Eine Frau voller Kraft, Mut und Glauben

Reinhild Schneider kommt aus Bernbach bei Neustadt an der Aisch. 15 Jahre lang lebte die 53jährige im Kongo. Anfangs im Südosten in Lubumbashi, dann in Bukavu, Süd-Kivu, direkt an der Grenze zu Ruanda. Eine wunderschöne Landschaft, doch Schauplatz eines brutalen Krieges verschiedenster Armeen und Milizen und Interessen. Allein in den letzten15 Jahren sollen in dieser Region im Osten des Kongos rund sechs Millionen Menschen direkt oder indirekt durch die Kriegshandlungen getötet worden sein.

Und hier lebte und arbeitete Reinhild Schneider als Pfarrerin, entsandt von der evangelischen Landeskirche Bayern. Unermüdlich, immer mit einem Lächeln und einem offenen Ohr für die Menschen um sie herum. Sie strahlt Kraft, Mut, Energie, Zuversicht, Nähe, Menschenliebe und einen unerschütterlichen Glauben an Gott aus.

Ich konnte Reinhild Schneider in Bukavu besuchen und sie dort für ein paar Tage begleiten. Hier ein Audioportrait.

Audiobeitrag Reinhild Schneider     

Im Mai verließ Reinhild Schneider nach 15 Jahren den Kongo. Für sie war klar, dass es ein Ende geben wird. Sie wollte aus freien Stücken gehen, den Zeitpunkt selbst wählen, genau dann, wenn sie der Überzeugung ist, dass dieser Punkt für sie persönlich erreicht ist. Reinhild Schneider will sich erst einmal eine kurze Auszeit gönnen, bevor sie wieder als Pfarrerin arbeiten wird. Sie hofft, in einer Pfarrei in Franken.

Singen für die Gäste

Überall wohin man kommt, wird gesungen. So auch in der kleinen Gemeinde Kilungutwe, die rund 120 Kilometer, also drei Autostunden, südwestlich von Bukavu liegt. Die lutherische Gemeinde erwartete die Besucher schon auf der Straße ins Dorf. Von dort ging es dann singend und tanzend in die kleine Kirche der Gemeinde. Beten, singen, reden, die Situation und das Leben in Kilungutwe beschreiben. Auf der Dorfstraße standen bewaffnete Soldaten, denn noch immer greifen Hutu-Milizen, die in den Bergen um die Ortschaft leben, die Menschen an.

Bei all den Schwierigkeiten, die das Leben hier mit sich bringt, von Vergewaltigungen bis Raub und Mord, Verschleppungen und Zerstörung des gesamten Hab und Guts, die Menschen hier lassen sich nicht entmutigen. Sie sagen, das hier ist ihre Heimat, ihr Zuhause und Gott ist mit ihnen.

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„It takes a village…“

„…to raise a child“. Dieser Satz der einstigen First Lady Hillary Clinton erlebt eine ganz neue Bedeutung im Kongo. Hier muß man zusammen halten und zusammen arbeiten, um auch nur kleine Fortschritte zu erzielen.

Die lutherische Grundschule im kleinen Ort Kilungutwe. Am Rande des Dorfes gelegen findet man zwei Klassenzimmer aus Backsteinen (Bild links), selbstgezimmerte, wackelige Schulbänke, die Fenster offen, Lehmboden. Einen kleinen Hügel hinauf liegen zwei weitere Klassenzimmer für die älteren Kinder. Ein Lehmbau mit Strohdach, der mehr an einen Stall als an eine Bildungseinrichtung erinnert.

Und auch in Bukavu, immerhin eine Großstadt, ist das Bild nicht besser. In der Gemeinde Bizimana stehen zwar größtenteils aus Backsteinen gefertigte Klassenzimmer, doch der Gesamteindruck ist mehr als ärmlich. Über 400 Kinder werden hier unterrichtet. Der Boden ist unbefestigt, draußen ist es schlammig. Gleich neben dem Klassenzimmer der 1A (Bild) liegen die Außentoiletten. Im Raum riecht man die Fäkalien. Bis zu fünf Kinder teilen sich eine Schulbank. Ein paar Schüler schreiben auf Schiefertafeln, einige haben Hefte, der Großteil jedoch kann gar nicht mitschreiben. Die Unterrichtsmaterialien fehlen hier überall.

Die Schule ist eine halbstaatliche, was bedeutet, die lutherische Kirche ist der Träger, die Lehrer müßten aber eigentlich vom Staat finanziert werden. Müßten….denn  seit längerem, teilweise schon seit Jahren, haben sie kein Gehalt mehr bekommen. 40 Dollar im Monat erhält ein Lehrer normalerweise, nun leben sie von den kleinen Schulbeiträgen der Schüler. Und die kommen auch eher sporadisch und meist nur teilweise. Und dann hat der Staat am Anfang des Schuljahres verkündet, dass alle Schulen für die ersten drei Klassen kostenlos sind, was zur Folge hat, dass die Eltern nun kein Schulgeld mehr zahlen müssen. Und das, obwohl der Staat auch weiterhin nicht die Lehrer bezahlt. Eine fatale Situation.

Vor kurzem wurde einigen Lehrern ein Teilmonatsgehalt ausgezahlt. 20.000 kongolesische Franc, also rund 20 Dollar. Allerdings erhielten die Lehrer nur 17.000. Denn derjenige, der die Kasse verwaltete mußte auch was bekommen und der mußte ebenfalls etwas an seinen Vorgesetzten abdrücken.

Die Situation ist nicht anders bei den Schülern, die nach dem Abschluß den Sprung auf die Universität schaffen. Auch hier müßten die Professoren eigentlich vom Staat finanziert werden, doch Gehälter werden schon lange nicht mehr bezahlt. Deshalb treiben die Professoren das Geld bei den Studenten ein. In jeder Vorlesung, vor jeder Prüfung, wenn man die korrigierte Arbeit zurück haben will und dann auch noch das Zeugnis bekommen möchte. Natürlich zahlt man extra für die Prüfungsunterlagen, die der Prof. selbst zusammen gestellt hat.

Die Regierung in Kinshasa und der gesamte Staatsapparat leben auf dem Rücken der Bevölkerung. Für alles und nichts muß gelöhnt werden. Vor allem bei staatlichen Einrichtungen wird von den Beamten kräftig zugelangt, denn die kleinen Zugelder sind ihr Einkommen. Wenn man sich die Zustände in den Schulen ansieht weiß man, dass der Kongo in absehbarer Zeit nicht voran kommen wird. Und das, obwohl dieses Land, aufgrund seiner Bodenschätze zu einem der reichsten der Welt zählen könnte.

Kongo – Hoffnung ohne Zukunft

Der Kongo, ein Land, das man nicht zu fassen bekommt. Riesig wie Europa, aber unwegbar, ohne Infrastruktur wie Straßen, funktionierende  Strom- und Wasserversorgung, geprägt von Korruption in allen Gesellschaftsschichten, regiert von einer Machtelite, die das an und für sich reiche Land erbarmungslos ausbeutet.

An der Grenze zum Kongo, auf der ruandischen Seite in Cyangugu, treffe ich noch auf Sigi und Gerti, zwei Nürnberger, die mit dem Motorrad unterwegs sind. Ein Jahr haben sie für die Reise aus Franken nach Südafrika eingeplant. Ums östliche Mittelmeer herum, über Ägypten, durch den Sudan, Uganda und nun Ruanda. Sie bleiben in Ruanda, der Kongo ist zu unsicher, und auch mit ihren Cross Bikes würden sie dort nicht weit kommen.

Die Grenzstadt der DRC, der Democratic Republic of Congo, ist Bukavu mit heute fast einer Million Einwohner. Kaum geteerte Straßen, meist gibt es nur zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens fließend Wasser, der Strom kann auch mal mehr als einen Tag weg bleiben. Die Menschen hier leben vom Handel, von Dienstleistungen,  wie das Tragen von Materialien, Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel. Die Stadt, einst eine boomende Metropole in Süd-Kivu, ist gezeichnet von den Jahren. Vom andaunernden Krieg, von den Flüchtlingsströmen nach dem Genozid in Ruanda 1994 und der Vernachlässigung durch die weit entfernte Regierung in Kinshasa. Öffentliche Gelder kommen hier so gut wie nicht an. Das sieht man den Straßen, den Gebäuden, der gesamten Infrastruktur an.

Pfarrerin Reinhild Schneider aus Neustadt/Aisch lebt seit 15 Jahren im Kongo. Erst in Lumumbashi, der zweitgrößten Stadt des Kongos im Süden des Landes und dann in Bukavu. Durch ihre Augen das Land zu sehen ist ein Erlebnis, ein Abenteuer. Überall wohin wir kommen werden wir mit Gesängen und von lachenden Menschen empfangen. Und überall herrscht tiefe Armut. Im Waisenhaus in Bagira, in der Gemeinde Bizimana mit ihrem Seifenprojekt und auch in dem entfernt gelegenen Dorf Kilungutwe. Eine wunderschöne, ja traumhafte Landschaft, doch die Gegend ist noch immer von Unruhen geprägt. Auf den Bergen leben Hutu-Milizen aus Ruanda, die die Bevölkerung terrorisieren. Mit Vergewaltigungen, Brandschatzerei, Raub und Mord. Die Regierung in Kinshasa und auch die Truppen der Vereinten Nationen bringen die Situation nicht unter Kontrolle.

In Kilungutwe werden wir von der lutherischen Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf mit Gesängen empfangen. Gemeinsam mit ihnen laufen wir ins Dorf, zur Kirche, einem aus Baumstämmen und Strohdach gefertigten Unterschlupf. Gleich nebenan meckert eine Ziege. Und dort berichten nach dem Empfang und dem Gebet Frauen und Männer, Jugendliche, Lehrer und Schüler von dem Leben, dem Alltag, der Angst und ihrer Hoffnung. Sie tragen ihre Bitten vor, hoffen, dass man helfen kann. Es geht um Kleinigkeiten, kleine Beträge, die hier die Welt bedeuten. Und trotz der sehr schwierigen und nach wie vor unsicheren Situation, sind die Menschen voller Lebensfreude, was man als Besucher nur schwer zu verstehen vermag. Alleine die Tatsache, das wird immer wieder betont, dass man da ist, sich für sie und ihr Leben interessiert, zeigt ihnen, dass es Hoffnung gibt. Man sitzt da, hört die Beschreibungen der Gewalt, der Vergewaltigungen, des Alltags und ist tief betroffen und beschämt.