Wohin mit all den Platten?

Die Frage stelle ich mir auch immer mal wieder: wer will eigentlich all die LPs, 45er und vor allem CDs haben, die sich bei mir über die Jahre angehäuft haben? Und ich bin kein exzentrischer Sammler, einfach nur jemand, der Musik mag und dazu noch zwei Sendungen moderiert und produziert (hat). Da kam einiges in den letzten 35 Jahren zusammen.

Chris Strachwitz gründete Arhoolie Records. Nun geht das gesamte Archiv an Smithsonian Folkways Recordings.

Chris Strachwitz gründete Arhoolie Records. Nun geht das gesamte Archiv an Smithsonian Folkways Recordings.

Für Chris Strachwitz sieht das alles noch einmal ganz anders aus. Er hatte 1960 Arhoolie Records gegründet, ein Label, auf dem man herausragende Aufnahmen aus den Bereichen Blues, Folk, Jazz, Country, Gospel, Cajun, Zydeco, Mexican American und Weltmusik finden kann. Im Laufe der Jahre sind bei Arhoolie Records 350 Veröffentlichungen erschienen. Der in Schlesien geborene Chris Strachwitz kam Ende der 40er Jahre in die USA. In einem Interview erzählte er mir einmal, dass er schon in den 50er Jahren begeistert mit seinem Wagen in die Südstaaten fuhr, um dort Musik zu hören. Mit Arhoolie kam dann noch dazu, dass er die Musik aufnahm, vor allem Musik der Schwarzen. In Bars, in Wohnzimmern, in Küchen, auf Terrassen. Strachwitz hatte schon früh erkannt, was da für ein unglaublicher musikalischer Schatz nur darauf wartet, aufgenommen zu werden. Und der große Blonde mit dem Lächeln wurde gerne in den Südstaaten gesehen, denn für ihn ging es um die Musik, nicht um Hautfarbe und die Politik jener Tage.

Chris Strachwitz ist nun 84 Jahre alt und sagte sich: „Da ich nicht der König Tutanchamun bin, kann ich auch nicht mein Arhoolie Baby mitnehmen.“ Er erinnerte sich an den Satz von Moses Asch, dem Gründer von Folkways Records, der ihm einmal sagte, „Chris, Du solltest mal daran denken, was Du mit all dem Kram machen willst, wenn Du abkratzt“. Asch stiftete seinerzeit seine umfassende Sammlung an das Smithsonian Institute und ließ damit Smithsonian Folkways entstehen. Und diesen Weg folgt nun auch Chris Strachwitz mit seinem Arhoolie Label. Einzige Bedingung, wie auch schon bei Moses Asch und der Übernahme von Folkways Records, Smithsonian Folkways wird alle Veröffentlichungen von Arhoolie Records weiterhin für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Dort freut man sich auf die neue Sammlung. Daniel Sheehy, Kurator und Direktor von Smithsonian Folkways Recordings, umschreibt denn auch die Aufnahmen von Arhoolie Records als „national treasure of recorded music“.

 

GI’s in Germany

A GI's Germany, Platte für die US Streitkräfte in Deutschland.

„A GI’s Germany“, LP für die US Streitkräfte in Deutschland in den frühen 60er Jahren.

Schon seit langem wollte ich mal wieder im Plattenladen von Arhoolie Records vorbeischauen. Der „Down Home Music Store“ liegt in El Cerrito, neben Berkeley, und ist im selben Gebäude, wie das von Chris Strachwitz gegründete Label, untergebracht. Gestern hatte ich Zeit und fuhr vorbei. Ein Plattenladen ganz nach meinem Geschmack. Weltmusik und Folk, Country und Jazz CDs. Und dann im Nebenzimmer Vinyl. Altes, sehr altes, obskures. Der Geruch im Raum ist einzigartig, schwer zu beschreiben für jemanden, der noch nie auf Plattenjagd war.

Und natürlich wird man hier fündig. Mich zog es zur Regalwand mit den internationalen Aufnahmen. Dort unter „Germany“ fand ich gleich ein paar Platten. „A GI’s Germany“ Vol.1 und Vol.2, zwei LPs, die Anfang der 60er Jahre von den amerikanischen Streitkräften herausgegeben wurden. Darauf Klänge aus Deutschland. Musik, Bierhallen, Kirchenglocken und auch militärische Sounds, wie vom Trainingsgelände in Grafenwöhr. Es ist eine Art Dokumentation für Neuankömmlinge, was auf sie in Deutschland wartet. Und dann auch ein klangreicher Rückblick für all jene Soldaten, die in der Bundesrepublik stationiert waren. Ein besonderer Hörgenuß, irgendwie vertraut und dann doch so schräg-seltsam-schön. Hier kann man beide Platten online hören.

100 Jahre deutsches Arbeiterlied

100 Jahre deutsches Arbeiterlied

Und dann fand ich auch noch eine 1973er Platte „100 Jahre Deutsches Arbeiterlied“, eine Dokumentation veröffentlicht auf dem DDR Label „Eterna“. Der Journalist und Sprecher Hans Jacobus erzählt, ganz im Stil und im Sinn der kommunistischen Führung in Ost-Berlin, die Geschichte des Arbeiterliedes. Viel Musik ist zu hören, Kampflieder, Anti-Faschismus Songs, Lieder des Proletariats, Solidaritätsgesänge. Diese Doppel-LP ist ein Zeitdokument in zweierlei Hinsicht. Das Thema Arbeiterlied und dann auch die kommentierte DDR Veröffentlichung.

Und all sowas findet man in den USA, in Kalifornien, in El Cerrito. Es ist immer wieder erstaunlich, was man hier in die Hände bekommt. Und an Buch- und Plattenläden kann ich einfach nicht vorbei gehen. Wie könnte ich auch, bei solchen Schätzen.

Dokumentarfilm über einen Schlesier

Chris Strachwitz ist „one of a kind“. Der schlesische Einwanderer hat wohl mehr für die amerikanische Roots Musik getan, als viele seiner Zeitgenossen. Strachwitz reiste in den frühen 60er Jahren in den US amerikanischen Süden, zu einer Zeit, als die Bürgerrechtsbewegung an Fahrt aufnahm und Schwarze offen gegen Diskriminierung und brutale Segregation auf die Straße gingen. Ihn hielt nichts zurück, Chris Strachwitz suchte die Bars und Tanzlokale der Afro-Amerikaner auf, um genau dort deren Musik live aufzunehmen. „The crazy German“ wollte einfach dabei sein, aufnehmen, genießen. Angst kannte er keine.

Chris Strachwitz hat Musiker und Musik aufgezeichnet, die ohne seinen Einsatz heute längst vergessen wären. Sein im kalifornischen El Cerrito beheimatetes „Arhoolie Label“ ist eine Schatztruhe der amerikanischen Roots Musik. Blues, Country, Gospel, Cajun, Zydeco, Tejano, seine Liebe zur Musik trieb ihn an. Ein Aufnahmestudio wollte er nie haben, er nahm die Musiker da auf, wo sie spielten. In verrauchten Clubs, in Tanzhallen, auf Straßenfesten, in Küchen und auf Veranden.

Die Filmemacher Maureen Gosling und Chris Simon sind derzeit an der Produktion einer Dokumentation über das Schaffen des im niederschlesichen Groß Reichenau geborenen Immigranten. Der Arbeitstitel lautet „No Mouse Music“. Und dazu suchen sie noch über Kickstarter finanzielle Unterstützer. Die ersten Ausschnitte dieses Filmes versprechen eine beeindruckende Dokumentation über diesen Ausnahme Audiosammler zu werden.

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Deutscher Grammy Sieger

Chris Strachwitz wurde in Schlesien geboren und kam nach dem Weltkrieg in die USA. Dort im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten fand er seine Faszination für den Blues. In den 50er Jahren fing er damit an, vor allem schwarze Musiker aufzunehmen. Strachwitz reiste immer wieder unter erschwerten Bedingungen in den Süden der USA, um dort „seine“ Musik live einspielen zu lassen. In Clubs genauso wie in Wohnzimmern und Küchen. Das alles zu einer Zeit, als in den Südstaaten der USA die Bürgerrechtsbewegung tobte. Doch die Unruhen und Auseinandersetzungen hielten ihn nicht ab, ganz selbstverständlich fuhr der blonde „German“ durch die Gegend und in abgelegene Dörfer, um seine „Field Recordings“ zu bekommen und wurde dabei immer mit offenen Armen empfangen. Gerade weil er keinen Unterschied zwischen den Hautfarben machte und Musik ihn mit den Musikern verband.

Chris Strachwitz hat diese Aufnahmen auf seinem eigenen Label „Arhoolie Records“ herausgebracht. Noch heute ist er aktiv. „Arhoolie Records“ steht für diese frühen „Field Recordings“, für den Blues, für Cajun Musik, für Country und Folk, für einen Mann, der seine Leidenschaft und seine Liebe zur Musik zu seinem Lebensinhalt machte. Chris Strachwitz hat mit seinen „Recordings“ wichtige Tondokumente geschaffen, Stimmen, Musiker, Lieder wurden so für spätere Generationen bewahrt. Vor ein paar Jahren traf ich ihn für ein Interview, den Artikel dazu kann man hier nachlesen. In den 60er Jahren nahm Strachwitz in seiner Wahlheimat Berkeley all jene Musiker auf, die später die Hippie und Flower Power Bewegung beeinflussten.

Bei der Grammy Verleihung in Los Angeles erhielt nun die Arhoolie-Box „Hear Me Howling!: Blues, Ballads & Beyond As Recorded By The San Francisco Bay By Chris Strachwitz In The 1960s“ einen Grammy. Ein fantastisches und historisch wertvolles Album, das nicht nur die einzigartige Arbeit von Chris Strachwitz widerspiegelt, sondern auch die musikalische Energie der Zeit. Gratulation für diese Auszeichnung an Arhoolie und Chris Strachwitz!