Rassistische Idioten aller Länder…

Am Unfallort eines syrischen Jungen im mecklenburg-vorpommerischen Schönberg tauchten mehrfach Hakenkreuze auf. Es scheint fast so, als ob tumbe Rassisten und Neo-Nazis den Tod des Jungen feiern würden. Der Neunjährige war mit seinem Fahrrad vom Bürgersteig auf die Straße geraten und von einem vorbeifahrenden Traktor erfasst worden.

Emmett Tills durchsiebte Gedenktafel im Mississippi Delta. Foto: Emmett Till Interpretive Center.

Doch dieses Verhalten ist wohl nicht einmalig und nicht nur auf Deutschland beschränkt. Am Tallahatchie River in Mississippi, dort wo im August 1955, der schwer mißhandelte Körper des 14jährigen Afro-Amerikaners Emmett Till aus dem Wasser gezogen wurde, steht heute eine Gedenktafel. Und die wurde nun schon zum zweiten Mal von Kugeln durchsiebt. Die erste Tafel wurde einfach glattweg gestohlen.

Carolyn Bryant, eine Weiße, hatte im Sommer ’55 behauptet, der 14jährige Till hätte nach ihr gepfiffen und sexuell eindeutige Gesten gemacht (sie erklärte später – zu spät – dass sie gelogen hatte). Daraufhin nahmen zwei weiße Männer das Gesetz des Südens in ihre Hand. Roy Bryant und sein Schwager J.W. Milam, entführten und folterten den Jugendlichen über mehrere Stunden, bis sie ihn schließlich mit einem schweren Ventilator ertränkten, der mit Stacheldraht um seinen Hals festgezurrt war. Die beiden Männer wurden von einer rein weißen Geschworenenbank innerhalb von weniger als einer Stunde freigesprochen. Der Mord an Emmett Till mobilisierte die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA.

52 Jahre später (!) wurde endlich eine Gedenktafel an der Stelle aufgestellt, an der der gelynchte Junge gefunden wurde. Und diese Erinnerung passt wohl so einigen nicht im Mississippi Delta, das drücken sie mit ihren Kugeln aus. Der Rassismus von damals ist noch lange nicht ausgemerzt. Nicht anders scheint es in Schönberg zu sein, wo blinder Hass oder der totale Hohlraum im Kopf sich in Hakenkreuzen an einem Unfallort ausdrückt.

We won’t overcome

50 Jahre nach der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und Amerika ist wieder mittendrin in einer neuen Debatte um Rassismus, Gleichberechtigung, schwarz und weiß. Doch diesmal marschieren nicht mehr die Massen, auch die Radikalisierung der Black Panther Bewegung fehlt, vielmehr spielt sich mehr und mehr in den Tiefen des World Wide Web ab. Die sozialen Netzwerke sind die Waffen. Facebook und twitter anstelle von „We shall overcome“ und Sitzblockaden.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung 1965.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung 1965.

Die Namen Oscar Grant, Trayvon Martin, Michael Brown, Eric Garner und andere, werden heute so genannt wie Medgar Evers, James Chaney, Vernon Dahmer, Fred Hampton. Immer wieder werden Parallelen zu den Ereignissen vor 50 Jahren gezogen, zumindest wird der Versuch unternommen. Doch die Zeiten haben sich geändert, die breite Bewegung in den USA fehlt. Die Demonstrationen auf der Straße ziehen lange nicht die gleichen Menschenmengen an, wie damals. Das etwas nicht stimmt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das ist jedem klar. Nur, welche Lösungen es für die Probleme gibt, das bleibt offen und wird auch offen bleiben.

Auch wenn viele in Amerika und im Ausland gerne dieses schwarz-weiß Bild von den USA zeichnen und zeichnen wollen. Es geht nicht nur um Polizeigewalt,  um eine Reduzierung auf dieses symbolische Bild weißer Polizist/Staatsmacht gegen Afro-Amerikaner/Unterdrückte. In den USA gibt es vielmehr strukturelle Probleme, die nicht zu ändern sind. Damals nicht und auch heute nicht. Man denke nur an das Bildungs-, das Wahl-, das Sozialsystem, um nur drei Beispiele zu nennen. Der Wille fehlt auf breiter Basis, um Amerika ganz neu zu gestalten. Das wird auch wieder im Wahlkampf deutlich, wo von „God’s Country“, vom „best place on earth“ geredet und vom „American Dream“ geschwärmt wird. Man sollte endlich aufhören Amerika als Fantasialand darzustellen und vielmehr eine nüchterne, doch ehrliche Analyse der amerikanischen Gesellschaft vorantreiben. Doch damit, das ist klar, lassen sich keine Wahlen gewinnen. Fazit…es wird sich also nichts ändern. Zumindest nicht zum Besseren.

„It Don’t Matter If You’re Black Or White“?

Amerika erlebt derzeit ein Erdbeben. Eigentlich grollt es schon lange im Untergrund, aber wenn man nicht so genau hinsieht, dann fällt es auch nicht auf. Irgendwie geht es schon immer weiter. Die Berichte aus Ferguson zum gezielten Vorgehen der dortigen Polizei gegen Schwarze. Die tödlichen Schüsse eines weißen Polizisten auf einen schwarzen 18jährigen in Madison, Wisconsin. Die Gesänge der Studentenverbindung „Sigma Alpha Epsilon“ an der Universität Oklahoma. Nur drei Nachrichten in der vergangenen Woche, die nationale Schlagzeilen wurden.

Studierende von "Sigma Alpha Epsilon" der University of Oklahoma singen von aufgeknöpften "Niggern" während einer Busfahrt.

Studierende von „Sigma Alpha Epsilon“ der University of Oklahoma singen von aufgeknöpften „Niggern“ während einer Busfahrt.

„Es wird nie einen Nigger bei SAE geben/Man kann ihn an einem Baum aufhängen, aber er wird nicht zu mir kommen/Es wird nie einen Nigger bei SAE geben.“ Das wurde im Bus von den Studierenden gesungen, einer im Bus filmte das ganze mit seinem Handy und stellte es online. Riesenaufschrei im ganzen Land, der Präsident der Uni hat nun die Verbindung geschlossen, einige Teilnehmer wurden von der Universität geschmissen. Zu Recht, doch ist das eine Lösung?

Amerika stellt sich gerne in Krisenzeiten als ein geeintes Land dar. Als „Melting Pot“ der Kulturen, der Sprachen, der Hautfarben. Doch immer deutlicher wird, dass hier einiges schief läuft. Was die Polizei lange Zeit in Ferguson getan hat, gezielt Afro-Amerikaner zu kontrollieren und härter zu bestrafen, ist sicherlich keine Ausnahme im Land. Man kann nur hoffen, dass diese Form des strukturellen und behördlichen Rassismusses ein Einzelfall ist. Doch wahrscheinlich ist das nicht.

Den Republikanern in Washington stößt auf, dass Barack Obama die USA oft „schlecht redet“, wie sie sagen, auf Probleme hinweist, nicht 100prozentig zum eigenen Land steht. Wie kann er auch, wenn man genauer hinsieht? Die USA sind nicht einfach „God’s Country“, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem jeder vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Das ist eine Mär, die abgehakt werden sollte. Ein Blick auf die Statistiken genügt, um zu sehen, dass es dieses eine Land nicht gibt. Ganz im Gegenteil, die USA sind gespaltener denn je. Man muß nur einen Blick auf die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluß, auf alleinerziehende Mütter, jugendliche Straftäter, die Gefängnispopulation, Minderheiten in Führungsetagen und…und…und…werfen, dann wird man schnell erkennen, dass es in den USA massive gesellschaftliche und strukturelle Probleme gibt. Die erschütternde Tatsache dabei ist, dass sich daran auch weiterhin nichts ändern wird. 50 Jahre nach den Protesten von Selma, muß man sich in Washington eingestehen, dass nicht ganz so viel aus der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre geworden ist.

 

 

San Francisco vor 50 Jahren

13. Mai 1960Der 13. Mai ist ein besonderer Tag in San Francisco und auch für Amerika. An diesem Tag 1960, dem „Black Friday“, begann die sogenannte „Free Speech Movement“ in den USA.. Der „Unter-Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten“ des Kongresses versuchte an diesem Freitag erneut eine Sitzung im Rathaus abzuhalten. Am Tag zuvor wurde sie von Protesten unterbrochen. Mit diesen Anhörungen im ganzen Land wollte man mögliche Verbindungen von Gewerkschaften, Professoren und Filmschaffenden mit der kommunistischen Partei offenlegen.

Vor dem Gebäude hatten sich erneut Demonstranten eingefunden, die dann auch in das Gebäude gelangten und die gewaltige Treppe nach oben drängten. Gemeinsam sangen sie „We Shall Not Be Moved“, ein Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Friedlich und laut, aber keineswegs aggressiv. Doch dann eskalierite die Situation. Die Polizei drehte Feuerwehrschläuche auf die zumeist teilnehmenden Studenten, um anschliessend Schlagstöcke einzusetzen. Dutzende von Demonstranten wurden verhaftet. Die Bilder des Protests waren am kommende Tag auf den Titelseiten aller Zeitungen. FBI Direktor J. Edgar Hoover erklärte, die Studenten seien von der kommunistischen Partei zu dieser Aktion angestiftet worden. Mit den Filmaufnahmen, die während des Protests gedreht wurden, wurde sogar ein Propagandafilm der Regierung zusammengestellt, der anschliessend in Schulen, Universitäten und in Kasernen aufgeführt wurde. Doch der Film ging nach hinten los und zeigte vielmehr, dass die Demonstranten brutal von der Polizei angegangen wurden.

„Black Friday“1960 ist ein geschichtsträchtiger Tag. Er zog einen Schlussstrich unter die 50er Jahre, war der Auftakt für eine massive Studentenbewegung und die „Free Speech Movement“, die sich von San Francisco und Berkeley im ganzen Land ausbreitete. Und die Bilder dieses Tages manifestierten im Bewußtsein der Amerikaner die Idee der „Left Coast“. Damit wird immer wieder beschrieben, dass die Menschen an der Westküste, der linken Küste Amerikas, politisch anders denken, als im Rest des Landes.

Gegen Mittag am heutigen 13. Mai werden sich eine Handvoll grauhaariger Männer und Frauen genau dort treffen, wo vor 50 Jahren Geschichte geschrieben wurde.

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