Industriefriedhöfe

„Copper Country“ wird dieser Teil der Upper Peninsula von Michigan auch genannt. Hier findet man nämlich noch immer den reinsten Kupfer der Welt und das in Brocken die Kleinwagen groß sind. Doch gehoben wird dieser Schatz schon lange nicht mehr. Es lohnt sich nicht mehr, der Bergbau hat hier ausgedient, die Kumpel sind weitergezogen, haben umgeschult oder ganz mit der Maloche aufgehört.

Zurückgeblieben sind, wie auch im Ruhrgebiet, ausgediente Industrieanlagen. Doch anders als in Dortmund, Essen, Duisburg und Gelsenkirchen wurden aus den Zechen und Industrieanlagen keine Kulturzentren, Gallerien oder Auftrittsorte geschaffen. Hier wurde nach dem Ende der Fördermaßnahmen einfach „Schicht im Schacht“ ausgerufen, abgesperrt, mit weißer Farbe „Do Not Enter“ auf die Fassade gepinselt. Licht aus, das wars!

Obwohl hier schon seit 50 und mehr Jahren kein Kupfer mehr gefördert wird, stehen viele der alten Türme noch immer in der Landschaft herum. Sie sind Zeuge einer anderen Zeit, als diese Gegend wohlhabend und reich an Arbeitsplätzen war. Die Natur hat sich einiges zurück geholt, was eben ging. Aufräumarbeiten, eine umweltgerechte Sanierung und einen Abbau der Anlagen hat es nie gegeben. Das Geld fehlte am Ende. So waren lange Zeit viele der kleineren Ortschaften nach dem Aus mit den ungesicherten Anlagen und den Umweltschäden alleine gelassen. Heute findet man in dieser Region viele „Ghost Towns“, meist nur noch Fundamente in überwucherten Ortschaften, deren Namen man einzig auf alten Landkarten finden kann. Die Wälder hier sind voller Geschichten.

Auf deutscher Spurensuche

Der „deutsche Friedhof“ außerhalb von Calumet.

In einem Antiquariat in Calumet fragte mich ein Mann, der mitbekommen hatte, dass ich nach Büchern über die deutsche Geschichte suchte, ob ich schon den „German cemetery“ besucht hätte. Einen deutschen Friedhof hier oben in der Upper Peninsula von Michigan? Ja, meinte er, nur ein paar Meilen nördlich auf dem Highway 41 und dort auf der linken Seite, der Friedhof sei total überwachsen.

Das wollte ich sehen, denn ich bin ja immer, egal wo ich bin, auf der Suche nach Spuren deutscher Einwanderer. Ich wusste davon, dass zahlreiche deutsche Emigranten in die Region kamen, um im Kupfer Bergbau zu arbeiten oder in den damals boomenden Gemeinden der Region Arbeit zu finden. Natürlich brachten die Deutschen auch ihre Kultur mit, deutsche Vereine und Brauereien, wie die „Bosch Brewing Company“ von Joseph Bosch wurden gegründet. Doch das ist alles lang her. Die UP von Michigan liegt seit nahezu 100 Jahren im Dornröschenschlaf. Seit der Schließung der Minen, dem Abzug der Industrie ziehen die meisten der jungen Leute irgendwann weg. Es bleiben die Alten und die Erinnerungen an eine Zeit, als Calumet eine „Boom Town“ mit Straßenbahn, Theatern und einem Nachtleben war. Beinahe wäre Calumet sogar Hauptstadt von Michigan geworden, aber nur eben beinahe. Wenn man heute durch die Straßen dieser Stadt läuft, kann man noch etwas vom einstigen Glanz Calumets an den Fassaden der Gebäude ablesen.

Gleich mehrmals fuhr ich an dem Friedhof vorbei, der auch auf keiner Karte verzeichnet ist. Schließlich fand ich ihn hinter einem weißen Zaun. Auf einem Schild stand „Schoolcraft Cemetery“, kein Wort davon, dass das hier ein „deutscher Friedhof“ sei. Und es war wirklich alles wild überwachsen, mannshohe Sträucher, Farne, Birken und Nadelbäume. Dazwischen Grabsteine, teils umgefallen. Und tatsächlich, auf etlichen standen deutsche Namen und Schriftzüge, wie auf dem von Katharina Messner, geboren 1850, gestorben 1890. „Hier ruht in Gott – Ruhe sanft in Frieden“.

Ein kleiner Friedhof am Rande einer einstigen Bergmannsgemeinde, vergessen von den Menschen und von der Natur zurückgeholt. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte, die man wohl nie wieder hören wird, die aber vielleicht von den harten Zeiten jener Immigranten erzählen würde, die ihre eigene Heimat verlassen haben, um im fernen Amerika Arbeit, ein neues Zuhause und eine bessere Zukunft zu finden. Einwanderer wie Katharina Messner haben dieses Land groß gemacht.

Geschichtssuche im hohen Norden

Calumet in der Keweenaw Peninsula.

Calumet ist eine Kleinstadt ganz oben in der Upper Peninsula, der Keweenaw Peninsula, von Michigan. Eigentlich hätte Calumet sogar die Hauptstadt von Michigan sein sollen, doch dazu kam es dann doch nicht. Das war damals vor mehr als 100 Jahren, als die Kupferminenstadt eine wahre „Boom Town“ war. Theater, Kinos, Straßenbahnen, Tanzveranstaltungsorte, Immigranten aus aller Welt zog es hierher, vor allem Finnen, Italiener, Deutsche und Iren, die sich unter Tage ihren harten Broterwerb verdienten. In der UP lässt sich der weltweit reinste Kupfer finden, noch immer gibt es unglaubliche Vorkommen, doch gefördert wird hier nichts mehr.

Calumet wurde über die Grenzen der UP hinaus auch durch den Song „1913 Massacre“ von Woody Guthrie bekannt, der in dem Lied ein tödliches Feuer während eines Arbeiterstreiks besingt. Veröffentlicht wurde es 1941, doch nach wie hat es nichts an seiner Kraft und Energie verloren.

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Heute war ich etwas in Calumet unterwegs. Die Stadt ist überschaubaur, ein paar alte Gebäude erinnern an die ruhmreichen Zeiten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute tut man sich schwer. Die Industrie fehlt, nur wenige Touristen finden den Weg in diese abgelegene Landzunge inmitten des Lake Superior, des Oberen Sees. Der Winter ist brutal, hart und lang, im September beginnt es zu schneien und Schnee liegt hier oben meist bis Mitte Mai. Und nicht ein paar Zentimeter, hier spricht man von Metern. In den wenigen Sommermonaten blüht alles auf. Auch in Calumet, der einstigen „Boom Town“ spürt man dieses Aufatmen, dieses Sonnentanken.

Meine heutigen „Fundstücke“: Heintje singt auf Englisch und ein Buch über Baron von Steuben.

Mich hatte es wieder in den alten Buchladen „Artis Books“ gezogen, den ich in der Vergangenheit schon öfters besucht habe. Ein unglaublich reichhaltiger und vollgestopfter „used bookstore“. Ich bin dort immer auf der Suche nach alten deutschen Büchern, nach der Geschichte der Deutschen in der Keweenaw Peninsula. Und die gab es, am bekanntesten ist wohl die, des Bierbrauers Joseph Bosch, der 1874 seine „Bosch Brewing Company“ eröffnete. Ein Bierchen für die Kumpel nach einer langen Schicht im Schacht. Heute erfuhr ich von einem deutschen Friedhof in der Region nördlich von Calumet, den ich auch noch in den kommenden Tagen besuchen will.

Calumet und die Keweenaw Peninsula erinnern an Skandinavien. Vielleicht gerade deshalb zog es so viele Finnen, Norweger und Schweden hierher, die neben der Arbeit auch eine vertraute neue/alte Heimat finden wollten. Die Gegend wirkt vergessen, ja, an vielen Stellen verlassen. „Ghost towns“ kann man überall entdecken, man muss nur nach den Apfelbäumen suchen, dann stößt man auf Häuser und Ansiedlungen, von denen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Und doch, hier oben im Norden kann man sich wohl fühlen, zumindest eine Zeitlang Ruhe, Entspannung und einen inneren Ort der Entschleunigung finden.

Auf den Spuren der Deutschen

Egal wohin ich in den USA auch reise, ich suche immer Antiquariate und Second-Hand Plattenläden auf. In den Buchläden stöbere ich vor allem nach lokaler deutscher Geschichte oder eben alten Büchern, die deutsche Immigranten mit in die Neue Welt brachten. Heute war ich erneut in Calumet, durch dichten Nebel und Nieselregen ging es an Houghton und Hancock vorbei in diese einstige „Boom-Town“, in der vor 100 Jahren sogar eine Straßenbahn fuhr. Doch vom früheren Ruhm dieser Stadt ist nicht mehr viel übrig geblieben. Man muß schon wissen, wohin man hier will, sonst ist man schneller durchgefahren als erwartet.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Mich zog es auf die Fifth Street zu „Artis Books“, die Parallelstrasse zur eigentlichen Main Street, auf der Kneipen, das alte Theater, die Feuerwehr zu finden sind. Auf der Fifth ist auch die lokale Kaffee-Rösterei, Keweenaw Coffee. Ein Pfund „dark roasted“ musste ich einfach mitnehmen, denn in den Supermärkten hier gibt es nicht gerade den besten Kaffee zu kaufen. Etwa 150 Meter weiter ist dann der Buchladen. Eine schwere Eingangstür und dahinter öffnet sich eine fantastische Buchwelt. Über eine knarzige Treppe ging ich in den Keller, in dem die deutschsprachigen Bücher auf einem Eckregal standen. Ein paar Romane, alte deutschsprachige Bibeln, Sachbücher und dann auch ein paar Kuriositäten, wie „Die Gegenvorschläge der Deutschen Regierung zu den Friedensbedingungen“ und die „Antwort der alliierten und assoziierten Mächte“, veröffentlicht 1919. Und auch die „Betrachtungen zum Weltkriege“ aus demselben Jahr von Theobald von Bethmann Hollweg standen da auf dem Regal.

Im Nebenzimmer des Kellers dann allerhand Fotobände, Romane, Kunstbücher. Ich entschied mich schließlich für „The World Encyclopedia of Cartoons“, ein wunderbares und umfangreiches Nachschlagwerk, auch wenn der Fokus etwas zu stark auf dem nordamerikanischen Raum liegt. Zur Geschichte der deutschen Einwanderer fand ich ein kleines Büchlein über die Bosch Brauerei, gegründet von Joseph Bosch, der 1850 in Baden geboren wurde. Sein Vater war Brauer in Wisconsin, bevor die Familie nach Lake Linden in Michigan zog. Anfangs arbeitete der junge Bosch als Bergarbeiter, doch er wollte wie sein Vater Brauer werden. Schließlich ging er nach Milwaukee, um dort an der Schlitz Brauerei das Handwerk zu erlernen. 1876 eröffnete Joseph Bosch dann in Lake Linden, Michigan, die „Torch Lake Brewery“, die 1896 schließlich in „Bosch Brewery Company“ umbenannt wurde. Um die Jahrhundertwende war die Brauerei die größte in der „Upper Peninsula“ von Michigan, mit einer jährlichen Produktion von 60.000 Fässern. Zu dieser Zeit brummte die „UP“. Der Bergbau war der Motor der Region, die durstigen Kumpels tranken den „German“ Gerstensaft nur zu gern.

Mit der Prohibition 1919 stand die Brauerei allerdings vor dem Aus. Erst 1933 wurden die Sudkessel wieder zum Kochen gebracht, Gründer Joseph Bosch verstarb vier Jahre später, seine Kinder übernahmen den Betrieb. Der Höhepunkt für die „Bosch Brewing Company“ kam Mitte der 50er Jahre mit einem jährlichen Ausstoß von gut 100.000 Fässern. Bosch Bier war fest verankert in der „UP“. Doch mit dem Verlust von mehr und mehr Arbeitsplätzen in der Region und der Abwanderung vieler „Yoppers“ aus ihrer angestammten Heimat, wurde Anfang der 70er Jahre auch das Ende der „deutschen“ Brauerei erreicht. Bosch konnte nicht länger mit den Großbrauereien aus Detroit, St. Louis und Milwaukee konkurrieren. Am 28. September 1973 wurde das letzte Fass an Schmidt’s Corner Bar in Houghton ausgeliefert. Die Bude war rappelvoll, wie es heißt, jeder wollte noch einmal einen Schluck des beliebten lokalen Biers nehmen. Zum Ende erhallte ein lautstarkes Cheers, Prost, Skål, Kippis.

Die einstige „Boom-Town“ im Norden

Die Hauptstraße in Calumet, Michigan, läßt die Hochzeit der Stadt noch erahnen.

Die Hauptstraße in Calumet, Michigan, läßt die Hochzeit der Stadt noch erahnen.

Hoch oben, ganz im Norden der „Upper Peninsula“ von Michigan liegt Calumet, eine Kleinstadt mit gerade noch etwas über 700 Einwohnern. Das war mal anders. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier noch fast 30.000 Menschen. Das war zu einer Zeit, als in der Region der Kupferbergbau der Motor der Wirtschaft war. Doch das ist lange her. Heute erinnern noch zahlreiche alte Gebäude an diese glorreiche Zeit. Calumet war einmal „Boom-Town“, wie es ein lokaler Historiker umschrieb. Damals sollte die Kleinstadt sogar zur Hauptstadt Michigans ernannt werde. Täglich kamen mehrere Züge aus Chicago, Detroit und Minneapolis an, die Fähren pendelten regelmäßig über den „Lake Superior“, das kulturelle und soziale Leben in der Kleinstadt brummte.

Doch das ist lange her, heute findet man in „Downtown“ Calumet viele zugenagelte Ladenfronten, Häuser verfallen, die Stadt ist nur noch ein armes Zeugnis von dem, was es einmal war. Und dann ist da in einer Parallelstraße zur 6th Street ein kleiner Park. Ein Torbogen, ein paar Gedenktafeln, ein historischer Ort der amerikanischen Arbeiterbewegung und der italienischen Einwanderer in den USA. Am Heiligabend 1913 starben hier 73 Menschen, davon 59 Kinder. Während einer Weihnachtsfeier streikender italienischer Minenarbeiter schrie jemand „Feuer“ in den überfüllten Raum im ersten Stock. Die Menge stürzte panisch die einzige Holztreppe hinunter, doch die Tür nach draußen ließ sich nicht öffnen. Bis heute ist unklar wer „Feuer“ brüllte und warum der Ausgang verschlossen war.

Eine Tafel der Gewerkschaft am Torbogen erinnert an den Kampf der streikenden Arbeiter.

Eine Tafel der Gewerkschaft AFL-CIO am Torbogen erinnert an den Kampf der streikenden Arbeiter.

Es gibt viele Theorien zum „1913 Massaker“. Eine, wohl die wahrscheinlichste davon vertonte der amerikanische Folksänger Woody Guthrie. Er singt von den streikenden Arbeitern und den Firmenbossen, die Leute anheuerten, um den Arbeitskampf zu beenden.

„The copper boss‘ thugs stuck their heads in the door,
One of them yelled and he screamed, „there’s a fire,“
A lady she hollered, „there’s no such a thing.
Keep on with your party, there’s no such thing.

A few people rushed and it was only a few,
„It’s just the thugs and the scabs fooling you,“
A man grabbed his daughter and carried her down,
But the thugs held the door and he could not get out.

And then others followed, a hundred or more,
But most everybody remained on the floor,
The gun thugs they laughed at their murderous joke,
While the children were smothered on the stairs by the door.“

Calumet war nach diesem Massaker nicht mehr die gleiche Stadt. Fast jede italienische Familie in der Region war betroffen. Kurze Zeit danach schlossen auch noch die ersten Minen in der „Keweenaw Peninsula“, wie dieser Teil Michigans genannt wird. Der Kupferabbau wurde zu teuer, obwohl in dieser Region der reinste Kupfer der Welt zu finden ist. Der Anfang des Abstiegs begann, die einst boomende Kleinstadt versank in der Bedeutungslosigkeit. Der kleine Park an der Ecke 7th and Elm Street erinnert heute an die „große“ Zeit Calumets und an die größte Katastrophe im Ort.

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