Die Mieten steigen, so auch die Zahlen der Obdachlosen

Seitdem ich in der San Francisco Bay Area lebe, immerhin schon seit nahezu 25 Jahren, bleibt ein Problem hier aktuell – Obdachlosigkeit. Tausende von Menschen leben auf der Straße, ohne kurz- und mittelfristige Unterkunft. Die Zeltstädte auf den Gehwegen in San Francisco, Oakland, Berkeley, San Jose und anderen Kommunen der Region wachsen weiter. Die stetig steigenden Mieten und Grundstückspreise verhindern einen angemessenen sozialen Wohnungsbau. Derzeit kostet eine Einzimmerwohnung in San Francisco etwa 3500 Dollar im Monat. Wer ein Haus kaufen will muss dafür tief in die Tasche greifen, unter einer Million Dollar ist nichts mehr zu haben.

Sie sind nicht groß, aber könnten ein Ausweg aus der steigenden Krise sein.

Nun will man hier ganz neue Wege gehen. „Tiny Houses“, Minihäuser, sind zwar nicht die Lösung der eigentlichen Obdachlosigkeit, aber sie könnten jenen in Not helfen, zumindest vorübergehend ein Dach über dem Kopf zu haben. Kostengünstig und vor allem platzsparend sollen die Häuser sein. Mittlerweile sind nahezu alle Kommunen der San Francisco Bay Area an dieser Möglichkeit interessiert. Die steigenden Zahlen an Obdachlosen verlangen nach kreativen Lösungen, „Tiny Houses“ ist eine davon.

Wohnraum in den Städten anmieten geht nicht mehr, die Hotels sind alle ausgebucht und die Budgets der Gemeinden überstrapaziert. Die kleinen Häuser sind um ein vielfaches billiger und bieten genau das, was gebraucht wird. Eine sichere Unterkunft, die gepflegt werden kann, in der Menschen eine Privatsphäre haben, die man mit weitergehenden Angeboten erreichen kann. Vor allem weg von der Straße und all den dazugehörigen Problemen. Die eigenen vier Wände als Neustart. Diese Neubaubewegung sollte man genauer beobachten, vielleicht wäre sie auch was für deutsche Städte.

 

Jeder Muskel schmerzt

Als freier Journalist zu arbeiten ist nicht immer einfach. Immer ist man auf der Suche nach Themen, und wenn man die hat, dann nach Abnehmern. Im Urlaub und bei Krankheit verdient man nichts und Gehaltserhöhungen gibt es auch nicht. Und doch, ich wollte es gar nicht mehr anders. Denn man kann auch einfach sagen, heute mal nicht. Und heute war so ein Tag. Hier in Nordkalifornien herrschen derzeit frühlingshafte Temperaturen. Die Sonne scheint, kaum Wind. Also dachte ich mir, heute gehe ich mal wieder kayaken. Und nicht nur so, sondern rund um Alameda Island. Das ist die Insel, die vor Oakland liegt.

Ich weiß, San Francisco Reisende verschmähen meist die East-Bay, doch das ist ein Fehler. Glauben Sie mir einfach, ich lebe hier schon lange genug. Die Tour, die ich mir heute mal wieder vornahm, ist nicht ohne. Mehr als vier Stunden paddelte ich um die Insel. Am Ende verfluchte ich meine Entscheidung, jeder Muskel in meinen Armen und im Oberkörper schmerzte, der rechte Unterarm wollte nicht mehr, einige Finger meiner rechten Hand verkrampften sich nur noch, die Blasen an den Händen wurden groß und größer.

Doch im Nachhinein ist alles vergessen, die San Francisco Bay Area ist ein wunderschöner Fleck Erde. Im Kayak unterwegs hat man einmalige Ausblicke. Am Anfang ging es vorbei an „Coast Guard Island“, einem Stützpunkt der amerikanischen Küstenwache. Das ist eine kleine aufgeschüttete Insel zwischen Alameda und Oakland. Ich bin kein Vogelexperte, doch ich schätze mehr als ein Dutzend Vogelarten kreuzten meinen Weg, darunter auch geschützte Arten, wie der braune Pelikan. Und immer wieder tauchten Seelöwen auf und schauten dem Bekloppten im blauen Boot zu.

Alameda Island hat eine komische Form. Lange Zeit war die Insel ein Stützpunkt der US Navy. Schutzmauern wurden ins Wasser gebaut, um die Flotte zu sichern. Heute liegt die USS Hornet im Hafen von Alameda, ein alter Flugzeugträger, den man unbedingt besuchen sollte, wenn man in der Gegend ist. Diese Seemauern mußte ich allerdings umpaddeln. Damit kam ich sehr weit raus in die Bay und war dann sogar auf Höhe von Buena Vista und Treasure Island, in der Mitte der Bay Bridge. Der Blick von dort einmalig.

Und dann ging es zurück in den Kanal zwischen Oakland und Alameda. Links der Hafen von Oakland, einer der größten an der amerikanischen Westküste. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich an den gewaltigen Containerschiffen vorbeigepaddelt war. Trockendocks auf der rechten Seite und dann kommen die Hausboote, die es auch hier gibt, nicht nur in Sausalito, auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge. 20 Jahre lebe ich nun schon in der Gegend, 17 davon in Oakland. Die Stadt hat viele schöne Seiten, eine davon ist die Hafengegend, die „Waterfront“ mit dem Jack London Square. Nach über vier Stunden war ich zurück am Ausgangspunkt, das Kayak konnte ich kaum aus dem Wasser heben. Mit Sicherheit werde ich heute Nacht sehr angenehm und tief schlafen.

Außergewöhnliche Wohnstätten in der SF Bay Area

Foto: Judy Meuschke-San Francisco and Peninsula Realtor

Foto: Judy Meuschke

Es ist nicht ganz billig, aber man bekommt dafür schon was besonderes. Das als „Flintstone House“, also das Fred Feuerstein Haus, bekannte Anwesen in Hillsborough, südlich von San Francisco steht zum Verkauf. 1976 wurde es gebaut, gleich mehrere namhafte Künstler hatten ihr Händchen im Spiel. Es gibt wohl keine Ecken in dem Gebäude, alles ist rund und wirkt wie aus Knetmasse geformt.

Foto: Judy Meuschke

Foto: Judy Meuschke

Wer auf dem 280er fährt, kommt daran vorbei und jedesmal schaut man wieder hin und fragt sich, was da die Besitzer und den Architekten geritten haben. Doch vielleicht war es gerade das, man fällt auf mit so einem Dach über dem Kopf. Allerdings muß man heute etwas tiefer in die Tasche greifen. Der Immobilienmarkt hat sich wieder erholt in der San Francisco Bay Area, die Preise für Grundstücke sind gestiegen; „The sky is limit“. Für das „Flintstone House“ werden 4,5 Millionen Dollar verlangt. Das Rauschen der Autobahn in Sichtweite kommt kostenlos dazu.

Den Freeway hört man auch auf der letzten Insel in Privatbesitz, die es noch in der San Francisco Bay gibt. „Red Rock Island“ soll verhökert werden. Kann man schon so beschreiben, denn der Fels, der zwischen Richmond und San Quentin liegt war noch vor wenigen Jahren 22 Millionen Dollar wert. Damals hieß es, es gäbe Interessenten für das Stückchen Land. Doch dann wollte doch keiner so richtig. Das Preisschild wurde auf neun Millionen Dollar umgeschrieben. Und nun kostet die Insel nur noch fünf Millionen Dollar.

Für jemanden mit Geld ist das vielleicht ein Prestigeobjekt, denn Nachbarn gibt es keine, die Ausblicke sind phänomenal und wer hat schon eine Insel gegenüber von San Francisco. Manchmal wird der Felsen auch „Golden Rock“ oder „Treasure Island“ genannt, denn es gibt Gerüchte, dass hier Piraten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Schätze vergraben haben sollen. Doch bislang ist nichts gefunden worden. Aber man kann fleißig weiter buddeln.

1964 kaufte Mendel Glickman, der Sohn von Frank Lloyd Wright, für 50.000 Dollar den Felsen in der Brandung. Er hatte die Idee, darauf ein Ferienhaus zu bauen, aber daraus wurde nichts. „Red Rock Island“ blieb leer. Nun also kann man, wenn man denn will, ein Stück Land der Bay Area Geschichte kaufen. Allerdings wird jede Baumaßnahme nicht einfach sein, denn ein Käufer muß sich gleich mit drei Counties auseinandersetzen. „Red Rock Island“ gehört zu Marin County, Contra Costa County und San Francisco County, ein bürokratischer Alptraum wartet auf jeden Häuslebauer.

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Nebel des Grauens

Diese Geschichte klingt wie ein Kapitel aus dem Buch der großen Verschwörungstheorien. Sie hätte einen guten Platz neben den versteckten Außerirdischen in der Area 51 in Nevada, der Mondlandung, die es nie gab, den wahren Hintermännern des Attentats auf John F. Kennedy, dem Abtauchen und Weiterleben von Elvis Presley, der Zerstörung des World Trade Centers durch die US Regierung oder eines internationalen jüdischen Geheimbundes.

Foto: AFP

Foto: AFP

Doch diese Geschichte hat sich wirklich so ereignet. Im September 1950 ankerte ein Minensuchboot der US Navy rund dreieinhalb Kilometer vor der Küste San Franciscos. Tagtäglich wartete man auf die Nebelbank, die am frühen Nachmittag vom offenen Meer her kommend auf das Golden Gate zog. Sechs Tage lang versprühten dann Angehörige des amerikanischen Militärs die als harmlos geltenden Bakterien Serratia und den Bazillus Globigii aus riesigen Löschrohren in den dichten Nebel. Getestet werden sollte, ob der Nebel für einen biologischen Angriff genutzt werden könnte. Die Bakterien breiteten sich mit dem San Francisco Fog über die gesamte Bay Area aus.

Die Navy hatte zuvor 43 Messstellen in Albany, Berkeley, Daly City, Colma, Oakland, San Leandro, San Francisco und Sausalito eingerichtet und war vom Erfolg begeistert. Das Ergebnis, die Bakterien breiteten sich problemlos im nassen Dunst aus. Der Septembernebel trug die Bakterien mit sich, die nichtsahnenden Bewohner der Gegend atmeten diesen, angeblich harmlosen, Zusatz ein. Es war der erste, doch nicht der letzte Test dieser Art. Weitere Sprühaktionen wurden in der New Yorker U-Bahn, dem Pennsylvania Turnpike und im National Airport von Washington durchgeführt.

Doch die amerikanische Regierung verstieß mit diesen Tests gegen die Richtlinien des Nürnberger Kodex , die 1947 nach den Ärzteverfahren im Nürnberger Prozess mit Zustimmung und Unterschrift der Amerikaner beschlossen wurden. Dort heißt es: „Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. Das heißt, dass die betreffende Person im juristischen Sinne fähig sein muss, ihre Einwilligung zu geben; dass sie in der Lage sein muss, unbeeinflusst durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder irgendeine andere Form der Überredung oder des Zwanges, von ihrem Urteilsvermögen Gebrauch zu machen; dass sie das betreffende Gebiet in seinen Einzelheiten hinreichend kennen und verstehen muss, um eine verständige und informierte Entscheidung treffen zu können. Diese letzte Bedingung macht es notwendig, dass der Versuchsperson vor der Einholung ihrer Zustimmung das Wesen, die Länge und der Zweck des Versuches klargemacht werden; sowie die Methode und die Mittel, welche angewendet werden sollen, alle Unannehmlichkeiten und Gefahren, welche mit Fug zu erwarten sind, und die Folgen für ihre Gesundheit oder ihre Person, welche sich aus der Teilnahme ergeben mögen. Die Pflicht und Verantwortlichkeit, den Wert der Zustimmung festzustellen, obliegt jedem, der den Versuch anordnet, leitet oder ihn durchführt.“

Lange Zeit blieben diese Feldtests als Teil der biologischen Kriegsführung im Kalten Krieg unter Verschluß. Erst Mitte der 70er Jahre wurde bekannt, was die US Navy da 25 Jahre Jahre zuvor getrieben hatte. Aufgrund eines Artikels in einer Tageszeitung wandte sich Edward Nevin III an die Behörden und wollte mehr erfahren, denn sein Großvater war 1950 in San Francisco nach einer Prostataoperation an einer unerklärlichen Serratia Infektion gestorben. Zehn weitere Personen wurden damals mit Serratia Infektionen im Krankenhaus behandelt. Nevin III klagte gegen die Regierung, doch die Richter wiesen die Klage ab mit der Begründung, die Regierung hätte Immunität und das Recht gehabt, diese Geheimtests ohne die Zustimmung der Bevölkerung durchzuführen.

Der San Francisco Chronicle schrieb nach Bekanntwerden des Ausmaßes der Geheimaktion in einem Artikel, dass das Serratia Bakterium seit 1950 mehrmals in der Bay Area nachgewiesen werden konnte, was darauf hindeuten könnte, dass die ursprünglichen Tests langwierige Folgen gehabt haben.

Kein so schlechter Ort zum Leben

San Francisco Bay Area von oben in all ihrer Pracht.

San Francisco Bay Area von oben in all ihrer Pracht.

Wir haben Erdbeben und viel Nebel, teure Mieten und schrecklichen Straßenverkehr.  Und dennoch, die San Francisco Bay Area ist eine unvergleichlich schöne Gegend. Das kann man sich nun auch von oben ansehen. Der Esa-Erdbeobachtungssatellit „Landsat 8“ hat dieses Bild Anfang März geschossen und es zeigt die ganze Einmaligkeit dieser Region. Wasser und viel Grün. Es ist schon eine besondere Gegend, in der ich meine zweite Heimat gefunden habe.

Da rechts, wo Oakland ins Grüne übergeht wohne ich. Und arbeite ich, denn als freier Korrespondent habe ich mein Büro daheim. Das hat hier einen Riesenvorteil, ich muß nicht täglich durch den Wahnsinnsberufsverkehr einmal hin und einmal zurück. Ich kann sogar sagen, ich laufe ins Büro…na ja, ein paar Treppen runter, Kaffee machen, Treppe hoch und der Tag kann beginnen. Und jeder Tag bietet was neues. Politische Themen, Kultur, viel Musik. Die Berichterstattung über Amerika, dazu noch meine Reisen und mein Interesse an verschiedenen anderen Regionen und meine Radiosendung zur Musik aus deutschsprachigen Landen, lassen es nicht langweilig und eintönig werden.

Doch zurück zu diesem besonderen Bild von oben. Hier kann man gut sehen, warum so viele in dieser Region leben wollen. Es ist einfach eine besondere Gegend. Das Meer, die Bay, die vielen offenen und geschützten Naturflächen, wie die Marin Headlands, nördlich der Golden Gate Bridge, der East Bay Regional Park, gleich da, wo ich wohne östlich von Downtown Oakland und dann findet man südlich von San Francisco weite offene Flächen zwischen Pazifik und Bay, die zum Golden Gate National Park Service gehören. Und das ist alles direkt vor der Tür.

Was das beeindruckende ist, man hat es hier geschafft, in einem Ballungsraum mit Millionen von Menschen offenen Platz zu schützen. Gerade das macht die Bay Area neben all ihren wirtschaftlichen, kulturellen und innovativen Reizen auch aus. Von meinem Haus gehe ich nur ein paar Minuten und stehe allein unter gewaltigen Redwoods, eine natürliche Kathedrale, ohne auch nur eine Menschenseele um mich herum. Kein Lärm, kein Geschrei, kein Laubgeblase. Nur Ruhe. Auch das ist Oakland.

The sky is the limit

Ausverkauf in San Francisco und der Bay Area. Die regionale Wirtschaft boomt, das merkt man jeden Tag, wenn man hier auf den Straßen unterwegs ist. Die Autobahnen sind überfüllt, Strecken, für die man vorher eine halbe Stunde brauchte, können jetzt bis zu eineinhalb Stunden dauern. Wer von außerhalb nach San Francisco will, sollte Zeit mitbringen. Einige der schlimmsten Staubereiche im Bundesstaat und im Land findet man hier in der Bay Area.

Für etwas mehr als eine Million Dollar auf dem Markt, für 2,35 Millionen Dollar verkauft.

Für etwas mehr als eine Million Dollar war dieses Haus im Mission Distrikt auf dem Markt, für 2,35 Millionen Dollar wurde es verkauft.

Viel Zeit geht also auf den Straßen verloren, wenn man hier leben will. Einige, die direkt in San Francisco wohnen wollen, müssen dafür tief in die Tasche greifen. Rund 60 Prozent des Einkommens geht bei vielen für die Miete drauf. Mittlerweile zahlt man 3600 Dollar und mehr für eine Einzimmewohnung. Wer derzeit freien Mietraum hat, erlebt eine Goldgräberstimmung in San Francisco. Denn die Preise sind nach oben hin offen.

Genauso verhält es sich mit Grundstückspreisen. Kaum noch bezahlbar sind Häuser, egal in welchem Zustand sie sind. Bestes Beispiel das Anwesen 3658-3660 18th Straße, in der Nähe der Dolores Street im Herzen der Mission Gegend. Lange Zeit wurde der Mission Distrikt als Kreuzberg San Franciscos beschrieben. Doch das ist Vergangenheit. Der Preis für das Doppelhaus wurde mit 1.099,000 Dollar angegeben, doch gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass man einen Fachmann zur Besichtigung mitbringen sollte, denn es würden erhebliche Baumaßnahmen anfallen. Eigentlich muss der ganze innere Bereich entkernt und saniert werden. Unvorstellbar deshalb, dass das Haus nun für 2,35 Millionen Dollar verkauft wurde. Das sind mehr als 100 Prozent über dem Angebotspreis. Mehre Hunderttausend Dollar muß der zukünftige Besitzer nun noch in das Haus investieren. San Francisco wird zu einer Stadt der Superreichen. Wer hier noch leben, wer die Preise noch bezahlen kann – und will – der hat es wohl finanziell geschafft. Unterdessen geht die soziale Schere in der City by the Bay weiter auf.

Ein vorbildlicher Polizist?

Richmond ist eine Kleinstadt in der San Francisco Bay Area. Eine Raffinerie des Öl Giganten Chevron bestimmt das Stadtbild. Richmond war in den letzten Jahren vor allem wegen der hohen Mord- und Kriminalitätsrate in den Schlagzeilen. Es gab  mehr Morde pro Einwohner als irgendwo sonst in Kalifornien. Auch US weit war Richmond in der Mordstatistik ganz vorne mit dabei.

Polizeichef Chris Magnus während einer Protestveranstaltung in Richmond.

Polizeichef Chris Magnus während einer Protestveranstaltung in Richmond.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Politik, Polizei und Nachbarschaften ziehen nun an einem Strang und versuchen das Problem unter Kontrolle zu bringen. Ganz neue Töne hört man aus Richmond, die Polizei ist hier Teil der „Community“. In September wurde ein Schwarzer von einem Polizisten in einem Laden in Richmond erschossen. Der Polizeipräsident Chris Magnus wandte sich über facebook an die Nachbarschaft, intervenierte mit seinem Stellvertreter, war offen für Gespräche. Magnus und sein Vize Allwyn Brown wurden daraufhin zur Beerdigung des 24jährigen  Richard Perez eingeladen und nahmen auch daran teil.

Nun ist Chris Magnus erneut in den lokalen Schlagzeilen. Nach den Freisprüchen für Polizisten in Ferguson und New York nahm der „Police Chief“ von Richmond an einer Protestveranstaltung vor einem Gemeinschaftshaus in Richmond teil. Dabei hielt er ein Plakat hoch auf dem stand; „Black Lives Matter“. Magnus wird dafür nun von der Polizeigewerkschaft angefeindet, die erklärt, dass kein Offizieller in Kalifornien in Uniform an einer politischen Veranstaltung teilnehmen dürfe. Chris Magnus widerspricht dem und fragte, seit wann es politisch sein soll, wenn man erklärt, dass schwarzes Leben genausoviel wert ist wie das von weißen Amerikanern und die durchaus berechtigten Sorgen der „Community ernst nimmt. Er sei Teil dieser „Community“, von daher mache er sich berechtigte Sorgen

Obdachlos in San Francisco

San Francisco ist eine „world class tourist destination“. Hierher kamen schon immer Leute aus aller Herren Länder. Viele Besucher, viele, die dann länger blieben oder ganz hierher kamen. San Francisco ist eine Stadt voller Kreativität, voller Lebenskünstler, voller Ideen. Das hat sich immer wieder ausgezahlt. Die „City by the Bay“ ist das Tor zum Silicon Valley, hier wohnen viele, die bei den High Tech Schmieden im Süden arbeiten.

Obdachlos in San Francisco.

Obdachlosigkeit gehört in San Francisco zum Stadtbild.

Kein Wunder also, dass San Francisco voller Millionäre ist, die ihr Geld, die sehr viel Geld in der New Economy Kaliforniens gemacht haben. In der viertgrößten Stadt des Bundesstaates leben weit über 100.000 Millionäre. Geld gibt es hier genug, Geld wird mit vollen Händen ausgegeben. Wohnraum und Grundstücke sind teuer, das Leben wird immer unerschwinglicher. Vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, was nun in einem Artikel des San Francisco Chronicles zu lesen ist. Jedes 25. Schulkind in der Stadt ist obdachlos. Das heißt, rund 2100 Kinder haben kein festes Zuhause. Das sind zwischen 70 und 80 volle Schulklassen mit Kindern und Jugendlichen, die nach dem Schlußgong in Obdachlosenunterkünften, angemieteten Hotelzimmern, bei Verwandten und Freunden, und ja, auch auf der Straße leben.

Die Zahl ist zwar zum Vorjahr leicht gefallen, doch noch deutlich höher als 2005, als 844 obdachlose, schulpflichtige Kinder gezählt wurden. In dieser teuren Stadt kann der Verlust des Jobs, Gewalt in der Familie oder eine gestiegene Miete die Obdachlosigkeit bedeuten. Nur wenige Familien haben ein finanzielles Polster. Experten erklären, dass geringe Beträge zum Verlust der eigenen vier Wände führen können. Vermieter wollen langjährige Mieter loswerden, denn danach können sie dieselbe Wohnung für das doppelte und dreifache neu vermieten. Wer hier seit längerem lebt und seine Wohnung verliert, hat kaum noch eine Chance ein Apartment mit vergleichbarer Miete zu finden. Der Mietpreisspiegel ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen, allein im vergangenen Jahr um 9,4 %. Der Durchschnittsmietpreis liegt nun bei 3229 Dollar. Wie das eine normale Familie mit zwei, drei Kindern schafft, ist mir schleierhaft.

Ein Ende dieser dramatischen Entwicklung ist nicht in Sicht. San Francisco wird eine Stadt der Reichen, wer hier leben will, muß tief in die Tasche greifen. Arbeiter- und Mittelstandsfamilien werden immer mehr rausgedrängt. Die Zahl der 2100 obdachlosen Schulkinder, ist da nur eine der vielen traurigen Statistiken in der nordkalifornischen Metropole.

Operation „Project Southbound“

Amerika hat ein Gangproblem. Eigentlich nicht nur eines, denn zahlreiche Kommunen und Regionen in den USA werden von Gangs kontrolliert. Nun gehen die Behörden immer gezielter und geeinter gegen gewaltsame Gruppierungen vor, vor allem jene, die internationale Verbindungen haben. Geleitet werden diese Aktionen von ganz oben, vom Homeland Security Ministerium. Der jüngste Schlag kam im März/April. 638 Gangmitglieder in 179 Städten wurden verhaftet. Seit 2005 sollen bereits 33.000 Gangmitglieder in Haft genommen worden sein.

Die jüngste Aktion, „Project Southbound“, richtete sich gegen die „Surenos“, eine Dachorganisation von Gangs, die enge Verbindungen zu Lateinamerika unterhalten. Allen voran „Mara Salvatrucha“, besser bekannt als“ MS-13″, die rund 10.000 Mitglieder stark sein und eine starke Präsenz im Großraum Los Angeles und der San Francisco Bay Area haben soll. MS-13 wurde in den 80er Jahren in Südkalifornien von Einwanderern aus El Salvador gegründet, die ihre Gang als Schutztruppe für Immigranten aus El Salvador ansahen. Die Kampferfahrungen aus dem dortigen Bürgerkrieg brachten den Mitgliedern jedoch schnell einen Ruf auf den Straßen rund um Los Angeles ein. Mord, Drogen- und Waffenhandel, Zwangsprostitution und Menschenhandel. MS-13 schreckte und schreckt vor nichts zurück. Opfer wurden schon mal mit Macheten zerteilt.

Homeland Security hat seit Jahren die Führung im Kampf gegen die Gangs unternommen, da viele Banden im engen Kontakt mit den mexikansichen Syndikaten stehen und den Drogenkartellkrieg südlich der Grenze in Städte und Gemeinden in den USA verlagern. Der Gangkrieg zwischen Los Angeles und Washington DC ist mittlerweile zur Chefsache geworden, was auch die jüngsten Verhaftungszahlen belegen.

Deutsche Geschichte am Golden Gate

Seitdem ich zum ersten mal 1987 in San Francisco war, interessiert mich, welchen Anteil die Deutschen an der Geschichte San Franciscos und Nordkaliforniens gehabt haben. Immer wieder höre ich Geschichten, stoße auf Namen, die Deutsch klingen, und bohre dann nach. Nun stand ein Artikel im San Francisco Chronicle, der für all das steht, was hier passiert. Die reiche deutsche Geschichte am Golden Gate fällt der Abrissbirne zum Opfer. Was weg ist, ist weg.

Nach 15 Jahren Hick-Hack hat man sich nun geeinigt, dort, wo noch die Überreste der „Schlage Lock Factory“ stehen, Neubauten mit Sozialwohnungen und zwei Parks entstehen zu lassen. Schlage? Ja, der Name geht auf Walter Reinhold Schlage zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit Umweg England aus Deutschland einwanderte. 1920 gründete er nach etlichen Patenten seine Schlossfabrik in Bayview Hunters Point, damals die Hafengegend von San Francisco.

1946 starb Walter Schlage. Seine Firma existierte weiter und wurde eine der wichtigsten Schlossfabriken in den USA, gerade als in Amerika die Kriminalitätsrate anstieg. 1974 erwarb die Ingersoll-Rand Company aus New Jersey „Schlag Lock Company“. Die Produktion wurde vor allem nach Mexiko und China verlagert.

Mit dem Abriss des Schlage Geländes am Bayshore Boulevard geht ein weiteres Stück der deutschen Geschichte in der Bay Area verloren, bevor überhaupt jemand mit der Dokumentation all der Spuren begonnen hat. Auch wenn es nur ein Fabrikgelände ist, ist es doch ein Puzzlestück in einem größeren Bild, dem man durchaus aus deutscher Sicht Beachtung schenken sollte.