Die tiefe Erkenntnis

„Gnosis“ ist wahrlich eine Erkenntnis. Und zwar die, dass sich Musik im Kopf abspielt. Das, was man auf dieser Platte der türkischen Wahlberlinerin Hüma Utku hören kann, rast durch die Ohrmuschel entlang der Windungen und Verzweigungen durchs ganze Gehirn und erfüllt einen komplett. Utku startet hier einen Frontalangriff auf den primären Cortex und eröffnet mit ihren phänomenalen Schallwellen einen wahren Klangkosmos.

„Gnosis“ ist in einer Vinylauflage von gerade mal 300 Exemplaren bei Karlrecords erschienen, dazu gibt es den Download über bandcamp, einem Musikportal, auf dem ich mich schon oft genug verloren habe. Hier findet man unglaublich viel, gute und neue Musik. Die CD ist einfach „out“. Vinyl klingt besser, ist was für Sammler, dazu die kostengünstigeren Download Möglichkeiten.

Hüma Utku verbindet Istanbul und Berlin, zwei Weltstädte mit ihren reichen Kulturen, die die Musikerin offensichtlich geprägt haben. Ihr Sound umfasst Ambient, Industrial, Drone, das alles verpackt in einem elektronischen Mantel voller Tiefe und Düsternis. Titel wie „All the universe conspires“ und „A gift from the dark ages“ drücken genau das aus, was man hier hören, erfühlen, erfahren kann. „Ich sehe mich als Istanbulerin, aber Berlin ist mein Zuhause“, erzählte sie der taz in einem Interview. Utku lebt seit nunmehr sieben Jahren in der deutschen Hauptstadt, in der viele türkische Kulturschaffende eine neue oder eine vorübergehende Wahlheimat gefunden haben. Hüma Utku spielt bewußt mit dem musikalischen Grenzüberschreiten und Grenzverschieben. Ihre Musik ist eine Herausforderung, der man sich stellen muss. Zeit, Ruhe und der Wille, ihren Klangvorgaben zu folgen. Dann erlebt man Musik in ganz neuen Tönen. „Gnosis“ ist ein fantastisches Album, ein „Highlight“ dieses Jahres.

Ein Akt der Befreiung

“Deliverance” heißt die neue Platte von Danielle de Picciotto, veröffentlicht wurde sie schon vor einigen Wochen. Immer mal wieder hörte ich rein, wollte dazu was schreiben, fing mehrmals an, doch immer wieder schmiss ich das, was ich da hintippte, in die virtuelle Tonne. “Deliverance” ist kein einfaches Album. Und doch, es wächst jedesmal weiter beim Zuhören. Hier liegt die LP, ein wahres Kunstwerk in Buchform, angereichert mit etlichen Drucken. Danielle de Picciotto ist nicht nur Musikerin, sie ist Malerin, Filmemacherin, Autorin. Und all das kommt hier auf diesem Album und in der Präsentation dieser Platte zusammen.

Ihre Texte, ihre Bilder, ihre musikalischen Ideen lassen eine unglaubliche Weite entstehen, der man sich öffnen muss. “Deliverance” ist kein Album für zwischendurch, für nebenbei. Genau das fehlte mir in den vergangenen Wochen. Die Ruhe zum Verweilen, zum Hören, zum Verstehen dieses Klangschatzes. Diese Platte beschreibt Danielle de Picciotto bestens. Eine Künstlerin, die hinschaut, das verarbeitet, was sie erlebt, was sie sieht, was sie hört und liest. Und das nicht auf eine radikale, “in your face” Weise. Ganz im Gegenteil, Danielle liebt die zarten Töne, ja, auch die Zwischentöne, die behutsamen Blicke, das Andeuten ihrer eigenen Emotionen.

Es scheint, Danielle de Picciotto befreit sich mit diesem Album von einer schweren Last, sie lässt das raus, was um sie herum passiert, was sie in der jüngsten Zeit getroffen hat. Auf “Deliverance” präsentiert die in Berlin lebende Amerikanerin elektronische Klanglandschaften, in denen immer wieder ihre Geige aus dieser Tiefe auftaucht. Und dazu “Field Recordings”, Rhythmen, Soundideen. Nichts ist vorhersehbar auf diesem außergewöhnlichen Album, das zu einer inneren Expedition wird, wenn man sich darauf einlassen kann und will. Danielle de Picciottos “Deliverance” ist ein wunderbares Hörerlebnis mit Tiefgang.

YouTube Preview Image

Die transatlantische Federzeichnung

Alexander Hacke sass im vergangenen Dezember in meiner Küche hier in Oakland und erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit David Eugene Edwards. Ich war von dieser Aussicht mehr als begeistert, denn Alexander Hacke ist nicht nur ein wichtiger Teil der Einstürzenden Neubauten, er hat darüberhinaus über die Jahrzehnte unglaubliche Klangkreationen als Solokünstler und gemeinsam mit seiner Frau Danielle de Picciotto entstehen lassen. Dazu hat er zahlreiche andere Bands und Musiker produziert und beeinflusst. Ich war gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen auf diese deutsch-amerikanische Kollaboration.

Nun liegt das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Musikerpartnerschaft mit David Eugene Edwards vor, einem Musiker, dem ich ebenfalls schon sehr lange musikalisch folge. Seine Americana-Veröffentlichungen mit 16 Horsepower, danach Wovenhand und mehrere Nebenprojekte ließen mich jedesmal aufhorchen. In den zehn Jahren, in denen ich die Country/Folk/Americana Sendung auf der Lufthansa produzieren und moderieren durfte, war David zig mal mit seiner Musik in meiner Playlist vertreten. Seine mystisch, philosophisch-religiösen Texte bereiteten meinem Redakteur in Berlin immer wieder Kopfschmerzen, denn er musste alles vor Abnahme durchhören, ob sich da nicht irgendeine geheime Botschaft versteckte, die einen Fluggast über den Wolken zum Ausrasten bringen könnte. 16 Horsepowers „American Wheeze“ ist noch immer für mich einer meiner Lieblingssongs.

Und nun kommen Alexander und David für „Risha“ (Arabisch für Feder) zusammen und es ist alles andere als ein federleichtes Unterfangen. Hier treffen musikalische Welten und Biographien aufeinander, die sich dennoch auf wundersame Weise vereinen. Hier die geschwungene Klangwelt zwischen Industrial und Ambient von Hacke, die auf diesen tiefdüsteren, teils kratzigen Gothic-Americana Sound von Edwards trifft. Und dazu jene Texte, für die der Mann aus Colorado bekannt ist. Seine besondere Mikrofonarbeit ergänzt sich perfekt mit dem Droneteppich des Berliner Tonkünstlers.

Die Zusammenarbeit erfolgte, so erzählte es mir Alexander Hacke, nicht einfach so an einem Ort, in einem Studio, zu einem Zeitpunkt. Seit langem sind die beiden befreundet und tauschten sich immer wieder aus. So auch diesmal, Files wurden hin und her geschickt. Alexander, der mit seiner privaten und künstlerischen Lebenspartnerin Danielle de Picciotto die Welt bereist – beide verstehen sich als „Gypsies“ – arbeitete von unterwegs. Bei David Eugene Edwards, der in Colorado lebt, aber in Europa mehr erfolgreich ist, war es nicht viel anders. „Risha“ ist ein Album unterwegs, „on the road“ geworden, irgendwie hört man das auch. Offen für Eindrücke, Erfahrungen, Einflüsse. Es ist diese Bewegung, dieser Fluss, dieses niemals Ankommen, der Weg ist das Ziel, was hier durchschlägt. In den zehn Songs überschreiten die beiden Musiker problemlos unzählige Genres, lassen sich nicht einengen, bieten den Hörern vielmehr eine grenzenlos-klangvolle Weltsicht.

„Risha“ ist genau das, was ich im Dezember in meiner Küche erhofft hatte. Eine wunderbare Zusammenarbeit und Ergänzung von zwei von mir sehr geschätzten Musikern, die mich immer wieder überraschen und tief berühren. „Risha“ ist auf Glitterhouse Records als Vinyl, CD und Download erschienen.

YouTube Preview Image

Die Faszination des Klanges

Zwei Bücher liegen hier vor mir, die sicherlich keine Bestseller sind. Sie kommen mit Begleit-Cds, auf denen es rauscht und knistert, manches ist nur schwer verständlich und doch es sind historische Tondokumente. Beide Bücher drehen sich um Wachszylinder Aufnahmen. „Waxing the Gospel – Mass Evangelism & The Phonograph“ und „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm-Archiv“ sind außergewöhnliche Bücher, die über die frühen Jahre der Tonaufzeichnung berichten.

Es waren Stimmen, die festgehalten wurden. Doch vor allem Musik der verschiedensten Kulturen, hier der amerikanische Gospel, dort die ethnologischen Aufnahmen von weitreisenden Forschern, die in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika ihre Geräte aufstellten. Es war eine Entdeckerzeit, eine neue Technologie wurde eingeführt und getestet. Beeindruckend vor allem die Feldaufnahmen mit „mobilen“ Aufnahmegeräten. Und man kann sich vorstellen, welchen Aufwand die Ethnologen betrieben, um vor Ort im tiefsten Afrika Musik von unbekannten Stämmen auf Wachszylinder aufzuzeichnen.

Erstaunlich ist, dass all diese Tondokumente über die lange Zeit erhalten blieben und heute per mp3 File und auf CD für jeden zugänglich sind, der denn wirklich Hinhören will. Beide Bücher erzählen die Geschichten hinter den Aufnahmen und den Aufnehmenden, den Plattenfirmen, die hier frühzeitig einen Markt entdeckten. Sowohl „Waxing the Gospel“ wie auch „Die Wachszylinder im Berliner Phonogramm Archiv“ sind reich bebildert, bieten einen unglaublichen Einblick in diese kulturellen Schätze, die sicherlich lange Zeit vor sich hin gammelten und verstaubten. Diese Bücher sind eine Wertschätzung sondergleichen. Mit diesen Veröffentlichungen hauchen Archeophone Records und das Ethnologische Museum in Berlin den uralten Aufnahmen neues Leben ein. Es sind keine wissenschaftlich gehaltenen Texte, vielmehr ein interessanter Streifzug durch die Anfangszeiten der „Recording Industry“. Zwei sehr empfehlenswerte und klangreiche Bücher.

24 Hours to Nowhere – die (Nicht)Memoiren des Hugo Race

Ein Interview mit Hugo Race:

Interview mit Hugo Race     

Jeder Musiker, der etwas auf sich hält, schreibt an einem Punkt seines Lebens seine Memoiren…oder läßt sie schreiben. Das wilde Leben des Rock’n Roll. Dass es auch anders geht, zeigt ein australischer Musiker, dessen Name vielleicht nicht vielen ein Begriff ist, der jedoch seit Jahrzehnten Platten veröffentlicht und um die Welt tourt. Hugo Race heißt er und hat nun sein erstes Buch veröffentlicht. “Road Series” ist die Geschichte eines Musikers, der mehr zu erzählen hat, als “Sex, Drugs and Rock’n Roll”.

Hugo Race, ein Musiker zwischen australischer Weite, dem Wilden Westen Amerikas und dem Großstadtdschungel Berlins. Foto: H. Race.

Hugo Race, 1963 in Melbourne geboren, ist ein Musiker, der seit Anfang der 80er Jahre sehr umtriebig ist. Er war Gründungsmitglied der Bad Seeds, Nick Caves Band, doch schon nach zwei Platten machte Race sich auf, fortan auf Solopfaden zu wandeln. “The True Spirit” and “Fatalists” hießen seine Begleitbands, dazu gab es noch Kooperationen mit anderen Musikern, darunter Chris Eckman von „The Walkabouts“ für das Projekt “Dirtmusic”:

Hugo Race hat kürzlich auch sein erstes Buch veröffentlicht. “Road Series” heisst es. Die Reise des Musikers durch die Jahrzehnte. „Das Buch kam nicht aus dem Nichts. Aber ich hatte nie den Plan so etwas wie meine Memoiren zu schreiben. Eigentlich schreibe ich schon sehr lange. Für ein paar Jahre sah ich mich als Autor und Journalist, aber dann kam für mich die Musik und diesem musikalischen Pfad folge ich seit nunmehr 35 Jahren. In der Zeit schrieb ich zwei Romane, die ich aber nicht veröffentlichen wollte. Die Wahrheit ist, ich habe sie nicht fertig geschrieben. Es waren Bücher, die ich irgendwann nicht mehr mochte und nicht mehr zu Ende bringen konnte. Also legte ich sie zur Seite.“

Hugo Race ist ein Beobachter, der in seinen Songs Nahaufnahmen beschreibt. Bilder von Liebe, dem zwischenmenschlichen Zusammensein, dem Leben auf dem “long Highway”. Race ist verankert im Country und Folk, hier dem eher düsteren Part des Genres. Das “Yippie-Yeah”, ein patriotischer Unterton liegt ihm fern. Er ist ein musikalischer Weltenbummler, das zeigt er nun auch in seinem Buch “Road Series”. „In den späten 2000ern, als ich mit “Dirtmusic” in Afrika arbeitete, gab es diese außergewöhnlichen Momente für uns und für mich. Die einfach passierten, ohne Belege und ohne Zeugen. Das führte dazu, dass ich über “Dirtmusic” in Afrika schrieb. Als ich von diesen Reisen zurück kam, traf ich mehrmals auf Leute, die mich nach meinen Erfahrungen in Mali fragten und danach, was wir dort gemacht haben. Und diese Fragen zu beantworten half mir, in meinem Kopf das Konzept einer Erzählung zu beginnen. Ich schrieb sie auf und schickte sie an das Overland Literature Journal in Australien, die sie veröffentlichte. Und das wurde auch das erste Kapitel von “Road Series”.“

Das Kapitel über “Dirtmusic” im malischen Bamako ist das elfte im Buch geworden. Bis dahin beschreibt Race das Leben “on the road”. Vom Weggang aus Melbourne, der Ankunft in England. Er selbst hat zwischen 1989 und 2011 in Europa gelebt, davon lange Zeit auch in Berlin. Hugo Race genoss das Leben in der wiedervereinigten Stadt, ihren Puls, ihre Kreativität in diesen umwälzenden Jahren, in der alles möglich war. „Ich wurde damals für ein paar Solokonzerte nach Berlin eingeladen. Ich war schon vorher, Mitte der 80er, mit den Bad Seeds in Berlin und wollte immer mal wieder zurück. Es war also im Sommer 1989, eine unglaubliche Stadt. Tagsüber gingen wir in den Seen schwimmen und nachts zogen wir durch die Bars. Es war anarchisch, es war intensiv.“

Hugo Race beschreibt in seinem Buch diese Tage in der geteilten Stadt. Und dann den Mauerfall, der für ihn ein Glücksfall wurde, wie er selbst sagt. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Auf einmal spielte er in Prag, in Warschau, in Budapest. Die Geschichten entstanden von selbst, so scheint es in “Road Series”. „Ich wußte, ich hatte viele Geschichten zu erzählen. Über Leute und Orte, die auf einem existentiellen Level nachgehallt haben. Und all das waren zeitliche Schnappschüsse von Orten, die es heute so nicht mehr gibt. Die ersten Kapitel von “Road Series” waren die letzten, die ich geschrieben habe. Es war schwer 30 Jahre zurück zu gehen und sich an Dinge zu erinnern und diese in eine Erzählung zu bringen. Dazu kam noch, dass die 80er Jahre für mich und viele meiner Freunde und Bekannten wild und frei waren. Auch wegen größeren Mengen an bewußtseinserweiternden Substanzen. Aber als ich anfing Wörter auf eine Seite zu schreiben, kamen auch die Erinnerungen zurück. Ich fand so viel in meinen Erinnerungen aus den frühen 80ern, die unter all den Erfahrungen späterer Jahre verborgen waren. Ich mußte mich stark konzentrieren, ich mußte meditativ vorgehen. Manchmal wie in Trance, wo ich mir den Raum vorstellte, in dem ich 1981 in der Wellington Street lebte. Und als ich das erreichte, erinnerte ich mich an Leute und an bestimmte Ereignisse.“

Und diese Details machen “Road Series” aus, ob sie nun stimmen oder vom Autoren selbst ausgeschmückt wurden. Keiner weiß das genau, wohl auch nicht Hugo Race selbst. In der Erinnerung erscheint vieles bunter. Race führt den Leser durch sein Leben, seine Erfahrungen, seine Erlebnisse, wie er sie im Rückblick glaubt durchlebt zu haben. Es ist nicht dramatisch, nicht das Glitzerleben eines großen Rock’n Roll Stars. Hier schreibt ein Musiker, der nicht im täglichen Rampenlicht steht, den viele von Ihnen wahrscheinlich gar nicht kennen. Kneipen, Bars, kleine Konzertorte, Underground Auftrittsmöglichkeiten sind sein Zuhause. Und diese Welt öffnet Hugo Race in “Road Series”. Er lebt von seiner Musik, und glücklicherweise kann er davon leben. Es ist ein Leben “on the road”, rastlos und immer in Bewegung. Für dieses Buch blickte er zurück und schrieb ein beeindruckendes Dokument über die wilden Jahre der Independent Musikszene und über das, was danach kam. Hugo Race hat immer seinen Platz gefunden, offen für Einflüsse, Kulturen, Menschen. “Road Series” ist ein äusserst lesenswertes Buch und das nicht nur für Menschen, denen Musik außerhalb der Charts am Herzen liegt.

Leben mit dem Terror

Berlin, Breitscheidplatz. Der Terror trifft die deutsche Hauptstadt. Kein militärisches, kein politisches Ziel, vielmehr das alltägliche Leben. Viele fragen, wo kann man noch sicher sein, wenn nicht unbekümmert und feiernd, einen Glühwein trinkend auf einem Weihnachtsmarkt?

Wir alle leben schon sehr lange mit der Angst vor der Gewalt. Nicht erst seit dem 19. Dezember 2016, nicht erst seit dem 11. September 2001. Auch wenn es so scheint, der Terror ist nicht neu in unserem Leben. Die „University of Maryland“ sammelt seit Jahren in ihrer „Global Terrorism Database (GTD)“ die Daten und Fakten von Terroranschlägen rund um den Globus. Mehr als 150.000 Vorfälle zwischen Januar 1970 und Dezember 2015 wurden darin aufgelistet. In Europa waren es in diesem Zeitraum 18.803 Terroranschläge bei denen 10.537 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Anschläge nahm nicht zu, allerdings stieg 2014 und 2015 die Zahl der Todesopfer auf einen Höchststand seit 2004.

Wir leben schon lange mit dem Terror: Foto: Reuters.

Zwischen den 70er und 90er Jahren war der Terror für Europa eher ein nationales Problem. Die IRA bombte in England und Irland, die ETA in Spanien, die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Action Directe in Frankreich. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verrutschte auch der Schwerpunkt der Angriffe auf der Landkarte des Terrors Richtung Osten. Plötzlich gab es Anschläge in Russland, der Ukraine, im Kaukasus. Der Terror hat dann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 auch noch einen anderen, einen neuen und nicht weniger brutalen Anstrich bekommen. Statt Bomben und Blut für vermeintliche politische Ziele, wurden nun auch noch die Menschen im Namen Allahs terrorisiert.

Es sind bedrückende Zahlen, die man in diesen trockenen Statistiken lesen kann. Auch jene, die beschreibt, dass im Zeitraum zwischen Januar 2015 und Juni 2016 in Europa und Amerika 658 Menschen bei 46 Terroranschlägen ihr Leben verloren. Im Nahen Osten, Afrika und Asien gab es im gleichen Zeitraum 50mal mehr Todesopfer. 20.031 Menschen starben bei 2.063 Angriffen. Das Blutbad reicht um den Globus.

Wir leben mit der Terrorgefahr und das schon lange. Der gewaltsame Versuch einiger weniger, das Leben der Mehrheit zu verändern ist Teil des Alltags geworden. In den USA, im Irak, in Somalia und auch in Deutschland. Die Art und Weise, die Intensität der Anschläge und die Zahl der Todesopfer hat zugenommen. Mit dem Anschlag von Berlin werden wir wachgerüttelt, dass es hier „auch“ passieren kann. Obwohl wir das schon lange wissen und damit leben, damit zu leben gelernt haben.

Berlin, Trump und der Islamische Staat

Mir wird schwindelig bei all diesen Nachrichten am Morgen. Das Newsrad dreht sich und alles mögliche wird veröffentlicht und verbreitet. Donald Trump twittert zu Ankara, Zürich und Berlin, die Jewish Press schreibt, zu dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt habe sich der Islamische Staat bekannt. Auch das Rechtsaußen Newsportal Breitbart zieht nach und behauptet, IS Unterstützer feierten bereits die Anschläge in Berlin und Ankara.

Die Welt dreht am Rad. Nachrichten und solche, die es sein sollen, werden in diesen Stunden massig verbreitet. Einen Überblick hat niemand, aber jeder hat eine Meinung. Die konservative Tageszeitung „Washington Examiner“ titelt: „Trump after Berlin: The Islamic State must be ‚eradicated'“. Donald Trump werde sich einmischen, so die Zeitung, nach acht Jahren Barack Obama nun endlich jemand, der den Terroristen und ihren Hintermännern und Netzwerken die Stirn zeige. Der Examiner ist eines der Sprachrohre der konservativen Bewegung in den USA. Trump ist nun fast in Amt und Würden, die Hardliner feiern schon jetzt und zeigen auf Obama, der am Tag der Anschläge lieber Golf im Weihnachtsurlaub auf Hawaii spielte.

Die Rechtsaußen Kommentatorin, Michelle Malkin, beliebter Gast auf FOXNews, twittert polemisch: „Open borders + welfare state + dhimmitude = suicide“. „New Republic“ schreibt: „The Berlin Christmas market attack is a gift to Europe’s far right.“ Das Attentat von Berlin sei ein Geschenk für die Rechten in Europa. Angela Merkel müsse sich im kommenden Jahr einer Wiederwahl stellen, der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt würde sie jedoch in die Enge treiben, die Rechtsaußen Parteien stärken. Und es scheint genau so zu kommen. Der NRW-Landesvorsitzende der AfD, Marcus Pretzell, twitterte schon kurz nach dem Anschlag: „Wann schlägt der deutsche Rechtsstaat zurück? Wann hört diese verfluchte Heuchelei endlich auf? Es sind Merkels Tote!“ Auch die Konkurrenzpartei der AfD, die NPD, macht mobil. Auf ihrer facebook Seite unterlegt sie ihren Kommentar zu dem Anschlag mit den Hashtags: „Leistet Widerstand“, „GrenzenSichern“, „DeutschlandSchützen“, „IslamisierungStoppen“ und „KriminelleAusländerRaus“. Klare Ansagen, wie sich der Ton in den kommenden Wochen und Monaten anhören wird.

 

Kultur ist unkatrumpbar

Die Woche 1 nach dem Wahlsieg von Donald Trump neigt sich dem Ende zu. Überall im Land gibt es Proteste, die Fragen sind groß, die Antworten bleiben aus. Trump wird das Land regieren, vielleicht, wenn er seinen Wahlkampfkurs fortsetzt, die USA in eine internationale Isolation schippern.

ALP live im Green Music Center an der California State University in Sonoma.

ALP live im Green Music Center an der California State University in Sonoma.

Und gerade in dieser Woche spielten ALP aus Berlin in Oregon und Kalifornien. Drei Konzerte – Corvallis, San Francisco, Rohnert Park – die zeigten, wie wichtig der kulturelle Austausch ist. „Die Sinfonie der Großstadt“, Walter Ruttmanns Klassiker aus dem Jahr 1927, wurde in Corvallis und an der California State University in Rohnert Park aufgeführt. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ am Goethe-Institut in San Francisco.

ALP kamen an der CAL State in den Green Music Center und dort in die Schroeder Hall, benannt nach der Peanuts Figur von Charles Schulz. Die Schulz Familie hat in Sonoma County viele Kunst- und Kulturprojekte finanziell gefördert und unterstützt, darunter auch diesen klangvollen und akustisch einmaligen Konzertsaal, der für „Die Sinfonie der Großstadt“ fast ausverkauft war.

Der zeitlose Film bekam durch die Live-Vertonung eine ganz neue Untermalung. Vor fast 90 Jahren wurde dieses filmische Meisterwerk veröffentlicht. Walter Ruttmann muß wohl in diesen Tagen vor 90 Jahren seine Aufnahmen gedreht haben, danach in mühevoller Kleinstarbeit an das Schneiden des Materials gegangen sein, um diesen rhythmischen Tagesablauf auf die Leinwand zu bringen. Wer die Sinfonie nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen. Es ist das Bild eines Tages in Berlin, die Menschen, das Leben, der Alltag, die Probleme, die Schönheiten, die Tiefe und die Nähe der deutschen Hauptstadt. Berlin in den 1920er Jahren war eine beeindruckende und faszinierende Stadt.

Und auf diese visuellen Eindrücke legt das Trio ALP aus Berlin einen Soundtrack, der so ganz anders ist. Leichte Loops aus dem Mac wechseln mit einem Gitarrenbrett ab. Leise Töne, ein Farbpinsel über die E-Gitarre gestrichen vor einem dramatischen Drumbeat. Ein tiefer Bass neben den friedvollen Klängen eines Kinder-Xylophons. Es ist eine vielschichtige Musiklandschaft, die hier entsteht. Der Soundtrack unserer Zeit für einen epochalen Film aus einer verlorenen Zeit, der wegbereitend für viele Filmemacher nach ihm waren. Es ist ein Brückenschlag zwischen dem längst Vergangenem und dem Hier und Jetzt.

Ja, man denkt bei den Bildern aus dem Berlin der späten 20er Jahre an die drohende Katastrophe, an die tiefreichenden Veränderungen, die diese Stadt schon bald ereilten. Und auch hier ist die Verbindung zwischen dem Gestern und dem Heute, denn mit Sicherheit haben viele an die Veränderungen gedacht, die nun auf uns zu kommen werden. Vor dem Konzert war der Wahlsieg des New Yorker Egomanen das Thema schlechthin. Es sind ungewisse Zeiten, im Film und vor dem Konzertsaal.

7 Lieder zur Beharrlichkeit

Danielle de Picciotto & Alexander Hacke     
Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit "Perseverantia" zurück.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke melden sich gemeinsam mit „Perseverantia“ zurück.

Die Einstürzenden Neubauten sind weltbekannt. Ihre eigenwillige, offene und grenzenverschiebende Auslegung was Musik ist, kann und sein sollte, hat sie zu bedeutenden Kulturbotschaftern Deutschlands gemacht. Hier in den USA können nur wenige den Bandnamen aussprechen, DJs kündigen sie manchmal als die „Crashing New Buildings“ an. Einer der Neubautenmitglieder ist Alexander Hacke, ein ruheloser, umtriebiger Klangbastler. Und der ist seit einigen Jahren fest mit der in Berlin lebenden Amerikanerin Danielle de Picciotto liiert, selbst eine kreative und vielseitige Multimediakünstlerin, die schreibt, malt, filmt, zeichnet und eben auch Musik macht.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind vielbeschäftigt, mal hier, mal dort, mal in Übersee. Eigene Projekte und Auftragsarbeiten wechseln sich ab. Nun haben sich die beiden wieder für ein gemeinsames Album zusammen getan. „Perseverantia“ heißt es und untermalt tönend die Beharrlichkeit dieses Künstlerduos, das sich auf dieser Veröffentlichung wahrlich gefunden und ergänzt hat. Es ist kein Hitalbum, ganz im Gegenteil. „Perseverantia“ ist wie ein vielschichtiger Soundtrack voller Klangebenen, auf die man sich als Hörer einlassen muß. Man wird gefordert, nicht berieselt. Man braucht Zeit, um dieses Werk zu erfassen, zu erhören.

Im Interview (Audioplayer oben) mit Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sprechen die beiden über das neue Album, die Kunst, ihr Leben. Die Fragen schickte ich von hier nach dort, die Antworten kamen aus Berlin zurück nach Oakland.

Stories of America

Es kommt ja nicht so oft vor, dass ein Musikvideo aus und in meinem alten VW-Bus gedreht wird und dabei auch noch Käthe aus dem Fenster blickt. Im Januar waren ALP in San Francisco, um den beeindruckenden Walter Ruttmann Stummfilm von 1927 „Berlin: Die Sinfonie einer Großstadt“ neu und live zu vertonen. Es war zweifellos der Höhepunkt des 20. deutschsprachigen Filmfestivals „Berlin & Beyond“. Standing Ovations zum Schluß, ein grandioser Auftritt, eine erleichterte Band, die noch kurz vor dem Konzert einige „stürmische“ Momente erlebte.

Da ich sowas wie der Herbergsvater, Fahrer und Roadie war, begleitete ich das Trio aus Berlin auf vielen ihrer Ausflüge. Nun liegt ein kleines Video von ALP in San Francisco vor. Und da es diesmal leider nur zu einem Auftritt kam, kann man das Filmchen durchaus „ALP in Amerika“ betiteln.

Aufgrund der sehr positiven Resonanz planen die Berliner bereits weitere Konzerte an der amerikanischen Westküstefür den Spätherbst. Dann stehen mit Sicherheit mehrere Konzerte und Konzertorte an.

YouTube Preview Image