Geschichte leben

Am kommenden Freitag beginnt in Oakland die Ausstellung „Berlin Wonderland“. Dafür habe ich drei Audio Beiträge über das Jahr 1989 produziert, die Geschichte eines ganz besonderen, deutschen Jahres. Von der zarten Hoffnung auf Veränderung, von den Ausreisewilligen über Ungarn und Prag, von der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking, den Leipziger Montagsdemonstrationen, der großen Protestveranstaltung am 4. November auf dem Alexanderplatz und schließlich dem Fall der Mauer.

Berlin, Oakland und zurück.

Das alles ist nun 30 Jahre her und alles noch so gegenwärtig. In der Erinnerung und auch in der Realität. Und beim Produzieren dieser Beiträge kam mir so, dass ich nur 23 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde. Nach der größten menschlichen und folgenreichsten Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Und mit diesem Gedanken kamen da viele Fragen und Bilder. Die Probleme im Osten nach der Wiedervereinigung, die Arbeitslosigkeit, die politische und soziale Neuausrichtung waren immens. Doch was war nach 1945 als Deutschland in Schutt und Asche lag, als Täter, Mitläufer und Opfer nebeneinander leben mussten?

Ich erinnere mich an die Geschichten meiner Oma in Dortmund, die oftmals über Nachbarn und Bekannte erzählte. Nicht selten fielen da Beschreibungen wie „der war ein strammer Nazi“ und „der war 150prozentig für Hitler“. Deutschland nach dem Krieg, zerbombt, verarmt, schuldig. Wie ging man mit dieser Schuld um, wenn es um einen Neuanfang ging? Ich weiss, der Schlussstrich wurde oftmals verfrüht gezogen. Und dennoch frage ich mich, wie Täter und Mitläufer im Dritten Reich danach damit umgingen, wie man da einfach Tür an Tür leben konnte, so als ob nichts geschehen war? Ja, ich habe viel darüber gelesen, über die belastete Justiz und die einstigen Nazigrößen in den Hörsälen der Republik. Ich habe auch am Anfang meiner Radiolaufbahn bei Radio Z über den Erfolgsautor Herbert Reinecker berichtet, der bis zum Schluss vom Blut und Boden schwafelte und die Jugend noch 1945 an die Waffen rief, um dann kurz darauf in der Bundesrepublik eine Traumkarriere mit seinem Derrick, dem Traumschiff, Jakob & Adele und vielen anderen Unterhaltungsstories hinzulegen. Ein typisches Beispiel in einer schnell vergessenden Nachkriegsgesellschaft.

30 Jahre nach dem Mauerfall denke ich an 1989, wie ich dieses Jahr in Freiberg, Sachsen, erlebt habe. Und es ist gegenwärtig, ich kann mich sogar noch an den Geruch im Ergebirge erinnern. Meine Erinnerungen sind harmlos, ich bin froh darüber, dass ich dieses Jahr, den Umbruch, die Hoffnung, die Anspannungen, das friedliche Ende miterleben durfte. Und doch frage ich mich gerade, was die Schuld nach 1945 mit den Deutschen gemacht hat, wie sehr auch mich das alles geprägt hat?

Der 3. Oktober in den USA

Was war da nochmal am 3. Oktober? Genau, vor 20 Jahren wurde der wohl berühmteste Freispruch unserer Zeit gefällt. „Not Guilty“ hieß es im Gerichtsgebäude von Los Angeles.

     

Mehr als 100 Millionen Menschen in den USA waren damals live dabei, hielten inne und warteten auf die Entscheidung der Jury. Hier Jubel, dort tiefe Bestürzung. O.J. Simpson war für den Doppelmord an Nicole Brown Simpson und ihren Freun Ronald Goldman frei gesprochen worden. Ein Jahrhundertprozess, ein Jahrhundertereignis, ein historischer Fernsehmoment.

Heute am 3. Oktober erinnern sich viele an dieses Ereignis 1995, reden darüber, wo sie damals waren, als die Nachricht vom Freispruch verbreitet wurde. „The Juice“, wie OJ auch genannt wird, hat die 90er Jahre geprägt.

Foto: GKSF.

Foto: GKSF.

Natürlich berichten auch einige Medien in den USA über 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Aber für die Amerikaner war der Fall der Mauer ein Jahr zuvor ein größeres und wichtigeres Ereignis als das Zusammenwachsen beider deutscher Staaten. Ronald Reagans Rede vor dem Brandenbuger Tor, geschützt von kugelsicherem Glas, ist im aktuellen Präsidentenwahlkampf sehr gegenwärtig. „Mister Gorbachev, tear down this wall“. Die Republikaner verweisen auf Reagan und seine harte Haltung gegenüber der Sowjetunion als Beispiel dafür, wie Amerika heute gegenüber Russland auftreten sollte. Obama, so die Einschätzung quer durch die Bank, wird nie ein Ronald Reagan sein.

Im deutschen Generalkonsulat findet heute der alljährliche Empfang zum Tag der deutschen Einheit statt. Es wird gefeiert, erinnert, gesungen. An diesem Tag trifft sich die deutsche Gemeinde am Golden Gate bei Brezeln, Bier und Wein. Die Stimmung wird ausgelassen sein, 25 Jahre deutsche Einheit sind ein Grund zum Feiern. Doch die amerikanischen Gäste wissen, dass bei den Deutschen immer auch kritische Töne durch- und hochkommen. Die Probleme der Einheit, die aktuelle Flüchtlingskrise, die Europäische Union. Bei den Deutschen gibt es keine Jubelfeiern, das erwartet hier auch niemand.

 

 

1989

…darum geht es gerade auf KUSF 90.3 fm. Ich habe dazu eine Zweistundensendung produziert, die nun in San Francisco ausgestrahlt wird. 1989, vom Abschied Ronald Reagans, die brutale Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking, das Desaster in Hillsborough. Und natürlich der Fall der Berliner Mauer und die Wochen und Monate davor.

Das ist derzeit sowieso das Thema der Deutschen in den USA. Der Generalkonsul ging darauf am Freitag in seiner Rede zum 3. Oktober ein. Das Goethe-Institut erinnerte daran beim Oktoberfest auf dem Dach der Einrichtung und auch ich werde im November zum Thema „1989 – 20 Jahre nach dem Fall der Mauer“ eine Präsentation in einer High School in Indianapolis geben. Es war ja auch sehr, sehr bewegend, wenn man es miterlebt hat.

Wo waren Sie, was haben Sie damals gemacht, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Nachricht von der Maueröffnung hörten?

Hier kann man auch in die Sendung reinhören:

1989 Part 1     
1989 Part 2     

Ronny und die Berliner Mauer

In den USA preisen die Menschen den früheren Präsidenten Ronald Reagan dafür, dass er quasi eigenhändig die Berliner Mauer zu Fall gebracht hat. Reagan habe mit seinem russischen Gegenüber Gorbatschow hoch gepokert und am Ende gewonnen, denn der Amerikaner hatte mehr Kohle im Säckel fürs militärische Wettrüste, so die allgemeine Meinung.

So war es nicht ganz, wie uns die Geschichte lehrt. Aber gerade die konservativen Kommentatoren in den USA vertreten nach wie vor diese Sicht der Dinge. Und das haben sie heute auch wieder erklärt, als in der Rotunda im Kongress eine Statue des 40. US-Präsidenten enthüllt wurde. Mit dabei Reagans Witwe Nancy Reagan.

Da jeder Bundesstaat nur zwei Statuen in diesem Raum aufstellen darf, musste eine kalilfornische für Reagan weichen. Das Abbild von Rev. Thomas Starr King wird nun eingemottet, King kämpfte dafür, dass Kalifornien während des amerikanischen Bürgerkrieges in der Union blieb. Der eine kommt, der andere geht…und Ronald Reagans Statue kam sogar mit einem Stück der Berliner Mauer….ich frage mich echt, wieviele Tonnen Beton Reagan und seine Bibliothek in Simi Valley damals nach Kalifornien schippern liessen, denn dort stehen ja auch so einige Bauteile rum.

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