„Ich dachte, Du kannst helfen“

Als ich im letzten November nach Somaliland und Puntland reiste, fragten mich einige ersteinmal „wo ist das denn?“. Als ich Somalia sagte, kam die Antwort „Ja, spinnst Du denn, viel zu gefährlich!“ Als ich hier war, griffen IS-Terroristen Paris an. Seitdem ist viel passiert in der Welt, es knallte überall: San Bernardino, Istanbul, Orlando, Brüssel, Nizza, Würzburg, Ansbach, das sind die Orte, die mir gerade einfallen. Es sind sicherlich noch mehr. 2016 hat sich die Welt verändert und ich kann nur folgern, Hargeisa ist nicht gefährlicher als andere Orte. Ganz im Gegenteil, hier erklärt man mir, die nichtanerkannte Republik sei sicher.

Selbst Esel helfen beim Aufbau der somaliländischen Wirtschaft.

Esel helfen beim Aufbau der somaliländischen Wirtschaft.

Bei Reisen außerhalb der Stadtgrenzen der Hauptstadt ist für Ausländer gesetzlich eine bewaffnete Eskorte vorgeschrieben. Die bezahlt man selbst. Ein Sicherheitsgefühl bekommt man deshalb nicht unbedingt, auch wenn die beiden Polizisten Maschinengewehre bei sich führen. Irgendwie ist so eine Wumme und eine Uniform nur störend, wenn man Interviews führen möchte, gerade bei eher „persönlichen“ Themen. Aber egal, Gesetz ist Gesetz und daran hält man sich eben.

Hier in Somaliland gibt es jedoch eine Krise, die außer Kontrolle geraten könnte: die Jugendarbeitslosigkeit. Der Großteil der jungen Leute hat keinen Job. Jeden Tag sieht man viele von ihnen auf der Straße, einfach so, herumlaufend, nichts tun. Als westlicher Besucher wird man angesprochen, ich bin da keine Ausnahme. Egal wo ich sitze, jemand kommt auf mich zu, fragt mich, woher ich komme, was ich hier mache und ob ich Kontakte habe. Ali ist einer von ihnen. Vor ein paar Tagen saß ich im Garten des Hotels, als er mit ein paar Freunden auf mich zukam, höflich fragte, ob er sich setzen dürfte und anfing von sich zu erzählen. Er hat studiert, spricht fließend Englisch, hat seine Abschlüsse und findet keinen Job. „Ich dachte, Du kannst helfen“, meinte er zu mir. In Somaliland kann man sich nicht einfach bewerben, man muß jemanden kennen, der wieder jemanden kennt, der wieder jemanden kennt. Familie, Clan, Vitamin B sind hier die wichtigen Grundlagen für eine Karriere. Nicht die Qualifikation, sondern die Zugehörigkeit zählt. Das und das mangelnde Jobangebot treibt viele, zum Teil gut ausgebildete junge Leute auf die Lange Reise nach Europa. „Tahreeb“ ist in aller Munde.

Das behindert eine Entwicklung, die sowieso auf sehr brüchigen Grundfesten gebaut wird. Somaliland ist international nicht anerkannt, und das schon seit 25 Jahren. Die kleine Republik mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern hat über die Jahre demonstriert, dass sie friedlich ihren eigenen Weg gehen will. Doch Deutschland, die EU, die USA und die UN setzen auf ein wiedervereinigtes Somalia, ein Land, das es nicht mehr geben wird. Sowieso gab es das geeinte Somalia noch nie. 1961 gingen die einstigen italienischen und britischen Kolonien zusammen. Doch schon schnell wurde klar, es passt nicht. 1981 gründete sich im Exil die Rebellenbewegung Somali National Movement (SNM). Das Ziel war die Abspaltung der einstigen britischen Kolonie Somaliland von Rest Somalia. Der bewaffnete Kampf der SNM endete 1988 in der Bombardierung der Städte Hargeisa und Burao durch die Regierungstruppen des Diktators Siad Barre. 40.000 Menschen starben, 400.000 wurden vertrieben. Als Barre 1991 entmachtet wurde, war vielen in Somaliland klar, die Chance für die Unabhängigkeit war gekommen. Die Republik Somaliland wurde ausgerufen.

Rest-Somalia versank im Chaos. Die Hauptstadt Mogadischu gibt es nur auf dem Papier. Seit 25 Jahren wird South-Central Somalia und Puntland nicht von einer Zentralregierung regiert. Puntland erklärte sich 1998 für autonom, ist aber offen für eine Wiedervereinigung. Somaliland hingegen lehnt das strikt ab. Und die Menschen in Somaliland zahlen dafür einen hohen Preis. Sie leben in Frieden, doch die wirtschafliche Situation verschlechtert sich, gerade auch, weil die Anforderungen an die Regierung wachsen. Dringend benötigte Entwicklungsgelder und Aufbauhilfen fehlen, die gehen nach Mogadischu, denn die Regierung in Hargeisa wird nicht anerkannt. Somaliland heute hängt am Tropf der somalischen Diaspora, die in Europa, den USA und Kanada lebt. Das kann jedoch keine langfristige Lösung bleiben. Nicht für Ali und die vielen anderen jungen Leute und nicht für das Horn von Afrika. Deutschland, Europa und die internationale Gemeinschaft müssen handeln, um endlich ein klares Zeichen für ein friedliches und friedliebendes Land zu setzen.

Flüchtlinge Willkommen

Einstudieren der Nationalhymne.

Einstudieren der Nationalhymne.

In der noch jungen Republik Somaliland gibt es IDP-Camps, Lager für „Internally Displaced People“, Inlandsflüchtlinge. Eines davon besuchten wir heute außerhalb von Burco, in dem rund 50.000 Menschen leben. CARE unterstützt dort eine Schule, hat bei deren Aufbau geholfen, finanziert die Aus- und Fortbildung der Lehrer und fördert besonders Angebote für Mädchen. Die Klassenzimmer sind nicht überfüllt, nur 35 Prozent der Kinder im Lager gehen zur Schule. Doch die, die hier sind, sind mit vollem Eifer dabei. In einer Klasse wird die Nationalhymne gelernt, ein kleiner Knirps schmettert immer wieder den Refrain „Samo ku waar“ lauthals mit. In der nächsten Klasse wird Englisch gelehrt, eine weitere Kinderschar wird in Mathematik geschult. Die Besucher mit Fotokamera und Aufnahmegerät werden mit großen Augen beobachtet.

Das IDP-Camp ist zu einer eigenen Kleinstadt geworden.

Nach der Grundschule müssten die Kinder eigentlich in die „Secondary School“, doch die liegt in Burco und verlangt Schulgeld. Deshalb marschieren nicht alle der Schülerinnen und Schüler eden Tag die 45 Minuten dorthin und wieder zurück. Die Eltern im Lager wünschen sich eine eigene fortführende Schule, doch dafür fehlt das Geld.

Das IDP-Camp hat sich zu einer eigenen kleinen Stadt am Rande der zweitgrößten Metropole Somalilands entwickelt. Läden, Moscheen und ein hoher Mobiltelefonmast deuten darauf hin, dass dies hier kein Durchgangslager ist. Eine Frau und Mutter, die auch im Schulrat ist, wuchs in der Gegend auf, wurde durch die Kriegshandlungen vertrieben und kam wieder hierher zurück. Sie gilt als ein Inlandsflüchtling und lebt im Lager. Sie will hier in ihrem Haus mit ihren Mann und den Kindern bleiben. Die Bevölkerung in der nahegelegenen Stadt unterstütze die Bewohner des Lagers, erst kürzlich, nach einem Unwetter, habe man gemeinsam etliche Hütten wieder aufgebaut.

Auch sie spricht von der Gefahr, dass ihr ältester Sohn offen mit dem Gedanken spielt wegzugehen. Er sei 18 Jahre alt und sehe keine Zukunft für sich in Somaliland. Sie versuche zwar ihn zu halten, verwöhne ihn, wo es nur geht, aber sie wisse, sie werde ihn nich halten können, wenn er sich für die lange Reise nach Europa entscheidet. Es ist dieser seltsame Widerspruch, auf den man in Somaliland immer wieder stößt. Hier Menschen, die voller Tatendrang am Aufbau des Landes helfen wollen. Viele von ihnen kamen aus dem Ausland zurück, um mit ihrem Wissen und mit ihrem Geld dabei sein zu können. Dort gerade viele junge Frauen und Männer, die Somaliland den Rücken zukehren, sich auf eine lange und gefährliche Reise Richtung Europa machen wollen. Nichts wird sie aufhalten, außer einer Zukunftsperspektive im eigenen Land.

Am Nachmittag fuhren wir im Autokonvoi von Burco nach Hargeisa zurück. Mit dabei auch wieder ein Wagen mit einem bewaffneten Polizisten. Das ist die Auflage der Regierung, wenn man die Hauptstadt als westlicher Besucher verläßt. Die Gefahr von Entführungen soll so vermieden werden. Der Vorteil dabei ist, an den vielen Straßenkontrollen wird man einfach nur durchgewunken. Hargeisa, so habe ich nun auch gelernt, kann man übrigens mit „I“ oder „Y“ schreiben, ganz wie man will. Und das sind nicht die einzigen Ortsnamen, die mal so, mal so geschrieben werden. Burco oder Burao geht auch, wer soll da noch durchblicken!? Anyway…die Autofahrt wieder hoch zum Meer und dann runter in die Hauptstadt war beeindruckend schön. Das Fenster runtergelassen, der Fahrtwind, die heiße Sonne, die wunderschöne Landschaft, die teils fremdartigen Eindrücke, die an einem vorbeiziehen…Somaliland ist eine Reise wert. Wohl noch nicht jetzt und für jeden, aber vielleicht und hoffentlich bald.

Es geht um viel mehr als nur Wasser

Heute ging es zunächst ums Wasser. CARE unterstützt in Somaliland zahlreiche Wasserprojekte. Aus gutem Grund, denn vor kurzem erst meinte der Präsident der Republik Somaliland, Ahmed Mohammed Mahamoud Silanyo, das Problem Nummer Eins in seinem Land sei Wasser, das Problem Nummer Zwei sei Wasser, das Problem Nummer Drei sei Wasser.

So einfach kann eine erfolgreiche, internationale Partnerschaft aussehen.

So einfach kann eine erfolgreiche, internationale Partnerschaft zwischen Deutschland und Somaliland aussehen.

Gleich mehrere Hilfsorganisationen sind im Bereich der Wasserversorung aktiv. Dabei geht es jedoch auch um einen gesamtgesellschaftlichen Blick, der mit Wasser zusammenhängt. CARE fördert in zahlreichen Dörfern in Somaliland ein interessantes Projekt; Brunnen, deren Pumpen mit Solarkraft  betrieben werden. Doch der Strom, der aus den Solarzellen gewonnen wird, wird auch an lokalen Geschäfte verkauft. Und das ist der smarte Schachzug dabei. Man muß wissen, dass die nichtanerkannte Republik Somaliland eines der fortschrittlichsten Zahlungssysteme in Afrika entwickelt hat. So gut wie alles und so gut wie überall wird mit dem Handy bezahlt. Das liegt daran, dass man hier kein Bankensystem mehr hat, keine internationale Bank ist mehr vor Ort. Vor wenigen Jahren zog sich auch noch Western Union aus der abtrünnigen Republik zurück, somit hatten Somalier im Ausland keine Möglichkeit mehr, Geld an ihre Verwandten daheim zu schicken. Also wurde ein System entwickelt, das fast jeder hier nutzt. Von der Rechnung nach dem Teetrinken bis zum Fahrkartenkauf im Bus. Per Klick wird bezahlt und überwiesen.

Was hat nun diese Art des Geldtransfers mit der von CARE geförderten Wasserpumpe zu tun? Ganz einfach, die Handys müssen aufgeladen werden, die Stromversorgung ist vor allem auf dem Lande nach wie vor mangelhaft, meist gar nicht vorhanden, in den wenigsten Privathäusern gibt es einen Stromanschluß. Deshalb werden an öffentlichen Kiosken die Mobiltelefone aufgeladen und die beziehen in den verschiedenen Dörfern ihren Strom von den Solarzellen für die Wasserpumpe. Mit dem Erlös aus dem Elektrizitätshandel wird ein eigens ausgebildeter Mechaniker finanziert, der bei Störungen schnell reagieren und Wasserpumpe sowie Stromversorgung reparieren kann. Ein brillanter Kreislauf auf kleiner Ebene, der eigentlich nur zustande kam, weil man immer wieder vor das Problem stieß, wie man die Pumpen langfristig instand halten könnte.

In der Ausbildung geht es um mehr als nur die Reparatur einer Wasserpumpe.

In der Ausbildung geht es um mehr als nur die Reparatur einer Wasserpumpe. Für was die schicken Bauhelme allerdings waren, konnte ich auch nicht herausfinden.

Am heutigen Morgen besuchten wir zuerst Vertreter des Wasserministeriums, danach die Ausbildungswerkstätte, in denen die lokalen Fachkräfte geschult werden. Sie kommen aus den Regionen und gehen mit ihren Kenntnissen auch dahin wieder zurück. Derzeit gibt es 19 dieser Wasser-Strom-Kreisläufe, weitere sollen und werden folgen.

Am Nachmittag ging es dann erst Richtung Norden bis ans Meer, von dort dann östlich bis nach Burco. Eine lange Autofahrt, auf der wir jedoch die Schönheit dieses Landes sehen konnten. Heute Abend stand noch ein Treffen mit Jugendlichen und jungen Leuten an. Ich sprach mit drei jungen Frauen, eine von ihnen flüchtete als 19jährige über Djibouti in den Jemen und weiter nach Saudi Arabien. Nach fast einem Jahr kehrte sie nach Somaliland zurück. Eine 17jährige versuchte zweimal Richtung Westen zu kommen, um dann über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Ihre Reise endete jedesmal in Äthiopien, sie wurde abgeschoben nach Somaliland. Nun will sie hier bleiben und hofft, Inschallah, auf eine Zunkunt. Die dritte Frau kam als 15jährige hierher, sie ist stolze Somaliländerin, erfolgreich, will am Aufbau dieses Landes beitragen. Drei ganz verschiedene Geschichten von jungen Menschen in diesem Land, das es eigentlich doch gar nicht gibt.