Mordrate auf knapp unter 300 Opfer gefallen, so „niedrig“ wie in den späten 60er Jahren. Etwas scheint zu funktionieren in LA. Und dem will ich für dieses Feature nachgehen. Was passiert in dieser riesigen Stadt, was funktioniert, was wird getan? Tatsache ist, Los Angeles geht mit seinem Anti-Gang Programm einen eigenen Weg in den USA. Ein eigenes Referat wurde dafür geschaffen, um so die präventive Arbeit zu koordinieren. Morgen geht es weiter in der Glanz- und Glitzerstadt…und es wird für dieses Projekt nicht mein letzter Besuch in LA sein.

3000 Tote in Juarez

Ciudad JuarezAm Dienstag wurden in Ciudad Juarez, der Grenzstadt zu El Paso, Texas, zwei weitere Männer auf offener Straße erschossen. Damit stieg die Mordrate in diesem Jahr auf 3000, so hoch wie noch nie.

Juarez ist die derzeit gefährlichste Stadt der Welt. Der seit Anfang 2008 schwelende Drogenkartellkrieg in Mexiko, hat alleine hier mindestens 7386 Menschenleben gefordert.

2008 starben 1623 Menschen, 2009 2763 und dieses Jahr ist mit 3000 Toten noch nicht zu Ende. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass die verheerende Situation in Juarez unter Kontrolle zu bringen ist

Das Morden geht weiter

Ciudad Juarez kommt nicht zur Ruhe. Allein am Samstag wurden 18 Menschen im Stadtgebiet umgebracht. Der Krieg von Drogenkartellen und -Banden ist einfach nicht stoppen. Ciuadad JuarezSeit fast drei Jahren bekämpfen sie sich in der Grenzstadt zu El Paso und die Regierung, die Polizei und das Militär schauen hilflos zu. Sie versuchen zwar die Situation unter Kontrolle zu bekommen, verhaften hier und da einen „Kingpin“, einen der Drogenbosse, doch das hat bislang zu nichts geführt. Es scheint, als ob sich die Lage von Monat zu Monat nur noch verschlimmert. Seit Beginn des Kartellkrieges vor drei Jahren sind rund 7000 Menschen in Ciudad Juarez ermordet worden.

In Ciudad Juarez herrscht die Anarchie. Zwar wurde erst kürzlich ein neuer Bürgermeister ins Amt gewählt, doch die Aussichten für ihn sind mehr als düster. Die Bürger der Stadt, die die noch nicht weggezogen sind und bleiben müssen, trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Restaurants und Bars sind verwaist. Juarez ist zu einem Vorhof der Hölle geworden.

Tod und Anarchie in Juarez

Ciudad JuarezÜber die Situation im nordmexikanischen Ciudad Juarez wird in diesen Tagen viel berichtet. Ein erneutes Massaker an Jugendlichen geht durch die Nachrichten…

Vor einigen Monaten besuchte ich die Grenzstadt zu El Paso. Als ich dort war, wurden täglich „nur“ zehn Menschen ermordet. Mittlerweile ist die Situation erneut außer Kontrolle geraten. 20-30 Menschen werden in Juarez täglich Opfer von Gewaltverbrechen…..und ein Ende ist nicht in Sicht.

Zum Nachhören hier das SWR/DRS-Feature. Reise in eine Stadt, die im Chaos versinkt:

Besuch in Ciudad Juarez