Die braune Erde Somalia

Mit einem Flieger des „World Food Programs“ ging es zurück nach Hargeisa.

Heute ging es von Garowe über Boosaaso am Golf von Aden zurück nach Hargeisa. Ein Flug über Puntland hinweg im Nordosten Somalias, direkt am Horn von Afrika und dann Richtung Osten und nach Somaliland. Wie Narben ziehen sich die Flussbette durch die Landschaft. Kein Wald, kein See, kein Fluss ist von oben zu sehen. Alles ist braun, erscheint unwirtlich, fast wie eine Mondlandschaft. Wären da nicht immer wieder ein paar Dörfer.

Die letzten Tage haben mir gezeigt, wie hart das Leben in diesem Teil Afrikas ist. Besuche in den Dörfern, in den Ansiedlungen von Inlandsflüchtlingen führten mir das ganze Ausmaß der Krise vor Augen. Die Menschen haben nichts außer der Hoffnung auf bessere Zeiten. Die letzten drei Regenperioden sind bereits ausgefallen, seit Mitte März sollte es eigentlich wieder regnen. Sollte! Der fehlende Niederschlag bringt das Land an den Rand einer Katastrophe.

Vor meinem Abflug aus Garowe sprach ich noch mit dem CARE Länderdirektor für Somalia, Raheel Chaudhary.

Das ganze Ausmaß der Dürre kann man von oben sehen.

Er arbeitet seit über 20 Jahren für Hilfsorganisationen, hat in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan und eben Somalia Erfahrungen sammeln können. Auch für ihn ist diese Dürre etwas ganz Neues. Bislang, so Chaudhary, gab es Hungerkrisen in Teilen Somalias, zuletzt 2011. Doch diese hier erfasst das ganze Land, sogar darüber hinaus. Der Norden Kenias, Äthiopien, Südsudan, Jemen sind betroffen. Die Krise hat eine bislang nicht dagewesene Dimension erreicht.

Hat er Hoffnung? Raheel Chaudhary überlegt kurz und beschreibt dann das Gespräch vom Vortag, als wir in diese Nomadenansiedlung mitten im Nichts kamen und eine Frau über ihren Alltag berichtete. Sie erzählte von den Schwierigkeiten, von ihren sieben Kindern, aber auch davon, dass ihnen geholfen werde. Mit Wasser, Nahrung und Bargeld, und wenn Gott es will, werde es auch bald wieder regnen. Und dann, so die Frau, werden sie und ihre Nachbarn wieder losziehen, mit neuen Tieren fruchtbare Weidegebiete finden, Insh’allah. Insh’allah meinte Raheel Chaudhary mit einem Lächeln. Diese Frau, sagte Chaudhary zu mir heute Morgen, habe Hoffnung und das gebe auch ihm Hoffnung. Die Hilfe, die sie als Organisation geben, auch wenn sie noch so klein ist, kommt an. Auch das zeige ihm dieses Gespräch mit der Mutter. Sie gibt nicht auf, wie könnte dann er aufgeben.

Wolken ziehen vorbei

Am Himmel über Puntland sind immer mal wieder Wolken zu sehen. Gerade morgens türmen sich die Wolkenberge, doch im Laufe des Tages klart der Himmel auf. Kein Tropfen Regen ist gefallen. Die Wahrscheinlichkeit auf Niederschlag liegt derzeit bei Null Prozent. Damit nähert man sich hier der absoluten Katastrophe. Noch will das niemand offen ansprechen, doch die Zeichen sind bereits zu erkennen.

Hilfsorganisationen, wie CARE, sprechen derzeit von „MAM“, das steht für „Moderate Acute Malnutrition“. In der kleinen Ansiedlung außerhalb von Gardo in Puntland kann man sehen, was das bedeutet. Gegen Mittag, in der größten Hitze, sind wir da. Eine Zeltansammlung von Nomaden, die hier gestrandet sind. Auf der Suche nach Weideflächen und Wasser ließen sie sich schließlich auf diesem trockenen Boden neben der Landstrasse nieder. Auch in der Hoffnung Hilfe zu bekommen. Die kommt in Form von Lebensmitteln, Wasser und Bargeld. Nicht viel, aber es langt zum Überleben. Bislang noch.

Vor jeder Hütte im Flüchtlingsdorf steht eine Tonne mit dem Wasser für die Familie. Das Wasser wird mit Tankwagen hierher gebracht.

Als unsere Geländewagen halten, werden gerade die Kleinkinder unter einem Baum im Schatten gewogen und gemessen, ihre Größe und ihre Armdicke. Eigentlich alle Kinder hier sind hart an der Grenze zwischen moderater und akuter Unterernährung. Mit „Plumpy’Nut“ werden sie aufgepäppelt, in der Hoffnung, dass sie so die aktuelle Krise überstehen.

Doch die wird mit jedem Tag schlimmer. Der Regen kommt und kommt nicht, mehr und mehr Tiere verenden elendlich, Krankheiten breiten sich aus, die Menschen werden schwächer. Die Regierungen von Puntland und Somalia tun, was sie können mit den wenigen Mitteln, die sie haben. Hinzu kommen einige Hilfsorganisationen vor Ort, die gleich an mehreren Fronten zu kämpfen haben. Hier auf dem Land die Menschen zu erreichen, zu handeln, so weit das möglich ist. Und weltweit Spenden in einer von Krisen gezeichneten Welt für ein Land zu sammeln, das die meisten nur mit Krieg, Terror, Dürre und Chaos in Verbindung bringen. Tatsache ist auch, dass die Krise am Horn von Afrika morgen nicht zu Ende sein wird.

Hier spielt man bereits gedanklich „SAM“ durch, das steht für „Severe Acute Malnutrition“, der Ausbruch einer breiten Hungerkatastrophe. Und die wird kommen, wenn der Regen nicht fallen sollte. Wenn „SAM“ ausgerufen wird, müssten innerhalb von 72 Stunden nicht nur Notfallmaßnahmen anlaufen, sie müssten auch die Menschen in den abgelegendsten Teilen Somalias und Somalilands erreichen. Wenn nicht, werden Hunderttausende sterben. Hilfsorganisationen gehen bereits davon aus, dass diese anstehende Hungerkatastrophe am Horn von Afrika weitaus schlimmer sein wird, als die letzte im Jahr 2011.

 

Es rollt sich gut auf der Schotterpiste

Eineinhalb Stunden dauert der Flug von Hargeisa in Somaliland nach Garoowe in Puntland. Mit einer Fokker F50 der Fluggesellschaft Daalo ging es gegen Osten. Nur ein paar Passagiere waren an Bord. Meine Bordkarte sagte zwar 5D, aber den Sitz gab es gar nicht. „Free Seating“, meinte der Flugbegleiter zu mir. Als ich dann nach hinten gehen wollte, um mir einen passenden Fensterplatz auszuwählen, sagte er, „No, just sit in the front, because of the weight“. Das schafft Vertrauen!

Puntland von oben.

Draußen debattierte noch eine Frau mit mehreren Männern des Bodenpersonals, schließlich durfte auch sie an Bord und die Reise nach Puntland konnte beginnen. Um Hargeisa herum war noch etwas grün zu ehen, einzelne Bäume, Sträucher. Tiefe Spuren von früheren Bächen und Flüssen durchzogen die Landschaft. Immer seltener wurden Dörfer und Anwesen im Nirgendwo. Umso näher wir Garoowe kamen, um so trockener wurde das Land unter der Fokker. Eine Wüstenlandschaft so weit das Auge reicht. Die Landung war daher auch das Highlight des Fluges, das Video dazu sieht man unten.

Der Flughafen von Garoowe besteht aus einer Schotterpiste und ein paar Bretterbuden. Zahlreiche Soldaten, mit Maschinengewehren und Patronengürteln bewaffnet, sichern diesen Schotterstreifen ab. Von einer Stadt ist weit und breit nichts zu sehen. Ein Stempel in den Pass und die knappe Anordnung „Go“. Der Koffer wurde mit einem Kleinlaster die 30 Meter von der Maschine bis zur Butze gefahren. Ich schnappte ihn mir und ging durch eine weitere Bretterbude hindurch, das war wohl der puntländische Zoll. Auch dort ein paar Bewaffnete. Was die hier sichern, war mir wirklich nicht ganz klar.

Draußen traf mich die Hitze, sonst wartete niemand auf mich. Eigentlich sollte da jemand sein, war aber keiner. Etwas bedröppelt stand ich da und fragte mich, was nun? Eine Telefonnummer hatte ich nicht, auch kein funktionierendes Telefon. Mein fragender Blick schien aufzufallen, denn sofort kamen ein paar Uniformierte auf mich zu und fragten „Problem?“. „Yeap, I have a problem“, aber wie mache ich das nun verständlich? Mein Somali ist auch auf der dritten Reise nicht besser geworden. Nach mehreren Versuchen verstand einer von ihnen, dass ich auf einen Fahrer von CARE wartete. „No problem. I call“. Woher er nun die Nummer vom CARE Büro in Garoowe hatte, wußte ich nicht, aber er versuchte es. „Not good“ kam als nächstes. Er packte sich meinen Koffer und meinte „Come“. Was sollte ich auch anderes machen, also lief ich hinter ihm her in einen Schuppen aus Wellblech. Darin saßen ein paar Soldaten, ihre AK47 locker auf dem Schoß liegend, zwei Frauen, ein paar Jugendliche waren auch in dem angenehm kühlen Unterschlupf. Mein Uniformierter bot mir einen Plastikstuhl an, alle schauten auf mich und ich sagte: „Hello, how are you?“ Ein Jugendlicher antwortete mir sogar und fragte, ob ich Wasser möchte. „Where from?“ „Germany“. „Ah, German. Good“, und er lachte. Fehlte nur noch, dass er „Schweinsteiger“ sagt, wie mir das schon öfters in Afrika passiert ist.

Nach wenigen Minuten kam der Uniformierte mit dem Telefon zurück, griff sich wieder meinen Koffer und lachte. „Driver sleep“, sagte er und wir gingen auf einen Geländewagen zu, der Fahrer stieg aus, grinste breit übers Gesicht und schmiß meinen Koffer auf die Ladefläche. Ich stieg hinten ein, doch er wartete noch mit der Abfahrt. Aus dem Radio dröhnte ein Sprecher, ich schätzte, eine Religionssendung, denn „Allah“ verstand ich gleich mehrmals. Nach etwa fünf Minuten kam ein Soldat zum Auto, der gleich zwei Maschinengewehre bei sich trug. Stereoschutz ist immer gut. Es ging weiter mit der Reise.

War die Landebahn schon eine Holperpiste, ist die Zufahrtstrasse zum Flughafen nicht viel besser. Nach mehreren Kilometern kamen wir auf eine geteerte Landstrasse. Links und rechts ist nichts, nur Sand und Steine, eine unwirtliche Landschaft. An einer Stelle kam uns auf der Straße ein Jeep entgegen. Sowohl der Fahrer, wie auch der Soldat drehten sich zu mir um, „no problem, all ok“. Nett, sie wollten mich beruhigen, obwohl ich mir gar keine Gedanken machte. Der Soldat stieg aus und in den Jeep ein, in dem zwei weitere Soldaten saßen. Das Begleitfahrzeug durch die Stadt, das den Weg für uns hupend freimachte. Und Garoowe ist eine pulsierende, lebendige Metropole inmitten der kargen Gegend. „Welcome to Garoowe“, sagte der Fahrer und freute sich, als ich meinte, es sei schon das zweite Mal. Aber heimisch fühle ich mich hier nicht.

Der Hunger erreicht die Hauptstadt

Eine junge Mutter mit ihrem unterernährten Kleinkind in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Seit einem halben Jahr könne man es deutlich sehen, so die Chefärztin. Mehr und mehr Mütter bringen ihre unterernährten Kleinkinder in die Ambulanz MCH und in das italienische Kinderkrankenhaus, das einzige seiner Art in Somaliland. Jede Woche werden es mehr. Die Frauen machen sich von weither auf den Weg in die Hauptstadt, um hier Hilfe für ihre Kleinen zu finden. Mit dem nahrreichen Brei „Plumpy’Nut“ werden sie aufgepäppelt. Eine kurzzeitige Hilfe, denn die Gewichtszunahme bedeutet auch das Ende des Aufenthalts. Länger als nötig darf niemand bleiben, weitere kleine Patienten warten schon.

Gerade jetzt kommen viele Frauen mit ihren Kindern aus dem Ostteil der Republik, der besonders von der Dürre betroffen ist. Nachdem dort die Regenzeit im November ganz ausblieb, verschlimmerte sich die Situation dramatisch. Und auch jetzt warten die Menschen auf den dringend benötigten Niederschlag, der eigentlich schon da sein müsste. Doch am Himmel ist kein Zeichen von Regen zu erkennen.

„Vielleicht beten wir zu wenig. Vielleicht haben wir nicht genug den Armen gegeben“, wundern sich einige. „Allah wird uns helfen“, meint eine Mutter im Kinderkrankenhaus. Die Suche nach Gründen für die derzeitige Wasserknappheit, die in einer gewaltigen Hungerkatastrophe enden kann, ist umfassend. An der Universität von Hargeisa erkennt man die Ursachen für diese Katastrophe. Da ist sicherlich der zu niedrige Niederschlag in den letzten paar Jahren. Damit verbunden die Ausweitung der Wüste. Doch da ist auch die Übergrasung durch das Vieh, mangelndes Umweltbewußtsein, fehlende Wasserspeicheranlagen und noch einige weitere Gründe.

Die unabhängige Republik Somaliland kämpft derzeit ums Überleben. Die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen dieser Dürre sind noch nicht abzusehen. Millionen Ziegen, Rinder und Kamele sind schon verendet. Krankheiten könnten ausbrechen, die wirtschaftliche Situation von vielen Familien hat sich dramatisch verschlechtert. Der Hunger breitet sich schleichend und ohne Probleme aus. Mit den unterernährten Kindern hat die Hungerkatastrophe am horn von Afrika nun auch die Hauptstadt Hargeisa erreicht. Die Zukunft dieser Region ist ungewiss.

 

Die Zukunft heißt Solar, Mister Trump

Ich denke mal nicht, dass Donald Trump meinen Ratschlag will. Er hat ja eine Reihe von erfolgreichen Unternehmern um sich gesammelt, die ihn beraten. Darunter sind aber wohl nur wenige zukunftsorientierte Energiewissenschaftler und Geschäftsleute. Denn anscheinend erkennen die Trumpschen Jünger nicht die Zeichen der Zeit.

Die Pumpe für den neuen Wasserturm außerhalb von Dilla, Somaliland, wird mit Solarkraft betrieben.

Gestern schaute ich mir den Neubau eines Wassertanks an, der sauberes Grundwasser außerhalb von Dilla in Somaliland speichern soll. Die Pumpe, mit der das Grundwasser aus über 100 Metern Tiefe an die Oberfläche gebracht wird, ist solarbetrieben. Ein nachhaltiges Projekt von CARE, solche Bauprojekte werden nun vermehrt mit Solarenergie bestückt. Keine Ausnahme, denn im Herbst 2015 besuchte ich den Osten Somalilands. Auch dort gibt es CARE Wasserprojekte. Pumpen werden mit Solarkraft betrieben, die überschüssige Energiegewinnung hilft sogar den Dorfbewohnern ihre Handys aufzuladen und Strom in mehrere Geschäfte und Wohnhäuser zu bringen. Das sind ein paar Beispiele, wie effektiv und nachhaltig und vor allem preiswert die Sonnenenergie genutzt werden kann.

Die USA sind für eine umfassende Solarnutzung prädestiniert. Solarkraftwerke existieren bereits in Kalifornien und auch anderswo im Süden des Landes. Die Frage ist allerdings, wie lange noch? Denn wenn es nach Donald Trump geht, werden dem Energieministerium – genau, jenes Ministerium unter der Führung von Rick Perry, der als Kandidat noch sein eigenes Ministerium abschaffen wollte – noch in diesem Jahr 500 Millionen Dollar gestrichen. Und das im Bereich der Forschung für neue Energiequellen und -nutzung. Das sind 25 Prozent des gesamten Haushalts des „Office of Energy Efficiency and Renewable Energy“ (EERE), das Teil des „Departments of Energy“ ist. Für das Budget 2018 soll eine ganze Milliarde Dollar von EERE gestrichen werden.

Wissenschaftler sprechen davon, dass diese Kürzungen der Todesstoss für die Solarforschung in den USA sei. Doch Trump hört lieber anderen Leuten zu, wie jenen, die ihn an seine Wahlkampfversprechen erinnern. Trump kandidierte mit dem Versprechen die Kohleindustrie wieder anzukurbeln. Jobs, Jobs, Jobs für den Bergbau. Sinn macht das keinen, vor allem auch keinen finanziellen, aber das ist Trump egal. Neben der Kohlehuldigung streicht er auch so einige Umweltregularien, die sein Vorgänger Barack Obama der Industrie auferlegt hat. Das eingesparte Geld aus der Solarforschung soll jedoch nicht für neue Kohlegruben investiert, sondern weitgehendst für den Ausbau der Atomenergie in den USA eingeplant werden. Amerika hat unter Donald Trump einen energiepolitischen Irrweg mit weitreichenden Folgen eingeschlagen. Da kann man nur noch „Glück auf, Mister President“ wünschen.

Zuerst sterben die Tiere…

„Das bißchen Reis langte nicht für meine Kinder und die Tiere“, meinte die Frau außerhalb von Dilla. Um uns herum Dutzende von verendeten Ziegen, teils schon fast verwest, teils noch mit aufgedunsenen Bäuchen. Ein grausamer Anblick, der Gestank hängt in der Luft.

Dutzende von Tierkadavern an einer Stelle außerhalb von Dilla.

Vor einem Jahr lebten in dieser kleinen Gemeinde und die darum angesiedelten Dörfer 5000 Menschen. Dann schlug 2016 die Dürre im Osten Somalilands zu und viele von dort machten sich auf den langen Marsch in den Westen der Republik. Mehr als fünftausend Menschen siedelten sich im Gebiet von Dilla an. Sie waren Willkommen, das Wenige, was die Anwohner von Dilla hatten, teilten sie mit den Neuankömmlingen. Insgesamt waren nun auch etwa 25.000 Stück Vieh in und um Dilla. Doch das ist mehrere Monate her. 17.000 Ziegen und Rinder starben seitdem aufgrund der anhaltenden Trockenheit. Sie fanden kein Wasser und keine Nahrung mehr. Die Flüchtlinge und die Bewohner von Dilla verloren ihre Existenzgrundlage.

„Wir brauchen Hilfe. Jetzt!“, meinte der Vorsitzende des Dürre-Rates in dieser Region. „Was heißt jetzt?“, wollte ich wissen ohne damit eine philosophische Diskussion loszutreten. Der alte Mann verstand und sagte, die Regenzeit habe nun eigentlich begonnen. Wenn bis Ende April der Regen nicht kommt, sagt er, sterben hier die Menschen.

Doch zu der Dürre kommt nun auch noch die Seuchengefahr. Die vielen Tausend Kadaver verrotten, der wenige Niederschlag, der hin und wieder fällt, schwemmt alles in einen kleinen Tümpel, aus dem die Menschen ihr Wasser schöpfen. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Katastrophe unkontrollierbar wird. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.

CARE will nun vor Ort handeln. Die Bewohner sollen die vielen Tierleichen beseitigen, tiefer und damit sicher vergraben. Auch ein riesiger Wassertank wird gebaut, in den das Trinkwasser aus 100 Metern Tiefe fließen soll. Die Pumpe wird mit Solarzellen betrieben, was in dieser sonnigen Region finanziellen Sinn macht.

Man gibt nicht auf in Dilla. Weder der Bürgermeister, der von Hoffnung spricht. Noch der Vorsitzende des Dürre-Rates, der von der Gemeinsamkeit redet. Und auch die Frau aus dem Osten Somalilands, der von 500 Tieren nur 30 geblieben sind, sagt: „Es wird schon wieder….Insch’Allah, so Gott will“.

Gelandet und doch nicht angekommen

Im Landeanflug auf den Flughafen von Hargeisa, Somaliland. Die Landschaft weit, leer und sehr trocken.

Ich bin da und doch ist noch alles so weit weg. Der Anflug auf Hargeisa zeigte ein Land, das schon immer mit der Trockenheit zu kämpfen hatte. Viel Wasser gab es hier noch nie, doch die Menschen haben sich angepasst. Die aktuelle Situation bedeutet jedoch eine Krise, die nur sehr schwer zu fassen ist.

Gleich in vier Ländern haben die Vereinten Nationen einen „Famine“, eine Hungerkatastrophe ausgerufen. Betroffen sind geschätzte 20 Millionen Menschen. Das hat eine Dimension erreicht, die kaum noch zu kontrollieren ist. Allein diese Zahl sagt aus, dass viele Menschen sterben werden. Denn die koordinierten Hilfsmaßnahmen, die umgehend anlaufen müssten, bleiben aus. Die USA als wichtigster „Donor“ der UN ziehen sich zurück. In Europa, so scheint es, blickt man mehr auf die eigenen Probleme, die Flüchtlingskrise, der Brexit, anstehende Wahlen. Bereits im Februar hatten führende Politiker am Horn von Afrika auf die drohende Katastrophe hingewiesen und einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Viel ist nicht passiert. Bis Ende Juli müssten vier Milliarden Euro zusammen kommen, bislang sind es gerade mal zehn Prozent davon. Die Türkei, als eines der wenigen Länder, startete eine direkte Soforthilfe. Doch das langt einfach nicht aus. Die drohende Hungerkatastrophe in gleich mehreren afrikanischen Ländern und im Jemen darf nicht ausgesessen werden.

Zahlreiche internationale Hilfsorganisationen sind hier in Somaliland, Puntland und South-Central Somalia vor Ort, darunter auch CARE, die schon lange am Horn von Afrika aktiv und über lokale Organisationen sehr gut vernetzt sind. Das zahlt sich nun aus. In den kommenden Monaten sollen „1,6 Millionen Menschen mit Wasser, Lebensmitteln und Hygieneartikeln in den am stärksten betroffenen Regionen“ versorgt werden. Doch auch dafür wird viel Geld gebraucht. Ich wurde in den letzten Wochen und Tagen mehrfach gefragt, wohin man Geld spenden sollte, wenn man helfen möchte. Meine Antwort war und ist immer die gleiche, gerade weil ich seit ein paar Jahren mehrfach mit CARE unterwegs war, im Kongo, im Tschad, im Niger und eben mehrmals am Horn von Afrika, und so direkt die Arbeit dieser Hilfsorganisation vor Ort und ihre Projekte sehen konnte. Von daher hier der Link zu CARE Deutschland.

Dieses Ziel von CARE, 1,6 Millionen Menschen zu erreichen, zeigt allerdings auch, dass es nicht nur der Hunger ist, der hier tödlich zuschlägt. Die Wasserknappheit, die Dürre führt im vierten Jahr erneut zum Ausfall der Ernte. Doch auch das Vieh stirbt, aus Mangel an Nahrung und Wasser. Damit wird die Zukunft Hunderttausender Somalier mittel- und langfristig vernichtet. Hinzu kommt, dass die Menschen in den ländlichen Gegenden Wasser aus verseuchten Pfützen nutzen, Krankheiten breiten sich rasend schnell aus. CARE spricht von einem Kampf an mehreren Fronten und das in einem Land, dass in weiten Teilen im Chaos und im Terror versinkt.

Zu helfen ist schwer und dann auch wieder nicht. Zumindest müssen die, die hier vor Ort helfen wollen und können, die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Sofort- und Nothilfe umzusetzen. Eine Diskussion über den Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe loszutreten, wie mir dies ein Vertreter der sogenannten AfD aufs Auge drücken wollte, halte ich an diesem Punkt für mehr als zynisch. Es gibt Möglichkeiten zu helfen, nutzen wir sie.

Reise in die Katastrophe

Auf dem Weg zum Flughafen. Mit der Bahn nach Frankfurt, von dort weiter über Addis Abeba nach Hargeisa in Somaliland. Irgendwann morgen früh werde ich da sein, in der Republik, die es nicht geben darf. Somaliland wird nach wie vor international als Teil von Somalia gesehen, obwohl sich das einstige Britisch-Somaliland schon 1991, nach dem Sturz des Diktators Siad Barre von Rest-Somalia abgespalten und losgelöst hat. Doch niemand erkennt diesen friedlichen und boommenden Teil am Horn von Afrika an. Man wolle eine „Balkanisierung“ der Region verhindern, so das deutsche Außenministerium auf Anfrage.

Doch diese harte „diplomatische“ Haltung und die angespannte Sicherheitslage in Rest-Somalia machen es schwer in der aktuellen Situation. Am Horn von Afrika droht ein Hungerkatastrophe gewaltigen Ausmaßes. Sechs Millionen Menschen, so die Schätzungen der Vereinten Nationen, könnten alleine hier von der Dürre und der bevorstehenden Notsituation betroffen sein. Hunderttausende sind bereits auf der Flucht, um in anderen Teilen des Landes Hilfe, Nahrung und Wasser zu finden. Millionen Rinder, Kamele und Ziegen sind bereits verendet. Die Lage spitzt sich zu.

Doch Somalia und Somaliland sind nicht die einzigen Hungerkatastrophen. In Nord Nigeria, im Südsudan und im Jemen hungern die Menschen. Im Norden Kenias breitet sich die Dürre aus, in Äthiopien und Eritrea sieht es nicht besser aus. Die UN und Hilfsorganisationen sprechen bereits von der schlimmsten Hungerkrise in nahezu 70 Jahren. Insgesamt sind mehr als 20 Millionen Menschen betroffen. Und das zu einer Zeit, in der sich die USA unter Präsident Donald Trump aus ihrer internationalen Verantwortung zurückziehen. Trump kürzt die Budgets für das State Department und wichtige Hilfsprojekte und -programme in Übersee. Die Katastrophe gerät damit außer Kontrolle.

Meine Reise beginnt und endet in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands. Von dort wird es in ländliche Gegenden gehen, die besonders von der Dürre betroffen sind. Auch in der semi-autonomen Region Puntland, direkt am Horn von Afrika gelegen, werde ich unterwegs sein. Gespräche mit Betroffenen führen, Besuche bei Bauern, in Flüchtlingslagern, in Krankenhäusern. Interviews, das Tönesammeln und eine Unmenge an Eindrücken warten auf mich, die ich dann irgendwie zu Artikeln, Beiträgen und Features aufarbeiten muss. Eine Reise, die für mich Grenzen neu setzen wird.

Ich schalt‘ mein Radio an

Heute am 13. Februar ist der Welttag des Radios. Und der sollte beachtet werden, denn Radio ist nicht nur 30 Jahre Lokalfunk in Nürnberg, ist nicht nur die abstrakte Diskussion über Digitalisierung und trimediale Berichterstattung. Radio lebt und ist wichtiger denn je.

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Afrika ist der Kontinent des Radios. Das hat viele Gründe, einer der wohl wichtigsten ist, dass die Kosten in der Technologie und Produktion, aber auch die Kosten des Empfangs deutlich unter denen des Fernsehens und der Printmedien liegen. Hinzu kommt, dass die Verbreitung von Radiosendungen um ein vielfaches einfacher ist, als die Fernsehübertragung. Radiogeräte und seit ein paar Jahren “smart phones” mit der Möglichkeit Radioprogramme zu empfangen sind weit verbreitet. Was darüberhinaus in afrikanischen Ländern ausschlaggebend für die Beliebtheit des Radios ist, ein großer Teil der Bevölkerungen in zahlreichen Staaten kann weder lesen noch schreiben. Sie beziehen ihre Informationen und Nachrichten vor allem über den Hörfunk.

Während in Nordamerika und Europa seit Jahren vom Ende des Hörfunks gesprochen wird, boomt der Radiomarkt in Afrika. Seit den 90er Jahren kamen neben den Staatsrundfunkanstalten immer mehr Privatsender und auch Community Stationen hinzu. Darüberhinaus strahlen nach wie vor internationale Anbieter, wie die BBC, die Deutsche Welle oder auch Radio France International ihre Rundfunkprogramme in verschiedenen Sprachen aus. Radio ist zu einem “vertrauten und weit verbreiteten Medium in den Industrienationen geworden und zur gleichen Zeit hat es die entlegensten Regionen in den ärmsten Ländern der Welt erreicht.” (DFID – Department for International Development, UK)

Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, auf dem “Human Development Index” der Vereinten Nationen nimmt das Land regelmäßig den letzten Platz ein, die Fertilitätsrate von 6,89 (2014) ist die höchste weltweit, 74 % der Männer und 90 % der Frauen sind Analphabeten, die Kinderarbeit ist weit verbreitet. Die Probleme im Land bedingt durch den Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Desertifikation und die Terrorgefahr von außen wachsen stetig an.

Eierkartons an der Wand helfen gegen den Hall im Sendestudio.

Auf meiner jüngsten Reise in den Niger konnte ich auch wieder einen Sender im südlichen Teil des Landes besuchen. Community Stationen, offene Kanäle, Bürgerfunk und College Sender liegen mir seit jeher sehr am Herzen. Meine eigene Radiosendung “Radio Goethe” wird seit über 20 Jahren auf Dutzenden solcher Sender in sechs Ländern ausgestrahlt. Mein beruflicher Werdegang als Hörfunkjournalist begann beim nichtkommerziellen Sender “Radio Z” in Nürnberg.

NIYYA FM in Tchadoua ist eine Community Station, wie es sie viele im Niger gibt. Doch hier werden neben Musik, Nachrichten und Unterhaltungssendungen auch Gesundheitsprogramme ausgestrahlt. Das sind mal “Public Service Announcements” (PSA), kurze 1-2 minütige Spots zu verschiedensten Gesundheitsthemen, das sind Talk-Sendungen mit Fachleuten und Höreranrufen, das sind Beiträge und „Soap Operas“, in denen wichtige Themen aufgegriffen werden. Und die reichen von der Familienplanung über hygienische Standards im Haushalt bis hin zu Ernährungstipps und Behandlungsmethoden bei Erkrankungen. Der interessante Aspekt war und ist dabei, dass nicht eine NGO auf die Idee für diese Programminhalte gekommen ist, sondern vielmehr die Frauen im Sendegebiet an die Station herangetreten sind und darum gebeten haben.

Den Frauen ging es darum, wichtige Informationen für ihr alltägliches Leben zu erhalten, um diese umsetzen zu können. Unterstützt werden die Sender und die Programme von mehreren internationalen NGOs, wie CARE, in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfsorganisationen. Im Niger gibt es zahlreiche Community Stationen, die ähnliche Programme wie NIYYA ausstrahlen und die belegen, wie wichtig nach wie vor Radio ist. An diese Sender sollte man heute am Welttag des Radios denken. An jene Stationen, die mit wenig Mitteln sehr viel erreichen. Radio ist ein einfacher und direkter Weg Nachrichten und Informationen zu verbreiten.

Mit CARE nach Afrika

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

In der Vorweihnachtszeit wird viel gespendet. Es ist nicht einfach, die richtige Organisation zu finden, der man vertraut, bei der man weiß, die Spende – ob groß, ob klein – kommt auch an. Schon mehrmals war ich mit der Organisation CARE Deutschland in Afrika unterwegs. Es ging in den Kongo, in den Tschad, nach Somaliland und Puntland und schließlich vor kurzem in den Niger. Vor Ort konnte ich mich über die Arbeit von CARE informieren, selbst sehen, wie das gespendete Geld eingesetzt wird, wie die finanziellen Mittel in den verschiedensten Projekten ankommen, genutzt werden.

Das reicht von der Flüchtlings- und Nothilfe im Osten des Kongos und im Süden des Tschad, über Bildungs- und Fördermaßnahmen in Somaliland und Puntland, der Unterstützung von lokalen Organisationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung am Horn von Afrika bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten im vom Klimawandel betroffenen Niger und Gesundheitssendungen im dortigen Radio. Und das war und ist nicht alles, CARE ist breit aufgestellt in derzeit 90 Ländern.

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Auf den Reisen mit CARE lernte ich viel. Zu den Themen, über die Menschen, die Länder, die Kulturen. Aber auch über mich selbst. Vieles war nahegehend, was ich gesehen, was ich gehört habe. Oftmals war es eine Erdung für das eigene Leben. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind die vielen Projekte von CARE, wie sie angenommen und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht einfach so dahingesagt, die Hilfsorganisation hat selbst viel in den 70 Jahren ihrer Existenz dazu gelernt. Wurden am Anfang, 1946, Lebensmittelpakete aus Amerika in das zerstörte Europa geschickt, um so das Leid und die Not etwas zu lindern, merkte man schnell, dass da mehr gebraucht wird. Schon kurz nach den ersten Lebensmittelpaketen, verschickte man auch Saatgut-, Werkzeug-, Arzneimittel-Pakete – Hilfe zur Selbsthilfe.

Und heute ist dieser Ansatz in allen Bereichen der CARE Arbeit zu finden. Neben der Nothilfe geht es auch immer darum, den Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie mit etwas Unterstützung selbst erreichen können. In den kommenden Tagen berichte ich in einer dreiteiligen Serie in der Printausgabe der Nürnberger Zeitung über CARE, der Fokus liegt dabei auf meiner jüngsten Reise in den Süden des Niger.

Unterstützen kann man die Hilfsorganisation direkt mit einer Spende:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE93 3705 0198 0000 0440 40
BIC: COLSDE33
Stichwort: Afrika Nothilfe
www.care.de/spenden

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