Armes Amerika!

Alltagsszene in Downtown Berkeley.

Die Obdachlosigkeit nimmt zu in den USA. Jede Nacht schlafen etwa 600.000 Menschen auf den Straßen dieses Landes, Tendenz steigend. Hier in der San Francisco Bay Area kann niemand mehr das Problem übersehen. Jeder Besucher spricht mich darauf an. Die Zeltcamps unter den Autobahnbrücken in San Francisco, Oakland und Berkeley werden immer größer. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, denn den Kommunen sind finanziell die Hände gebunden. Die Mietpreise steigen, für eine Einzimmerwohnung in Oakland werden mittlerweile dafür 3500 Dollar verlangt. In San Franciscos Tenderloin, einem sozialen Brennpunkt der Stadt, verlangen versiffte Hotels 150 Dollar und mehr für eine Nacht. Die Städte haben auch nicht das Geld, um sich aus der Krise rauszubauen.

Gestern war ich in Downtown Berkeley unterwegs und sah direkt vor dem Rathaus der Stadt diese Szene. Ein Mann schlief in einem Karton. Passanten liefen daran vorbei, ein ganz normales Bild, an das wir uns alle hier nur zu sehr gewöhnt haben. Amerika 2017 ist an den Rand eines sozialen Kollaps geraten, die ökonomische Schere öffnet sich immer weiter. Es gibt mehr Millionäre, mehr Milliardäre. Es gibt mehr Arme, mehr Obdachlose. Und die vielbeschworene Mittelschicht bleibt auf der Strecke. Donald Trump spricht von Jobs, Jobs, Jobs und kürzt nebenbei Hilfsprogramme für sozial Benachteiligte, Senioren, Food Banks, Schulspeisungen. Trump betoniert gerade den Weg für ein Amerika der Ungleichheit.

„Not my Wall“ – ein Audiobeitrag

Nicht jeder in den USA schaut einfach nur zu, wie an der amerikanischen Südgrenze eine menschenverachtende Mauer errichtet werden soll. Es gibt Widerstand gegen dieses Bauprojekt. Nicht nur, dass damit immense Steuergelder vernichtet werden, die für dringende Infrastrukturmaßnahmen im ganzen Land benötigt werden, dass dieser Grenzwall durch indianisches Land geführt und die Natur massiv beeinflussen wird. Das Vorhaben an sich, die USA weiter abzuschotten, die Grenzen für Flüchtlinge dicht zu machen, bringt mehr und mehr Amerikaner gegen die eigene Regierung auf. Und auch einige Kommunen organisieren sich und suchen nach Wegen, die Baupläne an der Grenze, wenn nicht zu verhindern, so doch zumindest zu behindern. Dazu ein Audiobericht aus dem kalifornischen Berkeley:

      Widerstand gegen die Mauer

 

Als mich Leni Riefenstahl anspuckte

Die Bühne gibt es eigentlich nicht. Ein paar Stuhlreihen links und rechts und dazwischen wird gespielt. Als Zuschauer sitzt man mittendrin, muss auch mal die Beine einziehen, wenn die Schauspielerinnen Stacy Ross und Martha Brigham an einem vorbeilaufen, Beleuchtungslampen durch die Gegend schieben. Und eben auch direkt vor einem sprechen. Theater zum Anfassen.

Stacy Ross in der Rolle der Leni Riefenstahl.

Der Zuschauer wird Teil dieser Produktion, wird Teil der Geschichte. Denn das Publikum ist gefragt, über Schuld, Nichtschuld, Teilschuld, Unschuld der wohl bekanntesten deutschen Filmemacherin zu urteilen. Alles dreht sich um ihre berühmt-berüchtigten Meisterwerke „Triumph des Willens“ und „Olympia“. Ist es „nur“ Kunst oder waren diese Filme aktive Unterstützung des nationalsozialistischen Weltbilds und damit ein wichtiger Teil des brutalen Unrechtsregimes?

Auf zwei Leinwänden werden Ausschnitte eingespielt. Szenen aus der Altstadt Nürnbergs in dem kleinen Aurora Theater in Downtown Berkeley. Adolf Hitler im offenen Wagen, Nürnberginnen und Nürnberger, die dem Führer begeistert zujubeln. Es ist etwas surreal und doch auch so aktuell. Denn in den USA findet in diesen Tagen, Wochen und Monaten, eigentlich schon seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001, eine Diskussion statt, in der die Rolle der Kunst und Kultur in einer modernen Gesellschaft hinterfragt wird. Einer Gesellschaft, die von Terroristen angegriffen wird, in der von manchen Patriotismus, Familienwerte und Moral eingefordert werden. Welche Verantwortung hat die Kunst?

Leni Riefenstahl (Stacy Ross) sagt auf der Bühne, ihre Arbeit werde heute überall kopiert, die Bilder des letzten US Wahlkampfes fallen einem gleich ein. Wo sei also ihre Schuld, wenn sie nur hinter der Kamera stand, am Schneidetisch viele Stunden Aufnahmen kommentarlos zusammen schnitt? Sie habe sich nie positioniert, war nie politisch aktiv. Auf die Frage aus ihrem Nachkriegsverhör, ob sie eine Liebes- und sexuelle Beziehung zu Hitler und Goebbels hatte, antwortet Leni entrüstet. Hier wird sie zum Opfer, denn diese sexistische Frage impliziert, dass sie als Frau niemals diesen Zugang zum Führer gehabt hätte, wenn sie nicht willig gewesen wäre.

„Leni“ von Sarah Greenman ist ein beeindruckendes Theaterstück, voller offener Fragen und wenigen Antworten. Es beschreibt eine Frau, eine Künstlerin, deren Namen wir alle kennen, doch die wir alle kaum kennen. „Leni“ wäre ein Schauspiel für Nürnberg, vielleicht sogar eines, das im Dokumentationszentrum am Dutzendteich aufgeführt werden sollte, dort, wo Leni Riefenstahl ihren „Triumph des Willens“, Fluch und Segen der Künstlerin, einst drehte.

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Hab‘ ich was verpasst?

Von Somalia zurück an meinem Schreibtisch in Oakland. Auf der Reise ans Horn von Afrika habe ich immer wieder Fragen nach Donald Trump beantworten müssen. Das geplante Einreiseverbot in die USA für Menschen mit somalischen Pass war genauso Thema, wie die geplanten Budgetkürzungen für die amerikanischen Entwicklungshilfeprogramme USAID, gerade in einer Zeit mit etlichen Hungerkatastrophen. Amerika unter Donald Trump wirft weite Schatten voraus.

Nun wieder hier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und ich frage mich, was ich verpasst habe? Ein paar Bombenangriffe, einen Sprecher des Weißen Hauses, der Konzentrationslager als „Holocaust Centers“ umschreibt, Dutzende von selbstverliebten und realitätsfernen Tweets, ein paar Skandale und Skandälchen….also nichts neues in den USA!

Heute findet in Berkeley (!), der wohl liberalsten und politisch progressivsten Stadt in den USA, eine weitere Pro-Trump Demonstration statt. Die erste vor ein paar Wochen artete aus, es kam zu Schlägereien, Verhaftungen, zahlreichen Verwundeten. Damit das ganze nicht wieder in einer wilden Rauferei endet, hat die Polizei schon mal vorab bekannt gegeben, was man nicht mitbringen sollte: Metal pipes, Baseball or softball bats, Lengths of lumber or wood of any size, Wooden dowels, Poles, Bricks, Rocks, Glass bottles, Pepper spray (OC spray), Mace, Knives or daggers, Shields, Axes, axe handles, or hatchets, Ice picks, Razor blades, Tasers, Eggs, Any other item that can be used as a weapon. Na, das ist eine Liste. Gebracht hat sie allerdings nicht viel, denn zur Stunde kloppen sie sich im „Martin Luther King Jr. Civic Center Park“ in Berkeley.

An der Golden Gate Bridge wird nun nach etlichen Jahren Diskussion und Planung ein Stahlnetz unterhalb der Brücke angebracht. Das 211 Millionen Dollar teure Projekt soll in Zukunft Selbstmörder vom Sprung abhalten oder sie zumindest nach dem Fall retten. Das Netz sei so konzipiert, dass es sich um einen Springenden legt. Ohne Hilfe, so heißt es, kann sich der Selbstmörder nicht befreien. Über die Jahrzehnte sind nahezu 2000 Menschen von der Brücke in den fast sicheren Freitod gesprungen. Notfalltelefone, Seelsorger und Wachpersonal haben kaum zu einer Verringerung der Selbstmorde geführt. Auf Druck von Hinterbliebenen und der wenigen Überlebenden wird nun das Netz unterhalb der Fahrbahn angebracht und damit das Bild der Brücke dauerhaft verändert.

Es wird brenzlig in Oakland

Kein Platz für Raucher und Kiffer.

Kein Platz für Raucher und Kiffer.

Es fehlt nur noch die Lunte. Derzeit blasen wieder die Santa Ana Winde über Kalifornien. Der September und Oktober sind gerade hier in der San Francisco Bay Area die heißesten Monate im Jahr. Warme Luftströme aus dem Landesinneren, die wie ein Fön wirken. Da schwitzt man schon, wenn man noch nicht einmal einen Schritt gemacht hat. Kein gutes Wetter für meine stets gut sitzende Frisur, da hilft selbt das Dreiwettertaft nicht.

Dazu kommt, dass die Wälder wieder ausgetrocknet sind, das Unterholz dicht und dröge. Zwar hat es im Norden des Bundesstaates im letzten Winter heftigst geregnet, die Reservoirs und Seen waren gut gefüllt, doch der Regen traf nur Nordkalifornien. Im Süden herrscht gähnende Leere in den Reservoirs und hinter den Staudämmen. Wasserknappheit wird zur Normalität in Südkalifornien.

Es fehlt also nicht viel, um eine weitere Katastrophe zu entfachen. In den Wäldern gleich hinter meinem Haus herrscht deshalb striktes Rauchverbot. Die Feuergefahr ist einfach zu groß, eine weggeworfene Kippe, dazu die Santa Ana Winde, und das war’s für viele Anwohner. In den Sommermonaten fressen sich zwar Schaf- und Ziegenherden durch das Unterholz und das hochgewachsene Trockengras, doch das ist bloß eine kurze Schneise am Beginn des „East Bay Regional Parks“. Betroffen wären auch die gewaltigen Redwood Bäume, die hier gleich in der Nachbarschaft wachsen. Die Feuergefahr nimmt man in den East Bay Hills von Oakland und Berkeley sehr ernst. Genau vor 25 Jahren brannte das sogenannte „Tunnel Fire“ über dem Caldecott Tunnel, der die beiden Städte voneinander trennt. Am Ende waren 2900 Häuser zerstört, 25 Menschen starben, ein Schaden von über einer Milliarde Dollar war entstanden.

Erfolgreicher Plattenladentag

Record Store Day Logo.

Record Store Day Logo.

Heute ist der dritte Samstag im April, auch bekannt als internationaler „Record Store Day“. Seit 2007 kommen an diesem Tag Plattenfans in tausenden Independent Plattenläden rund um den Globus zusammen, um diese Oasen der Musik zu feiern. Musiker und Plattenfirmen veröffentlichen dazu besondere, teils rare und seltsame Aufnahmen auf Vinyl.

Mich hat es heute zu Amoeba Records in Berkeley gezogen. Ein wahres Paradies für jemanden wie mich, der seit 35 Jahren Platten sammelt. Amoeba gibt es in Berkeley, in San Francisco und in Hollywood. Und ich wurde fündig. Ein Doppelalbum mit Rockmusik aus Nigeria, „WAKE UP YOU! THE RISE AND FALL OF NIGERIAN ROCK“ die im Zeitraum von 1972 bis 1977 nach dem Bürgerkrieg aufgenommen wurde. Richtig gut! Ganz im Stil der Zeit, mitreißend, hypnotisch, etwas funky, man kann die internationalen Einflüsse auf die nigerianische Musikszene hören.

Meine Ausbeute am Record Store Day.

Meine Ausbeute am Record Store Day.

Und dann konnte ich auch nicht am Doppel-Album „Don’t think I’ve forgotten“ vorbeigehen. Musik aus Kambodscha, der Soundtrack zum gleichnamigen Film, der die Rock’n Roll Musikszene vor der Machtergreifung der Roten Khmer beschreibt. Was nach 1975 folgte ist bekannt. Die Steinzeit-Maoisten wollten die Gesellschaft in einen reinen Agrarstaat umwandeln. Kunst, Kultur, Sprachen, Bildung waren verhasst. Millionen Menschen wurden getötet, aus den Städten in die Dörfer getrieben. Auch die auf „Don’t think I’ve forgotten“ zu hörenden Musiker wurden ermordet, die Plattensammlungen und Tonbänder zerstört. Mein Lieblingslabel hier drüben, Dust to Digital, hat diese alten Aufnahmen vor kurzem veröffenlicht, zum heutigen Record Store Day sind sie nun auch noch auf Vinyl erschienen. Der Sound bekannt, die Sprache so ganz anders und doch hier spricht die universelle Musiksprache, die uns alle irgendwie vereint. Einfach toll!

Als kleinen Zusatz zu den Schallplatten gab es für mich noch den Soundtrack zur HBO Serie „True Detectives“, Season Two. Gerade die Stimme von Lera Lynn hat mich fasziniert. Und jetzt geht es ans Anhören, ans Eintauchen in ganz andere kulturelle Welten. Ich bin dann mal weg, auf einen „musical spin around the world“.

Nackter Protest in Berkeley

Als ich 1999 von San Francisco in die East-Bay ziehen wollte, war schnell klar, nach Berkeley wird es nicht gehen. Es ist zwar ein nettes Städtchen mit einer reichen Geschichte und einem der besten Plattenläden, Amoeba, überhaupt. Doch was da so immer mal wieder abgeht, ist mir dann doch zu viel. Ein gutes Beispiel sind die jüngsten Proteste zum Schutz einer riesigen Abholzaktion in den Hügeln von Oakland und Berkeley.

Man muß etwas ausholen. 1991 gab es in dieser Gegend ein riesiges Feuer, fast 2000 Häuser wurden zerstört. Noch heute kann man die Spuren dieses gewaltiges Brandes sehen, wenn man von Oakland kommend auf dem Highway 24 Richtung Osten fährt. Eine Katastrophe sondergleichen, die die Region verändert hat. Seitdem leben die Menschen hier in Angst vor einem weiteren Feuer, denn die Hügel am Rande von Oakland sind dicht besiedelt, die Straßen eng und kurvenreich, das Unterholz stark ausgetrocknet. Ein ideales Katastrophenbild, wenn der Funke mal überspringt.

Die Bundesbehörde FEMA, Federal Emergency Management Agency, hat im März fast sechs Millionen Dollar für Abholzungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt. Gerade Tausende von Eukalyptusbäumen sollen gefällt werden, um einigermaßen Herr der Lage zu werden. Die geplanten Baumrodungen sind umstritten, wie man das auch erwarten konnte. Es gibt Unterschriftlisten und wütende Bürgerproteste und eben auch sinnvolle und eher fragwürdige Aktionen. Jüngst demonstrierten Mitglieder des „Tree Spirit Projects“ auf dem Campus der University of California in Berkeley, die einen Teil des FEMA Geldes erhalten. Die Mitglieder der Gruppe ließen die Hüllen fallen und umarmten die Bäume.

Hinter dem Projekt steckt der Fotograf Jack Gescheidt, der erklärt, man wolle „Bewußtsein schaffen für die kritische Rolle von Bäumen in unserem Leben, global und persönlich.“ Die Aktion in Berkeley ist typisch Berkeley, denn egal, wie man die Bilder auch betrachtet, die durchaus künstlerisch sind, im Rest des Landes zeigt man nur kopfschüttelnd auf die „Wackos on the left coast“. Ob mit nackten Tatsachen die Bäume gerettet werden können, ist zu bezweifeln. Berkeley zumindest hat seinen Ruf als abenteuerliche Proteststadt mal wieder bestätigt.

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Schwarz gegen Weiß

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

In amerikanischen Städten gehen die Proteste unvermindert weiter. In New York, Ferguson, Oakland, Berkeley, San Francisco wird gegen Polizeigewalt demonstriert. Und während der Großteil der Teilnehmer friedlich und lautstark auf die Straßen geht, vereinnahmt ein gewaltbereiter Haufen die Medienberichterstattung. Gewaltbereite, vor allem weiße Jugendliche und junge Männer legen es auf Provokation, auf eine Auseinandersetzung mit der Polizei an. Dabei schlagen sie Scheiben ein, beschmieren Gebäude, zünden Müllcontainer an und zerstörende parkende Autos. Und gerade das wird der Protestbewegung nun vorgeworfen.

Schwarze Bürgerrechtler, „Community Leaders“, Pfarrer und Aktivisten werfen den Steinewerfern und Sprayern vor, eine breite Bewegung in Beschlag zu nehmen, lediglich ihren Spaß bei den Konfrontationen mit der Polizei haben zu wollen, den Grundansatz der Bewegung für ihre Ziele zu mißbrauchen. In Oakland griffen Schwarze in den Nachbarschaften selbst ein, stellten sich schützend vor kleine Läden, um die Vandalen abzuhalten. Viele der afro-amerikanischen Teilnehmer an den Demonstrationen sehen sich mittlerweile auch als Friedensstifter auf den Protestzügen.

Auf den Veranstaltungen sprechen darüberhinaus vor allem weiße Redner, auch das stößt den „African-Americans“ auf. In Berkeley wurde ein weißer Stadtrat ausgebuht, als er gegen die Polizeigewalt sprach. “Let a black person talk”, schrie jemand, “We’ve heard enough from Caucasian men”, ein anderer. Sowieso besteht der Großteil der Protestierenden aus weißen Amerikanern. Schwarze und Farbige sind in der Minderheit. Bürgerrechtler erklären, dass dies daran liege, dass viele Schwarze Angst hätten mitzumarschieren. Sie würden sich bei einer gewaltbereiten Demonstration unnötig in Gefahr begeben. Es gehe gegen Polizeigewalt, die Lage eskaliert, die Polizei greift mit allen Mitteln ein, Afro-Amerikaner werden so erneut und unnötig zum Ziel auf einer Demonstration genau gegen diese Polizeigewalt. Ein sinnloser Kreislauf.

Es wird nicht langweilig

Diesmal Berkeley. Dort, wo vor 50 Jahren die „Free Speech Movement“ begann, versammelten sich Hunderte von Protestierenden, um erneut durch die kalifornische Kleinstadt zu ziehen. Samstagnacht war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Demonstranten und der Polizei gekommen. Ladenfronten wurden zerstört, Geschäfte geplündert, Polizeiwagen beschädigt. Schließlich feuerte die Polizei Tränengas ab, genau zu dem Zeitpunkt, als aus der Zellerbach Hall feingekleidete Konzertbesucher nach draussen kamen.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Was spät in der Nacht zum Sonntag endete, wurde am Abend fortgesetzt. Mehrere Hundert Demonstranten versammelten sich an der Universität, um wieder durch Berkeley zu marschieren. Man wolle sich von der Polizeitaktik und der Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen, hieß es. Der große Teil der Protestierenden war gekommen, um friedlich gegen die jüngsten Entscheidungen von Grand Jurys zu demonstrieren. Zweimal waren unbewaffnete Schwarze durch den Einsatz weißer Polizisten umgekommen. In Ferguson wurde Michael Brown erschossen, in Staten Island, New York starb Eric Garner nachdem er in den Würgegriff genommen worden war.

Proteste entflammten im ganzen Land. Oakland, San Francisco und Berkeley wurden zu einem „Hotspot“. Friedliche Demonstrationen arteten in Provokation und Gewaltexzesse aus. Die Konfrontation mit der Polizei wurde von einem Teil der Teilnehmer gesucht, kleine lokale Läden beschmiert, beschädigt, geplündert. Die Reifen von parkenden Autos in Nachbarschaften wahllos aufgeschlitzt. Der Ansatz des zivilen Ungehorsams, eine Kommune lahmzulegen, wurde damit zunichte gemacht. Die Medien zeigten nur die Bilder der Gewalt, die brennenden Mülltonnen, die Reaktion der Polzei auf die Ausschreitungen. Vor laufenden Fernsehkameras wurden nur schreiende Protestierende gezeigt, gemäßigte und nachdenkliche Stimmen waren nicht zu erkennen.

Demonstrationen sind wichtig, sie zeigen, dass etwas in diesem Land nicht stimmt. Sie können die Diskussion unterstützen, die an anderer Stelle geführt werden muß. Doch der gewaltbereite und vermummte Block bei diesen Protesten schadet nur dieser Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz. Bei den Demonstrationen erklärten mir Teilnehmer, nur mit Gewalt sei in diesem Land etwas zu ändern, sprachen von Revolution und einer Massenbewegung. Wie bei „Occupy“ wird auch diese Protestwelle bald verebben. Und ändern wird sich am Ende auch nichts.

Es geht auch ohne Plastiktüten

Kalifornien ist Plastiktütenfrei.

Kalifornien ist Plastiktütenfrei.

Die Nürnberger Zeitung berichtet über die Bestrebungen der EU, den Plastiktütenverbrauch drastisch zu verringern. Das ist hier schon lange umgesetzt, zumindest in zahlreichen Kommunen, in denen ich unterwegs bin, wie Oakland, Berkeley und auch San Francisco. Jetzt muß man in diesen Städten für die Tüten zahlen, was dazu führte, dass nunmehr die meisten mit Tragetaschen einkaufen gehen.

Es war auch ein Unding. Hier wurde nicht eine Tüte verwendent, nein, die Milchgallone wurde gleich in zwei, drei dünne Tüten gesteckt. So ging das weiter, am Schluß verliess man den Laden mit rund 20 Plastiktüten. Ein Irrsinn, der leider noch in vielen amerikanischen Städten vorkommt. Denn in den USA wird nicht von oben entschieden, hier treffen die Kommunen die Entscheidungen, wenn es um so etwas wie Tüten oder im Falle von Berkeley um eine Extra Steuer für Limonaden geht. In Kalifornien jedoch, meinem Bundesstaat, sind seit dem 30. September per Gouverneursentscheid Plastiktüten aus den Läden verbannt worden. Gouverneur Jerry Brown, der selbst gleich hier um die Ecke wohnt, hat das erfolgreiche lokale Model auf den ganzen Bundesstaat ausgeweitet

Da macht die direkte Demokratie wieder Sinn. Die Bürger stimmen über das ab, was ihnen wichtig ist. Und Plastiktüten sind es eben nicht. Ich gehe hier meistens bei Trader Joe’s einkaufen, meine Leinentaschen aus Nürnberg, Dortmund, Ruanda und Istanbul habe ich immer im Auto, ein Augenfang im Laden. Entweder beobachte ich Amerikaner, die versuchen das zu lesen, was auf den Taschen steht. Oder es sind Deutsche, die einen dann anlächeln und „Guten Tag“ sagen. Ein netter Nebeneffekt der plastiktütenfreien Zeit.