Zwischen den Welten

Oakland, Frankfurt, Addis Abeba, Hargeisa, Burco, Garewo, Hargeisa, Addis Abeba, Frankfurt. Dazwischen liegen Tage voller Erlebnisse, Erfahrungen, Geschichten. Es war eine Reise, auf die ich mich vorbereiten wollte, doch das, was ich zu Somalia und Somaliland finden konnte war nicht viel. Es gab die Nachrichten und Reisewarnungen, Terror, Piraterie, Entführungen. Auf dem Hinflug konnte ich mir so gar nicht vorstellen, wohin es ging und was da auf mich wartete.

Auf dem langen Rückflug dachte ich viel über die letzten Tage nach. Dachte an das, was ich gesehen habe, was ich erleben durfte. Dachte an die vielen Menschen, mit denen ich sprechen konnte, die uns in ihre Häuser einluden, die ihre Geschichten erzählten. Die von ihren Erfahrungen und Wünschen, ihren Hoffnungen sprachen. Die Gespräche mit einer älteren Frau in einem kleinen Dorf ein paar Autostunden außerhalb von Burco. Dort unterstützt CARE eines dieser Wasser-/Solarprojekte, das sehr gut in der Gemeinde ankommt. Die Frau lud uns in das Haus einer Nachbarin ein, sie erzählte von ihrem Leben, von den Härten der vergangenen Jahre, doch vor allem von der Sicherheit, die es jetzt gebe. Sicherheit, dieses Wort tauchte in so vielen Gesprächen in Somaliland und Puntland immer wieder auf. Ein Wort, dass für mich selbstverständlich ist, in Nürnberg und auch in Oakland. In der Region am Horn von Afrika haben die Menschen lange auf dieses Gefühl warten müssen. Die Spuren des Krieges, der Unruhen, des Terrors sind noch immer zu finden, sind gegenwärtig. An vielen Gebäuden sieht man Einschusslöcher, kann man Patronenhülsen im Sand finden. Auch in den Flüchtlingslagern kam die Sicherheit immer wieder zur Sprache. Egal wie die Lebensumstände auch sind, ein Leben ohne Angst war stets der innigste Wunsch.

Es war eine spannende, interessante, teils beschwerliche Reise in eine Region, die ich nur aus den Schreckensmeldungen kannte. Somalia, vor allem Mogadischu brachte ich nur mit der Befreiung der Lufthansa Maschine 1977 und der brutalen Schreckensherrschaft der Al-Schabaab Terrorgruppe in Verbindung. Von Puntland, Somaliland hatte ich nur am Rande gehört. Städte, wie die Millionenmetropole Hargeisa, Burco, in der so viele Menschen wie in Nürnberg leben und Garewo, der Hauptstadt von Puntland kannte ich gar nicht.
Es hat sich gelohnt dorthin zu fahren. Die zielgerichtete und erfolgreiche Arbeit von CARE zu sehen, die vielen Menschen vor Ort kennenzulernen, ihre „Stories“ zu hören, einen Eindruck von dieser vergessenen Region zu bekommen. Nun bin ich gefragt, in den nächsten Tagen und Wochen einen Platz in den verschiedenen Medien zu finden, um über all das zu berichten. Über Flüchtlinge und Fußball, über Wasserprojekte und Bildung, über Rückkehrer und die Hoffnung auf eine sichere Zukunft.

Flüchtlinge Willkommen

Einstudieren der Nationalhymne.

Einstudieren der Nationalhymne.

In der noch jungen Republik Somaliland gibt es IDP-Camps, Lager für „Internally Displaced People“, Inlandsflüchtlinge. Eines davon besuchten wir heute außerhalb von Burco, in dem rund 50.000 Menschen leben. CARE unterstützt dort eine Schule, hat bei deren Aufbau geholfen, finanziert die Aus- und Fortbildung der Lehrer und fördert besonders Angebote für Mädchen. Die Klassenzimmer sind nicht überfüllt, nur 35 Prozent der Kinder im Lager gehen zur Schule. Doch die, die hier sind, sind mit vollem Eifer dabei. In einer Klasse wird die Nationalhymne gelernt, ein kleiner Knirps schmettert immer wieder den Refrain „Samo ku waar“ lauthals mit. In der nächsten Klasse wird Englisch gelehrt, eine weitere Kinderschar wird in Mathematik geschult. Die Besucher mit Fotokamera und Aufnahmegerät werden mit großen Augen beobachtet.

Das IDP-Camp ist zu einer eigenen Kleinstadt geworden.

Nach der Grundschule müssten die Kinder eigentlich in die „Secondary School“, doch die liegt in Burco und verlangt Schulgeld. Deshalb marschieren nicht alle der Schülerinnen und Schüler eden Tag die 45 Minuten dorthin und wieder zurück. Die Eltern im Lager wünschen sich eine eigene fortführende Schule, doch dafür fehlt das Geld.

Das IDP-Camp hat sich zu einer eigenen kleinen Stadt am Rande der zweitgrößten Metropole Somalilands entwickelt. Läden, Moscheen und ein hoher Mobiltelefonmast deuten darauf hin, dass dies hier kein Durchgangslager ist. Eine Frau und Mutter, die auch im Schulrat ist, wuchs in der Gegend auf, wurde durch die Kriegshandlungen vertrieben und kam wieder hierher zurück. Sie gilt als ein Inlandsflüchtling und lebt im Lager. Sie will hier in ihrem Haus mit ihren Mann und den Kindern bleiben. Die Bevölkerung in der nahegelegenen Stadt unterstütze die Bewohner des Lagers, erst kürzlich, nach einem Unwetter, habe man gemeinsam etliche Hütten wieder aufgebaut.

Auch sie spricht von der Gefahr, dass ihr ältester Sohn offen mit dem Gedanken spielt wegzugehen. Er sei 18 Jahre alt und sehe keine Zukunft für sich in Somaliland. Sie versuche zwar ihn zu halten, verwöhne ihn, wo es nur geht, aber sie wisse, sie werde ihn nich halten können, wenn er sich für die lange Reise nach Europa entscheidet. Es ist dieser seltsame Widerspruch, auf den man in Somaliland immer wieder stößt. Hier Menschen, die voller Tatendrang am Aufbau des Landes helfen wollen. Viele von ihnen kamen aus dem Ausland zurück, um mit ihrem Wissen und mit ihrem Geld dabei sein zu können. Dort gerade viele junge Frauen und Männer, die Somaliland den Rücken zukehren, sich auf eine lange und gefährliche Reise Richtung Europa machen wollen. Nichts wird sie aufhalten, außer einer Zukunftsperspektive im eigenen Land.

Am Nachmittag fuhren wir im Autokonvoi von Burco nach Hargeisa zurück. Mit dabei auch wieder ein Wagen mit einem bewaffneten Polizisten. Das ist die Auflage der Regierung, wenn man die Hauptstadt als westlicher Besucher verläßt. Die Gefahr von Entführungen soll so vermieden werden. Der Vorteil dabei ist, an den vielen Straßenkontrollen wird man einfach nur durchgewunken. Hargeisa, so habe ich nun auch gelernt, kann man übrigens mit „I“ oder „Y“ schreiben, ganz wie man will. Und das sind nicht die einzigen Ortsnamen, die mal so, mal so geschrieben werden. Burco oder Burao geht auch, wer soll da noch durchblicken!? Anyway…die Autofahrt wieder hoch zum Meer und dann runter in die Hauptstadt war beeindruckend schön. Das Fenster runtergelassen, der Fahrtwind, die heiße Sonne, die wunderschöne Landschaft, die teils fremdartigen Eindrücke, die an einem vorbeiziehen…Somaliland ist eine Reise wert. Wohl noch nicht jetzt und für jeden, aber vielleicht und hoffentlich bald.

Es geht um viel mehr als nur Wasser

Heute ging es zunächst ums Wasser. CARE unterstützt in Somaliland zahlreiche Wasserprojekte. Aus gutem Grund, denn vor kurzem erst meinte der Präsident der Republik Somaliland, Ahmed Mohammed Mahamoud Silanyo, das Problem Nummer Eins in seinem Land sei Wasser, das Problem Nummer Zwei sei Wasser, das Problem Nummer Drei sei Wasser.

So einfach kann eine erfolgreiche, internationale Partnerschaft aussehen.

So einfach kann eine erfolgreiche, internationale Partnerschaft zwischen Deutschland und Somaliland aussehen.

Gleich mehrere Hilfsorganisationen sind im Bereich der Wasserversorung aktiv. Dabei geht es jedoch auch um einen gesamtgesellschaftlichen Blick, der mit Wasser zusammenhängt. CARE fördert in zahlreichen Dörfern in Somaliland ein interessantes Projekt; Brunnen, deren Pumpen mit Solarkraft  betrieben werden. Doch der Strom, der aus den Solarzellen gewonnen wird, wird auch an lokalen Geschäfte verkauft. Und das ist der smarte Schachzug dabei. Man muß wissen, dass die nichtanerkannte Republik Somaliland eines der fortschrittlichsten Zahlungssysteme in Afrika entwickelt hat. So gut wie alles und so gut wie überall wird mit dem Handy bezahlt. Das liegt daran, dass man hier kein Bankensystem mehr hat, keine internationale Bank ist mehr vor Ort. Vor wenigen Jahren zog sich auch noch Western Union aus der abtrünnigen Republik zurück, somit hatten Somalier im Ausland keine Möglichkeit mehr, Geld an ihre Verwandten daheim zu schicken. Also wurde ein System entwickelt, das fast jeder hier nutzt. Von der Rechnung nach dem Teetrinken bis zum Fahrkartenkauf im Bus. Per Klick wird bezahlt und überwiesen.

Was hat nun diese Art des Geldtransfers mit der von CARE geförderten Wasserpumpe zu tun? Ganz einfach, die Handys müssen aufgeladen werden, die Stromversorgung ist vor allem auf dem Lande nach wie vor mangelhaft, meist gar nicht vorhanden, in den wenigsten Privathäusern gibt es einen Stromanschluß. Deshalb werden an öffentlichen Kiosken die Mobiltelefone aufgeladen und die beziehen in den verschiedenen Dörfern ihren Strom von den Solarzellen für die Wasserpumpe. Mit dem Erlös aus dem Elektrizitätshandel wird ein eigens ausgebildeter Mechaniker finanziert, der bei Störungen schnell reagieren und Wasserpumpe sowie Stromversorgung reparieren kann. Ein brillanter Kreislauf auf kleiner Ebene, der eigentlich nur zustande kam, weil man immer wieder vor das Problem stieß, wie man die Pumpen langfristig instand halten könnte.

In der Ausbildung geht es um mehr als nur die Reparatur einer Wasserpumpe.

In der Ausbildung geht es um mehr als nur die Reparatur einer Wasserpumpe. Für was die schicken Bauhelme allerdings waren, konnte ich auch nicht herausfinden.

Am heutigen Morgen besuchten wir zuerst Vertreter des Wasserministeriums, danach die Ausbildungswerkstätte, in denen die lokalen Fachkräfte geschult werden. Sie kommen aus den Regionen und gehen mit ihren Kenntnissen auch dahin wieder zurück. Derzeit gibt es 19 dieser Wasser-Strom-Kreisläufe, weitere sollen und werden folgen.

Am Nachmittag ging es dann erst Richtung Norden bis ans Meer, von dort dann östlich bis nach Burco. Eine lange Autofahrt, auf der wir jedoch die Schönheit dieses Landes sehen konnten. Heute Abend stand noch ein Treffen mit Jugendlichen und jungen Leuten an. Ich sprach mit drei jungen Frauen, eine von ihnen flüchtete als 19jährige über Djibouti in den Jemen und weiter nach Saudi Arabien. Nach fast einem Jahr kehrte sie nach Somaliland zurück. Eine 17jährige versuchte zweimal Richtung Westen zu kommen, um dann über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Ihre Reise endete jedesmal in Äthiopien, sie wurde abgeschoben nach Somaliland. Nun will sie hier bleiben und hofft, Inschallah, auf eine Zunkunt. Die dritte Frau kam als 15jährige hierher, sie ist stolze Somaliländerin, erfolgreich, will am Aufbau dieses Landes beitragen. Drei ganz verschiedene Geschichten von jungen Menschen in diesem Land, das es eigentlich doch gar nicht gibt.