Ein ungewöhnlicher Ort der Trauer

Im Nordosten von Nevada, rund 120 Kilometer von Reno entfernt liegt Gerlach, eine 200 Seelengemeinde. Von dort sind es nochmal 15 Kilometer, dann fährt man vom Highway rechts ab auf die “Playa”, wie das riesige ausgetrocknete Seebett genannt wird. Hier findet alljährlich das Burning Man Festival statt. In diesem Jahr zum 30mal. “Welcome Home – this is Burning Man”

In diesem Jahr hat es rund 70.000 Menschen in die Wüste gezogen. Es ist heiß, es ist staubig, der Wind wirbelt den feinen Sand immer wieder auf, die sogenannten “White Outs” sind dann so intensiv, dass man bei ausgestrecktem Arm die eigene Hand nicht mehr sieht. Doch all das schreckt die “Burner” nicht ab, ganz im Gegenteil, Jahr für Jahr kommen die meisten wieder zurück, um hier zu feiern, unglaublich kreative Kunstprojekte zu erleben, ihre Batterien aufzuladen, eine Stadt für eine Woche aus dem Nichts entstehen zu lassen. Lange Zeit fehlte jedoch etwas, wie sich der Künstler David Best erinnert: „Wir haben hier eine Stadt entwickelt, wir hatten die Infrastruktur mit einer Polizeistation, einem Krankenhaus, Cafes, Toiletten, aber wir hatten keinen Tempel. Es war ein Ort des Feierns, aber es gab keinen Ort der Trauer. Und mit dem Bau des Tempels haben wir diese Lücke gefüllt.“

Im Jahr 2000 war David Best zum ersten Mal mit einem Tempel bei Burning Man. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall eines seiner Mitstreiter, entschied sich seine Gruppe in der Wüste bei Burning Man einen Gedenkort zu schaffen. Die Resonanz war so positiv, dass die Burning Man Organisatoren Best baten, im kommenden Jahr erneut einen Tempel zu bauen, weit draußen auf der riesigen Playa. „Ich baue ein Gebäude. Es ist leer, ich mache es zu einem schönen Gebäude und dann kommen sie und bringen das dorthin, an was sie glauben. Den Verlust ihres Hundes, den Verlust ihrer Tochter nach einem Autounfall, den Verlust eines Freundes, der Selbstmord begangen hat, eine gestorbene Mutter oder Vater. Einige glauben an ein Leben danach, andere nicht. Sie nutzen den Ort alle anders und ganz für sich.“

An einem Nachmittag vor dem Tempel. Zahlreiche „Black Rock Rangers“ und Vertreter von eingesetzten Polizeieinheiten beim Burning Man Festival stehen still in einem Kreis, hören zu, wie Ranger Paragon die Namen von getöteten Polizisten im ganzen Land vorliest: “Died in the line of the duty”. Eine Zeremonie, die man so hier auf dem Festival nicht erwartet hätte. Einige weinen, darunter auch Ranger Paragon, ein großer, kräftiger Kerl. Er wollte diese Gedenkveranstaltung organisieren, nachdem ein enger Freund von ihm getötet wurde. Der Burning Man Ranger schrieb 130 Polizeipräsidenten im ganzen Land an, die ihm Bilder und Infos von ermordeten Polizisten schickten. „Das Wunderbare an Burning Man ist, besonders am Tempel, dass es nicht darum geht, welche Reaktion man bekommt. Jedes Leben ist individuell, die Gefühle jedes einzelnen sind unabhängig von anderen. Jeder zieht also etwas anderes aus dieser Gedenkveranstaltung. Einige sind verärgert, andere traurig, andere fröhlich, einige bauen Brücken, um bessere Menschen zu werden. Es ist für jeden anders. Ich habe keinen Hintergedanken, ich wollte nur die ehren, die gestorben sind.“

IMG_2122Der Tempel beim Burning Man Festival ist ein spiritueller Ort. In diesem Jahr erinnert er sehr an ein nepalesisches Bauwerk. Überall stehen Namen von Verstorbenen, hängen Fotos – kleine, große – alte und junge Menchen darauf, Haustiere. Es ist ein sehr beklemmendes und sehr nahegehendes Gefühl all diese Blicke von Verstorbenen zu sehen, die kurzen und auch langen Botschaften der Hinterbliebenen zu lesen. Menschen laufen still an den Bildern vorbei, einige beten, meditieren, gehen hier in sich, wie es Ranger Paragon beschreibt: „Für mich ist der Tempel ein heiliger Ort in meinem Zuhause. Mein Zuhause ist die Burning Man Gemeinschaft. Hierher komme ich zum Reflektieren, zum Loslassen…und hierher habe ich auch die Asche meiner Mutter mitgebracht. Es ist ein Ort, an dem man mit sich ins Reine kommt, seinen Verstorbenen nahe ist, die Dinge beim Namen nennt, die man in seinem Leben ändern will. Es ist für jeden etwas anderes. Für mich ist es ein heiliger Ort.“

Manchmal spielt jemand leise auf einem Instrument, aber der Tempel ist vor allem ein Ort der Stille. Der Wind peitscht immer mal wieder den Sand um das Gebäude. Nachts hört man die donnernden Bässe der Clubs im Camp und der fahrenden “Art Cars”…doch auch das verändert hier nichts. Das Gebäude nimmt, so seltsam das auch klingen mag, einen ganz auf, man wird selbst als Besucher ganz still. Einige weinen, trauern um Verstorbene. Fremde legen ihnen eine Hand auf die Schulter, umarmen sie. Einfach so, für einen langen, innigen Moment. Genau das wollte der Künstler und Erbauer des Tempels, David Best, auch erreichen: „Wir sehnen uns so sehr danach, gemeinsam zu trauern. Hier, in diesem Tempel, lesen 40.000 Menschen den Brief einer jungen Frau, die vergewaltigt wurde. Sie sehen das und schließen ihre Arme darum. Das Bild eines kleinen Babies….Leute kommen auf mich zu und sagen, “mir ist nichts passiert, mein Leben ist wunderbar”. Und ich sage ihnen, dann gehe auf jemanden zu und teile das mit jemanden, dessen Leben eine Tragödie ist.

David Best baut nicht nur Tempel bei Burning Man. Er ist international tätig, hat schon in Irland gebaut, wird nach Burning Man nach Paris gehen, um dort einen Tempel zu errichten. Burning Man ist für ihn dennoch immer eine Herausforderung. Er sagt, der Tempel muß so gestaltet werden, dass jeder der ihn besucht, sich darin aufgehoben fühlt. Dazu kommt, dass er im finanziellen Rahmen bleiben muß, dieses Jahr kostete er etwas über 100.000 Dollar und, dass der Tempel innerhalb von zwei Wochen unter zum Teil widrigen Bedingungen errichtet werden kann. „Was ich zu Architekten und jungen, vergewaltigten Frauen gleichermaßen sage. das Gebäude an sich muß feinfühlig genug sein, damit eine Person, die Gewalt erlebt hat, hineingehen kann. Und es muß stark genug sein, diese Verletzung zu nehmen.“

Am Ende der Woche wird der Tempel verbrannt, mit allem, was in den Tagen zuvor dorthin gebracht und dort aufgeschrieben wurde. „Das ist ganz wichtig“, meint David Best. „Das Feuer läßt uns Vergessen, läßt uns Vergeben, läßt uns Sichern. Mit dem Feuer, wird alles wie in einen Safe gegeben.“

Welcome home from home

Das Burning Man Festival 2016     

Da bin ich wieder in der wirklichen Welt. Mehr als ein halber Tag Putzen und Entstauben liegen hinter mir, der Playa-Dust ist wirklich überall, in jeder Ritze. Der Wagen musste gründlichst gereinigt werden, denn der Staub erzeugt ein chemische Reaktion, wenn man ihn den läßt.

Es waren intensive Tage beim Burning Man. Schräges und Schrilles sieht man dort, grandiose, beeindruckende Kunstprojekte und auch Dinge und Objekte nach dem Motto was-will-mir-der-Künstler-damit-sagen. Aber alles ist gut auf der Playa. Was das Schöne bei Burning Man ist, man redet mit so vielen Leuten, mit denen man sonst nie in ein Gespräch verwickelt werden würde. Da war Scott aus Dallas, der auf der Anreise einen heftigen Streit mit Jimmy hatte, den er seit 30 Jahren kannte. Jimmy setzte Scott einfach aus, direkt neben meinem Camper. Als ich vom Medienzentrum zurück kam, lag da ein Haufen Zeugs im Wüstensand und Scott meinte, er sei hier zum ersten Mal und was er nun machen solle. Am Ende war alles gut, wir hatten viel Spaß miteinander.

Da war Katja aus Moskau, die mich eines Nachts im „Center Camp“ ansprach, ob es hier irgendwo eine WiFi-Verbindung gebe. Ich meinte, keine Ahnung. Sie zeigte mir auf ihrem Telefon ein Bild ihrer Tochter und sagte, sie müsse unbedingt ihre Kleine anrufen, sie vermisse sie so sehr. Ich bot ihr an, mit Skype daheim anzurufen, doch Katja meinte, Skype sei in Russland nicht erlaubt. What’s App funktionierte nicht, also sagte ich ihr, sie solle einfach anrufen. „Ehrlich? Es ist teuer.“ „Well, don’t talk for half an hour“, meinte ich lächelnd. Sie rief an, hörte ihre Tochter, war „happy“, legte auf, weinte, umarmte mich. Mit einem zufriedenen Lächeln ging sie in die Nacht hinaus.

Da war „Wipe out“, der gleich bei mir campte und schon morgens um 10 vier Budweiser weggedrückt hatte. An einem Abend fuhr er mit auf die Playa, doch das war nicht so einfach, denn „Wipe out“ meinte, er könne gut auf einem Rad fahren. Auf einer Strecke von drei Kilometern überschlug es ihn viermal, einmal drückte er voll die Vorderbremse und flog in hohem Bogen über den Lenker. „Alles ok, ich glaub‘, ich hab mir nur den einen Zahn angebrochen“, sagte er ganz ruhig. Als ich anhielt, um mir was anzusehen, war er auf einmal weg. Am nächsten Tag war er erst abends zu sehen, er sei noch etwas mitgenommen von der letzten Nacht, am Morgen sei er neben einem Camper aufgewacht. Kein Wunder, es blieb anscheinend nicht bei den vier Überschlägen.

IMG_2191Da war Jim, ein netter Alt-Hippie aus Carson City. Er erzählte viel über Nevada, die Landschaft, was es hier alles zu sehen gibt und wie sehr das Burning Man-Festival diesen Teil Nevadas verändert habe. Früher sei hier nichts los gewesen, nun kämen das ganze Jahr über Touristen, die sich die Black-Rock-Wüste und -Berge auch außerhalb des Festivals ansehen wollten. Für die kleinen Gemeinden im Umkreis sei das sehr gut, doch für viele Aussteiger, die hier ihre Ruhe finden wollten, sei es zu einem Fluch geworden.

Und dann war da David Best, der Künstler, der alljährlich den Tempel errichtet. Er, völlig verstaubt, erzählte vom Loslassen, von der Kraft des Lösens, der mitfühlenden Gemeinde. Ein sehr schönes und auch nachdenklich machendes Gespräch mit einem Ausnahmekünstler.

Ein paar Tage Burning Man sind eine Reise in ein ganz anderes Sein. Der Kampf mit der harten Umwelt, das Erleben und Erfahren von Kunst und Community, das Eintauchen in ein ganz anderes Leben…und so seltsam es auch klingen mag, es ist ein Loslassen von vielem, was einen, was auch mich im täglichen Leben zurückhält. Burning Man ist eine einzigartige und einmalige Reise.

In sich gehen im Sandsturm

Der Tempel ist das spirituelle Zentrum von „Burning Man“. Ein Ort, der einen berührt. Viele „Burner“ bringen Fotos und Erinnerungsstücke von Verstorbenen – Menschen und Tieren. Viele schreiben Erinnerungen auf, erzählen kleine, manchmal auch lange Geschichten. Andere schreiben nur Namen auf das Holz des Tempels.

Man sieht Menschen weinen, offen trauern. Fremde gehen auf sie zu, umarmen sie, halten sie. Manchmal ganz ohne ein Wort stehen sie umschlungen da. Für Sekunden, für Minuten, dann trennen sich ihre Wege wieder. Viele meditieren, beten. Religionszugehörigkeit spielt hier keine Rolle. Man lebt und erlebt Miteinander. Der Tempel ist ein Ort bei diesem Festival, der so ganz anders ist und gleichzeitig so persönlich.

Seit dem Jahr 2000 erbaut David Best Jahr für Jahr den Tempel. Ein Kunstwerk für sich, das am Ende verbrannt wird, mit allem, was dorthin gebracht wurde. Es sei eine Art Befreiung, ein Loslassen, meinte David zu mir. Er sei nicht religiös, er helfe nur an einem Ort wie diesem mit Trauer umzugehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Atmosphäre ist einzigartig und sehr schwer zu beschreiben, gerade auch, weil man hier mit so vielen Bildern von Verstorbenen umgeben ist. Allein das wirkt tief. Der Tempel an sich ist ein Grund hierher auf die Playa zu kommen. Selten fühlt man sich so sehr mit seinen eigenen  Erinnerungen, Gefühlen und Erfahrungen konfrontiert. Und das ist tief bewegend.

Nürnbergs Sohn auf der Playa

Nö, ich rede nicht von mir. Vielmehr habe ich hier Nürnbergs berühmtesten Sohn, Albrecht Dürer, getroffen, zumindest in einer Open-Air Kunstgalerie auf der Playa. Ein Künstler hat hier bekannte Gemälde kopiert und sich selbst reingemalt. Darunter auch das Selbstportrait von Albrecht Dürer. 

Nicht weit davon entfernt steht ein etwa fünf Meter großer Bär. Das besondere an Meister Petz ist sein „Fell“. Erst, wenn man ganz nahe davor steht, sieht man, dass das „Fell“ aus 160.000 Cent Stücken ist. Cents aus den USA, Kanada und den Euro-Ländern.


Es gibt in diesem Burning Man-Jahr einige fantastische Kunstobjekte auf der Playa, allerdings hindern die Sandstürme etwas beim Geniessen und Erleben der „Art“. Auch heute wieder gab es zahlreiche „White outs“, mit Windgeschwindigkeit bis zu 70 km/h. Man sieht dann keine fünf Meter weit und wird vollkommen eingestaubt. Nun eine Pause, ich lass den Wind etwas ausblasen, bevor ich mich wieder aufs Fahrrad setze.

„White out“ in der Wüste

Da bin ich nun bei Burning Man, es ist heiß, sehr windig und damit sehr staubig. „White outs“ heißen diese Sandstürme hier, man sieht keine fünf Meter weit. Und danach, sprich noch immer, ist man von Kopf bis Fuß mit feinem, weißen Staub eingestäubt. Meine Haare, Augenbrauen und Wimpern sind weiß.

Ich war heute schon etwas mit dem Fahrrad unterwegs, einige Kunstprojekte angesehen, einige Interviews geführt, doch die äußerlichen Bedingungen haben vieles behindert. Am frühen Abend habe ich noch eine kanadische Studentin sicher zu ihrem Camp gebracht, sie hatte „ziemlich zu viel“ den Alkoholpegel gehoben, schlürfte da planlos durch die Gegend, eine Salatschüssel auf dem Kopf haltend. Wie war das mit einer guten Tat am Tag?

Jetzt ist es Nacht auf der Playa in Black Rock City und ich werde nochmal losziehen. Feuer- und Lightshows, dazu hämmernde Beats… Mal sehen, was diese Einwochenstadt heute noch zu bieten hat.