Die Kirche und der Rassismus in den USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein tief gespaltenes Land. Das ist es schon lange, aber unter Donald Trump wurde der Graben noch tiefer ausgehoben. Interessant ist, dass ein Großteil der Evangelikalen, der fundamentalistischen Christen in den USA, genau diesen Präsidenten unterstützt, der auf den ersten Blick eigentlich so gar nicht zu ihnen passt.

Robert P. Jones ist Gründer des “Public Religion Research Instituts”, einer gemeinnützigen Organisation, die das Zusammen- und Wechselspiel zwischen Politik und Religion in den USA erforscht. Und er hat kürzlich ein Buch mit dem Titel “White too long – The legacy of white supremacy in American Christianity” veröffentlicht, in dem er der Frage nachgeht, wie sehr der systemische Rassimus in den USA im amerikanischen Christentum verwurzelt ist. Er selbst wuchs in Mississippi auf besuchte eine Schule und ein christliches College der Baptisten, war von all dem stark beeinflusst in seiner Glaubenseinstellung, nahm es einfach hin, wie eine überwiegend weiße, fundamentalistisch-christliche Gemeinschaft die amerikanische Geschichte schrieb.

Vor fünf Jahren dann, als mit Donald Trump ein republikanischer Kandidat antrat, der sich mit seinem Ruf “Make America Great Again” genau an diese weiße, christliche Wählerbasis wandte, war für Jones klar, er will ein Buch über genau dieses Thema schreiben, die Verwicklung der christlichen Kirche in den USA mit dem Rassismus. „Es war dieses völlige Schweigen der Kichen, in denen ich war. Ich habe nichts, absolut gar nichts von Gleichberechtigung oder über Bürgerrechte gehört. Ich kann mich an keine Predigt darüber, an keinen Unterricht zu dem Thema in der Sonntagsschule erinnern, als ich in den 1970er Jahren aufwuchs. Sowieso kamen erst damals die ersten afro-amerikanichen Kinder in unsere Klassen. Denn der Staat Mississippi hatte fast zwei Jahrzehnte nach dem Urteil “Brown versus Board of Education” von 1954 gewartet, mit dem die Rassentrennung in den amerikanischen Schulen aufgehoben war. Aber in meiner öffentlichen Schule in Mississippi hat diese Integration erst in den 1970er Jahren stattgefunden.“

Robert Jones Buch “White too long” ist mehr als eine persönliche Erzählung. Der studierte Theologe reichert seine Erfahrungen mit Fakten aus der langen Geschichte der Baptisten und anderer christlicher Religionsgemeinschaften an, die in den Gründerzeiten durchaus argumentierten, dass gläubige Christen durchaus das Recht auf den Besitz von Sklaven hätten. Wer von der amerikanischen Geschichte spricht, so Jones, muss auch davon berichten, dass der Rassismus in den USA vor allem auch durch “White Evangelicals”, weiße Evangelikale gefördert wurde. “ Es wurde die weiße Vorherrschaft als göttlichen Plan für die Menschheit argumentiert. Das zieht sich hier sehr tief und sehr explizit durch die amerikanische Geschichte.“

Jones schildert, wie Martin Luther King die Hoffnung hatte, dass sich weiße, wohlwollende Christen auf die richtige Seite der Geschichte stellen würden. Doch er wurde tief enttäuscht und fragte in seinem Brief aus dem Gefängnis in Birmingham, warum sie nicht für Gleichberechtigung eintraten. Wer seien diese Leute, diese weißen Christen, die sicher und wie betäubt hinter ihren bunten Kirchenfenstern säßen?

Die Vereinigten Staaten durchleben derzeit im hitzigen Präsidentschaftswahlkampf eine tiefe und breite Debatte über den systemischen Rassismus. Dabei geht es nicht nur um Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner, es geht auch darum, wie eine über Jahrzehnte gezielte und zum Teil staatlich geförderte Benachteiligung von Schwarzen bis heute Auswirkungen hat. Allen voran das “Red Lining”, die zwischen den 1930er bis in die 1970er Jahre praktizierte Ausgrenzung von Schwarzen aus weißen Nachbarschaften, die auch zur Folge hatte, dass afro-amerikanische “Communities” gezielt benachteiligt wurden, mit Folgen bis heute. Die hohen Covid-19 Raten dieser Tage gerade in den “black and brown” Nachbarschaften in den USA, zeigt auch auf, dass es lange Zeit jene Segregation in der amerikanischen Gesellschaft gab. Diese Rassentrennung in den USA wurde noch bis in die frühen 70er Jahre in Kirchenkreisen gutgeheißen. „Da waren Priester, die erklärten, dass der Zuzug von Afro-Amerikanern nicht nur die Grundstückspreise stark beeinflussen würde, aber auch ganz offen rassistisch meinten, dass das auch eine Gefahr für unsere weißen Mädchen sein würde. Dass alleine Schwarze in der Nachbarschaft eine Gefahr für junge, weiße Mädchen seien.“

Donald Trump spricht ganz offen davon, die “Suburbs” zu schützen, die eigentlich ein Synonym für die weißen, christlichen Nachbarschaften in den Vorstädten sind. Der Präsident schürt damit genau dieses Trugbild, das gerade in den Südstaaten und bei evangelikalen Christen noch heute einen besonderen Stellenwert hat. “Suburbia” steht für Ordnung, für Sicherheit, für das weiße Amerika. „Und Trump weist immer wieder auf die Frauen in den Vorstädten hin, er betont das. Das ist rassistisch, das kann man gar nicht anders beschreiben“, erklärt Robert Jones. In einem Tweet erklärte er sogar, dass der afro-amerikanische, demokratische Senator Cory Booker für die Umwandlung der Vorstädte verantwortlich sei. Offener geht es nicht!

Robert Jones’ Buch über die Wurzeln und tiefe Verbindung des systemischen Rassimus mit dem amerikanischem Christentum ist eine gerade in diesen Tagen mehr als lesenswerte Aufarbeitung über die Gründe und die Dimension einer sehr aktuellen Debatte in den USA. Erschienen ist “White too long” im Verlag “Simon & Schuster”.

Es geht mal wieder um Abtreibung

Eine verkorkste Reaktion auf die Pandemie interessiert nicht. Ein brutal durchgeführter Photoshoot mit einer verkehrt herum gehaltenen Bibel vor einer Kirche, auch das interessiert nicht. Tausende von Lügen, Falschaussagen, Beschimpfungen und Verunglimpfungen, das wird ihm nachgesehen. Seine persönlichen Fehler und Fehltritte über Jahrzehnte, kann man übersehen. Was zählt ist seine Haltung zur Abtreibung.

Die Wahl ist auch wieder für oder gegen Abtreibung. Foto: Reuters.

Die christlich-evangelikale Basis im Land macht mobil. 2016 stimmten 85 Prozent der Fundamentalisten für Donald Trump. Das soll auch 2020 so sein und nun haben sie einen Schlachtruf erhalten. Das Verfassungsgericht stimmte heute mit einer 5:4 Mehrheit gegen die strengen Abtreibungsgesetze in Louisiana. Zuvor hatte die Christliche Rechte noch den ersten „abtreibungsfreien Bundesstaat“ gefeiert. In dem Gesetz hieß es, ein Arzt, der eine Abtreibung in einer entsprechenden Klinik durchführt, müsse auch an einem Krankenhaus in einem Umkreis von 30 Meilen als Arzt eingeschrieben und tätig sein. Dagegen klagten Befürworter von Abtreibungen und sie bekamen nun recht.

Doch die Evangelikalen im Land schauten ganz genau hin und sahen, dass die beiden Verfassungsrichter, die Donald Trump eingesetzt hat, Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh, für das Louisisana Gesetz gestimmt hatten, also ganz auf ihrem Kurs waren. Damit ist klar, dass sie nun die eigenen Reihen mobilisieren wollen, denn Abtreibung ist das Thema, was sie beschäftigt. Corona, systemischer Rassismus, Klimawandel, Umweltzerstörung, Korruption, Aufrüstung,… all das fällt in der Entscheidung der Evangelikalen in den USA nicht weiter ins Gewicht. Für sie steht fest, Donald Trump setzt Richter ein, die gegen Abtreibung stimmen werden. Das große Ziel ist es, das Recht auf Abtreibung in den USA, das seit 1973 nach einem Verfassungsgerichtsurteil – Roe vs. Wade – gilt, auszuhebeln. Dafür wird alles in Kauf genommen, eben auch ein Präsident, der eigentlich nicht gerade so sehr für die christlichen Werte steht, die gerne von Fundamentalisten propagiert werden.

Aber es gibt auch eine Gegenbewegung innerhalb der christlichen Gemeinde in den USA. Die ist laut und stark und organisiert derzeit alles, um die Abwahl von Donald Trump zu ermöglichen. Amerika im Kulturkrieg, im Religionskrieg, im Krieg der Auslegung von Verfassung und Bibel.

Hoffnung in einer Krisenregion

Der Niger liegt in einer Krisenregion. Allein der Blick auf die Landkarte zeigt, wie fragil die Lage ist. Im Norden Libyen, im Osten Mali, im Süden Nigeria, im Osten der Tschad. Und an all diesen Grenzen gibt es Konflikte mit Terrororganisationen, die immer wieder Vorstösse in das Land wagen. Die Situation hat auch dazu geführt, dass meine Reise aus Sicherheitsgründen sehr beschränkt werden musste. In die Regionen Diffa, Zinder, Agadez und weite Teile von Tahoua und Tillabéri konnten wir nicht reisen.

Ein Dorf im Süden des Niger.

Ein Dorf im Süden des Niger.

Die meisten Journalisten, die in den Niger kommen, zieht es in die Grenz-, in die Problemregionen des Landes. Auch ich wollte dahin. Doch das ging nicht. Ein Distrikt nach dem anderen wurde vom CARE Büro als nicht sicher eingestuft. Und dann wurde kurz vor unserem Abflug nach Niamey auch noch ein amerikanischer Entwicklungshelfer entführt und nach Mali gebracht. Die Alarmglocken schrillten bei allen NGOs auf. Es ging „lediglich“ in die Region Maradi, doch wie sie sich im Rückblick herausstellte, war das sogar gut so.

Maradi hieß also unser Ziel. Die gleichnamige Stadt liegt fast neun Autostunden von Niamey entfernt, eine lange Reise durch den Süden des Landes. Ein erster Eindruck von der Landschaft, der Infrastruktur, den Menschen in den vielen, vielen Dörfern durch die wir fuhren. Dort angekommen besuchten wir Projekte zur Anpassung an den Klimawandel, sprachen wir vor Ort mit Kleinspargruppen und Bauern, sahen Zentren für unterernährte Kinder, redeten mit Müttern, die lernen, wie sie ihre Kinder unter diesen erschwerten Bedingungen aus Armut und veränderter Landwirtschaft nahrungsreich ernähren können.

Pastor Benjamin (2.v.l.) und einige der religiösen Führer in Maradi.

Pastor Benjamin (2.v.l.) und einige der religiösen Führer in Maradi.

An einem Abend trafen wir auch eine Gruppe aus muslimischen und christlichen Führern. Ein kleiner Raum, schwach beleuchtet, ein großer Tisch, kahle Wände. Und dann erzählten sie von ihrem Dialog zwischen den Religionen, der hier zur Entspannung führte. Es ist ein Projekt, angestoßen von CARE, finanziell unterstützt durch die Europäische Union. An diesem Abend berichete vor allem Pastor Benjamin, ein Protestant, der ursprünglich aus Nigeria stammt. Sein Lachen erfüllte immer wieder den Raum. Er erzählte von den anfänglichen Schwierigkeiten, dem Mißtrauen, der Angst davor, das die einen die anderen konvertieren wollten. Doch als man die ersten vorsichtigen Schritte hinter sich gebracht hatte, blühte dieser Dialog auf. Überall im Niger reden heute Christen und Muslime miteinander, treffen sich regelmäßig und predigen das friedvolle Miteinander in ihren Gotteshäusern.

Ein paar Abende später sind wir kurz vor unserer Ausgangssperre nochmals unterwegs. In einer dunklen Seitenstraße sitzt ein gutes Dutzend Jugendlicher auf dem Boden, zwei Christen, der Rest Muslime. Auch das ist Teil dieses ganz offiziellen Dialogs im Land. Die jungen Männer kennen sich aus der Nachbarschaft und dennoch trifft man sich nun in diesem Rahmen, um über den Glauben, die Unterschiede und auch das zu reden, was sie alle verbindet. Der Wunsch nach Frieden wird immer wieder erwähnt. „Wir sind alle Nigrer“, meint eine Stimme aus dem Dunklen. „Das verbindet uns“.

Dieses Friedensprojekt macht Sinn. Und nicht nur das, es wird angenommen. In einem Land, in dem es nur verschwindend wenige Christen gibt, sie so gut wie kaum im öffentlichen Leben wahrgenommen werden, ist dieser Dialog umso wichtiger. Denn es gibt auch hier Scharfmacher, radikale islamische Prediger, die gegen Christen hetzen. Pastor Benjamin erzählt, dass er einen von ihnen einmal zu Hause aufsuchte, nachdem der in einer Radiosendung davon sprach, dass sich die Christen im Land bewaffneten. „Ich kenne den Koran und wir sprachen über den Glauben und über das, was er da gesagt hatte. Er nahm das in seiner nächsten Sendung zurück. Heute sind wir Freunde“, sagt der Pastor mit seiner tiefen Stimme. Und er lacht wieder laut auf.

Ein Hass Prediger fährt zur Hölle

„Gott hasst Schwule“. „Gott hasst Dich“. „Danke Gott für tote Soldaten“. Sprüche, mit denen die Westboro Baptist Church an Beerdigungen von gefallenen US Soldaten protestierte. Eine Handvoll Verblendeter war immer zugegen, wenn Trauerfeiern anstanden. Weit über 50.000 wurden so über die Jahrzehnte gestört. Nichts half, sogar eine breite Diskussion über Meinungsfreiheit wurde wegen dieser Aktionen in den USA geführt. 2011 bestätigte das US Verfassungsgericht das Grundrecht auf Meinungsfreiheit für die radikalen Christen.

Nun ist Fred Phelps, der Gründer der Westboro Baptist Church, im Alter von 84 Jahren gestorben. Er gründete seine Kirche 1955 und machte sie zur Speerspitze einer Hassbewegung. Alles Übel in den USA, ob Krieg, Gewalt, Drogenmißbrauch, Wirtschaftskrise, führte er auf die liberale Haltung zurück. Schwule, Abtreibung, offene Partnerschaften seien für alles im Angesicht Gottes verantwortlich. Seine Kirche war seine Familie, Phelps hatte 13 Kinder. Und er wusste zu provozieren.

Sein Begräbnis wird nun allerdings keine Proteste hervorrufen. Auch wenn viele in den USA sagen, „Thank god, he’s dead“. Seine Familie kündigte an, keine Trauerfeier durchzuführen. „Wir verehren nicht die Toten“, meinte seine Tochter Shirley Phelps-Roper. Doch auch mit dem Ableben des Hasspredigers werden die Proteste weiter gehen, das kündigte der Familienrat bereits an.

YouTube Preview Image

„Gott hasst Amerika und Schwule“

Meinungsfreiheit in Amerika ist wirklich die Freiheit auf Meinungsäußerung des Andersdenkenden. Der Oberste Gerichshof in den USA hat nun entschieden, dass eine radikale Mini-Kirche aus Kansas das gute Recht hat, vor und während Beerdigungen von US Soldaten zu protestieren und lautstark und provokant zu erklären “Gott hasst Amerika”, “Dankt Gott für IEDs” (Improvised Explosive Device), “Gott bestraft das schwule Amerika”.

Acht der neun Verfassungsrichter schlugen sich auf die Seite der Christengruppe, die immer wieder zu Beerdigungen von GIs zieht, um dort ihre Verbalattacken gegen Angehörige im speziellen und die amerikanische Gesellschaft im gesamten loszuwerden.

Die Richter in Washington meinten, auch und gerade wenn man nicht mit der Kirche übereinstimmt, müsse doch das Recht auf freie Meinungsäußerung vor dem Recht der Familie auf eine ungestörte Trauerfeier stehen.
Geklagt hatte der Vater des im Irak getöteten Soldaten Matthew Snyder. Albert Snyder ging durch alle Instanzen für das Recht, seinen gefallenen Sohn in Frieden beerdigen zu dürfen. Anfangs war das Recht noch auf seiner Seite. Die Mini-Gemeinde von Prediger Fred Phelps ging jedoch immer wieder aufs neue in Berufung. Und nun mit dem Spruch der Verfassungsrichter ist das Ende des Prozesses erreicht. Snyder muß wahrscheinlich der radikalen Kirche sogar 100.000 Dollar Anwaltskosten überweisen.

In einer Stellungnahme erklärte Snyder: “Mein erster Gedanke war, acht Richter haben nicht den gesunden Verstand, den Gott sogar einer Ziege gab. Heute haben wir erfahren müssen, dass wir in diesem Land nicht länger unsere Verstorbenen mit Respekt beerdigen können”.