Zum letzten Mal…

Am 20. Februar 2008 schrieb ich den ersten Beitrag in diesem Blog „If you’re going to San Francisco – Arndt Peltner berichtet aus den USA“. Die Überschrift lautete „Obama Osama“ und es ging um den Wahlkampf 2008: „Ach wie peinlich…und schon wieder musste sich der Fernsehsender MSNBC öffentlich entschuldigen. In der Sendung „Hardball“ mit Moderator Chris Matthews wurde ein Bild von Osama bin Laden eingespielt, als Matthews über Barack Obama sprach.“ Das war damals ein Skandal!

Das liegt nun zwölfeinhalb Jahre und 3039 Beiträge zurück. Dieser hier ist der 3040te und wohl der letzte Blogbeitrag an dieser Stelle. Es ist Schicht im Schacht. Die redaktionellen Umstrukturierungen und Einsparungen im Pressehaus Nürnberg haben auch zu der Entscheidung geführt, dass die Blogs eingestellt werden. Was nun kommt ist noch nicht klar, aber ich soll wohl auf der nordbayern.de Webseite eine Möglichkeit für Berichte aus den USA erhalten. Genaueres weiß ich auch noch nicht.

Dieser Blog ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen. Ich habe nicht nur von der Politik, der Kultur, den Eigenheiten aus den USA berichtet, wo ich seit 1996 lebe, sondern auch von meinen Reisen nach Mexiko, Afghanistan und Ruanda, aus dem Kongo, Uganda, Burundi, Tschad, Niger, Somaliland, Puntland und Sudan. Es wurde ein Reiseblog der etwas anderen Art, in dem ich von Situationen, Begebenheiten, Menschen und Erfahrungen „on the road“ berichtete. Mal versuchte ich die Sprachlosigkeit auszudrücken, als ich an Orten des Massenmordes in Ruanda stand. Mal berichtete ich vom Leben in der gefährlichsten Stadt der Welt, Ciuadad Juarez. Mal vom Besuch bei einem Rebellenpräsidenten im Osten des Kongos, als vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehr und Raketenwerfer standen und wir im Haus vor dem Interview ersteinmal beteten und zu Mittag aßen. Ich hatte die Möglichkeit in diesem Blog über meine Reisen mit der Hilfsorganisation CARE zu schreiben, die ich in Länder begleiten durfte, in die ich sonst nie gekommen wäre. Im Süden des Tschads sass ich in einer kleinen Hütte einer Frau gegenüber, die auf der Flucht aus der Zentralafrikanischen Republik alles verloren hatte, auch ihre Kinder. Die von Gewalt und Vergewaltigung sprach, auf der Flucht und im Lager. Im südlichen Niger wurde mir ein Haus in einem kleinen Dorf angeboten. In Somaliland hatte ein lokaler Journalist wohl mein NZ Blog falsch übersetzt, fortan sollte ich aus Gründen der Sicherheit zeitversetzt bloggen. Interessanterweise hatte der Reporter kein Bild von mir im Internet gefunden und setzte stattdessen eines einer „Anne Peltner“ in seinen Artikel. Auch das sind unvergessene Erlebnisse.

Dann war da diese Geschichte über die weibliche Genitalverstümmelung in Somaliland. Dabei kam ich an meine journalistischen und auch persönlichen Grenzen, denn nichts, aber auch rein gar nichts rechtfertigt diese grundlose Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Ich sass da einer älteren Frau gegenüber, die erzählte, wie sie die Klitoris und die Schamlippen von kleinen Mädchen abschneidet und die Wunde anschließend mit Dornen schließt, während ihre Mutter und ihre Großmutter sie festhalten. Sprachlosigkeit!

Krieg, Hunger, Dürre, Elend, Armut, Gewalt, Tod, Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit. All das habe ich zu Genüge auf diesen Reisen erlebt und auch an dieser Stelle hier darüber berichtet. Aber ich fand auch immer wieder faszinierende Geschichten vor Ort. Fussball in Puntland, Hip Hop in Ruanda, mutige Frauen im Sudan, Rückkehrer in Somaliland, die an ihr Land glauben und sich engagieren, wunderbare Musik im Niger.

In einem Flüchtlingslager im somalischen Puntland. Auch darüber schrieb ich im Blog.

Und immer waren da Menschen, mit denen man lachen konnte, die einen aufnahmen, mit denen man Geschichten teilte, die neugierig fragten, die bereitwillig antworteten, mit denen man sich hinsetzte und Tee trank. Das klingt banal, aber für mich wichtig, denn es ging mir nie nur darum, über ein Thema zu berichten. Und da hatte ich hier in diesem Blog die Möglichkeit den erweiterten Blick schweifen zu lassen, denn oftmals waren diese „anderen“ Geschichten in Redaktionen nicht gefragt. Ich erinnere mich noch an die Antwort eines Chefredakteurs eines Radiosenders, der mir nach meiner Rückkehr aus dem Tschad sagte, ja, die Flüchltingskrise im Süden des Landes sei sicherlich ein Thema, aber derzeit sei bei ihnen Afrika nur Ebola. Mehr Platz habe man nicht. Da kamen für mich immer diese Seiten zum Zuge, die mir ermöglichten das niederzuschreiben, was ich erlebt, gesehen, erfahren und auch gespürt habe.

Diese Reiseberichte waren für mich auch eine Abwechslung von meiner Arbeit hier in den USA. Gerade in den letzten Jahren mit Präsident Donald Trump war die US Berichterstattung eine große Herausforderung. Themen, die gab es genug, auch das Interesse daran. Doch selbst ich, der hier schon lange lebt, vergleichen und einordnen kann, der auch Amerikaner geworden ist, selbst für mich wurde es immer schwerer das zu erklären, was hier derzeit passiert.

Ich habe die Leserinnen und Leser dieser Zeilen mit ins Staatsgefängnis von San Quentin genommen, sie begleiteten mich auf meinen Fahrten quer durchs Land, ich habe ausgefallene Musik vorgestellt, versuchte stets den Alltag in einem Land zu beschreiben, das ähnlich, doch auch wieder ganz anders ist. Und das eben aus meiner Perspektive, von einem, der aus Nürnberg in die San Francisco Bay Area zog, drei Jahre bleiben wollte, dann länger blieb, sesshaft wurde und schließlich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Die Sichtweise eines Journalisten, der irgendwie dazwischen hängt, nicht richtig weg und auch nicht richtig angekommen ist. An dieser Stelle Danke an alle, die über die Jahre mitgelesen haben, mir schrieben, mir Rückmeldungen gaben, mir das Gefühl vermittelten, dass das, was ich hier in diesem Blog mache, irgendeine Bedeutung hat. Danke! Von daher, auf bald an anderer Stelle.